Rache für Dina - Cristina Fabry - E-Book

Rache für Dina E-Book

Cristina Fabry

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Beschreibung

Der Superintendent des evangelischen Kirchenkreises Minden wird ermordet und genital verstümmelt in seinem Büro aufgefunden. Eine aufgeschlagene Bibel verweist auf ein mögliches Motiv - oder auch eine gezielte Irreführung. Kommissar Stefan Keller von der Bielefelder Mordkommission nimmt die Ermittlungen auf. Gemeinsam mit seiner jungen Kollegin, die ihm ein wenig auf die Nerven geht, blicken sie wider Willen in die Abgründe des Kirchenkreises und seiner Gemeinden: verhuschte Jugendreferenten, realitätsferne Theologen, verängstigte Verwaltungsfachangestellte, größenwahnsinnige Presbyter und überall vermeintlich dunkle Geheimnisse. Die erscheinen umso düsterer, als nach uferloser Suche nach einem Ermittlungsansatz der nächste Mord geschieht.

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Seitenzahl: 615

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Cristina Fabry

Rache für Dina

Kriminalroman

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

1.Kreiskirchenamt Minden – Superintendentur

2. Kreiskirchenamt Minden – Superintendentur

3. Neesen, Porta Westfalica

4. Nordhemmern

5. Minden – Hahlen

6. Kreiskirchenamt Minden

7. Arche-Noah-Kita – Minden

8. Kreiskirchenamt Minden

9. Kreispolizeistelle Minden

10. Evangelisches Gemeindehaus Holzhausen II

11. Minden – In den Bärenkämpen 14

12. Kreiskirchenamt Minden

13. Minden – Arche-Noah-Kita

14. Minden – In den Bärenkämpen 14

15. Kreiskirchenamt Minden

16. Irgendwo im Kirchenkreis

17. Kirchenkreis Minden – Jugendreferat

18. Unterwegs zum Kreiskirchenamt Minden

19. Pfarr- und Gemeindehaus Holzhausen II

20. Kreiskirchenamt Minden

21. Minden – In den Bärenkämpen 14

22. Minden-Hahlen – Stoppelkamp

23. Café Corinthe – Minden, Königstraße

24. Gemeindehaus Oberlübbe

25. Arche-Noah-Kita

26. Hahler Friedhof

27. Minden – in den Bärenkämpen 27

28. Kreiskirchenamt Minden

29. Irgendwo im Kirchenkreis

30. Kreiskirchenamt Minden

31. Hille – Evangelische Pfarrkirche

32. Neesen, Pfarrhaus

33. Kreispolizeistelle Minden

34. Arche-Noah-Kita – Minden

35. Kreiskirchenamt Minden

36. Evangelisches Gemeindehaus Holzhausen II

37. Evangelisches Gemeindehaus Holzhausen II

38. Kreiskirchenamt Minden

39. Holzhausen II, Holzhauser Damm 39

40. Kreispolizeistelle Minden

41. Irgendwo im Kirchenkreis

42. Evangelisches Gemeindehaus Holzhausen II

43. Nordhemmern, an der Kapelle 5

44. Minden – Steinstraße 18

45. Minden-Hahlen – Hotel Hahler Hof

46. Nordhemmern – Nordhemmer Straße 132

47. Evangelisches Pfarrhaus Holzhausen II

48. Polizeipräsidium Bielefeld

49. Kreiskirchenamt Minden

50. Kreispolizeistelle Minden

51. Café Corinthe

52. Minden, Hahlen

53. Evangelisches Gemeindehaus Holzhausen II

54. Minden – In den Bärenkämpen 14

55. Irgendwo im Kirchenkreis

56. Nordhemmern – Nordhemmer Straße 132

57. Nordhemmern – Nordhemmer Straße 136

58. Kreispolizeistelle Minden

59. Minden – In den Bärenkämpen 14

60. Polizeipräsidium Bielefeld – eine Woche später

Impressum neobooks

1.Kreiskirchenamt Minden – Superintendentur

Sie hielt einen Augenblick inne. Die Klinke hatte sie noch in der Hand. Egal, er konnte die Verträge später unterschreiben. Sie musste noch das Protokoll zuende schreiben. Ihre Hand löste sich von der Klinke und sie ging wie ferngesteuert zurück in ihr Büro.

„Aber er ist doch vor einer Viertelstunde noch da gewesen.“, dachte sie. „Ach ja. Vermutlich aufs Klo gegangen.“

Sie stellte das Diktaphon wieder an, um das Protokoll abzuschließen, da schoss ihr ein Bild durch den Kopf: ein Fuß. Neben dem Schreibtisch. Derjenige, der zu dem Fuß gehörte, musste dahinter liegen. „Oh Gott!“, stöhnte sie und sprang auf. „Er ist zusammengebrochen. Kein Wunder bei dem Stress.“

Sie rannte zurück in das Zimmer ihres Chefs. Als sie durch die Tür stürzte, lag der Fuß immer noch an derselben Stelle. Mit wenigen Schritten war sie hinter dem Schreibtisch. Ihr bot sich ein unfassbares Bild. Es brannte sich augenblicklich in ihr Gedächtnis ein. Und dann schrie sie, so sehr, dass man glaubte, sie wolle das Bild damit fort scheuchen, die Tatsache ungeschehen machen, die Erinnerung auslöschen. Sie sollte es niemals vergessen.

2. Kreiskirchenamt Minden – Superintendentur

„Ist die KT schon lange da?“, fragte Keller und schüttelte sich den Schnee von der Jacke. „Halbe Stunde vielleicht.“, entgegnete der junge Polizist, der den Eingang zur Superintendentur sicherte.

Keller grunzte, statt sich für die Information zu bedanken und betrat den Tatort. Er hatte schon viel gesehen, aber dieser Anblick veranlasste ihn, sich ein Taschentuch vor den Mund zu pressen. Hinter dem Schreibtisch lag eine Männerleiche: ein hagerer Typ, vielleicht Ende Fünfzig. Er lag halb auf der Seite, halb auf dem Rücken, weil die Mord-waffe, die ihm von hinten in den Oberkörper getrieben worden war, noch steckte und so eine entspannte Rückenlage verhinderte. Soweit war der Anblick ganz gewöhnlich. Ungewöhnlich war allerdings, dass man ihn an den Genitalien entblößt und verstümmelt hatte.

„Kannst du schon was sagen, Konstanze?“, fragte er die Medizinerin von der Kriminaltechnik.

„Todeseintritt vielleicht vor etwa zwei Stunden. Vermutlich wurde er von hinten erdolcht. Er

war nicht sofort tot, daher das viele Blut. Der Täter hat ihm dann die Hosen herunter gezogen und ihn auf den Rücken gedreht oder zuerst gedreht und dann entblößt und mit einem Teppichmesser das Präputium entfernt.“

„Das was?“

„Das Präputium, die Vorhaut. Er hat ihn beschnitten, wie in der jüdischen und islamischen Kultur üblich. Er hat das Messer und das Amputat hier fein säuberlich auf dem Schreibtisch arrangiert.“

Keller erblickte ein blutiges, ringförmiges Etwas, sowie ein ebenso blutverschmiertes Teppichmesser effektvoll auf der Seite einer aufgeschlagenen Bibel platziert. Er beugte sich darüber und las: „Genesis – 1. Mose 34.“ Die Spitze des Messers zeigte auf eine Überschrift: „Die Schandtat an Dina und das Blutbad zu Sichem“.

Er notierte die Bibelstelle. Das klang doch verschärft nach Rachemotiven: Vergewaltigung, Genitalverstümmelung und für den Theologen extra biblisch unterfüttert.

Keller ging vor die Tür und fragte den jungen Kollegen: „hat schon jemand mit der Person gesprochen, die die Leiche gefunden hat?“

„Die Kollegen von der Streife. Aber die Frau war ganz aufgelöst. Sie haben ihr erst einmal was zu Trinken besorgt und jemanden geholt, der sie beruhigt.“

„Na ja, an Notfallseelsorgern wird es denen hier ja nicht mangeln. Wo bleibt eigentlich die Kerkenbrock? Die hat das Einfühlsame und Trost Spendende besser drauf als ich.“

„Die hat heute Überstunden frei und ist auch weiter weg gefahren.“, antwortete der junge Polizist.

„Na super.“, knurrte Keller. „Und wo ist jetzt die Zeugin?“

Der Polizist machte eine Kopfbewegung in die entsprechende Richtung. „Da drin. Schluchzt noch. Hat 'ne Pastorin zum Händchen halten.“

„Na, dann will ich mal. - Ach ja, Name des Toten, Verwandte, Liste mit anderen Zeugen und so weiter hätte ich gern umgehend schriftlich.“

„Ist schon alles in Arbeit.“

Keller nickte anerkennend, klopfte an die Tür und betrat den Raum, in dem Norbert Volkmanns Sekretärin saß und zitternd die Hand einer Pfarrerin hielt.

„Entschuldigen Sie bitte“, Keller trat vorsichtig näher. „Mein Name ist Stefan Keller. Ich ermittle in diesem Fall. Wer von Ihnen beiden hat den Verstorbenen aufgefunden?“

„Ich“, schluchzte die Sekretärin mit erstickter Stimme.

„Und Sie sind...“

„Elisabeth Attig. Ich bin Verwaltungsfachangestellte und persönlich Herrn Superintendent Volkmann zugeteilt.“

Sie brach wieder in Tränen aus, unfähig, weiter zu sprechen. Keller setzte sich und betrachtete die weinende Frau. Sie war schätzungsweise in den Fünfzigern, trug graue Bundfaltenhosen aus Wollstoff mit Bügelfalte und dazu eine cremefarbene Chiffonbluse mit überdimensionaler Schleife, die ihre gewaltige Oberweite unvorteilhaft überbetonte. Ihr ausladendes Becken stand in einem absurden Missverhältnis zu ihren schmalen Füßen, die in altmodischen Lackpumps steckten. Sonst war sie eher grobknochig und hoch gewachsen. Das vermutlich gefärbte, nussbraune Haar war in einer voluminösen, schulterlangen Betonfrisur erstarrt. Ihr perlrosa Lippenstift, der perfekt zum Nagellack passte, war verschmiert und auch das Augen-Make-up hatte hässliche Ringe gebildet. Tränenrinnsale hatten sich durch die pudrige Tagescreme ihren Weg gebahnt. „Wenn sie sich jetzt selbst sehen könnte, würde sie vor ihrem eigenen Spiegelbild erschrecken.“, dachte Keller.

„Frau Attig, ich weiß, das ist alles sehr schlimm für Sie, aber in einem Mordfall müssen wir so schnell wie möglich ermitteln, nur so haben wir eine Chance, die Umstände aufzuklären. Wann haben Sie Herrn Volkmann zum letzten Mal lebend gesehen?“

„Etwa eine Viertelstunde bevor ich ihn gefunden habe.“

„Wann genau war das?“

„Ich weiß nicht. Aber nur wenige Minuten, nachdem ich ihn gefunden habe, hat doch Herr Werner die Polizei gerufen.“

„Also etwa zwanzig Minuten vor dem eingegangenen Anruf. Das grenzt die Tatzeit enorm ein. Frau Attig, haben Sie mitbekommen, dass in dieser Zeit zwischen Ihrer letzten Begegnung mit Herrn Volkmann und dem Moment, wo Sie ihn tot aufgefunden haben, jemand bei ihrem Chef im Zimmer war?“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich war damit beschäftigt, ein Protokoll zu schreiben, das mir Herr Pfarrer Volkmann auf das Diktiergerät gesprochen hatte. Ich habe nichts gehört.“

Keller wandte sich an die Pfarrerin: „Waren Sie zur Tatzeit hier im Haus?“

Die Pfarrerin schüttelte den Kopf. „Nein, als ich herkam, war Frau Attig schon ganz außer sich, und unser Verwaltungsleiter hat mich gebeten, mich ihrer anzunehmen. Aber auch, wenn ich hier gewesen wäre: Es ist sehr unwahrscheinlich, dass man mitbekommt, wer hier ein- und ausgeht. Das ist hier kein besonders gesichertes Gebäude. Wir sind ja normalerweise kein Ziel für Überfälle oder Anschläge.“

„Aber die Leute, die an der Pforte sitzen...“

„Die sind viel zu beschäftigt.“, unterbrach die Pfarrerin ihn. „Sie sitzen zwar an der Pforte, müssen von da aus aber ganz normale Verwaltungsaufgaben erledigen. Jeden Tag ist ein anderes Team dran. Das ist der Fluch der Rationalisierung.“

„Kannten Sie Herrn Volkmann gut?“, fragte er die Pfarrerin.

„Wie man seinen Chef eben so kennt. Das heißt, er war vorher Pfarrer in Hartum, da sind wir uns gelegentlich bei der Pfarrkonferenz begegnet. Aber ich hatte kaum Kontakt zu ihm; ich bin Pfarrerin in Neesen und Lerbeck, ganz andere Richtung“, sie räusperte sich, „auch theologisch.“

„Sagen Sie mir auch Ihren Namen?“, bat Keller sie.

„Margarethe Vormbrock.“

Keller bedankte sich. „Das war's fürs Erste. Ich werde aber sicher noch mehrfach auf Sie zukommen. Das heißt, warten Sie, hat eine von Ihnen zufällig einen Verdacht oder eine Idee, um welches Motiv es sich handeln könnte?“

„Unsinn!“, stieß Frau Attig hervor. „Er war ein herzensguter Mensch, ein ganz wunderbarer Vorgesetzter und er hat so hart gearbeitet.“

„Also einen konkreten Verdacht habe ich auch nicht.“, setzte Frau Vormbrock hinzu. „Aber Motive gab es wohl eine Menge. In einem Kirchenkreis geht es ja auch immer um Verteilung von Geld, Durchsetzung neuer Ideen, Wahrung von Privilegien. Na ja, und ein Chef stößt selten nur auf Gegenliebe. Manche Kollegen sind nicht besonders gut auf ihn zu sprechen und auch die Nicht-Theologen unter den kirchlichen Mitarbeitern hatten schon die eine oder andere heftige Auseinandersetzung mit ihm.“

„Könnten Sie da etwas konkreter werden?“, fragte Keller interessiert.

„Ach, da gibt es in jeder Gemeinde irgendwelche Ärgernisse. Bei uns war es beispielsweise der Küster, der mit ihm auf Kriegsfuß stand. Nicht, dass er persönlich mit ihm aneinander geraten wäre, aber er schimpfte oft auf die Kirchenkreis-Leitung, weil von dort neue Richtlinien heraus gegeben worden waren, Zeitbudgetierung für Küsteraufgaben. Unser Küster hat neben den Gemeindehäusern und Kirchen in Neesen und Lerbeck auch noch einen Teil der Pflege der Außenanlagen in Meißen dazu bekommen. Da, wo Küster ausscheiden, wird nicht wieder besetzt und die Arbeit statt dessen auf die verteilt, die noch im Amt sind. Gehalt und Gesamt-Zeitkontingent bleiben aber unverändert. Das verursacht natürlich Stress und macht die Leute unzufrieden.“

„Aber glauben Sie, dass jemand wegen so etwas töten würde?“, fragte Keller ungläubig.

„Kennen Sie die Abgründe der menschlichen Seele?“, gab Frau Vormbrock zu bedenken. „Allerdings halte ich unseren Küster für in höchstem Maße unverdächtig. Der hätte gar nicht die Zeit gehabt, heute hier her zu kommen. Und es fehlt ihm wohl auch die blutige Ader für so ein obszönes Verbrechen, wenn Sie verstehen, was ich meine.“

„Ich denke schon.“, antwortete Keller. „Tja, dann auf Wiedersehen und wie gesagt, Sie hören noch von mir.“

3. Neesen, Porta Westfalica

Eine Mischung aus Schweiß und Regentropfen floss an Jens Carstensens Körper herab, als er die Haustür aufschloss. Bei diesem Wetter machte nicht einmal das Joggen Spaß. Schneeregen im April. Da hätte er auch gleich in Flensburg wohnen bleiben können. Aber Porta Westfalica war ja auch nicht gerade die Toskana. Nicht einmal mit dem milden Klima des Rheintals konnte der berühmte Weserbogen mithalten. Im Gegenteil: hinter dem Wiehengebirge begann die norddeutsche Tiefebene und die war im Prinzip der Wurmfortsatz Ostfrieslands. Wenn man im malerischen Bergkirchen den Kamm aus Richtung Bad Oeynhausen kommend überschritten hatte und sich in Serpentinen am Nordhang herab schlängelte, war man nicht sicher, ob es sich bei dem, was da vor einem lag um Festland oder von der Ebbe frei gelegte Salzwiesen handelte.

Der Anrufbeantworter blinkte. Jens Carstensen unterdrückte den Impuls, sich wie ein Hund zu schütteln, streifte statt dessen die Schlamm-verkrusteten Laufschuhe ab und eilte ins Bad, um die nassen Kleidungsstücke los zu werden und Schweiß, Schmutz und Verspannung unter einer heißen Dusche fortzuspülen. Als er sich abgetrocknet und frische Kleidung angezogen hatte, fühlte er sich bedeutend wohler und war bereit, der Ursache für das penetrante Blinken seines Anrufbeantworters auf den Grund zu gehen. Es war Margrets Stimme: „Hallo Jens, hier ist Margret. Du musst mich unbedingt sofort zurückrufen, auf dem Mobiltelefon. Es ist dringend.“

Was war denn da schon wieder passiert? Es war doch gar nicht Margrets Art, nicht zu sagen, worum es ging. Er drückte die passende Kurzwahltaste und nach zwei Klingelzeichen nahm die Pfarrerin ab. „Jens? Bist du das?“

„Ja klar. Was ist denn so eilig, dass du es so spannend machst?“

„Am besten, du setzt dich erst mal hin.“

„Oh Gott! Ist einer gestorben?“

„Allerdings.“

Jetzt setzte Jens sich augenblicklich auf den bequemen Sessel, der neben dem Telefon stand. Er erwartete das Schlimmste, was sich dadurch bemerkbar machte, dass ein Großteil seines Blutes in seine Beine sackte, seine Arme sich ganz kraftlos anfühlten und ein leichter Schwindel sich seiner bemächtigte.

„Also los.“, stieß er heiser hervor. „Ich höre.“

„Jemand hat Volkmann ermordet.“

„Was?“ Jens spürte eine seltsame Regung aus Entsetzen und Erleichterung in sich aufsteigen. Entsetzen über die Ungeheuerlichkeit eines Mordes und gleichzeitig Erleichterung darüber, dass es niemanden getroffen hatte, der ihm am Herzen lag.

„Ich komme eben aus dem Kreiskirchenamt. Frau Attig hat ihn gefunden. Er lag mit einem Messer im Rücken in seinem Blut und jemand hat ihm die Hosen herunter gezogen; und was ich aus dem Gestammel von Frau Attig entnehmen konnte, muss der Mörder auch im Genitalbereich ans Werk gegangen sein, da war wohl auch alles voller Blut.“

Nach einer kurzen Pause betroffenen Schweigens fragte Jens ungläubig: „Wer kastriert denn Volkmann und warum?“

„Woher soll ich das wissen?“, antwortete Margarethe Vormbrock. „Ich kann mir auch kaum vorstellen, dass eine wütende Feministin ihn kastriert hat. Er war ja nicht gerade ein Frauenheld und sexuelle Gewalt traue ich ihm eigentlich auch nicht zu.“

„Wer weiß das schon.“, wandte Jens Carstensen ein.

„Ach Unsinn!“, wies Margarethe Vormbrock ihn zurück. „Er war ein manipulativer, machthungriger Despot, ich hielt ihn für einen im Herzen säkularisierten Pseudo-Theologen, und es wundert mich nicht im Geringsten, dass er einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen ist. Aber ich schätze, sexuell hat er sich zu Hause ausgetobt.“

„Vielleicht wollte der Mörder die Polizei nur irreführen, und es gab gar keinen Grund, ihn da unten zu verstümmeln. Aber mal im Ernst, wer tut so was? Wer von den Leuten, die wir kennen, ist so kaltblütig, einen so brutalen Mord durchzuziehen?“, fragte Jens Carstensen sie.

„Oder so unendlich wütend.“, ergänzte Margarethe Vormbrock.

4. Nordhemmern

Katharina Förster zwang sich, endlich aufzustehen. Es war bereits elf Uhr und sie hätte zwar gern noch etwas vor sich hin gedöst, aber die Aufgaben dieses Tages lagen wie der Inhalt eines großen auszumistenden Stalles vor ihr. Sie hatte gestern Abend die Türklingel abgestellt, das Festnetztelefon ausgestöpselt und das Mobiltelefon ausgeschaltet. Daran würde sie auch in den nächsten zwei Stunden nichts ändern.

„Kein Geschrei vor zwei.“, murmelte sie und schleppte sich unter die Dusche. Blitzsauber und angezogen rührte sie sich ein Müsli zusammen und setzte Teewasser auf. Wenn man in ihrem Beruf auch häufig an Junkfood oder anderen vitaminarmen, unregelmäßigen, schnell-mal-eben-was-reinschieben-Mahlzeiten nicht vorbei kam, wollte sie wenigstens gesund in den Tag starten. Da durfte auch die obligatorische Kanne grüner Tee nicht fehlen, um die Leber bei der Erholung von gelegentlichen Rotwein-Exzessen zu unterstützen.

Katharina Wehmeier war nicht dick, aber auch nicht gerade gertenschlank und sie sah immer ein wenig erschöpft aus, so dass sie drohte, vor der Zeit zu altern. Sie las beim Frühstück die Zeitung, spülte ihr Geschirr und setzte sich dann an den Schreibtisch. An diesem Abend traf sie sich mit dem Mitarbeiterkreis in Bergkirchen und betreute anschließend die Öffnungszeit des Jugendcafés.

„Hoffentlich liegt heute Abend kein Schnee mehr da oben.“, stöhnte sie. Das Dorf lag auf dem Wiehengebirgskamm und bestand hauptsächlich aus schmalen, steilen und kurvigen Straßen und Einfahrten. Da waren auch Winterreifen keine Garantie für Sicherheit im Straßenverkehr. Andererseits war sie froh, dass sie den gestrigen Mitarbeiterkreis in der Gemeinde Hille für die nächsten zwei Wochen hinter sich hatte. Sie verabscheute diese unangenehme Mischung aus biblizistischer Frömmigkeit und selbstgerechtem Spießbürgertum, die ihr da entgegenschlug. Und die Hiller verabscheuten sie. Für ihre Schludrigkeit, für die gesellschaftlich relevanten Themen, mit denen sie sie immer wieder belästigte, für ihre theologische Unverfrorenheit und vor allem dafür, dass sie mit fast dreißig Jahren noch nicht in geordneten Verhältnissen lebte, sondern die Gelegenheit hatte, ein sexuell ausuferndes Lotterleben zu führen, das sich leider der Kontrolle durch die Hiller weitestgehend entzog, weil sie im fünf Kilometer entfernten Nordhemmern lebte. Katharina Förster hätte gegen ein solches Lotterleben mit gelegentlich wechselnden Sexualpartnern durchaus nichts einzuwenden gehabt, aber sie schaffte es ja nicht einmal, einen einzigen halbwegs attraktiven jungen Mann an ihrem Leben teilhaben zu lassen. „Wie denn auch“, dachte sie, „wenn man immer nur mit Teenies oder Rentnern rumhängt.“

Jetzt machte sie sich allerdings an die Vorbereitung des Mitarbeiterkreises. Die Tagesordnung stand in fünf Minuten, das Material (Infozettel, Plakate, Ausschreibungen) war in weiteren fünf Minuten zusammengestellt, aber die Andacht für die Einstimmung stand noch nicht. Die Bergkirchener waren offen und experimentierfreudig, auch wenn sie durchweg gemütliche Kuschel-Jugendliche waren. Hier schien die gute alte Zeit der beige-braunen Teestuben noch gegenwärtig.

In Hille hatte sie nur einen Text aus einer CVJM-Arbeitshilfe gelesen, gesungen, gebetet, einen Segen gesprochen.

In Bergkirchen konnte sie sich auch methodisch auf das Thema einlassen: Passionszeit, Fastenzeit oder einen Aspekt der Passionsgeschichte. Am Ende entschied sie sich für die Fußwaschung. Sie würde einem Mitarbeiter die Füße waschen und mit Duftöl massieren und der sollte diese Erfahrung an einen anderen weitergeben, so dass am Ende alle einen solchen Dienst erwiesen bekommen hätten. Nach einem kurzen Erfahrungsaustausch, wie man sich als Empfangender und wie als gebender fühlt, würde sie mit den Ehrenamtlichen den Bibeltext von der Fußwaschung lesen und ein Gespräch anschließen, worin der Unterschied besteht zwischen gegenseitigem Dienen und der aktuellen Wirklichkeit. Sie würde mit einem gemeinschaftlichen Fürbittengebet abschließen und ein Segenslied singen, das die Jugendlichen sich aussuchen dürften.

Ja, wenn jeder das Wohlergehen seiner Mitmenschen im Blick hätte, dachte Katharina Förster, das wäre schon toll. Wenn es zumindest in der Kirche so wäre, dann gäbe es wenigstens einen Zufluchtsort, eine Höhle, eine Insel, welches Bild auch immer man dafür fand. Aber es war doch überall dasselbe und die Kirche war ein perfektes Abbild der Gesellschaft. Irgendwo gab es immer einen Bösen, der alle drangsalierte, skrupellose Täter und Trittbrettfahrer, hilflose Opfer, Mitläufer, Verzweifelte und wütende Rächer. Manchmal fragte Katharina sich, ob das jüngste Gericht nicht schon längst stattgefunden hatte und sie sich bereits in der Hölle befand. Im himmlischen Jerusalem tummelten sich die Erleuchteten, während sie mit den anderen räudigen Sündern vor den Toren der Stadt heulte und mit den Zähnen klapperte. Endlosschleife irdisches Leben. Aber das war jawohl eher die buddhistische Hölle.

13.22 Uhr. Vielleicht sollte sie mal wieder das Telefon einstöpseln. Kaum war der Stecker in der Leitung, da läutete es auch schon.

„Hallo, hier ist Katharina Förster.“

„Kathi! Ich versuche schon seit Stunden, dich zu erreichen. Hier ist Kai-Uwe. Wo hast du gesteckt?“

„Bett, Dusche, Küche, Schreibtisch. Ich wollte meine Ruhe. Was gibt’s denn so Dringendes?“

„Volkmann ist tot.“

„Du verarscht mich doch.“

„Nee, ehrlich. Der ist ermordet worden.“

Katharina schwieg einen Moment, dann sagte sie: „Und ich dachte immer, 'Mein ist die Rache, spricht der Herr'“:

5. Minden – Hahlen

Keller parkte seinen Wagen am Straßenrand gegenüber des Einfamilienhauses aus den 80er Jahren. Es handelte sich um ein kompaktes, großzügiges Gebäude, schnörkellos, sandfarben verklinkert mit braunen Türen und Fensterrahmen und dunklen Dachziegeln. Der Vorgarten wirkte steril: gepflegte Rasenflächen, eine niedrige Buchsbaumhecke als Grundstücksbegrenzung. Die Garagenzufahrt und der Zugang zur Haustür waren mit Verbundpflaster befestigt. Anstelle von Beeten war das Gebäude von schmalen Kiesbecken umrahmt, und rechts und links der Eingangstür standen Terracotta-Töpfe, deren Bepflanzung mit Frostschutzsäcken verhüllt war.

„Volkmann“ war auf dem schlichten Messing-Klingelschild zu lesen. Er hatte sich also nicht in der Adresse geirrt. Keller läutete und musste eine Weile warten, bis sich drinnen etwas rührte.

Eine zierliche, unscheinbare Frau öffnete die Tür und blickte ihm skeptisch und äußerst vorsichtig entgegen.

„Frau Volkmann?“, fragte Keller vorsichtig.

„Das ist ja nicht allzu schwer zu erraten.“, antwortete sie säuerlich. Sie schien ihn für einen unseriösen Klinkenputzer zu halten. Er zog seinen Ausweis aus der Manteltasche.

„Mein Name ist Stefan Keller. Ich arbeite für die Kriminalpolizei Bielefeld. Könnten wir uns kurz unterhalten?“

„Ja, worum geht es denn?“, fragte Frau Volkmann alarmiert.

„Mir wäre es lieber, sie würden sich erst setzen.“, antwortete Keller.

Frau Volkmann griff sich an den Hals. „Was ist passiert?“, stieß sie mit erstickter Stimme hervor. „Sagen Sie mir sofort, was passiert ist!“

„Bitte, Frau Volkmann“, insistierte Keller, „ich bestehe darauf, dass Sie sich setzen.“

Sie trat einen Schritt von der Tür zurück. „Kommen Sie doch rein.“, bat sie ihn. Er schloss die Tür hinter sich und sie ging voran ins Wohnzimmer. Ihr Gang wirkte unsicher und sie setzte sich langsam und vorsichtig in die Ecke eines Zweisitzers, so als befürchte sie, durch eine ihrer Bewegungen etwas zu zerbrechen.

„Nehmen Sie doch bitte auch Platz.“, sagte sie zu Keller und wies mit einer Handbewegung auf einen Sessel.

Keller setzte sich, räusperte sich und sagte dann mit gebotenem Ernst: „Frau Volkmann, ich muss Ihnen leider mitteilen, dass Ihr Mann heute Vormittag ums Leben gekommen ist.“

Mit schreckgeweiteten Augen nahm sie die Hand vor den Mund und sog scharf die Luft ein. „Aber wie – wie kann er“, stammelte sie, ohne den Satz zuende zu bringen.

„Er ist in seinem Büro ermordet worden.“

„Ermordet?!“

Keller reichte Frau Volkmann ein Taschentuch. „Soll ich Ihnen ein Glas Wasser holen?“, fragte er teilnahmsvoll.“

„Nicht nötig.“, sagte sie tonlos.

„Frau Volkmann, ich würde Ihnen gern Zeit lassen, diese furchtbare Nachricht eine Weile sacken zu lassen, bevor ich Sie befrage. Aber um die unfassbare Tat an ihrem Mann aufzuklären, brauche ich so schnell wie möglich so viele Informationen wie möglich. Könnten Sie mir bitte genau beschreiben, was heute Vormittag passiert ist? Jedes scheinbar unbedeutende Detail könnte wertvolle Hinweise enthalten.“

„Heute morgen.“, sagte Frau Volkmann mehr zu sich selbst, und ihr leerer Blick schien haltlos, als finde sie keinen Ansatzpunkt, um ihre Erinnerung zeitlich strukturiert wiederzugeben.

„Wir sind um sieben Uhr aufgestanden.“, fing sie an. „Mein Mann ging ins Bad, ich habe Frühstück gemacht und die Zeitung herein geholt.“

„Haben Sie beim Hereinholen der Zeitung irgend etwas Außergewöhnliches beobachtet?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein.“, sagte sie. „ich habe allerdings auch nicht auf die Umgebung geachtet. Das mit der Zeitung ist ja auch nur ein Handgriff und ich stehe nicht minutenlang im Morgenrock in der offenen Haustür, wie sie sicher verstehen werden.“

„Natürlich.“, bestätigte Keller sie.

„Gegen zwanzig nach sieben kam mein Mann aus dem Bad und wir frühstückten. Dabei haben wir Zeitung gelesen. Er liest zuerst den überregionalen Teil und ich den Lokalteil, dann tauschen wir. Es stand heute nichts Besonderes drin und wir haben uns über Belanglosigkeiten unterhalten, Europas Königshäuser, davon war die Klatschspalte heute voll.“

„Hat Ihr Mann erwähnt, ob er heute ein wichtiges Gespräch hatte?“

„Heute Nachmittag sollte er zu einem Gespräch mit der Mitarbeitervertretung erscheinen. Irgendeine Personalangelegenheit. Es war ihm lästig, aber er hat sich nicht näher dazu geäußert.“

„Noch etwas?“, fragte Keller, der sich bereits eifrig Notizen machte.

Frau Volkmann überlegte. „Nein, wir sprachen nur über den am Wochenende anstehenden Besuch unserer Tochter.“ Sie schluchzte auf und stieß kaum verständlich unter Tränen hervor: „Wie soll ich ihr nur beibringen, dass ihr Vater tot ist? Ermordet!“

Keller schwieg betroffen, reichte Frau Volkmann ein weiteres Taschentuch und wartete, bis sie sich einigermaßen beruhigt hatte. Dann fragte er: „Lebt Ihre Tochter nicht mehr bei Ihnen?“

„Nein, sie studiert seit zwei Jahren Kunstgeschichte in München. Wir sehen uns daher nur selten. Zuletzt war sie über Weihnachten bei uns und wir haben sie an einem Wochenende im Februar besucht.“

„Worüber haben Sie beim Frühstück noch gesprochen?“, fragte Keller.

„Nichts weiter“, antwortete Frau Volkmann. „Mein Mann hat sich zuende angezogen, seine Unterlagen zusammen gesucht und gegen 8.15 Uhr das Haus verlassen.“

„Haben Sie ihn noch zur Tür begleitet?“

„Nein, ich war im Bad. Danach habe ich die Küche aufgeräumt, eine Maschine Wäsche eingesteckt und dann war ich zum Einkaufen im großen Supermarkt an der Königstraße.“

„Wann war das ungefähr?“

„So zwischen 9.30 Uhr und 11.00 Uhr.“

Haben Sie im Supermarkt jemanden getroffen?“

„Nein. Wieso? Was hat das denn mit dem Mord an meinem Mann zu tun?“

„Reine Routinefrage. Was taten Sie, als Sie wieder hier waren?“

Ich habe den Einkauf ausgepackt und bin dann angefangen, unseren Kleiderschrank gründlich auszumisten. Ich war noch dabei, als Sie klingelten.“

„Verstehe“, erwiderte Keller. „Frau Volkmann, hatte Ihr Mann irgendwelche Feinde?“

„Ach, wissen Sie“, antwortete sie, „als Vorgesetzter tritt man immer irgendwem auf den Schlips. Es gab viele Konflikte – schon bevor er Superintendent wurde – aber natürlich viel mehr, seit er im Amt ist. Es gibt Pfarrer, denen sein Führungsstil nicht gefällt, andere kritisieren seine theologische Ausrichtung in aller Schärfe. Wir sind hier in Minden Ravensberg. Hier spürt man noch die Erweckungsbewegung. Mein Mann war ein moderner Theologe, zumindest ein nüchterner. Er hatte auch konservative Züge, aber er war ein sehr sachlicher und wissenschaftlich orientierter Mensch. Naja, und dann hatte er öfter Ärger mit den anderen kirchlichen Mitarbeitern. Vieles muss umstrukturiert werden. Die Mittel werden knapper. Da kann man nicht tatenlos zusehen und warten, bis alles zusammenbricht. Aber wer versucht, grundlegende Veränderungen durchzusetzen, stößt bei den Alteingesessenen natürlich auf Widerstand. Allerdings kann ich mir nicht vorstellen, dass man seinen Vorgesetzten aus so einem Grund tötet.“ Sie hielt kurz inne und fing dann wieder an zu weinen. „Aber ich habe mir auch nicht vorstellen können, dass ihn überhaupt irgend jemand tötet.“

„Frau Volkmann, ich brauche dringend eine Liste Ihrer Freunde und Verwandten, am besten mit Anschrift und Telefonnummer. Haben Sie irgendwo ein vollständiges Adressbuch?“

Sie nickte und stand schon auf, um es zu holen.

„Warten Sie einen Augenblick. Wenn es Ihnen nichts ausmacht, würde ich mir gern das Arbeitszimmer Ihres Mannes ansehen. Ich muss mir ein Bild von ihm machen.“

„Kein Problem.“, sagte sie, und führte Keller in Volkmanns Arbeitszimmer.

Für einen Mann in einer derart mächtigen Position wirkte das Zimmer sehr nüchtern und wenig beeindruckend. Nichts war hier mit Bedacht ausgewählt, nirgends entdeckte man persönliche Akzente. Gegenüber der Tür befand sich ein großes Fenster, an dem der Schreibtisch stand, so platziert, dass das Tageslicht von der Seite auf den Arbeitsplatz fiel. Der Schreibtisch war schlicht, aus heller Eiche, darauf stand eine praktische Lampe, eine Schreibtischunterlage und die üblichen Utensilien. Ein paar Ablagefächer waren auf einer Seite gestapelt, darin lagen Einladungen zu Ausschuss-Sitzungen, Protokolle und so weiter. Er bat Frau Volkmann, die Papiere mitnehmen zu dürfen, sie bekäme sie umgehend zurück.

An Volkmanns Arbeitsplatz stand ein solider Schreibtischstuhl, ihm gegenüber zwei weiße Leder-Schwingstühle. An den Wänden rechts und links befanden sich einfache Regale aus weiß beschichteten Spanplattenböden, die mit Metallwinkeln an der Wand befestigt waren. Links vorn im Zimmer stand ein mittelgroßer, runder Tisch, bedeckt mit einer hellen, naturfarbenen Tischdecke, passend zum Teppichboden. Um den Tisch herum standen ebenfalls vier von den weißen Schwingstühlen. Die Fensterbank war mit einem üppig belaubten Ficus Benjamini bestückt, an der Innenseite der Tür war ein großflächiger Terminplaner angebracht und links neben der Tür schmückte die Radierung einer Kirche die Wand. Keller betrachtete sie. Frau Volkmann trat neben ihn: „Das war ein Geschenk, das unsere Tochter ihrem Vater zum 50. Geburtstag gemacht hat. Es stellt die Hartumer Kirche dar. Miriam war damals fünfzehn und schon so begabt.“

Keller verstand nichts von Kunst, aber das Bild sah in jedem Fall sehr professionell aus. Er nickte anerkennend.

„Tja, Frau Volkmann, das war's fürs Erste. Ich werde sicher noch häufiger auf Sie zukommen. Sie werden vermutlich im Tagesverlauf noch gebeten, in die Gerichtsmedizin zu kommen, um ihren Mann zu identifizieren. Wenn Ihnen aber vorher etwas einfällt, können Sie mich jederzeit anrufen.“ Er reichte ihr seine Karte. „Kann ich irgend etwas für Sie tun?“

„Können Sie mir sagen, wie mein Mann gestorben ist?“

„Das darf ich leider noch nicht.“, bedauerte Keller, „aber es ist in jedem Fall sehr schnell gegangen.“

Ihre Schultern zitterten schon wieder.

„Soll ich Ihnen jemanden schicken, damit Sie nicht allein sind?“

„Nein.“, erwiderte Frau Volkmann. Ich muss das jetzt erst einmal verarbeiten, da bin ich lieber allein. Aber vielen Dank für Ihre Anteilnahme.“

„Nicht der Rede wert.“, brummelte Keller und sagte dann: „Ich finde allein raus. Auf Wiedersehen.“

„Kerkenbrock, du Drückebergerin!“, zischte er, als er wieder draußen war. Er bahnte sich durch den matschigen Schnee einen Weg zu seinem Fahrzeug und fuhr zum Mittagessen in einen Schnellimbiss.

6. Kreiskirchenamt Minden

Jens Carstensen stand vor der Bürotür der Mitarbeitervertretung und suchte in seinem rasselnden Schlüsselbund nach der passenden Nummer. Das erwies sich immer als äußerst schwierig, weil er allein über sechs Schlüssel für Räumlichkeiten des Kreiskirchenamtes verfügte, die alle identisch aussahen und sich nur durch die Endziffer der Schlüsselnummer unterschieden. Die handelsüblichen Unterscheidungshilfen kamen für ihn nicht infrage, weil sie das voluminöse Metallarrangement noch monströser erscheinen lassen hätten. Schließlich öffnete er die Tür, hängte seine Jacke an die Garderobe und blätterte die Post durch, die auf dem Schreibtisch lag. Er konnte überhaupt nicht einschätzen, welchen Verlauf das für gleich geplante Gespräch nehmen würde. Er hatte mit vielem gerechnet, nur nicht mit dem gewaltsamen Tod des Superintendenten. Er ging in die Teeküche, um Heißgetränke für die Sitzung zu bereiten, stellte Tassen, Löffel, Milch, Zucker und ein paar Plätzchen auf ein Tablett und wartete gedankenverloren auf das Klicken des Kippschalters am Wasserkocher. Er hatte sich immer gewünscht, dass Norbert Volkmann abgesetzt würde, aber jetzt war natürlich die Frage, wer danach kam. Sebastian Reimler hatte aufgrund seines Postens als Assessor nun die einmalige Chance, sich als vorläufiger Superintendent zu beweisen und sich schließlich zu Beginn der nächsten Legislaturperiode wählen zu lassen. Ohne diese Fügung hätte er kaum eine Chance; niemand traute ihm dieses Amt zu. Und so wie Jens Carstensen ihn einschätzte, wäre er kein Segen für den Kirchenkreis, schon gar nicht für die Jugendarbeit.

„Hallo Jens.“, eine gutaussehende Frau in den Vierzigern betrat die Teeküche. Jens Carstensen drehte sich um. „Ach Hallo, Regina. Du bist aber überpünktlich.“

Regina Heuer grinste. „Ich musste noch ein paar Spezialanschaffungen fürs Osterbasteln tätigen, damit die lieben Kleinen auch die Herzen ihrer Eltern erfreuen können. Ging schneller, als ich dachte.“

„Hast du eigentlich schon gehört, was hier heute Morgen passiert ist?“, fragte Jens Carstensen.

„Nein. Wieso? Gab's Bombenalarm?“

„Nein. Volkmann ist ermordet worden.“

„Was?“, rief Regina Heuer. Dann stand sie einfach nur da mit großen Augen und offenem Mund. Als sie sich wieder gesammelt hatte, fragte sie: „Und? Weiß man schon wer's war?“

„Nein.“, erwiderte Jens Carstensen, „Er ist ganz stickum in seinem Büro erstochen worden, und keiner hat etwas gemerkt.“

„Wie schrecklich.“, sagte Regina Heuer.

„Im Prinzip schon.“, bemerkte Jens Carstensen. „Aber es eröffnen sich jetzt natürlich ganz neue Perspektiven.“

„Bist du sicher?“, gab Regina zu bedenken. „Reimler sitzt doch sicher schon in den Startlöchern. Am Ende wird’s noch schlimmer, als es sowieso schon war.“

„Das habe ich allerdings auch schon gedacht.“, gab Jens zu und füllte das kochend heiße Wasser in eine Thermoskanne. Regina stellte eine Box mit Teebeuteln aufs Tablett und sagte: „Den Kaffee können wir ja später holen, die Maschine braucht sicher noch ein paar Stunden.“

Jens trug das Tablett und Regina öffnete ihm die Türen. Im MAV-Zimmer saßen schon drei Kollegen: Der Küster der Mariengemeinde, Siegfried Wischmeier, die Gemeindebüro-Leiterin Ursula Koch aus Dankersen

und der Kantor Friedrich Ortmann, ebenfalls Mariengemeinde. Regina Heuer leitete den Arche-Noah-Kindergarten in der Mindener Innenstadt, und um die Angelegenheiten zweier ihrer Mitarbeiterinnen ging es heute Nachmittag.

„Der Kaffee braucht noch ein bisschen.“, sagte Jens Carstensen. „Über den aktuellsten Vorfall seid ihr alle informiert?“

„Wenn du das tragische Dahinscheiden unseres geliebten Superintendenten meinst, ja, wir wissen alle Bescheid.“, erwiderte Friedrich Ortmann.

„Die Frage ist, ob wir unter diesen Umständen überhaupt noch etwas zu besprechen haben.“, gab Ursula Koch zu bedenken.

„Naja, diese widerwärtige Personalpolitik geht sicher nicht allein auf Volkmanns Konto.“, widersprach Regina Heuer. „Wenn wir jetzt nichts unternehmen, fährt Reimler diese Linie weiter. Volkmanns Tod war ja kein selbst gewähltes Opfer. Jemand war richtig sauer auf ihn.“

„Oder er war jemandem im Weg.“, sagte Ursula Koch.

„Der Assessor.“, stieß Jens Carstensen über akzentuiert hervor. „Super Krimi-Titel.“

„Jetzt werden wir aber etwas pietätlos.“, mahnte Friedrich Ortmann.

„Ja, aber nur ein bisschen.“, beschwichtigte ihn Siegfried Wischmeier.

Regina Heuer legte einen Stapel Papiere auf den Tisch. „Ich finde, wir sollten nicht locker lassen. Meine Mitarbeiterinnen haben beide ein Protokoll der Vorfälle angefertigt und unterschrieben. Soll ich euch das mal vorlesen?“

Alle Anwesenden nickten zustimmend.

„Am Dienstag, den 8.10.2013 bat mich Herr Superintendent Norbert Volkmann zu einem Gespräch ins Kreiskirchenamt. Er teilte mir mit, alle Mitarbeiterinnen, die weniger als fünf Jahre bei einer Gemeinde des Kirchenkreises beschäftigt seien, bekämen jetzt neue Verträge, und ich solle bitte unterschreiben. Auf meine Frage, was denn an dem Vertrag anders sei, erwiderte er, ich würde in eine neue Gehaltsgruppe eingeordnet. Auf meine Frage, wie sich das effektiv auf mein Gehalt auswirken würde, erwiderte er, so genau wisse er das nicht, es würde sich aber nur geringfügig verändern. Ich bat mir Bedenkzeit aus. Er sagte daraufhin wörtlich: 'Sie müssen das unterschreiben, Sie haben gar keine andere Wahl. Es sei denn... es steht Ihnen selbstverständlich frei, jederzeit unseren Betrieb zu verlassen.'

Ich weigerte mich dennoch und sagte, dass ich die Unterlagen zur Überprüfung mit nähme und mich noch im Laufe der Woche bei ihm melden würde. Darauf antwortete er wörtlich: 'Sie werden schon sehen, was Sie davon haben.'“

„Mehr Geld.“, unterbrach Jens Carstensen die Lesung und alle lachten.

Regina Heuer fuhr fort: „Nachdem ich mich von der Gehaltsabrechnungsstelle beraten lassen habe, fiel mir auf, dass sich mein Einkommen durch diesen neuen Vertrag um etwa 200 Euro verringern würde. Ich schaltete die MAV ein, die mir bestätigte, dass nichts und niemand mich zwingen könne, diesen Vertrag zu unterschreiben. Ich unterschrieb nicht und brachte Herrn Volkmann die Unterlagen zurück. 'Das wird noch ein Nachspiel haben'., sagte dieser nur. Danach ist nichts weiter geschehen.“

„So und jetzt das zweite Protokoll.“, fuhr Regina Heuer fort.

„Am Donnerstag, den 10.10.2013 wurde ich zum Superintendenten in sein Büro im Kreiskirchenamt bestellt. Er legte mir einen Stapel Papiere vor mit den Worten:' Als Mitarbeiterin, die weniger als fünf Jahre bei uns beschäftigt ist, werden sie neu eingruppiert und müssen daher diese neuen Verträge unterschreiben. Das ist nur eine Formsache. An ihrem bisherigen Arbeitsverhältnis ändert sich nichts. Wenn Sie bitte zuerst hier unterschreiben würden.'

Er hielt mir einen Stift hin und zeigte auf das Unterschrift-Feld für die Mitarbeiterin. Ich wies ihn darauf hin, dass sich mit diesem Vertrag sehr wohl etwas ändere, nämlich das Gehalt und dass ich nicht bereit sei, freiwillig und ohne jede rechtliche Grundlage auf 200 Euro monatlich zu verzichten. Er wurde daraufhin laut und antwortete, dass meine Kenntnis der rechtlichen Zusammenhänge jeglicher Grundlage entbehre und dass meine Verweigerung der Unterschrift weitreichende Konsequenzen für mich hätte. Auf meine Frage, was für Konsequenzen das seien, erhielt ich keine Antwort. Ich fragte, ob ich an meinen Arbeitsplatz zurückkehren dürfe und Herr Volkmann antwortete: „Vorläufig ja. Wir hören sicher noch voneinander.'

Seitdem ist nichts mehr vorgefallen.“

Regina Heuer ließ das Papier sinken.

„Gab es noch Fälle, in denen Mitarbeiterinnen sich haben breitschlagen lassen?“, fragte Friedrich Ortmann.

„Soweit ich weiß, haben zwei Kolleginnen aus anderen Einrichtungen widerspruchslos unterschrieben, aber sie wollen nicht drüber reden.“

„Angst vorm bösen Wolf:“, bemerkte Jens Carstensen.

„Ja, aber der Wolf ist tot.“, gab Ursula Koch zu bedenken.

„Sie haben ja jetzt nichts mehr von Volkmann zu befürchten. Vielleicht sollten wir sie noch einmal ansprechen.“

„Da hängen aber noch mehr Strippenzieher drin als Volkmann.“, widersprach Jens Carstensen. „Reimler fährt garantiert auf demselben Gleis und wenn ich mich von Volkmann einschüchtern lassen würde, hätte ich vor Reimler erst recht Angst.“

„Das sind wohl auch generell so kleine Mäuschen, die nur bloß keinen Ärger wollen. Ich frage mich auch, ob die Dunkelziffer nicht noch viel höher ist.“, bemerkte Regina Heuer.

„Können wir nicht die Personalabteilung um die aktuellen Zahlen bitten?“, fragte Siegfried Wischmeier. „Die wissen doch, wer in welche Gehaltsgruppe eingestuft ist und seit wann.“

Ich weiß nicht, ob die die Informationen einfach so weiter geben dürfen.“, überlegte Ursula Koch.

„Fragen kostet ja nichts.“, entgegnete Siegfried Wischmeier.

„Na gut. Ich kann mich ja mal erkundigen.“, lenkte Frau Koch ein.

„Das beantwortet aber nicht die Frage nach unserer weiteren Strategie.“, insistierte Jens Carstensen.

„Im Prinzip müssten wir eine Mitarbeiterversammlung einberufen und vor der Lohndumping-Praxis warnen.“, schlug Siegfried Wischmeier vor.

„Das dürfen wir nicht.“, erwiderte Jens Carstensen. „Dazu müssten wir vertrauliche Informationen ausplaudern. Da muss nur ein Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin auf der Versammlung sitzen, der oder die das an den falschen Stellen 'rum erzählt und dann sind wir geliefert. Ich denke, wir müssen zweigleisig fahren: einerseits die Mitarbeiter wappnen, indem wir sie in vier-Augen-Gesprächen impfen, mit dem deutlichen Hinweis, dass die Informationen absolut vertraulich sind, und andererseits müssen wir dafür sorgen, dass diese Praxis von höherer Stelle unterbunden wird. Ich könnte mich an den landeskirchlichen Beauftragten für die Mitarbeitenden in Verkündigung und Seelsorge wenden, der kennt auch bestimmt die richtigen Ansprechpartner für den Bereich Kindertageseinrichtungen.“

„Dann tu das doch.“, unterstützte Regina Heuer den Vorschlag. „Und ich knöpfe mir die Einrichtungsleiterinnen und meine Mitarbeiterinnen alle einzeln vor. Ich kann nicht mit jeder einzelnen Erzieherin sprechen, aber die leitenden Kolleginnen sind absolut loyal und keine ist so blöd sich zu verplappern.“

„Dein Wort in Gottes Ohr.“, sagte Friedrich Ortmann.

„Und was tun wir, wenn sie als nächstes auf die Verwaltungskräfte los gehen?“, fragte Ursula Koch.

„Ich glaube die Verwaltung hat Gehalts-technisch eine ganz gute Lobby.“, beruhigte sie Siegfried Wischmeier. „Die sitzen auch in der Leitungsebene und haben den Überblick über die Finanzen. Euer Problem ist eher, dass sie euch mit dem Effektivierungswahn immer mehr mit Arbeit zuschaufeln, damit sie bloß sozial verträglich Personal abbauen können, genau wie bei uns Küstern.“

„Na ja und die Kirchenmusik bekommt schon immer Dumping-Löhne.“, mischte sich Friedrich Ortmann ein. „Abgesehen von uns A-Musikern. Aber die Stellen werden ja auch immer mehr zusammengestrichen. Überall nebenberufliche C-Musiker mit 10-13-Stunden-Verträgen, die in Wirklichkeit aus Idealismus 20-30 Stunden arbeiten. Die einzigen, die sich zurücklehnen und in den Vier-Sterne-Urlaub jetten können, sind die Pfarrer.“

„Naja, Pfarrstellen werden ja auch gestrichen.“, beschwichtigte ihn Regina Heuer. „Bei denen gibt es auch massive Arbeitsverdichtung, gestrichenes Weihnachtsgeld, aber die klagen bei ihren anderen Voraussetzungen natürlich auf hohem Niveau. Wem es als Pastor zu stressig ist, könnte ja auch auf halbe Stelle reduzieren. Davon kann man immer noch gut leben, besser als eine Vollzeitkraft im Kindergarten. Aber sie haben natürlich auch eine anspruchsvolle und langjährige Ausbildung. Wenn wir auch Pfarrer wären, würden wir auch so viel verdienen.“

„Ja, aber wer zum Teufel braucht so viele Pfarrer?“, unkte Ursula Koch.

Die gesamte Runde lachte herzlich.

„Sind wir dann soweit klar?“, fragte Jens Carstensen. „Ich hab' heute noch Einiges im Jugendreferat zu erledigen und wäre nicht böse, wenn wir hier Schluss machen könnten.“

„Und der Kaffee?“, fragte Ursula Koch.

„Ja, den müssen wir natürlich noch zusammen trinken.“, grinste Jens Carstensen und machte sich auf den Weg in die Teeküche.

7. Arche-Noah-Kita – Minden

Frau Schlatter hat Cindy schon wieder mit Fieber vorbei gebracht.“ Sabine Krönke goss kochendes Wasser in die Früchteteekanne.

„Na dann ruf' ich da doch gleich mal an.“, erwiderte Regina Heuer. „Wird's wieder nix mit in Ruhe Window Colours malen. Die Ärmste. Seit sie Mutter ist, hat sie kaum noch Zeit für sich.“

„Immerhin holt sie ihre Tochter nicht auf Inlineskatern ab wie damals Frau Ludwig.“

„Das würde ihr auch erhebliche Probleme bereiten, im Hinblick auf ihren Körperschwerpunkt.“

„Ihr Körper ist ein einziger Schwerpunkt.“

„Sabine! Wie gemein!“, tadelte Regina Heuer sie grinsend und verschwand im Leitungszimmer. Sie konnte verstehen, wenn erwerbstätige Mütter mit gnadenlosen Vorgesetzten ihre Kinder nur im äußersten Notfall zu Hause behielten; insbesondere, wenn sie alleinerziehend waren. Da konnte es schon mal zu einer Fehleinschätzung kommen. Aber Frau Schlatter hatte nur einen Mini-Job in den Abendstunden, einen anständig verdienenden Gatten, und sie schob ihr Kind ab, wo sie nur konnte, damit sie Zeit für ihre infantilen Hobbys hatte. Cindy wurde wie ein Accessoire präsentiert, wenn sie damit punkten konnte, ansonsten interessierte sie sich nur für sich selbst. Zum sicherlich zehnten Mal in diesem Jahr wählte sie die bekannte Nummer, die sie – wenn auch unfreiwillig – auswendig wusste: „Frau Schlatter, hier ist Frau Heuer von der Kita. Sie müssen Cindy sofort abholen, sie hat Fieber.“

Nach einem kurzen betretenen Schweigen folgte am anderen Ende der Leitung der gewohnte Redeschwall: „Oh je! Das ist ja ganz ungünstig. Dann muss ich das heute Nachmittag ja absagen und einen neuen Termin machen. Die werden aber gar nicht begeistert sein. Wir müssen doch heute Nachmittag noch zum Leukopäden.“

„Zum was?“ Regina Heuer dachte, sie hätte sich verhört.

„Zum Leukopäden. Cindy spricht doch so schlecht. Ich kann aber nicht jetzt gleich kommen. Ich muss erst noch die Konturen zuende malen, dann kann die Konturenpaste fest werden, wenn ich Cindy hole, und wenn sie dann schläft, kann ich mit ausmalen anfangen.“

Regina Heuer war fassungslos: „Frau Schlatter, Sie kommen jetzt sofort und holen Ihr Kind! Cindy geht es schlecht. Sie muss so schnell wie möglich ins Bett. Sie hätten sie gar nicht erst bringen dürfen. Sie kann die anderen Kinder und die Erzieherinnen anstecken. Wenn Sie in zehn Minuten nicht hier sind, lasse ich Cindy von der Polizei abholen und schalte das Jugendamt ein.“

Regina Heuer knallte den Hörer auf die Gabel. Sie sah auf die Uhr: 7.41 Uhr. „Okay Schnecke“, dachte sie, „bis 51 hast du Zeit, sonst knallt's.“

Es war erst 7.46 Uhr, als Frau Schlatter flammend rot vor Zorn ins Leitungszimmer stürmte. Sie machte sofort den Mund auf: „Sie! So reden Sie mit mir nicht! Das wird ein Nachspiel haben! Ich beschwere mich bei ihrem Superintendanten.“

„Falls Sie den Superintendenten meinen“, erwiderte Regina Heuer gelassen, „das dürfte schwierig werden. Der ist gestern Morgen ermordet worden.“

„Er-mordet?“, stammelte Frau Schlatter und bekam den Mund vor Entsetzten nicht wieder zu. Reglos starrte sie die Kita-Leiterin an.

„Keine Angst, ich war's nicht.“, beruhigte Regina Heuer sie. „Cindy liegt im Krankenzimmer. Und ich bin schon dabei, den Meldebogen fürs Jugendamt wegen Kindeswohlgefährdung auszufüllen. Noch so ein Vorfall und ich schicke ihn ab; seien Sie versichert. Dann machen die Kollegen aus der Erziehungshilfe Ihnen Dampf.“

Wortlos drehte Frau Schlatter sich um und warf die Bürotür ins Schloss. Wenig später sah Regina Heuer sie Cindy hinter sich her schleifen. „Jetzt mach schon!“, zischte sie. „Wegen dir konnte ich meine Konturenpaste nicht zuende auftragen.“

Sabine Krönke kam mit einer Tasse Tee herein. „Hier, zur Beruhigung.“, sagte sie und stellte die Tasse auf den Schreibtisch.

„Cindy muss zum Leukopäden.“, sagte Regina mit todernster Miene.

„Zum was?“, fragte Sabine irritiert.

Regina prustete los: „So hab ich auch reagiert und dann erklärte Frau Schlatter: 'Cindy spricht doch so schlecht'. Ich bin nicht mehr dazu gekommen, sie aufzuklären, weil sie mir nahtlos von ihrem kreativen Flow berichtete, den sie auf keinen Fall für ihre Tochter unterbrechen wollte. Ich hab' sie zusammengefaltet. Sie war innerhalb von fünf Minuten hier und drehte mir mit dem 'Superintendanten'. Da habe ich sie verbessert, aber wer weiß, vielleicht meinte sie Tom Buhrow.“

Sabine kicherte während des gesamten Berichtes. Dann fragte sie: „Was ist denn gestern bei der Konfrontation MAV-'Superintendant' raus gekommen?“

„Nichts Richtiges. Volkmann ist tot.“

„Wie bitte?“

„Ermordet. Hast du nicht Zeitung gelesen?“

„Nee. Wer macht denn so was?“

„Woher soll ich das wissen? Ich war's jedenfalls nicht. Das hab' ich Frau Schlatter auch schon gesagt; sie sah mich nämlich so an, als würde sie's mir zutrauen.“

„Und was passiert jetzt?“, fragte Sabine.

„Zum einen werde ich mit jeder Mitarbeiterin in unserer Kita und mit jeder Leiterin der anderen Einrichtungen ein Vier-Augen-Gespräch führen, damit alle gewarnt sind; denn Volkmann war ja auch nur die Spitze des Eisberges. Jens Carstensen spricht mit dem Landeskirchen-Fuzzi, der für seine Berufsgruppe zuständig ist. Der ist arbeitsrechtlich sehr vernünftig, sicher auf unserer Seite und stellt die passenden Kontakte im Landeskirchenamt her, damit die unseren Vorgesetzten auf die Finger hauen und in die Suppe spucken.“

„Und bei denen, die unterschrieben haben?“

„Die können vors Arbeitsgericht gehen, aber da prüft mein Hajo noch die Rechtslage.“

„Wenn wir den nicht hätten.“

„Langsam, langsam.“, mahnte Regina Heuer. „Er ist immer noch mein Mann. Kein mein-dein-euer-unser Hajo!“

„Kommst du gleich zum Frühstück zu den Sonnenkäfern? Karin kommt später, hat'n Termin beim Arzt.“

„Ja, klar. Besser ich gewöhne mich schon mal dran. Bis sie in Mutterschutz und Elternzeit geht, haben wir eh keine qualifizierte Vertretung.“

In der Sonnenkäfergruppe herrschte eine ausgelassene Stimmung. Rico zog den Neid aller anderen Kinder auf sich, weil er ein verbotenes Schoko-Croissant dabei hatte. Pierre warf seinen Kakaobecher um und färbte damit Finnjas Rüschenrock schokobraun, die heulend aufsprang und von Sabine in den Waschraum begleitet wurde, um die Kleidung zu wechseln und das Gröbste auszuwaschen.

Dustin sagte mehrmals „Fick deine Mutter!“, was Regina ausnahmsweise zu schwarzer Pädagogik veranlasste: „Dustin, du setzt dich jetzt in die Kuschelecke bis die anderen fertig gefrühstückt haben. Du frühstückst dann danach und dann reden wir noch einmal mit dir.“

„Ich hab' aber ganz doll Hunger!“, brüllte Dustin aus Leibeskräften.

„Das kann gar nicht sein.“, erwiderte Regina ruhig. „Wer so viel Zeit hat, andere zu beleidigen, der kann gar keinen Hunger haben. Wenn du wirklich doll Hunger hättest, hättest du einfach gegessen und nicht geredet. Und jetzt setz' dich bitte in die Kuschelecke und warte, bis ich dich hole.“

Das hätte auch daneben gehen können, aber Dustin gehorchte. Später, beim Frühstück unter vier Augen erklärte Regina Dustin, warum sie solche Ausdrücke im Kindergarten nicht hören wollte und warum er sich selbst schadete, wenn er so redete. Dustin vermied für den Rest des Tages jedes Wort mit F.

Zum Glück war Karin zum Osterbasteln wieder da. Regina hatte genug im Büro zu tun und sie hasste diese Wir-machen-Mutti-eine Freude-Basteleien, wo weniger der Spaß der Kinder und die Entwicklung ihrer Kreativität im Vordergrund stand, als vielmehr die vor Stolz und Rührung glänzenden Elternaugen. Ekelhaft. Aber mittlerweile forderten Eltern so etwas ein: „Warum bastelt ihr nicht mal wieder was Nettes?“

Aber wehe, das Kind kommt mit schmutziger Kleidung nach Hause: „Die Lackschuhe waren ganz neu! Die sollte sie noch zur Silberhochzeit meiner Eltern anziehen. Und die haben 90 Euro gekostet! Können Sie uns das ersetzen?“

Ja ja. 90 Euro für Lackschuhe, aber keinen Cent mehr übrig für Gummistiefel. Was für eine Generation zogen diese Eltern da heran? Und konnten sie in der Kita das Schlimmste verhindern oder war sowieso schon alles zu spät? „Bloß nicht drüber nachdenken.“, murmelte Regina und öffnete ihr e-mail-Postfach.

8. Kreiskirchenamt Minden

Mit letzter Kraft nahm Katharina Förster die Stufen zum 1. Stockwerk des Kreiskirchenamtes, um halbwegs pünktlich zur monatlichen Dienstbesprechung im Jugendreferat einzutrudeln. Sie hatte die Fahrtzeit mal wieder zu knapp kalkuliert und kam fünf Minuten zu spät. Alle waren schon da: der kreiskirchliche Jugendreferent Kai-Uwe Kehrer, ausgeschlafen, blitzsauber und aufgeräumt wie immer, der Kollege Jens Carstensen für Porta Westfalica und die Kollegin Hilke Sander für die Stadtrandgebiete, die sie immer verständnisvoll anlächelte, aber heimlich für ihre Unzulänglichkeit verachtete. Außerdem war der Jugendpfarrer Paul-Gerhard Solms dabei und in Vertretung des verstorbenen Superintendenten Pfarrer Sebastian Reimler, der Assessor.

„Entschuldigung“, murmelte Katharina und versuchte möglichst wenig Aufhebens zu machen, als sie sich setzte, was ihr aber nur unzureichend gelang. Hilke stellte ihr fürsorglich einen grünen Tee hin und zupfte dann – ganz die große Schwester in Christo – ein langes Haar von Katharinas Pullover. Dafür hätte sie ihr am liebsten den Tee ins Gesicht gekippt.

„Dann will ich mal mit meinem Anstoß zum Tage beginnen.“, meldete sich Paul-Gerhard Solms zu Wort. „Angesichts der Sprachlosigkeit, die der gewaltsame Tod unseres Superintendenten in uns allen auslöst, möchte ich euch eine Beileidskarte vorlesen, die ich gestern in der christlichen Buchhandlung gefunden habe. Und wenn ihr einverstanden seid, würde ich sie gern für diesen Kreis an Frau Volkmann schicken.“

Ein allgemeines, stummes Nicken interpretierte Pfarrer Solms folgerichtig als Zustimmung und er las das Gedicht auf der Karte vor:

Du fragst warum?

Ich weiß es nicht.

Gibt’s einen Grund,

einen tieferen Sinn?

Wohl kaum.

Wir können's nicht begreifen

und wollen auch nicht,

Nein!

Wie kann das sein?

Wie kann ein Gott aus unserer Mitte reißen,

was eigentlich hier her gehört?

Was handelt er so unerhört?

Wird uns die Antwort schuldig bleiben,

wie für so vieles andere Leiden

bis zu dem Tag, an dem für uns

die Welt vergeht.

Das Schweigen im Raum war weniger andächtige Stille als vielmehr der angehaltene Atem angesichts der ungeheuerlichen Heuchelei, derer sich alle gemeinsam schuldig machten. Katharina hätte Frau Volkmann am liebsten geschrieben:

Verkaufen Sie Ihre garstige Klinkerhütte, fangen Sie irgendwo weit weg ein neues Leben an, feiern Sie wilde Parties und vergessen Sie das Arschloch. Herzlichen Glückwunsch!

Aber so etwas tut man ja nicht. Und woher wollte sie wissen, was für ein Ehemann er gewesen war und wie seine Frau zu ihm stand? Aber Katharina fand Volkmanns Tod nicht bedauerlich und auf die Frage nach dem Warum fielen ihr viele Antworten ein. Sie wusste, dass sowohl ihr Kollegenkreis als auch der Jugendpfarrer das ebenso sahen wie sie. Selbst Sebastian Reimler, die alte Sackratte, rieb sich innerlich die Hände, weil er jetzt die Chance hatte, sich als Superintendent zu beweisen, der elende Wichtigtuer. Trauer empfand hier niemand; bestenfalls Entsetzen angesichts eines Gewalt-Verbrechens und vielleicht ein bisschen Mitleid mit der Witwe und eventuellen Kindern. Hatte Volkmann eigentlich Kinder? Bestimmt, evangelische Theologen pflanzten sich ja in geradezu unanständiger Weise fort. Trotz ihrer Bedenken unterschrieb Katharina schweigend die Beileidskarte und lehnte sich in ihrem Stuhl zurück. Kai-Uwe eröffnete die Sitzung mit der Aufzählung der Tagesordnungspunkte.

„Zu Beginn sollten wir uns aber schon Zeit für eine kurze Reflexion unseres letzten Jugendgottesdienstes nehmen!“, wandte Hilke ein.

„Meinetwegen“, antwortete Kai-Uwe versöhnlich und nahm den Punkt in die Tagesordnung auf.

Reimler räusperte sich und sagte: „Ich würde meinerseits darum bitten, den Tagesordnungspunkt Finanzen an den Anfang zu legen, weil ich zur Zeit, wie Sie alle begreifen werden, terminlich äußerst eingespannt bin. Ihre Alltagsgeschäfte werden Sie ganz sicher auch ohne mich meistern, Sie sind ja schließlich alle Profis.“

„Die kurze Reflexion des Jugendgottesdienstes würde ich aber schon an den Anfang stellen.“, widersprach Paul-Gerhard Solms. „Sonst geht alles zu sehr durcheinander. Das dauert ja auch nicht lange. Wäre dieser Kompromiss für alle tragbar?“

Als niemand widersprach, erhob Hilke das Wort: „Dann berichte ich unserem neuen Superintendenten mal vom letzten Sonntag; alle anderen waren ja auch dabei. Wir hatten uns für den aktuellen Kreuzweg der Jugend entschieden – die Bilder waren von einer Hamburger Künstlerin, die Musik von verschiedenen Liedermachern aus der Kirchentagsszene. Statt die Bilder wie üblich mit dem Beamer auf die Leinwand zu projizieren, haben wir die Kreuzwegsstationen aufgebaut, wo die Bilder als Plakate hingen und darüber hinaus die Möglichkeit bestand, aktiv zu werden: Salbung, Fußwaschung, Abendmahl et cetera. Es waren circa sechzig Jugendliche da und die Atmosphäre war sehr intensiv.“

„Also meine Jugendlichen waren von der Atmosphäre weniger begeistert.“, widersprach Jens Carstensen. „Mit guten Hiphoppern hätten wir mehr Leute hinterm Ofen vor locken können und dann würden die, die da waren, auch beim nächsten Mal wieder kommen.“

„Na ja“, gab Katharina zu bedenken. „Die Zeiten, wo jeder gerappte Songs cool fand, sind aber auch schon wieder vorbei. Wenn du mit evangelischen Hiphoppern aufschlägst, haben die Jugendlichen schnell das Gefühl, dass man sich anbiedern will. Außerdem ist der christliche Musikmarkt eh' schnell abgegrast. Das meiste ist nur schwer zu ertragen. Man hat den Eindruck, die Musiker denken, ist zwar nicht so super gut, aber macht ja nichts, ist ja immerhin für Jesus. Vielleicht sollte man sich mehr bei den aktuellen Charts bedienen, wenn man die Jugendlichen wirklich erreichen will.“

„Nun, sie sollten in einem Gottesdienst aber schon geistliche Lieder singen.“, widersprach Reimler spitz. „Oder wollen Sie statt der Predigt aus dem kommunistischen Manifest lesen, die Psalmen durch Brecht-Gedichte ersetzen und an Stelle des Abendmahls den Pizza-Service bestellen?“

„Sachte, sachte.“, beschwichtigte Solms ihn. „Man könnte ja auch mal ein kirchenmusikalisches Projekt mit Jugendlichen in Angriff nehmen. Konzerte besuchen oder einen evangelischen Song-Contest mit Musikvideos veranstalten. Wenn wir es schaffen, dass die Jugendlichen ihre eigene Musik auswählen, dann bekommen wir die Jugend-Gottesdienste auch sicher wieder voller.“

„Vorausgesetzt, der Pool christlicher Musik gibt das her.“, gab Katharina zu bedenken. „Die Frage ist doch, wen und was man mit diesen zentralen Groß-Gottesdiensten mit Event-Charakter eigentlich erreicht. Wollen wir Jugendliche mit der Droge geistliche Erbauung anfixen und uns wie die Dealer immer neue Kicks ausdenken oder wollen wir Jugendlichen helfen, einen Zugang zum christlichen Glauben zu finden, der sie im Alltag trägt? Das funktioniert meines Erachtens aber viel besser über kleinräumliche Angebote. Verlässliche Gruppen in überschaubarer Anzahl an leicht erreichbaren Orten, da, wo untereinander Vertrauen entstehen kann. Und wenn diese Gruppen dann gelegentlich ein Event brauchen, um frischen Wind, auch auf geistlicher Ebene, in ihren Kreis zu lassen, dann muss das nicht jeden Monat auf mittelmäßigem Niveau stattfinden, dann reicht es vielleicht zwei bis drei Mal im Jahr, aber dann im ganz großen Stil: Kirchentag, Jugendfreizeit oder Jugendevent auf landeskirchlicher Ebene. Wir sind wie die Hamster im Laufrad: Wir machen immer mehr und erreichen immer weniger.“

„Beim letzten Punkt stimme ich Ihnen zu.“, erwiderte Reimler giftig. „Sie erreichen in der Tat immer weniger Jugendliche. Ob Sie immer mehr machen, weiß ich nicht, aber offensichtlich ist es nicht das Richtige. Fakt ist jedenfalls, dass Sie sich auf dem Markt behaupten müssen und dazu gehören sicher auch attraktive, zeitgemäße Angebote, die natürlich etwas mehr Arbeit machen als ein gemütlicher Jugendkreis, wo fünf Leute Tee trinken und Kekse essen. Die Mittel werden knapper und die Kirchenleitung wird zunehmend gezwungen, Schwerpunkte zu setzen. Arbeitsbereiche, die nicht von nennenswertem Nutzen sind, wird man aufgeben. Sie müssen also schon deutlich machen, dass Ihre Arbeit unverzichtbar ist und welcher Hinsicht.“

„Ich glaube, wir schweifen gerade vom Thema ab.“, mischte Kai-Uwe sich ein. „Vielleicht sollten wir die Reflexion des Jugend-Gottesdienstes abschließen, bevor wir auf die Finanzsituation zu sprechen kommen. Ich muss sagen, dass ich die Veranstaltung trotz der bescheidenen Teilnahme sehr ermutigend fand. Von den Jugendlichen aus dem Bereich Innenstadt war die Rückmeldung durchweg positiv und sie meinten auch, dass ihnen die überschaubare Teilnehmerzahl gerade richtig erschienen sei. Wäre es in den Hunderter-Bereich gegangen, wäre es viel zu unruhig geworden. Vielleicht müssen wir uns damit abfinden, dass wir mit einem Angebot nicht die Massen erreichen und statt dessen auf Vielfalt setzen.“

„Mit dem kleinen Personalstab wird das aber schwierig.“, widersprach Jens Carstensen. „Wir stemmen zu viert die Jugendarbeit für den gesamten Kirchenkreis, weite Teile sind schon völlig unterversorgt. Wenn wir gemeinsam eine zeit- und finanzaufwändige Großveranstaltung auf die Beine stellen, dann muss sich das lohnen, sonst gebe ich Katharina recht, dass es besser ist, in Beziehungsarbeit zu investieren als in mittelmäßige Events, wo keiner hin geht. Die Jugendlichen, die ich am Sonntag mobilisieren konnte, meinten, dafür hätten sie nicht extra in die Stadt fahren müssen, das hätten wir auch in Neesen machen können. Und statt die peinliche Band zu bezahlen, hätten wir hinterher zusammen essen können. Wenn das so weiter geht, kommen die gar nicht mehr zu unseren Jugendangeboten, sondern treffen sich statt dessen zum Kiffen in irgendeiner Scheune, lesen Hesse und beschäftigen sich mit Esotherik.“

„Also, die Jugendlichen aus den Stadtrandgebieten haben durchweg positive Rückmeldungen gegeben.“, sagte Hilke. „Es gibt eben unterschiedliche Jugendkulturen, auch in geistlicher Hinsicht und was die einen anspricht, ist für die anderen kaum zu ertragen.Worüber wir uns klar werden müssen, ist, ob wir eine bestimmte Szene verlässlich bedienen und damit stabilisieren wollen oder ob wir versuchen, die kulturelle Ausrichtung breiter zu streuen, um möglichst viele zu erreichen, wobei wir dann aber in Kauf nehmen müssen, dass vieles an der Oberfläche verharrt.“

„Das können wir heute Morgen aber sicher nicht abschließend klären, dafür sollten wir einen extra Termin ansetzen.“, gab Paul-Gerhard Solms zu bedenken.

„Wir gehen demnächst ohnehin drei Tage in Klausur.“, erklärte Kai-Uwe Kehrer. „Dann nehmen wir uns dafür Zeit. Damit würde ich diesen Punkt gern abschließen und Herrn Reimler bitten, über die aktuelle Finanzlage zu berichten.“

Sebastian Reimler räusperte sich und veränderte seine Sitzposition von leger zurück gelehnt zu wach, nach vorn gewandt, die Ellbogen auf dem Tisch und Papiere vor sich ausbreitend. Er hielt einen todlangweiligen Vortrag über die Entwicklung des Kirchensteueraufkommens, den sich Katharina gefühlt alle zwei Wochen anhören musste. Weil ihr das alles längst zu den Ohren heraus kam, hörte sie nicht wirklich zu, sondern beobachtete statt dessen aufmerksam die Körpersprache des Assessors und voraussichtlich neuen Superintendenten. Man konnte förmlich riechen, wie er sich in seiner neuen Rolle gefiel; und es war nur eine Rolle, die er spielte, denn er besaß nicht das Format, um dieses Amt auszufüllen. Er gab an, mit seinem angelesenen Halbwissen und plapperte nach, was er von seinem Vorgänger aufgeschnappt hatte. Er spielte den hochmotivierten, Initiative ergreifenden Vorgesetzten, der entschlossen war, die Karre aus dem Dreck zu ziehen. Dass er daran beteiligt gewesen war, sie in denselben zu befördern, ließ er dabei außer Acht. Seine Rede wurde begleitet mal von zackigen, mal ausladenden Gesten, die Professionalität und Stärke suggerieren sollten, jedoch merkwürdig einstudiert wirkten, wie vor dem Spiegel geübt und nach Lehrbuch gezielt platziert. Er war ein elender Wurm, dieser Reimler, der vor vier lächerlichen, kleinen Jugendreferenten und einem überarbeiteten Gemeinde- und ehrenamtlichen Synodal-Jugendpfarrer eine derartige Show abziehen musste. Sicher hatten ihm seine Mitschüler im Schulbus immer auf den Tornister gehauen und ihn ausgelacht, wenn er sich tapsig und viel zu langsam nach dem Übeltäter umgesehen hatte. Und dann konnte er den spottenden Blicken nicht standhalten, denn auch heute konnte er niemandem länger als zwei Sekunden in die Augen sehen. Das Einzige, was ihn seine Kindheit hatte überleben lassen, waren die tröstenden Worte seiner Mutter gewesen: „Stör dich nicht an den Rabauken. Aus denen werden nur Maurer oder Hilfsarbeiter. Und du wirst mal Arzt oder Anwalt oder Pastor und dann sehen die alle zu dir auf.“

Ja, Sebastian Reimler wollte jemand ganz Besonderes sein, das war ihm sehr wichtig. Und da er als Mann weder über anatomische Vorzüge noch über eine animalische Ausstrahlung verfügte, die ihm Attraktivität verliehen hätte, musste er eine attraktive Rolle spielen, wenn er sein Ziel erreichen wollte. Ob er wohl Volkmann abgestochen hatte, um sein Ziel zu erreichen? Assessor klang ja fast wie Assassino, die italienische Vokabel für Mörder. Aber um einem Abgestochenen auch noch die Hose herunter zu ziehen und ein Stück von seiner kleinen Nudel abzuschneiden, während jederzeit die Vorzimmerdame in der Tür stehen konnte, dafür fehlte ihm sicher der Schneid. Und um einen Auftragskiller zu bezahlen, dafür war Reimler zu geizig. Er fuhr ein dickes Auto, trug feine Anzüge, benutzte versilberte Schreibutensilien und steckte auch sonst sicher sein ganzes Gehalt in seine Außenwirkung. Und so üppig war das Einkommen eines Theologen nun auch wieder nicht. Man konnte damit vortäuschen, vermögend zu sein, aber dann war es auch aufgebraucht.

Reimler schloss seinen öden Vortrag mit den Worten: „Sie sehen, auch in der Jugendarbeit werden erneut notwendige Personaleinsparungen auf uns zukommen. Herr Superintendent Volkmann und ich waren uns darin einig, dass die beste und sozial verträglichste Lösung die wäre, für den Fall, dass jemand von Ihnen kündigt, die Stelle nicht in vollem Umfang wieder zu besetzen. Das würde dann aber bedeuten, dass die Arbeit selbstverständlich neu verteilt werden müsste, denn es kann ja nicht sein, wenn beispielsweise Frau Förster geht, dass die Region Hille in die Röhre guckt, während alle anderen weiter arbeiten wie bisher. Vielleicht denken Sie da in ihrer Klausur in naher Zukunft mal drüber nach, wie Sie die Arbeit im Synodal-Jugendreferat noch zentraler und effektiver gestalten können. Von kleinräumlichem Kirchturmdenken müssen Sie sich sicher verabschieden. Und ich verabschiede mich jetzt von Ihnen, denn ich muss in einer Stunde in Bielefeld beim Präses sein. Frohes Schaffen noch.“

Sprach's und verschwand und ließ die Anwesenden mit offenen Mündern zurück.

„Möge ihn der Blitz beim Kacken erwischen.“, zischte Katharina und Hilke lachte laut auf. „Ich danke dir für deine Deutlichkeit.“, sagte sie. „Ich glaube, was der hier von sich gegeben hat, müssen wir nicht wirklich ernst nehmen. Ich glaube, das wird weder vom KSV noch von der Kreis-Synode getragen und wenn in zwei Jahren der neue Sup gewählt wird, ist er sowieso weg vom Fenster.“