Klara und das Geheimnis der Hutmacherin - Bärbel Strothmann - E-Book

Klara und das Geheimnis der Hutmacherin E-Book

Bärbel Strothmann

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Beschreibung

Klara braucht Tapetenwechsel. Beim Renovieren ihres Zimmers stößt sie auf ein Loch in der Wand. Sie klettert hindurch - und landet in einem altmodischen Hutmacherladen. Gertrud, die Besitzerin des Geschäfts, ist alles andere als erstaunt über den Gast von der anderen Seite der Wand. Sie scheint geradezu auf Klara gewartet zu haben, denn sie empfängt sie mit offenen Armen. Zufällig ist gerade eine Lehrstelle frei geworden. Alles scheint zu schön, um wahr zu sein - kurzentschlossen beginnt Klara ein neues Leben. Auch eine neue Wohnung ist schnell gefunden, und ein wilder Rockmusiker könnte das Rennen um die neue Liebe in Klaras Leben machen. Doch bald macht Klara merkwürdige Entdeckungen...nicht nur Gertrud birgt ein Geheimnis. Auch der Großkonzern Bosenboss ist nicht das, wonach er aussieht, und der charismatische Louis, Freund von Gertrud und leidenschaftlicher Vegetarier, bringt das beschauliche Leben aller Beteiligten in Gefahr.

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Seitenzahl: 362

Veröffentlichungsjahr: 2016

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www.tredition.de

Bärbel Strothmann

Klara und dasGeheimnis derHutmacherin

Schatzensaga, erster Teil

www.tredition.de

© 2016 Bärbel Strothmann

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN

Paperback:

978-3-7345-4294-7

Hardcover:

978-3-7345-4295-4

e-Book:

978-3-7345-4296-1

Umschlag:

© Enzoart/Fotolia #95859763 © Binkski/Fotolia #55793934

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Für meine wunderbaren Söhne

Marius, Lucas und Fabian

und für Tommy, den besten Trommler der Welt

Klara unddas Geheimnisder Hutmacherin

Schatzensaga, erster Teil

Ein Loch in der Wand

Überrascht machte ich einen Schritt rückwärts und kippte von der Leiter. Unsanft landete ich auf dem Teppichboden des leer geräumten Zimmers. Ich starrte auf das Loch, das ich gerade in die Tapete gerissen hatte. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich versuchte, selbst ein Zimmer zu renovieren, aber es war auch höchste Zeit. Diese Tapete hatte in den letzten Monaten so viele Unschönheiten gesehen, dass es mehr als überfällig war, sie zu beseitigen. Nicht nur aus finanzieller Sicht hatte ich beschlossen, selbst Hand anzulegen. Auch, um mit jedem Tapetenstück ein Stück meiner Geschichte in den grauen Müllsack zu stopfen.

Vorsichtig stieg ich die etwas wackelige Aluleiter wieder hinauf, bis ich an den ersten Tapetenfetzen kam, der durchgeweicht vom Tapetenlöser und meinen Tränen wie ein lahmer Flügel von der Wand herunterhing. Eine glatte Wand hatte ich unter der Tapete vermutet, doch stattdessen blickte ich durch ein Loch in ein fremdes Zimmer. Eine junge Frau stand an einem breiten Arbeitstisch vor einem Holzkopf. Sie war in ihre Arbeit versunken. Über den Holzkopf hatte sie ein dampfendes, glockenförmiges Stück Stoff gestülpt, an dem sie kräftig erst rechts und links, dann vorne und hinten zog, wobei der Stoff immer länger wurde und oben auf dem Holzkopf eine schöne, glatte Rundung entstand. Was tat sie da bloß?

Auf dem Arbeitstisch waren viele seltsame Gegenstände verteilt. Das, was mir noch am bekanntesten davon vorkam, waren ein Fingerhut, ein Maßband und ein paar lange, dicke Nähnadeln. Daneben lagen so etwas wie ein kleines Beil, lange dünne Bänder aus Stoff, verschiedenfarbige Gummis, exotische Federn und ein länglich geformtes Bügeleisen. Ein elektrischer Automat, der an eine Mischung aus einer Kaffee- und einer Küchenmaschine erinnerte, brodelte leise vor sich hin und hüllte die nähere Umgebung in weißen Wasserdampf.

Die junge Frau war nun offensichtlich mit der Lage des Stoffstückes auf dem Holzkopf zufrieden und griff nach dem Bügeleisen. Sie legte einen feuchten Lappen über den Holzkopf und begann zischend zu bügeln. Immer wieder drückte sie das heiße Eisen auf das Tuch, bis es keinen Laut mehr von sich gab. Totgebügelt, dachte ich fasziniert. Konzentriert bearbeitet sie die gesamte Rundung des Holzkopfes. Erst als alle Feuchtigkeit aus dem Tuch verdampft war, hob sie ihren eigenen Kopf, um sich mit dem Handrücken ein paar kleine Schweißperlen von der Stirn zu wischen. Dabei blickte sie mir direkt ins Gesicht.

„Oh“, sagte sie, offensichtlich wenig überrascht, dafür aber sehr erfreut, „Kundschaft! Treten Sie doch bitte ein! Ich bin gleich fertig. Sie können sich ja schon mal im Laden umsehen, vielleicht entdecken Sie etwas, das Ihnen gefällt.“

Ich schaute auf meine Seite des Zimmers und sah Tapetenfetzen. Aber dazwischen, wo eigentlich die Wand hätte sein müssen, war nun ein großer Spalt. Ich kletterte hindurch und stand oben auf einer kleinen Treppe, die in den Laden führte. Nun konnte ich auch den ganzen Raum erfassen. Die Wände waren mit Regalen bestückt, in denen sich ordentlich seltsame Gegenstände stapelten.

Hölzerne Kopfformen wechselten sich ab mit Winkelmessern, metallenen Bändern, Bürsten, Aluminiumköpfen, Kisten mit Sandpapier, Scheren, Klebern, Zangen und Pinseln. Ein Regal war gefüllt mit Nähzeug in Kisten und Körbchen, ein weiteres mit Kartons voller Schleifen, Schleier und Stoffblumen. An der rechten Wand entlang zog sich ein langer Tresen. Darauf standen Puppenköpfe mit langen Hälsen und lachenden Augen. Sie trugen die wunderschönsten Hüte, die ich je gesehen hatte.

Ich ging auf ein Modell zu, das mich anzog wie der Mond die Flut. Es war ein weißgrundiger, runder Filzhut mit breiter, tief in das Gesicht gezogener Krempe, der mit einem Muster aus roten Rosen und einer dazu passenden, großen roten Stoffrose geschmückt war. Ich nahm ihn in die Hand und berührte den weichen Filz vorsichtig. Er fühlte sich erstaunlich glatt und warm an.

„Ah, der Hut für gebrochene Herzen“, hörte ich eine Stimme hinter mir. Die junge Frau hatte sich lautlos genähert. „Versuchen Sie ihn ruhig einmal“, ermunterte sie mich, und als ich zögerte, nahm sie mir den Hut lächelnd aus den Händen und setzte ihn mir auf meine zerzausten Haare.

Sofort verflog aller Schmerz. Ich schloss die Augen und fühlte, wie mein Herz mit einem Ruck wieder zusammenwuchs. Ein Gefühl von Geborgenheit und Wärme durchflutete mich wie die Morgensonne einen Raum mit großen Fenstern gen Osten. Süßer Rosenduft zog in meine Nase. Ich spürte, wie alle Spannung aus mir heraus in das geheimnisvoll dunkle Werkstattparkett unter meinen Füßen floss. Ich öffnete schnell wieder die Augen, strahlend vor Freude auf das Leben, das sich auf einmal wieder vor mir ausbreitete. Mein Blick fiel dabei direkt auf ein Schild.

Rose Bertin – Lucky Hats!

stand dort in feiner Schreibschrift. Ich drehte mich um, den Hut noch immer auf dem Kopf.

„Sind Sie Rose Bertin?“ frage ich.

Die junge Frau schüttelte lachend den Kopf. „Nein, schön wär’s“, sagte sie, „Rose Bertin war eine der berühmtesten Hutmacherinnen überhaupt. Sie machte Hut und Putz für Marie Antoinette, die Gemahlin von Ludwig dem Vierzehnten, und auch für Josephine de Beauharnais, die Gattin von Napoleon. Sie ist mein großes Vorbild, deswegen habe ich ihren Namen für meine Hüte gewählt. Ich bin Gertrud. Gertrud Diederich.“ Damit hielt sie mir ganz bodenständig ihre Hand entgegen, mit der sie ziemlich kräftig schütteln konnte, wie ich gleich darauf feststellte.

„Freut mich“, antwortete ich wirklich erfreut, „ich bin Klara Saretzki“.

Wir lächelten uns einen Moment lang an. Ich war verwirrt. Was war passiert? Hatte ich durch meine Tapete einen Quantensprung gemacht?

„Möchten Sie den Hut haben?“ fragte Gertrud in meine verwunderten Gedanken hinein, „Er steht Ihnen und Ihrem Herzen wirklich sehr gut, sehen Sie es?“

Sie drehte mich zu dem Spiegel, der über dem Tresen angebracht war, und wir blickten beide in mein Gesicht. Tatsächlich hatte es sich verändert. Es wirkte viel leichter als noch vor ein paar Minuten. Der Schmerz und die Trauer hatten einer unbegründeten Zuversicht Platz gemacht, die mich jetzt von einem Ohr zum anderen anlächelte. Ein rosiger Schimmer lag auf meinen Wangen, so als hätte die rote Stoffrose abgefärbt. Der weiche Filz hatte die Härte und Verbitterung aus meinen Augen geschmeichelt. Ich gefiel mir schon wieder viel besser, ganz eindeutig.

Ich nahm den Hut vom Kopf und drehte ihn vorsichtig in meinen Händen. An der Innenseite befand sich ein Etikett.

„Rose Bertin – Lucky Hats!“

stand auch dort wieder, und darunter:

„Modell: Broken Heart“

„Nehmen Sie ihn“, sagte Gertrud, „immer, wenn Sie ihn aufsetzen, wird Ihr Herz ein Stück heilen. Das können Sie doch jetzt gut gebrauchen, oder?“

Damit nahm sie eine rosa Hutschachtel aus einem der Regale und hielt sie mir hin. Ich legte den Hut hinein.

„Aber“, sagte ich verlegen, „ich kann den Hut gar nicht bezahlen. Ich habe ja gar kein Geld bei mir.“

„Ach, das macht nichts“, antwortete Gertrud lächelnd, „machen Sie das einfach beim nächsten Mal. Ich bin mir sicher, Sie kommen wieder.“ Sie zwinkerte mir zu. Dann packte sie rosafarbenes Seidenpapier in die Hutschachtel, verschloss sie und drückte mir das ganze Paket in die Hände.

„Nun gehen Sie erstmal nach Hause und ruhen sich aus. Sie sind ja ganz erschöpft“, verabschiedete sie mich und schob mich in Richtung Treppe. „Machen Sie sich eine schöne Tasse Tee mit Milch und Zucker, setzen Sie meinen Hut auf, und schließen Sie ein wenig die Augen. Alles Weitere wird sich schon finden. Mit dem Hut werden Sie gut behütet sein, glauben Sie mir!“

Sie winkte mir noch einmal zu, und dann stieg ich die Treppe hinauf. Als ich oben angekommen war, stand ich vor meiner Tapetenwand. Ich machte einen großen Schritt durch das Loch und war wieder in meinem renovierungsbedürftigen Zimmer. Verzweiflung stieg in mir auf. Ich fühlte mich wie in ein kleiner Hund, der in einer kalten Dezembernacht vor die Tür geschickt worden war. Doch dann spürte ich die Hutschachtel unter meinem Arm. Ich klappte sie auf, und dort lag mein Rosenhut.

Beruhigt ging ich in meine nicht renovierungsbedürftige Küche und setzte einen Kessel mit Teewasser auf meinen Herd und den Hut auf meinen Kopf. Der Tee wärmte mein Herz unterkühltes Herz. Danach fiel ich wie ein schweres Bügeleisen ins Bett und schlief zum ersten Mal seit vielen Monaten bis zum nächsten Morgen.

Nach einer dampfenden Tasse Milchkaffee, die in mir längst verschollen geglaubte Lebensgeister erweckte, machte ich mich am nächsten Tag erwartungsvoll auf in Richtung meines Renovierungszimmers. Hatte ich die Geschehnisse des Vortages nur geträumt, oder war dieses Loch noch immer da? Ich traute mich kaum, die Tür zu öffnen, halb hoffend, halb ängstlich, nach all dem, was in meinem Leben passiert war. Vielleicht waren die Geschehnisse ja nur eine Wahnvorstellung meines Gehirns, Folge eines Überschwangs negativer Gefühle, Traumaspätfolgen und Fluchtvisionen, die mir mein Kopf aus Mitleid vorspielte, um mir endlich mal wieder etwas Gutes zu tun. Auf Zehenspitzen betrat ich das Zimmer, als ob ein lautes Geräusch das Loch verscheuchen könnte, sollte es noch da sein.

Doch. Da war es. Sonnenschein fiel hindurch, der aber nicht durch meine Fenster drang, sondern durch die, die hinter dem Loch lagen. Ich trat hindurch.

Gertrud Diederich saß schon an dem langen Arbeitstresen, einen Hut zwischen den Knien, den sie mit einer hellen Bürste heftig bearbeitete.

„Guten Morgen, Klara“, sagte sie, als ob sie mich erwartet hätte, ohne den Blick von dem rosafarbenen Prachtstück zu heben, das auf ihrem Schoß zwischen den Bürstenstrichen zu glänzen begann. „Ich habe Kaffee aufgebrüht, hinter dir, in der Küche. Nimm‘ dir doch einen. Ich bin gleich fertig, dann können wir reden“. Das war ja eine merkwürdige Begrüßung, dachte ich, gestern noch die Kundin, heute schon… na, was eigentlich? Hatte ich vielleicht einen Tag verpasst und mit meinem Hin- und Herklettern auch einen Zeitsprung gemacht? Aber besonders logisch war das Ganze sowieso nicht. Also erstmal einen Kaffee.

In der winzigen Küche stand ein Herd, der mit Holz befeuert wurde und wohlig warm vor sich hin glühte, auf kunstvoll bearbeiteten Bronzefüßen. Die Vorderseite war mit weißen Kacheln und bunten Blümchen verziert. Ein langes Ofenrohr ragte daraus hervor und verschwand in den Höhen der Zimmerdecke. Auf der blankgeputzten Herdplatte blubberte eine große, weiße Kaffeekanne mit feinem, bläulichem Zwiebelmuster. Ich nahm eine bauchige Kaffeetasse aus dem Küchenregal und schenkte mir die dunkel dampfende Flüssigkeit ein. Wie schön es war, sich ein bisschen behütet zu fühlen. Wie einsam die Welt, die hinter meinem Renovierungsloch lag. Ich seufzte tief, ließ mich auf einen kleinen Holzschemel sinken und schaute mich um.

An der Wand hing ein gerahmtes Plakat. ‚Das Frühstück der Ruderer‘, stand dort in einer schrägen Mischung aus Druck- und Schreibschrift, ‚am Sonntag, den 15. Mai im Bootshaus am Fluss.‘ Es zeigte eine fröhliche Gesellschaft junger Männer in weißen Unterhemden und Frauen in langen, dunkelblauen Kleidern, die sich um einen reichlich gedeckten Frühstückstisch auf einer Veranda versammelt hatten. Auf dem Tisch waren die Überreste eines üppigen Mahls zu sehen – halbvolle Flaschen Rotwein, Trauben, Äpfel, angebissene Baguettestücke und Käsereste. Offensichtlich herrschte eine angeheiterte Nachfrühstücksatmosphäre, denn die Blicke, die sich die jungen Männer und Frauen zuwarfen, waren nicht gerade züchtig. Das Bemerkenswerteste an dem Bild waren jedoch die Kopfbedeckungen. Alle Frühstücksteilnehmer trugen Hüte, die Männer freche, kleine Strohhüte mit kurzen Krempen und schwarzen Hutbändern, oder hochstehende Zylinder, dunkle Kappen und runde Bowlerhüte. Die Frauen hatten ihre Haarpracht unter breitkrempigen, mit bunten Blumen und Bändern verzierten Sommerstrohhüten gebändigt. Was für eine Zeit. Gern wäre ich mitten in das Bild gehüpft und hätte ausgelassen mitgefeiert.

Gertrud kam in die Küche und trocknete sich die Hände an einem Küchentuch ab.

„So, Klara“, sagte sie, als ob sie mich schon seit langem kannte, „reden wir doch erst einmal über das Geschäftliche. Du willst also hier bei mir in die Lehre gehen?“

Anscheinend hatte ich doch etwas verpasst. Wollte ich das? Hatte ich das gesagt? Oder vielleicht nur gedacht? Wie kam sie denn darauf? Ich zögerte einen Moment. Aber eigentlich war das doch gar keine schlechte Idee. Eigentlich wollte ich doch sowieso einen Schnitt in meinem Leben machen, alles nochmal auf Anfang setzen, anders und neu machen. Den ganzen Kram der letzten Zeit vergessen und hinter mir lassen. Warum denn eigentlich nicht hier. Anscheinend fühlte ich mich hier doch gut aufgehoben. Behütet – das war ein ganz neues Gefühl in meinem Leben. Na los. Ich würde es wagen.

„Ja, also…“, stotterte ich noch etwas überwältigt, „ja, das wollte ich, nein, will ich. Gibt es denn eine freie Lehrstelle?“

„Na, du hast wirklich Glück“, strahlte Gertrud, „mein letzter Lehrling ist gerade vor einem Monat mit seiner Ausbildung fertig geworden, und vor lauter Arbeit bin ich noch gar nicht dazu gekommen, mir einen neuen zu suchen. Wenn du also willst, kannst du gleich morgen anfangen. Die Papiere können wir dann ja später fertig machen. Was meinst du – willst du? Dann schlag ein!“ Sie hielt mir ihre Hand entgegen. Ich schlug ein.

Der Rest des Vormittags verging damit, dass Gertrud mir einen Überblick über ihre Werkstatt, den Laden und die Arbeiten gab, die in der nächsten Zeit auf mich zukommen würden. Sie würde mich zur Hutmacherin ausbilden, oder besser gesagt, zur Modistin. Das war die offizielle Bezeichnung. Die Arbeit sollte morgens um acht Uhr beginnen, eine Stunde, bevor das Geschäft öffnete. Zwischen eins und drei war der Laden zwar für die Kundschaft geschlossen, allerdings gab es in dieser Zeit, wie Gertrud betonte, jede Menge zu tun. Das würde sie mir dann alles zeigen. Von drei bis halb sieben war dann wieder Publikumsverkehr. Ich sollte als Lehrling zunächst ganz bestimmte einfache Aufgaben übernehmen, zum Beispiel Bügeltücher und frisches Wasser in Schüsseln bereit stellen, und würde dann nach und nach in die Geheimnisse der Hutmacherkunst eingeführt. Bei dem Wort „Geheimnis“ zwinkerte Gertrud mir zu und machte eine kleine Kunstpause, als ob sie eine Reaktion erwartete, doch offensichtlich war ich angesichts meiner spontanen Entscheidung selbst noch zu überrascht, um mir irgendwelche Fragen zu überlegen. Also plauderte sie munter weiter. Die Ausbildung würde drei Jahre dauern und mit einem Gesellenstück abschließen, anschließend könnte ich überall als Hutmacherin arbeiten.

Na, das klang doch verlockend. Was hatte ich zu verlieren?

„Ich mache den Lehrlingsvertrag noch heute fertig“, sagte Gertrud, nachdem sie mir alles erklärt und gezeigt hatte. Wir saßen wieder in der winzigen Küche. „Du kannst dich ja schon mal nach einer Bleibe umschauen.“ Sie kramte in ihrer Kittelschürze. „Schau, hier habe ich eine Adresse von einer Kundin, die hat gerade eine günstige Mansardenwohnung frei. Wenn du willst, geh‘ doch gleich mal vorbei und klingele dort. Anschauen kostet doch nichts.“ Damit drückte sie mir lächelnd ein Stück Papier in die Hand. Ich wusste zwar nicht, was eine Mansarde war, ließ es mir aber nicht anmerken. Schließlich wollte ich nicht gleich an meinem ersten Tag als kleines Dummchen dastehen. Frau Höcker, las ich, Schafühnerstraße 18.

„Danke“, sagte ich also, möglichst abgeklärt, „wo ist denn das?“

„Gar nicht weit“, sagte Gertrud, „links aus dem Laden heraus, immer der Straße nach bis du zu einem Metzgerladen kommst. Dort gleich wieder rechts, das ist die Schafühnerstraße. Das Haus liegt in einer Kurve, das kannst du gar nicht verfehlen.“

Ohje, bis jetzt war ja alles noch ziemlich einfach gewesen und mir praktisch vor die durch das Loch gekletterten Füße gefallen wie ein reifer Apfel vom Baum. Aber jetzt, wo ich den Laden verlassen und in diese fremde Welt da draußen hinausgehen sollte, wurde es mir doch ein bisschen mulmig. Plötzlich hörte sich das alles nach einem brandneuen Leben an, Tür auf, und hinein in die neue Welt. Die Alternative war allerdings auch nicht sehr verlockend – Tür nicht auf, zurück durch das Renovierungsloch und alles, was bis jetzt hier geschehen war, vergessen. Ich war hin- und hergerissen wie ein Papierschiffchen auf hoher See.

Da ging fröhlich die Klingel an der Ladentür, und ein Kunde betrat das Geschäft. Ach, was soll es, dachte ich kurzentschlossen, Ich habe doch wirklich gar nichts zu verlieren. Damit zog ich mir meinen neuen Rosenhut über die Ohren und stürmte erhobenen Hauptes an der Kundschaft vorbei auf die Straße. Dabei hatte ich wohl etwas zu sehr mein Ziel, die Ladentür, im Auge, denn im Vorübergehen rempelte ich den Mann an, der gerade den Laden betreten hatte.

„Hoppla“, sagte er mit einer Stimme, die eindeutig nach einer zu kurzen Nacht mit vielen Zigaretten und Whiskeygläsern klang, „nicht so schnell, junge Lady.“ Ein Paar dunkle Augen schauten mich erstaunt an, aber ich beachtete sie nicht. Dort war die Tür hinaus in mein neues Leben. Ich nahm all meinen Mut zusammen und trat mit einem großen Schritt hindurch.

Das erste, was ich sah, als ich auf der Straße vor der Ladentür stand, war ein zwei Meter hoher Tausendfüßler, auf dessen Rücken mehrere Straßenbahnwagon-ähnliche Abteile befestigt waren. Darin saßen Frauen, Männer und Kinder. Der Tausendfüßler glitt fast lautlos an mir vorbei, wobei sich seine unzähligen Insektenbeine an zwei Schienen orientierten, die in ein Gleisbett gelegt waren. Seine runden Insektenaugen starrten konzentriert und gefühllos wie ein Roboter geradeaus. Dann hielt er, wenige Meter von mir entfernt, Stufenleitern klappten unter den Türen der Wagons aus, und Fahrgäste stiegen aus und ein. Was in aller Welt war das? Ich konnte mich nicht von der Stelle rühren, nur hörbar nach Luft schnappen.

„Na, wohl fremd hier?“ hörte ich eine Stimme in meine Schreckstarre hineinsprechen, „Noch nie einen Omnipedes gesehen? Woher kommt denn die junge Lady?“ Der Kunde, den ich gerade noch im Laden so unsanft angerempelt hatte, stand neben mir und schmunzelte amüsiert vor sich hin. Sein Gesicht lag jetzt im Schatten einer breiten Hutkrempe. Er zog eine zerknitterte Zigarettenpackung aus seiner Jackentasche und hielt sie mir entgegen.

„Auch eine?“ fragte er, „Das entspannt. Sie sehen etwas eingeschüchtert aus.“ Ich atmete tief aus und schüttelte den Kopf. Rauchen, nein, im Leben nicht, müsste schon Schlimmeres passieren als ein Riesentausendfüßler mit aufgeschnallten Straßenbahnwagons. Damals wusste ich noch nicht, dass es bald viele Situationen geben würde, in denen ich eine Zigarette gebrauchen können würde.

„Sie meinen, das sind echte Tiere?“ fragte ich stattdessen, um ein wenig Zeit für die Antwort auf die Frage nach meiner unbekannten Herkunft zu gewinnen.

„Ja“, sagte der Mann mit Hut, „klaro. Die sind echt. Nach jeder Runde werden sie auf eine große Wiese zum Grasen geschickt, dann ist der nächste aus der Herde dran. Keine Sorge, da macht denen Spaß. Das sind Riesen-Renntausendfüßler. Die brauchen das.“ Er nahm einen tiefen Zug. „Aber woher kommen Sie denn nun? Gibt’s das bei Ihnen nicht?“

Ich wusste nicht, ob ich ihm das glauben sollte, verschob das Nachdenken darüber aber lieber erstmal auf später.

„Neutopia“, versuchte ich es stattdessen. Er ließ wohl nicht locker, und etwas Besseres fiel mir nicht ein. Der Mann brach in schallendes Gelächter aus.

„Neutopia, ja klar“, prustete er, „hätte ich wissen müssen. Und – trinkt man in Neutopia auch Kaffee?“

„Wieso denn nicht“, antwortete ich schnippisch, „nur weil wir keine Tausendfüßler versklaven, heißt das ja noch lange nicht, dass wir keine Kaffeebohnen pflücken.“ So ein eingebildeter Besserwisser.

„Na, dann trinken wir doch einen zusammen“, schlug er vor, unbeeindruckt von meiner kalten Schulter.

„Tut mir Leid“, sagte ich, „ich habe gerade einen wichtigen Termin. Später vielleicht.“ Damit drehte ich mich auf dem Absatz nach links, wie Gertrud mir beschrieben hatte, und ließ ihn vor dem Laden stehen.

„Und wo finde ich Sie“, rief er mir unbeirrt nach. Ein klares weibliches Nein schien ihn wenig zu beeindrucken.

„Na, hier im Laden“, rief ich zurück, „ich arbeite jetzt hier.“ Er nickte zufrieden, zog noch einmal lässig an seiner Zigarette und schnipste sie dann, Rauch aus der Nase ausstoßend, auf den Gehweg.

Umweltschwein, dachte ich, und machte mich auf den Weg zur Schafühnerstraße.

Eine Bleibe

Die Straße machte erst einen Rechts- dann einen Linksknick. Ich lief vorbei an einem kleinen Lebensmittelladen – Milchmann, stand in schrägen, dünnen Buchstaben an der Schaufensterscheibe. Dann kam links die Metzgerei, die Gertrud erwähnt hatte. Ich war also auf dem richtigen Weg. Vor mir lag die Schafühnerstraße. Ich bog ein, es ging ein wenig bergauf. Weiter hinten machte die kleine Straße einen Knick nach links, und direkt in dem Knick lag das Haus Nummer 18. Drei Klingeln befanden sich an der Haustür, auf der untersten fand ich den Namen, den Gertrud auf den Zettel geschrieben hatte: Familie Höcker. Ich klingelte, und Sekunden später wurde die Tür von einer großen, hageren Frau in einer Kittelschürze geöffnet. Ihr Kopf zitterte merkwürdig auf dem langen Hals und den Schultern, als ob er auf einer Drahtspirale festgesteckt wäre.

„Guten Tag“, stellte ich mich vor, „mein Name ist Klara Saretzki. Ich komme wegen der Wohnung, sind Sie Frau Höcker?“ Ich blickte kurz auf meinen Zettel, auf dem der Name stand, dann wieder hoch zu der Frau, die sich jetzt die Hände an ihrem Kittel abwischte und mir dann die Rechte freundlich entgegenstreckte.

„Ja, das bin ich, sehr erfreut“, sagte sie. Ein kurzes Lächeln huschte wie eine Maus auf der Flucht vor einer Katze über ihr verhärmtes Gesicht. „Kommen Sie doch herein!“

Mit so viel unvoreingenommenem Zutrauen hatte ich gar nicht gerechnet und mir schon eine längere Erklärung zurecht gelegt, wie ich an die Information gekommen war. Aber anscheinend war das nicht nötig. Man hatte hier wohl noch blindes Vertrauen in dieser merkwürdigen Welt, in die ich da geraten war. Ich betrat den Flur des Hauses und stand in einem kleinen Windfang, der in einem breiten Treppenhaus mündete.

„Die Wohnung ist ganz oben“, sagte die Frau entschuldigend, als ob es ein Manko wäre, die Treppenstufen bewältigen zu müssen. „Bitte folgen Sie mir.“ Wir machten uns hintereinander an den Aufstieg, und wirklich schien es für meine zukünftige Vermieterin sehr beschwerlich zu sein, die Treppen zu meistern. Sie ging sehr langsam und pausierte auf jedem Treppenabsatz, laut schnaufend. Oben angekommen, schloss Frau Höcker die Tür zu einer winzigen Wohnung auf. Sie bestand aus einem geraden, schmalen Flur, von dem links und rechts zwei kleine Zimmer abgingen. Es gab auch ein Miniaturbad, das fast komplett von einer Badewanne mit Löwenfüßen eingenommen wurde. Geradeaus, am Ende des Flurs, konnte ich eine Küche erkennen.

„Alles frisch renoviert“, sagte Frau Höcker stolz, „und modernste Ausstattung.“ Sie ging ins Bad und zeigte auf einen Boiler neben der Badewanne. „Fließend Warm- und Kaltwasser, auch in der Küche. Sie müssen nur ein bisschen vorheizen, und dann haben Sie ein schönes, warmes Bad.“ Sie seufzte. „Es ist ja heutzutage so schwierig, vernünftige Mieter zu finden. Bin ich froh, dass Frau Diederich Sie geschickt hat!“

Aha, dachte ich, da hatte Gertrud also schon nachgeholfen, deswegen die unerwartete Zutraulichkeit. Wahrscheinlich hatte sie mich per Telefon – falls es so etwas hier schon gab – bereits angekündigt.

„Na, wollen Sie sich denn nicht alles näher anschauen?“ winkte Frau Höcker mich in die Wohnung, „Hier beißt nichts.“ Sie kicherte und hob die Hand vor den Mund, um ihre sicherlich dritten Zähne zu verbergen, während sie schüchtern über ihren eigenen Scherz lachte. Die Wohnung war großartig für mich, sogar möbliert, was Vieles leichter machte. Im ersten Zimmer standen eine alte rosafarbene Couch, ein kleiner Couchtisch und zwei rote Plüschsessel. An der Wand lehnte eine antike Anrichte aus massivem Holz. Das Schlafzimmer war das zweite Zimmer, das vom Flur abging, und bestand zum großen Teil aus einem Doppelbett. Nur in einer Ecke war noch Platz für einen schmalen Schrank und einen Stuhl. Die Küche hatte einen Mini-Gasherd, eine Spüle und einen klappbaren Küchentisch. Was brauchte ich mehr?

„Und wo ist die Toilette?“ fragte ich, nachdem ich alles angeschaut hatte.

„Na, im Zwischenstock“, antwortete meine zukünftige Vermieterin erstaunt, „da sind wir eben dran vorbeigekommen.“

Nun gut, das war ja nicht so weit entfernt, zumindest musste man nicht nach draußen über den Hof. Frau Höcker hielt mir ihre Hand entgegen, um das Mietverhältnis zu besiegeln.

Hätte ich mir um Geld Sorgen machen müssen? Ich beschloss, dieses Problem erstmal zurückzustellen. Ich würde ja sicherlich einen Lohn bekommen, und der würde reichen müssen. Ich vertraute der klugen Gertrud, dass sie das bei ihrer Empfehlung mitbedachte hatte. Wenn es anders wäre, brauchte ich ja nur durch mein Renovierungsloch zurück in meine alte Welt zu klettern. Also schlug ich ein. Frau Höckers Hand war knochig und zäh wie die einer Mumie, aber warm und kräftig.

„Sie können sofort einziehen“, strahlte sie erfreut, „die Wohnung ist ja frei. Klingeln Sie einfach bei mir, dann gebe ich Ihnen den Schlüssel. Die Miete ist am Monatsende fällig.“ Ich freute mich wie ein Geburtstagskind, als ich die Stufen zurück zum Erdgeschoss herunterkletterte. Mein neues Leben hatte gestern erst begonnen, und schon hatte ich einen Job und eine Wohnung! Nun musste ich nur noch einmal zurück durch das Loch, um ein paar Sachen zu packen. Ich konnte mein neues Leben ja schließlich schlecht nackt beginnen, und ohne Geld konnte ich auch nichts kaufen. Allerdings wollte ich so wenig wie möglich mitschleppen, den Ballast der vergangenen Wochen und Monate einfach zurücklassen, das war eine sehr verlockende Aussicht. Nur ein Teebeutel im Gepäck, hatte einmal ein weiser Mann gesagt, dann über den Gartenzaun gehüpft, und schon beginnt alles von Neuem. Na ja, nur ein Teebeutel war mir dann doch etwas zu wenig, aber ein paar Kleidungsstücke, meinen Kuschel-Eisbären und mein Lieblingskissen, das würde schon reichen für den Neustart. Ich wollte diesen Schritt sofort erledigen. Mit meinem Rosenhut auf dem Kopf würde er mir bestimmt nicht schwerfallen.

Also zog ich ihn mir tiefer über die Ohren, denn ein empfindlicher Wind blies plötzlich durch die Schafühnerstraße, als ich mich auf den Weg zurück in den Laden machte. Als ich um den Knick bog, kam mir eine Schafherde entgegen. Oder was war es? Bei genauerem Hinsehen entdeckte ich an den Seiten der Tiere etwas, das wie große Hühnerflügel aussah. Verdutzt blieb ich stehen, und schon hatten mich die Tiere umringt.

„Weiter, weiter“, hörte ich eine Stimme rufen, „hopp, hopp, hier gibt’s nichts zu Fressen!“ Ein Schäfer mit einem langen Stab in der Hand tauchte inmitten der Schafherde auf, und zwei langhaarige, zottelige Hunde trotteten in meine Richtung, um die Flügelschafe nasestubsend anzutreiben.

„Können die fliegen?“ rief ich dem Mann zu, doch er schüttelte knurrig den Kopf.

„Natürlich nicht“, antwortete er griesgrämig in meine Richtung, „was denken Sie denn. Die Flügel sind natürlich ordnungsgemäß gestutzt. Ich will ja nicht im Gefängnis landen.“ Er schaute mich argwöhnisch an. „Sind sie vielleicht von Bosenboss?“ Auf diese Frage wusste ich leider keine Antwort, also schüttelte ich nur stumm den Kopf. Es war sicherlich für den Anfang in dieser Welt besser, zu schweigen.

„Auf, Schafühner“, rief er, nachdem er mich taxiert und wohl eher für einfältig erklärt hatte, „weiter geht’s. Gleich sind wir auf der Weide.“ Die Zottelhunde knufften die Schafühner in die Hinterläufe, und die Herde setzte sich wieder in Bewegung.

Hutleben

Der Umzug in die neue Wohnung war einfach. Ich packte einen großen Koffer, schob ihn durch das Renovierungsloch, und Gertrud half mir, ihn in meine neue Bleibe zu transportieren. Dann machte ich zusammen mit Gertrud eine Liste der Dinge, die ich am dringendsten benötigen würde: Geschirr, Besteck, Töpfe, Bettwäsche, Handtücher.

„Keine Sorge“, sagte Gertrud fürsorglich, „ich habe genug davon. Ich leihe dir die Sachen, und sobald du dich zurecht gefunden hast, kannst du ja nach und nach deine eigenen besorgen und sie mir zurückbringen.“ Gertrud war ein echter Goldschatz. Auch die Sache mit dem Geld klärte sich schnell. Wir vereinbarten einen Lohn, den Gertrud ausnahmsweise im Voraus zahlen wollte. Wenn es nicht reichen sollte, würde ich mir vielleicht noch einen Zusatzjob suchen. Alles schien perfekt wie das glitzernde Spiegelbild der Welt in einem blank geputzten Kupferkessel.

An meinem ersten Arbeitstag erschien ich pünktlich um acht Uhr im Laden. Gertrud kam gerade mit zwei dampfenden Bechern Kaffee aus der Küche und balancierte damit gekonnt die Treppe herunter.

„Guten Morgen, mein neuer Lehrling“, begrüßte sie mich munter, „schön, dass du da bist!“ Diese Frau hatte anscheinend immer gute Laune. Hätte ich nicht sowieso schon meinen Rosenhut auf dem Kopf gehabt, der auch mich schlagartig mit guter Laune versorgte, hätte ich mich sofort von Gertruds Lächeln anstecken lassen, wankelmütig wie ein Papiertaschentuch auf dem Gehweg im Wind. Gertrud stellte die Becher auf dem Arbeitstresen ab.

„So“, sagte sie voller Tatendrang, „dann wollen wir mal loslegen. Ich schlage vor, wir beginnen mit einer einfachen Cloche, die du selbst herstellst.“

Cloche? Das Wort kannte ich nur aus dem Französischuntereicht.

„Cloche heißt Glocke, richtig?“ fragte ich zaghaft.

„Ganz richtig“, antwortete Gertrud, „man nennt ihn auch einen Glockenhut. Für dein erstes Lehrstück ist er gut geeignet – runder Kopf, breite Krempe. Da kann nicht viel schief gehen. Und am Ende kannst du ihn beliebig putzen.“

Putzen? Ja war so ein Hut denn nicht sauber? Ich schaute verwirrt auf die schon fertigen Hüte.

„Werden die Hüte bei der Bearbeitung denn dreckig?“ wollte ich wissen. Gertrud lachte.

„Nein, ganz bestimmt nicht. Putz – das ist die Dekoration, mit der man den fertigen Hut verschönert. Er gibt ihm die ganz besondere Note, die Individualität, und macht ihn zum Schmuckstück seiner Trägerin, oder auch seines Trägers. Das zeige ich dir alles nach und nach. Jetzt fangen wir einfach mal an.“

Sie ging zu dem großen Regal an der Wand und holte eine Kiste heraus.

„Am besten, wir beginnen mit einem Glatthaarstumpen, der lässt sich am einfachsten verarbeiten. Hier bitte!“ Sie hielt mir die Kiste hin. „Suche dir einen aus. Vielleicht nimmst du lieber eine dunkle Farbe am Anfang, dann sieht man eventuelle Druckstellen und Flecken nicht so, die am Anfang doch häufig entstehen können.“

Ich wählte einen schwarzen Stumpen. Wenn schon dunkel, dann richtig, dachte ich. Und Schwarz war momentan sowieso meine Lieblingsfarbe. Der Stumpen sah aus wie eine unförmige Glocke aus Filz. Wie in aller Welt sollte daraus ein Hut entstehen? Der Filz fühlte sich zwar überraschend weich und flauschig an, ließ sich aber überhaupt nicht dehnen oder verformen. Ich begann zu ahnen, dass das Hutmacher-Handwerk kräftige Arme und Hände erfordern würde.

„Als nächstes messen wir deinen Kopfumfang“, fuhr Gertrud fort, „damit wir auch die richtige Form erwischen.“ Sie zog ein Maßband aus einer der Schubladen des Tresens, der vor den Regalen stand, und legte es um meinen Kopf. „Hab‘ ich mir doch gedacht – 56! Perfektes Hutmaß!“ triumphierte sie. „Damit kannst du fast jeden Hut tragen. Die meisten meiner Formen sind in 56.“

Na, das hörte sich ja nach einer guten Voraussetzung für meine Zukunft als Hutmacherin an.

„Was ist denn deine Größe?“ wollte ich wissen.

„Ich bin leider nur eine 54erin“, sagte Gertrud betrübt, „da muss ich immer etwas kreativ sein. Aber das klappt schon.“ Sie ging wieder zum Regal und kramte in einem Fach herum, in dem sich verschiedene Holzformen stapelten. „Schau hier“, sagte sie, das ist mein 56er-Fach. Hier findest du alle Formen mit einem Umfang von 56 Zentimetern. Gemessen wird am…“

Weiter kam sie nicht, denn in diesem Moment wurde die Ladentür aufgerissen und die Türglocke klingelte wie eine Signalglocke auf einem Schiff in Seenot. Ein groß gewachsener Mann mit blondem Lockenkopf, gekrönt von einem auf die Seite gerutschten Barrett, stürmte ins Atelier.

„Gertrud, ma chère“, rief er und umarmte die Verdutzte heftig, wobei er ihr rechts und links schallende Küsschen auf die Wange drückte wie Stempel, „viens vite, wir müssen reden!“ Damit packte er Gertruds Hand und zog sie in Richtung Küche, bevor sie auch nur irgendeine Art von Widerstand leisten konnte. Im Vorbeiziehen zuckte sie entschuldigend die Achseln und lächelte mich an.

„Wir machen gleich weiter, Liebes, das wird nicht lange dauern. Schau dir schon mal die fertigen Hüte an – für die Dekoration“, rief sie, und damit waren die beiden in der Küche verschwunden. Aufgeregtes Gemurmel drang durch die angelehnte Küchentür, aber ich konnte nichts verstehen, zumal ein Teil der Unterhaltung in Französisch stattzufinden schien. Nun gut, Lauschen war sowieso nicht meine Stärke. Dann würde ich mich eben den Hutdekorationen widmen.

Die fertigen Hüte befanden sich im hinteren Teil des Ladens auf einer Galerie. Fein säuberlich waren sie nebeneinander auf einem langen Holzbrett angeordnet, jeder Hut auf einem langhalsigen Puppenkopf. Einige Modelle machten einen recht tragbaren und alltagstauglichen Eindruck, nur mit wenig Schmuck verziert, andere wiederum wirkten extravagant und ließen große Ereignisse wie Bälle, Empfänge oder Hochzeiten als Anlass für eine standesgemäße Kopfbedeckung erahnen. Ein Hut fiel mir besonders auf, der nicht so recht ins Bild zu passen schien. Er war eher hässlich, ja sogar abstoßend: Auf einem schwarzen Zylinder thronte ein hässlicher Wurm, der förmlich in den Hut hineinzukriechen schien. Sein dicker, wulstiger Körper hing ungefähr zur Hälfte aus einem Loch im Hut heraus, als ob er sich gerade dort durchfressen würde. Fast hatte ich den Eindruck, dass sich das Hinterteil ein wenig hin und her bewegte, so lebensecht war das Tier gestaltet. Aus was für einem Material Gertrud es wohl hergestellt hatte? Gummi? Es glänzte sogar etwas, wie von einer schleimigen Flüssigkeit umgeben. Gertrud hatte wohl auch eine dunkle Seite.

Das Gemurmel in der Küche schien sich mittlerweile zu einer handfesten Auseinandersetzung aufgeschaukelt zu haben. Plötzlich wurde die Tür aufgerissen und der lockenköpfige Mann stürmte die Treppe herunter.

„Non, non, non!“ rief er sichtlich aufgebracht, „non und nochmals non! Du kannst es! Du musst es tun. Tue es!“ Ohne sich noch einmal umzudrehen oder mich zu beachten, stürmte er mit großen Schritten zur Ladentür, riss sie fast aus den Angeln und war verschwunden. Die Türglocke klingelte wehmütig noch ein wenig nach, dann herrschte Stille im Laden. Vorsichtig ging ich zur Küchentür und lugte um die Ecke. Gertrud saß zusammengesunken auf dem Küchenhocker, eine Kaffeetasse fest umklammert.

„Alles in Ordnung, Gertrud?“ fragte ich zaghaft. Sie schaute mich an, als käme ich aus einer anderen Welt, und ich wünschte mir augenblicklich, mehr von ihrer Welt zu verstehen.

„Willst du noch einen Schluck Kaffee?“ fragte ich hilflos, denn Kaffee war das beste Mittel, um einen Kloß im Hals wegzuspülen.

„Ja, gern“, krächzte sie mit unsicherer Stimme und hielt mir ihre Tasse entgegen, während ich die Kaffeekanne vom Küchentisch holte und ihr nachschenkte.

„Was ist denn eigentlich passiert? Wer war das?“ wollte ich wissen. Sie winkte mit einer kleinen Handbewegung ab.

„Ach, das war Louis“, antwortete sie, „mein Freund. Wir hatten eine Meinungsverschiedenheit. Nicht der Rede wert.“ Sie nahm einen großen Schluck Kaffee, als wollte sie alle Bedenken auf einmal herunterschlucken, und zog ein weißes Stofftaschentuch aus ihrer Schürzentasche, mit dem sie sich sehr laut schnäuzte. „Das wird schon wieder“, sagte sie, stand entschlossen auf und glättete ihren Kittel. „Komm, lass‘ uns weitermachen. Die Hüte machen sich ja schließlich nicht von alleine.“

Wir suchten eine einfache, runde Hutform für mich aus. Sie hatte die Form einer Bowlingkugel, die etwas unterhalb der Mitte durchgeschnitten worden war. In der Mitte war ein Loch gebohrt worden, so dass man die ganze Form auf einen Ständer setzen konnte. Der Ständer nannte sich Böckchen, wie Gertrud erklärte. Es war ein einfacher dicker Holzstil, auf den die Hutform aufgesetzt wurde, damit sie frei beweglich hin- und hergedreht werden konnte.

„Als erstes müssen wir den Stumpen weich und dehnbar machen“, dozierte Gertrud, „das geht mit Dampf. Wenn du nichts anderes hast, kannst du einen Teekessel mit Tülle oder einen Kochtopf mit einem Gittereinsatz verwenden, aber wir Hutmacher nehmen dieses Ding hier.“ Sie griff in ein Fach unter dem Arbeitstresen und zog ein schweres elektrisches Gerät hervor, das Ähnlichkeit mit einer deformierten Küchenmaschine hatte. Auf einem massiven Fuß aus Metall thronte ein großer, durchsichtiger Behälter.

„Das ist ein Dämpfer“, erklärte Gertrud, „siehst du hier die Tülle, da kommt der heiße Dampf heraus, wenn die Maschine eingeschaltet ist und das Wasser, das ich jetzt hier in diesen Behälter fülle, erhitzt ist.“ Damit schraubte sie den Wasserbehälter von der Maschine ab und füllte ihn bis zum Rand mit Wasser. „Der Hutstumpen muss zwar gut durchgedämpft werden, darf aber auf keinen Fall direkten Kontakt mit dem Wasser haben, sonst gibt es Flecken“, erklärte sie weiter, während sie den Behälter wieder aufsetzte und das Gerät einschaltete. „Und während wir warten, bis sich hier ein schöner, heißer Dampf entwickelt, stellen wir schon mal Bügeleisen und feuchte Tücher bereit und präparieren die Hutform.“ Wieder kramte sie in einem der Fächer des Tresens und zog ein Bügeleisen, ein paar Geschirrtücher, eine kleine Schüssel, eine Rolle Folie und Klebeband aus dem Fach.

„Hier, bitte“, sagte sie und schob mir das Sammelsurium an Utensilien über die Arbeitsplatte zu mir, „fülle die Schüssel mit Wasser, heize das Bügeleisen auf und klebe die Folie einfach um die Hutform herum. Aber lass‘ das Loch für das Böckchen frei. Und bitte möglichst fest ziehen, damit die Folie keine Falten wirft.“

„Wozu ist das denn gut?“ wollte ich wissen, denn es erschien mir unsinnig, eine Holzform in Folie zu verpacken. Sie konnte ja schließlich nicht schlecht werden.

„Das wirst du dann schon sehen, wenn wir erstmal den Hut auf der Form bearbeiten. Das kann so eine Form ganz schön beanspruchen. Es können Farb- und Appreturreste hängenbleiben, und dann ist die schöne Form ruiniert. Formen sind das Wertvollste, was wir Hutmacher haben. Die musst du hüten wie einen Schatz.“

Ich machte mich an die Arbeit. Die Frischhaltefolie erwies sich als sehr widerspenstig, und ich kämpfte verbissen gegen die Falten, die sich auf der Form bildeten wie in einem zu schnell alternden Gesicht. Immer wieder musste ich neu ansetzen, und als ich es endlich geschafft hatte, die Form einigermaßen faltenfrei in Folie zu verpacken, klingelte die Ladenglocke leicht und melodisch, als ob Pan auf seiner Flöte ein Frühlingslied angestimmt hätte. Der Mann, den ich schon am Vortag auf der Ladenschwelle kennengelernt hatte, spazierte herein.

„Hallöchen hallo hallöchen, die Damen“, flötete er etwas übertrieben gut gelaunt, „wie geht es wie steht es, alles zum Besten?“ Gertrud ging lächelnd auf ihn zu und streckte ihm die Hand entgegen.

„Guten Morgen, Herr Arosa“, begrüßte sie ihn freundlich, „wie schön, Sie zu sehen! Ja, alles bestens. Darf ich Ihnen meinen neuen Lehrling vorstellen?“ Sie machte eine einladende Handbewegung in meine Richtung. „Das ist Klara, seit heute meine rechte Hand hier im Geschäft. Und Klara, das ist Erich Arosa, Musiker, Sänger und einer meiner Lieblingskunden.“ Erich musterte mich mit einem halb spöttischem, halb erfreuten Lächeln.

„Sehr erfreut“, sagte er grinsend, „wirklich sehr erfreut. Wir hatten bereits die Ehre, stimmt’s Fräulein Klara aus Neutopia?“ Ich konnte nicht verhindern, rot zu werden, was mir unendlich peinlich war. Das war mir schon lange nicht mehr passiert, aber sofort konnte ich mich an das Gefühl erinnern, das ich als Jugendliche immer beim Rotwerden empfunden hatte. Warum brachte mich dieser Kerl aus der Fassung? Das war doch auch nur so ein typischer Möchtegern-Anmach-Casanova, wie ich sie schon dutzendweise kennengelernt hatte. Ich wartete, bis sich die Hitze in meinem Gesicht etwas abgekühlt hatte und tat so, als ob ich noch sehr beschäftigt damit war, meinen Kampf mit der Frischhaltefolie siegreich zu beenden. Dann hob ich den wieder normal farbigen Kopf und sagte, etwas kurz angebunden, „Ja, wir haben uns schon kennengelernt. Guten Morgen.“

„Warum so schüchtern, junge Lady“, flötete Erich, meine Reaktion etwas fehlinterpretierend, und zu Gertrud gewandt, „ich komme mit guten Nachrichten!“ Erst jetzt sah ich, dass er unter dem Arm eine Rolle mit Plakaten trug. „Frau Hutmacherin, darf ich Ihre musikalische und im Zentrum des öffentlichen Mode-Interesses stehende Ladentür für Reklamezwecke nutzen und unseren nächsten Auftritt dort mit Hilfe dieses Plakats ankündigen?“ Er entrollte eines der Plakate und hielt es uns am ausgestreckten Arm entgegen. „Tadaaa“, machte er, „Vorhang auf für den bald mächtig berühmten Erich Arosa und seine Koma-Combo! Sie und natürlich Ihr reizendes Lehrlings-Fräulein schreibe ich natürlich mit Entzücken auf die Gästeliste.“

Gertrud lachte. „Natürlich dürfen Sie, Herr Arosa“, sagte sie, „meine Ladentür fühlt sich geehrt, eine solche Berühmtheit wie Sie unterstützen zu dürfen. Und wir…“ damit wandte sie sich ermunternd zu mir, „…kommen ganz bestimmt sehr gern. Stimmt es, Klara?“

Ich war überrumpelt. Wollte ich denn überhaupt dorthin? Die Welt da draußen kam mir doch noch ziemlich fremd vor, und auf dieses Sozialisierungsangebot war ich nicht so richtig vorbereitet. Wenn sie wenigstens ordentliche Musik spielten, würde ich es mir allerdings überlegen. Hauptsache keine Blas- und Volksmusik, aber so sah Erich ja nun nicht gerade aus.

„Äh, was spielen Sie denn so?“ fragte ich unentschlossen.

„Nur das Beste“, antwortete Erich gut gelaunt, „Rock’n Roll hauptsächlich, aber mit einem kräftigen Schuss Funk und Soul. Was das Herz begehrt. Alles dabei. Sie werden garantiert auf Ihre Kosten kommen.“

„Wir freuen uns darauf“, griff Gertrud ein, ehe ich absagen konnte. „Im Bootshaus, wie immer?“

„Ja, genau, Ladies“, bestätigte Erich fröhlich, „ab sieben könnt ihr kommen. Die Gästeliste liegt bereit, und ein Drink für die hübschen Damen ist schon jetzt kalt gestellt.“ Damit wandte er sich zur Tür, klebte mit ein paar geübten Griffen das Plakat an die Scheibe und wollte schon gehen, als ihm noch etwas einfiel.

„Ach, Frau Hutmacherin“, sagte er, „wie sieht’s denn aus mit unserer Bestellung?“

„Wird pünktlich fertig, keine Angst“, zwinkerte Gertrud ihm zu. Ich bin fast fertig. Morgen können Sie alles abholen.“

„Na wunderbar und perfektissimo“, freute sich Erich, öffnete mit einem Tippen an seine Hutkrempe die Ladentür, woraufhin die Türglocke in ein rockiges Ständchen ausbrach, und war verschwunden. Ich betrachtete das Plakat, das er an die Ladentür geklebt hatte. Es zeigte fünf Männer mit Hüten, die ziemlich verwegen in die Kamera blickten, herausfordernd, rebellisch, dicke Lippen, aber auch voller Kraft und Tatendrang. Eine unwiderstehliche Sogwirkung ging von dem Bild aus, wie ein Malstrom, eine wirbelnde Kraft, die mich in ihren Bann zog. Ja natürlich, ich wollte dabei sein.

„Du kommst doch mit, Liebes, oder?“ fragte Gertrud in meine Gedanken hinein, und ohne eine Antwort abzuwarten, denn offensichtlich duldete sie keinen Widerspruch in dieser Sache, fuhr sie fort: „Und nun lass uns weitermachen. Ist die Form soweit fertig?“

Ja, war sie, mein Kampf mit der Frischhaltefolie war erfolgreich, zumindest hatte Gertrud nichts gegen das Ergebnis einzuwenden, das ich ihr präsentierte. Als nächstes sei nun das Dämpfen des Hutstumpens an der Reihe, erklärte sie. Der Dämpfer war mittlerweile auch auf Betriebstemperatur und hatte schon ordentlich Dampf entwickelt. Er rumpelte auf dem Tresen ungeduldig vor sich hin wie eine kleine Lokomotive, die nicht von der Stelle kam.

„Du musst vorsichtig sein, dass du dich nicht am heißen Dampf verbrühst“, dozierte Gertrud, während sie den Hutstumpen über die Tülle des Dämpfers stülpte, aus der der heiße Dampf wie aus einem Mini-Vulkan herausquoll. Sie begann, den Hutstumpen zu drehen, so dass er von allen Seiten gleichmäßig feucht wurde.

„Fass‘ mal an“, sagte sie nach einer Weile, „so muss sich der Filz anfühlen, bevor er geformt wird. Weich und dehnbar.“ Ich befühlte den Hutstumpen, der nun gar nicht mehr fest und hart, sondern erstaunlich weich und warm war, wie das Fell eines kleinen Häschens, das gerade erst das Licht der Welt erblickt hatte. Mein erster Hut war dabei, geboren zu werden.

„So, nun muss es fix gehen“, sagte Gertrud, „ich zeige dir erstmal, wie es funktioniert. Beim nächsten Mal kannst du es dann selbst machen.“ Mit geübten Händen stülpte sie den Stumpen über die Hutform, die ich zuvor auf das Böckchen gesetzt hatte, packte den unteren Rand des Stumpens mit beiden Händen und zog kräftig daran nach unten. Ihre für ihre zarte Statur erstaunlich muskulösen Unterarme ließen erahnen, welche Kraft in diesen Handgriffen lag.