Kirche im Dunkeln - Cristina Fabry - E-Book

Kirche im Dunkeln E-Book

Cristina Fabry

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Beschreibung

Evangelische Christen sind langweilige Gutmenschen? Weit gefehlt! Auch wenn sie es sich im wirklichen Leben nur vorstellen, in diesen 39 Kurzkrimis blicken Sie in die Abgründe der Seelen von Presbytern, Pfarrerinnen, Küstern, Erzieherinnen, Gemeindepädagogen, und Ehrenamtlichen und deren finsterste Gedanken werden Wirklichkeit. Intrigen, Blut und Gewalt, Machtmissbrauch und Ohnmacht, aber auch viel Absurdes und Lächerliches gibt es hier zu entdecken - und manches Liebenswerte. Wie die Menschen eben so sind - auch in der Evangelischen Kirche. Die vorliegenden Kurzkrimis erschienen im Laufe des Jahres 2016 in dem blog "kurzkrimi.ev" auf blogger.de und hatten dort eine treue - wenn auch überschaubare Fangemeinde, die allerdings kontinuierlich wächst. Gelegentlich tauchen die Ermittler Keller und Kerkenbrock aus den bereits veröffentlichten Romanen von Cristina Fabry auf.

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Seitenzahl: 308

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Cristina Fabry

Kirche im Dunkeln

Kurzkrimis 2016

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Kirche im Dunkeln

Vorwort

Nacht, totenstill

Böser Wolf – abgeschlossener Kurzkrimi

Zerbrochene Flügel

Glockenschlag

Endstation Apfelbaum

Sommer 2015 – abgeschlossener Kurzkrimi

Ein Pfarrer verschwindet

Little red rooster

Männlich, sechzehn, damit wir klug werden

Angekommen

Pilzmörder

Mörderische Jugendkirche

Sommerkonzert – abgeschlossener Kurzkrimi

Bloggershot – abgeschlossener Kurzkrimi

Tod im Bibeldorf

Zu späte Reue – abgeschlossener Kurzkrimi

Unerhört

Missgünstig

Gott kann grausam sein

Gott ist groß – abgeschlossener Kurzkrimi

Davids Goliaths

Wo ist Meredith?

Erbarmungslos

Erntedankfest

Konfi-Camp

Regal 66

TEN SING-Seifenoper

Goedereede

Goedereede – ein Kurz-Krimi zum Weiterspinnen – Schluss II – frei nach Helene Tischer und Birgit die Starke

Homophobie

Feuerzangenbowle

Gerontokratie – Vorgeschichte zum Kurzkrimi „Feuerzangenbowle“

1983

Sozialmafia

JuLeiCa

Pastorenliebchen – ein interaktiver Werkstatt-Krimi

Ding Dong Merrily On High

Obstbaumverein - Ein Improvisationskrimi

Endabrechnung – ein Kurzkrimi zwischen den Jahren

Impressum neobooks

Kirche im Dunkeln

Kurzkrimis 2016 – von Cristina Fabry

Vorwort

Die vorliegenden Kriminalgeschichten, die allesamt im evangelischen Millieu angesiedelt sind, wurden bereits auf www.blogger.dein dem Blog „Kurzkrimi ev.“ unter dem Blogger-Namen c.fabry veröffentlicht und sind alle im Verlauf des Jahres 2016 entstanden. Manche mögen verstörend, manche besonders spannend, andere amüsant sein; auf jeden Fall gewährt jede Kurzgeschichte Einblicke in evangelisches Leben, überwiegend in der ostwestfälischen Provinz. Hier wird all das Wirklichkeit, was in den Abgründen mancher vordergründig so frommen Seele vor sich hin gärt, was sich aber glücklicherweise in Wahrheit kaum ereignen würde und hoffentlich niemals wird. Viel Vergnügen beim Lesen!

Zum Ende des Jahres 2016, Cristina Fabry

Nacht, totenstill

Böhringer lag in seinem Blut. Er atmete noch, aber er konnte sich nicht bewegen. Er hatte es richtiggehend gemerkt, wie in seinem Kopf etwas kaputt gegangen war. Laut geknackt hatte es, da war etwas explodiert und dann dieser metallische Geschmack auf der Zunge. Er wollte jemanden rufen, aber es kam nichts raus. „Der Safe!“, dachte er noch, „Die gesamten Kollekten der letzten drei Gottesdienste!“ und er konnte die Verbrecher nicht aufhalten.

Wie ein Kinofilm raste sein Leben an seinem inneren Auge vorbei: Die Entbehrungen der Kindheit, als ein Apfel noch ein Geschenk war, die Jahre, in denen es langsam aufwärts ging, die Ferienlager mit dem CVJM, geistliche Lieder am Lagerfeuer, Weckruf der Posaunen, die Konfirmation mit der Predigt über den Leib Christi, der Schulabschluss mit dem anerkennenden Schulterklopfen des Direktors, die Ausbildung bei der Sparkasse, die erste Begegnung mit Hildegard, die Hochzeitsnacht die gleichzeitig aufregend und ernüchternd, erhebend und demütigend war, die Geburt des ersten Kindes, das Gewahr Werden der Bedeutung der Vaterschaft, Karrierestationen: Kundenberater, Filialleiter, Bereichsleiter. Und dann die Wahl zum Presbyter, bewundernde Blicke, schon bald die große Verantwortung des Kirchmeisteramtes, Mitarbeit in der Synode, im Finanzausschuss, der neue Kindergarten, Hildegards Ausfälle, Renate, Renates Zitronenkuchen, Renates Lächeln...

Silvia zitterte am ganzen Körper. Der rechte Arm hing schlaff herunter. Wie ferngesteuert hielt die Hand noch immer den überdimensionalen Heftapparat umklammert. Sie bemerkte die Spritzer auf ihrer Kleidung nicht, erst recht nicht die im Gesicht, aber der strenge, metallische Geruch zog ihr in die Nase. Wer oder was war in sie gefahren und hatte ihren Körper zu dem benutzt, was da gerade geschehen war? Der Kirchmeister lag reglos in einer sich stetig vergrößernden Pfütze hellroten, arteriellen Blutes. Genau das dachte sie: hellrot bedeutet arteriell, frisch mit Sauerstoff angereichert wird es vom Herzen zu den Organen transportiert, um diese mit Sauerstoff zu versorgen, darum verblutet man bei verletzten Arterien auch viel schneller, als bei verletzten Venen, aus denen das schwarze, sauerstoffarme Blut nur heraus sickert. Sollte sie einen Notruf absetzen? Aber was sollte sie erklären? Dass sie ihn so vorgefunden hatte? Hätte sie dann nicht den Heftapparat von ihren Fingerabdrücken reinigen oder verschwinden lassen müssen? Sie entdeckte die Spuren seines Blutes an ihren Händen und an der Kleidung. Sie konnte keine Hilfe holen, vermutlich war er ohnehin längst tot. Aber was, wenn er die Verletzung überlebte? Sicher würde er sich an sie erinnern.

Silvia rannte aus dem Gebäude, den Heftapparat hatte sie in ihre Umhängetasche gleiten lassen. Sie winkte den Herumstehenden zu und rief: „Frohe Weihnachten!“ Ihr Auto stand gleich da vorn an der Straße, wenn sie nur erst den Motor anließ, wäre sie sicher. Sie startete den Wagen und fuhr den vertrauten Weg nach Hause. Sie lenkte das Fahrzeug nur so nebenbei, denn eigentlich sah sie sich einen Film an: den Film den ihr Kopf in den letzten Minuten gedreht hatte.

„Ach, Herr Böhringer. Haben Sie schon gesehen? Wir haben mit dem Elternrat beim Weihnachtsmarkt fast 2000 € zusammen bekommen.“

„Ja, das ist sehr schön, das Geld hat der Kindergarten auch bitter nötig, Frau äh, äh, Frau äh...“

„Gessner.“

„Ach ja, richtig, Frau Gessner. Das haben Sie jedenfalls ganz wunderbar hinbekommen.“

„Ja, jetzt können wir uns doch das tolle Klettergerüst für den Außenbereich leisten.“

„Nana, immer langsam mit den jungen Pferden. Das müssen wir erst einmal prüfen. Die aktuellen Defizite belaufen sich meines Wissens auf etwa 1500,- €. Was kostet denn das Gerüst?“

„1850,-€.“

„Na dann können Sie das vergessen. Die Haushaltslöcher haben Priorität.“

„Aber die Eltern haben das Geld für genau diesen Zweck gesammelt, und nicht, um den Haushalt auszugleichen! Wie soll ich denen das denn erklären? Ich kann doch keinem mehr ins Gesicht sehen, den ich bitte, für etwas Geld zu erwirtschaften, was dann doch nicht angeschafft wird!“

„Ach was, da feiern wir ein buntes Kindergartenfest mit Bier und Bratwurst, das darf dann auch 50 Euro kosten – das darf sogar 100 € kosten, da glauben Sie gar nicht, wie schnell die wieder versöhnt sind. So und jetzt muss ich hier noch die Kollekte einräumen. Schöne Weihnachten noch.“

Und dann stand da der Heftapparat, so schwer und doch so handlich. Böhringer zeigte ihr den Rücken und schloss den Safe auf. Die von einem akkuraten Haarkranz wie von einem Jägerzaun eingefriedete Glatze glänzte provokativ im Schein der Deckenleuchte, als schreie sie in ihrer kleinbürgerlichen, blitzsauberen Perfektion nach einem verstörenden Akt. Sie ließ den Apparat auf seinen Schädel sausen und gleich noch einmal, er kam gar nicht dazu, zu schreien, nur sie selbst schimpfte wie ein Rohrspatz: „Sachbuchfetischist! Lektoren-Lutscher! Gesangbuchverbildeter Vulgärtheologen-Nachplapperer! Emotionaler Krüppel! Verlogener Sauhund! Hinterfotziger Betbänke mit deinem auf Kirchenbänken plattgesessenen Sparkassenarsch!“ Sie hieb auf den Schädel ein, bis der Mann zusammensackte. Mit der Faust in der Tasche, das Werkzeug noch immer fest umschlossen, rannte sie an den fröhlichen Menschen vorbei und lachte irre in ihre arglosen Gesichter. Niemand hatte etwas bemerkt, nicht einmal geahnt. Sie umklammerte den Schaltknüppel mit der rechten, das Lenkrad mit der linken Hand. „Stille Nacht“, dachte sie noch, dann explodierte es auch in ihrem Kopf. Der Baum hat es überlebt.

Böser Wolf – abgeschlossener Kurzkrimi

„Ewald? Ach was, das glaube ich nicht. Mit solchen Anschuldigungen muss man ganz vorsichtig sein. Da spinnt sich einer was zurecht und dann bleibt es für den Rest des Lebens an dem falsch Beschuldigten hängen.“

„Dann ist das Kind eben etwas überempfindlich. Schüchterne Mädchen kriegen doch schon rote Ohren, wenn man sie einfach nur direkt anspricht oder wenn man ihnen die Hand gibt.“

„Wer sagt das?“

„Mein Gott! Sie ist erwachsen! Soll sie ihm sagen, dass er das lassen soll. Was hat er denn schon gemacht?“

„Das ist zugegebenermaßen etwas eklig, wenn sie es denn mit ihrer Darstellung nicht übertrieben hat. Aber ich betone noch einmal, sie ist eine Frau und kein Kind, sie kann sich wehren.“

„Wieso das denn?“

….

Was soll ein Chorleiter denn schon anstellen können, um einer Organistin das Leben schwer zu machen?

Katja hat Alpträume wegen Ewald? Das klingt mir aber arg nach Räuberpistole. Vielleicht sollte sie mal ihren Kopf nachgucken lassen, dann sieht sie auch nicht mehr in jedem über sechzig Jährigen einen Päderasten. Ich muss jetzt los, hab‘ gleich ‘n Zahnarzt-Termin.“

Carola legt auf. „Mein Gott, diese hysterischen Rollkragen-Muschis. Hoffentlich geht sie damit nicht hausieren.“

Carola sortiert den Posteingang. Zwischen den Briefen findet sie ein Foto, ausgedruckt auf Normalpapier in miserabler Qualität, aber in DinA4. Der Kinderchor adrett herausgeputzt zum Gruppenfoto. Ganz rechts hat jemand mit einem fetten Faserstift drei Kreise gezogen. Ewald, der Chorleiter steht neben den Kindern, direkt an seiner Seite die kleine Josefine. Der erste Kreis umgibt Ewalds Gesicht: selbstgefällig und überlegen lächelnd mit fast schon entrücktem Blick. Der zweite Kreis umschließt Josefines Kopf. Sie ist blass, nicht die Spur eines Lächelns spielt um ihre Lippen und die Augen scheinen leer. Der dritte Kreis befindet sich an der Stelle, an der Ewalds Hand hinter Josefines Rücken verschwindet. In Hüfthöhe. Carola hört Schritte. Als sie die aufsieht, blickt sie in zwei eisblaue Augen und weiß Bescheid.

Zerbrochene Flügel

„Ich denke, Sie müssen uns aufs Präsidium begleiten.“, sagte Stefan Keller und fixierte die junge Frau, die mit Spiritus-Reiniger und Schwamm-Tuch am Fenster stand.

„Warum?“, fragte sie mit offenkundig geheuchelter Unschuld.

„Weil Sie da gerade Spuren beseitigen.“, erklärte Sabine Kerkenbrock und ging langsam auf sie zu. „Geben Sie mir bitte die Putzmittel.“, sagte die Beamtin, „die muss ich sicherstellen.“

„Aber wieso Spuren beseitigen?“, fragte Bianca Peper irritiert. Ihr gewaltiger Busen zuckte so sehr über ihrem hämmernden Herzschlag, dass man es auch auf einige Meter Entfernung erkennen konnte. Ihre grobporigen Pausbacken röteten sich und die Augen waren die eines zu Tode erschrockenen Kindes, wodurch ihre schulterlange, goldblonde Fönfrisur wie eine Schwebehaube als Bestandteil einer absurden Verkleidung wirkte. Sie begann sich zu rechtfertigen: „Sie waren doch gestern schon hier und haben alles abgesucht. Ich wollte jetzt nur die Fingerfarben zu Ende wegputzen, damit ist Bettina ja gestern nicht mehr fertig geworden.“

„Ist das wirklich das Erste, das Ihnen nach dem gewaltsamen Tod Ihrer Jugendreferentin einfällt?“, fragte Keller angeekelt.

„Wieso das Erste? Dann hätte ich das ja gleich gestern geputzt.“, verteidigte sich Bianca Peper.

„Das war ja kaum möglich.“, erinnerte sie Keller an die Tatsachen. „Wir waren ja hier. Und eigentlich dürften Sie immer noch nicht hier sein, weil das Dachgeschoss dieses Gemeindehauses nach wie vor versiegelt ist.“

„Aber das wusste ich nicht.“

„Das war ja kaum zu übersehen! Sie mussten das Siegel schließlich zerstören, um in die Spielwohnung zu gelangen.“

„Aber das habe ich gar nicht gesehen. Im Flur ist es total dunkel. Ich habe einfach die Tür aufgemacht und bin rein gegangen.“

„Wo waren Sie denn gestern zu dem Zeitpunkt, als Frau Wehmeier abstürzte?“

„Hier oben, auf der Toilette.“

„Wo war Frau Wehmeier, als Sie sie das letzte Mal sahen?“

„Sie turnte auf der Fensterbank herum. Ich habe noch gesagt, pass bloß auf Bettina, dass du nicht runter fällst, lass die Fenster von außen lieber vom Fensterputzer machen, aber Bettina meinte, dass sie nicht richtig sehen könnte, ob auch alles sauber ist von innen, wenn außen der ganze Dreck von den Bäumen klebt. Dann bin ich zur Toilette gegangen und als ich zurückkam, war Bettina nicht da. Ich bin nach unten ins Jugendcafé gelaufen und da schrien schon alle aufgeregt durcheinander und guckten aus dem Fenster. Simon und Carina waren schon direkt zu ihr hin gelaufen und haben einen Krankenwagen gerufen, aber der kam leider zu spät.“

„War denn sonst niemand im Raum, als Frau Wehmeier abstürzte?“

„Ich denke nicht, sie war wohl allein.“

„Wie lange waren Sie auf der Toilette?“

„Nur kurz.“

„Haben Sie auf die Uhr gesehen?“

„Nein.“

„Wir müssen Sie trotzdem bitten, uns aufs Präsidium zu begleiten.“, erklärte Kerkenbrock. „Wir brauchen eine DNA-Probe von Ihnen und außerdem die Kleidung, die Sie gestern getragen haben, dazu werden wir einen Beamten zu Ihnen nach Hause schicken. Ist da jemand, der uns die Kleidung aushändigen kann?“

„Ja, mein Freund ist da.“

„Der wird auch sicher wissen, was Sie gestern getragen haben.“

„Mir ist immer noch schlecht.“, sagte Kerkenbrock und nahm einen tiefen Zug aus ihrem Latte Macchiato-Becher.

„Glauben Sie von H-Milch mit Espresso wird das besser? Vielleicht sollten Sie sich lieber einen Kamillentee holen.“

„Quatsch, das ist ja mehr so eine Kopfgeschichte. Mit meinem Magen ist alles in Ordnung.“, erwiderte die junge Polizistin.

„An Totschlag im Affekt sollten Sie sich aber allmählich gewöhnen.“

„Es ist weniger die Tat, als das Motiv, das mir das Blut gefrieren lässt. Sie waren ja während des halben Verhörs draußen.“

„Dann erzählen Sie mir doch mal, was ich verpasst habe.“

„Also, nachdem Bianca Peper eingebrochen ist und unter unappetitlichen Schluchzern zugegeben hat, dass sie Bettina Wehmeier einen Stoß versetzt hat, der den tödlichen Sturz zur Folge hatte, brach das ganze Ungemach aus ihr heraus, das sie seit etwa zwölf Jahren mit sich herum schleppte. Als Wehmeier in die Gemeinde kam, war sie gerade achtzehn geworden, die Jugendreferentin war zehn Jahre älter und einerseits in einer Machtposition, andererseits aber auch noch jung, interessant und attraktiv genug, um einige der jungen Männer für sich zu interessieren. Bianca Pepers langjähriger Schwarm war der Jugendreferentin augenblicklich verfallen und die beiden begannen eine Affäre.“

„Wie alt war der Junge?“

„Neunzehn.“

„Also grenzwertig.“

„In der Tat. Tja, auf jeden Fall hatte Bianca Peper bis zu diesem Zeitpunkt das Gefühl gehabt, eine Heimat in der Jugendarbeit der Gemeinde gefunden zu haben, sie hatte Freunde, war anerkannt, übernahm immer mehr Verantwortung und damit auch die Leitung der Küche bei den Ferienspielen. Doch mit dem Wechsel der Leitung der Jugendarbeit wurde alles anders. Bettina Wehmeier machte ihr zunächst den Schwarm abspenstig und mischte sich dann immer mehr in Bianca Pepers Aufgaben ein. Peper leitete eine Kreativ-Gruppe, Wehmeier kritisierte die Wahl der Materialien und Methoden und drängte sich mit Vorschlägen auf. Bei den Ferienspielen wurde Peper zwar weiterhin in der Küche geduldet, aber auch hier bekam sie deutliche Kritik zu hören: zu wenig Gemüse, das falsche Salatdressing, zu viele Fertigprodukte, zu wenig vollwertig, nie war es gut genug, obwohl den Kindern das Essen schmeckte. Sie erzählte von Demütigungen in Form von barschen Zurechtweisungen vor der gesamten Mitarbeiterschaft, nicht Informieren bei privaten Unternehmungen, Insider-Gegiggel auf Kneipenabenden, bei dem sie immer das Gefühl hatte, man mache sich über sie lustig und Wehmeier war die treibende Kraft. Gestern kam es dann wohl zum Gipfel der Demütigungen: Beim Fensterputzen erklärte die Jugendreferentin der Ehrenamtlichen, sie werde für die Küche während der Ferienspiele eine Honorarkraft einstellen, die als professionelle Köchin in der Lage sei, ihren Ansprüchen an gesunde, kindgerechte Ernährung zu genügen und Peper könne sich überlegen, ob sie im pädagogischen Team mitarbeiten wolle, oder es vorziehe, einfach ihren Urlaub zu genießen. Es war ein Schlag ins Gesicht für Peper, hier war nämlich ihr wichtigster Anknüpfungspunkt an die Mitarbeiterschaft, und das pädagogische Team kam für sie nicht in Frage, weil sie mit der Zielgruppe nicht mehr auf Dauer zurechtkommt.“

„Was macht sie beruflich?“

„Sie arbeitet bei der Volksbank, steht unter enormem Druck und hat nicht mehr die Energie sich den Machtkämpfen auszusetzen, in die Kinder einen drängen, wenn man sie in einem Gruppenangebot täglich um sich schart. Aber sie würde gern weiterhin zum Team gehören, das sind ihre Freunde und nun gab ihr die Jugendreferentin einen Tritt in den Hintern. Sie fühlte sich in ihrer sozialen Existenz bedroht. Sie hat ihre Tat vermutlich als Notwehr empfunden.“

„Ich verstehe, warum Ihnen schlecht ist.“, kommentierte Keller das Gehörte. „Ist ja ekelhaft.“

„Vor wem der beiden ekeln Sie sich denn?“, fragte Kerkenbrock.

Keller grunzte. „Suchen Sie es sich aus.“

Glockenschlag

Zum Glück war es der Elektriker, der ihn fand: Peter Braun lag reglos auf der Kirchwiese, offensichtlich von seinem Aufsitzmäher gestürzt und jeder normale Mensch wäre von einem Schwächeanfall, einem Infarkt oder Gehirnschlag ausgegangen, aber Holger Pahmeier erkannte schon von weitem die Hinweise auf die Ursache der Bewusstlosigkeit des Küsters: Starkstrom. Es war ein schrecklicher Unfall. Für Sonntag zum Gemeindefest hatte Holger Pahmeier schon meterweise Kabel verlegt, damit das Stromnetz bei Hüpfburgbetreibung, Bühnentechnik und abendlicher Außenbeleuchtung nicht zusammenbrach. Nun war der Küster mit seinem Aufsitzmäher doch tatsächlich über das Starkstromkabel gefahren und hatte sich damit in eine andere Dimension begeben. Pahmeier kappte sofort die Verbindung und sicherte damit die Unfallstelle, dann verständigte er die Polizei.

Wenig später waren Kriminalhauptkommissar Stefan Keller und seine Kollegin Sabine Kerkenbrock von der Bielefelder Mordkommission an der Unfallstelle eingetroffen, denn es mutete seltsam an, dass das Kabel auf der Rasenfläche lag, hatte Pahmeier selbst es doch davon fern gehalten, weil er wusste, dass der Rasen noch gemäht werden musste.

Der Pfarrer schloss die Sakristei auf und zeigte den Beamten den Weg zu den Anschlüssen innerhalb der Kirche, so dass sie sich ein erstes Bild von der Gesamtsituation machen konnten. „Komischer Typ.“, dachte Kerkenbrock, „Hat was Selbstverliebtes an sich.“

In einem offenen Schrank bemerkte Keller im Vorbeigehen, dass dort einige Flaschen des Chablis standen, den er auch häufig trank. Er stieß Kerkenbrock in die Seite, wies auf die Weinvorräte und flüsterte: „Säuft hier der Pfarrer oder der Küster?“

„Die Gemeinde.“, erwiderte Kerkenbrock. „Das ist Abendmahlswein.“

„Ach so.“

Sie schlossen wieder auf und ließen sich weiter vom Pfarrer die Aufgaben des Küsters in der Kirche erklären, als Keller unvermittelt fragte: „Findet das Gemeindefest morgen denn wie geplant statt?“

„Nein das blasen wir natürlich ab. Das ist zwar schlimm für die Gruppen, aber wir können doch kein Fest feiern, wenn unser Küster bei den Vorbereitungen dazu ums Leben gekommen ist.“

„Und der Gottesdienst?“, erkundigte sich Kerkenbrock.

„Der findet selbstverständlich statt. Wir werden für Peter Braun beten und uns wie geplant als Gemeinde versammeln, aber danach gehen alle nach Hause.“

„Könnten Sie die Gottesdienstbesucher morgen bitten, da zu bleiben, damit wir uns mit möglichst vielen unterhalten können? Das würde uns eine Menge Arbeit ersparen.“

„Ja, natürlich, das lässt sich einrichten. Dann sollten wir unsere Beköstigung vielleicht doch wie geplant durchführen, denn dann müssen die Menschen ja sicherlich eine ganze Weile ausharren.“

Den Samstag verbrachten die Beamten mit Spurensicherung, Gesprächen mit den Angehörigen und Nachbarn des Küsters. Nirgends fanden sich Anhaltspunkte für einen möglichen Täter oder ein Motiv. Am Sonntag erschienen die Beamten zum Gottesdienst. Die Predigt des Pfarrers versetzte die Anwesenden in einen hypnoseartigen Dämmerzustand.

„…Ich erinnere noch einmal an den Kernsatz des Textes: ‚Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.‘ Nicht umsonst feiern wir in unserer Gemeinde immer noch jedes zweite Abendmahl mit richtigem Wein – mit besonders Gutem sogar, dem besten Chablis unseres örtlichen Weinhändlers. Ich sehe darin ein Symbol für die guten Früchte, die wir alle hervorbringen sollen, dadurch, dass wir uns nicht vom wahren Weinstock lösen, sondern mit ihm verbunden bleiben. Amen.“

„Endlich!“, stöhnte Kerkenbrock flüsternd. „Ich habe schon seit Ewigkeiten keine so schlechte und grottenlangweilige Predigt mehr gehört.“

„Schlecht war sie in der Tat.“, erwiderte Keller ebenso gedämpft, „aber am Ende wurde es richtig spannend.“

„Warum fanden Sie das denn spannend?“

„Weil ich eben das fehlende Puzzleteil bekommen habe, das mir noch für eine schlüssige Erklärung für den rätselhaften Tod des Küsters fehlte.“

Im Anschluss an den Gottesdienst verzogen sich Keller und seine junge Kollegin in eine diskrete Ecke. „Also“, sagte sie, „Raus damit. Was ist Ihnen klar geworden?“

„Der Pfarrer war‘s.“

„Wie kommen Sie darauf?“

„Haben Sie mitbekommen, wie er den Chablis lobhudelte, den er zum Abendmahl ausschenkt?“

„Einschenkt“

“Jetzt seien Sie doch nicht so kleinkariert lutherisch, Kerkenbrock. Er hat jedenfalls betont, das sei der beste Chablis vom örtlichen Weinhändler. Tatsächlich standen im Schrank in der Sakristei aber nur Flaschen eines Discounter-Chablis. Ich weiß das, den trinke ich auch immer, den gibt es häufig für 3,99 im Angebot.“

„Aber wo bitte erkennen Sie da ein Mordmotiv?“

„Ganz einfach: Der Pfarrer kauft Abendmahlswein für die Gemeinde beim Luxusweinhändler, rechnet alles ordnungsgemäß ab, kauft dann aus seinem privaten Etat den billigen Discounter-Wein, tauscht die Flaschen aus und stellt sich das edle Tröpfchen in den eigenen Weinkeller.“

„So ein Quatsch! Wissen Sie was ein Pfarrer verdient? Der kann sich doch einen guten Wein leisten.“

„Der verdient auch nicht mehr als ich und gerade unter den Besserverdienenden wimmelt es von Geizkragen, die überall sparen, damit sie sich am Ende noch mehr leisten können, um ihren Genuss zu vermehren oder anzugeben.“

„Auch wieder wahr. Aber das Motiv erkenne ich immer noch nicht.“

„Na, der Küster ist ihm drauf gekommen. Hat vielleicht genau wie ich gesehen, dass der Chablis im Schrank nicht der ist, für den er ausgegeben wird. Vielleicht hat er den Pfarrer zur Rede gestellt, vielleicht auch einfach nur ganz unschuldig seiner Verwunderung Ausdruck verliehen. Vermutlich dachte der Theologe, dass so ein bildungsferner Handwerker, wie Peter Braun einer war, sich mit Wein gar nicht auskennt. Wenn der ihn aber hätte auffliegen lassen, wäre er erledigt gewesen.“

„Das ist in der Tat ein Motiv. Und die Gelegenheit hatte er auch. Niemand wundert sich, wenn der Pfarrer um die Kirche herum lungert und wenn er ein Kabel im hohen Gras verschwinden lässt, denken alle, dass das schon seine Ordnung haben wird. Sterben konnte dabei nur derjenige, der den Aufsitzmäher fuhr. Was für ein eiskalter Plan.“

„Also, unterhalten wir uns jetzt mit dem Kämmerer?“

„Sie meinen mit dem Finanzkirchmeister?“

„Ja, meinetwegen und dann mit dem Elektriker und danach mit möglichst vielen Zeugen. Wir sollten Verstärkung anfordern. Ich will den Fall heute noch abschließen.“

„Warum das denn?“

„Hab‘ noch ‘ne Einladung zum Kaffeetrinken.“

Endstation Apfelbaum

Den BMW hatte es vollkommen zerlegt. „Merkwürdiger Sozialarbeiter.“, überlegte Keller, der im schwarzen BMW zur Arbeit fährt.“

„Das Milieu färbt ab.“, erwiderte Konstanze Flegel. „Übrigens erkenne ich spontan nichts Auffälliges an der Leiche, außer dass er genauso zertrümmert ist wie sein Auto. Ich vermute, er hat das hier alles nicht mehr ertragen und voll auf den Baum zugehalten, man sieht ja keine Bremsspuren. Vielleicht waren auch Drogen im Spiel.“

„Wann weißt du mehr?“, fragte Keller.

„Frühestens Morgen.“

Im Jugendzentrum herrschte Betroffenheit. „Sind das etwas alles Christen?“, raunte Keller seiner Kollegin Kerkenbrock zu, denn die Anwesenden machten auf ihn einen türkischstämmigen Eindruck und bei dieser Einwanderergruppe waren Christen eine absolute Rarität.

„Woher soll ich das wissen? Vermutlich sind sie Muslime oder vielleicht Jesiden. Das ist in so einem Jugendzentrum doch egal.“

„Aber ist es nicht in kirchlicher Trägerschaft?“

„Na und?“

„Haben die Eltern da keine Angst, dass ihre Kinder missioniert werden?“

„Vielleicht in Gemeindehäusern, wo der CVJM wöchentlich Bibelkreise abhält, aber doch nicht hier. Das ist ein Haus der offenen Tür, bestimmt überwiegend von der Stadt finanziert. Das interessiert hier vermutlich niemanden, ob das Haus von der Kirche ist oder von der AWO. Hier gibt es ja nichts Anderes und irgendwo müssen die Jugendlichen schließlich hin.“

Ein dunkelhaariger Mann mit eindrucksvollen Trainingserfolgen im Bereich der Oberkörper-Muskulatur kam auf die Beamten zu.

„Sind Sie die Polizei?“, fragte er.

„Ja. Kriminalhauptkommissar Stefan Keller und das ist meine Kollegin Sabine Kerkenbrock. Und Sie sind?“

„Emre Ҫakal.“

„Arbeiten Sie hier?“

„Ja, ich mach' hier Theke, aber nur für Taschengeld. Morgen muss ich wieder Job-Center gehen.“

„Sie kannten Martin Unger?“

„Klar. Alle hier kannten Martin. Wir sind alle voll geschockt, dass das passiert ist. Martin ist immer voll vorsichtig gefahren und hat auch keinen Scheiß gemacht. Der hätte sich nie besoffen oder bekifft ans Steuer gesetzt. Das muss irgendwie ganz dumm gelaufen sein oder da hat einer nachgeholfen.“

„Halten Sie es nicht für möglich, dass er seinem Leben selbst ein Ende setzen wollte?“

„Sie meinen, ob er sich umbringen wollte?“

„Ja, genau.“

„Nee, Martin doch nicht. Der wollte morgen in Urlaub fahren, hat der sich voll drauf gefreut.“

„Haben Sie denn einen konkreten Verdacht, wer da nachgeholfen haben könnte?“

„Nee, weiß ich nicht.“

„Hatte er keine Feinde?“

„Doch, Fedder. Also hat er nicht drüber geredet, aber hab ich mal mitgekriegt als er mit Julia im Büro saß und sich aufgeregt hat.“

„Wer ist Julia?“

„Die arbeitet auch hier. Ist aber noch nicht da.“

„Worüber hat er sich denn aufgeregt?“

„Irgendwie ging es um „RAN“, das ist ein Projekt, da mach' ich auch mit, damit wir bessere Chancen haben, irgendwo genommen zu werden, wenn wir arbeiten wollen. Martin hatte irgendwann die Idee, hat alles organisiert und so. Dann kam Murat dazu, der macht auch was mit uns, das ist einer, der hat es echt geschafft und dann hat Fedder sich wohl überall eingemischt, immer seine Fresse in die Kamera gehalten, wenn einer von der Zeitung da war und Murat rausgeschmissen hat er auch.“

„Wer ist Fedder?“

„Der Boss von dem Projekt.“

„Aber hat das nicht Unger entwickelt?“

„Ja, schon, aber dafür braucht man ja Kohle und der Fedder, der ist wohl nicht der Boss von Martin, aber der Boss von Murat oder jetzt von Jochen, aber Jochen ist scheiße, der bringt's voll nicht. Und Der hat den Job wohl nur gekriegt, weil Fedder sein Schwager ist.“

„War das allen bekannt?“

„Auf jeden Fall wusste Martin Bescheid.“

„Dieser Fedder hat auf jeden Fall ein wasserdichtes Alibi.“, beklagte Kerkenbrock sich enttäuscht.

„Er muss ja nicht selbst an den Bremsen manipuliert haben.“, überlegte Keller. „So ein Sesselpupser wie der ist dazu vermutlich auch gar nicht in der Lage. Bestimmt gibt es unter den harten Jungs im Jugendzentrum den einen oder anderen, der noch eine Rechnung mit Unger offen hatte und den hat er angeheuert.“

„Dazu müsste er Kontakt zu den Jugendlichen haben, aber dafür ist er sich sicher zu fein. Der stellt sich effektvoll aufs Foto und weiß hinterher nur, wer neben ihm stand, weil die Presseleute das unters Foto geschrieben haben. Aber vielleicht kennt er jemanden, der jemanden kennt...“

Zufrieden zündete Jan-Hendrik sich eine Zigarette an. Die Polizei ermittelte also in Richtung Diakonie, bestenfalls noch unter den Schwarzköpfen im Jugendzentrum. Tja, so musste es Martin gehen: Wer sich immer wieder betont von der Kirchengemeinde distanzierte, der musste sich nicht wundern, wenn er nicht mehr mit ihr in Verbindung gebracht wurde. Jetzt würde bald ein anderer Wind wehen. Julia würde sich auch an einen völlig anders gestrickten Kollegen anpassen, die wollte einfach nur ihre Ruhe haben. Mit Murat, das hatte ja auch schon reibungslos funktioniert, seit Jochen da war, wehte auch bei dem Erfolgsprojekt ein anderer Wind. Er hätte Martin ja auch gern was angehängt, damit man ihn raus warf, aber der war einfach viel zu sehr auf der Hut gewesen. Musste er eben den finalen Abgang machen, das hatte er jetzt davon. Und wer kam schon darauf, dass einer, der am Wochenende an seinem Modellauto bastelt, sich auch mit großen Motoren auskennt, wenn er doch die Woche über am Schreibtisch sitzt? Wenn sie überhaupt einen dingfest machen würden, dann einen von den verfluchten Schwarzköpfen, am besten gleich den ganzen Haufen und dann würde hier vielleicht endlich mal wieder so etwas wie Gemeindejugendarbeit entstehen.

Konstanze Flegel betrat das Büro der Kriminalkommissare. „Die haben bei der KTU was Unglaubliches gefunden: Im Motorblock steckte ein Stofftaschentuch. Ist noch nicht ganz verkohlt und jede Menge Rotz drin, aus dem ich die DNA isolieren kann.“

Keller stöhnte genervt und sagte dann: „Ohne Ermittlungsansatz ist das aber die berühmte Nadel im Heuhaufen. Außerdem war der Mörder entweder ein totaler Idiot, dass er sein Taschentuch vergessen hat oder er hat gezielt das Taschentuch eines Anderen platziert, um den Verdacht auf ihn zu lenken.“

„Wer rechnet denn damit, dass von der Rotzfahne was übrig bleibt?“, fragte Kerkenbrock unwirsch.

„Gibt's ein Monogramm?“, erkundigte sich Keller.

Konstanze Flegel blickte ihn ungläubig an: „Sind wir Teil eines sechziger Jahre-Krimis?“

„Hätte ja sein können. Aber wer benutzt heute noch Stofftaschentücher?“

„Ein paar Nerds und vermutlich adrette, unauffällige Reaktionäre“, überlegte Kerkenbrock. „die sich nach den guten alten Zeiten sehnen, ihre Bakelit-Lichtschalter bei Manufactum bestellen und heimlich AfD wählen.“

„Meinen Sie, solchen Vögeln wäre Unger ein Dorn im Auge?“, fragte Keller.

„Aber ganz bestimmt. Die wollen Konfirmanden-Gruppen in ihrem Jugendzentrum sehen, keine perspektivlosen, kirchenfernen Jugendlichen, schon gar nicht solche aus einem anderen Kulturkreis.“

„Aber ist die Suche da nicht auch uferlos?“

„Nicht unbedingt. Wir fangen beim Kern der Kirchengemeinde an: Pfarrer und Presbyterium und arbeiten uns dann in konzentrischen Kreisen immer weiter nach außen vor, aber vielleicht wird das gar nicht nötig sein und wir werden schon am Anfang fündig.“

Keller streckte sich so gut es eben ging auf dem Beifahrersitz aus. Er war eine ganze Stunde bei der Kriminaltechnik gewesen und hatte sich eingehend mit den Spuren am Autowrack beschäftigt. „Zu wem fahren wir jetzt eigentlich?“, fragte er seine junge Kollegin. „Ich habe Sie die ganze Zeit machen lassen und bin gar nicht im Bilde. Haben Sie das Presbyterium zusammen getrommelt?“

„Nein, wir suchen zuerst den Jugendpresbyter auf, der wird sicher mehr wissen als alle anderen.“

„Und wie heißt der?“

„Jan-Hendrik Ohlendorf.“

Sommer 2015 – abgeschlossener Kurzkrimi

Luft! Schnell Luft ansaugen, bevor die Gelegenheit vorbei ist. Die Lungen schmerzen, es gurgelt in der Brust. Schon wieder vorbei. So kalt. Gleich platzt der Kopf. Überall Hammerschläge, an den Schläfen, im Hals, in der Brust. Innen ist es heiß, außen kalt, dazwischen Kribbeln. Kann nicht mehr zwischen Brennen und Eiseskälte unterscheiden. Kann nicht mehr. Muss atmen. Kalter Schmerz. Dunkelheit.

Ich schrecke auf. Ich bin noch da. Alles ist nass. Aber hier ist kein Wasser. Ich kann tief durchatmen, da gurgelt auch nichts. Die Dunkelheit weicht schemenhaften Umrissen: über mir gleichförmiges Grau, wohl wegen der Dunkelheit, bei Tageslicht ist es weiß. Da sind Stangen und kompakte Klumpen. Neben mir weiche, unförmige Haufen, die sich minimal bewegen. Ich atme auf. Ich liege im Zelt, neben mir Marek und Malte, da stehen unsere Taschen. Wir sind in Schweden, in dem Land, in dem am wenigsten in ganz Europa Kinder misshandelt werden, darum gibt es hier auch insgesamt weniger Gewalt, auch wenn die skandinavischen Krimis den Eindruck machen, die Nordmänner würden sich alle gegenseitig aufs Abscheulichste dahin meucheln. Nein, diese Kirchenfreizeit ist einer der sichersten Orte der Welt – solange man nicht in das Visier eines Breivik gerät.

Doch was war das? Da rührt sich etwas im See. Im Februar haben wir eine Horrorfilmnacht gemacht: „Freitag der Dreizehnte“. Wir hatten keine Angst, so ein Schwachsinn, so etwas passiert nicht, das denken sich nur kranke Köpfe aus. Es plätschert wieder. Sicher gehen die Mitarbeiter zum Mondschein-Schwimmen. Ja, das wird es sein. Und die Nachtwache ärgert sich, dass sie nicht mitmachen kann. Ich schließe die Augen. Reiße sie wieder auf. Das klingt nicht wie fröhliches Planschen, das klingt nach Todeskampf. Ich schäle mich aus dem Schlafsack. Scheiße, ich bin nicht nur nass geschwitzt, ich habe mir in die Hosen gepisst. Verdammt! Ich schnappe mir die Decke, die zwischen Plane und Luftmatratze liegt, damit die Matratze auf der Plane nicht so quietscht und knatscht. Ist dick, die Wolldecke, da riecht man hoffentlich nichts und wenn ich ins Wasser springen muss, um wen auch immer zu retten, ist danach alles ausgewaschen. Also nichts wie raus aus dem Zelt. Auf dem Platz brennt das Lagerfeuer. Da sitzt die Wache. Die Flammen beleuchten sein Gesicht, es ist Marco. Ich gehe langsam auf ihn zu. Marco wirkt ganz entspannt. Er sieht mich an: „Leon, was ist los?“, fragt er.

„Da plätschert was. Hast du das nicht gehört?“

„Cora und Selina. Die Schwimmen. Aber sag‘s keinem weiter. Bist du davon etwa aufgewacht?“

„Nee. Ich hab‘ schlecht geträumt.“

„Setz dich ans Feuer und erzähl. Mir is‘ langweilig.“

Ich bin dem Traum noch immer nicht vollständig entkommen. Ich beschreibe genau, woran ich mich erinnere. Marco sagt kein Wort. Während ich erzähle, werden die Bilder immer klarer: „Etwas hält mich, ich meine jemand. Er drückt meinen Kopf unter Wasser. Ich kann nicht hoch, er ist stärker als ich. Das Wasser steht nicht, es rauscht. Etwas drückt kalt und hart gegen meine Brust. Alles ist weiß. Und immer wenn ich denke, jetzt hört es auf, geht es wieder von vorne los. Ich sehe die Jeans von einem. Jedes Mal wenn der zuckt, kommt kurz danach das Wasser.“

Marco sitzt da wie versteinert. Das einzige, was sich bewegt ist sein Brustkorb. Ich höre seinen hektischen Atem. Er war die ganze Zeit still. Jetzt starrt er mich an, sagt immer noch nichts.

„War nur’n scheiß Alptraum.“, sage ich und blicke ins Feuer.

„Nee.“, sagt Marco. „War nicht nur ‘n scheiß Alptraum. War 2005.“

„2005?“

„Euskirchen, Kinderfreizeit. Da warst du doch auch mit.“

„Ja, klar.“

„Und Marcel. Marcel Behneke.“

„Oh Scheiße, ja. Die alte Ratte.“

„Genau.“

„Meinst du, der hat mich im Freibad gedöppt?“

„Nicht im Freibad.“

„Wo dann?“

„Vergiss es. Ist bestimmt besser, wenn du es nicht mehr weißt.“

Ich sehe es genau vor mir. Ich habe den Geruch wieder in der Nase, höre das Rauschen, bekomme keine Luft, die gleiche Todesangst. Ich kralle mich an Marco fest: „Verdammt!“, zische ich. „Jetzt sag mir endlich, was du weißt. Was ist in Euskirchen passiert?“

„So genau weiß das keiner.“, antwortet Marco erschrocken. „Wir haben dich gefunden, neben der Kloschüssel, bewusstlos und mit nassem Kopf. Thorben hat dich geschüttelt und da bist du wieder zu dir gekommen. Wir waren alle sicher, dass Marcel dahinter steckte, aber wir konnten es ihm nicht beweisen. Und nach dem, woran du dich erinnerst, müssen sie ja mindestens zu zweit gewesen sein.“

„Ihr habt nichts gemacht?“

„Was sollten wir denn machen? Wir wussten doch gar nicht was passiert war. Hätte ja auch sein können, dass du dich selbst im Klo ertränken wolltest. Du wusstest nicht einmal mehr, wie du da hingekommen warst.“

„So ein Schwachsinn! Mich selbst im Klo ertränken.“

„Du glaubst nicht, zu was für Schwachsinn manche Kinder fähig sind. Außerdem warst du danach wieder ganz normal und es ist auch nichts mehr vorgefallen.“

„Wer hat denn damals die Freizeit geleitet?“

„Lena.“

„Ach ja, stimmt, jetzt weiß ich’s wieder. Was hat die denn dazu gesagt?“

„Die hat das gar nicht mitgekriegt.“

„Wie kann man so was nicht mitkriegen?“

„Die hat gerade ein Waldspiel vorbereitet, als wir dich gefunden haben und irgendwie hatten wir Schiss, dass die uns voll ans Kreuz nagelt, weil wir nicht auf dich aufgepasst haben, da haben wir lieber die Klappe gehalten. An dir war ja noch alles dran.“

NW Samstag, 17. Oktober 2015

Bielefeld.

In der Nacht von Donnerstag auf Freitag haben zwei brutale Gewalttäter einen Jugendlichen im Bereich des neuen Bahnhofsviertels brutal zusammengeschlagen. Sie rangen das Opfer mit Fausthieben zu Boden, rissen ihm dann die Kleider vom Leib und ritzten mit einer Glasscherbe Wunden in Form obszöner Bilder und Begriffe in Brust, Bauch und Rücken. Als eine Gruppe jugendlicher Passanten auf die Szene aufmerksam wurde und sich ihnen rufend näherte, ließen sie von ihrem Opfer ab und ergriffen die Flucht. Mit Hilfe von Handy-Aufnahmen konnten die bereits polizeibekannten Täter schließlich kurze Zeit später gestellt werden. Dario S. 20 und Marcel B. 19 befinden sich zurzeit in Untersuchungshaft. Beide fielen schon in der Vergangenheit durch Gewaltdelikte auf, jedoch bisher nicht in diesem Ausmaß. Auf die Frage nach dem Tatmotiv äußerte sich nur der 19-Jährige. Es habe sich um Kunst gehandelt, sie hätten nur ein schönes Bild malen wollen und das Opfer ein wenig betäubt, damit es still hielt. Ausgewählt hätten sie ihn, weil er so einen schönen, großflächigen Oberkörper gehabt habe und sie außerdem verächtlich betrachtet hätte. So etwas lasse er sich nicht mehr bieten.

Ich träume wieder von Marcel. Aber er steckt meinen Kopf nicht mehr in die Kloschüssel. Er hält eine blutige Glasscherbe in der Hand und grinst verzückt meinen Oberkörper an. Ich blicke an mir herunter und sehe die Zeichnung eines Phallus auf meinem Oberkörper, aus dem Blut sickert.

„Ich fick dich, Leon.“, sagt er, „Und ich höre nie mehr damit auf.“

Ein Pfarrer verschwindet

„Rüdiger Sornig“ stand in großen Lettern auf dem Flip-Chart. Darunter sammelte Kriminalkommissarin Sabine Kerkenbrock Stichworte wann, wo und von wem zuletzt gesehen, allgemeiner Gemütszustand, Feinde, Geheimnisse.

„Die Familie haben wir letzte Woche ja nun wirklich schon genug malträtiert.“, sagte sie, „Aber vielleicht findet sich ein Hinweis an seinem Arbeitsplatz.“

„Welchen Arbeitsplatz meinen Sie, Kerkenbrock?“, fragte Kriminalhauptkommissar Stefan Keller unwirsch, „Die Kanzel, das Gemeindehaus, das Pfarrbüro oder das Kreiskirchenamt?“

„Ich spreche nicht von Steinen, Sie alter Erbsenzähler, ich spreche von Menschen. Wir müssen alle befragen, die sich in der Kirchengemeinde auskennen: Verwaltungsfachkraft, Kirchenmusik, Kirchmeister, Vorsitzende der Frauenhilfe, Jugendmitarbeiter...“

„Hören Sie bloß auf! Ich habe dieses Christenpack zum Kotzen satt. Wahrscheinlich ist der Pastor beim Nacktbaden im Baggersee ertrunken und taucht in wenigen Tagen oder Wochen als schmucke Wasserleiche wieder auf.“

„Dann müssen wir ihn doch aber trotzdem suchen.“

„Nicht wir. Die Vermisstenstelle. Wir sind die Mordkommission.“

„Aber wir müssen doch zumindest prüfen...“

„Falsch! Die Vermisstenstelle muss prüfen. Wenn die einen deutlichen Hinweis auf Mord finden, können sie den Fall an uns weiterreichen. Aber Köhnemann ist wie eh und je unfähig, darum hat Matzek uns den Fall übertragen, denn Pfarrer gehen nicht mal eben Zigaretten holen. So hat er es jedenfalls ausgedrückt.“

„Also müssen wir doch ermitteln.“

„Ja, müssen wir. Am besten wir klappern heute Vormittag Gemeindebüro, Küster, Kirchenmusik und Kreiskirchenamt ab und begeben uns nachmittags und abends ins Gemeindehaus; vorausgesetzt, da treffen sich welche.“

Im Kreiskirchenamt wusste man wenig über Rüdiger Sornig zu sagen. Er sei ganz normal, sagten die Verwaltungskräfte, wie ein Pfarrer eben normal sein könne. Etwas kauzig vielleicht, mehr so ein Künstler, denn ein Seelsorger, manchmal sei es schwierig, ihm Verwaltungsabläufe klar zu machen, an die auch er sich halten müsse. Aber er sei immer freundlich, immer angemessen im Umgang.

Die Superintendentin schätzte ihn als verlässlichen Kollegen, der auch theologisch eine Menge drauf habe. Sie könne sich sein Verschwinden nicht erklären, ihm müsse etwas zugestoßen sein.