Kirschsommer - Anneke Mohn - E-Book

Kirschsommer E-Book

Anneke Mohn

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Beschreibung

Auch damals blühten die Kirschen. Endlich Sommer! Nur bei Jule herrscht schlechte Stimmung. Stress mit dem Freund, Stress in der Agentur. Als dann noch ihre geliebte Oma ins Krankenhaus kommt, quartiert Jule sich kurzerhand in Mielchens altem Haus an der Elbe ein. Sie macht sich im Garten nützlich, pflückt Kirschen und kümmert sich bereitwillig um den Übernachtungsgast. Denn Sebastian Hofstetten ist ihr gleich sympathisch. Der junge Klimaforscher untersucht mit Hilfe von Obst aus alten Weckgläsern die Veränderungen des Wetters. Jule will ihm helfen und sieht sich im Vorratskeller ihrer Oma einmal genauer um. Je weiter sie nach hinten vordringt, desto älter werden die Gläser. Und dann findet sie ganz unvermittelt einen Brief aus dem Jahr 1945. Jule hat den Namen des Schreibers noch nie gehört. Doch sie kennt die Adressatin ...

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Seitenzahl: 500

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Anneke Mohn

Kirschsommer

Roman

 

 

 

Über dieses Buch

Auch damals blühten die Kirschen.

 

Endlich Sommer! Nur bei Jule herrscht schlechte Stimmung. Stress mit dem Freund, Stress in der Agentur. Als dann noch ihre geliebte Oma ins Krankenhaus kommt, quartiert Jule sich kurzerhand in Mielchens altem Haus an der Elbe ein. Sie macht sich im Garten nützlich, pflückt Kirschen und kümmert sich bereitwillig um den Übernachtungsgast. Denn Sebastian Hofstetten ist ihr gleich sympathisch. Der junge Klimaforscher untersucht mit Hilfe von Obst aus alten Weckgläsern die Veränderungen des Wetters. Jule will ihm helfen und sieht sich im Vorratskeller ihrer Oma einmal genauer um. Je weiter sie nach hinten vordringt, desto älter werden die Gläser. Und dann findet sie ganz unvermittelt einen Brief aus dem Jahr 1945. Jule hat den Namen des Schreibers noch nie gehört. Doch sie kennt die Adressatin ...

Impressum

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, Juni 2013

Copyright © 2013 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg

Umschlagabbildung www.zoonar.de/Robert Kneschke

ISBN 978-3-644-49181-6

 

Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation

Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp

 

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www.rowohlt.de

Inhaltsübersicht

Alles auf Anfang

Willkommen im Club

Ein Löffelchen voll Zucker

Marmelade und Himbeereis

Landpartie

Sternenhimmel

Barfuß im Regen

Irgendwie, irgendwo, irgendwann

Sommersprossen

Volltreffer

Ich bleib im Bett

Tag am Meer

Verliebte Jungs

Ein Stück vom Himmel

Freunde bleiben

Das, was ich will, bist du

Er gehört zu mir

Nur geträumt

Hinterm Horizont

Donner und Blitz

So soll es sein

Epilog

Danksagung

Leseprobe: Apfelrosenzeit

Apfelrosenzeit

September

Sanne

Oktober

Mona

Sanne

Mona

Alles auf Anfang

Jule hatte die Fensterscheiben heruntergekurbelt, damit der Fahrtwind die Hitze aus dem Wagen trieb. Die Sonne stand hoch am Himmel, und links und rechts zogen unzählige kleine Obstbäume vorbei, die schwer an reifen Kirschen und den ersten, noch grünen Äpfeln trugen.

Ich hatte ganz vergessen, wie schön es hier ist, dachte Jule. Dabei hatte sie für den heutigen Tag ganz andere Pläne gehabt. Eigentlich wollte sie jetzt nämlich mit ihrem Freund im Flugzeug sitzen und den Atlantik überqueren. Aber stattdessen saß sie nun in ihrem uralten roten Käfer und fuhr durch die Elbmarschen in das Heimatdorf ihrer Oma. Allein.

Schon vor Monaten hatten Tom und sie die Tickets gebucht. Sie wollten zuerst für ein paar Tage ihre Mutter in Montreal besuchen und dann durch Kanada reisen – vier ganze Wochen lang! Jule hatte sich so darauf gefreut. Endlich mal wieder ein längerer Urlaub. Bis vor kurzem hatte sie sich von diesen Wochen mit Tom noch so einiges erhofft. Zum Beispiel, dass sie ihren Freund daran erinnern würden, wie schön es war, das Leben gemeinsam zu verbringen, statt immer nur zu mailen, zu telefonieren und sich am Wochenende zu sehen. Vielleicht hätten sie ja in Kanada auch endlich über ihre gemeinsame Zukunft gesprochen.

Wohl kaum. Jule trat das Gaspedal durch. Reines Wunschdenken. Denn es war alles anders gekommen: Vor einigen Tagen hatten Tom und sie einen furchtbaren Streit gehabt, wie so oft in letzter Zeit. Sie hatten den Entschluss gefasst, erst mal Pause voneinander zu machen. Ob sie überhaupt eine gemeinsame Zukunft haben würden, stand in den Sternen.

Am Tag nach dem Streit hatte Jule beschlossen, trotzdem nach Kanada zu fliegen. Dann eben allein. Wie lange hatte sie ihre Mutter nicht gesehen? Und vielleicht täte es ihr ja auch ganz gut, mal in Ruhe über alles nachzudenken. Über ihr Leben, ihre Beziehung, ihren Job.

Aber auch dieser Plan hatte sich nun erledigt. Denn gestern war Jules Oma beim Kirschenpflücken von der Leiter gefallen und mit einem gebrochenen Bein ins Krankenhaus gekommen. Und da Jule das einzige Familienmitglied weit und breit war, konnte nur sie sich um Oma Mielchen, das Haus und den Garten kümmern.

Jule fuhr am Ortsschild von Buxtehude vorbei und hielt Ausschau nach einem Wegweiser zum Krankenhaus.

Ihre Großmutter war inzwischen über achtzig, bewirtschaftete aber wie eh und je ihren üppigen Obstgarten, beschnitt die Sträucher und jätete Unkraut, pflanzte und pflückte, kochte Marmelade ein und backte Kuchen. Und in den Sommermonaten beherbergte sie in ihrem Gästezimmer ab und zu auch noch zahlende Gäste, um ihre Rente aufzubessern. Eine Nachbarin, die in einer Pension in Jork arbeitete, gab gelegentlich Mielchens Adresse weiter, wenn bei ihnen keine Betten mehr frei waren. Aber öfter als ein paar Mal im Jahr kam das nicht vor.

Jule war immer wieder beeindruckt, wie viel Mielchen schuftete. Einfach mal die Füße hochlegen und faul auf der Terrasse sitzen, das konnte ihre Oma nicht. Außer wenn sie einen besonders spannenden Krimi las. Es dürfte eine ziemliche Herausforderung für sie sein, untätig im Krankenhaus herumzuliegen und zu warten, dass der Bruch verheilte. Zum Glück schien sie ihren Sturz ganz gut verkraftet zu haben. Jedenfalls hatte sie am Telefon kaum anders geklungen als sonst. Als Jule gestern Abend anbot, ihren Urlaub zu verschieben und erst mal ins Alte Land zu kommen, um die dringendsten Angelegenheiten für sie zu regeln, hatte ihre Oma energisch abgelehnt. Aber Jule war froh, sich durchgesetzt zu haben. Und ihre Mutter hatte sie am Telefon darin bestärkt, denn Mielchen überschätzte sich und ihre Kräfte manchmal – eine Eigenschaft, die bei allen Frauen der Familie einigermaßen ausgeprägt war. Auch Jules Mutter Senta war so ein Arbeitstier und jagte als Regisseurin von einer Theaterproduktion zur anderen. Und wenn Jule es recht bedachte, gönnte auch sie selbst sich nur sehr selten eine Pause.

Seit vier Jahren war Jule Redakteurin bei der Antonia, einer Frauenzeitschrift. Sie war zuständig für die Rubrik «Persönlich». Am Tag zuvor war sie nach München geflogen, morgens hin und abends zurück, um eine junge Schauspielerin zu interviewen, die mit ihrem ersten Film schlagartig berühmt geworden war, und nun kam ihr zweiter in die Kinos. Jule liebte es, immer wieder neue Leute zu treffen, die etwas Spannendes machten. Allerdings war dieser interessantere Teil ihres Jobs in letzter Zeit viel zu kurz gekommen. Sie hatte sich auf den Termin gefreut – obwohl er leider ausgerechnet am letzten Tag vor ihrem Urlaub stattfinden musste. Aber das Interview sollte unbedingt schon in der nächsten Ausgabe erscheinen. Es blieb also kaum Zeit, den Mitschnitt abzutippen und freigeben zu lassen. Da Jule aber nicht vorhatte, diese Arbeit im Urlaub zu machen – so verrückt war sie dann doch nicht –, hatte sie mit den Knöpfen ihrer Kopfhörer im Ohr am Münchner Flughafen gesessen und das Interview in ihren Laptop getippt. Und genau in dem Moment hatte Mielchens Nachbarin Inken auf dem Handy angerufen und Jule von dem Unfall berichtet.

Jule folgte den Schildern durch das Städtchen, fuhr knatternd an windschiefen Fachwerkhäusern vorbei und schließlich auf den Parkplatz der Klinik. Als sie auf den Eingang zueilte, sah sie hoch am Himmel ganz klein ein Flugzeug silbrig glänzen. Jule seufzte. Dieser Sommer würde definitiv anders verlaufen als geplant.

Mielchen lag allein in einem großen, leeren Zimmer. Das Kopfteil ihres Bettes war angewinkelt, ihr rechtes Bein steckte in einem beeindruckenden Gips und hing in einer Schlaufe über dem Bett. Sie trug ein hellblaues Baumwollnachthemd mit kurzen Ärmeln, aus denen ihre braungebrannten Arme hervorsahen, und ihr schlohweißer Pagenkopf war etwas in Unordnung geraten. Als sie Jule erblickte, versuchte sie sofort, sich aufzurichten.

«Julchen, endlich!» Sie winkte ihre Enkelin mit ausgestrecktem Arm zu sich heran. «Du musst mir hier raushelfen. Bist du mit dem Wagen da?»

Jule beugte sich zu ihrer Oma hinunter und gab ihr einen Kuss auf die Wange. «Jetzt mal langsam, eins nach dem andern. Wie geht’s dir denn?»

«Na, wie soll es einem mit so einem Klotz am Bein schon gehen?» Sie klopfte auf den schmalen Streifen der Matratze neben sich. «Aber jetzt ist ja meine Lieblingsenkelin da. Na, dann setz dich erst mal und erzähl.»

Jule musste lächeln. Mit diesen Worten war sie früher jeden Sommer begrüßt worden, wenn sie – die einzige Enkelin – die Ferien bei Mielchen und Fritz im Alten Land verbracht hatte. Froh, dass ihre Oma jedenfalls nicht mehr türmen zu wollen schien, streifte Jule ihre Tasche ab und setzte sich zu ihr. Zeit hatte sie schließlich genug.

Mielchen musterte sie von den locker zusammengesteckten rotblonden Haaren über die dünne weiße Bluse und die Jeans bis zu den Ballerinas. «Du siehst so schmal aus. Und blass bist du!»

«Danke für die Blumen», sagte Jule trocken. Damit, wie es ihr ging, fing sie jetzt lieber gar nicht erst an. «Aber du bist hier die Patientin! Wie konnte das denn überhaupt passieren?», fragte sie.

«Na, ich stand auf der Leiter und war am Kirschenpflücken, und da ist die Sprosse, auf der ich stand, durchgebrochen», erklärte Mielchen leicht unwirsch. «Und dann lag ich da. Zum Glück war die kleine Mia nebenan im Garten und hat sofort Inken geholt. Aber der Korb mit den Kirschen ist mir runtergefallen, die liegen nun alle verstreut auf dem Rasen. Die müssten dringend aufgelesen werden, bevor sie schimmeln. Und die restlichen Kirschen am Baum müssen gepflückt werden! Und den Garten wollte ich noch wässern, schließlich sieht es nicht gerade nach Regen aus. Ach, es gibt dermaßen viel zu tun, ich kann hier nicht so untätig rumliegen!»

Oje, stöhnte Jule innerlich. So leicht ließ Mielchen sich wohl doch nicht beruhigen.

«Und die Wäsche muss ich noch abnehmen, die hängt jetzt schon seit zwei Tagen draußen. Außerdem steht meine Vespa noch vor dem Haus, und –»

In diesem Moment öffnete sich die Tür, und eine Schwester trat ein und stellte ein Tablett mit einer Tasse Kaffee und einem kleinen Stück Topfkuchen auf den Nachttisch.

Mielchen hielt inne, und Jule stand auf, zog sich einen Stuhl heran und setzte sich neben das Bett. Als die Schwester die Tür wieder hinter sich geschlossen hatte, sagte sie: «Mielchen, bei dir zu Hause ist also einiges zu tun. Gut. Aber du wirst ja noch eine Weile hier bleiben müssen. Ich kann mich doch erst mal um das Wichtigste kümmern.»

Skeptisch sah Mielchen ihre Enkelin an. «Aber es ist ja wirklich alles stehen und liegen geblieben und – ach je! Morgen kommt ja auch noch ein Übernachtungsgast! Den hätte ich beinahe vergessen. Dafür ist auch noch alles Mögliche vorzubereiten.»

«Hat Inken dir wieder jemanden geschickt?», fragte Jule.

Mielchen nickte. «Er kommt morgen gegen Mittag, und ich habe das Zimmer noch gar nicht herrichten können. Das Bett muss bezogen werden. Und ich räume ja immer das Bad oben frei und benutze dann selbst das kleine unten neben der Küche. Oben im Bad müsste ich aber dringend noch mal ein bisschen sauber machen …» Mielchen versuchte erneut, sich aufzurichten. «Es geht nicht anders. Wir müssen los!»

Jule winkte ab. «Darum kümmere ich mich.»

«Aber du weißt doch gar nicht –»

«Du musst dir keine Gedanken machen. Ich schaffe das schon.»

Mielchen sah sie nachdenklich an. Ob ihr langsam klarwurde, dass sie das Krankenhaus doch nicht mitsamt Gipsbein verlassen sollte, um zu Hause Wäsche abzunehmen? So ganz überzeugt wirkte sie noch nicht.

«Ich bin erwachsen, Oma», sagte Jule und nickte bekräftigend. «Du kannst dich auf mich verlassen.»

«Und du stellst auch ein paar Blumen ins Gästezimmer?»

«Natürlich.»

Mielchen lehnte sich zurück, allerdings nur, um sich sofort wieder vorzubeugen. «Aber wenn nun –»

«Mielchen!», sagte Jule, um einen strengen Ton bemüht. «Ich kümmere mich um alles! Du musst erst mal wieder gesund werden, das ist das Wichtigste.»

«Hm», brummte Mielchen.

Ihre Oma schien nachzudenken. Jetzt musste sie dranbleiben. «Ich kümmere mich um den Garten, und ich spreche wegen des Übernachtungsgastes mit Inken», fuhr Jule fort. «Vielleicht weiß die ja noch eine andere Lösung.»

Mielchen seufzte. «Ach, Julchen … na gut. Anders wird es wohl nicht gehen.»

«Sieht so aus, ja. Und wenn alle Stricke reißen, bleibe ich einfach ein paar Tage hier und helfe aus.»

«Papperlapapp! Kommt gar nicht in Frage. Was wird denn dann aus deinem Urlaub?», fragte Mielchen entrüstet. «Wolltest du nicht mit Tom nach Kanada?»

Wie soll ich ihr das bloß erklären? Das Konzept «Beziehungspause» dürfte ihr relativ fremd sein.

Mielchen und Tom waren sich in den letzten Jahren immer mal wieder begegnet und mochten sich sehr. Jule wollte ihre Oma nicht noch weiter beunruhigen.

«Ja, also, den Urlaub … Also, den haben wir … verschoben.» Das war eigentlich sogar die Wahrheit. Tom und sie hatten den gemeinsamen Urlaub, wie auch alle anderen gemeinsamen Pläne, erst einmal – verschoben. Genau.

«Ich könnte also gut bei dir schlafen, wo ich schon mal hier bin. Morgen Vormittag besuche ich dich wieder, und dann sehen wir weiter, ja?»

«Hm.» Mit beiden Händen strich Mielchen die Bettdecke vor sich glatt. «Na gut … Das ist … wirklich lieb von dir, Julchen. Ach, es tut mir so leid, dass ich dir das alles aufbürde!»

«Das macht gar nichts, wirklich.»

«Aber wenn du eine Frage hast, rufst du an, ja? Die Nummer von dem Apparat da hast du schon, nicht?»

Jule nickte.

«Gut.» Mielchen dachte einen Moment nach. «Sag, Jule … Inken war so gut, mir gestern Nachthemd und Toilettentasche einzupacken, aber mir fehlen ein paar Dinge. Sei du doch so gut und bring mir meine Zigaretten mit, wenn du morgen kommst, ja? Sie müssten im Wintergarten auf dem Tisch liegen. Und den Krimi vom Nachttisch auch, bitte.»

Jule atmete innerlich auf. Mielchen schien verstanden zu haben, dass sie eine Weile im Krankenhaus bleiben musste. Leicht würde ihr das nicht fallen, aber wenn Jule dafür sorgte, dass ihre Oma genug zu lesen hatte, würde die Zeit für sie sicher wie im Flug vergehen.

Mielchen war eine Vielleserin, die ohne ihre Bücher genau so wenig leben konnte wie ohne ihren Garten. Und am allerliebsten las sie dicke Krimis. Mielchen hatte jahrzehntelang in einer kleinen Buchhandlung in Buxtehude gearbeitet. Ein Glücksfall für beide Seiten. Denn Mielchen hatte ihre Tochter Senta sehr früh bekommen und sich ihr lange – aus Sentas Sicht viel zu lange – ausschließlich gewidmet. Erst mit Mitte dreißig hatte sie beschlossen, eine Ausbildung zu machen. Damals war Senta schon fast mit der Schule fertig gewesen und hatte die Berufstätigkeit ihrer Mutter als Befreiung empfunden. Noch Jahre später schimpfte sie: «Mutti war eine derartige Glucke – sie saß noch zum Brüten auf dem Ei, als das Küken schon längst geschlüpft war! Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie froh ich war, als sie anfing zu arbeiten!»

Vielleicht rührte der Freiheitsdrang von Jules Mutter daher. Senta hatte es immer wieder von der Familie fort und ins Ausland gezogen, und sie hasste es, sich reinreden zu lassen. Vor allem von ihrer Mutter.

Jule ließ sich von Mielchen den Haustürschlüssel geben, verabschiedete sich unter einem Hagel weiterer Anweisungen zu den Themen Garten und Gästezimmer und stieß beim Öffnen der Tür fast gegen ein zweites Bett, das gerade hereingerollt wurde.

Auf dem Weg zum Auto fragte sich Jule, wie es sein konnte, dass Mielchen all die Arbeit in Haus und Garten ganz allein bewältigte. Obwohl Jule rund fünfzig Jahre jünger war als ihre Oma, hätte sie selbst sich schon bei dem Gedanken an all das, was jetzt zu tun war, am liebsten ins Bett gelegt. Mielchen dagegen schien es kaum Mühe zu machen, zwischen all der Arbeit noch mal eben mit ihrer alten Vespa über die Dörfer zu brettern, um Gemeindebriefe auszutragen, ihre selbstgekochte Marmelade zum Nachbarn zu bringen, der sie für sie auf dem Markt verkaufte, und abends noch eine Hühnersuppe für die Damen ihres Krimi-Kreises auf den Tisch zu zaubern. Natürlich selbst gemacht. Und natürlich tagte der Krimi-Kreis immer bei ihr. Die türkisfarbene Vespa war Mielchens ganzer Stolz, seit sie sich das Ding in den sechziger Jahren von ihrem ersten selbstverdienten Geld angeschafft hatte. Noch heute sagte sie bei jeder Gelegenheit: «Es ist kein Moped, sondern eine Vespa! Und ich war die Erste in der ganzen Gegend, die eine hatte!» Es grenzte allerdings an ein Wunder, dass nie jemand zu Schaden gekommen war, denn defensives Fahren war wirklich nicht Mielchens Stärke. Jule bewunderte die nie versiegende Energie ihrer Oma. Sie selbst war nach den arbeitsreichen und aufreibenden letzten Monaten mit Tom einfach nur urlaubsreif. Als sie vom Parkplatz rollte, fiel ihr ein, dass sie eigentlich noch mit dem behandelnden Arzt hatte sprechen wollen. Aber ihre Oma machte einen so guten Eindruck – das Gespräch konnte sie auch morgen noch führen.

Am Nachmittag kam Jule an dem reetgedeckten, mit Efeu bewachsenen Häuschen ihrer Großmutter an, das im Dörfchen Königreich gleich hinter dem Deich der Este lag, einem schmalen Nebenfluss der Elbe. Die roten Backsteine wurden von weißen Balken in große Quadrate gefasst, und die Fassade sprang nach oben hin leicht vor. Die Fenster waren von weißen Sprossen unterteilt, und die dunkelgrünen Rahmen hatten innen einen schmalen weißen Rand, wie bei fast allen alten Häusern im Dorf.

Jule angelte ihre Tasche aus dem Fußraum des Beifahrersitzes und stieg aus. Die Luft war hier spürbar milder als in Hamburg, und es roch sogar ein bisschen nach Meer.

Bei ihren früheren Besuchen war sie immer durch den Garten zur Hintertür gegangen, die zwischen Küche und Wintergarten ins Haus führte und eigentlich immer offen stand. Aber heute folgte sie dem von niedrigen Buchsbaumhecken gesäumten Weg zur dunkelgrün gestrichenen Haustür mit dem kleinen Fenster, über dem sich ein schmiedeeisernes Gitter wölbte.

Jule schloss auf und betrat die Diele. Sie stellte die Tasche neben die Treppe, schleuderte ihre Ballerinas von den Füßen und ging über den angenehm kühlen Steinfußboden an der Küche vorbei bis ans Ende des Flurs. Dort entriegelte sie die Hintertür, betrat die warmen Holzbohlen der Terrasse und ließ den Blick durch den Garten schweifen.

Schon als Kind hatte Jule dieses Fleckchen Erde geliebt, aber jetzt, nachdem sie monatelang in der Stadt festgesteckt hatte, wirkte die Aussicht auf sie geradezu überwältigend. Alles stand in voller Blüte. Die duftenden Rosen glänzten rosa und rot in der Sonne, und unter dem Pflaumenbaum neben der Terrasse hatte sich ein Teppich aus winzigen blauen Blumen ausgebreitet. Hinten an dem weißen Jägerzaun, der den Garten von den Obstfeldern trennte, leuchtete ein Meer aus hochaufgeschossenen Malven, buschigem Phlox und zarten Wicken in Pink- und Lilatönen, und in der rechten Ecke des Gartens stand die alte Linde, deren mächtiger Stamm von einer Sitzbank umschlossen wurde. Aber der ganze Stolz ihrer Oma war der große Kirschbaum, der mitten im Garten stand und voller roter Kirschen hing. Jule wusste: Egal aus welchem Fenster des Hauses man sah, der Blick schien immer auf diesen Baum zu fallen. Am schönsten war er Ende April, Anfang Mai anzusehen, wenn er voller weißen Blüten war, als wäre der Schnee noch einmal zurückgekommen.

Erst weiß wie Schnee, dann grün wie Klee, dann rot wie Blut – schmeckt allen Kindern gut, hatte ihr Opa früher immer gesagt und sie dann zum Kirschkernweitspucken animiert.

Jule beschloss, dass ihre neuen Aufgaben noch etwas warten konnten, und ging die zwei Stufen in den Garten hinunter. Barfuß lief sie über den Rasen zum Kirschbaum. Von einem der unteren Äste pflückte sie einen Kirschenzwilling, knipste die Früchte mit den Zähnen vom Stiel und biss hinein. Die kleinen Herzkirschen waren fest, wunderbar saftig, süß und sauer zugleich. Als sie nur noch die Kerne im Mund hatte, ging sie zum Zaun und spuckte sie über die Blumen hinweg bis aufs Feld.

Ja! Das waren bestimmt sechs Meter.

Sie konnte es also noch. Stundenlang hatte sie als Kind mit ihrem Opa Kirschkernweitspucken geübt und immer gehofft, dass auf dem damals noch brachliegenden Feld irgendwann ein kleiner Kirschbaum wachsen würde – bis ihr Großvater sie darüber belehrt hatte, dass das so einfach gar nicht ging, weil der Sprössling veredelt werden müsse, um zu einem starken, tragenden Baum werden zu können. Inzwischen wuchsen dort jede Menge Obstbäume.

Jule sah sich um. Der Korb, von dem ihre Oma gesprochen hatte, war nirgends zu sehen, und es lagen auch nicht besonders viele Kirschen unter dem Baum. Außer der zerbrochenen Sprosse der Leiter, die noch am Stamm lehnte, war von ihrem Unfall keine Spur mehr.

Nachdem sie noch ein paar Kirschen gepflückt hatte, ging Jule zu der Linde hinüber und setzte sich auf die raue Bank, die ihr Großvater noch wenige Monate vor seinem Tod rund um den Baumstamm gebaut hatte. An die warme Rinde gelehnt, sah sie über die Felder und hing ihren Gedanken nach. Hier bei Mielchen und Fritz war ihr Kindheitsparadies gewesen. Hier in der hinteren Ecke des Gartens hatte sie sich in den Sommerferien im Gebüsch mit Kisten und Decken eine Laube eingerichtet und aus Gras, Kräutern und Wasser Suppe für ihre Puppen gekocht. Wenn es ihr zu heiß wurde, war sie durch den Rasensprenger gelaufen, oder ihr Opa hatte sie mit dem Gartenschlauch nass gespritzt. In diesen Wochen war Jule von ihren Großeltern immer auf eine Weise umhegt worden, wie sie es von ihrer Mutter kaum kannte. Mielchen kochte ihr zum Mittagessen ihre Leibspeisen: Klößchensuppe, Kartoffelpuffer mit Apfelmus oder Pfannkuchen mit Kirschen und Sahne. Alle paar Tage wurde frischer Obstkuchen mit Streuseln aufgetischt, außerdem gab es frische Zitronenlimo, sooft sie wollte. Nur den breiigen Wurzeleintopf, den Opa Fritz so liebte, mochte Jule nicht. Aber in diesem Punkt kannte Mielchen kein Pardon: Es wurde gegessen, was auf den Tisch kam.

Im Alltag bei ihrer Mutter war es natürlich nicht ganz so idyllisch gewesen. Senta hatte nach der frühen Scheidung von Jules Vater viel im Theater gearbeitet, erst als Regieassistentin, später dann als verantwortliche Regisseurin. Sie war ständig unterwegs oder saß bis tief in die Nacht mit Schauspielern und Kollegen zusammen, um dann am nächsten Morgen zu verschlafen. Jule würde nie vergessen, wie ihre Mutter sie morgens mehr als einmal in letzter Minute im Pyjama, mit wilden Haaren und übergroßer Sonnenbrille in dem knallroten Käfer zur Schule gebracht hatte, den heute sie fuhr. «Benimm dich, sonst bringe ich dich in diesem Aufzug bis in die Klasse», hatte Senta sie gewarnt, weil sie genau wusste, wie peinlich Jule ein solcher Auftritt gewesen wäre. Ihrer Mutter dagegen war so schnell gar nichts peinlich. Aber Jule hatte derartige Strafen immer zu vermeiden gewusst, indem sie sich benahm. Sie war ein braves Kind gewesen, manchmal vielleicht zu brav. Was allerdings auch daran liegen mochte, dass Senta schlicht und einfach von ihr erwartete, sich selbst um ihre Angelegenheiten zu kümmern. Schon sehr früh war Jule dafür verantwortlich gewesen, dass die Schulaufgaben erledigt waren und sie alles dabeihatte – vom Turnbeutel über das Pausenbrot bis zum Hausschlüssel. Rückblickend fand Jule eigentlich nicht, dass es ihr geschadet hatte. Auch wenn sie ihre Schulfreundinnen immer ein bisschen um die ordentlich gekleideten Mütter und die belegten Brote in ihren Tupperdosen beneidet hatte – dafür trug sie immer fünfzig Pfennig bei sich, um etwas beim Bäcker zu kaufen. Und darum beneideten ihre Mitschülerinnen sie. Außerdem hatte sie hier bei Mielchen und Fritz, in diesem Garten, in diesem Dorf, alles erlebt, was zu einer unbeschwerten Kindheit gehörte.

Vielleicht sollte sie tatsächlich ein paar Tage hier bleiben. Einfach ein bisschen ausspannen. Sie steckte sich die letzten beiden Kirschen in den Mund, die sie noch in der Hand hielt, und ließ sich den Geschmack des Sommers auf der Zunge zergehen.

Der Himmel über dem Alten Land war von einem tiefen, fast unwirklichen Blau. Jule beobachtete einen Raubvogel, der hoch oben seine Kreise zog. Sie schloss die Augen und atmete tief ein. Es roch nach frisch gemähtem Gras. Wann hatte sie diesen Duft zuletzt in der Nase gehabt? Je länger Jule die Augen geschlossen hielt, desto mehr nahm sie wahr. Sie hörte Bienen summen und Vögel zwitschern. Irgendwo raschelte es. Und ab und zu strich der Wind über ihre Haut und ließ die Blätter über ihr leise rauschen.

Erst als von irgendwoher das Klappern von Tellern zu hören war, schlug Jule die Augen wieder auf. Offenbar war sie eingedöst. Sie streckte sich. Es duftete nach Essen, und Jule merkte, dass sie Hunger hatte. Großen Hunger. Sie stand auf und ging ins Haus.

Im Kühlschrank fanden sich Käse und Wurst, Joghurt und sogar ein noch fast vollständiger Kirschstreuselkuchen. Aber Jule hatte Appetit auf ein richtiges Essen und beschloss, in Mielchens stets gut gefüllte Gefriertruhe zu sehen, die im Keller stand. Sie ging in die Diele, öffnete die Tür zur Kellertreppe, drehte am Lichtschalter und ging die kühlen, steilen Betonstufen hinunter, die ihr von Kindheit an so vertraut waren.

Die Gefriertruhe stand im ersten der beiden niedrigen Räume. Jule öffnete die Klappe und studierte die Etiketten, die auf den Gefrierbeuteln und den großen und kleinen Tupperdosen klebten. Die Handschrift ihrer Oma war gut zu lesen: Zupfkuchen. Hochzeitssuppe. Hühnerfrikassee! Jule nahm eine mittlere Portion und schloss den Deckel wieder. Auf dem Regal neben der Treppe standen die Vorräte an Reis und Nudeln, Mehl und Zucker, Kaffee und Tee. Viel zu viel für eine Person eigentlich, aber Mielchen gehörte zur Kriegsgeneration und hortete alles, was sich gut aufbewahren ließ.

Jule beschloss, das Frikassee ohne Reis oder Kartoffeln zu essen, das dauerte ihr sonst zu lange. Sie ging wieder nach oben und nahm eine Kasserolle aus dem offenen Schrank neben dem Ofen. In der Küche hatte sich über die Jahre kaum etwas verändert, Jule musste also nicht lange suchen. Sie hielt den verschlossenen Tupper von allen Seiten unter fließend heißes Wasser, damit sich der gefrorene Block schneller vom Rand löste. Dann ließ sie ihn in die Kasserolle rutschen und stellte diese auf den Herd. Jule starrte in den Topf und wartete, dass es etwas zu rühren gab. Plötzlich verspürte sie einen derartigen Heißhunger, als hätte sie tagelang nichts gegessen. Aber wenn sie so darüber nachdachte, war die letzte Mahlzeit tatsächlich länger her. Das Frühstück hatte heute nur aus einem kleinen Joghurt bestanden – mehr hatte ihr Kühlschrank nicht mehr hergegeben –, und das Mittagessen war sogar ganz ausgefallen. Zum Abendessen hatte es gestern im Flugzeug nur ein pappiges Käsebaguette gegeben, und zu Hause war sie wegen der anstehenden Telefonate mit Mielchen, ihrer Mutter und ihrer besten Freundin Gesa nicht mehr dazu gekommen, sich etwas zu machen. Überhaupt waren die letzten Tage nervenaufreibend gewesen. Nach dem Streit mit Tom hatte sie sich tagsüber in die Arbeit gestürzt und in den Nächten wenig geschlafen. Bis nach Mitternacht hatte sie gestern mit Gesa telefoniert, die sich noch mehr über Tom aufgeregt hatte als Jule selbst.

Noch immer kam Jule diese Trennung auf Probe wie ein schlechter Traum vor. Gerade hatte sie doch noch von einer gemeinsamen Zukunft mit Tom geträumt. Und jetzt das. Aber es gab leider gute Gründe für diese Pause. Jule seufzte. Es war alles kompliziert.

Sie nahm ein Glas aus dem Schrank, füllte es mit Leitungswasser und trank einen Schluck. Ein paar Tage in Mielchens Idylle würden ihr guttun. Keine Meetings, keine Mails, kein Mann. Sie trat ans Fenster und sah in den Garten.

Was war denn das? Unter dem Kirschbaum lag ein riesiger, zottiger Hund. Und auf der Leiter stand jemand. Durch die Blätter hindurch konnte Jule nur ein altes Paar Turnschuhe und zerschlissene Jeans erkennen.

In Oma Mielchens Kirschbaum steckte – ein Mann.

Willkommen im Club

Jule ging über die Terrasse in den Garten und versuchte zu erkennen, wer da Mielchens Kirschbaum aberntete.

«Hallo? Darf ich fragen, was Sie da machen?»

Der Hund, ein Bobtail, erhob sich behäbig und kam auf sie zugetrottet, während es oben im Baum raschelte.

«Oh! Moin. Ich dachte, es wär niemand da …» Von der Leiter stieg ein großer, kräftiger, um nicht zu sagen etwas korpulenter Mann mit Bart und blonden, kinnlangen Haaren, die genauso wuschelig wirkten wie das Fell seines Hundes. Weißes, beschmutztes T-Shirt, Jeans. Typ Bär.

Jule sah ihn ratlos an.

Der angegraute, sichtlich betagte Bobtail, der Jule fast bis zur Hüfte ging, beschnupperte sie, und der Bär tätschelte ihm den Kopf. «Sie erkennt uns nicht, Emil.»

Sollte ich euch denn kennen?

Jule konnte sich nicht erinnern, dieses seltsame Paar schon einmal gesehen zu haben. Instinktiv streichelte sie dem Hund den Kopf. Als sie wieder aufsah, betrachtete der Bär sie schweigend. Erst nach einer halben Ewigkeit sagte er: «Petrosilius Zwackelmann.»

Hä?

Jule runzelte die Stirn. Das war doch eine Figur aus Räuber Hotzenplotz, wenn sie sich nicht täuschte. War der Typ irre? Na ja, immerhin origineller, als sich für Elvis zu halten. Oder für Jesus.

«Mann, Jule», sagte er. «Ich bin’s, Piet.»

Piet?

Piet Hinrichsen? Der als Kind hier nebenan gewohnt hatte? Mit dem sie in den Ferien oft gespielt hatte? Vor ungefähr zwanzig Jahren? Aber der war doch … irgendwie weniger struppig gewesen. Dünner. Kleiner. Und zehn Jahre alt. Gut, das hatte sich in den letzten Jahren vielleicht geändert. Wenn das hier der Sohn von Mielchens früheren Nachbarn war, dann hatte sie mit ihm früher mehrere Sommer lang die Geschichten aus Räuber Hotzenplotz nachgespielt.

«Piet? Dich hätte ich ja nie –» Jule war sprachlos. «Äh … Hallo! Aber was machst du denn hier? Ihr seid doch weggezogen, als wir zehn waren oder so.»

«Kiel», sagte er knapp und nickte. Und nach einer längeren Pause fügte er noch hinzu: «Ja, jetzt bin ich wieder da.»

«Ja, das sehe ich.» Der Typ hatte die Ruhe weg. «Und was machst du hier?»

Er kratzte sich am Ohr und blickte zum Kirschbaum. «Na, ich hab das mit deiner Oma gehört. Und da dachte ich, ich könnte ihr hier ’n bisschen unter die Arme greifen.» Er hielt ihr eine Handvoll Kirschen hin.

«Danke», sagte Jule und steckte sich zwei in den Mund. «Das ist ja nett von dir. Du wohnst also wieder nebenan? Seit wann denn? Mielchen hat mir gar nichts erzählt!»

«Nee, nicht wirklich.»

Aha. Wie aufschlussreich.

Ohne eine weitere Erklärung abzugeben, wandte sich Piet um. «Jou, ich mach dann mal weiter.» Er stieg wieder auf die Leiter, und der Riesenhund ließ sich wieder unter dem Kirschbaum nieder.

Offenbar hatte Piet keine Lust, sich zu unterhalten. Aber er war doch nicht beleidigt, weil sie ihn nicht erkannt hatte? Jule war verunsichert.

Plötzlich stieg ihr ein unangenehmer Geruch in die Nase – irgendwas roch hier angebrannt. Das Frikassee!

«Verdammt!» Jule lief ins Haus.

Die Soße hatte unten bereits angesetzt, während oben noch ein eisiger Klumpen schwamm. Vorsichtig nahm Jule die Kasserolle vom Herd und goss den oberen Teil in einen anderen Topf. Es war noch nicht zu spät – das war noch genießbar. Sie stellte den neuen Topf auf den Herd und rührte um. Dann ließ sie Wasser in die Kasserolle laufen, stellte sie in die Spüle und sah wieder aus dem Fenster.

Es gelang ihr nicht, in diesem Hotzenplotz den Piet von damals zu entdecken. Sie hätte ihn niemals wiedererkannt. Aber sie hatte ihn hier auch überhaupt nicht vermutet. Seitdem die Hinrichsens weggezogen waren, hielt Mielchen, soweit sie wusste, nur noch sporadischen Kontakt mit ihnen. Ihre Oma hatte lange nichts mehr von ihnen erzählt.

Jule rührte noch einmal um, stellte die Platte niedriger und ging wieder auf die Terrasse.

«Ich mache mir gerade was zu essen», rief sie in Richtung Kirschbaum. «Willst du auch was?»

«Pizza.»

«Nee, ich mache ein Frikassee von –»

«Ich hatte gerad ’ne Pizza.»

Ach so, sag das doch gleich.

«Und willst du was trinken?»

«Nö.»

«Vielleicht einen Kaffee oder so?»

Pause.

Jule wollte gerade unverrichteter Dinge umdrehen, da kam die Antwort.

«Jou, Kaffee wär nicht verkehrt.»

Na, geht doch.

Jule ging wieder ins Haus, kochte Kaffee und aß dabei im Stehen das Hühnerfrikassee. Direkt aus dem Topf, was in Mielchens Anwesenheit undenkbar gewesen wäre. Ihre Oma deckte vermutlich sogar für sich allein immer ordentlich den Tisch. Bei Jule waren in den letzten Jahren andere Sitten eingerissen. Leider. Wenn sie nicht am Wochenende mit Tom essen ging, oder mal mit Gesa, dann reichte es immer nur für irgendwas Schnelles zwischendurch.

Als sie aufgegessen hatte, ging sie mit zwei Tassen Kaffee auf die Terrasse. «Milch oder Zucker?», rief sie.

«Schwarz», kam es aus dem Baum.

Warum überrascht mich das nicht?

Piet stieg von der Leiter und kam zu ihr. Sofort erhob sich auch der Bobtail, er schien Piet nicht von der Seite zu weichen. Jule drückte Piet eine Tasse in die Hand.

«Danke.»

Schweigend tranken sie den Kaffee.

«Das ist also Emil.» Jule streichelte das wuschelige Fell.

Piet blieb stumm.

«Ist nicht mehr der Jüngste, oder?», versuchte sie es weiter. Mann, war das zäh!

«Ist so, ja. Verbringt seinen Lebensabend bei mir.»

«Und deine Eltern?»

«Seniorenresidenz.»

Aha.

Er trank seinen Kaffee. «Sie durften ihn nicht mitnehmen.»

Wow, ein ganzer Satz. Subjekt, Prädikat, Objekt!

«Bestimmt bekommt er von Mielchen immer Leckerli zugesteckt.» Jule lachte etwas bemüht.

«Und du bist extra gekommen, um dich um Mielchen und den Garten zu kümmern?», fragte Piet.

Jule nickte und betrachtete ihn prüfend. Erstaunlich, in welchem Tempo sich sein Sprachvermögen plötzlich entwickelte. Ob das am Kaffee lag? «Zufällig ist heute mein erster Urlaubstag, ich hab also Zeit», sagte sie. «Armes Mielchen, so ein Pech. Jetzt liegt sie da alleine im Krankenhaus, mitten im Sommer, wo sie den doch so liebt.»

«Ja, das ist blöd.»

Jule nickte. «Hm.»

Stille.

Wahrscheinlich musste er erst noch einen weiteren Kaffee trinken, um den nächsten Satz sagen zu können.

«Aber ich kann mich nicht erinnern, sie jemals klagen gehört zu haben», sagte sie schließlich.

Piet trank noch einen Schluck. «Vielleicht lässt sie sich nur nichts anmerken.»

Jule lachte. «Da kennst du meine Oma aber schlecht. Die trägt ihr Herz doch auf der Zunge. Sie weiß ihrem Unmut schon Luft zu machen.»

Piet trank seine Tasse in einem Zug leer. «Na, ich mach dann mal weiter.»

Aha, Gespräch beendet.

«Ich kann dir ja helfen.»

«Brauchste nicht.»

«Doch, klar.»

«Na, dann hol ich noch eine Leiter von drüben.»

Er stellte seine Tasse ab und ging, gefolgt von Emil, zur Gartenpforte. Jule sah ihm nach. Es war, als hätte sie einen Fremden vor sich.

Sie wollte gerade die Tassen in die Küche bringen, als vom Nachbargrundstück auf der anderen Seite jemand ihren Namen rief.

Sie drehte sich um und sah Inken am Zaun stehen und winken. Es war bestimmt ein halbes Jahr her, dass sie zuletzt mit ihr zusammengesessen hatte – wahrscheinlich an den Weihnachtstagen. Inken war vor über zehn Jahren mit ihrem Mann hergezogen, der sie aber vor einiger Zeit verlassen hatte, und nun lebte sie nur noch mit ihrer Tochter hier. Mia musste jetzt ungefähr fünf sein.

«Wie geht’s Mielchen? Warst du schon bei ihr?», fragte Inken und umarmte Jule über den Zaun hinweg.

«Ja, ich war vorhin da. Es scheint ihr ganz gut zu gehen, aber ich hab noch nicht mit dem Arzt gesprochen.»

«Deine Oma ist so tapfer. Sie hat gestern nicht ein Mal gejammert, dabei muss sie ziemliche Schmerzen gehabt haben.» Inken hob die Hand und sah kurz an Jule vorbei. «Moin, Piet!»

Er war mit einer großen Aluleiter zurückgekehrt und stellte sie neben dem Baum auf. «Moin, Inken. Alles klar?»

«Alles klar», sagte Inken.

Von drinnen rief Mia nach ihrer Mutter.

«Oh, aber bei Mia ist offenbar nicht alles klar – die sitzt auf dem Klo.» Entschuldigend hob Inken die Arme und sagte, rückwärts auf das Haus zugehend: «Ich hab übrigens die Kirschen eingesammelt, die aus dem Korb gefallen waren, Jule. Stehen bei mir im Keller. Komm doch heute Abend zum Essen rüber. Du bleibst doch hoffentlich das Wochenende über, oder? Hast du Lust?»

«Ja, klar, gern.»

«Super. So um sieben?» Und in Richtung des Baumes rief Inken: «Kannst auch gern kommen, Piet.»

«Nee, nee. Ist nett, ein andermal», kam es aus dem Kirschbaum.

Nachdem Inken im Haus verschwunden war, lief Jule zurück auf die Terrasse. «Ich helf dir sofort, Piet», rief sie. «Ich hol nur schnell einen Korb.»

Als sie zurückkam, stellte Piet eine bereits randvoll gefüllte blaue Obstkiste in den Schatten des Baumes und verrückte die Leiter ein Stück. «Ich ernte die oberen Zweige ab, an die du schlecht rankommst», sagte er.

«O.k. Mielchen scheint unten ja schon ziemlich viel gepflückt zu haben. Aber das sind bestimmt immer noch Tonnen …»

«Gutes Jahr.»

«Und die müssen alle in den nächsten Tagen geerntet werden?»

«Besser wär das.»

Sie pflückten eine Weile stumm vor sich hin. Jules Korb war erst halb voll, als Piet bereits die zweite volle Kiste neben den Baum stellte.

«Ich trag dir die mal rein.»

«Oh, danke. In den Keller wahrscheinlich, oder?», fragte Jule.

Piet nickte, stellte die Kisten übereinander und ging Richtung Terrassentür. Der Hund folgte ihm wie ein Schatten.

«Kennst du dich aus?», rief Jule hinter ihm her.

Doch sie bekam keine Antwort. Stattdessen befahl Piet seinem Begleiter: «Bleib, Emil.» Der Bobtail setzte sich vor die Tür und sah seinem Herrchen nach.

Natürlich kennt Piet sich im Haus aus. Dumme Frage. Er war ja früher oft genug hier.

Als er zurückkam, sagte er: «Ich geh mal wieder rüber. Morgen mach ich weiter. Wir kriegen den Baum schon leer gepflückt.»

Jule stieg von der Leiter. «Danke. Wirklich, vielen Dank.»

«Da nich für. Die Leiter … ach, die lass ich hier. Ich hab drüben noch eine kleinere, die reicht mir erst mal. Also … denn bis denn.»

Jule nickte. «Bis denn.»

Der Hund gab ihr im Vorbeigehen einen Stüber, als wollte er sich von ihr verabschieden.

«Bis bald, Emil», sagte Jule leise.

Sie pflückte alleine weiter, bis ihr Korb voll war, und brachte ihn dann ebenfalls in den Keller. Was sollte sie nur mit all den Kirschen anfangen? Bei Inken stand ja auch noch ein Korb, und die würden sich doch nicht lange halten, oder? Sie musste morgen dringend Mielchen fragen. Und was hatte ihre Oma ihr noch aufgetragen? Ach ja, den Garten wässern, die Wäsche reinholen, die Vespa in den Schuppen bringen und – das Gästezimmer herrichten! Und das Wichtigste: Den Übernachtungsgast durfte sie auf keinen Fall vergessen! Darüber würde sie nachher unbedingt mit Inken sprechen müssen, denn da kannte sich Jule nun überhaupt nicht aus.

Jule suchte in Mielchens sehr überschaubaren Alkoholbeständen im Keller nach einer Flasche Weißwein und stellte sie kalt. Dann machte sie sich daran, alle Aufgaben zu erledigen, die ihre Oma ihr übertragen hatte.

Es war halb sieben, als sie die Tür des Gästezimmers hinter sich schloss und das Putzzeug wieder nach unten brachte. Endlich fertig.

Nach einer schnellen Dusche holte Jule die Weinflasche aus dem Kühlschrank und ging durch den Garten zu Inkens Grundstück. Ihre Jeans hatte sie gegen ein kleingeblümtes, weites Sommerkleid eingetauscht, die langen Haare trug sie offen.

Sie klopfte an die offenstehende Tür, die von Inkens Garten in die Küche führte.

«Jule, komm rein», sagte Inken, die am Herd der sonnendurchfluteten Küche stand. «Wir überlegen gerade, wen Mia heiraten könnte.»

«Das wird ja auch höchste Zeit», sagte Jule lachend und strich Inkens Tochter über den Kopf, die bereits im Nachthemd an dem alten Bauerntisch saß und ein Bild malte: eine Kirche mit Brautpaar.

«Ja, wir müssen da dringend zu einer Entscheidung kommen.» Inkens Tonfall klang ernst. «Ich hab Theo oder Georg vorgeschlagen, aus dem Kindergarten, aber die sind ihr nicht recht.»

«Sind die nicht nett?», fragte Jule.

Mia sah auf und zog die Nase kraus. «Doooch, aber …» Beinahe flehend schaute sie zu ihrer Mutter. «Kann ich nicht doch Papa heiraten?»

«Würd ich dir nicht empfehlen», murmelte Inken und wischte sich die Hände an einem Küchenhandtuch ab.

«Was?», fragte Mia, deren blonde Locken jetzt im Sommer fast weiß waren.

Inken legte zwei Fischfilets in eine Pfanne mit zerlaufener Butter und sagte über das Zischen hinweg deutlich vernehmbar: «Seinen Vater kann man leider nicht heiraten, Süße. Außerdem ist Papa ja bereits wieder verheiratet.»

«Ja, aber er kann sich doch noch mal scheiden lassen!», sagte Mia, sichtlich überzeugt, dass zur Durchführung dieses genialen Plans nur ihre Idee gefehlt hatte.

«Hm», machte Inken und drehte sich um. «Räumst du jetzt deine Malsachen weg, damit wir den Tisch decken können?» Zu Jule gewandt, sagte sie: «Gläser sind in dem Schrank dort. Fühl dich wie zu Hause.»

Jule stellte die Weinflasche auf den Tisch. «Aus Mielchens Keller. Ich garantiere für nichts, das Etikett sieht aber ganz vielversprechend aus.»

«Oh, danke. Passt gut zur Scholle.» Sie deutete auf die Pfanne. «Hab ich heut auf dem Markt gekauft, reicht locker für drei. Und Salat.»

«Ja, aus unserem Garten», erklärte Mia und stopfte ein paar Stifte in ein rosafarbenes Federmäppchen.

Inken streute ein paar Kräuter über den Fisch. «Mia isst noch mit, dann bring ich sie ins Bett. Eiswürfel?»

Ohne Jules Reaktion abzuwarten, öffnete Inken das Gefrierfach, holte einen Plastikbehälter heraus und fischte mit der anderen Hand einen Korkenzieher aus einer Schublade. Alle Bewegungen wirkten so routiniert, dass Jule sich irgendwie überflüssig vorkam.

Sie sah sich um. An jeder freien Fläche des Raums klebten Kinderzeichnungen, eine Magnetwand hing voller Fotos und Zettel, und auf dem alten Buffet lagen stapelweise Zeitschriften.

Inken und sie sprachen sich immer nur, wenn Jule zu Besuch ins Alte Land kam, sonst hielten sie keinen Kontakt, aber Inken verströmte eine derartige Herzlichkeit und Offenheit, dass Jule sich in ihrer Gegenwart immer wohlfühlte.

Jule holte die Gläser aus dem Küchenschrank. «Was kann ich sonst noch tun?»

«Du könntest Teller und Besteck decken.» Inken beugte sich schon wieder über die Pfanne und wendete die Filets.

«Nein, das mach ich!», rief Mia und verteilte die schon bereitgestellten Teller. Sie nahm Messer und Gabeln aus der Schublade und legte sie kreuz und quer auf den Tisch, und Jule beschloss, schon mal die Weinflasche zu entkorken.

«Kannst du ein bisschen Brot schneiden?», fragte Inken. «Der Fisch ist gleich so weit.» Mit ihrer freien Hand zeigte sie auf einen hübsch bemalten Holzkasten. Dann nahm sie die Pfanne vom Herd und stellte sie neben die Salatschüssel auf den Tisch. «So, kann losgehen.»

Jule schnitt ein paar Scheiben Baguette ab und setzte sich zu den beiden an den Tisch. Nie hätte sie gedacht, dass sie nach der ordentlichen Portion Hühnerfrikassee am Nachmittag schon wieder solchen Appetit haben würde.

Das musste die gesunde Landluft sein.

Während Inken ihre Tochter ins Bett brachte, räumte Jule den Tisch ab. Danach ging sie mit ihrem Weinglas auf die Terrasse und setzte sich in die alte Hollywoodschaukel, deren rote Polster von der Sonne ganz ausgeblichen waren. Im Nachbargarten auf der anderen Seite zischte rhythmisch ein Sprenger, und es duftete nach warmer, feuchter Erde.

Jule genoss die Ruhe.

Schon bald kam Inken mit ihrem Glas und der Weinflasche auf die Terrasse und setzte sich neben sie. Mit dem Fuß stieß sie sich ab, sodass die Hollywoodschaukel quietschend vor und zurück schwang.

«Schläft Mia?», fragte Jule.

«Noch nicht, sie hört noch eine CD.» Inken schenkte ihnen nach und hielt Jule ihr Glas hin, um ihr zuzuprosten. «Schön, dich mal wieder hier zu haben. Warst lange nicht da.»

Jule stieß mit ihr an und trank einen Schluck. «Ja, leider. Ich hab Mielchen wohl etwas vernachlässigt. Aber in den letzten Monaten war in der Redaktion so viel los … ich hab eindeutig zu viel gearbeitet.»

«Ich glaub, du brauchst dir keine Vorwürfe zu machen. Mielchen ist immer dermaßen beschäftigt mit ihrem Garten, dem Einwecken, der Gemeindearbeit und so – vereinsamen tut sie ganz bestimmt nicht.»

«Ja, aber man sieht ja, wie schnell was passieren kann. Danke, dass du dich so rasch um sie gekümmert hast», sagte Jule. «Gar nicht auszudenken …»

«Kein Problem. Dafür sind Nachbarn doch da. Außerdem ist Mia so häufig drüben, dass ich mich freue, wenn ich Mielchen auch mal helfen kann. Aber jetzt erzähl mal: Wie ist das Leben in der Großstadt? Was macht die Arbeit? … Bei welcher Zeitschrift warst du noch mal?», fragte Inken.

«Antonia heißt die – Mode, Promis, Lifestyle … Die Frauenzeitschrift mit Niveau.»

«Nie gehört. Aber ich lebe ja auch auf dem Land.» Inken lachte. «Das Leben in Hamburg ist bestimmt aufregend. So viele Leute, Partys, Konzerte – und der Job macht sicher viel Spaß.»

Jule seufzte. «Eigentlich schon, aber … in letzter Zeit hat sich ganz schön viel verändert. Ein paar Kollegen wurde gekündigt, neue Leute sind natürlich nicht eingestellt worden, und dadurch ist die Arbeit viel mehr geworden. Ich komme praktisch überhaupt nicht mehr zu den interessanteren Sachen, weil ich pausenlos damit beschäftigt bin, alles zu organisieren und das zu bearbeiten, was die freien Autoren schreiben.» Als sie sah, dass Inken ihr förmlich an den Lippen hing, fuhr Jule fort: «Das war am Anfang anders, weißt du? Da konnte ich viel mehr selbst schreiben. Ist ziemlich schade. Und die Stimmung leidet extrem darunter: Alle sind überlastet, und die Chefs geben den Druck nach unten weiter. Du kannst dir nicht vorstellen, was das bei einigen Leuten auslöst! Da werden neuerdings richtige Intrigen gesponnen. Neulich hat unsere Ressortleiterin meine Recherchen vor der Chefredakteurin ganz dreist für ihre eigenen ausgegeben – ich konnte es kaum fassen.»

«Oje», sagte Inken. «Das klingt übel. Was hast du gemacht? Hast du mit ihr geredet?»

Jule schüttelte den Kopf. «Hat keinen Zweck.»

«Und kommst du viel rum? Reisen in ferne Länder?» Inkens Augen leuchteten.

«Zählt München?», fragte Jule spöttisch. «Da bin ich gestern für ein Interview hingeflogen.»

«Ein Interview mit einem Promi?»

«Na ja, Brad Pitt war es nicht, aber … eine junge Schauspielerin. Alva Lindström. Kennst du sie?»

Inken zuckte die Achseln. «Meistens schlafe ich mit Mia nach dem Sandmännchen ein … Na, jedenfalls beneide ich dich echt darum, dass du in Hamburg lebst. Ich hab hier immer mehr das Gefühl zu versauern. Mein Leben ist so wahnsinnig langweilig geworden – ich bin selbst schon ganz langweilig! Kein Wunder, dass sich seit der Trennung von Dirk kein Mann mehr für mich interessiert.»

«Hängst du noch an ihm?»

«Nee!», sagte Inken schnaubend. «Das hab ich echt hinter mir. Aber ich hab seitdem auch noch niemanden kennengelernt, der mich interessieren würde. Wo auch? Ich kann ja abends nicht weg, und in die Pension kommen keine interessanten Männer, nur Paare, Familien, ältere Herrschaften …»

Jule fiel ein, dass sie Inken noch fragen wollte, was beim Übernachtungsgast zu beachten war, aber sie wollte Inken jetzt nicht unterbrechen. Dafür würde später noch Zeit sein.

«Ach, ich weiß auch nicht», sagte Inken und nahm einen großen Schluck Wein. «Mir ist es eigentlich ganz lieb, dass ich in der Hinsicht meine Ruhe habe. Ich hab Mia und meine Geschwister und deren Familien, meine Freunde … ich bin nicht unglücklich ohne Mann. Auch wenn meine Mutter das nicht begreifen will. Neulich hat sie mich ernsthaft gefragt, ob ich nicht im Kirchenchor singen möchte, da wären doch meistens nette Männer.» Inken rollte mit den Augen.

«Vielleicht solltest du mal Internet-Dating ausprobieren», schlug Jule vor. «Ich hab da mal einen Artikel –»

«Nee, das ist nichts für mich.» Inken machte eine wegwerfende Handbewegung. «Außerdem bin ich froh, wenn ich weiß, wie der Computer angeht.» Sie lachte. «Wie ist es denn bei dir? Wie heißt dein Mann noch mal?»

Jule schluckte. «Äh, Tom ist nicht mein … also, er ist nicht mal mehr mein … Wir haben uns gerade getrennt.»

«Was?» Ruckartig setzte Inken sich auf, sodass die Hollywoodschaukel bedenklich nach vorn schwang.

Jule hielt sich an der Armlehne fest und versuchte, keinen Wein zu verschütten.

«Aber warum denn?»

«Ach … wir haben uns in letzter Zeit so wahnsinnig viel gestritten. Und uns immer seltener gesehen, seit …» Sie stockte. Wie war das eigentlich alles gekommen? Wo waren sie falsch abgebogen?

Sie hatte Tom kennengelernt, kurz nachdem sie ihre Stelle bei der Antonia angetreten war. Und sie hatte sich sofort in ihn verliebt – in seine funkelnden braunen Augen, seine Fröhlichkeit und diese jungenhafte Art, die er auch jetzt mit Ende dreißig noch an sich hatte und wohl nie verlieren würde. Er war dieser Typ Mann, der mit allem durchkam, egal, was er anstellte, weil man ihm einfach nichts lange übelnehmen konnte, charmant, wie er war.

«Weißt du … ich wollte immer so gern mit ihm zusammenziehen, als wir noch beide in Hamburg wohnten, aber dann ist er nach München gegangen. Wegen seines Jobs, er ist ja Fotograf. Angeblich sollte es nur vorübergehend sein, aber mittlerweile sind daraus zwei Jahre geworden. Ich habe wirklich gedacht, dass er danach bereit wäre, mit mir zusammenzuziehen …» Plötzlich sprudelte es nur so aus ihr heraus. «Ich habe Tom geglaubt, dass er bald zurückkommt, aber jetzt hat er mir eröffnet, dass er beruflich nach Paris ziehen will. In ein paar Wochen geht’s los. Der Vertrag ist schon unterschrieben.»

«Paris!?» Inken klang ganz verzückt. «Aber … ist das wirklich ein Grund, sich zu trennen? Könntest du nicht mit ihm gehen?»

«Wie denn?», fragte Jule. «Ich hab doch hier meinen Job … Nein, unmöglich. Außerdem hat er diese Entscheidung ohne mich getroffen, Inken! Das war aber auch nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Vorher ist schon so viel schiefgelaufen zwischen uns … Und wenn ich ehrlich bin, hat Tom auch eigentlich immer nur freundlich gelächelt, wenn ich vom Zusammenziehen gesprochen habe, und nie was dazu gesagt.» Sie leerte ihr Weinglas und stellte es auf den Boden. «Es ist fast zum Lachen, dass ich ernsthaft dachte, er würde mich irgendwann brav heiraten und mit mir Kinder bekommen wollen.» Jule schüttelte den Kopf. «Tom hat das immer ein bisschen belächelt, aber … ich bin nun mal so, ich wünsche mir das alles: Hochzeit, Kinder, Häuschen im Grünen, verstehst du?»

Inken wiegte den Kopf. «Es ist nur in Wirklichkeit meist nicht so idyllisch, wie man es sich vorstellt.»

Jule ließ sich wieder in die Schaukel sinken. «Ja, ich weiß.»

«Du bist doch selbst ein Scheidungskind. Soll ja viele Scheidungskinder geben, die genau aus dieser Sehnsucht heraus ziemlich früh eine Familie gründen.»

«Ach, das ist doch ein Klischee, oder?», sagte Jule. «Ich meine, ich hatte ja mit Mama und Rainer irgendwie auch eine heile Familie. Und mit meinem leiblichen Vater war eigentlich auch alles gut, weil sich meine Eltern ja ganz gut verstanden haben. Außerdem kann von ‹ziemlich früh› nicht die Rede sein, Inken. Ich werde nächstes Jahr dreißig.»

«Hmhm. Uralt.» Inken sah sie amüsiert an. «Was soll ich denn erst sagen?» Nach kurzem Schweigen fügte sie etwas nachdenklicher hinzu: «Aber bist du wirklich ganz sicher, dass sich das mit Tom nicht mehr kitten lässt? Ich meine, zum Heiraten und Kinderkriegen ist es ja noch nicht zu spät. Vielleicht musst du ihm einfach noch ein bisschen Zeit geben.»

«Hm.» Jule fuhr mit der Fingerkuppe über ein kleines Brandloch im Polster der Hollywoodschaukel. «Ach … wir haben einen sehr schlimmen Streit gehabt, in dem eine alte Geschichte hochkam. Ich glaube, diesmal wird es nicht wieder gut. Unsere Vorstellungen sind einfach zu unterschiedlich: Ich will Kinder und ein schönes Zuhause. Tom will reisen, Karriere machen, Spaß haben. Meine Freundin Gesa predigt mir schon lange, dass Tom ein Abenteurer ist, und das stimmt auch: Ständig ist er auf dem Sprung, nie kann er sich auf irgendwas festlegen.»

«Also nicht gerade der Typ sesshafter Familienvater.»

«Nee.» Jule seufzte. Sie hatte ihn ja mal gemocht, so wie er war. Und sie hatte ihn auch gar nicht ändern wollen. Oder doch? Jedenfalls hatte Toms einsame Entscheidung, nach Paris zu gehen – und damit noch weiter von ihr weg –, ihr endgültig den Rest gegeben. Sein Entschluss bescherte ihr mit einiger Verspätung die Einsicht, dass sie beide vom Leben einfach nicht dasselbe wollten und nie wollen würden. Und dass das nicht unwichtig war, solange man sich nur liebte, wie sie sich immer eingeredet hatte.

Jule beugte sich zur Weinflasche hinunter und goss Inken und sich nach. Dann lehnte sie sich wieder zurück und ließ die Schaukel langsam schwingen. Die Grillen hatten angefangen zu zirpen, und von der Sonne war nur noch ein rosa Schimmer am Horizont zu sehen. Jule überlegte, ob sie Inken erzählen konnte, was der eigentliche Grund für den tiefen Graben zwischen Tom und ihr war. Schließlich sagte sie kurz entschlossen: «Es ist da eine … Sache passiert, die ich ihm nicht verzeihen kann.»

Inken wandte ihr den Kopf zu und sah sie aufmerksam an.

«Vor drei Jahren, da … bin ich schwanger geworden.» Jule blickte in ihr Weinglas. «Es war natürlich nicht geplant, ich hatte ein Jahr vorher erst bei der Antonia angefangen, und wir waren noch gar nicht lange zusammen. Wir waren einfach unvorsichtig. Aber … ich hab mich trotzdem wahnsinnig gefreut.»

«Aber Tom hat sich nicht gefreut?»

«Nein. Er hat sich nicht nur nicht gefreut, er hat geradezu panisch reagiert. Er hat immer nur dagegen angeredet: Jetzt doch noch nicht, wir stehen ja beruflich beide erst am Anfang, wir sind noch so jung, das können wir später immer noch machen – irgendwie war es für ihn nicht mal denkbar, dass wir ein Baby bekommen. Das hatte fast was Verzweifeltes. Und ich hab mindestens genauso verzweifelt versucht, ihm klarzumachen, wie schön das alles werden könnte.»

«Oje.»

«Aber das hat rein gar nichts bewirkt, die Gespräche drehten sich immer nur im Kreis. Als ich kapiert hab, dass wir so nicht weiterkommen, hab ich gesagt, wir sollten vielleicht mal ein, zwei Wochen vergehen lassen und danach zusammen wegfahren und in Ruhe reden. Irgendwohin, wo nichts los ist, wo uns nichts ablenkt. Das haben wir dann auch gemacht. Wir waren ein Wochenende auf Amrum, im Oktober. Es hat nur gestürmt und geregnet.» Jule trank einen Schluck Wein. «Ich hab natürlich gehofft, dass er in der Zwischenzeit irgendwie … zu sich kommt. Dass er sich vielleicht mit seinem besten Freund austauscht und der ihm den Kopf zurechtrückt oder so. Aber es ging alles wieder von vorne los. Tom war zwar etwas ruhiger und ist ein bisschen mehr auf mich eingegangen als in den Gesprächen davor, aber er hat vollkommen klargemacht, dass er das Kind nicht will, auf keinen Fall.»

«Du Arme.»

Sie schwiegen eine Weile und sahen über das im Garten verstreute Spielzeug hinweg in die Ferne.

Schließlich fuhr Jule fort: «Ich wusste einfach nicht, was ich machen sollte. Ich hätte niemals abtreiben können. Aber ich konnte Tom auch schlecht zwingen, mit mir ein Leben zu führen, das er nicht führen wollte. Das wollte ich auch gar nicht. Man möchte ein Kind doch mit einem Mann bekommen, der sich auch darüber freut, der auch eine Familie gründen will. Gemeinsam.»

«Natürlich», sagte Inken.

«Er hätte mich bestimmt verlassen, wenn ich das Kind bekommen hätte.»

«Meinst du wirklich?»

Jule nickte. «Du hättest ihn mal hören sollen! Aber ein Leben ohne ihn konnte und wollte ich mir nicht vorstellen. Ich dachte ja, er wäre der Richtige.»

«Tja.» Inken seufzte. «So kann man sich täuschen, nicht? Ich weiß, wovon du redest.»

Jule schwieg.

«Und dann hast du doch nachgegeben?», fragte Inken.

Jule schüttelte den Kopf. «Es kam ganz anders. Kurz vor der zwölften Woche, in der wir eine Entscheidung hätten treffen müssen, habe ich das Baby verloren.»

«Oh nein.»

Jule versuchte, die aufsteigenden Tränen hinunterzuschlucken. Sie atmete tief durch, schüttelte heftig den Kopf und wischte sich über die Augen. Wenn sie jetzt anfinge zu weinen, würde sie so schnell nicht wieder aufhören können.

«Tom hat überhaupt nicht kapiert, wie es mir danach ging. Für mich war es, als … als wäre alles dunkel geworden. Das war eine furchtbare Zeit.» Sie fuhr sich durch die Haare. «Aber Tom schien es überhaupt nichts auszumachen. Ich würde nicht so weit gehen zu sagen, dass er erleichtert war, aber … Damals habe ich ihm genau das vorgeworfen. Ich meine, mir ist inzwischen schon klar, dass es mit Tom und einem Baby nicht gutgegangen wäre. Aber … immer wenn ich ein Kind sehe, das so alt ist, wie unseres jetzt wäre, könnte ich heulen. Und ich denke immer …» Jule schluckte. «Ich denke immer, das Kind hat irgendwie gemerkt, dass es nicht erwünscht war.»

«Nein, Jule, nein», sagte Inken und nahm ihre Hand. «Red dir so was nicht ein. So etwas kommt doch häufig vor, das ist ganz natürlich, leider. Ihr tragt daran keine Schuld.»

Nun liefen Jule doch die Tränen übers Gesicht.

Inken sah sie hilflos an. «Ich … ich hole mal Taschentücher», sagte sie schließlich und ging ins Haus.

Als sie sich kurz darauf wieder neben Jule setzte, legte sie den Arm um sie und drückte ihr eine Packung Taschentücher in die Hand. «Du wirst bestimmt noch Kinder bekommen, Jule», sagte sie mitfühlend.

Jule putzte sich geräuschvoll die Nase, nickte, immer noch schluchzend, und ließ das Taschentuch sinken. «Aber … aber dieses Kind werde ich nicht mehr bekommen, Inken. Ich werde nie wissen, ob es ein Junge oder ein Mädchen war und …»

«Aber du bist noch so jung, Jule – du findest jemanden, mit dem du glücklich wirst und für den Familie auch denkbar ist.»

«Meinst du?», fragte Jule skeptisch.

«Ganz bestimmt.»

Inken wirkte so überzeugt, als könnte sie in die Zukunft sehen und sähe dort Jule und Mr. Right beim Frühstück auf der Terrasse sitzen, während ihre drei kleinen süßen Kinder friedlich im Garten spielten. Dabei gab es doch überhaupt keine Garantie dafür, dass man den Richtigen für sich überhaupt fand. Jule hätte aus dem Stand drei Freundinnen aufzählen können, die seit Jahren allein waren, genau wie Inken. Und die machten nicht mal einen unglücklichen Eindruck.

Aber Jule wollte das alles. Sie wollte morgens mit jemandem aufwachen und abends mit demselben Jemand einschlafen. Sie wollte zusammen mit dem Mann, den sie liebte, stundenlang kochen und essen und dabei die Zukunft planen.

Nur schien ihre Zukunft jetzt wieder vollkommen offen. Irgendwie war sie in eine Sackgasse geraten. Vielleicht sollte sie gleich ein paar Wochen hier im Alten Land bleiben und die Zeit nutzen, um mal ein paar Sachen für sich zu klären. Ihre Beziehung mit Tom, zum Beispiel. Wie sehr fehlte er ihr eigentlich? Was genau war das gewesen mit ihm? Und – war es wirklich vorbei?

Zuversichtlich schnäuzte sie sich ein letztes Mal. Genau, sie würde diesen Sommer nutzen, um in sich hineinzuhorchen und das herauszufinden!

Inken drückte ihre Hand. «Jedenfalls verstehe ich jetzt, dass es mehr war als nur ein Streit. Eigentlich ist es erstaunlich, dass ihr das damals überhaupt durchgestanden habt und noch so lange zusammengeblieben seid.»

«Die Hoffnung stirbt eben zuletzt.»

«Und das ist auch gut so», sagte Inken, griff nach der Flasche und verteilte den letzten Rest Weißwein auf ihre Gläser. «Es ist übrigens gar nicht so schlimm, Single zu sein.» Sie hob ihr Glas. «Es hat eigentlich sogar Vorteile.»

«Ach ja? Und … welche?», fragte Jule und stieß mit Inken an.

«Na ja …» Inken trank noch einen Schluck. Dann machte sie eine ausholende Armbewegung. Doch es kam nichts.

Je länger sie überlegte, desto mehr musste Jule grinsen. «Sehr überzeugend!»

«Nein, wirklich!» Inken richtete sich auf. «Seit ich die Trennung verdaut habe, bin ich viel ausgeglichener als vorher. Dirk und ich haben uns so viel gestritten, immer über Alltagskram, dauernd waren wir unterschiedlicher Meinung. Jetzt kann ich alles so machen, wie ich das für richtig halte, und hab meine Ruhe.»

«Aha.»

Nun musste auch Inken lachen. «Okay, ich gebe zu, dass nicht alles nur leichter geworden ist, seit er weg ist. Jetzt bin ich natürlich echt für alles allein zuständig, nicht nur für Kind und Küche und meine Arbeit, sondern auch fürs Rasenmähen, fürs Auto und für den ganzen Steuerkram und so. Also, dafür fehlt er mir schon», sagte Inken und kicherte. «Aber sonst vermisse ich irgendwie erstaunlich wenig. Wirklich. Ich weiß nicht, vielleicht bin ich auch nicht ganz normal.»

Sie stand auf und zündete zwei Fackeln an, die neben der Terrasse zwischen den Blumen steckten. Dann setzte sie sich wieder, und beide sahen schweigend in die Flammen.

Nach einer Weile fragte Jule: «Und Dirk hat echt gleich wieder geheiratet?»

Inken zog die Augenbrauen hoch und nickte langsam. «Im Mai. Unsere Scheidung war kaum durch. Die haben keine Zeit verloren. Ich glaub, er kannte die Frau auch schon viel länger, als er behauptet hat.»

«Kennst du sie?»

«Ich hab sie nur mal kurz gesehen, als sie Mia zusammen abgeholt haben. Mia hat ja bei der Trauung Blumen gestreut, seitdem ist sie auch so besessen von diesem ganzen Hochzeitsthema. Seine Neue scheint so zehn Jahre jünger zu sein als ich. Ist doch schön, dass das Leben immer wieder alle Klischees erfüllt, nicht?»

«Tja, irgendwo stammen die ja her, die Klischees …»

«Jetzt kommt bestimmt als Nächstes die Nachricht, dass sie schwanger ist. Dauert mit Sicherheit nicht mehr lange.» Sie sah Jule an. «Entschuldige, das war unsensibel von mir.»

Liebevoll strich sie Jule über den Arm. «Deine Haare sind so lang geworden. Und die haben so eine tolle Farbe. Wie nennt man die eigentlich – Weizenblond?»