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Geplatzte Träume und gebrochene Herzen ... Zeit für einen Neuanfang!
Ein Roman über Liebe, Loslassen und echte Freundschaft
Vanessa hat ihr ganzes bisheriges Leben ihren Geschwistern gewidmet, die sie alleine großziehen musste. Als die beiden zum Studium in eine andere Stadt umziehen, wird ihr zum ersten Mal bewusst, was sie alles aufgegeben hat. Damit soll nun Schluss sein: Ein Tapetenwechsel muss her! Kurz darauf sitzt Vanessa mit der Aussicht auf eine tolle Au-Pair-Stelle im Flieger nach Tokyo. Doch auch die neue Stadt und die fremde Umgebung scheinen nicht das bereit zu halten, was sie sich erträumt hat. Noch dazu hat die Halbjapanerin Saki Vanessa für ihren interkulturellen Hilfsdienst eingespannt – allerdings lässt Sakis bester Freund Vanessas einsames Herz eindeutig höher schlagen ...
Erste Leserstimmen
„Erfrischend realistisch kommt die Geschichte ganz ohne Klischees aus – endlich mal!“
„Vanessa hat es nicht leicht und das macht sie unglaublich greifbar und glaubhaft“
„die Autorin hat einen tollen Schreibstil, der mich durch die Seiten getragen hat“
„tolle Kulisse, die mich nach Japan entführte und in mir den Wunsch weckte, dieses Land endlich selbst zu entdecken“
„unglaublich packend, daher eine klare Leseempfehlung von mir“
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Seitenzahl: 572
Veröffentlichungsjahr: 2020
Vanessa hat ihr ganzes bisheriges Leben ihren Geschwistern gewidmet, die sie alleine großziehen musste. Als die beiden zum Studium in eine andere Stadt umziehen, wird ihr zum ersten Mal bewusst, was sie alles aufgegeben hat. Damit soll nun Schluss sein: Ein Tapetenwechsel muss her! Kurz darauf sitzt Vanessa mit der Aussicht auf eine tolle Au-Pair-Stelle im Flieger nach Tokyo. Doch auch die neue Stadt und die fremde Umgebung scheinen nicht das bereit zu halten, was sie sich erträumt hat. Noch dazu hat die Halbjapanerin Saki Vanessa für ihren interkulturellen Hilfsdienst eingespannt – allerdings lässt Sakis bester Freund Vanessas einsames Herz eindeutig höher schlagen lässt.
Überarbeitete Neuausgabe August 2019
Copyright © 2024 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH Made in Stuttgart with ♥ Alle Rechte vorbehalten
E-Book-ISBN: 978-3-96087-846-9 Taschenbuch-ISBN: 978-3-94529-895-4
Covergestaltung: Buchdesign Traumstoff unter Verwendung von Motiven von © Farhads und Ellegant/shutterstock.com
E-Book-Version 24.10.2024, 11:46:15.
Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.
Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.
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Es gibt ein japanisches Sprichwort, das lautet „Nana korobi, ya oki.“ Siebenmal hinfallen, achtmal wieder aufstehen. Egal, wie schwierig etwas ist, egal, wie viele Hindernisse sich einem in den Weg stellen – nicht aufgeben!
Genau so erging es mir bei der Arbeit an Kirschblütenliebe.
Kein Buch war bisher für mich so schwierig zu schreiben wie dieses. Denn es ist das Buch, in dem am meisten Herzblut, am meisten von mir selbst steckt. Die Geschichte in diesem Buch ist die eine, die ich einfach schreiben musste. Es ist keine Autobiografie, die Personen und die Handlung sind frei erfunden, und doch steckt in der Hauptfigur ein Stückchen von mir selbst, einige der anderen Personen wurden durch echte Menschen inspiriert und in die eine oder andere Situation in diesem Buch sind meine eigenen Erlebnisse eingeflossen.
Japan ist ein Teil von mir. Nicht nur, weil ich die schönste, aufregendste und erreignisreichste Zeit meines Lebens dort verbrachte oder weil ich mich dort verliebt habe und heute mit ebendiesem japanischen Mann verheiratet bin.
Ich liebe dieses Land mit all seinen (vielen) Ecken und Kanten, in all seiner oft frustrierenden Imperfektion und wenn mich jemand fragt, kann ich nicht einmal ansatzweise erklären, warum.
Ich freue mich unsagbar, euch in diesem Buch diese Liebe meines Lebens ein Stückchen näherbringen zu dürfen. Und hoffe, euch während dieser Reise nach Japan ein bisschen von meiner Faszination abgeben zu können.
Viel Spaß beim Lesen!
Eure Fiona Kawazoe
Hilfsservice für interkulturelle Probleme in Tokyo
Führen Sie eine interkulturelle Beziehung?
Verstehen Sie als Nicht-Japaner Ihren japanischen Partner einfach nicht und/oder will dieser Sie partout nicht verstehen?
Oder sind Sie selbst Japaner und am Verzweifeln, weil Ihr ausländischer Partner anscheinend gar nichts begreift?
Leben Sie als Ausländer in Tokyo und fragen sich, wieso Ihre japanischen Kollegen anscheinend niemals Feierabend machen und keinen Urlaub nehmen?
Dann melden Sie sich bei mir! Sakis Hilfsservice für interkulturelle Probleme in Tokyo nimmt sich Ihres Problems an und arbeitet mit Ihnen an einer individuell auf Sie zugeschnittenen Lösung. Dabei profitieren Sie von meiner eigenen lebenslangen Erfahrung als Halbjapanerin in Tokyo. Ich kenne beide Seiten und das nicht zu knapp (ich könnte Ihnen da Geschichten erzählen!).
Schreiben Sie mir einfach eine E-Mail auf Japanisch, Deutsch oder Englisch oder rufen Sie an unter: 08041421187.
P.S.: Bitte kontaktieren Sie mich ausschließlich, wenn Ihr Problem oben beschriebener Natur ist.
Kühler Wind blies mir ins verschwitzte Gesicht, als ich mich endlich die Treppen der U-Bahn-Station hochgekämpft hatte. Ich ließ die gefühlten fünfzig Kilo Gepäck in Form zweier Reisetaschen und eines Koffers mit einem Poltern auf den Gehweg fallen. Zu meiner Rechten brausten Autos auf einer Straße entlang, die so viele Spuren hatte, dass sie mühelos als Autobahn hätte durchgehen können. Gläserne Bürogebäude und graue Betonklötze reihten sich aneinander, hin und wieder half eine einzelne Leuchtreklame den Straßenlaternen dabei, die abendliche Dunkelheit zu erhellen. Menschen hasteten an mir vorbei, die Männer in dunklen Anzügen mit weißen Hemden und Krawatten, die Frauen in eleganten Kostümen und auf Pumps, die ihre schlanken Beine betonten. Ein paar Schritte von mir entfernt standen zwei junge Frauen, je eine zu jeder Seite des Bürgersteiges, und drückten den Passanten kleine Taschentuch-Packungen in die Hand, auf deren Rückseite ein pinkfarbener Werbeflyer prangte.
Das also war Tokyo?
Sollte es hier nicht ... na ja, irgendwie anders sein? Wo waren die Menschen, die als Animefiguren verkleidet durch die Gegend liefen? Wo die nicht enden wollenden Leuchtreklamen, die so grell strahlten, dass man nicht mehr wusste, ob Nacht oder Tag war? Wo die Wolkenkratzer, die diese Bezeichnung wirklich verdienten? Und wo zur Hölle musste ich hin?
Tokyo, Minato-ku, Minami-Aoyama, 4-9-14. So lautete die Adresse. Die freundliche Frau am Flughafen-Infoschalter hatte mir erklärt, was das bedeutete: In der Stadt Tokyo, im Bezirk Minato, im Klein-Bezirk Minami-Aoyama, in diesem wiederum im Bezirk 4, Häuserblock 9, Hausnummer 14. Leider hatte sie mich auch gewarnt, dass Hausnummern nicht der Reihenfolge nach, sondern dem Baujahr nach verteilt wurden.
Und jetzt? Die Dame am Flughafen hatte auch irgendetwas von einem Umgebungsplan gesagt, der an jeder U-Bahnstation aushing und anhand dessen ich die von mir gesuchte Adresse finden könnte - oder zumindest bis hin zum Häuserblock, den ich dann noch nach der Hausnummer ablaufen müsste. So weit, so gut, nur: Wo fand ich diesen ominösen Umgebungsplan? Ich hatte nichts dergleichen gesehen, weder unten an der Station, noch hier oben! Oder ... Mir kam ein schrecklicher Gedanke. Konnte ich den Plan unten übersehen haben? Es gab da so viele Abzweigungen, so viele Ausgänge, die hatte ich zugegebenermaßen nicht alle abgelaufen. Musste ich etwa nochmal da runter, gefühlte eintausend Stufen mit meinem Gepäck? Meine Schulter fühlte sich bereits an, als hätte die schwere Reisetasche sie auf dem Weg vom Flughafen hierher ausgekugelt und meine Arme zitterten. Außerdem war ich viel zu spät dran! Sie hatten bereits vor zwei Stunden mit mir gerechnet. Was, wenn ich Ayumis Adresse überhaupt nicht fand? Vielleicht dachten sie auch, ich käme gar nicht mehr, hätte meinen Flug verpasst oder überhaupt nicht erst angetreten. Panik schnürte mir die Kehle zu.
Wie war ich nur in diese Situation geraten? Noch vor zwei Tagen war alles seinen normalen Gang gelaufen ... nun ja, normal war vielleicht das falsche Wort, aber immerhin hatte nichts darauf hingedeutet, dass ich achtundvierzig Stunden später mit meinem halben Haushalt im Gepäck auf einer Straße in Tokyo stehen würde, ohne funktionierendes Handy, ohne Stadtplan, ohne eine Ahnung, wie es weitergehen sollte.
Das alles war ein Fehler gewesen. Wie hatte ich glauben können, ich könnte das alles schaffen? Ich gehörte nicht hierher, ich gehörte in mein Bett. Doch dieses befand sich nun elf Flugstunden entfernt, sozusagen am anderen Ende der Welt. Ich war in Tokyo. Und wie es dazu gekommen war, wusste ich selbst nicht genau.
Ich war nahe daran, mich neben meinem Gepäck auf den Gehweg zu werfen und in Tränen auszubrechen. Aber genau diese Art von Verhalten hatte mich ja erst in diese Lage gebracht. Wenn es einen guten Zeitpunkt gab, sich zusammenzureißen, dann jetzt. Ich atmete tief ein und wieder aus. Ich war hier, daran ließ sich nun nichts mehr ändern. Es gab kein Zurück. Heulend zusammenzubrechen würde mir weder über kurz noch lang helfen. Ich musste da jetzt durch, egal wie.
Ich schaute mich ein weiteres Mal um, diesmal nicht nach dem Umgebungsplan, sondern nach einem Telefon, und wurde fündig. Ich schleppte mein Gepäck hinüber, kramte den Zettel mit den beiden Telefonnummern aus der Tasche und hielt inne. Wie hoch standen die Chancen, dass einer der beiden abnahm, nachdem ich schon vom Flughafen aus vergeblich versucht hatte, sie zu erreichen? Ich schob den Gedanken beiseite und wählte. Es tutete und tutete und tutete. Ayumi ging nicht dran. Ich wählte die zweite Nummer, die der englischen Nanny, und wusste, wenn diese ebenfalls nicht abnahm, würde ich trotz aller guten Vorsätzen anfangen zu weinen.
„Hello?“, meldete sich eine glockenhelle Stimme auf Englisch.
„Oh“, seufzte ich vor Erleichterung, bevor ich meine Stimme wiederfand: „Hallo ... äh, hier spricht Vanessa. Ich bin Chies und Hayatos neues Kindermädchen.“
„Vany!“, verdrehte sie meinen Namen ins Englische. „Mein Gott, wo steckst du denn? Jede verdammte Minute gucke ich hier auf die Uhr und bete, dass du gleich um die Ecke kommst!“ Sie sprach so schnell und umgangssprachlich, dass ich ihr Englisch nur mit Mühe verstand.
„Tut mir leid“, murmelte ich, doch ärgerte mich bereits im nächsten Moment über die Entschuldigung. War es etwa meine Schuld, dass der Anschlussflug in Shanghai Verspätung gehabt hatte? Oder dass ich über eine Stunde in der Schlange für die Passkontrolle gestanden hatte? War es etwa meine Idee gewesen, ans andere Ende der Welt zu fliegen?
„Wo bist du jetzt?“
„An der Station Gaiemmae, ich bin gerade aus-“
„Mach keinen Schritt weg da, wir holen dich ab, verstanden?“
„Wo ist -“
Doch Lucy hatte bereits aufgelegt.
Erschöpft hängte ich den Hörer zurück auf die Angel und stieß einen tiefen Seufzer aus. Na also. Alles würde in Ordnung kommen. Jedenfalls so in Ordnung, wie es in meiner Situation möglich war. Ob die Zeit noch reichte, mir irgendwo einen Kaffee zu besorgen? Ich war so unendlich müde.
Gerade hatte ich mir eine vielversprechend aussehende Café-Kette ausgeguckt, als eine junge, nicht-asiatische Frau mit Zwillingskinderwagen auf mich zugerannt kam. „Vany?“, keuchte sie.
„Lucy? Das ging ja schnell.“ Sehnsüchtig warf ich einen letzten Blick auf das Café.
Sie nickte, stemmte ihr gesamtes Körpergewicht auf den Kinderwagen und drehte ihn um hundertachtzig Grad herum. „Bin schon ’ne Weile vor dem Haus rumgefahren um dich abzufangen, falls du das richtige Haus nicht findest oder dir entgegenzukommen, falls du anrufst.“ Sie zwinkerte mir zu. „Sorry, ich hab’s einfach megaeilig. Du bist bestimmt am Flughafen Narita gelandet, oder?“
„Ja, wieso?“, fragte ich, während ich versuchte, mit meinem Koffer, meiner Reise- und meiner Umhängetasche beladen mit ihr Schritt zu halten.
„Oh, mann, lass mich raten: Du hast bei so einer billigen chinesischen Airline gebucht, weil es weniger kostet als ein Direktflug. Aber auf den Anschluss in China kann man dann meist lange warten und als Sahnehäubchen steht man sich bei der Passkontrolle in Narita die Beine in den Bauch. In etwa getroffen?“
„Ziemlich genau, ja.“
„Tja, deshalb nehm ich nur noch Direktflüge, wenn ich meine Family in London besuche, und zwar nach Haneda, das ist der Flughafen in der City von Tokyo. Wurde erst vor Kurzem richtig auf internationale Flüge umgestellt. Die Billigflüge nach Narita lohnen sich jetzt kein bisschen mehr, das kann ich dir sagen, weil man von Narita nach Tokyo ja nochmal so viel Kohle für die Bahnfahrt reinstecken muss. Mann, schade, dass dir das niemand vorher gesagt hat. So ’n Pech.“
Tja, Pech war für mich in letzter Zeit nichts Neues. „Wieso hast du es eigentlich so eilig“, fragte ich, um von der leidigen Flugreise abzulenken.
„Oh, das!“ Sie blieb stehen und fixierte mich mit dramatischem Blick. „Ich verpasse gerade meine eigene Geburtstagsparty, kannst du das glauben?“
„Oh ... herzlichen Glückwunsch.“
„Danke, du bist ja echt ’ne Nette. Da sag ich schon mal ’tschuldigung im Voraus.“ Sie setzte ihren Weg fort, sogar in noch zügigerem Tempo als zuvor.
„Wieso?“, fragte ich keuchend.
Sie nickte zum Kinderwagen, dessen beide Dächer so weit heruntergezogen waren, dass ich von dort, wo ich lief, unmöglich die Passagiere sehen konnte. „Die beiden ratzen sicher schon tief und fest. Das wird nicht grad’ spaßig für dich, sie vom Buggy ins Haus zu schleppen.“
Ich erwiderte nichts. Anstrengender als das, was ich bereits hinter mir hatte, konnte es kaum werden.
Auf dem Rest des Weges, den ich mir vergeblich zu merken versuchte, zählte Lucy die Eckdaten der Zwillinge auf: „Hayato liebt Autos, aber so was von! Wenn man ihn lässt, spielt er den ganzen Tag damit, wahrscheinlich formen seine Zehen sich irgendwann zu Rädern um. Chie bastelt gerne, ’ne richtig kreative kleine Maus, aber mit der Schere in der Hand muss man noch dabeibleiben. Chie kann auch schon allein aufs Klo, das Abputzen bekommt sie noch nicht so auf die Reihe, besteht aber darauf, es selbst zu tun, das ist echt eklig. Hayato macht noch regelmäßig in die Windel. Am besten fragst du ihn direkt, wenn Chie muss, und schickst ihn mit aufs Klo. Beim Essen sind sie nicht groß wählerisch. Chie trinkt am liebsten Trauben-, Hayato Apfelsaft. Meist ratzen sie mittags zwischen einer halben und ganzen Stunde, aber nur im Buggy, denn freiwillig würden die sich in kein Bett legen und liegen bleiben. Wenn du sie also um zwei von der Schule abholst, schieb ihnen ein paar Snacks rein, pack sie in den Buggy, fahr ein bisschen durch die Gegend und du hast im glücklichsten Fall für ’ne Stunde deine Ruhe. Aber das zeige ich dir alles morgen nochmal.“
„Hast du gerade Schule gesagt?“ Meinen bescheidenen Informationen nach waren die Kinder erst drei Jahre alt.
Lucy rollte mit den Augen. „Danach fragst du am besten Ayumi, die erklärt dir das gern – und ich meine wirklich gern.“
Ich erwiderte nichts, doch nahm mir vor, Ayumi später tatsächlich zu fragen. „Es tut mir leid, dass du wegen mir deine Stelle verlierst“, sagte ich, nachdem wir ein paar Minuten schweigend nebeneinander her gelaufen waren.
Sie warf mir einen missmutigen Blick zu, während sie in eine enge Gasse ohne Bürgersteig einbog. „Oh mann, was soll ich dazu sagen?“
Ich verstand sie kaum, da ich nun hinter ihr lief und versuchte, mit meinem Gepäck den nur wenige Zentimeter an mir vorbeifahrenden Autos auszuweichen. Lucy hatte es mit dem breiten Zwillingskinderwagen noch schwerer, hatte aber anscheinend auch viel mehr Übung als ich.
„Mich stört es nicht, wenn du gar nichts dazu sagst. Ich habe die Stelle als Kindermädchen zufällig bekommen.“ Die Wahrheit war, dass ich kaum eine Wahl gehabt hatte und dass das im Grunde alles nur die Schuld dieser unmöglichen Person war, die sich auf den Namen Maggie schimpfte. Aber das konnte ich so schlecht sagen. „Erst später habe ich erfahren, dass die beiden eigentlich bereits ein englisches Kindermädchen haben. Das wollte ich nur klarstellen.“
„Okay, verstehe.“
Wir liefen ein paar Minuten schweigend hintereinander her, bis Lucy plötzlich sagte: „Wärst du es nicht gewesen, hätten sie eine andere Deutsche irgendwo aufgesammelt, um mich zu ersetzen. Die haben sich halt in den Kopf gesetzt, dass Hayato und Chie Deutsch lernen sollen, punkt. Schließlich sind die beiden mit Englisch und Chinesisch als einzigen Fremdsprachen maßlos unterfordert“, äffte sie Ayumis Stimme nach. „Ist also nicht deine Schuld, dass sie mich nicht mehr wollen, mach dir keinen Kopf, dafür bist du viel zu nett.“
Ich nickte nur und wollte gerade das Thema wechseln, doch anscheinend hatte Lucy sich in Fahrt geredet: „Trotzdem nervt mich das so was von! Ich meine, ich bin Nanny, verstehst du? Das ist echt mein Beruf, ich mache das schon ewig, erst in England, dann hier in Tokyo. Ich komm super mit den Zwergen klar, Chie und Hayato haben sich an mich gewöhnt, sie freuen sich einen ab, wenn sie mit mir Zeit verbringen können! Aber das ist ihren feinen Eltern ja nicht genug, nein, es muss ja unbedingt ’ne Deutschsprachige her, egal, ob sie schon jemals ein Kind von Nahem gesehen hat!“
Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Sie beruhigen, dass ich durchaus auch meine Erfahrung mit Kindern hatte? Ihr meine eigene Meinung zu dem ganzen Thema sagen? Schließlich murmelte ich nur: „Die Eltern haben das Sagen. In welchem Fall das gut oder schlecht ist, darüber kann man streiten. Es ist nun mal so.“
Lucy stoppte und warf mir über ihre Schulter einen langen Blick zu. „Amen“, sagte sie. Und dann: „Da wären wir.“
Ich betrachtete das Haus am Ende einer kleinen Sackgasse, vor dem wir zum Stehen gekommen waren. Es war gar nicht so sehr ein Haus, sondern mehrere kleine, durch einen Innenhof, der mittels eines Tores abgesperrt war, miteinander verbunden.
„Du brauchst keinen Schlüssel, musst nur die Nummernkombi eingeben.“ Lucy zeigte auf eine Anlage mit Nummerntastatur, die neben dem Tor angebracht war. „Ich hab sie dir aufgeschrieben. Hier.“ Sie holte einen kleinen Zettel aus ihrer Jackentasche und reichte ihn mir. „Eigentlich ist die Kombi nur für Notfälle, aber Ayumi vergisst andauernd, mir einen Schlüssel hinzulegen. So, jetzt muss ich echt die Beine in die Hand nehmen! Im Hof gehst du einfach bis zur Treppe und dann ist es die Tür ganz hinten rechts. Die Eingangstür ist nicht zu, kannst du einfach aufdrücken. Den Buggy klappst du zusammen und lässt ihn vor der Tür stehen. Das Appartement selbst hat vier Stockwerke, aber keine Treppe innen, musst also für jeden Pups den Aufzug nehmen. Unten ist ein leeres Zimmer, das wird wohl ab jetzt deins sein. Direkt drüber ist das Wohnzimmer. Versuch, die Zwerge irgendwie weiterschlafen zu lassen – Ayumi mag es nicht, wenn sie spät heimkommt und die beiden schreien total übermüdet rum, statt im Bett still vor sich hin zu schlafen. Morgen komm ich dich um halb zwei hier abholen, dann zeige ich dir den Weg zur Schule. Bis dann!“ Bevor ich noch irgendetwas sagen oder auch nur die Hand zum Abschied heben konnte, hatte Lucy bereits winkend kehrtgemacht.
Ich sah ihr nach, meine rechte Hand am Griff des Koffers, die Reisetasche über meiner linken Schulter, die Umhängetasche über der rechten. Mein Blick schweifte zum Kinderwagen. Einmal mehr stieg Panik in mir hoch. Ich konnte das alles nicht! Wie sollte ich das schaffen, wie sollte ich irgendetwas schaffen, wenn ich mich doch eigentlich nur in meiner Wohnung verkriechen und nie wieder herauskommen wollte? Kraftlos ließ ich mein Gepäck sinken, dann ging ich, mit Tränen der Erschöpfung in den Augen, vor dem Kinderwagen in die Hocke. Unter dem Dach hindurch blickte ich direkt in zwei schlafende Kindergesichter. Unwillkürlich musste ich lächeln. Meine Atmung beruhigte sich, der Kloß in meinem Hals löste sich auf. Dieser Moment ließ mich alles vergessen: Den durchwachten ersten Flug, die Verspätung des zweiten, die Strapazen der öffentlichen Verkehrsmittel. Das hier war der Grund, aus dem ich das alles auf mich genommen hatte: Meine Hoffnung darauf, dass es wieder sein könnte wie früher. Dass ich wieder sein könnte wie früher. All das verkörperten diese beiden kleinen Kinder.
Ich weiß nicht, wie lange ich so dahockte und Chie und Hayato betrachtete. Doch ich konnte mich nicht dazu durchringen, aufzustehen und in die Realität zurückzukehren. Dies war meine wohlverdiente Pause. Zum ersten Mal, seit ich vor zwei Tagen Maggie angerufen und ihr gesagt hatte, dass ihre Idee unter Umständen doch nicht ganz abwegig war, fiel jegliche Spannung von mir ab. Während ich jedes Detail der Kinder in mir aufnahm, beruhigten sich meine Atmung und meine Gedanken. Mir fiel auf, dass Hayatos Haare fast pechschwarz waren, Chies eher dunkelbraun. Auch war ihre Haut etwas heller als die ihres Bruders. Hayato hatte ebenmäßige, hübsche Züge mit kleinen Pausbäckchen, Chies Gesicht war eher lang und etwas kantig, was durch ihre kinnlangen Haare und den Zopf, der den Pony aus der Stirn hielt, noch unterstrichen wurde. Die beiden trugen identische Kleidung: Eine weiße Daunenjacke, darunter braune Cordhosen und braune Stoffschuhe.
Unsere Mutter hatte auch immer versucht, Noah und Michelle gleich zu kleiden, als sie noch klein waren. Vor allem, wenn Freunde oder Kollegen zu Besuch kamen. Ich dagegen hatte, wenn unsere Mutter nicht da war, die beiden ihre Kleidung selbst aussuchen lassen. Was sogar manchmal dazu geführt hatte, dass Michelle Noahs Sachen anzog und umgekehrt.
Mit einem leisen Seufzen richtete ich mich auf. So gern ich es wollte, aber ich konnte nicht ewig hier draußen in der Nacht herumsitzen. Ich musste die Kinder ins Innere des Hauses schaffen. Nur wie?
„Eins nach dem anderen.“ Ich öffnete das Tor mit der Zahlenkombi und schob den Kinderwagen in den Hof, dann holte ich schnell mein Gepäck nach. Wie Lucy gesagt hatte, befanden sich am Ende des Hofes fünf Stufen, die nach unten und zu drei Häusern führten. Da konnte ich den Kinderwagen unmöglich mit den Zwillingen darin runterfahren. Und Runtertragen kam schon wegen der Ausmaße des Kinderwagens nicht infrage.
So leise wie möglich schaffte ich erst einmal mein Gepäck die Stufen hinunter und in das Haus mit der Nummer 108. Wie Lucy gesagt hatte, war die Tür unverschlossen. Nachdem ich den Lichtschalter gefunden hatte, erkannte ich einen gefliesten Eingangsbereich, der durch eine Stufe vom Rest des Innenbereichs getrennt war. Dahinter befanden sich ein Aufzug und drei Türen: Eine zur Toilette, eine zum Bad und die letzte führte in das Zimmer, in dem ich von nun an wohnen würde. Es war zwar klein, aber zwei vollständig verglaste Wände gaben dem Raum eine besondere Atmosphäre. Die Möbel waren einfach gehalten, aber schienen entweder neu oder noch nicht viel benutzt worden zu sein: Es gab ein schmales Bett, einen einfachen Schreibtisch aus Holz, einen dazugehörigen Stuhl und einen kleinen Wandschrank. Ich ließ meine Umhängetasche auf dem bereits bezogenen Bett liegen und schloss die Tür hinter mir.
Als ich wieder beim Kinderwagen ankam, schliefen die Zwillinge immer noch. Ich versuchte, mich zu erinnern, was ich mit Noah und Michelle in so einer Situation getan hätte. Wir hatten damals auch so einen Zwillingskinderwagen und der hatte ebenfalls nicht durch die Wohnungstür gepasst. Daher hatten wir zumindest abends versucht, die Kleinen nicht im Kinderwagen einschlafen zu lassen. Das Problem war, dass, wenn ich eines der Kinder heraushob, wahrscheinlich das andere aufwachen würde. Und dann hätte ich gleich zwei schreiende, sich gegenseitig aufstachelnde Kinder, die so bald nicht mehr einschliefen.
Aber es nützte nichts. Ich konnte nicht beide auf einmal tragen, also musste ich wohl oder übel mit einem anfangen.
Ich schluckte, dann beugte ich mich vorsichtig über den Wagen und schnallte Hayato mit zitternden Händen ab. So sanft wie möglich zog ich seine Ärmchen aus den Gurtschlaufen, schob meinen Arm hinter seinen Rücken, den anderen unter seinen Po und hob ihn hoch. Ich sah, wie er kurz die Augen öffnete. Im nächsten Moment sank sein Kopf gegen meine Schulter und er schlief weiter. Im gleichen Moment begann Chie sich zu regen. Ich trat die Flucht an. Wenn die Kleine die Augen öffnete und niemanden sah, vielleicht würde sie einfach weiterschlafen? War so ein kleines bisschen Glück zu viel verlangt?
Mit Hayato auf dem Arm betrat ich den Flur. Ohne Licht einzuschalten fegte ich mit einer Hand meine Tasche vom Bett und legte Hayato darauf. Er schlief immer noch.
Der kurze Moment der Zufriedenheit wurde durch Chies Heulen zerstört. Ich sprang hoch und machte, dass ich wieder nach draußen kam. „Mama! Mama!“ Zwischendrin steckten noch ein paar fremde Wörter, die ich nicht verstand, doch die Hauptbotschaft kam bei mir an: Sie war müde, hatte Angst und wollte zu ihrer Mutter.
„Scht, scht“, machte ich und ging vor dem Kinderwagen in die Hocke. „Ich bin ja da. Und dein Bruder ist drinnen, komm, ich bringe dich zu ihm.“ Beim Versuch, sie abzuschnallen, schrie sie nur noch lauter.
„Ich bin Vani“, versuchte ich, ihr zu erklären. „Ich passe auf dich auf, bis deine Mama wieder da ist.“
Selbst wenn die Kleine Deutsch verstanden hätte, wäre ihr meine Erklärung wahrscheinlich herzlich egal gewesen. Da ihr Schreien sich in sirenenartige Höhen steigerte und ich nicht auch noch eine Konfrontation mit den Nachbarn riskieren wollte, schnallte ich sie kurzerhand ab und trug das sich heftig wehrende Kind hinein. Erst im Haus ließ ich sie runter. Mittlerweile hatte auch Hayato zu schreien begonnen. Ich lief in mein Zimmer, wo der Junge auf dem Bett saß, mich kurz erstaunt anstarrte und dann weiter weinte.
Vielleicht beruhigte es die zwei, wenn sie im selben Raum waren und sahen, dass zumindest das Geschwisterchen da war? Ich packte Hayato, der sich im Gegensatz zu seiner Schwester zumindest nicht wehrte, und trug ihn in den Flur. Dort stellte ich ihn ab, neben Chie, die an die Wand gelehnt dastand, heulte und nach ihrer Mama rief. Der Anblick des Geschwisterteils beruhigte keinen von ihnen. Wenn überhaupt fühlten sie sich durch das Heulen des jeweils anderen nur in ihrem eigenen bestätigt.
Und plötzlich verstand ich, wie naiv ich gewesen war. Das hier waren nicht Noah und Michelle. Das waren völlig fremde Kinder, die mich nicht kannten, die mich nicht wollten. Sie wollten ihre Eltern oder zumindest Lucy. Ob ich ihnen Gesellschaft leistete und mich mit ihnen beschäftigte oder ob sie ganz mutterseelenallein waren, machte für die beiden keinen Unterschied.
Erschöpft sank ich auf den Fußboden, mit dem Rücken zur Wand. Ich wünschte mir so sehr, ich wäre einfach daheim geblieben. Das Schreien der beiden kleinen Kinder, das in Intervallen zwischen Weinen und Brüllen pendelte, raubte mir den Rest meiner Nerven, die den Flug und den Aufenthalt in Shanghai überstanden hatten. Ich betrachtete Chie und Hayato und spürte, wie sich meine Wut auf mich selbst, auf Ayumi und auf Maggie plötzlich gegen die beiden Kinder richtete. Ein Phänomen, das ich noch dunkel aus Noahs und Michelles Kindheit in Erinnerung hatte. Stress in der Schule, Müdigkeit oder einfach grundlos schlechte Laune – und plötzlich war ich überzeugt, dass Noah absichtlich mit der Tomatensoße durch die Gegend kleckerte, nur, damit ich es später aufwischen musste. Und Michelle weinte nicht, weil sie sich den Kopf gestoßen hatte, sondern weil sie mich ärgern wollte.
„Ein schönes Kindermädchen bist du“, flüsterte ich. Ich blickte in die vom Weinen geschwollenen, asiatischen Augen, ihre verzerrten Gesichter und stellte mir vor, wie ich mich fühlen würde, wenn ich plötzlich aufwachte und alle mir vertrauten Personen weg wären. Stattdessen stand da eine Fremde und ich hatte weder die Möglichkeit, meine Verwirrung und Angst zu kommunizieren noch zu verstehen, was los war.
„Sehen wir zu, dass wir euch mit irgendwas ablenken“, sagte ich sanft, stand auf und drückte den Knopf am Aufzug. Die Türen öffneten sich und ich winkte den Kindern. „Kommt mit! Wir fahren hoch und dort zeigt ihr mir eure Spielsachen.“
Die beiden rührten sich nicht vom Fleck, ignorierten mich völlig, doch gleichzeitig hatte ich das Gefühl, dass sie mich unauffällig beobachteten. Ich betrat den Aufzug und geriet außer Sichtweite der Kinder. Den Türöffner-Knopf gedrückt haltend wartete ich ab.
Wenige Sekunden später intensivierte sich das Heulen noch einmal, dann kamen die beiden um die Ecke getrippelt.
„Gut gemacht“, murmelte ich. Die Aufzugstür glitt zu. „Schauen wir doch mal, ob wir im Wohnzimmer einen interessanten Zeitvertreib finden.“ Ich drückte auf den Knopf mit der 1, doch der Aufzug rührte sich nicht. Die Taste begann auch nicht zu leuchten. „Häh?“ Ich sah perplex die Kinder an.
Die hatten für einen Moment zu Weinen aufgehört und blickten verwirrt zurück.
„Ist der Aufzug kaputt?“, fragte ich auf Englisch.
Da begann Chie wieder zu Schreien und Hayato tat es ihr gleich. „Na toll.“ Willkürlich drückte ich auf die 2 und 3. Beide Tasten leuchteten sofort auf und der Aufzug setzte sich in Bewegung. Allerdings öffneten sich die Türen nicht im zweiten, sondern im ersten Stock, ganz offensichtlich das Wohnzimmer. In den USA bezeichnete die Nummer 1 grundsätzlich das Erdgeschoss, das wusste ich von meinem Sprachaufenthalten während des Studiums. Anscheinend war das in Japan auch so.
Kaum hatten sich die Aufzugtüren hinter uns geschlossen, schossen zwei identische kläffende Viecher um die Ecke und auf uns zu. Die Kinder schrien unbeeindruckt weiter, während ich versuchte abzuschätzen, ob die Köter aus Begeisterung oder Aggressivität bellten.
„Sitz! Aus!“, rief ich so dominant wie möglich, doch die Möpse kläfften mich weiterhin an. Sie hatten sich zwischen mich und die Kinder geschoben, so dass ich, gegen den Aufzug gepresst, in der Falle saß.
„Blöde Hunde, ihr!“, stöhnte ich und schob den einen genervt mit dem Fuß beiseite. Da schnappte das Vieh nach mir. Erschrocken starrte ich es an. Das nannte man wohl Abneigung auf den ersten Blick, und zwar von beiden Seiten.
„Ihr habt es nicht anders gewollt.“ Die weinenden Kinder vorerst ignorierend, schaute ich mich nach etwas um, womit ich mir die aggressiven Tiere vom Leib halten konnte. Da entdeckte ich in einer Ecke zwei Spielzeug-Einkaufswagen, einer in blau, einer in pink. Die waren zweimal so hoch wie die Möpse und daher perfekt geeignet. Ich öffnete per Knopfdruck die Aufzugtüren, dann schnappte ich mir den pinkfarbenen Einkaufswagen und lenkte ihn entschlossen auf den Mops zu, der mich beinahe gebissen hätte. Der starrte mich einen Moment lang dumm an, dann wich er rückwärts vor dem Einkaufswagen zurück. Mit Befriedigung sah ich, wie seine Krallen über den Parkettboden rutschten und er auf seinem Hintern landete. Gnadenlos näherte ich mich ihm weiter mit dem Spielzeug, bis er sich schlitternd in den Aufzug zurückzog. Ich wartete, bis sich die Türen wieder schlossen, dann drängte ich den anderen Mops mit der gleichen Strategie zurück, bis beide verwirrt vor sich hin hechelnd, die Hintern aneinander gepresst, im Aufzug saßen. Die Aufzugstüren gingen zu und ich hatte zumindest ein Problem weniger.
Das schrille Heulen der Zwillinge, das ich während meiner Mopsjagd nur am Rande wahrgenommen hatte, drang wieder mit voller Intensität an meine Ohren.
Ich hockte mich vor die beiden. „Hey, hey, alles ist gut. Ich bin doch da“, sagte ich erst auf Deutsch und wiederholte es dann auf Englisch, in der Hoffnung, sie hatten schon genug davon von Lucy aufgeschnappt, um mich verstehen zu können.
„Ma-ma!“, weinte Chie und ihr Bruder folgte ihrem Beispiel. „Pa-pa! Lu-cy!“, fuhr Chie fort, immer mit ausgiebigen Pausen zwischen den Wörtern, um sich auch ja ihrem Weinen hingeben zu können.
Ich war erschöpft. So erschöpft, dass ich in Erwägung zog, mich unten in mein Bett zu legen und die Kinder mit den Hunden hier oben ihrem Schicksal zu überlassen. Wie konnte sich diese verantwortungslose Frau, die sich Chies und Hayatos Mutter nannte, einfach abends mit ihrem Mann vergnügen – wohlwissend, dass eine völlig Fremde sich mit ihren dreijährigen Kindern herumschlug? Ayumi kannte mich nicht mal, hatte mich noch nie persönlich getroffen. Wusste sie denn, ob ich ihre Kinder nicht einfach in ihr Zimmer sperrte, bis sie vor Erschöpfung umfielen? Anscheinend setzte die Frau auf das, was Maggie ihr über mich erzählt hatte. Wobei letztere mich ebenfalls nicht besonders gut kannte. Doch anscheinend gut genug. Ich musste die Kinder beruhigen – nicht für Ayumi oder damit ich meinen Job behielt - sondern für Chie und Hayato. Die beiden litten so offenkundig, dass mir selbst zum Heulen zumute war.
Seufzend stand ich auf und betrachtete das Wohnzimmer. Wenn man es vom Aufzug aus betrat, befand sich auf der rechten Seite ein runder Esstisch und um die Ecke gelangte man in eine offene Küche, die durch ein niedriges Gitter abgetrennt war. Linkerhand vom Fahrstuhl stand eine Couch, gegenüber davon ein deckenhohes weißes Regal mit vielen kleinen Fächern, von denen jedes durch eine eigene Klappe abgedeckt werden konnte. In der Mitte hing ein riesiger Flachbildfernseher.
„Dann schauen wir doch mal, was wir hier so haben.“ Ich ging zum Regal und öffnete der Reihe nach alle Fächer. Spielzeug. Bilder- und Vorlesebücher, Lego, Musikinstrumente, Arztköfferchen, Autos, Bauklötze, Malsachen, Puppen. Ich griff kurzerhand nach dem Korb mit den Instrumenten.
„Na, wollen wir spielen?“ Ich stellte den Korb zwischen mich und die Zwillinge auf den Boden.
Die Kinder hielten in ihrem Weinen inne und sahen erst das Spielzeug, dann mich an. „Mama! Papa!“, begannen sie von Neuem.
Ich nahm das erstbeste Instrument, das ich zu greifen bekam: Einen kleinen Holztamburin. Ich begann, ihn rhythmisch gegen meine linke Hand zu schlagen. Ein Gutes hatte es: Für den Moment hörte ich kein Weinen mehr. Das lag jedoch nicht daran, dass die Zwillinge zu weinen aufgehört hätten, sondern an dem Umstand, dass der Krach die Kinder übertönte.
„Kommt, wir machen Musik! Wir tanzen!“ Ich sprang auf. Einmal mehr schlug ich gegen das Tamburin, diesmal bewegte ich mich auch dazu. Ein Schritt nach rechts, Schlag, einen nach links, Schlag. Ich spürte Chies und Hayatos neugierige Augen auf mir. Langsam hatte ich sie, jubelte ich innerlich. Doch als ich den Blick auf sie richtete, fingen sie sofort wieder an zu weinen.
Ich schlüpfte mit meinem Arm durch das Loch im Tamburin und ließ es dann wie einen Hula-Hoop-Reifen um meinen Arm kreisen.
Die Kinder beobachteten mich genau, das sah ich aus den Augenwinkeln. Und als ich das Tamburin von meinem rechten Arm auf den linken wechselte und das Spiel wiederholte, lachte Hayato.
„Ja, das ist lustig!“ Ich machte so lange weiter, wie ich konnte. Zwischenzeitlich zeigte auch Chie ein winziges Lächeln. Aber kaum hörte ich für einen Moment auf, um meine Arme zu entspannen, heulte Chie wieder nach ihren Eltern und ihr Bruder stimmte mit ein.
„Ich habe eine noch lustigere Idee! Schaut mal!“ Ich legte mir das Tamburin auf den Kopf und schüttelte mich. Meine Haare flogen in alle Richtungen und die Metallplättchen im Tamburin schlugen aneinander.
Das glockenhelle Kinderlachen, das das Schellen des Tamburins übertönte, belohnte mich für alle Strapazen der letzten achtundvierzig Stunden. Hayato und Chie sahen mich mit tränen- und rotzverschmierten Wangen an, doch die Augen leuchteten jetzt.
Ich wiederholte meine Vorstellung mit dem Tamburin auf dem Kopf und diesmal lachten die beiden noch mehr.
Da kam Hayato plötzlich auf mich zu, grinsend über das ganze Gesicht, und legte mir das Instrument wieder auf den Kopf.
„Aber nur noch ein Mal, ja?“ Ich grinste und wiederholte es noch fünf Mal, dann streikte meine Halsmuskulatur endgültig. „Nein, ich kann jetzt wirklich nicht mehr“, sagte ich sanft zu Hayato und legte das Tamburin auf den Boden.
Der Junge starrte mich an und ich erwartete einen erneuten Schreianfall. Dann grinste er wieder, bückte sich und legte sich das Tamburin selbst auf den Kopf. Noch bevor er anfangen konnte, diesen zu schütteln, fiel das Tamburin herunter. Er lachte. Währenddessen konnte Chie sich anscheinend nicht entscheiden, wie sie reagieren sollte. Sie beobachtete ihren Bruder mit dem Ansatz eines Lächelns, doch warf mir zwischendurch misstrauische Blicke zu.
Dann, als das Tamburin zum fünften oder sechsten Mal von Hayatos Kopf gefallen war, lachte sie endlich wieder. Sie hob das Instrument auf und legte es ihrem Bruder auf den Kopf.
Mit einem lautlosen Seufzen schloss ich für eine Sekunde die Augen. Die Krise war vorerst überwunden.
Wir spielten mit den unterschiedlichsten Instrumenten, dann holten die Kinder Bauklötze aus dem Schrank. Ich war so auf Hayato und Chie fixiert, prüfte ständig ihre Gesichtsausdrücke auf das kleinste Anzeichen von Beunruhigung, dass ich gar nicht merkte, wie die Zeit verging.
Plötzlich hörte ich ein Bellen. Doch erst, als Chie und Hayato aufsprangen und „Mama, Mama!“ rufend zum Aufzug rannten, wurde mir klar, dass die Möpse gerade nach unten gefahren wurden.
Während die Kinder an der Aufzugtür klebten, besah ich mir das Zimmer. Instrumente und Bauklötze bedeckten so ziemlich jedes vormals freie Stückchen des Bodens. Doch zum Aufräumen blieb jetzt keine Zeit mehr. In diesem Moment öffneten sich bereits die Aufzugtüren.
Eine große japanische Frau betrat das Wohnzimmer. Sie trug ihre langen, schwarzen Haare offen, so dass sie über den Stoff ihrer hellblauen Bluse flossen. Darunter trug sie einen schwarzen Rock und transparente Strumpfhosen. Die Kinder stürmten auf sie zu, klammerten sich an ihre langen, schlanken Beine. Sie beugte sich kurz zu ihnen herunter, lächelte und sagte etwas auf Japanisch. Dann schob sie die Zwillinge sanft zur Seite, richtete sich auf und betrachtete mich. „Guten Abend, Vanessa, ich bin hocherfreut, dich kennenzulernen. Ich hoffe, deine Flugreise gestaltete sich angenehm?“, sagte sie in ihrem gestelzten, akzentbelasteten Deutsch, das ich schon von unserem ersten und einzigen Skype-Gespräch vor zwei Tagen kannte. Auch Maggie hatte jenem Gespräch beigewohnt und mich flüsternd darauf hingewiesen, dass Ayumi zu viele alte Bücher und Filme als Lehrmaterial konsumiert hatte, daher ihr etwas kurioses Deutsch.
„Danke. Über den Flug kann ich nicht klagen, allerdings traten beim Umstieg Probleme auf, weshalb ich mich stundenlang in Shanghai aufhalten musste.“ Mir fiel auf, wie gekünstelt plötzlich auch meine Stimme klang. Ob Ayumis Sprachstil ansteckend war?
„Oh, tatsächlich?“ Sie drehte sich um und legte ihre Louis Vuitton-Handtasche auf dem runden Tisch ab. Hayato und Chie folgten ihr auf Schritt und Tritt.
„Ja, das war ziemlich anstrengend“, zwang ich mich zurück in meine normale Wortwahl. „Deswegen kam ich auch zu spät, Lucy wollte schon längst gegangen sein und es gab ein bisschen Durcheinander. Die Zwillinge sind im Kinderwagen eingeschlafen und als sie aufwachten, war nur noch ich da und sie hatten Angst und haben geweint -“
„Gleichwohl hast du sie offensichtlich erfolgreich beruhigen können.“
„Ja, aber das war nicht leicht. Entschuldigen Sie das Chaos.“ Ich konnte nur über mich selbst den Kopf schütteln. Wieso stand ich hier und entschuldigte mich für die Unordnung, wenn ich Ayumi eigentlich fragen wollte, wie man als Mutter solch entzückender Kinder diese einfach einer vollkommen fremden Person aufs Auge drücken konnte?
„Das Hausmädchen kommt ohnehin morgen früh, also sorge dich nicht deswegen. Und bitte sprich mich mit Ayumi an und sag du, ja? Schließlich residieren wir jetzt zusammen, wie eine Familie.“
Ich lächelte automatisch, doch schüttelte mich innerlich. War das nicht ein kleines bisschen dick aufgetragen, vor allem, da wir uns gerade das allererste Mal begegnet waren? „Danke“, kam es trotzdem aus meinem Mund.
„Oh ... wegen der Hunde“, begann Ayumi und mir schwante nichts Gutes. „Wir haben sie bei unserer Heimkehr im Fahrstuhl vorgefunden ...“ Mit bedeutungsvollem Blick ließ sie den Satz offen.
„Einer von ihnen hat versucht, mich zu beißen, und ich musste ja erstmal die Kinder beruhigen, also ...“ Auch ich ließ den Satz offen.
„Gleichwohl muss ich schon sagen, dass es an Tierquälerei grenzt, zwei so fidele Hunde wie Kuuchan und Sakura stundenlang in einem engen Fahrstuhl gefangen zu halten. Zudem hattest du mir ja bei unserem Skype-Gespräch versichert, dass du keine Angst vor Hunden hast.“
„Ich habe keine Angst vor Hunden, aber ich will auch nicht gebissen werden.“ Mit aller Macht meldete sich meine Erschöpfung zurück und mein unerklärlicher Drang, es dieser Frau recht zu machen, trat in den Hintergrund. Ich wollte nur duschen und dann schlafen. Und nicht hier mit Ayumi über die Möpse diskutieren.
„Nun, das werden wir auch irgendwie arrangiert bekommen“, lenkte sie zu meiner Überraschung in diesem Moment ein. „Ich muss nun Chie und Hayato für die Nacht vorbereiten – morgen ist schließlich Schule.“
Irrte ich mich, oder war der Blick, mit dem sie mich nun bedachte, etwas säuerlich? Aber sie konnte mich ja wohl schlecht dafür verantwortlich machen, dass die Zwillinge noch nicht schliefen, oder? Wo ich schon froh war, dass sie aufgehört hatten, die ganze Nachbarschaft zusammenzuschreien.
„Genau, was ich Sie ... dich noch frage wollte: Gehen die beiden wirklich schon zur Schule?“
„Hat Maggie dir das etwa nicht berichtet?“
Fakt war, dass Maggie mir erschreckend viel nicht berichtet hatte. Ich schüttelte nur den Kopf.
„Oh, also schön. Ja, Chie und Hayato besuchen die Schule, denn sie sind sehr ehrgeizig, genau wie ich. Natürlich handelt es sich um eine Privatschule, die Kinder ab dem zweiten Lebensjahr in ihre Reihen aufnimmt. Dort wird Ihnen auf spielerische Weise Lesen, Schreiben, Rechnen, Naturwissenschaften und Chinesisch gelehrt. Es ist eine überaus bezaubernde kleine Einrichtung, die von zwei Engländern gegründet wurde, daher ist die Unterrichtssprache erwartungsgemäß Englisch. Bevor ich es vergesse: Dienstags und donnerstags stehen Chies und Hayatos außerschulische Aktivitäten auf dem Plan, nämlich dienstags Tennis um drei und Violinenunterricht donnerstags um halb vier, wo du sie hinbringen müsstest. Aber Lucy, du hast sie ja bereits kennenlernen dürfen, wird dir morgen alles detailliert vorführen.“ Sie lächelte zufrieden und musterte mich von Kopf bis Fuß. „Oh, ich kann dir gar nicht sagen, wie froh wir uns schätzen, dass du bei uns bist. Seit wir, also mein Mann und ich, damals zwei Jahre lang in München residieren durften, bin ich in eure göttliche Sprache vernarrt. Der Gedanke, irgendwann mit meinen Kindern auf Deutsch kommunizieren zu können, erfreut mich zutiefst! Gleichwohl ist es so schade, dass die Zeit nicht mehr ausreichend war, um ein Working-Holiday-Visum zu beantragen, mit dem du ein ganzes Jahr bei uns weilen könntest. Dein Touristenvisum besitzt ja nur für drei Monate Gültigkeit, gleichwohl du es um weitere drei Monate verlängern lassen kannst, doch danach sehe ich schwarz. Aber, wie ich dir ja bereits vor zwei Tagen versicherte, darfst du gerne jederzeit nach Hause fliegen, um das Working-Holiday-Visum doch noch zu beantragen und dann zu uns zurückkehren.“ Sie lächelte mich mütterlich an.
„Danke“, sagte ich zähneknirschend. Machte die das eigentlich extra? „Aber ich meine, ich hätte dir bereits über Skype gesagt, dass ich nur drei Monate bleiben werde. Mein Rückflug ist bereits gebucht.“
Ayumi schwieg, blickte mich nur aus kühlen Augen an.
Ich hob die Augenbrauen und schaute zurück.
„Wenn dies dein Wunsch ist“, sagte Ayumi schließlich mit etwas zu hoher Stimme. „Aber ich muss schon sagen, dass es für Kinder von ungemeiner Wichtigkeit ist, ein stabiles Verhältnis zu einer Bezugsperson zu haben und sich nicht unablässig an neue Fremde gewöhnen zu müssen. Gleichwohl solltest du zumindest imstande sein, uns bei der Suche nach einer neuen deutschen Kinderfrau zu helfen.“
„Ich ...“
„Nun, es ist wahrlich spät“, unterbrach mich Ayumi. „Du hast dein Zimmer bereits entdeckt?“
Ich nickte schweigend.
„Wunderbar.“ Sie stockte, weil sich in diesem Moment die Aufzugtüren öffneten. „Vanessa, das ist mein Mann.“
Ein ebenfalls großer, schlanker Japaner mit kurzen Haaren betrat das Wohnzimmer. Die Brille verlieh ihm etwas Lehrerhaftes, doch sein Lächeln war offen und freundlich. Er gab mir die Hand und stellte sich vor. „Ken Katani.“ Er verbeugte sich leicht.
Reflexhaft tat ich es ihm gleich. „Vanessa Faber. Schön, Sie kennenzulernen.“
„Mein Mann spricht bedauernswerterweise kaum Deutsch“, flötete Ayumi dazwischen. „Womöglich siehst du dich imstande, ihn ebenfalls zu unterrichten.“ Sie lachte.
Herr Katani begrüßte seine Kinder, indem er ihnen über den Kopf strich. Dann sprach er kurz mit seiner Frau auf Japanisch, um mich schließlich noch einmal anzulächeln und im Aufzug zu verschwinden.
„Nun“, griff Ayumi das Gespräch mit mir wieder auf. „Dein Zimmer dürfte bezugsfertig sein. Das Bad sowie eine Toilette liegen ebenfalls im Erdgeschoss. Wenn du Hunger oder Durst hast, so bediene dich gerne in der Küche.“
„Danke.“ Ich sah sie abwartend an, schließlich stand noch ein wichtiges Thema aus: Meine Bezahlung.
„Gute Nacht.“ Sie lächelte. Dann wandte sie sich demonstrativ von mir ab und ihren Kindern zu.
Für den nächsten Tag hatte ich mir keinen Wecker gestellt, da Lucy mich erst um halb zwei abholen wollte. Trotzdem wurde ich nach einer gefühlten halben Stunde Schlaf durch dreimaliges lautes Klopfen an meiner Zimmertür geweckt.
„Vanessa, entschuldige, bist du wach?“, drang Ayumis Stimme dumpf durch die Tür hindurch.
„Wach kann man das nicht nennen“, murmelte ich.
„Oh, das ist ja wunderbar! Könntest du bitte ausnahmsweise Chie und Hayato für die Schule vorbereiten? Ich bin unsäglich im Verzug und wenn du uns nicht hilfst, kommen wir alle drei zu spät.“
Mein Körper schrie, dass ein Aufstehen unmöglich war und das überraschte mich nicht. Ich konnte morgens nicht aufstehen. Ja, früher vielleicht, mein altes Ich, das hatte damit keine Probleme gehabt.
„Vanessa?“
Es war abgemacht gewesen, dass ich mich von zwei Uhr mittags bis sechs Uhr abends um die Kinder kümmerte. Nicht in aller Herrgottsfrühe.
„Vanessa, ich mache mir Sorgen um dich! Ich betrete nun dein Zimmer!“
„Nein, ist gut, ich stehe auf!“
„Wundervoll! Hayato und Chie befinden sich im Wohnzimmer und müssen gefüttert und angekleidet werden. Oh, und Chie bekommt für die Schule eine Höschenwindel, Hayato eine normale Windel. In zwanzig Minuten brechen wir auf!“
- Sakis Blog -
24. November
Hallo ihr Lieben,
ich wünsche euch eine schöne laue Novembernacht. In Deutschland und in Österreich habt ihr es bestimmt ein paar Grad kälter, als wir hier in Tokyo.
Diese Woche will ich mich – haltet euch fest! - mit dem Thema „interkulturelle Liebe“ befassen! Bisher habe ich um dieses Thema einen weiten Bogen gemacht, was euch natürlich nicht entgangen ist. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass einige von euch mir per E-Mail kräftig in den Hintern getreten haben, und das war gut so. Danke! Ich bin aufgewacht J
Natürlich gehört dieses Thema absolut hierher, möglicherweise ist es sogar das Thema überhaupt.
Wie ihr wisst, mache ich bei neuen Themen immer mit einer eigenen Geschichte den Anfang, bevor ich eure Beiträge hochlade. Und hier liegt der Hase im Pfeffer. Ich habe mit dem Gedanken gespielt, einfach zu behaupten, ich hätte zu dem Thema nichts beizusteuern, schließlich kann mir keiner von euch das Gegenteil nachweisen. Aber dann hätte ich diesen Blog, und vor allem euch tolle Leser, gar nicht verdient. Ihr, die ihr mir so oft schonungslos offene Geschichten aus dem eigenen Leben zusendet. Ich schäme mich, überhaupt daran gedacht zu haben, euch zu belügen, aber zu meiner Verteidigung muss ich sagen, dass meine Geschichte zum Thema „interkulturelle Liebe“ noch heute wehtut, auch wenn ich mir meistens einrede, dass sie es nicht tut.
Ich bin Halbjapanerin, aber das wissen die meisten von euch ja. Ich bin in Japan aufgewachsen, und zwar bei meinem deutschen Vater. Um ehrlich zu sein, hatte ich schon in der ersten Klasse das Gefühl, die Natur hätte sich einen Scherz erlaubt, als sie mich gemacht hat. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie es mich nervt, wenn ich Japaner – im Zug, im Izakaya, im Fernsehen, einfach überall – von „Weißen“ schwärmen höre. Es hängt mir zum Hals raus! Wenn Leute hören, dass ich zur Hälfte Deutsche bin, können sie es erst nicht glauben, dann sind sie richtiggehend enttäuscht. In ihrer Vorstellung sollte ich als halbe „Weiße“ helle Haut, ein kleines Gesicht oder wenigstens die doppelte Oberlidfalte haben, aber nach alldem sucht man bei mir leider vergeblich. Was ich allerdings habe, ist das lose Mundwerk und die – ich sage mal: Quirligkeit – meines Vaters. Vielleicht versteht ihr jetzt meinen anfänglichen Seitenhieb gegen Mutter Natur.
Auf meine Schulzeit will ich gar nicht weiter eingehen, es reicht zu sagen, dass ich irgendwie durchgekommen bin. Um zum eigentlichen Thema zu kommen: Bis zu meinem ersten Jahr in der Uni hatte ich mit Männern nichts am Hut. Und dann kam plötzlich Yuta auf mich zu und fragte, ob ich nicht mit ihm ausgehen würde. Ich kann mich heute gar nicht mehr erinnern, was ich ihm geantwortet habe, so aufgeregt war ich. Aber anscheinend hab ich nicht so einen schlechten Eindruck gemacht, denn am selben Abend noch saßen wir gemeinsam in einem Restaurant, und Yuta gestand mir, dass er mich schon seit längerem beobachtet hätte. Stalker, hätten manche jetzt vielleicht gedacht und diese Reaktion hätte mir vieles erspart, allerdings hätte ich Yuta damit auch Unrecht getan. Er war etwas Besonderes, vor allem nach meinem damaligen Erfahrungsstand. Er mochte mich, gerade weil ich anders war. Und ich verliebte mich noch während unserer ersten Verabredung. Ich mochte seine ruhige Stimme, sein Schmunzeln, bei dem er die Lippen so komisch aufeinander presste und sein wuscheliges Haar.
Auch als ich nach einem Jahr mein Studium abbrach, blieben wir ein Paar. Und irgendwann begann ich zu glauben, dass er der Mann meines Lebens sei, dass wir irgendwann heiraten würden.
Doch als ich eines Tages beiläufig unsere gemeinsame Zukunft erwähnte, reagierte Yuta für mich vollkommen unerwartet. Wir waren damals seit drei Jahren zusammen, zwar erst zweiundzwanzig, aber ich wollte ihn ja auch nicht sofort heiraten, ich wollte nur in Zukunftsplänen schwelgen. Ich erinnere mich, dass wir einen Film ansahen, in dem ein älteres Pärchen einträchtig auf ihrer Veranda saß und gemeinsam Tee trank. Ich sagte etwas wie: „Ich kann mir gut vorstellen, irgendwann auch mit dir so dazusitzen.“ Ich dachte mir nichts bei meinem Kommentar, erwartete nicht einmal eine Erwiderung. Ich sah mir weiter den Film an und merkte erst einige Minuten später, dass Yuta mich noch immer nachdenklich betrachtete.
„Saki“, sagte er schließlich. „Du weißt, dass ich dich sehr gern habe, oder?“ Was er danach sagte, habe ich nicht mehr so genau in Erinnerung. Die Essenz war, dass er mich nicht heiraten wollte oder konnte. Ich glaube, er sagte „kann“, aber das habe ich ihm schon damals nicht abgenommen. Er erklärte mir nicht zum ersten Mal, dass seine Eltern – die ich übrigens nie kennengelernt hatte – eine eher traditionelle Familie seien und wollten, dass Yuta irgendwann mit seiner Frau zu ihnen zurück nach Nagano zog und er die Firma seines Vaters übernahm.
„Und mit mir geht das nicht?“, musste ich fragen.
Er antwortete nicht sofort. Aber schließlich sagte er, dass das kein Leben für mich sei: Haushalt, Kinder, mich Tag für Tag mit seiner Mutter arrangieren. Tokyo verlassen. Meine Freunde, meinen Vater. Meine ehrgeizigen Zukunftspläne zu begraben. Heute bin ich froh, dass Yuta mich nicht gebeten hat, ihn zu heiraten und mit ihm zu seiner Familie zu ziehen. Dann würde es diesen Blog mit ziemlicher Sicherheit nicht geben.
„Interkulturelle Liebe?“, fragen sich jetzt sicher einige von euch. Ja, antworte ich vehement. Ich bin anders. Und dieses Anderssein hat dazu geführt, dass Yuta sich überhaupt für mich interessierte. Genauso bin ich mir sicher, dass es der Grund für unsere Trennung war. Yuta hat es so hingestellt, als wollte er mich mit seiner Entscheidung schützen. Heute bin ich mir aber ziemlich sicher, dass es kein Zufall war, dass er mich nie seinen Eltern vorgestellt hat, mich nie dazu eingeladen hat, mit zu seiner Familie zu fahren, wenn er Neujahr in seinem Elternhaus verbrachte. Er fürchtete, ich würde bei seinen Eltern anecken. Was mich als mögliche Heiratskandidatin anscheinend von vornherein ausschloss. Reine Spekulationen? Ja, vielleicht. Aber so habe ich die Geschichte erlebt, auf diese Weise hat sie mich geprägt.
Jetzt seid ihr an der Reihe!
Nachdem ich die Zwillinge, die sich vor Müdigkeit in einer Art Trancezustand befanden und mich daher nicht einmal zu erkennen schienen, in Rekordgeschwindigkeit mit sauberen Windeln versorgt, gefüttert und ihnen ihre Markenkleidung übergezogen hatte, verließen alle Familienmitglieder das Haus. Ich ließ ich mich wieder ins Bett fallen und es dauerte nicht lange, da verschwammen meine bitteren Gedanken über Ayumi und die ganze Situation und ich sah wieder die Wohnung vor mir, in der ich früher mit Noah, Michelle und meiner Mutter gewohnt hatte. Die Zwillinge saßen auf dem Sofa und sahen sich eine Zeichentrickserie an, während ich Mittagessen kochte. Dabei musste ich eigentlich fürs Abitur lernen ... Noah lachte, Michelle nörgelte, wann es denn endlich Essen gäbe. Die Tomatensoße hatte unbemerkt zu kochen begonnen und rote Spritzer verteilten sich auf den Herdplatten, an der Wand, auf dem Boden ...
Ohrenbetäubendes Staubsauggeräusch direkt vor meiner Tür ließ mich hochfahren. Das musste die Putzfrau sein. Stöhnend angelte ich den Wecker aus meiner Reisetasche. Ich hatte nur eine halbe Stunde geschlafen.
Die Putzfrau rammte von draußen den Staubsaugerkopf gegen meine Tür, einmal, zweimal, dreimal.
Ich presste die Handflächen auf die Ohren. Tränen der Erschöpfung brannten hinter meinen geschlossenen Lidern. Warum stellst du dich so an?, fragte eine kleine Stimme in meinem Kopf. Es ist neun Uhr morgens, normale Menschen sind um diese Zeit schon auf der Arbeit und du heulst beinahe, weil du nicht weiterschlafen darfst. Reiß’ dich einfach mal zusammen!
Ich zog die Nase hoch und wischte mir mit dem Handrücken über die feuchten Augen. Mein Blick fiel auf meine geöffnete Reisetasche und ein gelbes Büchlein, das obenauf lag. Sollte ich ...? Vorsichtig streckte ich die Hand aus, griff mit spitzen Fingern das Ringbuch und schlug es auf. Maggie hatte es mir mitgegeben, und wollte, dass ich es benutzte.
Auf der ersten Seite stand in ihrer großen, runden Handschrift: Wie fühlst du dich gerade? Von sehr schlecht (null) bis sehr gut (zehn)?
Null, dachte ich spontan.
Wieso? stand zwei Zeilen tiefer.
Weil ich hätte zu Hause bleiben sollen. Und weil ich wünschte, ich wäre zu Hause geblieben.
Ich fischte einen Kuli aus meiner Tasche und war schon beim letzten Satz angelangt, als ich zwischen dem ich und dem wünschte innehielt. Der Abend gestern mit den Kindern war schrecklich und grauenhaft anstrengend gewesen, aber andererseits ... andererseits hatte ich es geschafft. Ich hatte die beiden beruhigt, obwohl es mich an den Rand meiner Kräfte getrieben hatte. Ich war nicht weggelaufen, hatte weder Lucy angerufen, noch mich in mein Bett verkrochen.
Ich strich den angefangenen Satz durch. Stattdessen kritzelte ich schnell und schlampig, so dass ich selbst es kaum lesen konnte: Eins – weil ich so mutig war und nicht zu Hause geblieben bin.
Ich schlug das Buch zu und versteckte es tief in meiner Tasche. Ja, ich hatte gestern Abend etwas geschafft, was ich mir selbst am wenigsten zugetraut hätte. Trotzdem: Die Zwillinge hassten mich und Ayumis gestriges „wie eine Familie“ schien übersetzt zu bedeuten, dass ich mich zu engagieren hatte, als wären dies mein eigenes Haus und meine eigenen Kinder.
Das war zu viel. Auf keinen Fall konnte ich hier bleiben. Ich musste mir eine andere Unterkunft suchen. Doch erstmal brauchte ich Kaffee.
Eine halbe Stunde später saß ich mit meinem Laptop und einer Tasse duftenden Filterkaffees am Küchentisch. Ich nahm einen Schluck und schaltete erst dann den Computer ein. Das Skype-Programm, das sich beim Hochfahren meines Laptops automatisch öffnete, wies mich auf eine neue Nachricht hin. Sie war von Alex. Meiner besten, einzigen Freundin, auf die ich im Moment jedoch nicht besonders gut zu sprechen war. Da vertraute man ihr ein wirklich, wirklich intimes Geheimnis an, und was machte sie? Erzählte es weiter an ihre ausgeflippte Bekannte Maggie - und nun war ich in Tokyo!. Im Grunde stimmte es also nicht, dass das alles nur Maggies Schuld war. Es war Maggies und Alex’ Schuld.
Wo bist duuuuu????
Anscheinend war meine Freundin Alex von ihrem Kurztrip nach Grönland zurückgekehrt und fragte sich nun, wieso ich weder zu Hause, noch auf dem Handy erreichbar war . Tja, sollte sie mal ihre Bekannte fragen, was sie mit mir angestellt hatte. Ich antwortete:
In Tokyo. Wenn du Genaueres wissen willst, rede mit deiner verrückten Freundin.
Alex war nicht online. Sie würde die Nachricht erst viel später lesen – frühestens in sechs Stunden, wenn sie aufwachte. Sie ging abends einfach gerne feiern. Genauso wie sie zwar gerne reiste, aber weniger gern studierte, was dazu geführt hatte, dass sie mit knapp dreißig noch ziellos durchs Studium trieb und sich alle drei bis vier Wochen eine kleine Fernreise vom Geld ihrer Eltern, getarnt als „Bildungsexkursion“, gönnte. Aber das war wohl das Privileg der reichen, verwöhnten Kinder, die auch noch solche blieben, wenn sie wie Alex bereits neunundzwanzig Jahre alt waren. Nein, neidisch war ich nicht. Oder zumindest war ich es im Verlauf unserer über zwanzigjährigen Freundschaft nie gewesen, doch in letzter Zeit … ja, in letzter Zeit fand ich es einfach ungerecht. Nicht nur Alex' sorgenfreies Leben, sondern auch alles andere: Dass sich beim Einsteigen in die U-Bahn immer jemand vordrängelte, auch wenn ich schon viel länger wartete; Dass der Postbote immer die Pakete meiner Nachbarn bei mir ablud; Und dass mein Supermarkt meine Lieblingskekse nicht mehr verkaufte. Nun, zumindest diese Problemchendie Pakete der Nachbarn hatte ich durch meinen spontanen Wohnsitzwechsel ja nun erfolgreich hinter mir gelassen.
Ich widmete mich wieder meinem eigentlichen Anliegen und gab Appartement mieten Tokyo auf Englisch in eine Suchmaschine ein und klickte mich durch verschiedene Webseiten. Nachdem ich etwa zehn dieser Angebote aufgerufen hatte, war mir klar: Für diese Mietpreise von tokyoter Ein- oder Zwei-Zimmer-Wohnungen könnte ich in Deutschland ein ganzes Haus beziehen. Die meisten Angebote schienen auf Geschäftsleute zugeschnitten zu sein und boten komplett möblierte Apartments in riesigen, 40-stöckigen Wohntürmen an.
Gab es nicht auch etwas für normale Menschen mit normalem – oder in meinem Fall kaum vorhandenem - Einkommen? Doch die einzige Alternative zu den Luxuswohnungen für ausländische Geschäftsleute schienen sogenannte Share Houses zu sein. Dieses System, bei dem vier bis zehn fremde Leute aller möglichen Nationen mit nur einem Bad und einer Küche zusammenwohnten, wurde als „interessantes Zusammenleben von Japanern und Ausländern“ beworben und als „wertvolle Chance“, die eigenen Sprachkenntnisse zu vertiefen. Diese wundervolle Gelegenheit kostete 60000 bis 70000 Yen pro Zimmer im Monat, dazu kamen rund 5000 Yen an Nebenkosten. Die meisten Organisationen verlangten 30000 Yen Kaution, von denen oft nur zwei Drittel zurückerstattet wurde, der Rest fiel unter Bearbeitungs- oder Reinigungsgebühren. Die wenigen Zimmer, die für unter 60000 Yen zu haben waren, sahen aus, als hätte man eine Besenkammer zweckentfremdet: Ein schmales Bett, ein winziger Tisch und statt eines Schranks eine nackte Stange an der Decke, an der ein paar Kleiderbügel baumelten. Vielleicht fünf Quadratmeter, wenn es hochkam. Ein einigermaßen annehmbares Zimmer kostete also warm mindestens 65000 Yen, die extra Unkosten durch den nicht rückzahlbaren Kautionsteil außer Acht gelassen. Das machten rund 500 Euro. Und wofür? Eine garantiert immer besetzte Dusche; eine Küche mit Krümeln auf dem Boden und Essensresten an Tellern und Töpfen und drei bis neun laute Mitbewohner. Ich blickte um mich, ließ meine Augen über das ruhige, frisch geputzte Wohnzimmer schweifen. So schlecht hatte ich es hier eigentlich gar nicht getroffen. Ich lehnte mich in meinem Stuhl zurück. Aber die Situation von heute morgen würde sicherlich keine Ausnahme bleiben. Obwohl mein auf Fairness bedachter Verstand mir sagte, dass ich wenigstens ein paar Tage länger abwarten sollte, ahnte ich, dass ich Ayumi bereits durchschaut hatte.
„Den Buggy müssen wir heute mitschleppen“, erklärte Lucy, kaum dass ich zu ihr nach draußen getreten war. „Wenn Ayumi morgens zu faul ist zum Laufen, fährt sie die Zwerge mit dem Taxi zur Schule und ich – ab morgen du – muss den Buggy von hier mitnehmen. Ein paar Mal hat sie vergessen, mir vorher Bescheid zu geben, und da stand ich dann blöd da mit den beiden Kleinen, ohne Buggy. Shit happens. Also guck am besten immer genau hin, ob der Buggy vor der Tür steht, wenn du das Haus verlässt, um die Kleinen abzuholen.“
Wir waren noch keine fünf Minuten unterwegs und bis jetzt höchstens zehn Passanten begegnet, doch ausnahmslos alle hatte uns angeglotztsehen. Nicht flüchtig-desinteressiert oder zufällig, sondern unverhohlen und neugierig. Ich begann, ärgerlich zurückzustarren und sofort wandte mein Opfer, ein junger Mann im Anzug, seinen Blick ab.
Lucy fuhr mit ihren Erläuterungen fort: „Wenn wir laufen, brauchen wir so ’ne halbe Stunde, wir könnten aber auch die Bahn nehmen, nur kann das länger dauern, weil wir umsteigen müssen. Von hier nach Roppongi ist die Verbindung echt zum Kotzen.“ Kurz hielt Lucy inne und musterte mich abwartend. Eine Windböe erfasste ihr schulterlanges, rotblondes Haar und blies es ihr ins Gesicht. Sie fluchte laut, streifte sich den Haargummi, den sie ums Handgelenk trug, herunter und band sich einen Pferdeschwanz. Dann sah sie wieder mich an und lachte los. „Nicht, dass du jetzt was Falsches denkst, so red’ ich natürlich nicht vor den Zwergen und das ist auch nicht der Grund, aus dem Ayumi mich abschießt.“
„Das dachte ich auch nicht“, sagte ich wahrheitsgemäß.
Ihr misstrauischer Blick verweilte noch kurz auf mir, dann nahm sie ihren Monolog wieder auf. „Es gibt wohl auch irgendwo ’nen Bus, Näheres weiß ich darüber nicht, weil du da mit dem Zwillingsbuggy eh nicht reinpasst, ich würd’s an deiner Stelle nicht mal probieren, kann nur peinlich enden. Wenn’s also nicht grad in Strömen regnet oder über fünfunddreißig Grad heiß ist, würd’ ich laufen. Das hat auf dem Rückweg auch den Vorteil, dass die beiden Zwerge ganz schnell wegratzen. Dann kannst du dir ’n Schnellrestaurant mit breiten Türen suchen und ein bisschen relaxen. Ich empfehle dir den McDonalds auf der Aoyama Dori – das ist die große Straße, auf der auch die Station liegt, wo du gestern angekommen bist. Mein Rat: Wag’ dich mit dem Zwillingbuggy niemals in ein Café!“ Sie machte eine Pause, um Luft zu holen, doch bevor sie das Thema weiter ausführen konnte, fragte ich: „Kannst du Japanisch?“
Lucy sah mich an, verwirrt aufgrund des abrupten Themenwechsels. „Nicht so wirklich. Anfangs wollt ich zum Sprachunterricht, aber der ist hier so was von teuer. Dann hab ich versucht, es mir selbst mir beizubringen, aber das war auch ein totaler Reinfall. Danach hatte ich einen Tandempartner, mit dem war es ganz okay, da hab ich in vier Wochen mehr gelernt, als in ’nem halben Jahr mit meinen Büchern. Aber mein Tandempartner wurde dann schnell mein Freund und bald mein Mann und jetzt sprechen wir gar kein Japanisch mehr. Einfach keine Zeit, tja so ist das im Leben. Du?“
Ich schüttelte den Kopf. „Kein bisschen, aber ich brauche Hilfe von jemandem, der Japanisch kann. Ehrlich gesagt will ich so schnell wie möglich umziehen.“
Lucy grinste. Er war ein wissendes Grinsen. „Hat Ayumi also nur eine Nacht gebraucht?“
