Kindheitserinnerungen - Rosemarie Lange-Schlienkamp - E-Book

Kindheitserinnerungen E-Book

Rosemarie Lange-Schlienkamp

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Beschreibung

In dem Buch wird die Kindheit und Jugend von Rosemarie Lange in den Jahren von 1930 bis 1948 geschildert. Die Autorin hat sich bemüht bei den Erinnerungen an eine ernste Zeit ihren stets hilfreichen Humor einfließen zu lassen, ohne aber die vielen Heimwehtränen, die sie nachts in die Kissen geweint hat, zu vergessen. Heute ist sie mit 87 Jahren eine der letzten Zeitzeugen dieser Epoche, in der Kinder unter schwierigen Bedingungen aufwachsen mussten. Die sogenannte Nazizeit hat eine ganze Generation geprägt, und doch sind viele zu wertvollen Erwachsenen geworden, die Deutschland wieder zur Heimat vieler Menschen verschiedener Nationalitäten gemacht haben.

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EPUB
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Seitenzahl: 71

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Rosemarie Lange-Schlienkamp wurde am 08.11.1930 in Essen geboren. Mit Texten für Chormusik ist sie Mitglied in der GEMA. Für ihre Texte wurde sie von der Akademie internationale „de Lutece“ zweimal in Paris ausgezeichnet. Zahlreiche veröffentlichte Gedichte und Kurzgeschichten stammen aus ihrer Feder. Dieses Buch ist ihr Erstlingswerk, in dem sie über ihre Kindheit kurz vor und während des Krieges und der damit verbundenen Kinderlandverschickung erzählt. Das Buch endet mit ihren Erlebnissen der Nachkriegszeit im Jahr 1948.

ROSEMARIE LANGE-SCHLIENKAMP

***

KINDHEITS-ERINNERUNGEN

Eine Kindheit während des Nationalsozialismus

© 2018 Rosemarie Lange-Schlienkamp

Verlag und Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN

 

Paperback:

978-3-7469-0907-3

Hardcover:

978-3-7469-0908-0

e-Book:

978-3-7469-0909-7

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

INHALTSVERZEICHNIS

1. KAPITEL

Die ersten Jahre meiner Kindheit in Essen bis zu Beginn des Zweiten Weltkrieges 1939

2. KAPITEL

Erinnerung an die Kinderlandverschickung

3. KAPITEL

Im Kinderlandverschickungslager im ehemaligen Protektorat Böhmen und Mähren von Herbst 1942 bis Frühjahr 1945

4. KAPITEL

Wie ich das Kriegsende 1945 erlebte und die erste Zeit danach

5. KAPITEL

Ausbildung zur staatlich geprüften Hausgehilfin

NACHWORT

1. KAPITEL

Die ersten Jahre meiner Kindheit in Essen bis zu Beginn des Zweiten Weltkrieges 1939

Es war ein trüber November Tag. Um genau zu sein, der 8. November 1930. Else war 24 Jahre jung und bekam ein Kind. Sie lag in den Wehen und die alte, erfahrene Hebamme bemühte sich um sie. Ihre Schwester Mieze stand mit einer Petroliumlampe neben dem Bett, damit die Hebamme sehen konnte. Elektrisches Licht gab es nämlich in diesem Mietshaus noch nicht. Die Witwe Maria Schlienkamp, die Mutter von Else und Mieze, war Hauptmieterin der Parterrewohnung, die aus 4 Räumen bestand. Im Augenblick füllte Elses Stöhnen und Schreien jeden Winkel und schnitten der Mutter tief ins Herz. Hatte sie selbst doch 6 Kinder geboren. Beruhigend nahm sie Elses Hand und versuchte ihr Mut zu machen. „Ich will kein Kind, warum musste ausgerechnet mir das passieren“, jammerte Else. „Wer weiß, wofür es gut ist, jedes Kind ist ein Geschenk“, sagte die Mutter streng und die Hebamme nickte beifällig. „Pressen, pressen, es kommt, ich kann das Köpfchen schon sehen!“ Mit einer letzten großen Kraftanstrengung wurde das kleine Mädchen geboren. Dieses Kind war ich. Die Geschichte meiner Geburt bekam ich später noch oft erzählt. Ich war ein sogenanntes lediges Kind. In den dreißiger Jahren noch ein Makel, der Mutter und Kind anhaftete. Aber kaum hatte ich das Licht der Welt erblickt, galt alle Liebe meiner Mutter und Großmutter, ja auch der Tante nebst Ehemann, die mit in der Familie lebten, meiner kleinen Person. Und da war auch noch die Freundin meiner Mutter, die mit ihrer kleinen Tochter ein Zimmer der Wohnung bewohnte. Hedi war 5 Jahre alt und musste von nun an die Zuneigung ihrer geliebten Mutti, nämlich meiner Großmutter mit mir teilen. Ihre Eltern waren nach einem Jahr Ehe geschieden worden und meine Großmutter gab Mutter und Kind großzügig ein neues Zuhause. Tante Lene wurde meine Patin und Hedi ist mir bis heute lieb, wie eine wirkliche Schwester.

Meine Großmutter war in jungen Jahren Erzieherin bei sogenannten „Besseren Herrschaften“. Sie heiratete den Schneidermeister Wilhelm Schlienkamp und hatte 6 Kinder mit ihm. Der Erste Weltkrieg hatte allen Zukunftsplänen ein bitteres Ende bereitet. Eine Tochter wurde aus Versehen von ihrem Bräutigam, einem schneidigen Offizier erschossen. Von Krieg und Hunger gezeichnet, raffte eine Grippewelle Mann und einen Sohn dahin. Als ich geboren wurde lebten nur noch meine Mutter, Tante Mieze und Sohn Heinz, der es immerhin bis zum Direktor der Karnaper Glaswarenfabrik gebracht hatte. Seine Ehe war kinderlos geblieben und nur zu gerne hätte er mich adoptiert. Er hat es meiner Mutter nie verziehen, dass sie mit einem klaren „Nein“ antwortete. So wuchsen wir in der liebevollen Obhut meiner Großmutter auf. Ich kann mich noch gut an ihre langen Röcke, mit darüber gebundenen, gestreiften Halbschürzen erinnern. Ihr schneeweißes Haar trug sie streng nach hinten gekämmt und zum Zopf geflochten, am Hinterkopf zum Nest mit Haarnadeln aufgesteckt. Gerade jetzt meine ich wieder ihre liebevollen Gesichtszüge vor mir zu sehen. Aber, halt, richtig, es müssen doch noch alte Fotos da sein, und wie Sie sehen, hatte meine Suche Erfolg.

Die liebe Mama ist entzückt, hab ein paar Blümchen ihr gepflückt.

Ihr seht mich hier mit Großmama. Ein Volksempfänger steht schon da. Oma, Mutti, ich – das Kind, in dieser Küche heimisch sind.

Mit ihrer wunderschönen Altstimme sang sie uns am Abend manchmal etwas vor. Bei dem Lied „Weil ich Jesus Schäflein bin“ übertönte mein Schluchzen oft den Gesang, weil es mich immer zu Tränen rührte. Sie las uns Märchen vor oder erzählte Geschichten. Im Winter, wenn im blanken Nickelofen das Feuer knisterte und Bratapfelduft aus der Backröhre strömte, war mein Kinderglück vollkommen. Die Overbeckstraße ist eine ruhige Wohnstraße im Stadtteil Essen-Holsterhausen. Die Miethäuser waren auch damals sehr gepflegt. Die Bewohner waren meist kleine Angestellte und Arbeiter. Nicht selten hatte der Hauseigentümer seine eigene Wohnung im Haus, zum Leidwesen der Kinder. Die durften keinen Lärm machen und möglichst keine fremden Kinder mit ins Haus bringen. „Vergiss nicht deine Schuhe abzuputzen“, war eine ständige Ermahnung. Die blankpolierten Treppengeländer verführten dazu, darauf herunterzurutschen. Eine besondere Vorliebe der Jungen. Nur nicht erwischen lassen, war die Devise. Alle Kinder verbrachten viel Zeit beim Spiel auf der Straße.

Das Bildnis ist bezaubernd schön, bin hier als Straßenkind zu seh`n.

Abgesehen von einigen Pferdefuhrwerken, Kartoffelhändlern, Milchmann, Kohlenhändlern und nicht zu vergessen, dem Lumpenmann, auch Klüngelspitt genannt, verirrte sich selten ein Auto in unsere Straße. Da sie leicht abschüssig war, lud sie geradezu zum Rollschuhlaufen ein, und im Winter zum Schlittenfahren. Aber auch an allerlei Gemeinschaftsspiele, kann ich mich erinnern. Wer fürchtet sich vor'm schwarzen Manne? Das Völkerballspiel und ein Spiel mit dem Ball war das Namenaufrufen, wobei man den hochgeworfenen Ball möglichst fangen musste, um ihn gleich einen Namen rufend, wieder in die Luft zu werfen. War der Ball aber zur Erde gefallen, so musste man versuchen, einen der davongerannten Mitspieler mit dem Ball zu treffen, und dieser musste dann ausscheiden. Ein anderes Ballspiel war die Probe an einer Hauswand. Da wurde genau gezählt wie oft es gelang, mit Kopf, Brust, Arm, Knie usw. den Ball gegen die Wand zu tippen, ohne dass er herunterfiel. Andere Spiele waren das Seilspringen, das Knicker- oder Murmelspielen sowie Pitschendopphauen. Dabei musste man mit Hilfe einer Schnur, die an einem Stock befestigt war, den Dopp oder auch Kreisel genannt zum ständigen Drehen bringen. Auch der Bollerreifen wurde mit einem Stock zum Laufen gebracht und geleitet. Ganz besonders beliebt waren die Kreissingspiele: „Dreht euch nicht herum, der Plumpsack, der geht um!“ Ein Taschentuch wurde hinter einem der Kinder fallengelassen, und dieses musste um den Kreis herumrennend das andere Kind fangen. Gelang es nicht, musste es sich in die Mitte des Kreises stellen. Alle sangen nun herumgehend: „Petersiliensuppenkraut wächst in unserem Garten. Resi ja sie ist die Braut, soll nicht länger warten, und was dann? Seht der Gustav wird ihr Mann.“ Der genannte Junge musste vor dem Mädchen niederknien, was meist mit hochrotem Kopf geschah. Ein Küsschen und dann durften sie im Kreis herumhüpfen. So schön können erste Annäherungsversuche sein. Es gab noch viele Spiele, die zur damaligen Zeit „in“ waren, wie man heute sagen würde. Da gab es das Hinkeln, Fadenabnehmen, Glanzbilder tauschen nur um noch einige zu nennen.

Worauf wir Kinder uns in jedem Sommer auf's Neue freuten, waren die Kinderschützenfeste. Im Gasthof Hüsken, mit großer Wiese hinter dem Haus und kinderlieben Wirtsleuten, fand das größte Fest statt. Nicht alle Kinder konnten daran teilnehmen, denn selbst kleinere Geldbeträge waren manchen Eltern zu viel Obolus. Darum taten sich mehrere Mütter zusammen und auf einem großen Hinterhof war das Schützenfest dann fast kostenlos. Natürlich gab es ein Königs- und ein Kronprinzenpaar, das unter einem geschmückten „Bogen“ beim Umzug stolzierte. Also waren vier Bogenträgerinnen von Nöten. Kleinere Mädchen durften Streuengelchen sein. So manches Blümchen war plötzlich aus den nahen Schrebergärten verschwunden. Ansonsten hatten Schreib- und Papierwarengeschäfte Hochkonjunktur. Aus Krepppapier ließen sich mit etwas Phantasie die schönsten Dinge zaubern. Rosen, farbige Bänder, ja sogar Umhang oder Röckchen. Alte Gardinen wurden zum königlichen Schleier und aus Goldpapier Kronen und Sternchen. Beim Umzug durch die nahen Straßen waren dann alle Kinder kostümiert. Nicht schön, aber laut sangen alle das Schützenfestlied:

„Wir haben einen König und eine Königin, die führen wir spazieren vorbei an allen Türen, gloria Viktoria, gloria Viktoria, mit Herz und Hand, für's Vaterland, für's Vaterland.