Klassenziel - T. A. Wegberg - E-Book

Klassenziel E-Book

T. A. Wegberg

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Beschreibung

«Morgen gibt’s Zeugnisse», sagte Dominik. Wir starrten beide geradeaus in die Dunkelheit. Ich versuchte, mein Zittern zu unterdrücken.
«Du kriegst ja bestimmt wieder eins zum Einrahmen», fuhr er fort. Und nach einer Pause: «Und ich hab das Klassenziel nicht erreicht.»
Ich gab immer noch keine Antwort.
«Aber es gibt ja noch andere Ziele. Höhere Ziele. Oder bewegliche Ziele.» Er lachte, und ich fragte mich, was daran witzig sein sollte.
Siebzehn Leben hat Dominik bei einem Amoklauf in der Schule ausgelöscht – und am Ende auch sein eigenes verloren. Schuldgefühle, Trauer, Medienrummel und die Trennung seiner Eltern bringen Dominiks Bruder Jamie an seine Grenzen.
In Berlin muss er wieder bei null anfangen und versuchen, sich ein neues Leben aufzubauen. Nicht ganz einfach, wenn die eigene Familie in Trümmern liegt und man ständig Angst haben muss, als Bruder eines Massenmörders erkannt zu werden. Doch dann lernt er Kenji kennen, der Musikmachen genauso liebt wie Jamie und sogar eine eigene Band hat ...

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 349




T. A. Wegberg

Klassenziel

Rowohlt Digitalbuch

Inhaltsübersicht

Widmung1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel10. Kapitel11. Kapitel12. Kapitel13. Kapitel14. Kapitel15. Kapitel16. Kapitel17. Kapitel18. Kapitel19. Kapitel20. Kapitel21. Kapitel22. Kapitel23. Kapitel24. Kapitel25. Kapitel26. Kapitel27. Kapitel28. Kapitel29. Kapitel30. Kapitel31. Kapitel32. Kapitel33. Kapitel34. Kapitel35. Kapitel36. Kapitel37. Kapitel38. Kapitel39. Kapitel40. Kapitel41. Kapitel42. Kapitel43. Kapitel44. Kapitel45. Kapitel46. Kapitel47. Kapitel48. Kapitel49. Kapitel50. Kapitel51. Kapitel52. Kapitel53. Kapitel54. Kapitel55. Kapitel56. Kapitel57. Kapitel58. Kapitel59. Kapitel60. Kapitel61. Kapitel62. Kapitel63. Kapitel64. Kapitel65. Kapitel66. Kapitel67. Kapitel68. Kapitel69. Kapitel70. Kapitel71. Kapitel72. Kapitel73. Kapitel74. Kapitel75. Kapitel76. Kapitel77. Kapitel78. Kapitel79. Kapitel80. Kapitel81. Kapitel82. Kapitel83. Kapitel84. Kapitel85. Kapitel86. Kapitel87. Kapitel88. Kapitel89. Kapitel90. Kapitel91. Kapitel92. Kapitel93. Kapitel94. Kapitel95. Kapitel96. Kapitel97. Kapitel98. Kapitel99. Kapitel100. Kapitel101. Kapitel102. Kapitel103. Kapitel104. Kapitel105. Kapitel106. Kapitel107. Kapitel108. Kapitel109. Kapitel110. Kapitel111. Kapitel112. Kapitel113. Kapitel114. Kapitel115. Kapitel116. Kapitel117. Kapitel118. Kapitel119. Kapitel120. Kapitel121. Kapitel122. Kapitel123. Kapitel124. Kapitel125. Kapitel126. Kapitel127. Kapitel128. Kapitel129. Kapitel130. Kapitel131. KapitelDank
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Für Peer Adrian. Ich wünschte, du wärst noch hier.

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1

Die junge Frau mit der Sonnenbrille geht in die Hocke und breitet beide Arme aus. Hinter ihr glitzern die Wellen. Sie lacht, während die beiden Jungen auf sie zurennen. Der größere in der blauen Badehose ist acht oder neun Jahre alt, hat kurzes dunkles Haar und ist ziemlich dünn. Verbissen kämpft er sich gegen den kräftigen Seewind vorwärts. Der etwa siebenjährige mit dem Blondschopf und den geblümten Bermudas hat kürzere Beine. Er fällt ein, zwei Meter zurück, trotzdem lacht er beim Laufen. Kurz vor dem Ziel stolpert der größere über ein Stück Treibholz und gerät ins Straucheln. Der kleine nutzt seine Chance, überholt ihn und landet mit strahlendem Siegerlächeln als Erster in den Armen der Mutter. Sekunden später nimmt sie auch den großen liebevoll in Empfang, doch seine Lippen sind fest aufeinandergepresst und biegen sich nach unten, und sein Blick geht hinaus aufs Meer, als sie ihn an sich drückt.

Das ist eins der alten Videos, die ich mir immer wieder angucke. Manchmal drücke ich die Pause-Taste und starre minutenlang in Dominiks Gesicht. Er konnte seine Gefühle damals noch nicht so gut verbergen. Man sieht ihm die Enttäuschung an, die Wut und die Niederlage. Während unsere Mutter ihn umarmt, hängen seine Hände schlaff an seinem mageren Körper runter wie Ruderblätter.

Damals hab ich noch geglaubt, Nick wäre das Lieblingskind meiner Eltern. Er war größer und älter, er wusste mehr, er durfte abends länger aufbleiben, er hatte die cooleren Spielsachen und bekam neue Klamotten, während ich manchmal seine auftragen musste. Ich versuchte immer, so zu sein wie er, weil ich dachte, das würde von mir erwartet.

Erst viel später ist mir klargeworden, dass Nick eifersüchtig auf mich war, weil ich jünger, niedlicher und fröhlicher war, weil ich immer lachte, während er alles so ernst nahm, und weil ich drollige Kindersprüche von mir gab, wenn er mal wieder kein Wort rauskriegte.

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2

Du musst los, Jamie.» Mein Vater öffnet die Tür nur einen Spaltbreit und schiebt den Kopf durch.

«Ich weiß.» Seufzend beende ich alle Programme auf meinem Laptop und schalte ihn aus. Meinen Schulrucksack habe ich gestern schon gepackt. Er ist federleicht, weil ich keine Ahnung habe, was ich mitbringen muss; ich hab nur einen Block und meine Federtasche reingelegt.

Ich gehe ins Bad, um mir die Zähne zu putzen. Nachdenklich betrachte ich mein Spiegelbild. Meine Haare sind nicht mehr so hell wie auf dem Video, aber immer noch blond und lang. Ich streife sie nach hinten und halte sie im Nacken zusammen. So sehe ich irgendwie älter aus. Mein Gesicht ist schmal geworden in den letzten Wochen. Mein Vater hat gesagt, es wäre jetzt markanter. Wenn ich ganz nah an den Spiegel rangehe, erkenne ich einen blonden Flaum auf meiner Oberlippe. Ich bin nicht mehr Jamie. Ich bin Benjamin.

 

Nick wäre schweigsam und verschlossen, hieß es. Meine Eltern sagten das, und seine Lehrer auch. Ich war dann immer ein bisschen erstaunt, denn mir kam er eigentlich gar nicht so wortkarg vor. Zum Beispiel erzählte er mir abends beim Einschlafen gerne selbst erfundene Gruselgeschichten.

Wahrscheinlich hatten die ziemlich viele logische Schwächen, aber das merkte ich natürlich nicht. Wichtig war, dass ich vor Spannung und Angst kaum noch Luft kriegte, mit weit aufgerissenen Augen in die Dunkelheit starrte und mich nicht traute einzuschlafen, weil eine der Figuren aus seinen Erzählungen lebendig werden und sich auf mich stürzen konnte.

Zum Beispiel dieser Zombie, der seit Jahrhunderten ziellos durch die Städte irrte und sich von menschlichem Fleisch nährte. Oder der zwei Meter große Wolf, der sein abgeschlachtetes Rudel rächen wollte. Am meisten Angst hatte ich vor dem Wahnsinnigen mit der Maske und dem langen schwarzen Umhang, der schlafende Kinder aus ihren Betten klaute und in seinen Keller sperrte und auf alle möglichen Arten quälte.

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3

Ich habe in meiner Schreibtischschublade ein Gummiband gefunden und mir die Haare im Nacken zu einem festen Pferdeschwanz zusammengebunden. Mein Vater mustert mich überrascht, sagt aber nichts zu meiner Verwandlung. Er drückt mir zwei Äpfel in die Hand. «Soll ich dich wirklich nicht bringen?»

«Nee, lass mal. Ich schaff das schon.»

Er umarmt mich schweigend. Meine Knie sind ein bisschen wacklig, als ich die Treppe runtergehe und das Haus verlasse.

 

An Nicks ersten Schultag auf dem Gymnasium kann ich mich noch gut erinnern – sogar besser als an meinen eigenen. Ich war neidisch, dass er jetzt zu den Großen gehörte, während ich noch zwei Jahre zur Grundschule gehen musste.

Wir hatten uns das Gymnasium mit unseren Eltern vorher gemeinsam angeguckt, und ich war schwer beeindruckt. Manche Schüler hatten schon Bartwuchs, einige waren sogar größer als mein Vater. Statt Schulranzen hatten sie Ledertaschen unterm Arm wie Geschäftsleute. Sie standen in kleinen Grüppchen auf dem Schulhof zusammen und unterhielten sich, statt schreiend rumzurennen und sich zu prügeln. Und sie hatten ganz tiefe, respekteinflößende Stimmen.

Ich dachte, dass Nick an dieser Schule irgendwie beschützt sein würde. An der Grundschule ging es ja darum, wer am lautesten und am wildesten war. Den Kampf hatte Nick verloren, so viel stand fest. Er hatte keine Freunde gefunden, und seine Lehrerin beschwerte sich immer darüber, dass er sich zu wenig am Unterricht beteiligte. Aber hier, unter lauter ernsthaften, erwachsenen Gymnasiasten – da würde er bestimmt endlich zeigen können, was er draufhatte.

Für mich war die Grundschule eher easy going. Ich konnte laut und wild sein, wenn es sein musste. Ich war sportlich und gewann die meisten Schulhofkämpfe. Meine Noten waren ganz gut; wenn ich mich angestrengt hätte, wären sie noch besser geworden. Und ich hatte kein Problem damit, mich am Unterricht zu beteiligen, weil ich nicht groß überlegte, ob mein Beitrag irgendeinen tieferen Sinn hatte. Manchmal kriegte ich einen übergebraten, wenn ich einfach losquatschte, statt mich zu melden, aber im Großen und Ganzen sammelte ich bei den Lehrern eher Pluspunkte.

Freunde hatte ich auch, und zwar von Anfang an. Ein paar Jungs kannte ich schon aus dem Kindergarten. Dann lernte ich im Fußballverein welche kennen und manche auch an der Musikschule. Ich fand Freunde immer total selbstverständlich und kapierte einfach nicht, warum Nick keine hatte. Also schlug ich ihm welche vor: «Was hältst du eigentlich von diesem Mike? Der mit der kleinen Schwester, die in der 1c ist?»

«Der ist blöd. Der hat doch nur Sport im Kopf.»

«Und von Kevin?»

«Keine Ahnung. Ich weiß nur, dass der tierisch Mundgeruch hat.»

«Hm. Was ist denn mit Jan?»

«Jan?! Der ist doch total behindert!»

«Oder Steffen! Ich glaub, der ist ganz nett, und außerdem wohnt der bei uns in der Nähe!»

«Der ist voll der Streber, Mann.»

Nachmittags hatte ich Sport oder Musikunterricht, während Nick fast immer nur in unserem Zimmer hockte und sich irgendwie allein beschäftigte. Im Sommer kamen meine Freunde oft zu Besuch, weil wir so einen großen Garten hatten. Wir bauten uns eine kleine Hütte ganz hinten am Zaun, wo wir vom Haus aus nicht zu sehen waren.

Ich hätte Nick wahrscheinlich fragen sollen, ob er mitmachen wollte. Aber, na ja, ehrlich gesagt war er mit seiner komischen Art ein bisschen peinlich, und meine Freunde mochten ihn auch nicht besonders. Till hat mal gesagt, er wäre ihm unheimlich. Und außerdem hätte Nick mich bestimmt sowieso nur abblitzen lassen.

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4

Gewohnheitsmäßig gucke ich erst mal nach rechts und dann nach links, bevor ich aus der Haustür gehe. Ich checke alle am Straßenrand geparkten Autos und versuche zu erkennen, ob in einem davon jemand mit einer Kamera sitzt. Die ersten Schritte nach draußen mache ich immer ganz langsam, damit ich die Chance habe, wieder zurückzurennen und mich drinnen zu verschanzen, falls mir jemand auflauert. Schon krass, wie schnell einem so was zur Gewohnheit wird.

 

Früher hab ich mich gern fotografieren oder filmen lassen. Auf Familienbildern war ich immer der Sonnyboy, während Dominik angepisst guckte, die Augen zuhatte oder gerade den Kopf wegdrehte. Wenn Freunde oder Verwandte in unseren Fotoalben blätterten, gingen sie immer total ab, weil ich so niedlich in die Kamera strahlte. Zu Nick sagten sie praktisch nichts.

Dominik sah nicht besonders toll aus. Ich meine, er war mein Bruder, und natürlich liebte ich ihn so, wie er war. Im Kindergarten war ich neidisch auf seine langen Beine, und später gab es mal eine kurze Phase, wo ich gerne dunkelhaarig gewesen wäre wie er. Aber im Großen und Ganzen war mir immer klar, dass Nick optisch einfach nicht der Burner war.

In der Pubertät wurde das noch schlimmer. Irgendwie passten seine Einzelteile überhaupt nicht richtig zueinander und waren alle zu lang oder zu dünn. Sein Hals sah aus wie bei einem Hühnervogel, und er hatte Pickel, und dann immer diese kurzgeschorenen Haare.

Nicht dass ich jetzt falsch verstanden werde. Ich bin nicht eitel. Na ja, nicht sehr eitel jedenfalls. Immerhin dusche ich jeden Morgen und wasche mir die Haare. Wenn die so lang sind, muss man das, sonst sieht man aus wie ein Penner. Außerdem hab ich immer viel Sport gemacht und bin also einigermaßen durchtrainiert.

Manchmal wollte ich Dominik ein bisschen auf die Sprünge helfen. «Bei New Yorker gibt’s T-Shirts für vier fünfundneunzig! Soll ich dir mal welche mitbringen?»

«Wenn das so kreischbunte Tuntenfähnchen sind wie das, was du anhast – nein danke.»

«Du könntest doch mal versuchen, dir die Haare wachsen zu lassen. Ich glaub, das würde dir stehen.»

«Und dann jeden Morgen ’ne halbe Stunde föhnen, was? Ey, ich hab echt was Besseres zu tun.»

Dominik kriegte es wirklich hin, dass ich mir nach jedem meiner gutgemeinten Vorschläge vorkam wie ein Igel, der versucht, eine Haarbürste zu poppen. Ahnungslos, naiv, lächerlich. Ich traute mich dann auch immer seltener, was zu sagen.

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5

Völlig unbehelligt gehe ich die Soldauer Allee runter bis zur Heerstraße. In dieser Ecke ist Berlin so verschlafen wie ein Dorf. Der erste Besuch bei meinem Vater nach der Trennung war eine ziemliche Ernüchterung gewesen. Bis dahin hatte ich angenommen, dass er in so einem graffitibemalten, sanierungsbedürftigen Altbau mit vier Etagen, Kohleheizung und ausgetretenen Stiegen wohnt.

Und dann das hier: ein unauffälliges, kleines Häuschen aus den Dreißigern mit verträumtem Vorgarten an einer Straße, auf der man picknicken kann. Weit und breit sind weder vermummte Autonome noch bärtige Independent-Musiker zu sehen. Bestenfalls gehen ein paar Rentner in Gore-Tex-Westen mit ihren Dackeln Gassi.

 

Dominik war sogar noch enttäuschter als ich. Er wollte gar nicht erst aus dem Auto aussteigen, mit dem mein Vater uns vom Bahnhof abgeholt hatte. «Das ist doch nicht dein Ernst», sagte er, als hätte Papa sich diese Wohnadresse zu seiner Bestrafung ausgesucht.

«Tja, tut mir leid – da musst du jetzt durch.»

«Du hast gesagt, du wohnst in Berlin!», beharrte Nick.

«Berlin ist groß», erklärte mein Vater geduldig. «Und es sieht nicht überall gleich aus.»

«Hier sieht es jedenfalls aus wie in einem Provinzkaff», murmelte Nick störrisch und ließ sich mit dem Aussteigen extra viel Zeit.

Ich weiß nicht genau, was er erwartet hatte. Wir lebten in Viersen, das ist nicht gerade der Nabel, aber auch nicht der Arsch der Welt. Natürlich waren wir aufgeregt gewesen. Berlin war hip und angesagt, alle unsere Lieblingsbands lebten hier, und wenn in den Nachrichten irgendwas Interessantes gezeigt wurde, fand es in Berlin statt. Aber mir ging es trotzdem in erster Linie darum, meinen Vater wiederzusehen, der seit drei Monaten nicht mehr bei uns wohnte.

Ich bin ziemlich sicher, dass Nick ihn genauso vermisste wie ich, aber er war so daran gewöhnt, den Coolen zu spielen, dass er das niemals zugegeben hätte. Stattdessen zog er jetzt diese Show ab, und ich musste wieder für gute Stimmung sorgen. Als Ausgleich für seine Pampigkeit musste ich doppelt so nett sein. Das war irgendwie so ein festes Muster bei uns geworden. «Schönes Haus», sagte ich also bewundernd, als mein Vater das Gartentörchen öffnete.

«Danke.» Er sah gleich ein bisschen fröhlicher aus. Mission erfüllt.

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6

Aus der S-Bahn-Station Heerstraße kommen ziemlich viele Jugendliche raus. Wahrscheinlich gehen die alle auf dieselbe Schule wie ich. Für sie ist das ein ganz normaler Montag Anfang September, und das macht mich neidisch. Die meisten bilden kleine und größere Grüppchen, nur ganz wenige warten alleine an der Ampel. Einige gucken neugierig zu mir rüber.

Leider schaffe ich es nicht, in solchen Situationen gelassen zu bleiben. In mir kriecht die Angst hoch. Was ist, wenn mich einer von denen erkennt? Ich zwinge mich, tief durchzuatmen, und beruhige mich selbst mit dem Gedanken, dass meine neue Frisur mich total verändert hat.

 

Als meine Grundschulzeit zu Ende ging, gab ich noch mal richtig Gas. Ich erledigte alle Hausaufgaben, lernte vor Prüfungen und hatte im Unterricht fast ohne Unterbrechung die Hand in der Luft. Ich wollte unbedingt aufs Gymnasium, so wie Nick. Weil ich so beeindruckt war von dieser Schule natürlich – aber auch, um Nick irgendwie beizustehen. Wie ich das genau machen sollte, wusste ich nicht. Nur dass er jemanden brauchte. Dummerweise ging es ihm nämlich auf der neuen Schule auch nicht besser als vorher.

Mein Plan funktionierte, mein Zeugnis war gut genug, ich kriegte die Zulassung. Die ganzen Sommerferien freute ich mich darauf, morgens mit meinem Bruder zusammen zur Schule zu fahren. Dass Nick absichtlich früher losging, wenn ich noch nicht fertig war mit Frühstücken, dass er sich im Bus woandershin setzte und auf dem Schulhof so tat, als wäre ich unsichtbar – damit hatte ich nicht gerechnet.

«Sag mal, bin ich dir eigentlich peinlich?», fragte ich ihn irgendwann.

«Wie kommst du denn darauf?»

«Na ja, weil du immer so tust, als würdest du mich nicht kennen.»

«Das ist doch Quatsch», antwortete Dominik.

Was hätte ich da noch sagen sollen?

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7

Kurz vor acht bin ich in der Schule. Wie vereinbart melde ich mich im Sekretariat. Ich muss ein paar Minuten warten, dann kommt ein großer, breitschultriger Mann mit Bart rein, der wohl mein Klassenlehrer sein soll, auch wenn er aussieht wie ein kanadischer Eishockeyspieler. Meine Hand verschwindet in seiner Pranke.

«Ich bin Benjamin van Arcen», sage ich.

«Benjamin, schön. Dann komm mal mit, ich stell dich deiner neuen Klasse vor.»

Aha, und wann stellt er sich vor? Scheinbar setzt er voraus, dass sein Name weltweit bekannt ist. Wahrscheinlich stand er irgendwo in den Anmeldeunterlagen, aber ich hab ihn mir nicht gemerkt. Schön blöd.

Ich laufe dem Typen durch Gänge und über Treppen hinterher und bin sicher, dass ich niemals alleine den Weg zurück finde. Er geht außerdem so schnell, dass ich fast rennen muss, um nicht den Anschluss zu verlieren. Es ist kurz nach acht; vorhin hat die Schulglocke geläutet, und jetzt ist es ganz still in den Fluren.

Ohne abzubremsen, öffnet der Bärtige irgendeine Tür und prescht in ein Klassenzimmer. Ich stolpere hinterher und pralle fast gegen seinen Rücken, als er neben dem Lehrerpult abrupt stehen bleibt. Die Schüler brechen ihre Gespräche ab und setzen sich an ihre Plätze. Einige kichern. Dann kehrt gespanntes Schweigen ein.

Vielleicht hat Dominik sich seine gesamte Schulzeit hindurch so gefühlt wie ich jetzt: fremd, ausgeschlossen, fehl am Platze. Das ist zwar echt kein guter Zeitpunkt für so was, aber ich merke, dass ich gleich in Tränen ausbrechen könnte. Fehlt nur noch eine winzige Kleinigkeit. Wahrscheinlich liegt das daran, dass ich gerade so angespannt und nervös bin.

Nick war mein Bruder, mein einziger Bruder, und egal wie er war und was er getan hat: Ich hab ihn geliebt. Es schweißt einen zusammen, wenn man fünfzehn Jahre lang unter demselben Dach wohnt, dieselben Erziehungsmaßnahmen über sich ergehen lässt und vom selben Geschirr isst.

Und ja, ich vermisse ihn, verdammt noch mal, ich vermisse ihn wirklich.

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8

Wir haben einen neuen Mitschüler», sagt der Klassenlehrer. Und ich denke: Wieso wir? Zählt der auch zu den Schülern? Wie zur Strafe für meine Gedanken dreht er sich zu mir um: «Am besten stellst du dich mal kurz selbst vor.»

Ich schnappe nach Luft. Auf so was bin ich überhaupt nicht vorbereitet. Wozu dann diese ganze Farce mit dem Abholen im Sekretariat, wenn ich jetzt doch alles alleine regeln muss?

«Ach so, also, ja. Ich heiße Jam… äh, Benjamin van Arcen und komme aus Vi… aus, äh, Nordrhein-Westfalen.» Ich kann unmöglich Viersen sagen. Viersen kennt inzwischen die halbe Welt. Wenn ich diese Stadt erwähne, weiß jeder sofort, wer ich bin. Verdammt! Für wie bescheuert müssen die mich halten, dass ich hier so rumstottere?

«Ich bin, ähm, gerade erst nach Berlin gezogen. Ich wohn hier in der Nähe. Eichkampsiedlung.» Mit einer Hand wedele ich vage in die Richtung, wo ich unser Haus vermute. «Und, na ja, was noch? Ich bin fünfzehn.» Ich schiele zum Lehrer rüber in der Hoffnung, dass er mich endlich erlöst. Mir fällt einfach nichts mehr ein. Ich kann nichts über mich erzählen.

 

An einem Abend kam Dominik mit massenhaft Plastiktüten nach Hause und schüttelte den Inhalt auf sein Bett: Turnschuhe, T-Shirts, Laufhose und ein Hantelset mit verschiedenen aufschraubbaren Gewichten. Ich kriegte große Augen. «Boar, zeig mal!» Ich hielt eins der Shirts hoch. «Cool! Leihst du mir das mal?»

Nick riss es mir aus den Händen. «Finger weg!»

«Hey, find ich super, dass du Sport machen willst», beteuerte ich. «Tolle Idee, wirst du schon sehen! Du kriegst bestimmt die Mördermuskeln, Alter!»

Nick schnitt wortlos die Preisschilder von seinen neuen Klamotten, ehe er sie in den Kleiderschrank legte. Mir kam der Gedanke, dass es besser sein könnte, mich ein bisschen zurückzuhalten. Vielleicht überlegte er es sich wieder anders, wenn ich zu viel Begeisterung zeigte. Mit einem letzten neidischen Blick auf das geile Adidas-Shirt machte ich mich vom Acker.

Als am nächsten Morgen der Radiowecker ansprang, war Nicks Bett leer. Er kam erst so gegen zwanzig nach sieben nach Hause zurück, als ich schon beim Frühstück saß, und zwar in seinen neuen Sportklamotten. Mit total verschwitzten Haaren, knallrotem Gesicht und keuchend wie ein alter Mann. Aber irgendwie befriedigt.

Nachmittags trainierte Dominik in unserem Zimmer mit den neuen Hanteln. Er legte sich mit ausgebreiteten Armen auf den Rücken wie ein gekreuzigter Jesus, führte die Hände mit den Gewichten langsam nach oben, bis sie sich über seiner Brust trafen, und dann ließ er sie genauso langsam wieder zurückwandern. Ich guckte beeindruckt zu, während er sich ausschließlich auf sein Training konzentrierte. «Darf ich nachher auch mal?»

«Nein», ächzte er.

Es war ja schon überraschend genug, dass Dominik sich so plötzlich entschied, Sport zu treiben – aber noch überraschender fand ich sein Durchhaltevermögen. Er ging ohne Ausnahme jeden Morgen laufen, und nach ein paar Wochen stand er sogar noch zehn Minuten früher auf, weil er die Strecke verlängern wollte. Auch die Hantelübungen ließ er nie ausfallen. Manchmal trainierte er sogar zweimal am Tag.

Ich hätte es trotzdem besser gefunden, wenn er irgendeinen Mannschaftssport gemacht hätte. Es war ja toll, dass er fit werden wollte, aber er hatte so was Verbissenes dabei. Außerdem wünschte ich mir immer noch, dass er mehr mit anderen gemeinsam machen würde. Mit diesem Ehrgeiz hätte er im Volleyballteam richtig Punkte machen können. Irgendwann sagte ich ihm das mal. Er tippte sich an die Stirn. «Ich schwitz doch nicht für andere.»

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9

Ich stehe also da vorne neben dem Lehrerpult und gucke in dreißig wildfremde Gesichter. Dreißig neue Namen. Dreißig unterschiedliche Biographien. Die muss ich jetzt alle kennenlernen. Ich muss rauskriegen, wie sie ticken, ob sie freundlich sind oder hinterhältig oder dumm oder aggressiv. Zum ersten Mal in meinem Leben sehe ich das nicht als Chance, sondern als Belastung, denn ich hab keine Ahnung, wie ich an diese Leute rankommen soll, ohne meine Deckung zu verlassen.

 

Bei meinem Wechsel zum Gymnasium hatte ich auch eine Menge neue Leute kennenlernen müssen. Von meinen Grundschulfreunden war nur noch einer in meiner neuen Klasse. Aber ich war einfach bloß neugierig auf die anderen und hatte auch kein Problem damit, sie anzuquatschen, wenn sie mir irgendwie interessant vorkamen.

Anfang des achten Schuljahrs kriegte ich mit, dass Till und Ramon zusammen Musik machten, der eine am Schlagzeug, der andere am Bass. Tills Eltern hatten einen Partykeller, in dem sie spielen konnten. «Ihr braucht einen Sänger und Gitarristen», erklärte ich den beiden. «Und das bin ich.»

Sie wechselten einen skeptischen Blick. «Ja, klar», entgegnete Ramon unsicher.

«Echt! Ich spiel schon seit fünf Jahren Gitarre. E-Gitarre», fügte ich hinzu, damit sie nicht auf die Idee kamen, ich wäre so ein Klassik- oder Country-Heini. «Ich bin schon ziemlich oft aufgetreten.»

Genau genommen hatte ich einmal auf einer Schulfeier gespielt und einmal im Sonntagsgottesdienst unserer Kirche. Oh, und dann noch beinahe auf der Weihnachtsparty des Fußballclubs, aber da hatte mein Verstärker einen Kurzschluss verursacht und im ganzen Vereinsheim die Sicherungen rausgehauen. Trotzdem tat ich so, als hätte ich zu Hause ein paar Platinschallplatten an der Wand hängen.

«Meine Band hat sich vor kurzem aufgelöst», erklärte ich – womit ich meinte, dass Chris und Patrick seit drei Jahren auf einer anderen Schule waren. «Was spielt ihr denn so? Nur Coverversionen, oder schreibt ihr eure Songs selbst?»

Till und Ramon glotzten mich an. «Äh, wir … äh … beides», meinte Till schließlich.

«Aha. Also, ich persönlich covere nicht so gerne. Das hat immer so was Unkreatives, oder?», schwadronierte ich. «Aber wir könnten ja ein paar Songs neu bearbeiten. Vielleicht mit neuen Lyrics. Meine Texte sind zum größten Teil ziemlich persönlich, ihr wisst schon, was ich meine. Bei den Mädchen kommen sie immer tierisch gut an.»

Das war der Beginn der Burst Frenchies.

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10

Ich bin viel zu nervös, um mir die einzelnen Gesichter näher anzuschauen, also lasse ich meinen Blick nur so über die Sitzreihen wandern – und dann bleibt er an Billie Erkens hängen. Irgendwas Brühheißes schießt mir durch sämtliche Adern, und ich halte mich mit einer Hand am Lehrerpult fest. Billie? Wie kommt die denn hierher?

Das ist natürlich gar nicht Billie. Nur irgendein blondes Mädchen, das ihr ähnlich sieht – bei näherem Hinsehen nicht mal sehr ähnlich. Allerdings hat sie praktisch dieselbe Frisur und vor allen Dingen dieses hellblaue Haarband, das Billie oft anhatte. Um ihre ebenfalls hellblauen Augen zu betonen.

 

Billie Erkens saß in der Schule schräg hinter mir. Bei den Mädchen war sie die absolute Klassenkönigin. In jeder Pause hing eine Clique mit ihr ab, die exakt das tun musste, was Billie sagte. Trotzdem wollten alle dazugehören. Wer zu Billies Kreis zählte, war eine von den Beliebten.

Klar war Billie hübsch, das will ich gar nicht bestreiten. Weizenblondes langes Haar, große blaue Augen, Stupsnase, Porzellanhaut – und ab der siebten Klasse ein faszinierend pralles Dekolleté. Das volle Barbie-Programm. Ich bin auch noch bereit zuzugeben, dass ich mich die ersten drei oder vier Wochen am Gymnasium gedanklich ziemlich intensiv mit Billie beschäftigt und mich dazu ab und zu sogar auf dem Klo eingeschlossen habe. Und, na gut, wenn ich schon dabei bin, kann ich auch ruhig noch gestehen, dass ich ihr einen Songtext gewidmet habe. Ich weiß ihn nicht mehr auswendig, aber der Refrain lautete ungefähr:

You make me crazy, little Billie

Come over here and kiss my willy.

Wie gesagt: dieser Traum dauerte nur ein paar Wochen. Danach ging mir ihr Prinzessinnengetue zunehmend auf den Zeiger. Mir fiel auf, dass sie im Unterricht eigentlich immer nur Mist redete, aber auf eine so geschickte Art, dass die Lehrer sie für klug hielten. Und ich kriegte mit, wie sie Mädchen gnadenlos mobbte, die nicht zu ihrer Clique gehörten. Beispielsweise erzählte sie ihren Untertaninnen, Melody wäre lesbisch und hätte sie nach dem Sport in der Umkleidekabine zu küssen versucht.

Zufällig fand ich Melody ziemlich nett. Sie wirkte zwar wirklich eher wie ein Junge – kurzgeschnittene Haare, immer nur Jeans und weite Hemden und so –, aber dafür war sie eine verdammt gute Sportlerin und ein toller Kumpel. Wenn irgendjemand seine Hausaufgaben vergessen hatte, ließ Melody ihn abschreiben, und man konnte sich bei ihr jederzeit Geld, Stifte, Schreibpapier oder Tintenpatronen leihen.

Im Sportunterricht musste ich mal mit ihr zusammen Zirkeltraining machen und war erst angepisst, weil es damals noch überpeinlich war, in der Öffentlichkeit was mit Mädchen zu tun zu haben, aber dann fand ich raus, dass sie echt schnell war und eine Superkondition hatte. Dank ihr gewannen wir die zweite Runde, bei der wir auf Zeit trainieren mussten. Sie freute sich sogar noch mehr als ich und hob die flache Hand, damit ich meine dagegenklatschen konnte.

Ich war sicher, dass sie kein Interesse daran hatte, eine Plastikpuppe wie Billie Erkens zu küssen. Wahrscheinlich war Küssen sowieso nicht ihr Ding. Sie war keine von diesen romantischen Wimperklimpertussis, die sich mit Filzstift Herzchen auf den Handrücken malten. Und meinetwegen konnte sie ruhig ein bisschen lesbisch sein, wenigstens hatte ich dann was Neues, um es hinter der verschlossenen Toilettentür zu überdenken. Nur bitte nicht mit Billie Erkens.

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11

Endlich kommen die ersehnten Worte. «Ja, vielen Dank, Benjamin. Dann setz dich doch bitte.» Der Klassenlehrer nimmt hinter seinem Pult Platz, kramt ein Buch aus seiner Aktenmappe und legt es vor sich. Erstes unterdrücktes Kichern ist zu hören. Er holt ein Etui raus, klappt es auf und setzt sich eine Brille auf die Nase. Als er aufschaut, stehe ich immer noch neben ihm.

Überrascht nimmt er die Brille wieder ab. «Benjamin? Ist noch was?» Die Klasse prustet los. «Ähm, ich glaub, da ist, da ist kein Platz mehr frei», stottere ich. Die reine Wahrheit. Alle Tische und Stühle sind besetzt. Und ihre Eigentümer krümmen sich vor Lachen. Was für ein gelungener Einstieg, echt. Ich werde hier unfreiwillig zum Klassenclown, und es gibt nicht mal einen Stuhl für mich. Falls diese Situation Symbolcharakter haben sollte: Herzlichen Glückwunsch.

 

Meine erste Probe mit Ramon und Till war eine Katastrophe. Ich war ja schon kein besonders guter Gitarrist, aber die beiden waren noch viel schlechter. Till konnte keinen Takt halten, und Ramon beherrschte eigentlich nur einen einzigen Basslauf einigermaßen fließend, nämlich den von Johnny Cashs Walk the line – der wahrscheinlich simpelste Wechselbass der Musikgeschichte. Zusammengenommen reichte unser Talent bestenfalls für den Auftritt auf einem Schützenfest, und das auch erst nach Mitternacht, wenn alle schon hackedicht sind.

Aber das konnte mich überhaupt nicht entmutigen, denn eins war klar: So unterirdisch unsere Musik auch sein mochte, wir sahen umwerfend aus. Till hatte wie alle Drummer muskulöse Oberarme und einen kräftigen Brustkorb. Ramon war lang, dünn, bleich und schwarzhaarig wie ein heroinabhängiger Gothic-Star. Und ich selbst war der strahlend blonde Frontmann, die coole Rampensau, der Mädchenliebling.

Wahrscheinlich werden die wenigsten Bands aus Liebe zur Musik gegründet, sondern vielmehr weil Rockmusiker immer diesen Kometenschweif von Fans und Groupies hinter sich herziehen. Und genau das war auch mein oberstes Ziel. Ich wollte von der Bühne in ein Meer hochgereckter Arme springen und von ihnen getragen werden, ich wollte hysterisch heulende Mädchen mit verschmierter Wimperntusche meinen Namen kreischen hören, ich wollte Fanpost in Waschkörben kriegen und in verwüsteten Hotelzimmern Orgien feiern.

Um diese Vision wahr werden zu lassen, musste ich über unsere musikalischen Schwächen großzügig hinwegsehen. Ich entschied, dass Till und Ramon das Beste waren, was mir passieren konnte. Nach unserer ersten Probe schlenderte ich zufrieden nach Hause und schrieb am selben Abend vier Songs.

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12

Ach, oje, ja. Dann müssen wir wohl noch einen Tisch und einen Stuhl holen.» Wir. Schon wieder. Der Klassenlehrer fingert ein Schlüsselbund aus seiner Hosentasche. «Henning, geh doch mal mit Benjamin runter in den Lagerraum.»

Ein Lockenkopf mit Brille in der ersten Bankreihe zieht unbehaglich die Schultern hoch. «Hä? Was denn für ’n Lagerraum?»

«Ach komm, das weißt du doch ganz genau. Unten neben dem Raum vom Hausmeister.» Der Lehrer hält einen der Schlüssel zwischen Daumen und Zeigefinger. Henning stemmt sich widerwillig hoch, schnappt sich den Schlüssel und verlässt dann die Klasse, ohne sich drum zu kümmern, ob ich mitkomme oder nicht.

 

Nur wenige Monate später hatte unsere Band den ersten Live-Auftritt: die Abschlussfeier der Zwölftklässler. Einer der Abiturienten war Tills großer Bruder, und der hatte sich für uns starkgemacht. Unser Gig sollte nur eine halbe Stunde dauern, aber das war völlig okay, mehr gab unser Repertoire sowieso nicht her. Und er fing schon um zwanzig Uhr an, weil wir alle erst vierzehn waren. Das war ein kleines bisschen uncool, hatte aber den Vorteil, dass auch unsere Klassenkameraden dabei sein konnten.

Wir spielten sechs Songs. Vier davon waren schlichte Coverversionen. Mehr war in der kurzen Zeit einfach nicht drin gewesen. Aber die letzten zwei Songs waren selbst komponiert und getextet – und zwar zum größten Teil von mir. Den Song über Billie spielten wir nicht. Trotzdem war der Erfolg echt überwältigend.

Das lag bestimmt auch daran, dass Ramon seinen lang geübten Luftsprung beim Schlussakkord absolut perfekt hinkriegte, ohne sich wie bei der letzten Probe aufs Maul zu packen. Till blieb nur ein- oder zweimal ein bisschen hinter unserem Tempo zurück, und ich setzte meine Mähne effektvoll mit wildem Headbanging in Szene. Sogar die obercoolen Abiturienten johlten und pfiffen vor Begeisterung – oder vielleicht auch aus Mitleid mit uns, was weiß ich. Am Ende zählte nur, dass die Burst Frenchies sich mit diesem Auftritt einen legendären Ruf erwarben.

Alle waren da: meine Eltern, mein Bruder, fast meine ganze Klasse, ein paar Freunde aus der Grundschule, Fußballkumpels und sogar eine Cousine von Ramon aus Zaragoza. Nach unserem Gig nahm unser Fanclub uns begeistert in Empfang. Wir kriegten alkoholfreie Cocktails spendiert und mussten immer wieder unseren Bandnamen buchstabieren, der übrigens meine Idee gewesen war. Der Einzige, der verstand, was er bedeuten sollte, war Tills Bruder. «Geplatzte Pariser? Wie bescheuert ist das denn?» Und er haute mir anerkennend auf die Schulter.

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13

Ich hetze also schon wieder einem Fremden kreuz und quer durch die Schulflure hinterher. Die Sohlen unserer Turnschuhe quietschen auf dem Linoleum. «Von welcher Schule kommst du denn?», fragt Henning. Ich bin irritiert. Was nützt ihm der Name irgendeines Gymnasiums in Viersen, den er noch nie gehört hat? Stopp – er hat ihn gehört. Das ist jetzt schon die dritte Falle an diesem Morgen, der ich nur knapp ausweichen kann, und es ist noch nicht mal halb neun. Ich mache mir echt keine Illusionen über meine Zukunft.

«Albert Einstein», sage ich aufs Geratewohl.

«Aha», macht er, als wäre das ein riesiger Erkenntnisgewinn gewesen. «Hier, ich glaub, das ist der Raum, den der Ullrich meint.»

Er hat recht, der Erkenntnisgewinn ist riesig: Ich weiß jetzt, wie unser Klassenlehrer heißt.

 

Kurz nach dem Karriereauftakt der Burst Frenchies fragte ich Nick, ob ich mal mit zum Joggen gehen könnte. Ich war einfach neugierig, welche Strecke er lief, und jede Art Sport machte mir Spaß. Außerdem dachte ich, dass ich dann vielleicht die Gelegenheit hätte, mal mit ihm zu reden, denn das kam in letzter Zeit immer seltener vor.

Dominik reagierte nicht gerade euphorisch. Genauer gesagt reagierte er eigentlich überhaupt nicht. Was er sich in seinen potenziellen Bart brummte, konnte genauso gut «Meinetwegen» heißen wie «Auf gar keinen Fall» oder auch «Leck mich». Aber ich hatte mir im Umgang mit meinem Bruder Hartnäckigkeit und ein dickes Fell antrainiert, also stand ich genau wie er am kommenden Sonntag früh auf und schlüpfte in meine Sportklamotten.

Bis ich meine Schuhe zugeschnürt hatte, war er schon losgerannt. Ich musste gleich mit einem Sprint anfangen, um ihn einzuholen. «Mann, warte doch!», schnaufte ich. Schweigend trabten wir nebeneinander her. Dominik hatte eine gute Lauftechnik. Er geriet inzwischen kaum noch aus der Puste. Und dass seine Körperhaltung sich verbessert hatte, war sogar schon meiner Mutter aufgefallen, die ihn früher beim Essen immer ermahnt hatte: «Sitz doch mal gerade!» Unter Laufhose und Shirt konnte ich eine wesentlich ausgeprägtere Muskulatur erkennen als noch vor zwei, drei Monaten.

«Du bist echt gut», sagte ich. «Warum machst du das eigentlich?»

«Wie warum? Weil ich Kondition und Kraft will, darum!»

Ich war erstaunt. Nick saß eigentlich die meiste Zeit am Computer und spielte Shooter-Games mit so sprechenden Namen wie Sniper Assassin, Hellvolution oder Curse Village. Die pausenlose Beschallung mit Todesschreien und Explosionsgeräuschen hatte mich irgendwann so genervt, dass ich ihm von meinem Taschengeld Kopfhörer gekauft hatte. Das bereute ich mittlerweile allerdings, denn jetzt war er überhaupt nicht mehr ansprechbar. Ein Grund mehr, warum ich mit ihm joggen ging.

«Eigentlich brauchst du die Kondition doch nur in der rechten Hand. Für die Mausbedienung», sagte ich.

Er holte kurz aus und verpasste mir einen trockenen, nicht allzu schmerzhaften Schlag gegen den Hinterkopf. «Und dafür», erwiderte er befriedigt. «Was soll das überhaupt? Muss ich mich jetzt rechtfertigen, dass ich Sport mache?»

«Ach Quatsch», sagte ich schnell. «Ich hab mich bloß gewundert, weil du ja sonst nicht so …» Ich bremste mich, um Nick nicht zu reizen. Wir verfielen wieder in rhythmisches Schweigen.

«Bei eurem Konzert neulich», sagte Dominik nach ein paar Minuten. «Diese Blonde.»

Ich wusste sofort, wen er meinte. Mir war sogar von der Bühne aus aufgefallen, dass er mehr zu Billie rüberstarrte als zu mir und meiner Band. Aber solange er keine Frage stellte, konnte ich auch nicht antworten, oder?

«Ist die bei dir in der Klasse?», fuhr er nach ein paar hundert Metern schließlich fort.

«Du meinst Billie Erkens? Ja.»

Mir lag so eine Bemerkung auf der Zunge wie: «Leider, die blöde Kuh», aber die schluckte ich runter, weil ich … na ja, schwer zu erklären. Ich dachte mir, dass Nick wahrscheinlich in sie verknallt war, wenn er so fragte, und das war ja bestimmt ein gutes Zeichen. Ich meine, dass er mal jemanden gut fand, anstatt den ganzen Tag Söldner und Aliens abzuknallen. Deswegen wollte ich Billie nicht sofort miesmachen.

«Billie Erkens», wiederholte Nick leise.

«Sybille, ja. Die ist … ziemlich beliebt.»

Nick zog die Brauen zusammen. «Bei dir auch?»

«Was?» Ich war gerade im Stimmbruch, deshalb kam diese Silbe ein bisschen quietschig. «Öhm, na ja. Geht so. Die sieht ganz gut aus.»

Nick schwieg lange Zeit, als würde er darüber nachdenken, ob das stimmte. Dann sagte er: «Könnte man behaupten, ja.»

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14

Henning schließt die Tür auf, und wir kommen in einen fensterlosen Raum, vollgestopft mit wackligen Stühlen, Kartenständern, kaputten PCs, prähistorischen Nadeldruckern und diesem ganzen Zeug, das sich an Schulen so ansammelt und für das sich keiner mehr verantwortlich fühlt. Wahrscheinlich dürfen sie es nicht einfach wegschmeißen, weil es Staatseigentum ist oder so ähnlich.

Wir suchen einen verstaubten Tisch aus, in den schon mehrere Generationen von Schülern ihren Frust geritzt haben. Dann nehmen wir uns noch einen dieser Stühle, die auf Schienen stehen statt auf Beinen. «Ziemlich retro», sage ich, während wir den Stuhl auf die Tischplatte packen und das Ganze nach draußen schleppen. Henning gibt keine Antwort.

 

Ich hatte einen Plan. Ich wollte versuchen, Nick und Billie zusammenzubringen. Natürlich war Billie alles andere als meine Traumschwägerin, um das mal so auszudrücken, aber für mich stand was ganz anderes im Vordergrund: dass Dominik endlich mal irgendwo rankam. Er war fast siebzehn und hatte noch nie eine Freundin gehabt. Soviel ich wusste, hatte er sich bisher nicht mal für Mädchen interessiert. Wenn jetzt also die Aussicht bestand, dass er mal aus seinem hormonellen Koma aufwachte, durfte man echt keine großen Ansprüche stellen.

Ich hatte allerdings Bedenken, dass Billie ihm vielleicht haushoch überlegen sein und ihn manipulieren könnte. Schließlich bekam ich in unserer Klasse oft genug mit, wie sie die anderen Mädchen gegeneinander ausspielte. Wer nicht tat, was sie wollte, den ließ sie gnadenlos fallen. Bei anderen schleimte sie sich plötzlich ein, sobald sie ihr für irgendeinen Zweck nützlich erschienen. Billie Erkens benutzte Menschen nach Lust und Laune. Bestimmt hätte sie eine glänzende Karriere im Bundestag machen können.

Aber ich wollte mich nicht von solchen Sorgen ausbremsen lassen. Schließlich war ich da, um Dominik zu beschützen. Ich weiß, das klingt ein bisschen komisch, ich war ja zwei Jahre jünger als er, aber ich wusste auch mit vierzehn schon, dass ich Nick in Sachen Menschenkenntnis überlegen war. Und außerdem dachte ich sowieso nicht an eine langjährige Beziehung mit anschließender Hochzeit, sondern eher an eine heiße Affäre – ich wollte einfach nur, dass Nick mal ein Mädchen abkriegte.

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15

Henning und ich schleppen den Tisch und den Stuhl keuchend und schweigend die Treppen hoch, er vorne, ich hinten. Vielleicht weiß er ja einfach nicht, worüber er mit mir reden soll. Vielleicht ist das gar keine Feindseligkeit, sondern bloß Unsicherheit. Also versuche ich es noch mal. «Hey, können wir mal kurz Pause machen? Ich brauch ’n kaltes Bier.» Er bleibt tatsächlich stehen und dreht sich kurz zu mir um, mit völlig ausdruckslosem Gesicht. Dann verzieht er den Mund – aber nicht zu einem Lächeln, sondern zu einem genervten Abwärtsbogen. Ohne ein Wort wendet er sich wieder nach vorn, hebt energisch den Tisch an und marschiert weiter. Entmutigt aste ich hinter ihm her.

 

Wenn ich mir was vornehme, verliere ich meistens keine Zeit. Gleich am nächsten Morgen sagte ich zu Till und Ramon: «Wir machen ein Frühlingsfest. Bei uns zu Hause im Garten. Und die Burst Frenchies stellen ihre neuesten Songs vor.»

Meine Mutter hat mir mal erzählt, es gäbe so psychologische Untersuchungen, dass gute Vorsätze viel eher umgesetzt werden, wenn man sie vor Zeugen laut ausgesprochen hat. Genau so lief das auch mit diesem Frühlingsfest, das mir eigentlich gerade erst in den Sinn gekommen war. Vier Tage Vorbereitung, und die Party konnte starten.

Ich wusste, dass Billie kommen würde. Sie erzählte fast jeden Montag in der Klasse rum, auf welchen Feiern sie am Wochenende gewesen wäre. Da hätte sie ja was Wichtiges verpassen können, wenn sie ausgerechnet zu meiner nicht kam. Schließlich lud ich die gesamte Klasse ein und noch ein paar andere Schüler, die ich kannte. Außerdem betrachtete Billie mich seit unserem ersten Live-Gig mit ganz anderen Augen – nämlich mit sehr, sehr hungrigen. Ich gebe zu, dass ich dieses Detail damals wohl aus meiner Wahrnehmung ausgeblendet habe.

Die vielleicht größte Hürde bei der Vorbereitung war meine Mutter. Ich musste einen passenden Zeitpunkt abwarten, um ihr zu erklären, dass am Samstagabend rund vierzig Teenager in unserem Garten ein bisschen Spaß haben wollten. Aber so was kann ich ganz gut, und deshalb gab sie nicht nur ihr Okay, sondern fuhr sogar mit mir Getränkekästen und Chips einkaufen.

Dominik hatte sich aus allem rausgehalten, typisch. Als ich vom Einkaufen zurückkam und sah, dass er am Computer Zombies jagte, wurde ich sauer. «Ich brauch dich im Garten – sofort! Wir müssen die Stromkabel verlegen.» Er wollte was sagen, aber ich baute mich vor ihm auf und zischte: «Ich mach das hier auch für dich, du Penner!» Ich glaube, das beeindruckte ihn, wahrscheinlich, weil ich nur ganz selten so energisch wurde. Jedenfalls kam er tatsächlich mit runter in den Garten.

Natürlich hatte ich Nick nicht in meine Pläne eingeweiht. Dann hätte er bestimmt die Flucht ergriffen. Er wusste auch nicht, dass Billie kam. Er ahnte es höchstens. Wenigstens kam er mir ein bisschen nervös vor, als die ersten Gäste eintrafen.

Danach verlor ich Dominik aus den Augen. Ich musste alle begrüßen und mit Getränken versorgen, ich musste Salzstangen nachfüllen und immer wieder den Weg zum Klo beschreiben, und außerdem war da ja noch der Burst-Frenchies-Auftritt, der den Höhepunkt der Party darstellen sollte.

Mittlerweile waren unsere technischen Fähigkeiten ganz annehmbar, und Till hatte wirklich hart an seinem Rhythmus gearbeitet. Wir spielten jetzt mehr eigene als gecoverte Songs. Bei fast jedem hatte ich ein längeres Gitarrensolo. Dann konnte ich an den vorderen Rand unserer improvisierten Bühne treten und alle Blicke auf mich ziehen. Die zustimmenden Pfiffe und der begeisterte Applaus nach jedem Song machten mich total glücklich.

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