2,99 €
Weder von Kindern ist hier die Rede, noch von Liedern, es geht um Kindheit und Elternschaft, um Herkunft und die Frage nach der eigenen Identität, ums Verlieren und Wiederfinden. Doch auch Hausgeister kommen zur Sprache, sowie Hunde und Katzen. Barbara trauert um Bela, ihren Mann, der vor vier Jahren an Leukämie gestorben ist. Da erscheint eines Tages ein Fremder im Dorf, der Bela wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Marieke wird von ihrem Mann misshandelt und dann wird sie auch noch schwanger. In ihrer Verzweiflung tut sie etwas Schreckliches, das sie ihr Leben lang verfolgen wird. Ein moderner Heimat- und Liebesroman aus dem bayrischen Inntal.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2013
Dort, wo der Inn den von den Bergen Abschied nimmt, um durch die bayrische Endmoränenlandschaft seinem Rendez-vous mit der Donau zuzufließen, dort, wo die Berge auseinander treten, um die türkisfarbenen Wasser freizugeben, dort liegen die Dörfer.
Die Berge sind hier noch keine schneegekrönten Majestäten. Wohlwollende Gegenwarten sind sie, Ahnengestalten, vertraut und geliebt. Ihre Gegenwart bewacht den Schlummer der Jüngsten; an ihren Hängen rodeln im Winter die Kinder, wandern im Sommer Einheimische und Fremde den Almen zu, die oftmals ihre Funktion als Sommerfrische des Milchviehs aufgegeben haben, und nun dem Wanderer Erfrischung und Aufenthalt bieten.
Die Dörfer, in frühmittelalterlicher Zeit durch Brandrodung dem Urwald abgetrotzt, liegen hingeschmiegt an die Hänge von Heuberg, Riesenkopf und Sulzberg, hoch genug am Berghang, um vor Hochwasser und kriegerischen Horden sicher zu sein, aber von Fluss und Straße aus bequem zu erreichen. So manches haben sie gesehen: Handelskarawanen sind innaufwärts und über die Alpen gezogen, Soldatenheere und Söldnerhaufen, auf dem Weg nach Rom und auf dem Weg zurück, Plätten und Fähren auf dem Inn und so manchen Schiffbruch. Hochwasser, Feuersnot und den großen Bergrutsch am Schrofen. Erste Brücken machten die Dörfer dies-und jenseits des Flusses miteinander bekannt (aber die von „drentam Inn – jenseits des Inn“ werden auch heute noch hüben wie drüben mit spaßhaftem Misstrauen behandelt), die Eisenbahn und später die Autobahn brachten immer mehr Menschen ins Tal. Die Handelskarawanen haben Kolonnen aus Wohnmobilen und Lastwagen Platz gemacht und die Soldaten, die jetzt noch durchs Tal ziehen, müssen nicht in den Krieg. Immer schon haben die Bauernkinder den Karawanen nachgeträumt, den Zigeunern, den Händlern, den Reisenden. Jetzt liegen die jungen Mädchen in ihren Betten von Ikea oder Neckermann und finden keinen Schlaf, ehe nicht der Nachtzug nach Rom durchs Tal gefahren ist, als fernes Brausen gerade noch zu erahnen.
Immer schon hat die abwechslungsreiche Landschaft, hat das besondere Blau des Himmels, das besondere Gold des Sonnenscheins, hat die nahe Ferne die Menschen hier angeregt, dem Schönen, dem Anderen, nachzudenken. Baumeister, Künstler, Gelehrte, sind von hier gekommen, und hierher zurückgekommen. Leibl, Busch und Liebermann haben hier gewirkt, und nach Murnau ist es nicht weiter als nach Salzburg. Im sicheren Glauben an den Allerhöchsten, von dem barocke Kirchen und Kapellen allenthalben zeugen, wurzelt die liberalitas bavariae, von der auch heute noch Fragmente zu finden sind. Sie tragen dann das Gewand des Alltäglichen, des Nachbarn, der seinen Bruder, den Künstler, den Sonderling, seinen Nachbarn mit dem langen Haar und dem Ohrring, nicht nach Geld und Gut misst, und ihn einfach sein lässt, dem über die alkoholkranke Frau die manchmal mit wirrem Haar in trunkener Freude auf einer Parkbank sitzt, vor allem einfällt, dass sie ein herzensguter Mensch ist. Hier wie überall sind solche Menschen selten geworden, aber es gibt sie noch.
„Ich hab getrunken,
geraucht und gebetet,
hab dich flussauf – und flussabwärts gesucht.“
Rio Reiser
Barbara saß in der Küche und wartete aufs Christkind. Nebenan, im Wohnzimmer legten Dorothea und Gerda letzte Hand an den Baum. Wie jedes Jahr hatte sie ihre besten schwarzen Jeans und ein farbenfrohes besticktes afghanisches Hemd angezogen, ihre „Feinmach-Uniform“. Wie jedes Jahr fragte sie sich, ob das eigentlich noch normal war, jenseits der Dreißig noch jedes Jahr an Weihnachten in die Kindheitsgewohnheit zurückzufallen, und Oma und Tante das Schmücken und Herrichten der Weihnachtsstube zu überlassen. Und wie jedes Jahr fand sie dann, dass sie ja schließlich keineswegs kindlich-passiv alles den anderen überließ: der festlich gedeckte Tisch, die säuberlich filetierten Forellen, die schön angerichtet mit der Meerrettichsahne im Kühlschrank standen, der Champagner, der daneben wartete – alles ihr Werk. Und sie wusste ja ganz genau, dass sie diese Stunden allein in der Küche brauchte, damit Belas Geist sie wieder freigäbe. Bela...
Bela hatte den Ausdruck „Fest der Liebe“ fleischlicher aufgefasst als die Kirche das tut, und sie hatten zwei Weihnachtsfeste fast ausschließlich im Bett verbracht, bis auf die Stunden, die sie ihren Familien widmeten. An ihrem dritten und letzten Weihnachtsfest hatte Bela allein im Bett gelegen, und sie hatte daneben gesessen.
Damals wussten sie schon, dass ihre gemeinsamen Tage gezählt waren, und dass er für die letzten Wochen zu seinen Eltern zurückkehren sollte, wo sich eine professionelle Pflegerin um ihn kümmern würde.
Die Leukämie war so schnell fortgeschritten, dass er im Endstadium war, bevor sie überhaupt glaubten, er könne wirklich ernsthaft und lebensbedrohlich krank sein. Lachhaft, er, Bela, der in seinem Leben noch nie krankheitshalber im Bett gelegen hatte, dessen Zähne makellos waren, der nie geraucht hatte und Alkohol nur zu wirklich besonderen Gelegenheiten trank. Hatten sie gedacht. Und dann war es so schnell zu Ende gegangen.
Sie hatte aufbegehrt, hatte es nicht wahrhaben wollen. Hatte getrunken, geraucht und gebetet. Drei Wochen lang hatte sie nach der Beerdigung allein in der gemeinsamen Wohnung gehaust, sich krank schreiben lassen, der Welt abhanden gekommen... Draußen hatte ein erbarmungsloser Frühling geherrscht, mit Vogelgezwitscher, im Winde winkenden Forsythien und Osterglocken – so gelb und lebendig. Barbara hatte am Küchentisch gesessen, mit dem Rücken zum Fenster, dem Blick zur Tür, und gewartet, Glas um Glas, Flasche um Flasche, dass das Wunder der Wiederauferstehung, von dem die christliche Legende berichtet, auch für sie kommen würde. Er war nie wieder herein gekommen. Nie mehr...
Nie mehr, nie wieder, nimmermehr – sie hatte versucht, die monströse Idee zu begreifen: Nie wieder sein Lachen hören, nicht das leise heimliche Glucksen, nicht das laute schallende Wiehern, das so ansteckend war. Nie wieder in seine Augen sehen, nie wieder seine Hände fühlen, nie wieder abends zusammensitzen, beim Kochen sich den Tag erzählen, Ideen austauschen, nie wieder im Bett liegen und seiner Stimme lauschen, wenn er Thomas Mann vorlas, und Dickens und Hardy, nie wieder, nie wieder.
Nach drei Wochen hatten Dorothea und Gerda sie einfach mitgenommen. Sie war in ihr altes Zimmer gekommen und hatte sich ins Bett gelegt. Gerda und Dorothea hatten getan, was sie taten, wenn sie als Kind krank war: sie hatten Grießbrei gekocht und Rotbäckchen-Saft gekauft. Sie hatten den Fernseher in ihr Zimmer gestellt und sie sah sich stundenlang Videos an vom Pumuckl und der Augsburger Puppenkiste und vom Michel aus Lönneberga.
Eines Tages war sie aufgestanden, hatte lange geduscht und sich die Haare gewaschen und war dann über die Wiese in das alte Bauernhaus gegangen, in dem sie ihre Wohnung gemietet hatten. Sie hatte Aschenbecher ausgeleert, Whisky und Bier in den Ausguss gekippt, Flaschen gesammelt und nachgedacht.
Am Abend hatte sie mit Gerda und Dorothea gesprochen. Sie hatten alle drei die Wohnung leer geräumt, und seitdem wohnte Barbara wieder in ihrem alten Zimmer. Sie hatte es gründlich renoviert, hatte die Ikea-Möbel aus ihrer Jugend in den Sperrmüll entsorgt und das große Bett, das sie mit Bela geteilt, hineingestellt.
Nein, die Viertelstunde allein in der Küche, erwartungsvoll und doch ruhig, nach den hektischen Stunden des Einkaufens, all den Weihnachtsfeiern in der Schule, mit den Kollegen, mit den Schülern, diese Viertelstunde stillen Innehaltens war ihr nötig und tröstlich und sie wusste, dass Gerda und Dorothea dieses letzte Privileg der „Erwachsenen“ nicht gern hergeben würden. So saß sie und sinnierte, dann erklang das Glöcklein. Sie stand auf, ging zur Wohnzimmertür. Dort standen sie, Gerda und Dorothea. Sie sahen sich alle drei einen Moment an. Dorothea, groß und schlank, das weiße Haar sachlich kurz geschnitten, in Jeans und weißem Hemd auch sie, war ein bisschen krummer geworden. Und Gerda, Barbaras Großmutter, ein bisschen rundlicher. Sie trug Rock und Bluse, und gepflegte weiße Locken umringelten damenhaft ihr Gesicht.
Sie umarmten und küssten Barbara, wünschten ihr Frohe Weihnachten und gaben dann den Weg ins Wohnzimmer frei. Wie jedes Jahr nahm sich Barbara Zeit, bewunderte erst ausgiebig den Baum, den Dorothea geschmückt hatte. Die Kugeln aus dickem rotem Glas und die Kerzen aus Bienenwachs waren immer dieselben, doch alles andere war jedes Jahr neu. Dorothea war Kunstlehrerin am Gymnasium in der Stadt gewesen, und verbrachte jeden Herbst Stunden und Tage in ihrer Werkstatt damit, verspielte kleine Basteleien für den Baum herzustellen. Einmal waren es bunte Lebkuchenfiguren, das Jahr darauf klimperten Metallroboter, hergestellt aus Konservendosen, im Weihnachtsbaum: die Blechbüchsenarmee, dann wieder hing ein bunter Garten aus Trockenblumen in allen Farben in den Zweigen... Inzwischen hatte sich Gerda ans Klavier gesetzt, Dorothea stand daneben und sie sangen gemeinsam O du Fröhliche, Macht hoch die Tür und Alle Jahre wieder. Danach durfte Barbara die Kerzen vor den Fotos ihrer Eltern anzünden. Dorothea schenkte Champagner ein und sie stießen gemeinsam auf Irene und Klaus an, die ein Lastwagen mit versagenden Bremsen überrollt hatte, als Barbara noch zu klein war, um in den Skiurlaub mitgenommen zu werden. „Auf das Leben!“ war ihr weihnachtlicher Trinkspruch. Und damit war dann den Sentimentalitäten Genüge getan, fand Gerda jedes Jahr und legte eine Platte mit jazzigen amerikanischen Weihnachtsliedern auf. Und Barbara packte ihre Geschenke aus.
„Pour avoir si souvent dormi
Avec ma solitude,
Je m’en suis fait presque une amie,
Une douce habitude...“
Georges Moustaki
Georg fragte sich zum hundertsten Mal, ob er wirklich das Richtig tat. Wann immer er in den letzten Tagen innegehalten hatte, war ihm kalt geworden vor Angst. Aber er war immer weitergegangen auf diesem Weg in eine unbekannte Vergangenheit.
Nun saß er in der holzgetäfelten Stube beim Kraxenberger in der Ofenecke vor seinem Kaffee, von den wenigen Stammgästen, die sich vor der Bescherung noch ein Weißbier gönnten, ab und zu diskret beäugt.
Er fischte den Brief aus der Tasche seiner Jeans und legte ihn vor sich auf den Tisch. Entfaltete ihn zum hundertsten Mal, stützte den Kopf in die Hände und starrte auf die vertrauten Worte und sah sich wieder die Frankfurter Wohnung seiner Eltern verlassen, seinen Karton mit Andenken unter dem Arm. Hörte die Tür hinter sich zufallen, zum allerletzten Mal. Den Schlüssel hatte der Rechtsanwalt mitgenommen, als er ging.
Der Brief, den er ihm übergeben hatte, war in seiner Hosentasche. Was hatte Vater ihm zu sagen? Was konnte er ihm erst jetzt sagen?
Er packte den Karton in den Kofferraum seines alten Saab 900, stieg ein und trat die 500 Kilometer-Heimfahrt an. Die vertrauten Strassen seiner Kindheit, die Vorstädte, die Autobahn. In seiner Hosentasche brannte der Brief.
Als er in Nürnberg auf den Parkplatz fuhr, stellte er fest, dass er keine Ahnung hatte, wie er nach Hause gekommen war.
Mechanisch schloss er die Wohnungstür auf, holte seine Tasche und den Karton aus dem Auto, ging nach unten und sah in der Kneipe nach dem Rechten. Alles in Ordnung, er brauchte sich um nichts zu kümmern. Nichts erforderte jetzt noch seine uneingeschränkte Aufmerksamkeit. Es war später Nachmittag, bis zur Öffnungszeit um neun Uhr hatte er noch reichlich Zeit, den Brief zu lesen.
Er hatte Hunger. Die Nacht hatte er im Krankenhaus bei seinem Vater verbracht, und als der nach dem wochenlangen Koma endlich gestorben war, war er direkt in die Wohnung zum Treffen mit dem Anwalt gefahren. Und auf dem Heimweg hatte er wieder vergessen, zu essen. Die Speisekammer war leer, und der Kühlschrank dito.
Er hatte sich auf einen unbegrenzten Aufenthalt eingerichtet, als die Nachricht kam, und hatte alles leergeräumt.
Rick hatte sich um die Kneipe und Kater Ludwig gekümmert. Nun gut, er würde erst einmal einkaufen gehen, Rick besuchen, erzählen, Ludwig abholen – und den Brief später lesen.
Die Stunden des Aufschubs waren vorübergegangen, er hatte bei Rick und Elsa gegessen, sich alles von der Seele geredet: Mutters Unfall und den langsamen Verfall danach, ihren Tod, Vaters Krankheit, das wochenlange Koma und den letzten schmerzhaften Seufzer diese Nacht. Über den Brief hatte er nichts gesagt.
Er hatte die Kneipe aufgemacht, Stammgäste begrüßt, am Klavier gesessen und gesungen, ein bisschen geflirtet – und war dann doch allein nach oben gegangen.
Nachts um zwei hatte er den Brief endlich gelesen und seitdem war nichts mehr wie es gewesen war- und würde es auch nie wieder sein.
„Mein lieber Georg,“ hatte Vater geschrieben, „nun bist Du sicher ratlos und fragst Dich, was es ist, das ich Dir jetzt erst sagen kann, da ich nicht mehr da bin. Eben, ich bin nicht mehr da, um auf Deine Fragen zu antworten, Deine Augen zu sehen, traurig, anklagend, wer weiß...? Als Du klein warst, spielte dies alles keine Rolle, Du warst bei uns und Du warst alles Licht in unserem Leben. Und als Du größer wurdest, und in das Alter kamst, in dem alle Ratgeber, Psychologen und dergleichen klugen Leute sagen, dass man jetzt die Wahrheit sagen soll, da haben wir doch geschwiegen. Wir hatten Angst, verstehst Du, Angst, dass Du uns nicht mehr lieb hast. Und dann warst Du auch schon groß, bist ausgezogen, hast studiert, Deine Kneipe aufgemacht. Und die wenige Zeit, die wir nun noch zusammen hatten, wollten wir nicht mit Geständnissen belasten, die alles anders gemacht hätten. Vielleicht ahnst Du nun schon, was ich Dir sagen muss: Georg, mein geliebter Sohn, Du bist nicht unser leibliches Kind. Vielleicht hast Du’s immer geahnt, hast tief innen gefühlt, dass Du anders bist als Mama und als ich. Woher kamen die schwarzen Locken, die grünen Augen, wo doch Mama und ich beide eher helle Typen waren… Woher die Liebe zur Musik, und ich hörte höchstens gerne Meeresrauschen und Vogelgesang und Mama liebte die völlige Stille.“ Die Schrift war ein wenig verlaufen an dieser Stelle, Vater hatte geweint beim Schreiben. „Ich bin so allein jetzt, so allein wie Du es sein wirst, wenn Du diesen Brief liest. Warum konnten wir nicht zusammen über alles reden? Es tut mir so schrecklich leid, mein Junge und ich weiß so gar nicht, was ich Dir sagen soll. Verzeihung, Vergebung, das sind so große Worte... Vielleicht kannst Du eines Tages wieder ohne Bitterkeit an uns denken. Ich wünsche es Dir – und auch Mutter und mir, wer weiß, was wir im Jenseits zu hören bekommen!“ Georg musste lächeln, Vater und sein Galgenhumor. Vater, Mutter – ja, sie waren seine Eltern gewesen, ein einfaches biologisches Detail konnte doch nicht all die gemeinsamen Stunden aus der Welt schaffen. Schrecklich, arme Mutter, armer Vater, die Sorgen hätte er ihnen doch ersparen können, hätten sie es ihm doch nur gesagt...! „Ins Paradies mögen euch die Engel geleiten, Mutter, Vater!“ Das sollte auf den Grabstein, war ihm eingefallen, und er hatte es schnell notiert. Dann hatte er weiter gelesen.
„Aber da ist noch etwas, Georg: Du hattest einen Zwillingsbruder, eineiige Zwillinge seid Ihr gewesen. Aber als wir Dich aus dem Waisenhaus geholt haben, wussten wir nichts von ihm. Er ist von Leuten namens Gruber in Oberbayern, in einem Dorf im bayrischen Inntal, Brannenburg heißt es, adoptiert worden und sie haben ihn Johann getauft. Aber, Georg, mein Georg, er ist vor fünf Jahren gestorben; ich habe nicht herausbekommen, woran.
Ich wünschte so sehr, ich könnte in der Zeit zurückgehen und Euch beide adoptieren, ich wünschte so sehr, ich hätte manches besser gemacht...
Leb wohl, mein Junge, und glaub mir, wir wollten nur das Beste.
Dein Vater“
Und nun saß Georg hier in der warmen holzvertäfelten Stube des Berggasthofs Kraxenberger in Sankt Margarethen, über dem bayrischen Inntal.
Heiligabend, und die Wirtsleute hatten für die Weihnachtsfeier der Hausgäste ein Bäumlein geschmückt.
Heiligabend und Weiße Weihnacht. Es hatte den ganzen Tag geschneit.
Die letzten Stammgäste hatten sich auf den Heimweg gemacht. Es war dunkel geworden.
Weihnachtsabend, Dämmerung, Bescherungszeit.
Die Hausgäste, eine fünfköpfige Familie aus Berlin, hatten ihre jeweiligen Tagesaktivitäten beendet und fanden sich, frisch gewaschen, gebürstet und fein gemacht, in der Stube ein. Der Kachelofen bullerte friedlich. Die Wirtin, Frau Marianne, zündete die Kerzen am Baum an, Vater Gust legte seine Zither auf den großen Tisch in der Mitte des Raumes und setzte sich. Der Berliner Familienvater setzte sich mit seiner Gitarre dazu und beide begannen, ihre Instrumente zu stimmen.
Georg saß noch immer reglos hinter seiner Tasse mit kaltem Kaffee.
Das älteste Berliner Kind, ein blondes Mädchen von etwa 10 Jahren das Ronja gerufen wurde, fasste seine Mutter am Arm und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Die Mutter sah fragend zu Frau Marianne hin und blickte dann zu Georg hinüber. Die lächelte den Kindern zu: „Den miassts in Ruah lassn. Der braucht a Gscheischaft und a Ruah!“ - „Wir können ja schon mal die Kerzen auf den Tischen anzünden.“ Die kleine Frau aus Berlin mit dem dunklen Lockenkopf namens Mali, und Ronja und ihre Brüder Jakob und Jonas, Zwillinge von vielleicht 8 Jahren, mit den dunklen Locken ihrer Mutter, beschäftigten sich damit, auf den vier freien Tischen der Wirtsstube die Kerzen, die dort standen, anzuzünden. Dann verschwanden sie und kehrten kurz danach zurück, die Arme voller Päckchen, die sie auf einem der Tische ablegten. Sie setzten sich zu Jimmy, dem Familienvater, und den Wirtsleuten an den großen Tisch.
Georg faltete mechanisch seinen Brief zusammen und auseinander, immer wieder.
„Es wead scho glei dumpa, es wead scho glei Nocht...“ Gitarre und Zither, Blockflöte, Vater Gusts Bass und Mutter Mariannes warmer Alt, zwei Knabensoprane und der Tenor ihres Vaters und der Sopran ihrer Mutter: diese Menschen hatten schon öfter zusammen gesungen. Georg konnte die weihnachtliche Idylle nicht mehr ertragen.
Er stand leise auf und verließ die Stube. Im Flur war es eisigkalt. Er fröstelte und im Spiegel gegenüber der Stubentür tat es ihm einer gleich, der sah aus wie er. Er nickte ihm zu: „Na, du, schaust jetzt du aus wie ich oder wie der Zwilling?“ Er lief rasch die Treppe hinauf und holte seinen Mantel aus dem Zimmer, er musste raus, an die frische Luft, noch einmal zum Friedhof...
Es hatte aufgeklart. Funkelndes Sternenlicht empfing ihn, als er aus der Haustür trat. Auf dem Kirchhof von Sankt Margarethen gegenüber erleuchteten Christbäumchen und Grablichter die Nacht. Er blieb einen Augenblick schweigend stehen.
Die Christnacht war still. Die Menschen waren in ihren Häusern, Bescherung, Weihnachtsessen, Würstchen mit Kartoffelsalat, Toast Hawaii, Räucherfisch...Später würden sie sich auf den Weg machen in die Christmesse, aber im Moment waren die Strassen verlassen. Im Tal flimmerten Lichter, rauschte leise die Autobahn. Die Strasse schlängelte sich dunkel durch schneebedeckte Wiesen. Georg wanderte talwärts, in die Nacht, ins Ungewisse.
„Oft denk ich, sie sind nur ausgegangen,
bald werden sie wieder nach Hause gelangen.“
Friedrich Rückert
