Kinderlachen - Folge 033 - Barbara Clemens - E-Book

Kinderlachen - Folge 033 E-Book

Barbara Clemens

0,0
1,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Es ist Freitagabend, als Dorothea den kleinen weinenden Jungen neben der Mülltonne entdeckt - schmutzig, ausgemergelt und total durchgefroren. Heiße Tränen rinnen unentwegt über die blassen Wangen, aber niemand ist da, der das Kind tröstet und wärmt.

"Kleiner Mann, du erfrierst ja noch!" Behutsam tastet die junge Frau nach den eiskalten Kinderhändchen. "Was machst du denn hier so allein? Wo ist deine Mami?"

Schweigen. Doch das starre Gesicht des kleinen Jungen sagt viel mehr, als Worte ausdrücken könnten: Es gibt keine Mami, es gibt niemanden, der mich liebhat ...

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 105

Veröffentlichungsjahr: 2017

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Inhalt

Cover

Impressum

Kein Platz für Bastian

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2017 by Bastei Lübbe AG, Köln

Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: iStockphoto / Kosamtu

Datenkonvertierung E-Book: Blickpunkt Werbe- und Verlagsgesellschaft mbH, Satzstudio Potsdam

ISBN 978-3-7325-4609-1

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Kein Platz für Bastian

Wenn ein kleiner Junge vor Einsamkeit weint

Von Barbara Clemens

Es ist Freitagabend, als Dorothea den kleinen weinenden Jungen neben der Mülltonne entdeckt – schmutzig, ausgemergelt und total durchgefroren. Heiße Tränen rinnen unentwegt über die blassen Wangen, aber niemand ist da, der das Kind tröstet und wärmt.

»Kleiner Mann, du erfrierst ja noch!« Behutsam tastet die junge Frau nach den eiskalten Kinderhändchen. »Was machst du denn hier so allein? Wo ist deine Mami?«

Schweigen. Doch das starre Gesicht des kleinen Jungen sagt viel mehr, als Worte ausdrücken könnten: Es gibt keine Mami, es gibt niemanden, der mich liebhat …

Nur beim Erwachen, frühmorgens zwischen sechs und halb sieben, da fehlte Philipp ihr manchmal ein wenig, genau dann, wenn Dorothea noch seufzte und blinzelte und den neuen Tag absolut nicht annehmen wollte.

Ganz automatisch griff sie auch an diesem Freitag Ende Februar auf die andere Seite des französischen Bettes, ertastete einen Zipfel des Kopfkissens und wunderte sich, dass es sich nicht kuschelig, zerknittert und schlafwarm anfühlte, sondern kühl, glatt und unbenutzt.

»Hey, wach auf, Phil!«, wollte sie murmeln.

Doch in diesem Augenblick fiel es ihr ein: Philipp Petermann schlief nicht mehr links von ihr; er hatte sich auch nicht auf ihre angestammte Bettseite geschmuggelt oder krümelte sich wie ein verirrter junger Waschbär am Fußende zusammen.

Nein, Philipp war fort. Sie hatten sich getrennt.

Eine Katastrophe war das allerdings keinesfalls, denn Dorothea hatte diese Trennung gewünscht, vielleicht sogar herbeigesehnt, und war jetzt durchaus bereit, die wenigen klitzekleinen Nachteile einer zerbrochenen Liebe tapfer zu tragen.

»Oh Mann!«, brummelte sie deshalb, gähnte laut, streckte sich und führte wie immer gedankliche Zwiesprache mit dem spießigsten aller spießigen jungen Männer.

»Begreif doch, Phil, das ist nichts für mich: Heiraten, Kinderkriegen, Häuschen bauen. Ich krieg Beklemmungen, wenn ich nur daran denke! So eine kleine, überschaubare Welt mag für dich und viele andere genau das Richtige sein. Aber für mich …?«

Er antwortete nicht, natürlich nicht. Philipp lebte seit sieben Wochen, drei Tagen und genau neunzehn Stunden in einer unmöglichen Behausung über einer Autowerkstatt, und wahrscheinlich beflügelte der Geruch von Schmieröl und Benzin seine althergebrachten Ansichten.

Na ja. Okay. Gut so.

Dorothea gähnte noch einmal, sprang aus dem Bett, öffnete das Schlafzimmerfenster und betrachtete die stille, von einer dünnen Schneedecke bedeckte Innenstadtstraße. Dortmund war nicht Paris, schon gar nicht New York. Dortmund war Ruhrpott, und wer dem rußigen Charme nichts abgewinnen konnte, der sollte besser fortgehen.

Doro gefiel es hier, auch, wenn sie manchmal von einer Insel im Pazifik träumte, auf der es nichts gab außer Palmen und heißem Wind, einer Bambushütte und attraktiven Eingeborenen, die nie an goldene Eheringe dachten.

Andererseits: Ob das etwas für sie war … im Bananenröckchen Hula-Hula zu tanzen? Wahrscheinlich nicht. Sie gehörte hierher wie die Ruhrkohle, wie westfälischer Schinken und das Altbier, das in den kleinen Eckkneipen Dortmunds so billig war wie nirgendwo sonst auf der Welt.

Sie duschte heiß, sie duschte kalt, gurgelte und stöhnte dabei. Das geräumige Bad ihrer großen Dreizimmerwohnung, einst von Tante Hedwig samt Inventar geerbt, glich mit seinen flammend rot lackierten Wänden, den altmodischen, aber immerhin vergoldeten Armaturen und einer abenteuerlich-kitschigen Kuckucksuhr eher einem Raritätenkabinett.

Wer aalte sich heutzutage denn schon noch in einer Doppelwanne aus der Jahrhundertwende, die auf goldenen Klauenfüßen stand … und sah dabei über Palmen hinweg auf eine Reihe Ahnen in geputzten Goldrahmen, die sich durch strenge Gesichter, düstere Kleidung und Missmut in den Mundwinkeln auszeichneten? Niemand. Oder?

Wer schlief schon in einem Bett mit überdimensionalem Haupt aus Ebenholz, das allerdings von einer Malwütigen irgendwann violett und pink angepinselt worden war? Und wer besaß anstatt »vernünftiger« Sessel bloß lauter Chaiselongues und ein Recamier, auf dem Marie-Antoinette einst ihre zerbrechliche Taille gebettet hatte?

Niemand außer ihr. Nur Dorothea Christine Arabella, kurz Doro genannt, stammte aus einer Familie sammelwütiger Verrückter, die ihren Lieben eher trocken Brot vorgesetzt hatten, als auf eine Spieluhr zu verzichten. Leider hatten die von Kleinitz bis zur Zeit der Französischen Revolution auch Kinder gesammelt, kleine Tunichtgute und große Trunkenbolde, die dem Familienwappen Schande bereiteten. Später zog es sie in missionarischem Eifer zu den Papuas nach New Guinea. Die Babys tröpfelten nur noch und blieben schließlich ganz aus.

Doro seufzte, wie immer, wenn sie an ihre sonderbaren Urväter dachte, die entweder streng und hölzern oder bigott gewesen waren oder schräge Galgenvögel.

Sie war die Letzte der von Kleinitz’ … und würde es auch bleiben. Die Familientradition befahl ihr, all die herrlichen Geschichten von anno dazumal weiterzuerzählen. Bei Partys machten sich solche Geschichten einfach wunderbar, und sie hätte Philipp Petermann sicher nicht so schnell bezaubert ohne die Anekdoten von Stanislaus, ihrem Urgroßvater.

Wieso fiel ihr Phil eigentlich schon wieder ein?

Die Kaffeemaschine in der altmodischen Küche gurgelte, und Frau Messner, die vierundachtzigjährige Lehrerin in der Wohnung über ihr, intonierte bereits zum fünften Male ein Sonett auf ihrem Klavier.

Doros Terminkalender für den heutigen Tag wies zwölf Termine auf, am Wochenende würden es weitaus mehr sein. Zwölf Interviews also – das hörte sich großartig an. Leute, die Dorothea nicht kannten, hätten jetzt vielleicht gedacht, sie wäre eine erfolgreiche Journalistin – ein Beruf, mit dem Doro durchaus liebäugelte. In Wirklichkeit war sie eine … nicht besonders ehrgeizige Sekretärin, nahm gerade ihren aufgesparten Urlaub vor dem nächsten, weitaus interessanteren Job und finite die drei Wochen, indem sie für ein Marktforschungsinstitut Befragungen anstellte.

Diesmal war der Auftraggeber die Stadt Dortmund höchstpersönlich, aber das verriet Doro ihren Interviewpartnern meist gar nicht, denn die Leute waren im Moment ohnehin zornig auf alle Politiker. Besser, man verdarb es sich nicht mit Leuten, die deutliche Aggressionen zeigten, sonst war das ohnehin jämmerliche Honorar noch ganz futsch.

Die EUTEBA hatte Doro begeistert für diesen Nebenjob eingestellt.

»Eine bildhübsche junge Person«, hatte der Chef des Marktforschungsinstitutes hinter vorgehaltener Hand zu seinem Mitarbeiter gesagt. Und: »Glauben Sie, dass ihr Blond echt ist?«

Es war echt. Doros lange Wuschelmähne brauchte keinen Friseur. War die gerade Einunddreißigjährige schlecht gelaunt, säbelte sie es mit der Nagelschere selbst ab. Ansonsten durfte es wachsen, wie es wollte … und genau das stand ihr gut.

Das ovale, fast zu schmale Gesicht, die funkelnden, fast zu groß wirkenden blaugrünen Augen, der Mund, der immerzu lachte und sich gern über andere lustig machte, die Figur, die zart wirkte, aber durchaus Formen aufwies – doch, Dorothea war recht zufrieden mit sich.

»Klasse Zeugnisse«, hatte der EUTEBA-Chef vor sich hingemurmelt. »Wollen Sie Ihre Fähigkeiten nicht ganz in die Dienste unseres Institutes stellen?«

Nein, danke! Bei knapp fünfundzwanzig Euro Honorar pro Interview müsste Doro auf ihr Traumauto, ihre Traumuhr und ihre Traumreise ja hundert Jahre warten. Sie wollte aber nicht warten!

Ihr schmaler Kleiderschrank barg nicht allzu viele Möglichkeiten, zwei Kleider, ein Hosenanzug, zwei schicke Mäntel und ansonsten all die überweiten, formlosen, bunten Sachen, in denen sie es sich gern gemütlich machte. Ein Glas Wein dazu, Klassik oder Popmusik und eine Zeitschrift, die ihre Träume wachhielt -genau das brauchte sie. Nicht mehr, aber auch keinesfalls weniger.

Es war sieben Uhr. Doro schlüpfte in den molligen Wintermantel. »Dein Fiffi«, nannte Phil ihn.

Wieso eigentlich Phil? Es war schon komisch, dass ihr der junge Gymnasiallehrer – Erdkunde, Geschichte, Deutsch … brrr – immer wieder einfiel. Philipp war ein modischer Niemand, und seine Träume richteten sich auf einen Sieg seines Lieblingsvereins in der Bundesliga. Ansonsten war er mit vier Tagen Camping im Harz durchaus zufrieden.

»Aus ihm wird nie etwas«, brummte Doro.

Sie malte sich im Vorübergehen noch einen Kirschmund, spitzte die Lippen, machte ein schmatzendes Geräusch und schnappte ihren Aktenkoffer mit all den Formularen.

»Was ist Ihre Meinung von den Politikern der großen Parteien?«, hieß es dort zum Beispiel. Manchmal gab es drei, oft aber auch vier, fünf Möglichkeiten der Antwort.

»Die taugen alle nichts!« Oder: »Na ja, ich weiß nicht!« Oder auch: »Ich finde alle Politiker gut!« Oder: »Wenn ich so viel Geld verdienen würde, leistete ich weitaus mehr!«

Ihr Auto war eingeschneit und mochte nicht gleich anspringen. Später rutschte es nur so über den Asphalt. Während der Fahrt verglich Doro noch einmal die Adressen und änderte ihre Route. Die letzten Interviews waren eilig. Spätestens am Mittwoch musste sie alle Gespräche abgehakt haben, und bis zum Montag darauf besaß die Stadt Dortmund dann eine repräsentative Auswertung und wusste, wie die Meinung des Volkes zum heimlich geplanten Abriss einer alten Zechensiedlung war.

Volkes Meinung war für Dorothea von vornherein klar. Die Leute lebten billig in ihren Häuschen; sie pflanzten die Mini-Gärtchen und schwatzten mit den Nachbarn. Ein Abriss dieser Vorstadt-Idylle würde steigende Grundstückspreise bedeuten, und schöner würde die Umgebung durch zwei, drei fantasielose Billig-Bauwerke auch nicht.

Sie brauchte fast eine Stunde zur ersten Adresse. Eine Hausfrau und Mutter war die Auserwählte. Sie empfing Doro im Bademantel. Die Küche sah aus wie nach einem Bombenhagel.

»Was halten Sie von den letzten Preiserhöhungen?«

Frau Griesdorf hielt nichts davon.

»Was würden Sie entscheiden, wenn Sie Bürgermeister wären? Mehr Grünflächen oder mehr Parkplätze?«

Frau Griesdorf war für Grünflächen, der Kinder und ihrer Lungen wegen.

»Wie viel Mietsteigerung könnte ihr Budget ertragen?«

Frau Griesdorf wollte keinen Euro mehr ausgeben.

Drei Kinder wuselten hin und her, verlangten Limo und Süßes. Eines pinkelte so nebenher auf den Fußboden.

»Du, du!«, sagte Frau Griesdorf und lachte.

Offenbar war sie an derlei feuchte Überraschungen gewöhnt.

Dorothea floh vor dem Teppichnässer und der Unordnung. Ein gütiges Schicksal hatte ihr einen kühlen Kopf beschert und genug Vorstellungskraft, um zu wissen: All die gesammelten Herrlichkeiten in ihrer verrückt-bunten Wohnung würden nicht einmal drei Minuten dem Ansturm dieser Zwerge standhalten.

Der zweite Interviewpartner hieß Haupt, war um die Fünfzig und betrachtete die junge Interviewerin wohl als eine Art Callgirl zum Nulltarif. Ihm war alles recht, was die Stadtväter planten, wenn Doro nur blieb, ihr Knie von ihm tätscheln ließ und auch sonst keinerlei Anzeichen von Prüderie zeigte.

»Was erlauben Sie sich eigentlich!«, schrie Dorothea, zerriss das Formular in tausend Stücke, warf es dem Liebestollen vor die Füße und marschierte ins Bistro gegenüber.

Ob es die Stadt interessierte, wenn sie statt eines fünfzigjährigen Finger-Akrobaten einen zwanzigjährigen Spaghetti-Koch befragte?

Nein, entschied Dorothea kühn. Sie flirtete mit ihrem selbst erwählten Gesprächspartner, bis er die Augen rollte und von amore redete.

So waren die Männer, samt und sonders. Sie dachten nur an das Eine, und es interessierte sie nicht, ob die Frau, die sie auserkoren hatten, auch damit einverstanden war. Und dann gab es natürlich auch noch solche wie Philipp, die darauf pochten, dass man an einer Liebe arbeiten musste, dass sie irgendwelcher Ziele bedurfte und auf Ewigkeit programmiert sein musste.

Mist, dass ihr immer dieser Phil einfiel! Mist auch, dass er – wäre er nicht so schrecklich spießig – eigentlich ein gut aussehender Mann war. Wenn man Männer mit struppigen, widerborstigen, kohlrabenschwarzen Haaren mochte! Wenn man Männer mochte, die zwei Stunden nach einer sorgfältigen Nassrasur bereits wieder stoppelbärtig waren, zarter Frauenhaut feine Striemen einritzten und ständig von schlecht erzogenen Kindern sprachen, die bei der Lösung ganz einfacher Rechentürme Bauchgrimmen bekamen. Ja, wenn!

Doros dritter Interviewpartner war erst zweiundzwanzig. Hardrock-Musik begleitete ihre Fragen. Feuchte Unterhosen hingen auf einer Leine quer durch die Küche, und der pickelige Jungmann grinste frech, als sie sich darunter zu orientieren versuchte.

Leute gab’s! Nie hätte die junge Frau geglaubt, in welchen Zuständen sich andere Menschen wohlfühlten.

Mittags aß sie eine Kleinigkeit in einer Eckkneipe, die »Tante Berta« hieß. Tante Berta war allerdings ein Mann.

»Sie sind wohl nicht von hier?«, fragte er und zeigte aus dem Fenster auf die alte Zechensiedlung. »Wir haben hier andere Probleme, als Fragen zu beantworten, meine Dame! Dort drüben hausen etliche Kinder, die niemanden haben. Da leben Trinker und Behinderte, Ausländer und einstige Knackis. Und Sie tanzen hier an, knipsen Ihren Krokokoffer auf, spitzen den Silber-Kugelschreiber und stellen dumme Fragen.«

Ein bisschen war Doro beleidigt. Ihr Köfferchen war nur ein Imitat, und selbst wenn es echt gewesen wäre: An den Zuständen hier war sie nicht schuld.

»Tante Berta« bekam zur Strafe kein Trinkgeld. Es wurde schon drei Uhr. Doro war längst überfällig beim nächsten Interview. Sie suchte die Hausnummer vier und fand sie nicht.

Es schneite schon wieder. Über schwarze Schornsteine kroch die Dunkelheit langsam herbei. An der Ecke, nahe der Nummer sechs, saß ein Obdachloser im viel zu kleinen, schmuddeligen Mantel. Am alten Zylinder gelehnt, stand ein Pappschild.

»Ich habe Hunger!«, sollten die krakeligen Buchstaben wohl bedeuten.

Ein bisschen weh tat so ein Anblick schon, aber doch nicht zu sehr.