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Klartext E-Book

Sara Nović

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Beschreibung

»Eine augenöffnende und zu Herzen gehende Geschichte über menschliche Verbindungen und die Schönheit und Widrigkeit, die es mit sich bringt, gehörlos zu sein. Ich liebe dieses Buch!« Reese Witherspoon

In einem Internat für Gehörlose kreuzen sich schicksalhaft die Wege einer Lehrerin und dreier Jugendlicher.

Charlie, die rebellische Neue an der River Valley School, kämpft mit ihren Gefühlen und damit, sich verständlich zu machen, denn bisher hatte sie keinen Kontakt zur Gemeinschaft der Gehörlosen. Austin gilt als Überflieger, doch seine Welt gerät ins Wanken, als seine kleine Schwester hörend geboren wird. Und Schulleiterin February Waters weigert sich zu akzeptieren, dass ihre Schule schließen muss – und ihre Ehe womöglich vor dem Aus steht. Als Charlie und Austin zusammen mit einem weiteren Schüler aus dem Internat verschwinden, beginnt für February ein Wettlauf gegen die Zeit.

Dies ist eine Geschichte über Gebärdensprache und Lippenlesen, erste Liebe und Herzschmerz und vor allem über große Beharrlichkeit, Wagemut und Lebensfreude. Eine unvergessliche Reise in die Gemeinschaft der Gehörlosen und ein Fest der menschlichen Verbundenheit.

Der neue Roman von Sara Nović, die selbst gehörlos ist, entführt Leser*innen in die ebenso spannende wie zerbrechliche und widersprüchliche Welt der Gehörlosen, in der vieles auch nicht anders ist als unter Hörenden und die dennoch ganz eigenen Regeln unterliegt.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

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Seitenzahl: 509

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Zum Buch

In einem Internat für Gehörlose kreuzen sich schicksalhaft die Wege einer Lehrerin und dreier Jugendlicher: CHARLIE, die rebellische Neue an der River Valley School, kämpft mit ihren Gefühlen und damit, sich verständlich zu machen, denn bisher hatte sie keinen Kontakt zur Gemeinschaft der Gehörlosen. AUSTIN gilt als Überflieger, doch seine Welt gerät ins Wanken, als seine kleine Schwester hörend geboren wird. Und Schulleiterin FEBRUARYWATERS weigert sich zu akzeptieren, dass ihre Schule schließen muss – und ihre Ehe womöglich vor dem Aus steht. Als Charlie und Austin zusammen mit einem weiteren Schüler aus dem Internat verschwinden, beginnt für February ein Wettlauf gegen die Zeit.

Dies ist eine Geschichte über Gebärdensprache und Lippenlesen, erste Liebe und Herzschmerz und vor allem über große Beharrlichkeit, Wagemut und Lebensfreude. Eine unvergessliche Reise in die Gemeinschaft der Gehörlosen und ein Fest der menschlichen Verbundenheit.

Zur Autorin

Sara Nović, geboren 1987, studierte an der Columbia University Literatur und Übersetzung. Sie arbeitet als Dozentin für Deaf Studies und Kreatives Schreiben. Ihre Essays erscheinen unter anderem in The New York Times, The Guardian, CNN, LitHub. Ihre Romane »Das Echo der Bäume« und »Klartext« standen auf Anhieb auf der New York Times-Bestsellerliste. Sara Nović lebt mit ihrer Familie in Philadelphia.

Sara Nović

Klartext

Roman

Aus dem amerikanischen Englisch von Judith Schwaab

Die amerikanische Originalausgabe erschien 2022 unter dem Titel »True Biz« bei Randm House, New York.Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Copyright © der Originalausgabe 2022 by Sara Nović

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2025 by btb Verlag in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München

Alle Rechte vorbehalten.

Umschlaggestaltung: semper smile, München nach einem Entwurf von Tree Abraham und unter Verwendung von Bildmaterial von Brittany Castle

Illustrationen: Brittany Castle

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-30247-4V004

www.btb-verlag.de

www.facebook.com/penguinbuecher

Klartext ist ein fiktives Werk. Namen, Figuren, Schauplätze und Ereignisse sind der Vorstellungskraft der Autorin entsprungen oder werden fiktiv verwendet. Jegliche Ähnlichkeit mit tatsächlichen Vorkommnissen, Orten oder Personen, ob lebend oder verstorben, sind rein zufällig.

Für die Schülerinnen und Schüler der Rocky Mountain Deaf School,der Pennsylvania School for the Deaf,der Florida School for the Deaf and the Blind und der St. Rita School for the Deafund für die Gehörlosen überall auf der Welt

Wer nicht hören und nicht sprechen kann, kann auch nicht denken.

Aristoteles, 384–322 v. Chr.

Wer wie ich der Ansicht ist, dass die Entstehung einer fehlerhaften Menschenrasse großes Unglück über die Welt bringen würde, wird die Ursachen, die zur Heirat zwischen Gehörlosen führen, sorgfältig untersuchen, um Abhilfe zu schaffen.

Alexander Graham Bell, 1883

Wie sich kürzlich herausstellte, hat ein Hersteller sogenannter Cochlea-Implantate jahrelang mangelhafte Implantate an Kinder und Erwachsene verkauft – auch nachdem er über die Fehler in Kenntnis gesetzt worden war.

NBC News, 14. März 2014

True biz (adj./Ausruf; amerikanische Zeichensprache): wirklich, ernsthaft, definitiv, Klartext

February Waters war neun Jahre alt, als sie sich – mitten im Matheunterricht und vor den Augen der gesamten Klasse – einen Bleistift mit dem Härtegrad 2 ins Ohr rammte. Gerade hatte ihre Lehrerin das Zwölfer-Einmaleins mit Kreide an die Tafel geschrieben und February damit die Gelegenheit gegeben, den Stift zu spitzen, mit diesem knirschenden Geräusch die anderen Kinder aus ihren Tagträumen zu wecken, sodass sie ihr mit den Blicken folgten, als sie von ihrem Platz aufstand und in Richtung Lehrerpult ging. February stieg unbeholfen auf den mit Filz bezogenen Sitz des Drehstuhls, machte einen großen Schritt, um auf den Schreibtisch zu kommen, und stieß den Bleistift tief in ihr linkes Ohr.

Ein Raunen ging durch die Klasse und riss die Lehrerin aus ihrer Versunkenheit an der Tafel. Sie hob February, die überraschend heftig blutete, vom Schreibtisch und trug sie hinaus. Ein dünnes rotes Rinnsal aus Februarys Ohr begleitete sie den gesamten Weg bis zur Krankenstation.

Nachdem die Schulkrankenschwester das Graphit entfernt und verkündet hatte, der Schaden sei nur oberflächlich, stillte sie die Blutung mit etwas Gaze und brachte die Verletzte ins Büro des Direktors, wo die Sekretärin ein Verweisformular für »gewalttätiges und ungebührliches Verhalten« hervorholte. Nachdem es ihnen gelungen war, Februarys Eltern zu kontaktieren, wurde die Schülerin für den Rest der Woche nach Hause geschickt.

Zurück in der 4b feierte die Klasse sie als Heldin, weil February ihnen unter Einsatz von Blut und Schmerzen fünfundzwanzig Minuten unbeaufsichtigte Zeit geschenkt hatte. Die Schule wiederum betrachtete den Vorfall angesichts Februarys »familiärer Verhältnisse« als Hilferuf. Ihrem Vater erklärte February, als er sie abholte, sie hätte nur keine Lust mehr gehabt, irgendwelchen Einmaleinslisten zu lauschen; außerdem summe die kaputte Glühbirne über ihrem Schreibtisch permanent, und das Quietschen der Metallstuhlbeine auf dem Boden sei nervtötend. Er habe ja keine Ahnung, wie das sei, ständig etwas hören zu müssen, erklärte sie ihm. Und dagegen konnte er kaum etwas sagen.

Der tatsächliche Grund aber war, dass Danny Brown in der Reihe hinter ihr leise gelästert hatte: »Der Februar hat zu viel Haar und isst den gelben Schnee sogar.« Nur Gehörlose würden ihre Tochter February nennen, hatte sie in dem Moment gedacht. Andere Monatsnamen konnte man sich durchaus als Mädchennamen vorstellen – April, May, June –, irgendetwas mussten ihre Eltern damals also falsch verstanden haben. Doch sie hatten den Winter nun mal schon immer gemocht. Sie liebten den stillen Schimmer des Schnees auf den gelben Eichen. Und sie waren es gewohnt, dass ihre Bewunderung ernst genommen wurde. Die Freunde ihrer Eltern hatten keine Probleme mit dem eher ungewöhnlichen Namen, und February hatte es nicht ein einziges Mal erlebt, dass jemand eine sarkastische Bemerkung darüber gemacht hätte. Es war eine Welt, die man nur ungern verließ, erst recht nicht, wenn die Alternative ein Klassenzimmer war.

Tief in dir drin kannst du immer gehörlos sein, hatte ihre Mutter an jenem Abend gesagt, als sie sie ins Bett brachte. Aber das von heute wirst du nicht noch einmal machen.

Natürlich haben sich die Dinge mittlerweile geändert, denkt February jetzt, als sie auf den Schulhof der River Valley School for the Deaf hinausschaut und die Augen vor dem Sonnenlicht zusammenkneift. Das Internet hat den Gehörlosen eine neue Welt eröffnet, ihre Kultur hat sich weiterentwickelt, sodass sie viele Begriffe und Slang aus dem Mainstream übernehmen konnten. Außerdem benennen selbst die Hörenden ihre Kinder mittlerweile nach allen möglichen seltsamen Dingen – Obst und Tieren und sogar den Himmelsrichtungen.

Die Welt der Gehörlosen ist nicht mehr ihr sicherer Hafen, sondern ihr Arbeitsplatz, und momentan steckt sie in großen Schwierigkeiten. Als Direktorin erwartet man von ihr, dass sie alles an der Schule im Griff hat. Stattdessen ist ihr jedoch gerade das Schlimmste widerfahren, was man sich vorstellen kann – zwei Kinder sind ihr abhandengekommen. Zwei Jungs namens Austin Workman und Eliot Quinn, Zimmergenossen, der eine im zweiten Schuljahr, der andere ein Junior.

Vor Clerc Hall hat die Polizei einen mobilen Überwachungswagen geparkt, von dem aus sie Zugriff auf Kameras der Homeland Security in Cincinnati und Columbus haben. Sie versuchen, die Jungs über GPS aufzuspüren, landen aber immer nur im Wohnbereich. Denn dort im Gemeinschaftsraum liegen unter einem Tisch, sorgfältig gestapelt, drei Handys. Das dritte Telefon führt zu einer weiteren Untersuchung der Betten, doch anscheinend sind alle anderen Kids hier. Eliots Mutter und Austins Eltern treffen ein und brüllen wild durcheinander. Schulinspektor Swall kommt, auch er brüllt und bittet February um einen Schlüssel zu ihrem Büro, damit er dort einen Bericht schreiben kann. Jedes Handy im Umkreis wird eine Vermisstenmeldung erhalten. Und February soll in den Morgennachrichten sprechen.

Sie verzieht sich mit gebeugtem Kopf in eine der Schultoiletten im unteren Stock, steckt ihr Haar zurück und trägt vor einem sehr tief hängenden Spiegel Lippenstift auf. Kurz stellt sie sich die Frage, ob das T-Shirt, das sie trägt, nicht zu zerknittert ist, doch dann ist es ihr peinlich, dass sie in einer solchen Situation überhaupt einen Gedanken an ihr Outfit verschwendet.

Sie kehrt auf den Schulhof zurück und bleibt in der Nähe des Polizeiwagens. Man kann jetzt schon sagen, dass es ein ungewohnt warmer Tag in dem Monat werden wird, nach dem sie benannt ist – kein Schnee in Sicht, Sonnenlicht, das auf dem taubedeckten Gras gebrochen wird. Es ist ein hübscher Rasen, sorgfältig getrimmtes Gras, das grün und saftig aussieht, auch wenn es noch gar nicht Frühling ist, eine harte Sorte, die February höchstpersönlich ausgesucht hat, weil sie wusste, dass ihm selbst all die Picknicks und wilden Spiele nichts anhaben können. February hat immer schon ihr Bestes gegeben, wenn es darum ging, das Leben an der Schule so angenehm wie möglich zu machen.

Sie versucht, sich für die Begegnung mit der Presse zu wappnen, überlegt sich, wie sie den Sachverhalt schildern könnte, um die Gemüter zu beruhigen oder wenigstens kein weiteres Öl ins Feuer zu gießen. Die Formulierung »abhandengekommen« ist zum Beispiel falsch, das sollte sie nicht so sagen – denn sie hat die beiden Jungs nicht einfach aus den Augen verloren. Stattdessen sind sie eher abgehauen, auch wenn dadurch der Eindruck entsteht, die Schule sei ein Gefängnis. Die Bezeichnung »Ausreißer« wiederum ist negativ aufgeladen, deutet auf schlechte Behandlung oder Mobbing hin. Irgendwann beschließt sie, das neutralere Wort »vermisst« zu verwenden, zumal in der passiven Formulierung eine mögliche Verantwortung verschleiert wird.

Schulinspektor Swall tritt nach draußen und reicht February das Paper, außerdem zwei zehn mal fünfzehn Zentimeter große Schulfotos von Eliot und Austin sowie einen großen Becher mit Kaffee. Sie schaut sich die Fotos an, während sie am Kaffee nippt – beide Jungs sehen in ihren Button-down-Hemden ordentlich und freundlich aus, auch wenn sie nicht lächeln. Austins Augen zeigen das berühmte Workman-Grün, ein helles, an Pfefferminz erinnerndes Grün. Eliots Augen sind so dunkel, dass sie fast schwarz wirken, und February gibt sich alle Mühe, seinem Blick standzuhalten, statt ihre Augen zu den Narben an seinen Wangen wandern zu lassen. Einen Moment lang ist sie schier überwältigt von dem Gefühl, dass die Jungs zurückstarren, und muss mehrfach blinzeln, um dagegen anzukämpfen. Dann reicht sie Swall ihren Becher und tritt an das provisorisch errichtete Pult.

Als sie auf Sendung sind, hält February zuerst die Fotos in die Höhe und legt sie dann wieder auf das Pult, um während ihrer Ansage auch die Gebärdensprache nutzen zu können – eine kurze physische Beschreibung eines jeden Jungen, gefolgt von dem, was der Schulinspektor zu sagen hat: Die River Valley School for the Deaf arbeite rund um die Uhr mit dem Büro des Sheriffs von Colson County zusammen und tue alles, um die beiden Schüler so schnell wie möglich zurückzubringen. »Wenn Sie einen der beiden sehen, rufen Sie bitte die Nummer an, die unten auf dem Bildschirm eingeblendet ist.« Als sie diesen letzten Satz sagt, vibriert das Handy in ihrer Tasche, und sie lässt sich einen winzigen Moment zu lange ablenken und verstummt. Prompt feuern die Reporter ihre Fragen auf sie ab, zum größten Teil unverständlich bis auf die eine von einem Mann ganz weit vorne, der wissen will: »Haben Sie irgendwelche Bedenken, dass es für die Jungs aufgrund ihres besonderen Handicaps Probleme geben könnte?«

February zuckt zusammen. Großspurig aufzutreten, ist hier nicht angebracht, das weiß sie, doch sie muss eine Antwort geben.

Natürlich sorge sie sich um das Wohlergehen der Schüler, sagt sie. So wie sie sich um jeden vermissten Teenager sorgen würde.

»Aber sie können nicht hören …«

»Die Schüler sind hörenden Jugendlichen in ihrem Alter intellektuell vollkommen ebenbürtig.«

»Sind sie implantiert?«

February ist entsetzt von der Unverfrorenheit, mit der der Reporter sich nach dieser Information erkundigt, versucht aber, es nicht zu zeigen. »Es steht mir nicht zu, die medizinische Vorgeschichte eines Minderjährigen im Fernsehen zu erörtern«, sagt sie.

Der Reporter errötet, ist aber noch nicht bereit, seinen Platz im Rampenlicht abzugeben.

»Gibt es Hinweise auf einen kriminellen Hintergrund?«

Er hält ihr das Mikro vor das Kinn und schenkt ihr einen einfühlsamen Blick, der nicht ehrlich wirkt.

»Wenn Sie mich kurz entschuldigen, ich muss mich mit der Polizei absprechen«, sagt sie. Sie entfernt sich vom Pult, doch die Miene des Reporters geht ihr nicht aus dem Kopf. Ganz unrecht hat er nicht – wenn auch anders, als er denkt: Dass sie gehörlos sind, macht es für Eliot und Austin gefährlicher. Was, wenn eine Streife sie entdeckt und ihnen zuruft, sie sollen stehen bleiben, sie aber einfach weiterlaufen? Oder wenn sie doch Hilfe benötigen, aber keine Möglichkeit haben, die Polizei zu rufen? Was, wenn alles gut ausgeht und sie unversehrt zurückkehren, das Jugendamt den Fall jedoch zum Anlass nimmt, um für das Cochlea-Implantat Position zu beziehen? Sie hat gelesen, dass das in anderen Bundesstaaten so geschehen ist. February muss sich auf die Lippe beißen, um gegen ihre aufsteigende Panik anzukämpfen – dafür ist es noch viel zu früh. Sie schaut auf ihr Handy. Die Nachricht war von Mel: »Alles okay bei dir?« Sie weiß nicht, wie sie reagieren soll, schiebt das Handy in ihre Tasche zurück, hebt den Blick und sieht, dass der Vater von Charlie Serrano sich an den Übertragungswagen der Polizei lehnt.

»Dr. Waters?«, spricht er sie an. Seine Stimme klingt viel verhaltener, als sein wuchtiger Körper es vermuten ließe.

Nicht jetzt, würde sie am liebsten schreien. Mit Ihrer Situation beschäftigen wir uns zu einem anderen Zeitpunkt. Doch sie reißt sich zusammen, sagt stattdessen: »Mr. Serrano, wir haben hier ein paar Probleme. Der Campus ist heute geschlossen, deshalb können Sie Charlie mit nach Hause nehmen.«

Er wird blass. »Sie wollen damit sagen, sie ist nicht hier?«

»Nein – ist alles in Ordnung?«

»Es ist nur … Offenbar ist sie heute Nacht nicht nach Hause gekommen, und bei meiner Ex ist sie auch nicht. Deshalb dachte ich, vielleicht …« Er lässt den Blick über den Schulhof schweifen.

»Großer Gott, stimmt«, sagt sie leise. »Es sind drei Handys.«

»Wie bitte?«, fragt Charlies Vater. Er drückt sich mit dem Körper an das Fahrzeug, ringt die Hände.

»Ich bin gerade auf dem Weg hierher« – February zeigt auf die Polizeiplakette direkt über ihnen, – »um ihnen schnell ein Update zu geben.«

»Warten Sie …«

»Nur einen Moment, Sir, wirklich«, sagt sie.

Dann geht sie um den Camper herum und kotzt ihren Kaffee auf den Vorderreifen.

Sechs Monate vorher

Im Sommer vor ihrem zweiten Schuljahr an der Highschool, als die Scheidung ihrer Eltern langsam in die Zielgerade humpelte, gewann Charlies Vater den Streit um das Sorgerecht und schrieb sie an der Schule für Gehörlose ein.

Colson, Ohio, war in jenem August so schwülheiß und voller Mücken, dass es fast tropisch wirkte. Nach dem kurzen Fußmarsch vom Parkplatz kamen sie völlig verschwitzt am Familiengericht an. Im Innenhof schälte sich ihr Vater aus seiner Anzugjacke, ihre Mutter tupfte sich mit einem Paisley-Taschentuch den Schweiß von der Stirn. Im Gerichtssaal betete der Richter seine Urteilsbegründung herunter, doch Charlie konnte nur das laute Surren des Industrieventilators hören, der neben ihnen auf der Fensterbank stand. Er lud die Haare in ihrem Pferdeschwanz elektrisch auf, doch irgendwann gab sie es auf, glättend darüberzustreichen, und vertrieb sich die Zeit, indem sie die Bretter des Holzbodens zählte.

Als der Richter endlich fertig war, musste sie sich schwer zusammenreißen, um nicht laut hinauszuschreien: »WIEISTESAUSGEGANGEN?« Stattdessen folgte sie ihren Eltern nach draußen, wo sich herausstellte, dass sie nicht zu fragen brauchte. In den Augen beider Eltern standen Tränen, doch ihr Vater lächelte.

Die teuren Anwaltsteams der beiden konnten es gut miteinander aufnehmen, und am Ende gaben nach Charlies Vermutung ihre schlechten Noten den Ausschlag – das vergangene Semester hatte sie nur mit Ach und Krach bestanden. Dann waren da noch ein paar Verhaltensauffälligkeiten aus der Grundschule, die sich auf dem Papier lasen, als wären sie längst gelöst worden. Was nicht stimmte. Doch die meisten Erwachsenen kümmerte die Wirklichkeit nur, wenn es darum ging, Teenagern damit zu drohen, dass sie jederzeit in genau diese wirkliche Welt hinauskatapultiert werden könnten. Letztlich war Charlie einfach nur froh, die Schule wechseln zu können. An der Jefferson High waren selbst kleinste Missgeschicke Anlass für jahrelanges Mobbing. Soweit sie wusste, wurde ein Junge immer noch wegen eines stinkenden Furzes gehänselt, den er vor Jahren im Sportunterricht mal hatte fahren lassen. Wie erging es dann wohl einem gehörlosen Cyborg-Wesen mit undeutlicher Stimme? Als Mädchen hatte man sowieso verloren.

»Jetzt wird alles anders«, sagte ihr Vater auf dem Rückweg in seine Wohnung.

Natürlich waren an den Urteilsspruch Bedingungen geknüpft. Charlie würde immer noch während des Unterrichts ihr Implantat tragen müssen, obwohl sie Kopfweh davon bekam und seine Unwirksamkeit teilweise der Grund dafür war, dass sich ihre Eltern überhaupt scheiden ließen, auch wenn sie das niemals zugeben würden. NIEMANDHATSCHULD: So lautete das Mantra bei ihnen zu Hause, obwohl niemand daran glaubte.

Als sie noch jünger gewesen war, hatte sich Charlies Vater einmal auf YouTube eine Serie von Simulationen zum Thema Cochlea-Implantate angehört. Charlie stand neben ihm, während er sich durch die Videos klickte, doch was aus den Lautsprechern kam, verstand sie nicht.

»Das ist erschreckend«, sagte er. »Die klingen alle wie der Dämon aus DerExorzist.«

»Für sie ist das nicht schlimm«, sagte ihre Mutter. »Sie kennt es nicht anders.« Und in gewisser Weise hatte sie recht. Was Charlie viel mehr erschreckte, war die Tatsache, dass ihre Mutter über sie redete, als wäre sie überhaupt nicht da.

Charlies Mutter war Coach für Schönheitswettbewerbe, außerdem eine Musikerin, die ihren großen Moment nie gehabt hatte. Charlies Vater war Software-Ingenieur und seine Affinität für Technik wahrscheinlich der Grund, warum es ihm leichterfiel, deren Unzulänglichkeiten hinzunehmen. Außerdem hatte er in seiner Familie einen gehörlosen Cousin gehabt, der, wie Charlie befand, das Glück hatte, in den Siebzigerjahren geboren und in einer Familie von Saisonarbeitern groß geworden zu sein. Antonios Eltern, die erst seit Kurzem eingewandert waren und selbst Englisch lernen mussten, hatten andere Sorgen als seine schulischen Leistungen oder die Frage, ob das Aufwachsen in einer zweisprachigen Welt ihm schaden könnte. Seine Familie eignete sich ein paar Gebärden an, die er von der Schule nach Hause brachte; er schaffte den Abschluss und machte eine Ausbildung – irgendetwas mit Löten – und erreichte am Ende mehr, als man je von ihm erwartet hätte. Es war das Sinnbild des American Dream, nur dass er eben nicht hören konnte.

Charlie fragte sich, ob sich ihre Eltern bei Antonio gemeldet hatten, als sie herausfanden, dass sie gehörlos war, ob sie mit ihm über Implantate und die beste Erziehung für sie gesprochen hatten oder ob jene ersten Jahre ihres Lebens nur von den Ängsten ihrer Mutter geprägt gewesen waren. Wie auch immer war das Fenster für ein solches Gespräch längst geschlossen – Antonio war bei einem Autounfall ums Leben gekommen, als Charlie gerade mal vier Jahre alt war, und sie kannte ihn fast ausschließlich aus den Erzählungen ihrer Mutter, wenn diese über die Gene ihres Mannes herzog. Seither war Charlie nie wieder einem gehörlosen Menschen begegnet. Das Implantat verlange Isolation, hatte ihr Arzt gewarnt; sie müsse hundert Prozent abhängig davon sein, wenn sie lernen wolle zu hören. Das Gerät könne Klänge nur in ihr Gehirn bringen – es vermöge sie weder zu entziffern noch zu deuten, ebenso wenig, wie es aussieben könne, was davon wichtig war oder eben doch nur ein Geräusch. Das bedeute auch, dass Gebärdensprache von Anfang an untersagt sei – sie wäre nur ein Hilfsmittel zum Schummeln gewesen, eine Krücke. Kenne sie das Gebärden und wäre dazu in der Lage mitzuteilen, was sie brauchte, und andere zu verstehen, was würde sie dann noch motivieren, die englische Sprache zu lernen?

Zahllose Experten bestätigten, die beste Methode, das größte Potenzial aus dem Implantat herauszuholen, sei das Üben, und am allermeisten könne sie üben, wenn sie in einer ganz durchschnittlichen Umgebung aufwuchs, eine Art Friss-oder-stirb-Methode. Zusammen mit den Therapiestunden hätte Charlie dann das nötige Werkzeug an der Hand, um der Bedeutung, die hinter den Klängen steckte, auf die Spur zu kommen.

Ihr Implantat hatte Charlie im Alter von drei Jahren bekommen – etwas spät, aber immer noch früh genug, um die Bildung von neuen Nervenbahnen zu ermöglichen. Nach allen messbaren Standards war ihre Implantation ein Erfolg, und obwohl es ihr niemand ins Gesicht sagte, wusste sie, das bedeutete, dass es ihre eigene Schuld war, wenn sie damit nicht zurechtkam. Vielleicht hatte sie ja einfach nicht genug geübt.

Der pädagogische Fachausdruck für sie war ein »orales Scheitern« (man stelle sich vor, wie sich die anderen Kinder vor Lachen gekringelt hätten, wenn sie davon Wind bekommen hätten), was nach Charlies Information bedeutete, dass sie minderbemittelt klang, wenn sie redete. Charlie war nicht minderbemittelt. Sie hatte einfach nur alles selbst lernen müssen, und das in einer Umgebung, die dem Lernen ganz und gar nicht förderlich war: dem Klassenzimmer der Public School und seinem ewigen Geknarze von hölzernen Stühlen, von plappernden Schülerinnen, von Lehrern, die einen Großteil der Stunde mit dem Rücken zur Klasse standen und in Richtung Tafel redeten. In Wirklichkeit, fand sie, war die Tatsache, dass sie mit dem Roboterohr etwa sechzig Prozent von dem, was vorging – vielleicht sogar noch mehr, wenn sie sich Mühe mit dem Lippenlesen gab –, verstand, überaus beeindruckend. Bloß dass in dieser Schule sechzig Prozent immer noch eine Vier minus bedeuteten.

Charlie wäre das Implantat am liebsten wieder losgeworden, auch wenn sie wusste, dass ihre Mutter immer noch das winzige Fünkchen Hoffnung in sich trug, dass Charlie eines Morgens aufwachen und aus dem permanenten statischen Rauschen, das es in ihren Kopf pustete, schlau wurde. Wenigstens war sie jetzt bei ihrem Vater gelandet, sie würde an die River Valley gehen und gemeinsam mit ihm den Gebärdensprachunterricht besuchen, den die Schule nach Feierabend anbot. Dann wurde vielleicht endlich alles besser.

Ihre Mutter wollte das Urteil zum Sorgerecht nicht anfechten – sie erkannte ihre Niederlage an, was Charlie mit einer Mischung aus Erleichterung und Verärgerung aufnahm. Im Fernsehen kämpften die Mütter immer für ihre Kinder; schließlich waren sie alles für sie. Andererseits hatte keine von ihnen mehr Lust, das Gericht noch länger von innen zu sehen.

Nun packte Charlie ihre Sachen und brachte den größten Teil davon in die Wohnung, in der ihr Vater bereits seit fast einem Jahr lebte – ein Neubau am Flussufer mit großen Fenstern und einer offenen Küche, eine echte »Junggesellenbude«, was ihre Mutter, die große Anhängerin des französischen Landhausstils war, erst recht ärgerte. Von dort aus würde Charlie eine noch kleinere Menge an Habseligkeiten ins Wohnheim der Schule verfrachten.

Zwei Wochen vor Beginn des Schuljahres trafen sie und ihre Eltern die Direktorin der neuen Schule – eine große, schlanke Frau mit eng nach hinten gebundenem mittellangem schwarzem Haar. Charlie fand sie ein kleines bisschen Furcht einflößend, selbst als sich alle gesetzt hatten und der Größenunterschied kaum noch auffiel. Direktorin Waters gebärdete und sprach gleichzeitig, und ihre Arme und Händen bewegten sich mit der Anmut und dem Tempo eines wesentlich zierlicheren Menschen. Zu reden und gleichzeitig die Gebärdensprache zu verwenden, sei eigentlich nicht ideal, warnte die Direktorin, in River Valley würden sie das so gut wie nie tun. Charlie sehnte sich danach, den geschwungenen Bewegungen der Hände der Frau einen Sinn zu entlocken, doch das hätte bedeutet, den Blick von ihren Lippen abzuwenden, was sie nicht riskieren konnte. Noch nicht.

Die Direktorin nahm einen Stapel Papiere aus der Ausgabe ihres Druckers und stellte ihnen Charlies Stundenplan vor. Sie würde mit Algebra weitermachen und Nachhilfe in Englisch bekommen. Und sie würde immer noch Stunden in Sprachtherapie haben.

»Aber wie wird sie die Gebärdensprache lernen?«, wollte Charlies Mutter wissen.

»Wir haben uns für den Gemeinschaftsunterricht eingetragen«, fügte ihr Vater hinzu.

»Sehr gut«, lobte die Direktorin. Sie wandte den Blick wieder Charlie zu. »Die … hier an der Schule wird der Schlüssel sein«, sagte sie. »So wie bei jeder Sprache.«

»Die – was?«, fragte Charlie.

Die Direktorin zog unter einem Stapel Papierkram einen Notizblock hervor.

IMMERSION, schrieb sie.

Charlie zuckte mit den Achseln. Den Ausdruck kannte sie nicht.

»Eintauchen«, sagte die Direktorin. »Das Gebärden kommt schon, wenn wir uns ein bisschen Mühe geben.«

Charlie sah den Zweifel auf dem Gesicht ihrer Mutter – und wenn sie an ihre schulischen Leistungen dachte, konnte sie ihr den kaum übel nehmen. Hatten die Ärzte das nicht immer schon gesagt? Nur eine weitere Unterrichtsstunde, eine weitere Therapie oder ein Spezialist, der zusätzlich zurate gezogen wurde, dann würde alles anders werden.

Immerhin bemerkte die Direktorin sofort ihre Skepsis.

»Mit Gebärdensprache ist es anders«, sagte sie. »Du wirst auf visuelle Sprache programmiert.«

Sie lächelte, und Charlie wusste, dass sie ihr Vertrauen einflößen wollte, doch bei dem Wort »programmiert« musste sie sofort an den Audiologen denken. Charlie sah, wie ihre Mutter in der Tasche kramte, ein Signal, dass die Diskussion für sie beendet war.

»Alles okay mit dir?«, fragte die Direktorin.

Zuerst verstand Charlie nicht, was sie meinte, bis ihr bewusst wurde, dass sie wieder mal die Narbe hinter ihrem Ohr gerieben hatte, dort, wo man ihr das Implantat eingesetzt hatte. In letzter Zeit fühlte sich die Stelle etwas empfindlich an; Charlie hatte sogar ihre Mutter gebeten nachzuschauen, weil sie einen Teil davon im Spiegel nicht sehen konnte. Doch alles schien ganz normal zu sein.

»Das Implantat gibt bald den Geist auf«, sagte ihre Mutter mit gezwungener Leichtigkeit und murmelte etwas von einem bald stattfindenden Termin.

»Und zwar schon seit fast zwölf Jahren«, sagte Charlie und sah, dass sich die Direktorin ein Lächeln verkneifen musste.

Das Treffen mit den Serranos sorgte dafür, dass sich Februarys Laune deutlich verschlechterte. Das Mädchen war zweifellos intelligent, aber man konnte unmöglich sagen, auf welchem schulischen Niveau Charlie stand. In ihren Zeugnissen war vermerkt, sie habe einige Kurse nicht bestanden, was an einer herkömmlichen Schule eigentlich so gut wie nie vorkam, da man dort schwierige oder schlecht vorbereitete Schülerinnen und Schüler einfach weiterkommen ließen, damit sie einer anderen Klasse den Notendurchschnitt versauten.

Im Vergleich dazu waren Charlies Noten in Verhalten relativ gut. Das fand February erstaunlich bei jemandem, der so sichtbar frustriert war, doch es erleichterte sie auch. Unter Linguisten gab es eine Theorie, nach der die Aufnahmefähigkeit eines Gehirns für das Erlernen einer Sprache – Sprache als Konzept, als Modalität für Gedanken – eine endliche Größe war. Wissenschaftler bezeichneten den Zeitraum zwischen null und fünf Jahren als das »kritische Fenster«, innerhalb dessen ein Kind mindestens eine Sprache lernen müsse, irgendeine Sprache, sonst ging man das Risiko eines permanenten kognitiven Schadens ein. War dieses Fenster erst einmal geschlossen, wurde es schwierig, ja sogar nahezu unmöglich, etwas zu lernen – wie kann ein Mensch denken, ja sogar fühlen, wenn er keine Sprache dafür hat?

Das kritische Fenster blieb ein »theoretisches« Konstrukt, weil niemand so grausam gewesen wäre, Kindern in einem experimentellen Rahmen Sprache tatsächlich zu entziehen. Doch February sah die Ergebnisse einer solchen Einschränkung Tag für Tag – Kinder, deren Eltern befürchteten, die Gebärdensprache würde sie zeichnen, obwohl es am Ende gerade ihr Fehlen war, das Nachteile mit sich zog. Diese Kinder hatten Sprache niemals als das gesehen, was sie wirklich war, hatten sie außerhalb der Praxis des Sprachtherapeuten nie erlebt, lebendig und ausgelassen, hatten niemals am lebhaften Geplapper auf dem Spielplatz oder an der vertrauten Runde um den Esstisch teilgenommen.

Oft richteten die Verbände der Gehörlosen ihre Wut auf die Implantate, obwohl Sprachentzug schon lange vor dem Aufkommen dieser Technologie verordnet wurde. Für February lag der Reiz von Implantaten klar auf der Hand, doch die eigentliche Gefahr war die falsche Erwartung, die sie schufen.

Es bestand kein Grund dafür, dass der Einsatz von assistiver Technologie und Gebärdensprache einander ausschlossen; immer wieder hatte sich gezeigt, dass Mehr mehr war, wenn es um Sprache ging. Oft, in pädagogischen Streitgesprächen, formulierte sie es so: »Stellen Sie sich vor, jemand würde sagen, das Englisch Ihres Kindes würde darunter leiden und dem Gehirn Schaden zugefügt, wenn es Französisch lernt.« Normalerweise merkten die Leute dann kurz auf, und February nickte. Ja, es klang wirklich lächerlich. Und doch – obwohl die Angst vor der Zweisprachigkeit in zwei Lautsprachen längst als fremdenfeindlicher Unsinn entlarvt worden war, obwohl man es mittlerweile sogar als erstrebenswert erachtete, dass Kinder zwei Sprachen beherrschten, hielt die Medizin bei den Gehörlosen immer noch an ihrer Verdammung der Gebärdensprache fest.

Vielleicht war das ja auch nicht so wichtig. February ging davon aus, dass Eltern immer einen Grund finden würden, der Gebärdensprache aus dem Weg zu gehen, ob ihre Ärzte ihnen nun den pseudowissenschaftlichen Background dafür lieferten oder nicht. Da ging es um tief sitzende Scham, um die Angst vor Veränderung oder dem Scheitern. Woran auch immer es lag – jedenfalls hatte die River Valley im Laufe der Jahre viele Kinder aufgenommen, die nicht in der Lage waren, sich mit ihrer eigenen Familie zu unterhalten.

Diese Kinder, die aus einer spracharmen Umgebung kamen, wiesen dann oft auch ein explosives Temperament auf. Manche waren so aufgeladen, dass ihnen selbst das Erlernen von Gebärdensprache zu viel war, auch wenn man kaum noch feststellen konnte, ob es an ihren verkümmerten Sprachzentren lag oder schlicht daran, dass sie keinen Kontakt zu ihren Mitmenschen wollten.

February hatte also schon deutlich schlimmere Fälle als Charlie erlebt. Sie verfügte über Sprache. Sie hatte nur viel zu schwer darum kämpfen müssen. Trotzdem spürte sie, während sie die Papiere für Charlies Schulwechsel ausfüllte, wie sich Wut in ihr breitmachte – auf all die Jahre, in denen jede Menge Energie darauf verwendet worden war, den äußerlichen Anschein zu erwecken, man habe sich um sie bemüht, anstatt dem Mädchen wirklich zu helfen.

Nach Feierabend machte sich February in der Nachmittagshitze zu Fuß auf den Weg nach Hause, das von den Mitarbeitern liebevoll als New Quarters bezeichnet wurde. Mittlerweile gab es viel weniger Wachpersonal für die Schlafräume, als es noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts der Fall gewesen war, als man die RVSD gebaut hatte. Damals hatten fast alle, die an der Schule arbeiteten, auf dem Campus gelebt. Auch der Direktor wohnte damals in dem kleinen Apartment über seinem Büro – bis schließlich Direktor Arbegast und seine Frau kurz hintereinander zweimal Zwillinge bekamen. Daraufhin hatte die Schule sieben Morgen Land gekauft, das an den Campus angrenzte, und darauf New Quarters errichtet, ein schmuckes Cottage am entgegengesetzten Ende des Geländes.

In den Siebzigerjahren, als die RVSD deutlich den Druck der Rezession spürte, war der größte Teil des Landes an Bauunternehmer verkauft worden, die darauf Wohnblocks errichteten, die mit der Rückseite direkt an die Tore des Campus grenzten. Doch New Quarters blieb stets im Besitz der Schule, sein strenges, geschwungenes Dach vom Zentrum des Campus aus immer zu erkennen, auch wenn eine Reihe von Häuschen dazwischen stand. February liebte das alte Haus und war dankbar für die paar Minuten Weg, die sie nach Feierabend dorthin zurücklegen konnte, ein Spaziergang, der ihr half, den Kopf freizubekommen. Manchmal jedoch ging es mit dem finsteren Grübeln einfach weiter, und heute war ein solcher Tag.

Als sie zu Hause ankam, hatte sich eine verdrießliche Stimmung in ihr breitgemacht; nicht einmal der Anblick von Mels Auto in der Auffahrt konnte sie aufheitern.

»Es ist so verdammt deprimierend«, sagte February, als sie durch die Seitentür das Haus betrat. »Dass es für manche Leute der allergrößte Traum ist, wenn sie sagen können, ihr Kind wäre ›normal‹.«

»Ach, da kommt ja meine gut gelaunte Ehegattin«, begrüßte sie Mel.

»Tut mir leid, es ist nur mal wieder …«

»Ein mieser Tag? Ist es das nicht immer?«

February ließ ihre Tasche auf den Küchenstuhl fallen. »Du bist schon früh zu Hause«, sagte sie.

Mel hatte ihren Hosenanzug gegen ein Tanktop, Basketballshorts und einen Topflappen eingetauscht und rührte Instantkartoffelbrei in einer Kasserolle. Neben einem Stapel von Mels Akten lag ein bereits fertig gegrilltes Hähnchen in einer Papiertüte, das verführerisch duftete.

»Du kommst spät«, sagte Mel. »Vor allem, wenn man bedenkt, dass noch gar keine Kinder in der Schule sind.«

»Eins war heute da!«, protestierte February. Sie schaute sich um. »Wie geht’s Mom?«

»Scheint ein guter Tag zu sein. Sie sitzt draußen auf der Veranda!«

»Sie liest? Oh, das ist gut.«

In letzter Zeit hatte sich der gesundheitliche Zustand ihrer Mutter etwas verschlechtert – womit zu rechnen war, wie alle Ärzte versicherten –, aber February fiel es immer noch schwer, sich darauf einzustellen, wenn es überhaupt möglich war, sich irgendwie darauf einzustellen. Das Beste, was sie tun konnte, war, die guten Tage zum Durchschnaufen zu nutzen und zu versuchen, nicht allzu sehr darüber nachzudenken, wie viele davon ihnen wohl noch blieben. February trat von hinten auf Mel zu und schlang die Arme um ihre Taille.

»Du bringst mich zum Schwitzen«, sagte Mel und drehte den Kopf, gab February einen Kuss. »Na los, zieh dich um – das Essen ist fertig.«

»Danke, dass du was geholt hast – eigentlich war ich heute dran.«

»Nur du schaffst es, noch mehr zu schuften als eine Anwältin.«

»Hey, ich habe ja auch diese Klasse zu unterrichten. Ist lange her, dass ich einen Lehrplan aufgestellt habe. Wie hast du es denn geschafft, vor mir Feierabend zu machen?«

»Ich bin direkt vom Gericht nach Hause gekommen. Die Akten kann ich genauso gut hier lesen.«

»Aha! Dann arbeitest du also noch!«, sagte February.

»Du offenbar auch«, erwiderte Mel und tippte mit dem Finger an Februarys Schläfe. »Zieh dich jetzt um.«

February zog sich Shorts und ein T-Shirt über und schaute nach ihrer Mutter, die auf der Veranda saß und einen Thriller las, ein Taschenbuch, das Mel irgendwo auf einem Flughafen gekauft hatte. Sie stampfte mit dem Fuß auf, um ihre Mutter auf sich aufmerksam zu machen. Ihre Mutter knickte die gelesene Seite um und hob den Blick, schenkte February ein breites Lächeln.

Hast du Hunger?

Hallo, Liebes. Wie geht’s in der Schule? Alles bereit?

Wird schon

Wie war das Treffen?

Mann, wenn sie gut drauf war, konnte man ihr nichts vormachen. February hatte ganz vergessen, dass sie ihrer Mutter von den Serranos erzählt hatte. Ihre Mutter verstand nur wenig von Cochlea-Implantaten, weil sie noch zu der Generation gehörte, für die die Technologie eines Hörgeräts darin bestand, dass man einen Transistor um die Brust geschnallt bekam. February wollte ihre Mutter nicht aufregen – die Ärzte hatten immer wieder betont, wie wichtig eine ruhige und stabile häusliche Umgebung sei –, und das schlimme Los eines weiteren gehörlosen Kindes, dem von seinen eigenen Eltern der Spracherwerb verweigert worden war, würde sie mit Sicherheit aufwühlen. February holte tief Luft.

War gut, sagte sie.

Die Kleine musste sich durch eine herkömmliche Schule quälen. Kein Wunder also.

Ich bin mir sicher, ihr biegt das wieder gerade.

Das werden wir. Komm, wir essen.

February half ihrer Mutter in die Küche und stellte ihr während des Essens immer wieder Fragen zu dem Triller, den sie gerade las, das Wetter, Mels Gerichtsfall, alles, nur um zu vermeiden, dass sie mehr von ihrem Termin erzählen musste. Dann endlich, als sie abgewaschen hatten und Februarys Mom auf ihr Zimmer gegangen war, um fernzusehen, setzten sich February und Mel auf die Couch, beide mit geschäftlichen Unterlagen auf dem Schoß, zwischen sich eine Tüte Grippo-Chips mit Barbecue-Geschmack. February schlug die Serrano-Akte wieder auf und fuhr sich mit den Händen übers Gesicht.

»Und, was genau ist los mit ihr?«, wollte Mel wissen.

»Es ist schrecklich frustrierend. Sie ist implantiert, aber offenbar funktioniert das Ding nicht richtig. Sie hat sich ihr ganzes Leben lang bemüht, Konversationsenglisch zu lernen, aber an der Jefferson fast alles in den Sand gesetzt. Und die größte Sorge ihrer Mutter ist der äußere Schein!«

»Die ewige Magie der Selbstbespiegelung«, sagte Mel und seufzte.

»Wenn wir in den nächsten drei Jahren nichts für sie tun können, hat sie ein Riesenproblem. Ich muss ihre Mutter dazu bringen einzusehen, was auf dem Spiel steht.«

»Das wird nicht passieren, Babe.«

»Du glaubst nicht, dass …«

»Ich weiß, dass es auf der ganzen Welt nichts gibt, das eine Mutter davon abbringt, sich ihr Kind so zu wünschen, wie sie selbst ist. Und noch nie ist hier einer durchgekommen, wenn er gesagt hat: ›Ich weiß es besser als Sie.‹«

»Aber …«

»Schau mal, du fühlst dich den Leuten zugehörig, das habe ich begriffen. Aber diese Mutter sieht das anders.«

February wusste, dass Mel recht hatte. Und obwohl es nichts damit zu tun hatte, legte eine Situation wie diese den Finger auf ihre eigene Wunde: ihre lebenslange Angst, dass ihre Existenz als Hörende ihre gehörlosen Eltern einer grundlegenden menschlichen Erfahrung beraubt hatte. Was, wenn auch sie sich ein Kind gewünscht hatten, das so war wie sie? Sie seufzte, schaute auf ihr Foto auf dem Kaminsims.

»Oh, fang gar nicht erst damit an«, sagte Mel.

»Ich habe nichts gesagt.«

»Du hast mehr Stolz auf die Gehörlosen in dir und beherrschst die Gebärdensprache besser als die Hälfte deiner gehörlosen Mitarbeiter, und das neue Mädchen befindet sich jetzt in deiner Obhut. Deshalb wird alles gut mit ihr.«

Mel gab February einen Kuss und ging in die Küche, kehrte mit ein paar Servietten zurück, damit sie sich das Chips-Fett von den Fingern wischen konnten.

»Ihre Eltern sind geschieden«, sagte February und zeigte auf Mels Papierkram.

»Klar. Natürlich sind sie das«, erwiderte Mel.

Zu ihrer ersten Unterrichtsstunde in Gebärdensprache kamen Charlie und ihr Vater zu spät. Er hatte die Nachricht übersehen, in der sie gebeten wurden, den Seiteneingang zu benutzen. Stattdessen verplemperten sie fünf Minuten am Haupttor, wo ihr Vater sich aus dem Autofenster beugte und vergeblich auf den Knopf drückte. Nachdem er dann auf sein Handy geschaut und die E-Mail entdeckt hatte, musste er noch fünf Minuten um den Campus herumfahren, auf der Suche nach dem Seitentor, das sich natürlich genau entgegengesetzt von der Seite befand, in die er gefahren war. Das schmiedeeiserne Tor sah im schwindenden Tageslicht unheimlich aus, doch hinter den Gitterstäben leuchtete das Gras, und die Fassaden aus Werkstein wirkten vertraut. Das lohfarbene Material aus dem Hügelland von East Ohio, wo der Vater von Charlies Vater im Steinbruch gearbeitet hatte, war hier überall zu finden – an der Roebling Suspension Bridge, dem Gerichtsgebäude, selbst den Mauern der Jefferson School.

Doch da endeten die Gemeinsamkeiten auch schon. Während Jefferson einen kalten und nüchternen Eindruck machte, wirkte die RVSD warm und angenehm abgenutzt, auf eine Weise, die eher an ein heiß geliebtes Schmusetier erinnerte als an eine alte Bruchbude. Zuerst hatte alles, was sie über River Valley gehört hatte, negativ geklungen: Die Kinder hier waren alle keine Überflieger, und es war eine Art letzte Zuflucht für all diejenigen, bei denen es für eine herkömmliche Schule nicht gereicht hatte. Doch jetzt, in der rötlichen Abendsonne, wirkte es hier fast magisch, als handele es sich um ein altes Zauberschloss. Am liebsten hätte Charlie noch länger dort gestanden und die Landschaft in sich aufgesogen, hätte versunken das große Gebäude betrachtet, hinter dem gerade die Sonne unterging und wo sie die Direktorin kennengelernt hatten – wie hieß es doch gleich? Clerc? Doch das musste warten. Ihr Vater hielt den zerknitterten Lageplan, den man ihnen beim ersten Treffen in die Hand gedrückt hatte, mit ausgestrecktem Arm weit vor sich, als wäre er ein Magnet, der sie von selbst in das korrekte Klassenzimmer ziehen würde, und sie musste fast rennen, um mit ihm mitzuhalten.

Dann endlich kamen sie zu Cannon Hall und stellten zu ihrer Erleichterung fest, dass die Tür nicht verschlossen war. Drinnen war der Lageplan nutzlos, und sie begannen, jedes einzelne Klassenzimmer abzuklappern.

»Kannst du irgendwas hören?«

Ihr Vater schüttelte den Kopf. Das gesuchte Zimmer befand sich hinter der letzten Tür links. Drinnen waren die anderen Kinder bereits da, dazu ein paar Erwachsene, die hier seltsam fehl am Platz wirkten und von denen man einigen deutlich ansah, wie unbequem die mit Armstützen versehenen Schülerpults für sie waren. Obwohl Charlie noch nicht erkennen konnte, wer sie unterrichtete, hatte die Klasse mit dem Üben bereits begonnen, ihre Hände bewegten sich in unterschiedlichen Stadien von Selbstvertrauen. Es war still.

Die Schreibtische waren im Halbkreis aufgestellt, sodass jeder jeden sehen konnte – was durchaus einen Sinn ergab, aber nicht verhinderte, dass sie sich fühlten, als würden sie eine Art Gruppentherapie stören. Ein Mann, der eine gewisse Ähnlichkeit mit einem glatt rasierten Nikolaus hatte, inklusive roter Nase und dickem Bauch, betrat kurz nach ihnen den Raum und gab sofort eine Art Geschichte zum Besten, von der Charlie allerdings nur Bruchstücke verstand: Mensch, der auf die Uhr schaut, laufen, ins Schwitzen kommen, Tasse, vorne aufs Hemd gekleckert. Ob der Lehrer hören oder sprechen konnte, war aus seinem Verhalten nicht zu erkennen.

Eigentlich war der Unterricht für Anfänger gedacht, doch es war klar zu erkennen, dass alle hier Charlie weit voraus waren. Sie kannte das Fingeralphabet, dies jedoch nur dank eines Crashkurses im Internet, den sie in den Stunden vor dem Unterricht gemacht hatte und der sich nun als wesentlich weniger nützlich herausstellte als gedacht. Das Alphabet ging auf die englische Lautsprache zurück, und Charlie beobachtete die anderen, wie sie sich darauf stützten, mühsam an der Ausführung arbeiteten und Ketten von Wörtern aneinanderreihten. Nur der Lehrer benutzte nie das Fingeralphabet, auch nicht, wenn man ihn mit blankem Entsetzen in den Augen anschaute, so wie Charlie und ihr Vater es jetzt taten. Erst wenn die entsetzten Blicke überhandnahmen, änderte er seinen Kurs und ging zu einer flinken Pantomime dessen über, was er gerade gesagt hatte. Da war er, er bestieg einen Bus, gab seinen Platz an einen alten Mann mit Stock ab, brachte den Rest des Weges stehend zu und hielt sich an der Halteschleife fest, um nicht umzufallen, wenn der Bus eine scharfe Kurve machte. Die Atmosphäre im Klassenzimmer lockerte sich auf. Vielleicht konnten sie das hier ja doch noch lernen.

Der Lehrer drehte sich zur Tafel und schrieb: »Wie geht es dir?«

Er tippte mit seinem Kreidestück auf das Wort »wie« und zeigte dann das Wort in der Gebärdensprache.

Wie.

Es war eine drehende Bewegung, als würde jemand etwas auseinandernehmen, um zu sehen, wie es funktioniert.

Dann tippte er auf »du«.

Du.

Das war leicht – man zeigte einfach auf die Person.

Er tippte auf das Fragezeichen, zeigte dann auf seine Augenbrauen, die er angehoben hatte.

Wie + du + Augenbrauen.

Als sie an der Reihe mit dem Antworten war, gab ihm Charlie einfach ein Okay-Zeichen mit gehobenem Daumen.

Der Lehrer wiederholte den Vorgang, schrieb »Wie heißt du?« an die Tafel und zeigte die entsprechenden Gebärden, allerdings waren sie diesmal nicht in der richtigen Reihenfolge.

Du.

Name. Zeige- und Mittelfinger der einen Hand tippten zweimal von oben auf diejenigen der anderen Hand.

Was. Hände nach beiden Seiten ausgebreitet, mit der Handfläche nach oben. Eine Geste, die an ein Achselzucken erinnerte.

Wieder Augenbrauen, diesmal nach unten.

Du + Name + Was – Augenbrauen.

Hier kam das Fingeralphabet ins Spiel, und Charlie war dankbar, dass sie wenigstens ihren eigenen Namen buchstabieren konnte.

Ich – Name – C-h-a-x-l-i-e, sagte sie.

Der Lehrer schüttelte den Kopf, zeigte auf seine eigene Hand.

C.

Er zeigte auf Charlie.

C.

H.

H.

A.

A.

R.

Verdammt.

R, ahmte sie ihn nach.

Er hielt den Daumen hoch.

Noch mal, sagte er.

Alle warteten, schauten ihr zu.

Ich – Name – C-h-a-r-l-i-e.

Der Lehrer nickte und nahm sie der Reihe nach alle dran. Als jeder einmal dran gewesen war, kehrte er an die Tafel zurück, schrieb die Wörter »gehörlos«, »hören«, »Sohn«, »Tochter«, »Bruder«, »Schwester« und zeigte sie dann in Gebärdensprache:

Die anderen stellten sich auch vor. Die meisten von ihnen waren Eltern oder Verwandte von jüngeren Schülern an der River Valley.

Ich höre. Mein Sohn gehörlos.

Einige schienen die Gehörlosigkeit ihres Kindes entweder zu akzeptieren oder sich damit abgefunden zu haben, während anderen anzusehen war, wie sehr sie die Situation belastete, doch alle waren Charlies eigenen Eltern oder zumindest ihrer Mutter im Trauerprozess weit voraus – immerhin nahmen sie an dem Kurs teil. Es gab ein Mädchen, das aussah, als könnte es auf der Highschool sein, und sagte:

Ich kann hören. Meine Schwester gehörlos,

aber soweit sie es beurteilen konnte, war Charlie die einzige Schülerin von River Valley, die anwesend war. Denn in der Tat war es ein bisschen lächerlich – ein gehörloses Kind auf einer Schule für Gehörlose, das keine Gebärdensprache konnte.

Ich gehörlos, sagte sie, als sie dran war.

Der Lehrer zwinkerte. Ihr Vater gab seine Gebärden zum Besten und sah Charlie an, als er das Amalgam der Wurzelwörter Mädchen + Baby gebärdete, das Tochter bedeutete. Die Zärtlichkeit, mit der er gebärdete, rührte sie, war ihr aber auch ein wenig peinlich. Doch während Charlie den anderen zusah, fand sie etwas an ihren Äußerungen beunruhigend. Da fehlte etwas. Wo war das Verb »sein«? Wer bist du? Wie ist dein Name? Vielleicht war das ja für Anfänger noch zu schwierig.

Den Rest der Stunde verbrachten sie damit, auf Dinge zu zeigen und zu lernen, wie man sie gebärdete, doch das verstärkte nur Charlies Neugier – wie mochte wohl das Nomen für »sein« aussehen, und lag die Antwort auf ihre Fragen hier begraben? Am liebsten hätte sie sich an den Lehrer gewandt, doch ihr fehlten die Gebärden, um die Frage zu formulieren.

In jener Nacht blieb sie lange wach und suchte im Internet nach Wörterbüchern der Gebärdensprache, wühlte sich durch endlose Abfolgen von GIFs und Bildern von kahlköpfigen Strichmännchen, die gebärdeten. Sie suchte nach der Gebärde für »sein« und bekam auf mehreren Websites die Antwort, dass es tatsächlich nicht existierte. Eine befriedigende Erklärung dafür gab es allerdings nicht.

February war in dem mit blauen Schindeln verkleideten Haus ihrer Familie am Rande von East Colson zur Welt gekommen, in dem hinteren Schlafzimmer, das später ihr Kinderzimmer werden sollte. Als die Wehen im Abstand von sechs Minuten kamen, schickte ihre Mutter ihren Mann in die Stadt, damit er ihre Schwester Mae holte, während sie in der Küche auf und ab ging und das Wasser aus ihrer geplatzten Fruchtblase mit dem Fuß und einem Geschirrtuch aufzuwischen versuchte. TTYs, klobige elektromechanische Schreibmaschinen, die ans Festnetz angeschlossen waren, hatten seit den Sechzigern Gehörlosen eine frühe Art von Textnachrichten ermöglicht, doch sie waren immer noch kostspielig. Damals hatte Februarys Mutter die Ausgabe für unnötig befunden, weil der Großteil ihrer Familie nur ein paar Minuten weiter im Zentrum der Stadt wohnte. Doch diese schmerzhaften Minuten, während sie an einem glühend heißen Spätaugusttag in den Wehen lag, ging nicht spurlos an ihr vorüber – eine von Februarys frühesten Erinnerungen war die Zeit, in der sie an der Tastatur des TTY ihrer Familie herumspielte.

Februarys Mutter war schmal, litt an Asthma und hätte ganz bestimmt medizinische Unterstützung während der Geburt gebraucht, doch sie hatte schon vor langer Zeit beschlossen, das Kind zu Hause zu bekommen. Es wäre viel beunruhigender, ja sogar gefährlich, ihr Kind an einem Ort zur Welt zu bringen, wo niemand die Gebärdensprache beherrschte. In der Community der Gehörlosen kursierten zahlreiche Schauergeschichten über Dinge, die sich in Krankenhäusern zugetragen hatten, insbesondere während der Wehen und des Geburtsvorganges. Die Freundin ihrer Mutter, Lu, hatte man einfach in den Operationsraum geschoben, ohne ihr mitzuteilen, dass sie einen Kaiserschnitt bekommen würde; eine Frau unten in Lexington war an einem Blutgerinnsel gestorben, nachdem das Pflegepersonal ihre Klagen über Schmerzen ignoriert hatte, die sie auf ein Papiertaschentuch geschrieben hatte. Den sogenannten Americans with Disabilities Act, das Gesetz, das Krankenhäusern vorschreibt, gehörlose Patienten adäquat zu behandeln, gab es damals noch nicht. Deshalb hatte Februarys Mutter beschlossen, kein Risiko einzugehen – und wenn sie keine Epiduralanästhesie bekam, würde sie wenigstens wissen, wie zum Teufel sich das alles anfühlte.

In der Welt der Hörenden existiert das große Missverständnis, dass gehörlose Menschen still sind. Wenn den Nachbarn der Familie Waters noch nicht bewusst gewesen war, dass dieses Stereotyp nicht der Wahrheit entsprach, wurde es ihnen spätestens bei Februarys Geburt klar, als ihre Mutter so laut schrie, dass Mr. Callhorn von gegenüber über die Straße und direkt durch die Haustür gelaufen kam, weil er dachte, dass im Haus ein Mord begangen wurde.

Ihre Mutter liebte es, diese Geschichte von Februarys Geburt zu erzählen und dabei in Mr. Callhorns Rolle zu schlüpfen, wie es nur die Gebärdensprache ermöglichte, der massive Körper, der ins Schlafzimmer gestürzt kam, und der Ausdruck blanken Entsetzens auf seinem Gesicht, als ihm klar wurde, was dort gerade passierte.

Denn was er da sah, war für ihn wahrscheinlich noch viel schlimmer als ein Mord!

Genau so erzählte sie es jedes Jahr, und obwohl February die ewige Wiederholung von Geschichten als Zeichen für die Verschlechterung des Geisteszustandes ihrer Mutter betrachtete, war sie für diese besondere Episode immer dankbar.

February hatte sich den Nachmittag freigenommen, um mit ihrer Mutter zu Mittag zu essen, eine Geburtstagstradition, die ihr in diesem Jahr besonders wichtig war. Während sie mit ihr im Auto nach Colson fuhr, blickte sie mehrfach auf den Beifahrersitz zu ihrer Mutter, die aus dem Fenster schaute, während das Stadtleben an ihr vorbeizog. In letzter Zeit hatte February beschlossen, so viel wie möglich über die Kindheit ihrer Eltern herauszufinden, über die Zeit ihres Kennenlernens als Paar und ihre eigenen frühen Jahre, bevor das alles durch die Demenz buchstäblich in Vergessenheit geraten würde. Wie war denn Colson gewesen, als sie dorthin gezogen waren? Fuhr damals noch die sagenumwobene Nord-Süd-Straßenbahn, die February nur aus Geschichten kannte?

Colson hatte sich so sehr verändert, seit February dort lebte, ein Wandel im Auf und Ab, wie er typisch für den industriell geprägten Rust Belt der USA war. Früher hatte es hier große Unternehmen gegeben – General Electric ganz im Westen und Goodyear im Osten –, doch in den vergangenen Jahrzehnten war die Stadt zuerst geschrumpft, dann niedergebrannt und hatte sich schließlich wie Phoenix wieder aus der Asche erhoben.

Heutzutage humpelte GE deutlich angeschlagen durch die Welt, seine besten Zeiten waren lange vorüber. Wahrscheinlich fühlte man im Hauptquartier in Cincinnati eine Verbundenheit mit dem Süden Ohios, mutmaßte February. Die gleiche Solidarität hatte Colson im Jahre 2001 in Brand gesteckt, als die Polizei von Cincinnati den neunzehn Jahre alten Timothy Thomas wegen ein paar Strafzetteln ermordet hatte. February hatte damals in Cincy ihre Doktorarbeit geschrieben und hatte an jenem Nachmittag friedlich auf der Straße demonstriert. Doch als Cincys Proteste gewalttätig wurden, hatte auch Colson nachgezogen – nach einem Abendseminar war sie nach Hause gekommen und hatte aus dem Fernsehen erfahren, dass East Colson buchstäblich in Flammen stand.

Inmitten der Unruhen hatte Goodyear die Ausrede gefunden, nach der die Firma gesucht hatte, und stellte die Produktion ein. Die Unruhen dauerten nur vier Tage an, doch die Fabrik blieb geschlossen. Die höheren Tiere gingen zurück nach Akron, die Verträge wurden von Brasilien übernommen, und die Arbeiter aus Colson hatten das Nachsehen. Als die Zeit für einen Wiederaufbau gekommen war, reklamierte die Stadt ihren Bankrott, und auch wenn es stimmte, dass Colsons Steuereinnahmen ohne den Reifengiganten schwere Einbußen hinnehmen mussten, wusste February, dass die Zurückhaltung der Behörden der Demografie der Arbeiterklasse von East Colson geschuldet war. Nächstes Mal, dachte sie, mussten sie Proteste niedrig halten und schauen, ob die Stadt dann die Mittel für den Wiederaufbau hatte.

Es hatte eine große Fluchtbewegung der Weißen gegeben, und danach hatten die Verantwortlichen der Stadt prompt an allen Ecken und Enden die Finanzierung gestoppt. So kam es, dass Schlaglöcher in den Straßen nicht mehr repariert wurden und niemand die Glühbirnen in den Lampen wechselte. Die städtische Middle School wurde geschlossen und das Gebäude an eine Firma verpachtet, die nach nur vier Jahren die Segel strich. Jeder, der konnte, zog in Richtung City um oder gleich nach draußen in die Suburbs. Ihre Eltern jedoch hatten das kleine blaue Haus behalten, und selbst als February erwachsen war und auszog, blieb East Colson der Ort, für den ihr Herz schlug. Sie liebte es mit der territorialen Entschlossenheit, die sonst nur eifrigen Sportfans eigen ist.

Zwanzig Jahre später belegte ein aufstrebendes Pharmaunternehmen einen Flügel der alten Reifenfirma, eine Handvoll Handwerksbetriebe schossen an ihren Rändern in die Höhe, doch vieles in East Colson wirkte wie ausgehöhlt. Als die South Eastern Ohio Regional Transportation Authority die Haltestelle der Straßenbahn bei Goodyear und an der Vine Street kappte, bekam die Gegend den Beinamen »Hier hat es niemand eilig«, was February wenig originell und problematisch fand, obwohl ihr eigentlich kein Urteil zustand – sie war, schon seit ihre Mutter bei ihr eingezogen war, nicht mehr dort gewesen.

Wie auch immer lag am Rande von East Colson, wo das Viertel langsam ins Zentrum überging, Februarys Lieblingslokal für ein Mittagessen: das Chipped Cup. Dabei handelte es sich um einen einfachen Imbiss, in dem keine Tasse zur anderen passte, der Kaffee stark war und das Servicepersonal alle Hände voll zu tun hatte, um den Gästen nachzuschenken. Zudem hatte die Kneipe das, was February für den wichtigsten Hinweis auf gutes Essen hielt – sie schloss um drei Uhr nachmittags. Wenn sie es tatsächlich schafften, ihren Umsatz nur mit Frühstück und Sandwiches zu machen, dann konnte man sich getrost darauf verlassen, dass die Sandwiches gut waren.

February warf Geld in die Parkuhr und half ihrer Mutter aus dem Wagen, setzte sie in eine Nische in der Nähe des großen Fensters. Mel saß lieber hinten, doch February und ihre Mutter beobachteten gerne Leute. Die Einrichtung des Chipped Cup war altmodisch, es gab jede Menge Vinyl und Resopal, doch das war keine bewusste Entscheidung für Vintage. Vielmehr schien es den Besitzern einfach nicht wichtig zu sein, etwas zu ändern. Während ihre Mutter die Speisekarte studierte, kam eine Kellnerin und goss ihnen unaufgefordert Kaffee ein, als hätte es niemals einen Gast gegeben, der keinen wollte. Ihre Mutter hob die Tasse, und sie stießen an.

Prost!, sagte sie. Und vergiss nicht, ich lade ein.

Kommt nicht infrage. Geht auf mich.

Du hast doch Geburtstag.

Aber du hattest die ganze Arbeit.

Ihre Mutter lachte, ein Geräusch aus tiefer Kehle, das vollkommen unbeeindruckt von dem klang, was sich die Welt unter einem Lachen vorstellte.

Da hast du wohl recht.

Erzähl mir doch noch mal, wie du und Dad euch kennengelernt habt, sagte February nach einer Weile.

Und ihre Mutter stellte ihre Tasse ab und schilderte ihr, was damals passiert war.

Charlie merkte schon sehr früh, dass sie nicht die Tochter war, die sich ihre Mutter gewünscht hatte. Doch das lag, wie ihr allmählich klar wurde, nicht an ihrer Gehörlosigkeit (auch wenn diese der Sache nicht zuträglich war). Sie waren einfach zu verschieden, und das machte alles noch schlimmer.

Als sie noch jünger war, war es leicht gewesen, sich über ihre Beziehung zu ärgern und über all die Dinge, die ihre Mutter an ihr missverstand. Doch in letzter Zeit stellte Charlie fest, dass sie manchmal Mitleid für ihre Mutter empfand. Wie in einem Gedankenblitz sah sie sich selbst mit den Augen ihrer Erzeugerin – ein Wildfang, fast wie ein Junge, der die Hoffnungen ihrer Mutter auf eine Schönheitskönigin zertrampelte, mit zerrissenen Jeans und Grasflecken und Taschen voller Steine, die die Trommel des Wäschetrockners verstopften, ein Mädchen, das sich so lange dagegen wehrte, beim Besuch der Großeltern ein Kleid zu tragen, bis eine von ihnen in Tränen ausbrach. Ihre Mutter war eine schlanke Frau mit feinen Zügen, die immer den äußeren Schein wahrte, ob sie nun glücklich war oder nicht. Auf der Jefferson war sie eins der beliebten Mädchen gewesen, genau die Art Mädchen, die jetzt auf Charlie herumhackten. Und irgendwann kam ihr der Gedanke, dass es, bevor sie auf die Welt gekommen war, lange Zeit nichts und niemanden gegeben hatte, der sich ihrer Mutter in den Weg gestellt hätte.

Sie waren beide gleichermaßen stur, was zu vielen Streitigkeiten führte, bis es letztes Jahr, ausgerechnet im Einkaufszentrum, eskaliert war. Es passierte in der Vorweihnachtszeit, und Charlie konnte sich an den eigentlichen Grund des Streits gar nicht mehr erinnern, nur dass in der Mall die Gerüche nach menschlichen Körpern, nach Warenhausbeduftung und Zimtschnecken und die kreischenden Begeisterungsschreie aus der Fotobox des Weihnachtsmannes wie ein Brandbeschleuniger wirkten, bis ihre Mutter schließlich hervorstieß: »Du weißt ja gar nicht, wie das ist, wenn man ein menschliches Wesen hervorgebracht hat, das einen hasst!«

Als sie dann merkte, dass sie mit ihrem lauten Ton die Aufmerksamkeit anderer Kunden auf sich zog, stürmte sie davon, durch den Food Court und auf die Toilette.

Charlie war sprachlos. Wenn ihre Mutter das Haus verließ, bedeutete die äußere Fassade ihr alles: dickes Make-up, schicke Frisur, saubere und gebleachte Zähne, lackierte Nägel und eine Handtasche, die zu den Schuhen passte. Und selbst bei all den Streitigkeiten ihrer Eltern hatte Charlie es nicht ein einziges Mal erlebt, dass ihre Mutter in der Öffentlichkeit die Fassung verlor.

Charlie lief ihr hinterher und stellte sich vor das Abteil, wo sie unter der Tür die Schuhe ihrer Mutter erspäht hatte.

»Ich hasse dich nicht«, sagte sie an die Tür gerichtet. Doch danach wusste sie nicht, wie es weitergehen sollte.

Seitdem waren sie nicht mehr in der Mall gewesen.

Als ihre Mutter ihr nun vorschlug, zusammen für die Schule einzukaufen, hätte Charlie am liebsten abgelehnt. Sie hätte alles dafür gegeben, bei ihrem Vater in der Wohnung bleiben und in Ruhe ihre Sachen zu Ende packen zu können, statt in die Suburbs zu fahren und mit ihrer Mutter darüber zu streiten, ob sie zuerst zu Old Navy oder zu Home Sense gehen sollten. Doch jetzt, wo sie nicht mehr beieinander wohnten, fühlte sich Charlie schuldig – durfte sie denn überhaupt ablehnen? Außerdem hatte die RVSD gerade tatsächlich eine Materialliste für Schule und Wohnheim geschickt. Und so standen sie nun nebeneinander vor einem gigantischen H&M, während ihre Mutter, übertrieben aufgeregt, Charlie davon zu überzeugen versuchte, wie wichtig es sei, gleich zu Beginn einen guten Eindruck in der Schule zu machen. Vollkommen unangebracht war ihr damaliger Ausbruch in der Mall jedenfalls nicht gewesen: Es war schwer sich vorzustellen, dass die beiden jemals so etwas wie eine Einheit gewesen waren.

»Du könntest dich noch einmal neu erfinden!«, sagte ihre Mutter.

Charlie zog kurz in Erwägung, ihrer Mutter zu sagen, dass sie sich noch nie erfunden hatte. Zugegeben, sie hatte sich an der Jefferson einen gewissen Stil angewöhnt, eine Mischung aus Punk und Mod, was bedeutete, dass sie vor allem dunkle Kleidung trug und finster in die Gegend blickte. Sie hing nicht wahnsinnig an dieser Rolle (sie verschwand sogar ganz, wenn sie verschlafen hatte), aber immerhin schützte der Look sie wie ein Panzer. Es war eine Art solidarisches Nicken anderen Außenseitern gegenüber und deutete den beliebteren Kids an, dass sie vielleicht nicht in jeder Hinsicht schräg war, nur was ihr Kunstverständnis anging oder etwas anderes betreffend, das sie nicht verstanden. Ein zusätzlicher Vorteil war, dass sie ihre Mutter damit ärgern konnte. Die hatte in ihrer Schulzeit weiße Turnschuhe und Faltenröcke getragen.

Charlie blickte dem Shoppingausflug also bestenfalls mit gemischten Gefühlen entgegen, und doch kam nach einer Weile eine ungewohnte Harmonie zwischen ihnen auf. Bei Boscov erstanden sie Bettlaken in Extralänge und einen Sack für die schmutzige Wäsche, außerdem einen Kulturbeutel und ein paar Handtücher. Und obwohl ihr Geschmack in Sachen Mode kaum unterschiedlicher sein könnte, half Charlies Mutter ihr, eine Jeans zu finden, die nicht hinten am Bund klaffte. Einmal lachten sie sogar miteinander – es ging um die Frage, wie furchtlos man sein musste, um eine Hose mit geknöpftem Schlitz zu tragen.

Schließlich hatte sie ihre Odyssee durch die Läden und die Gesellschaft der jeweils anderen so ermattet, dass sie im Food Court landeten.

»Sollen wir uns einen Frozen Yoghurt holen?«, fragte ihre Mutter.

O-k, gebärdete Charlie.

Einen Moment lang war ihre Mutter stumm, und Charlie sorgte sich, sie könnte sie verärgert haben. Das war nicht ihre Absicht gewesen. Jeden Abend seit jener ersten Stunde in Gebärdensprache hatte sie vor dem Computer gesessen und sich neue Gebärden eingeprägt, bevor sie ins Bett gegangen war; während des Tages wanderte sie in der Wohnung ihres Vaters umher und übte im Fingeralphabet die Bezeichnungen von wahllosen Objekten im Haushalt. In diesem Moment nun war sie zwar stolz auf sich selbst, weil sich diese beiden Buchstaben erfolgreich in ihr Muskelgedächtnis eingeprägt hatten, trotzdem faltete sie die Hände anschließend stumm auf ihrem Schoß.

»Zeig es mir«, sagte ihre Mutter leise.

Charlie formte noch einmal die beiden Buchstaben und nahm dann die Hand ihrer Mutter und half ihr, das K zu bilden.

Sie holten sich zwei Waffelhörnchen mit Orangenschaum und setzten sich an einen Tisch. Charlie tat ihre Narbe wieder weh, versuchte aber, sich nichts anmerken zu lassen. Das Gesicht ihrer Mutter sah angestrengt aus, als wäre sie dabei, insgeheim eine Matheaufgabe zu lösen.

»Also«, sagte ihre Mutter nach einer Weile. »Musst du denn jetzt alles im Fingeralphabet buchstabieren?«