KIWI - Uske Berndt - E-Book

KIWI E-Book

Uske Berndt

0,0

Beschreibung

Lena ist 29, single und hat drei Freundinnen, auf die sie zählen kann. Mit den Männern läuft es gerade nicht so toll, dafür liebt die Wahlhamburgerin ihren Job als Lehrerin – mal abgesehen von den nervigen Eltern und den faulen Kolleginnen. Als die Rektorin ihr eine doppelte Klassenleitung unterschieben will, packt sie der Frust und das Fernweh. Schon lange träumt Lena davon, eine Auszeit zu nehmen und alles hinter sich zu lassen. Schließlich fasst sie einen Entschluss: kündigen und für ein Jahr durch Neuseeland reisen. Dort landet sie zunächst bei ihrer Studienkollegin Sabine, die in der Nähe von Auckland ein Weingut betreibt. Lena genießt ihre neue Freiheit und lernt endlich segeln. Da taucht plötzlich ihre Flugzeugbekanntschaft wieder auf: Neill, ein gut aussehender und charmanter Ire, ist auf Jobsuche und dazu schwer an Lena interessiert. Die zwei beginnen eine heiße Affäre, obwohl Lena weiß, dass er nicht ihr Traummann und dazu ein Hallodri ist. Viel besser gefällt ihr der Segellehrer Paul. Doch der taut nie so richtig auf. Immer wenn es gerade knistert, macht er sich aus dem Staub. Was ist bloß los mit dem Kerl? Lenas Aufenthalt in Neuseeland wird zu einer Achterbahnfahrt der Gefühle. Die Ereignisse überschlagen sich. Am Ende geht sie zurück nach Hamburg – viel früher als geplant. Aber wird sie dort glücklich?

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 169

Veröffentlichungsjahr: 2016

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



KIWI

Liebe am anderen Ende der Welt

Teil 1

Geschafft

Noch zehn Minuten, dann ist die Stunde vorbei. Lena starrt wie hypnotisiert auf die große Uhr, die schräg über ihr an der blassgelben Wand hängt. Nur noch zwei Lieder, dann war's das für heute. Dann ist Wochenende. Doch heute steckt irgendwie der Wurm drin. Der sonst von allen so heiß geliebte Stuhlkreis, kommt heute gar nicht gut an. Alle rennen wie blöd durcheinander, das Geschrei der zweiundzwanzig Erstklässler steigert sich auf die Lautstärke einer Kreissäge. „Iiiiiiiich! Ich will jetzt aber neben Lina sitzen! Nicht neben Jonas. Der Jonas ist ein Arschloch“, kreischt Sophie und zerrt ihrer Konkurrentin, ein Püppchen im hellrosa „Zicke“-Shirt, mit ganzer Kraft an den langen Zöpfen. Lena spurtet los, um die Kampfhennen auseinander zu bringen. Als ihr gerade die Fingernägel einer kleinen Hand über die linke Wange kratzen, wird es hinter ihr plötzlich verdächtig still. „Guck mal, Frau Lüders“, piepst Clara neben ihr, „ich glaube der Philipp macht Pipi.“ Lena dreht sich um. Unter Philipps schneeweißen Sneakern breitet sich eine große Lache aus. Der Kleine guckt betreten auf den Boden und schnieft. „Hähä, der hat sich in die Hose gepiescht“, brüllen die Kinder los. „Ruhe jetzt!“, ruft Lena energisch, setzt die beiden Kratzbürsten jeweils auf einen Stuhl und wendet sich dem tropfenden Kind zu. „Das ist doch nicht schlimm“, redet sie tröstend auf den Jungen ein und nimmt ihn in den Arm. „Komm, wir gehen mal auf die Toilette.“ Mit sanftem Druck schiebt sie den Unglücksvogel auf den leeren Flur. Ausgerechnet Philipp, der wegen seiner rundlichen Figur und seiner Vorliebe für stark riechende Leberwurstbrote sowieso fast täglich als Zielscheibe für Spott und Hänseleien herhalten muss. Am Ende des Korridors sieht Lena gerade noch, wie ein dunkelgrüner Flatterrock in Richtung Ausgang weht. „Elke!“, ruft sie so laut sie kann, „ein Notfall. Kannst du mal bitte kurz in meine Klasse kommen?“ Der Rock bleibt stehen und Elke Röslers mürrisches Gesicht mit den grauen Ringen unter den Augen schlurft auf Lena und den Jungen zu. Elkes Anblick ist ein Denkmal für den gestressten Lehrkörper: An der linken Hand hängt eine riesige, zerbeulte Ledertasche, unter dem rechten Arm klemmen vier schwarze Aktenordner, und über den knochigen Schultern baumeln zwei Stoffbeutel. Wahrscheinlich die Klassenarbeiten der 4a, die sie schon vor zwei Wochen zurückgeben wollte, schießt es Lena durch den Kopf und setzt dabei ihr schönstes Lächeln auf. „Ich wollte eigentlich weg. Was ist denn los?“, schnauzt die Fachkraft für Deutsch und Mathe. Aha, mal wieder super gut gelaunt heute. Schnell erfindet Lena das Märchen von einem kranken Kind, das zur Schulsekretärin muss (die Wahrheit muss ja nicht jeder wissen) und bittet Elke darum, dass mal eben jemand ein Auge auf ihre kleinen Schützlinge wirft, während sie mit Philipp kurz verschwindet. „Ok. Aber nur drei Minuten. Ich habe zu Hause den Schreibtisch voll und muss noch in den Garten und um sechs kommen die Gäste, und der Hund....“. „Schon gut“, stoppt Lena das Gezeter und zieht das Kind den Flur entlang in Richtung Toilette. Geschieht der Alten ganz recht, denkt sie als sie dem vor Scham heulenden Philipp die nasse Jeans auszieht.

Elke Rösler gehört an der Kollwitz-Schule bereits zum Inventar. Sie hat noch sechs Jahre bis zur Pensionierung, schiebt aber jetzt schon eine bemerkenswert ruhige Kugel. Was, ich soll schon wieder Vertretung machen? Wie, schon wieder die Koch-AG? Ich habe doch nur 'ne halbe Stelle und außerdem musste ich schon zweimal das Schulfest organisieren. So tönt es ständig durch das muffige Lehrerzimmer im ersten Stock des alten Backsteinbaus. Üblen Launen entkommen? Keine Chance. Der Raum ist so winzig, dass nicht mal jede Lehrerin – der letzte Lehrer ging vor fünf Jahren in Rente – einen eigenen Sitzplatz am Tisch hat. Röslers Tiraden bringen sogar die stoischen Damen Pieper und Möller-Lattenkamp aus der Fassung. Wie eineiige Zwillinge kriegen die beiden dann simultan rote Flecken am Hals und fangen ihr nervtötendes Getuschel an. Meine Güte, Zickenterror pur. Nach fünf Minuten steht Lena samt Philipp in neuer Hose aus dem Notfallschrank wieder im Klassenraum. „Danke“, murmelt sie in Elkes Richtung, die wie von der Hornisse gestochen aus dem Raum fegt. „Viel Spaß heute Abend“, möchte sie noch hinterher rufen, lässt es dann aber doch. „So, Schluss für heute. Packt Eure Sachen ein, und dann wünsche ich Euch einen schönen Nachmittag“, ruft sie stattdessen in die aufgewühlte Runde und sieht erleichtert zu, wie wenig später 22 knallbunte Schulranzen aus der Tür hüpfen. Geschafft! Kaputt und irgendwie leer, lässt sich Lena auf den Stuhl neben ihrem Pult fallen. Was für ein Tag. Sechs Stunden Unterricht fast ohne Pause. Dazwischen nicht mal Zeit, um auf's Klo zu gehen, von einem Apfel abzubeißen, geschweige denn ein sinnvolles Gespräch mit einer Kollegin zu führen. Stattdessen wieder nur eine total unnötige Diskussion mit der Rektorin über das Programm der nahenden Schulkonferenz und dann in der zweiten großen Pause der Anruf eines hysterischen Vaters, der sich regelmäßig über zuviel Hausaufgaben beschwert. Oder zuwenig – je nachdem, wie es ihm gerade in den Kram passt. Lena schließt die Augen und atmet tief durch.

Eigentlich liebt Lena ihren Job. Sehr sogar. Grundschullehrerin wollte sie immer werden. Das war ihr Traumberuf schon als kleines Mädchen. Mit Kindern arbeiten, Lesen und Rechnen zu vermitteln, dazu das Einmaleins des friedlichen Zusammenlebens – das findet sie auch heute noch toll. Manchmal sind die Schultage knallhart, aber alles in allem macht es ihr wirklich Spaß. Bisher lief es ja auch wie geschmiert: Abi mit gut, erstes Staatsexamen mit gut. Dann das Referendariat und das zweite Staatsexamen mit sehr gut. Schließlich die feste Stelle an der Kollwitz-Schule in Hofkamp. „Kind, das hört sich doch super an“, flötete ihre Mutter. „Eine nette kleine Schule, und trotzdem nahe an Hamburg. Dann musste nicht aus der Stadt wegziehen.“ Stimmt, das klang perfekt und so war es dann ja auch. Vor allem nach der anstrengenden Zeit in Norderstedt, wo sie in einem „sozialen Brennpunkt“ auf der Gemeinschaftsschule dem wahren Leben näher kam, als ihr lieb war. Viele Kinder kamen morgens zu spät oder gar nicht, hatten keine Federtasche dabei, von gemachten Hausaufgaben konnte sie nur träumen. Mindestens einmal pro Woche stand die Polizei auf dem Schulhof. Dagegen ist Hofkamp das reinste Paradies, ein Ort mit putzigen Einfamilienhäusern, aufgeräumten Eltern und lernwilligen Kindern. Gerade deshalb ärgert es sie, dass sie in letzter Zeit oft so lustlos und genervt ist. Ganz langsam hat sich eine große Portion Unzufriedenheit bei ihr eingeschlichen. Irgendwas geht ihr gegen den Strich. Sie weiß nur nicht genau, was es ist. Langsam sackt Lena auf ihrem Stuhl nach unten. Sie hat das Gefühl, dass das Holz sie regelrecht festsaugt. Die letzten Kinder sind vom Schulhof verschwunden und über das Gebäude senkt sich eine herrliche Stille. Bis Roswitha, die polnische Putzfrau, mit ihrem röhrenden Staubsauger anrückt, dauert es noch mindestens fünfzehn Minuten. Plötzlich schreckt Lena hoch. An der Tür bewegt sich etwas. Da hat sicher wieder einer seinen Turnbeutel oder MP3-Player im Regal vergessen. Leider nicht. „Frau Lüders“, ertönt laut und spitz eine ihr nur allzu bekannte Stimme. „Hätten Sie kurz mal Zeit, ich muss dringend was mit Ihnen besprechen.“ Keine Chance. Bevor Lena etwas erwidern kann, steht die Stimme schon im Raum: Frau Zöllner, Mutter von Leon aus der 2b, Elternvertreterin und absoluter Liebling der Lehrerschaft. Immer frisch geföhnt, immer in Aktion, immer eine brillante Idee auf den Lippen. „Setzen Sie sich doch“, sagt Lena unnötigerweise, denn die Verkörperung der perfekten Vollzeitmutter hat sich schon einen der Kinderstühle herangezogen und ihren üppigen Hintern auf die zu kleine Sitzfläche gequetscht. „Also, der Leon hat gesagt“, sprudelt sie sofort los, „dass er in Ihrem Unterricht nicht sein Brot essen darf. Und der Junge hat doch um zehn immer so einen Hunger, und wenn der dann mittags mit leerem Magen nach Hause kommt, ist er total aggressiv. Sogar nach dem Essen bleibt er dann noch so unausgeglichen. Wissen Sie, an Hausaufgaben ist dann gar nicht zu denken und...“. „Frau Zöllner,“ unterbricht Lena den Redeschwall, „die Kinder frühstücken in der Stunde davor, bei ihrer Klassenlehrerin. Ich unterrichte in der 2b nur vier Stunden Mathe pro Woche, da bleibt für`s Essen einfach keine Zeit. Außerdem möchte ich nicht, dass die Kinder einfach zwischendurch ihr Brot auspacken und die Hefte voll krümeln.“ Sehr gut, ein geniales Beispiel für erzieherische Konsequenz. Mein Mentor wäre stolz auf mich, denkt Lena zufrieden. Damit hätte es gut sein können, doch Frau Zöllner hat viel Zeit und vielleicht deshalb auch so viele Sorgen. „Naja, wenn Sie meinen. Ich frag trotzdem noch mal die Frau Herrmann, ob der Leon bei ihr auch wirklich sein Frühstück isst.“ Ein triumphierendes Lächeln huscht über ihr fülliges und mit viel zu viel Make-up zugekleistertes Gesicht. Und weiter geht's. „Aber da ist noch was. Leons Klasse macht ja nächsten Donnerstag diesen Ausflug an die Nordsee, wissen Sie. Und die Frau Herrmann sagt doch glatt, dass eine Lehrkraft und zwei Mütter als Betreuer da ausreichen. Also, ich hab mich ja auch angeboten, aber sie sagt, das ist bestimmt nicht nötig und das wäre wirklich zuviel. Könnten Sie da nicht mal mit ihr reden? Das sind immerhin einundzwanzig Kinder. Man kann doch nicht überall seine Augen haben. Wenn da einer ausbüxt oder auf die Straße läuft, da habe ich echt Angst.“ Klick! Lenas Aufnahmezentrum im Gehirn hat abgeschaltet. Einfach so, ohne Vorwarnung. Lena spürt förmlich wie ihre Gedanken Richtung Fenster schweben, durch die Scheiben gleiten und draußen auf dem Schulhof zwischen den alten Kastanienbäumen umher sausen. Ich will sofort raus hier, denkt sie und seufzt hörbar. Ja, die Kollwitz-Schule könnte tatsächlich das Paradies auf Erden sein. Aber wer konnte ahnen, dass die überengagierten Eltern der verwöhnten Mittelstandskids manchmal fast schlimmer sind als die desinteressierten Mütter oder abwesenden Väter an einer so genannten Brennpunkt-Schule? Scheinbar haben auch Lenas Ohren längst ihren Job hingeschmissen, denn Frau Zöllners Geplapper dringt nur noch als lautloses Minenspiel zu ihr durch. Ohne Ton sind die weit aufgerissenen Augen und der sich scheinbar endlos nach allen Seiten dehnbare Mund eigentlich ganz lustig. Weg hier, das wäre mal eine wirklich gute Idee. Aber wohin? „Frau Lüders, was sagen Sie denn nun dazu?“, dröhnt es Lena entgegen. Mist! Sie hat keinen Schimmer, was die Mutter während der letzten fünf Minuten alles erzählt hat. „Äh, ich... also, da machen Sie sich mal keine Sorgen, Frau Zöllner. Ich kümmere mich. Ich muss jetzt leider wirklich los, zu einem Termin. Ich rufe Sie morgen noch mal an, in Ordnung?“ stammelt Lena mit knallrotem Kopf, steht auf und packt ihre Hefte und Kopien in die schon etwas ausgeleierte Umhängetasche. „Nur ganz kurz noch, Frau Lüders, ich wollte....“. Jetzt nicht. Auf keinen Fall. „Auf Wiedersehen“, ruft sie der verdattert drein schauenden Frau hinterher. Ohne sich noch einmal umzudrehen, rennt Lena durch die langen Flure und stößt die schwere Holztür zum Parkplatz auf. Die Zöllnerschen Sorgen müssen jetzt mal warten. Morgen, oder besser gesagt Montag, geht es weiter. Sorry, aber was nicht mehr geht, das geht nicht mehr, beruhigt sie sich in Gedanken und schmeißt ihre Tasche auf den schmuddeligen Rücksitz ihres alten Polos. Herrlich, heute sind nur drei Startversuche und ein kräftiger Anraunzer nötig, dann springt Günther tatsächlich an. Doch noch ein guter Tag.

Mensch, Mama!

Zum Glück ist heute kein Stau und Günther schafft die Strecke nach Hamburg-Lokstedt in knapp 20 Minuten. Zur Abwechslung zeigen sogar die hinterhältig getakteten Ampeln auf der vierspurigen Kollaustraße mal grüne Welle. Uff, so ein ganz kleines bisschen nagt das schlechte Gewissen doch an Lena. Wenn die Zöllner sich jetzt bei der Rektorin ausheult? Ach, Quatsch. „Typisch. Immer dieser Drang, es allen recht machen zu müssen und sich für alles zu entschuldigen“, schimpft sie leise vor sich hin, als sie den Wagen in die vorletzte freie Parklücke in ihrer Straße bugsiert. Jetzt schnell 'ne Pizza in den Ofen schieben und dann ab in die Badewanne. Eine fantastische Vorstellung. Der Schreibtisch kann erstmal warten, für Montag stehen eh nur drei Stunden in ihrer Klasse auf dem Plan, und die Idee dafür hat Lena längst im Kopf: Der Wald und wer darin wohnt. Da tut den Kids 'ne kleine Wanderung vielleicht mal ganz gut. Hauptsache, es regnet nicht.

Der grau verputzte Achtzigerjahre-Bau hat schon bessere Zeiten gesehen, aber die Wohnungen sind hell, freundlich geschnitten und einigermaßen günstig. Gerade hat Lena die Tür zu ihrem Zwei-Zimmer-plus-Küche-Domizil aufgeschlossen, die schwere Tasche fallen lassen und sich nach der Post gebückt, da zerreißt ein lautes Klingeln die mittägliche Stille. „Scheiße!“ entfährt es ihr, noch einen dicken Briefumschlag zwischen den Zähnen. Bestimmt eine Mutter, die wieder irgendein Paulchen-oder-Laura-Problem hat. Können die nicht später anrufen? Nicht mal 'ne Mittagspause ist einem vergönnt.

„Ja?“, muffelt sie in den Hörer. „Lenchen? Kind, bist du das?“ „Ja, Mama, wer denn sonst.“ Ok, das kann länger dauern, also lieber gleich den Küchenstuhl ranziehen und hinsetzen. Das Badewannen-Intermezzo kann sie für's Erste vergessen. „Dann meld' dich doch richtig. Mensch, was ist denn nun schon wieder? Du klingst so genervt. Ich wollt' doch nur mal hören. Hast seit ewig nicht mehr angerufen. Der Papa und ich, wir machen uns schon Sorgen.“ Ja doch, das hatte sie auch vorgehabt. Ehrlich. Mutti anrufen! steht auf dem gelben Post-it-Zettel, der neben dem Telefon auf der Magnettafel klebt. Beim letzten Anruf, das muss so vor drei Wochen gewesen sein, klang die Mutter ziemlich traurig und geschafft. Die Oma war vor kurzem gestorben und Lena hatte fest versprochen, jetzt mal öfter anzurufen. Ganz bestimmt. „Mama, es ist alles in Ordnung. Ich bin nur ziemlich im Stress.“ „Ach, Stress, ich hör' immer nur Stress. Du sagst doch immer, der Job ist eigentlich klasse. Immer biste am rummeckern. Als ich damals...“ „Ja, ich weiß, du wärest froh gewesen, wenn du die Chance gehabt hättest, zu studieren. Versteh' ich doch. Aber manchmal...“ „Ach Kind, hör mal,“ unterbricht die Mutter erneut, „ich muss dir was erzählen. Die Barbara, weißte, die Tochter von Hofers, mit der biste doch auf der Grundschule gewesen. Also die…“ Alles klar, das musste jetzt ja kommen. Was ist es wohl diesmal: Hochzeit, Scheidung? Oder das erste, ach was, sicher schon das zweite Kind? Das kommt dann natürlich immer mit diesem unterschwelligen Vorwurf: Und wann ist es bei Dir endlich mal soweit? Kannst ja nicht mehr ewig warten. Bist ja auch schon 29. Und bei Deinem Bruder, da hab' ich die Hoffnung ja schon lange aufgegeben. Der Lars hat ja sowieso nur seine Musik im Kopf. Aber bei dir denke ich immer, das wird noch was. Kann ja nicht so schwierig sein, den richtigen Mann zu finden. Ach, Mensch, wer weiß, wie lange ich noch lebe. Und so weiter, und so weiter. Aber vielleicht ist es ganz anders und diese Barbara hat einfach nur im Lotto gewonnen. Oder sie, oder wer auch immer, ist eigentlich mit dem Apotheker verheiratet und jetzt aber mit dem Sohn des Malerbetriebs vom Nachbardorf durchgebrannt. Was in so einer beschaulichen Kleinstadt wie Nörtlingen nicht alles Aufregendes passiert.

„Lenchen, hörste mir überhaupt zu? Also, die Barbara geht jetzt weg, ins Ausland. Nach Australien, glaub' ich. Ihr Mann hat da 'n Job gefunden und sie fliegen schon nächsten Monat. Die Kinder nehmen se mit. Alle beide. Ich habe heute beim Spar ihre Mutter getroffen, die Edeltraud. Mein Gott, die Arme, die bleibt ja jetzt ganz alleine hier zurück. Weißte ihr Mann, Horst oder Hans oder so, der is' ja schon ne Ewigkeit tot und der Sohn......“ Der Sohn interessiert Lena jetzt gar nicht. „Australien? Wie geil, wohin denn da?“, brüllt sie stattdessen in den Hörer. Vor Lenas Augen taucht die ganze Palette der Urlaubsklischees auf: das aufregende Sydney, die endlosen Strände und Korallenriffe im Norden, kuschelige Koalas, hüpfende Kängurus. Und ja, auch diese giftige Spinnen, die sich im Klo verstecken und den Leuten dahin beißen, wo es am meisten wehtut. „Wie, wohin?“, fragt die Mutter. „Was weiß ich denn? Das hab ich nicht gefragt. Ist ja riesig, das Land.“ Ok, das hat keinen Zweck, da weiter nachzubohren. „Mensch, Mama. Mach dir mal keine Sorgen. Ich verlass dich schon nicht. Ich hab dich lieb und außerdem hast du doch den Papa.“ „ Ach, der. Der ist doch froh, wenn er seinen Computer hat, was anderes brauch' der doch nicht.“ Da hat sie recht. Seit er vor drei Jahren in Rente ging, klebt er jeden Tag mindestens fünf Stunden vor dem Monitor und betreibt gewissenhaft Ahnenforschung. Wenn er dazu mal keine Lust hat, listet er sämtliche CD- und Schallplattentitel auf und sortiert sie nach Interpreten oder Erscheinungsjahr. Spätestens am Nachmittag ist Mutti davon so genervt, dass sie entweder zur Gymnastik plus Sauna radelt oder eben ihre Verwandten und Freundinnen zum Plausch anruft. Also wechselt Lena jetzt lieber mal das Thema und erzählt der Mama irgendwas Unverfängliches über das Wetter in Hamburg.

Wie viele Gespräche dieser Art Lena schon geführt hat, kann sie nicht mehr zählen. 100, 250 oder eher 1000? Sie hängt an ihren Eltern, das ist klar. Aber sie ist auch froh, nicht mehr in dieser engen Kleinstadt zu wohnen. Lars war schon drei Jahre vor ihrem Abi ausgezogen, zum Studieren nach Hannover. Hat mit seinen Kumpels von der Musikhochschule eine WG gegründet und das Leben zu einer einzigen Party gemacht. Irgendwann hatte er auch eine eigene Band und fuhr mit den Jungs in den Semesterferien mit einem alten VW-Bus los, zum Feiern oder zu kleineren Auftritten bis hin nach Schweden oder England. Dazwischen schob er ein Studienjahr in New York ein. Es hat ihm zwar keiner geglaubt, dass er da schwer gearbeitet hat, aber was soll's. Dagegen lebte Lena an der Kieler Uni wie eine Nonne. Stand fast immer zeitig auf, ging zu den Kursen und bestand brav ihre Klausuren. Eigentlich kann sie sich nur an ein oder zwei alkoholreiche und folglich etwas ausufernde Partys erinnern. Und trotzdem war Lars Lebenswandel immer irgendwie ok und voll akzeptiert. Männer müssen sich halt austoben, da kann man nichts machen. Von Lena haben die Eltern immer mehr Zielstrebigkeit erwartet. Einen soliden Beruf, aber auch, dass sie möglichst schnell einen passablen Schwiegersohn anschleppt, der eine Familie ernähren kann. „Es ist ja nun mal so, Lena“, sagt Papa oft und gerne, „die Kinder kriegen eben immer noch die Frauen. Da musste dich wohl oder übel mit abfinden.“ Na, dann.

Als Lena ihre wohlgeformten vierundsechzig Kilo endlich doch noch im heißen Badewasser einweicht, fallen ihr Barbaras Umzugspläne wieder ein – obwohl sie sich beim besten Willen nicht erinnert, wer diese Frau sein könnte und wann sie sie zum letzten Mal gesehen haben soll. Egal. Australien! Das klingt wie Musik in ihren Ohren. Lena war lange nicht mehr so richtig weg. Ok, vor drei Jahren last minute in Portugal und in den letzten Herbstferien mit ihrer Kieler Busenfreundin Anne auf Kreta. Das war schön. Sie verstanden sich eigentlich immer super. Fast, denn einmal flogen wegen der Wahl des Restaurants für's Abendessen so heftig die Fetzen, dass sie beide das große Flennen bekamen und sofort nach Hause wollten. Und das wegen nichts. Ein Drehbuch über diesen Streit wäre so sterbenslangweilig, dass es nicht mal RTL II kaufen würde. Lena: Jeden Tag Fisch, ich kann's nicht mehr sehen. Ich will mal was anderes. Gegenargument Anne: Ja, aber die Fleischpinte stinkt so eklig nach Grillkohle und außerdem ist der Kellner in dem Fischladen total sexy. Lena: Mein Gott, ist Dir das wichtig? Ist doch oberflächliches Gedöns. Muss ja auch nicht immer nach Deiner Nase gehen. Darauf Anne: Wieso, wer hat denn diesen Scheißurlaub geplant und alles gebucht? Du hast Dich doch um gar nichts gekümmert! Okay. Das stimmte wohl. Anne hatte gewonnen und es gab also wieder Fisch.