Kiwi-Desaster - Andreas Hülshoff - E-Book

Kiwi-Desaster E-Book

Andreas Hülshoff

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Beschreibung

"Kiwi-Desaster" ist eine Sammlung teils autobiographischer, teils mitgeteilter Erlebnisse: spektakulär, heiter, skurril, traurig oder makaber. Ganz wie das wahre Leben. Alles, was in diesem Buch steht, ist so ähnlich passiert. Oder hat zumindest einen wahren Kern. Lesenswert sind diese Geschichten allemal. Hülshoff schöpft aus einem breiten Themenspektrum: Zeitgeschichte, Kindheit, Alltag, Sport, der Beruf als Lehrer und die Mitarbeit in sozialen Einrichtungen. Tauchen Sie ein in längst vergangene Zeiten, oder freuen Sie sich, im Hier und Jetzt leben zu dürfen! Erleben Sie die Welt als Kind, und staunen Sie mit! Fühlen Sie mit den sportlichen und alltäglichen Erlebnissen der Protagonisten, und erleben Sie die wundersame Welt der Schule von heute - aus der Sicht des Lehrers! Zum Schutz der Persönlichkeitsrechte der genannten Personen sind alle Orte und Namen geändert.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 155

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Über den Autor

Dr. Andreas Hülshoff (geboren 1971) arbeitet als Lehrer an einer Gesamtschule. Er ist Autor mehrerer erziehungswissenschaftlicher Fachbücher. „Kiwi-Desaster“ ist seine erste nicht-wissenschaftliche Publikation. Als seine Schüler im Deutschunterricht Kurzgeschichten schreiben sollten, es war kurz vor Weihnachten, entflammte ihre literarische Leidenschaft nur mäßig. Hülshoff begann, selber Kurzgeschichten zu schreiben. Seither hat er immer wieder Geschichten im Kopf, die er aufschreiben möchte, bevor sie aus dem Gedächtnis verschwinden.

Andreas Hülshoff

Kiwi-Desaster

100 wahre Kurzgeschichten

© 2020 Andreas Hülshoff

Umschlag, Illustration: Adobe Stock 224059671

Verlag & Druck: tredition GmbH,

Halenreie 40-44

22359 Hamburg

ISBN

 

Paperback

978-3-7497-1933-4

Hardcover

978-3-7497-1934-1

e-Book

978-3-7497-1935-8

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Zum Schutz der Persönlichkeitsrechte der beschriebenen Personen sind alle Orte und Namen geändert.

Inhalt

Skurriles im Alltag

Geschichten

Löwenausflug

Einarmiger Trompeter

Renovierungsarbeiten

Schrankkoffer

Als Frau

Neuer Nachbar

Windstärken

Hotel im Schnee

Lange nicht gesehen

Weiß

Sonderwünsche

Überraschungsgast

Leitplanke

Verbotener Trübsinn

Der zweite Weltkrieg

Besonders schlau

Gute Partie

Lange Reise

Festessen

Luftschutzraum

Kapitulation

Panzerfaust

Die Nachkriegszeit

Traumauto

Wiedersehen

Wirtschaftswunder

Omas Traum

Familienglück

Treuer Begleiter

Sinneswandel

Erbschaft

Hülshoffs Erbe

Abenteuer Kindheit

Trinker

Mann mit Stock

Geheimfach

Vollbremsung

Schullandheim

Dummes Pferd

Ohrfeige

Bauer Noldens Sohn

Schäferhund

Kuchenpapier

Böser Bauer

Adler

Pfannkuchen

Sankt Martin

Plastikbecher

Freizeitkapitäne

Sturm

Aufmerksamer Beobachter

Rundreise

In die Luft gehen

Polizeieinsatz

Reißleine

Bergland

Rentnerspaziergang

Regenschauer

Startunterbrechung

Suchauftrag

Nicht zufrieden?

Schiedsrichtersorgen

Blickwinkel

Hoffnungsloser Fall

Wolken

Chemiepark

Pilotenkoffer

Berufsrisiko

Strich auf dem é

Geburtstag

Dritte Dimension

Unerwarteter Helfer

Apfel

Sandspiele

Problem

Sorgenkind

Badesee

Messlöffel

Handkarren

Badewanne

Geschirr

Ausrede

Zoobesuch

Gewissenhaft

Synchronsprecher

Gewichtige Vorfreude

Bedürfnis

Kiwi-Desaster

Alt

Satt

Süßigkeiten

Brotdosenfußball

Gaming-Flash

Versteckspiel

Maskenmann

Regenbogenfarbenes Schwimmbrett

Geburtstagszigaretten

Reiselust

Mondfinsternis

Karnevalsfrei

Diebisches Autoradio

Vorzelt

Meiern

Unverfehlbar

Zahltag

Privileg

Freiheit

Danksagungen

Skurriles im Alltag

Geschichten

„Doch“, sagte ich nach einigem Zögern, „mir fällt doch eine Geschichte ein.“ Ich war aufgehalten worden und verspätet in den Deutschunterricht geplatzt. Hier unterrichteten wir wie üblich im Team. Ich kam also deutlich verspätet, und Kollege Berger saß mit den Schülern im Stuhlkreis – etwas, das man in der achten Klasse nur noch selten macht. Einer nach dem anderen hatte eine mehr oder weniger spannende Geschichte erzählt. Damit sollte in das Thema „Kurzgeschichten“ eingestimmt werden. Ob Herr Hülshoff denn auch eine Geschichte erzählen könne, wollten die Schüler wissen. Ich war mit den Gedanken noch bei den Problemen meines vorherigen Schülers. Darum hatte ich Schwierigkeiten, mich auf ein möglichst spannendes Erlebnis zu konzentrieren. Zuerst hatte ich verneint, bis mir eine Geschichte mit einem Segelboot einfiel, das mit gesetzten Segeln im Kreisverkehr stand. In einem Kreisverkehr für Autos, wohlgemerkt. Dass die Schüler gebannt zuhören, hat man in diesem Jahrgang nicht unbedingt jeden Tag. Der unerwartete Publikumserfolg weckte in mir das unbestimmte Gefühl, dass die Geschichte doch irgendwie gelungen sei.

Nachts wachte ich auf. Ich hatte gerade meine besten Ideen und vier Geschichten gleichzeitig im Kopf. Ich wollte die Geschichten nicht verlieren. Daher versuchte ich erst gar nicht einzuschlafen. Ich würde nie einschlafen. Es sei denn, ich hätte die vier Kurzgeschichten aufgeschrieben. Also schaltete ich den Computer an und begann zu tippen – bis zum frühen Morgen.

Löwenausflug

Die beiden jungen Löwen waren der ganze Stolz des Zoos – ja sogar der Stolz der gesamten Stadt. Junge Familien strömten erwartungsvoll und fröhlich zu den Kassenhäuschen. Es bildeten sich schon Schlangen.

Der Tierpfleger schleppte rohes Fleisch in Eimern. Die beiden jungen Löwen mussten einen Mordshunger haben an diesem frühen Morgen. Er dachte an die beiden alten Löwen, die kurz nacheinander verstorben waren. Sie hatten sich schon in jungen Jahren mit ihrer Gefangenschaft abgefunden. Er dachte an den Pekinger Zoo, der ein kleines Vermögen für die beiden jungen Löwen erhalten hatte. An die chinesischen Kollegen, die gemeinsam mit den beiden Löwen die Reise in einem Frachtflugzeug angetreten hatten. Und an die Kinder, die freudig darauf warteten, dass der Zoo endlich seine Pforten öffnete. Es war ein naturnah gestaltetes Gehege. Auch darauf war man stolz. Keine Gitterstäbe versperrten den Blick auf die edlen Tiere. Ein Wassergraben und eine steile Böschung trennten die Besucher von den gefährlichen Raubtieren. Bald würden die Löwen eine stattliche Mähne tragen und umso mehr Ehrfurcht einflößen. Bis jetzt waren sie Halbwüchsige – fast noch Kinder.

Das Gehege war ebenso leer wie der Unterschlupf. Die Tiere konnten sich frei bewegen. Aber diese Freiheit war ein wenig zu viel des Guten. Die Löwen waren entkommen. Der ganze Zoo war alarmiert. Die jungen Familien zogen erst zögerlich von den Kassenhäuschen ab und dann im Laufschritt. Nach zwei Stunden hatte der Tierarzt einen Löwen mit einem Betäubungsmittel beschossen – und getroffen. Gefährlich war es trotzdem gewesen. Noch während der Tierarzt sein Luftgewehr nachlud, entkam der zweite junge Löwe in Richtung Innenstadt. Die Polizisten liefen aufgeregt aus ihren Verstecken. Zwei Hundertschaften wählten hektisch ihre Waffen. Und begaben sich auf Löwenjagd. In der Innenstadt.

Die Geschäfte sollten vorübergehend geschlossen bleiben. „Hoffentlich haben es alle mitbekommen“, dachte der Zoodirektor ängstlich, „und hoffentlich halten sich alle daran!“ Ein Redakteur der Volkszeitung meldete sich. „Herr Professor, wie erklären Sie sich das?“, fragte er den Zoodirektor. „Wie konnte das passieren? Wie ich hörte, gibt es dieses naturnahe Löwengehege schon seit sehr langer Zeit. Hat es wirklich niemals Zwischenfälle gegeben?“ „Schon seit Jahrzehnten!“, stimmte der Zoodirektor zu. „Die Löwen, die wir vorher hatten, waren schon sehr…“ Er zögerte. Sein Gesicht färbte sich erst rot, dann weiß. In der Ferne hörte man Pistolenschüsse. Dann sprach er den Satz zu Ende: „…sehr alt.“

Einarmiger Trompeter

Horst hatte seine Trompete im Übungsraum liegen gelassen. Im Posaunenchor der Kirchengemeinde waren er und sein Bruder Franz-Josef unter den besten. Sie bliesen leidenschaftlich gern. Und gut. Nun hatten sie eine Probe gehabt, und Horst war als erster verschwunden. Normalerweise hätte er – wie alle – seine Trompete mitgenommen. Zwar war sie im Gemeindehaus gut aufgehoben. Die Trompete gehörte eigentlich der Kirchengemeinde. Sie war im Gemeindehaus also richtig. In den 60er Jahren hatte kaum jemand ein eigenes Instrument. Aber wie hätte Horst zu Hause seine Noten üben sollen, wenn die Trompete im Gemeindehaus läge? Natürlich nahmen alle ihre Instrumente mit nach Hause. Die Kameraden konnten sich keinen Reim daraus machen. Auch Franz-Josef nicht.

Horst war nicht nur leidenschaftlicher Bläser im Posaunenchor. Mit der Schreinerei, in der er als Geselle arbeitete, hatte er es gut getroffen. Der Betrieb florierte. Der Meister, sein Chef, ein Pfundskerl. Jemand, zu dem Horst Vertrauen hatte, und den er schätzte. In den letzten Wochen hatte es Unruhe gegeben. Man munkelte, die Frau des Meisters gehe fremd.

Nachts kam Horst über einen Feldweg zurück in die Stadt gelaufen. Doch er war nicht vollständig. Dort, wo bei der Posaunenchorprobe noch sein rechter Arm gewesen war, eine klaffende blutende Wunde. Doch dafür, dass sein Arm abgetrennt war, blutete die Wunde erstaunlich wenig. Man erinnerte sich an den Krieg. Man sagte, dass sich die Blutgefäße von selbst aufrollten. Und so die Wunde verschließen konnten. Horst war nicht verblutet. Sondern er lief aus eigener Kraft nach Hause. „Ich fühlte mich schuldig“, erklärte er das Geschehen. „Meine Geliebte – ihr Mann – mein Chef – ich wusste keinen Ausweg.“ Sein Selbstmordversuch war gescheitert. Der Zug, der ihn überrollte, hatte nur den Arm abgetrennt. Oder Horst hatte, als er auf den Gleisen lag, in letzter Sekunde seine Meinung geändert. Das Ergebnis war eindeutig: Horst lebte, mit nur noch einem Arm.

Er schöpfte neuen Mut und blies wieder Trompete. Er lernte, mit nur einem Arm zu spielen. Das war durchaus schwieriger, als man sich gemeinhin vorstellt. Wenige Jahre später unternahm er einen weiteren Selbstmordversuch. Er gelang.

Renovierungsarbeiten

Onkel Heinrich hatte seine Meisterprüfung bestanden – und gleich ein kleines Haus gekauft. Er und seine Frau würden darin wohnen. Viel Geld hatten sie nicht. Es hatte gerade so gereicht. Noch lief keine Heizung im Haus, und das im bitteren Winter. Die Renovierung musste trotzdem erledigt werden, um im Haus wohnen zu können. Mit den letzten Pfennigen, die Heinrich noch hatte.

Auf Heinrichs Freunde war immer Verlass. Sie hatten sich als ehrenamtliche Jugendleiter kennengelernt. Sie hatten schon viele Pfadfinderurlaube gemeinsam erlebt: Zuerst als jugendliche Teilnehmer. Als sie etwas erfahren waren, hatte man ihnen immer mehr Verantwortung übertragen. Nun waren alle erwachsen und hatten gemeinsam die Leitung übernommen. Wenn es so etwas wie ein eingespieltes Team gab – sie waren es. Die Freunde rückten an. Sie klebten Tapeten. Dem Frost und der Kälte zum Trotz. Es ging besser als gedacht. Man musste sich nur warm anziehen. Die folgende Woche sollte es endlich Tauwetter geben.

Gab es auch. Da fielen die Tapeten von den Decken und Wänden. Sie waren wohl nur angefroren gewesen und nicht geklebt. Es war ein wenig mehr Kleister vonnöten, um die Tapeten auch bei Tauwetter an den Wänden zu halten. Das hatten sie inzwischen gelernt. Nun sollten der Kleister und die Farbe trocknen. Aber wie sollte das gehen? Die Heizung lief noch immer nicht. Eine große Petroleum-Lampe spendete mehr Wärme als Licht. Viel Petroleum war nicht mehr vorhanden. Die Lampe sollte über Nacht voll aufgedreht bleiben. So würde die Bude warm bleiben. Und hoffentlich schnell trocknen. Am nächsten Morgen sollte weiter gearbeitet und eingeräumt werden.

Das Petroleum hatte nicht gereicht. Am nächsten Morgen war die Lampe aus. Doch wie sahen jetzt die Tapeten aus? Die Freunde sahen sich um. Als der Brennstoff zu Neige gegangen war, hatte die Flamme stark gerußt. Der Ruß hing in langen schwarzen Flocken und Fäden. An der Decke.

Schrankkoffer

Der Zug fuhr in den Hauptbahnhof ein. Ich ging schon mal durch den Gang in Richtung Tür. „Entschuldigen Sie“, sagte eine Frau mit polnischem Akzent, „würden Sie bitte helfen mit mein Koffer?“ Natürlich würde ich das. Gerade zwanzig Jahre alt, war ich auf dem Weg, mir eine Stadt anzusehen. Dort würde ich in wenigen Monaten mein Studium beginnen. Ich hatte keine Termine. Wollte mir nur einen Eindruck verschaffen. Bange Vorfreude auf die viele Arbeit, die vor mir lag. Die Stadt sollte sehr schön sein.

Es gab keinen Grund, die höflich vorgetragene Bitte abzulehnen. Keinen vernünftigen Grund. Das wäre auch grob unhöflich gewesen. Ich hatte nur einen Rucksack dabei. Die höfliche polnische Frau war zwar noch keine Oma. Aber der Koffer war groß. Er ging höher als mein Bauchnabel. Eigentlich waren es zweieinhalb Koffer, die man hochkant übereinander gestapelt hatte. „Schrankkoffer“ nennt man so etwas wohl. Einen solchen Koffer hatte ich noch nie gesehen.

Ich zog am Griff, was nicht so einfach war. Es war mehr ein Drücken. Ich war zwar nicht klein, aber dem Schrankkoffer nicht ganz gewachsen. Der Koffer bewegte sich nicht. Nun zog ich mit beiden Armen am Griff. Die Blöße wollte ich mir nicht geben. Den Koffer nicht tragen zu können. Der Rücken schmerzte zwar, aber mit allen Kräften würde ich die Tür erreichen. Langsam. Der Koffer war unglaublich schwer. Ein Kraftsportler war ich nicht. Sonst hätte ich mich über die Herausforderung gefreut. Aber schwach nun auch wieder nicht.

„Nein, danke! Ihr Koffer ist so schwer. Den tragen Sie doch lieber selber!“ Ich wurde wütend. Malte mir aus, wie ich die Frau mit ihrer Gewichtheber-Trainingsausrüstung mitten im Gang stehen lassen würde. Einfach weggehen. Sollte sie doch sehen, wo sie bleibt. Selber schuld! Wie konnte man nur so viel in einen Koffer packen?

Vielleicht wanderte sie ein, siedelte aus, suchte Arbeit oder hatte einen anderen guten Grund. All ihr Gepäck musste irgendwie mit. Ich riss mich zusammen. Hob den Koffer mit letzten Kräften in Richtung Treppe. Die Treppen im Zug waren damals noch richtig steil. Ich fiel mehr die Treppe herunter, als dass ich gegangen wäre. Ein stechender Schmerz im Rücken. Die Frau war zufrieden. Mein Rücken schmerzte weiter. Ich humpelte zur Treppe. Den Bahnsteig hinunter. „Vielen Dank!“, sagte die Frau mit dem Schrankkoffer.

Als Frau

Eine aus Dresden stammende Freundin fühlte sich unwohl auf westdeutschen Bahnhöfen. „Ich möchte nichts Ungerechtes über Ausländer sagen“, meinte sie, „aber sie machen mir irgendwie Angst. Wenn ich am Duisburger Hauptbahnhof im Dunkeln stehe, ist es bestimmt nicht ungefährlich. Besonders als Frau.“

In Dresden hatte auch eine junge Ärztin gearbeitet, bevor sie im Ruhrgebiet eine Facharztausbildung begann. Sie stammte aus dem arabischen Raum. „In Dresden war es oft unangenehm“, sagte sie, „wegen den ganzen Radikalen. Man konnte nachts nicht alleine durch die Stadt gehen. Besonders als Frau.“

Neuer Nachbar

„Herr Hülshoff, auf Sie kommen unruhige Zeiten zu!“, sagte meine Vermieterin. „Wir bauen die anderen Wohnungen um. Die mittlere und die rechte im zweiten Stock. Aus zwei kleinen Wohnungen wird eine große.“ In größeren Wohnungen blieben die Mieter länger. Da hätte man weniger Leerstand. Sie hätten extra noch gewartet und die mittlere Wohnung leer stehen lassen. Herr Johann hatte sein Medizinstudium noch nicht fertig. „Den wollten wir doch nicht rausschmeißen. Jetzt hat er sein Examen gemacht und ist ausgezogen.“

Im nächsten halben Jahr waren „Klinge und Meier – die Altbausanierer“ meine Nachbarn. Ein Bohren, ein Hämmern, ein Abbrechen. Schutt wurde hinaus- und die neuen Armaturen hereingebracht. Eine große und moderne Wohnung in einem ehrwürdigen Altbau. Ich war ein bisschen neidisch auf die, die dort einziehen würden. Ein Teil des Dachgiebels wurde abrasiert. Er verwandelte sich in eine Dachterrasse. „Schade“, dachte ich, „alle anderen Wohnungen haben Balkone oder Dachterrassen. Ich bin der Einzige, der keine hat.“

„Da kann man schon was machen“, meinte Herr Fuchs, mein neuer Nachbar. „Ich bin Architekt und könnte die Eigentümer beraten.“ Er schilderte mir grob die Vorstellung von einem Balkon, der auf Stelzen steht. Der vereinbar wäre mit der Statik des Hauses. Wir unterhielten uns über das Motorrad seiner Frau, das in der Garage stand. Mein Auto, das eine andere Garage brauchte, weil es zu groß war. Seine Arbeit bei der Stadtverwaltung. Meine Hobbies. „Das ist aber interessant. Darüber würde ich gern mehr erfahren. Nur leider habe ich es heute ziemlich eilig. Vielleicht nächste Woche?“ Ein angenehmer Mensch. Schön, wieder einen „richtigen“ Nachbarn zu haben.

Eine Woche später stand wieder ein Transporter im Hof. So wie beim Einzug. Herr Fuchs trug Möbel nach unten. Nach unten? „Waren Sie noch nicht fertig mit dem Einzug, Herr Fuchs? Ziehen Sie ein oder ziehen Sie aus?“ „Aus. Ich ziehe aus“, sagte Herr Fuchs. „Marianne und ich, wir trennen uns.“ „Das ist aber schade. Warum denn?“ „Es wurde immer dringender und unausweichlicher. Es geht nicht anders.“

Windstärken

„Hier ist Sturm!“ So pflegte sich der alte Herr Sturm am Telefon zu melden. Er sprach die drei Worte langsam und bedächtig. Es klang ernst und bedeutungsschwer.

„Hier ist Windstille!“, antwortete ein Anrufer.

Hotel im Schnee

Es hatte schon lange nicht mehr geschneit. Am Sonntagnachmittag gab es dicke Flocken. Ich freute mich. Das sah so schön aus. Da fiel mir ein, dass ich noch dreihundert Kilometer vor mir hatte und am nächsten Morgen um viertel vor sechs der Wecker klingeln würde.

Ich fuhr gern durch den Schnee und war anfangs einer der schnellsten Fahrer auf der Autobahn. Der Stau wurde immer dichter. Ich hatte zwar von Räumarbeiten auf der A2 gehört. Aber dass sie acht Stunden dauern würden, damit hatte ich nicht gerechnet. Nach vier Stunden erreichte ich eine Abfahrt. Ein VW-Bulli stand kurz vor der Abfahrt auf dem Seitenstreifen. Der Fahrer zog Schneeketten auf. Jetzt, wo er die Abfahrt doch schon erreicht hatte. Das verstand ich nicht. Später schon. Es war eine bergige Gegend. Aber von der Autobahn sah man das bei dem Wetter noch nicht. Ich fuhr aus der Abfahrt heraus auf eine Landstraße. Zwei Rettungswagen mit Blaulicht überholten. Das hatte mir gerade noch gefehlt – ein Unfall auf dieser Straße. Ich würde am Straßenrand parken. Ich hatte schließlich ein Wohnmobil. Zwar einen Schlafsack, aber keine Matratze dabei. So hart würde das Bett nun auch wieder nicht sein.

Vorher wollte ich noch etwas essen. Ich navigierte per GPS. Es war sogar ein Hotel. Die Straßen waren sehr steil. Hier und da lag ein Wagen im Graben. Oder hatte sich mitten auf der Straße festgefahren. An einer steilen Stelle war es bei mir auch so weit. Mit seitlichem Rutschen – Lenkung eingeschlagen – langsame Fahrt voraus – erreichten die Vorderräder dann doch wieder Grip. Würde ich auch im Graben landen?

Das Hotel sei geschlossen, sagte der Mann an der Pforte. Zu essen gebe es nichts. Aber auf die Toilette würde ich gehen dürfen. Ich kam zurück, und der Mann an der Pforte radebrechte stotternd auf Englisch. Zwei Amerikanerinnen wollten übernachten. Ihr Auto war liegen geblieben. Ihr Taxi zum Glück nicht. Das würde Stunden dauern. Ich übersetzte, und es ging viel schneller. Es war der Bruder des Hoteliers. Er hatte Eurozeichen in den Augen. So viele gestrandete Autofahrer würde es nicht alle Tage geben. Ich würde jetzt auch dort übernachten können.

Nun wollten die beiden Amerikanerinnen unbedingt etwas essen. Der stotternde Hotelier suchte im Internet einen Pizzaservice. Der Pizzaservice müsste doch auch mit dem Auto durch den Schnee fahren, gab ich zu bedenken. Und würde ebenso liegen bleiben. Ob er denn nicht irgendeinen Sandwich hätte, wollten die Amerikanerinnen wissen. Das nicht, aber Rührei. “Scrambled eggs“, übersetzte ich. Es gab eine große Schüssel Rührei. Das Hotel war nicht billig, aber das Rührei kostete nichts.

Lange nicht gesehen

„Seltsam“, dachte ich, „derselbe Geruch wie vorige Woche auf dem Dachboden.“ Langsam ging ich die Treppe hinauf. Meine Wohnung lag im zweiten Stockwerk.

Irgendjemand hatte zwei Fallschirmtaschen verschlampt. Die Rettungsfallschirme meines Segelflugvereins sollten über den Winter zur Jahresnachprüfung. Der Prüfer verlangte, dass sie ordentlich in einer Tasche daherkommen. „Sachgerechte Lagerung“, hieß es. „Frei von Ungeziefer. Schutz vor Feuchtigkeit.“ Im Geiste war ich die Prüfungsfragen meiner Fallschirmwart-Ausbildung durchgegangen. Zum Glück waren von früher noch zwei alte Fallschirmtaschen übrig. Die Fallschirme waren nach 20 Jahren natürlich abgelaufen. Auch wenn sie gut aussahen, durften sie aus Sicherheitsgründen nicht mehr verwendet werden. Taschen liefen nie ab. Nur der Mief aus dem kleinen Werkzeugschränkchen in der feuchten Werkstatt ging irgendwie nicht heraus. Dort hatten die Taschen jahrelang gelegen. Der Geruch war muffig und süßlich zugleich. Auch zweimal Waschen in der Waschmaschine half nur bedingt. Eher schien es, als habe der Trockenraum im Speicher, oberhalb der Wohnung meiner Nachbarin, den Geruch der Packtaschen angenommen.

Oder sich dabei sogar verändert. „Jetzt wird es nicht mehr besser“, dachte ich. „Der Speicher riecht zwar noch. Aber die Taschen gehen jetzt eigentlich.“ Vielleicht lag es doch an der Katze aus dem ersten Stock?

Die Tür gegenüber meiner Wohnung stand offen. Der fremde Mann hatte einen leichten Bauchansatz. Er sah mich finster und gleichzeitig gelangweilt an. Er ging zunächst an mir vorbei. Auf dem Treppenabsatz blieb er stehen und drehte sich um. „Müller, Kripo Dortmund“, sagte er. „Wann haben Sie Frau Fuchs zum letzten Mal gesehen?“

Weiß