Klaus Kariert - Iris Welling - E-Book
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Klaus Kariert E-Book

Iris Welling

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Beschreibung

Klaus Zacharias ist ein ganz normaler Junge, bis er zu einem echten Rüpel wird. Als Klaus' Vater einen neuen Chef bekommt, der die ganze Familie kennen lernen will, haben seine Eltern nichts dagegen, dass Klaus bei der neuen Nachbarin übernachtet. Klaus ist begeistert, denn im Haus von Caro-Line Mac Bleistein soll alles kariert sein. Doch die Mac Bleistein ist eine verrückte Wissenschaftlerin, die einen Kariert-Saft an Mensch und Tier testen will. Das Experiment misslingt: Klaus ist nicht nur kariert, sondern auch ein Kater. Um an das Gegenmittel zu kommen, muss er in Schottland Caros Neffen Angus finden. Eine gefährliche Reise beginnt, denn er wird von einem düsteren Fremden verfolgt, der unbedingt den Kariert-Saft haben will. Auf seiner ungewöhnlichen Suche nach Angus und der Flucht vor dem düsteren Fremden trifft er seltsame Tiere und Menschen, denen er mit seinen lange versteckten Talenten hilft ... weniger anzeigen

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Seitenzahl: 212

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Gesamtherstellung: Verlag Waldkirch KG

Satz & Gestaltung: Verena Kessel

Korrektorat: Eva Baumgartner

ISBN Taschenbuch

978-3-86476-138-6

ISBN E-Book EPUB

978-3-86476-672-5

ISBN E-Book PDF

978-3-86476-673-2

Verlag Waldkirch KG

Schützenstraße 18

68259 Mannheim

Telefon 0621-129 15 0

Fax 0621-129 15 99

E-Mail: [email protected]

www.verlag-waldkirch.de

© Verlag Waldkirch Mannheim, 2020

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Erlaubnis des Verlags.

Iris Welling

Klaus Kariert

… ein dankbares Miau

•an alle Katzen! Meine eigenen und die, die mir draußen in freier Wildbahn begegnet sind. Sie zeigten mir immer wieder, welch geheimnisvolle, faszinierende, geschmeidige, eigenwillige und wunderschöne Geschöpfe sie sind.

•an Nina Ratzmann, meine Nichte, für ihr unermüdliches strenges Lektorat. Trotz ihres ‚hohen‘ Alters von 15 Jahren hat sie sich durch die Kapitel gearbeitet und mich immer wieder mit ihren erstaunlich erwachsenen Kommentaren überrascht.

Nina, du wärst eine gute Literatur-Kritikerin.

•an Barbara Waldkirch, die es wagte, sich auf das Klaus-Kariert-Experiment einzulassen.

•an alle Schreiberlinge von Roald Dahl über Terry Pratchett bis zu Philipp Ardagh und Neil Gaiman, die mir mit ihrem skurrilen, fantastischen und schwarzen Humor Mut machten, Klaus Kariert zu erschaffen.

•an Eva Baumgartner – sie weiß wofür – wow!

Dieses Buch zu schreiben hat mir einen höllischen Spaß gemacht, vor allem, mir immer wieder neue Herausforderungen für KK auszudenken …

ABER nur so fand er heraus, was alles in ihm steckte.

Also lest und vergnügt euch daran, und lasst zu, dass euer Gehirn ab und zu einen Bocksprung macht. Und verbietet euch nie zu denken „was wäre wenn …“

Egal, ob ihr 8 oder 88 Jahre alt seid.

Inhalt

Kapitel 1 Klaus Zacharias – KEIN netter Junge

Kapitel 2 Caro-Line Mac Bleistein

Kapitel 3 Reisepläne

Kapitel 4 Bei Caro

Kapitel 5 Klaus Kariert

Kapitel 6 Der Gefangene

Kapitel 7 Kater im Keller

Kapitel 8 Abschied

Kapitel 9 Im Labor

Kapitel 10 Frau Melzig

Kapitel 11 Flucht

Kapitel 12 Felix und Sofia

Kapitel 13 Im Kaufhaus

Kapitel 14 Rita Rattig

Kapitel 15 Ritas Restaurant

Kapitel 16 Im Zirkus

Kapitel 17 Daniel Dödel

Kapitel 18 Der Feuer-Schlucker-Spucker

Kapitel 19 Ein Bus nach Schottland

Kapitel 20 Möwe mit Flugangst

Kapitel 21 Nassie

Kapitel 22 Griselda

Kapitel 23 Die Eröffnung

Kapitel 24 Miss Read-Abook

Kapitel 25 Der düstere Fremde

Kapitel 26 Die Entführung

Kapitel 27 Flucht von der Fähre

Kapitel 28 Rettung aus der Bücherei

Kapitel 29 Angus

Kapitel 30 Zu Hause

Kapitel 31 Der dF verschwindet

Kapitel 32 Klaus Kariert

Kapitel 33 Die Party

Kapitel 34 Ende und aus mit dem karierten Klaus

Kapitel 1

Klaus Zacharias – KEIN netter Junge

Mein Name ist Klaus Zacharias und ich erzähle euch jetzt vom größten Abenteuer meines Lebens. Zumindest vom größten Abenteuer bisher. Man weiß ja nie, was noch kommt!

Als ich noch wie ein normaler Junge aussah, WAR ich nett, höflich und ein guter Schüler. Ich grüßte die Nachbarn und sagte ‚Danke‘, wenn es etwas gab, wofür man sich bedanken sollte. Ich las gerne Bücher und schrieb sogar Gedichte. Die hab’ ich aber nie jemandem vorgelesen. Nicht einmal Cordula, meiner Mutter. Und Roland, mein Vater, durfte überhaupt nichts davon wissen. Wollt ihr wissen, warum?

Ganz einfach: Mein Vater schrieb Bücher. Und nein, es war mir nicht peinlich, denn er schrieb richtig gute Sachen. Aber er fand keinen Verlag, der seine Bücher drucken wollte. Er wurde immer trauriger, als er sah, dass meine Mutter mehr und mehr arbeiten musste, um genug Geld für uns zu verdienen. Also gab er seinen Traum auf. Aus Liebe zu ihr. Ist das nicht ein toller Buchtitel … aus Liebe zu ihr! Mein Vater suchte sich Arbeit, füllte Regale im Supermarkt und saß abends noch an der Kasse der Tankstelle. Da konnte er zwar lesen, aber glücklich war er nicht.

Er las mir auch nichts mehr vor. Nein, falsch. Mein Vater hatte mir NIE vorgelesen. Er fragte mich, was für eine Geschichte ich gerne hören würde. Etwas über Drachen, Piraten oder Außerirdische? Dann dachte er sich etwas aus. Das war klasse und echt spannend. Und damit ich alles nachlesen konnte, schrieb er alles auf, aber niemand wollte es drucken.

Alles, was er jetzt noch schrieb, war der Bericht über das Jubiläum des Kaninchenzucht-Vereins für unsere Stadt-Zeitung, die Ulkweiler Nachrichten.

Wieder und wieder sagte er zu mir: „Klaus, komm ja nicht auf die Idee, Schriftsteller zu werden. Du wirst kein Geld verdienen und deine Familie und dich sehr unglücklich machen!“

Doch seine Warnung kam zu spät. Wenn ich ein Buch langweilig fand, dachte ich mir einfach selbst etwas spannendes aus. Ich merkte schnell, dass ich ein toller Geschichten-Erfinder war. Genau wie mein Vater. Aber das hätte ihm nicht gefallen.

Für alle, die immer alles genau wissen wollen:

Achtung! Wichtig! Jetzt erinnern!

… so WAR ich einmal gewesen.

… bis Olaf, Kevin, Alex und Finn in meine Klasse kamen. Die vier waren zweimal sitzengeblieben und zwei Köpfe größer als wir anderen.

Frau Helfert, unsere Lehrerin, wollte NICHT, dass die vier nebeneinander saßen und setzte an jede Ecke der Klasse einen. Es sah aus, als hätte unsere Klasse vier große Brüder, die uns beschützten.

Olaf saß neben mir und ‚beschützte‘ mich. Klingt jetzt für eure Ohren sicher toll, nur gab es nichts, wovor ich beschützt werden musste. Außer vor Olaf und seiner Rüden-Rüpel-Bande.

Olaf ‚beschützte‘ mich auch nur, wenn ich ihm mein Taschengeld gab und er sich das leckerste von meinen Pausenbroten aussuchen konnte. Und nur, wenn er von mir die Hausaufgaben bekam. Außerdem duldete Olaf keine Besserwisser und keine Streber, die Bücher lasen. Vor allem duldete Olaf keine Dichter.

Eines Tages erwischte er mich, als ich ein Gedicht für Lily schrieb. Ich glaube, es war Nummer 96.

Lily saß in der Klasse zwei Reihen vor mir. Sie war genau wie ich: ruhig und still, eine gute Schülerin, immer ein Buch vor der Nase. Einmal hatte ich ‚Hallo‘ zu ihr gesagt und dann nix mehr, denn ich merkte, wie ich rot wurde.

Lilys blonde Haare waren zu Zöpfen geflochten, die ihr wie ‚zwei Flüsse aus Gold‘ über den Rücken fielen. Klingt das nicht toll? Ich hab’ das gleich als Überschrift genommen: zwei Flüsse aus Gold!

Was soll ich sagen: Olaf riss mir den Zettel aus der Hand und las mein Gedicht im Schulhof der ganzen Klasse vor. Alle lachten. Nicht, weil ihnen das Gedicht nicht gefallen hätte, sondern weil sie Angst vor der Rüden-Rüpel-Bande hatten. Olaf wollte, dass sie lachten. Also lachten sie. Nur Lily lachte nicht.

„Klaus’ Vater ist gar kein richtiger Schriftsteller“, sagte Olaf hämisch, „er schreibt nur was über den Kaninchenzuchtverein.“

Für alle, die immer alles genau wissen wollen:

Das wusste Olaf nur, weil sein Vater der Vorsitzende des Kaninchenzuchtvereins war. Auf den Foto für die Zeitung drängte er sich immer ganz nach vorne.

„Der Zacharias hat noch nie ein Buch geschrieben, das man kaufen kann“, Olaf war noch nicht fertig mit mir, „weil er keinen Zerleger findet!“

Das stimmte und war auch falsch.

RICHTIG: Von meinem Vater Roland gab es kein Buch zu kaufen.

FALSCH: Es hieß nicht Zerleger. So was gibt es vielleicht beim Metzger. Oder gibt es einen Fliesen-Zerleger? Nein, es hieß Verleger. Der Chef von einem Verlag war ein Verleger.

Aber ich wollte nicht mit Olaf streiten. Ich freute mich, dass Lily NICHT lachte und schrieb das nächste Gedicht über sie. Obwohl Olaf es mir verboten hatte!

Nummer 97 war fertig und genau wie Nummer 96 zerknüllte ich den Zettel, doch Olaf erwischte mich wieder und schnappte danach. Er las leise, murmelte jedes Worte vor sich hin. Dann riss er erstaunt die Augen auf. Für eine halbe Sekunde dachte ich, dass er jetzt sagen würde ‚Mann, das ist echt klasse‘. Aber er runzelte die Stirn und sah mich böse an.

„Aus dir wird nie ein richtiger rüder Rüpel! Hab’ ich nicht gesagt, du sollst mit dem Gekritzel aufhören? Das ist total altmodisch und uncool. Soll ich es wieder vorlesen?“

Nein, das sollt er nicht. Ich wollte nur mein Gedicht zurück, doch der Zettel verschwand in Olafs Hosentasche.

Genau wie mein Vater gab ich auf und schrieb keine Gedichte und Geschichten mehr. Ich machte auch keine Hausaufgaben mehr und bekam nur noch schlechte Noten. Ich lachte laut und schrill, über Olafs blöd-öde Witze, trampelte durch die Vorgärten der Nachbarn und warf die Mülltonnen um. Wenn wir zusammen von der Schule nach Hause gingen, musste ich immer etwas Freches tun, damit Olaf mir mein Telefon zurück gab. Ich biss zornig die Zähne zusammen, als er mich zwang, mit einer Steinschleuder auf den dicken Dackel von Nachbar Brösel zu schießen. Ich nahm einen besonders kleinen Stein, versuchte absichtlich daneben zu zielen, aber ihr wisst ja, wie das ist: Ich traf den alten Hund genau am Hinterteil, und er jaulte erschreckt auf. Das tat mir richtig weh. Olaf sagte, dass aus einem Weichei wie mir nie ein rüder Rüpel werden würde.

Schon bald wunderten sich die Nachbarn über den neuen Klaus. Cordula, meine Mutter, wagte kaum die Haustür zu öffnen. Besonders, wenn die Türglocke mehr als einmal schrill läutete. Das bedeutete immer, dass draußen jemand stand, der mächtig wütend war.

Ich belauschte meine Eltern dabei, wie sie überlegten, ob es wohl an dem Namen ‚Klaus‘ lag, den sie mir gegeben hatten.

Für alle, die immer alles genau wissen wollen:

Ihr wisst, dass es nicht daran lag.

Zugegeben, ‚Klaus‘ war schon ziemlich altmodisch, aber so hieß schon Cordulas Vater und zufällig auch Rolands Vater. Meine zwei Großväter waren stolz und glücklich, als sie hörten, dass auch ich ‚Klaus‘ heißen sollte.

An jedem Geburtstag, zu jedem Weihnachtsfest, zu Nikolaus und Ostern überhäuften sie mich mit Geschenken und Geld. Es war nicht schlecht, Klaus zu heißen, doch ich sollte bald einen neuen Namen bekommen. Und mich auch sonst ziemlich verändern.

Kapitel 2

Caro-Line Mac Bleistein

Bevor ich weitererzähle, müsst ihr unsere neue Nachbarin kennenlernen:

Caro-Line Mac Bleistein zog in der Ulkweilerstraße Nr. 7 ein.

Sie war uralt. Mindestens fünfzig! Außerdem sehr groß und klapperdürr. Sie hatte eine spitze Nase und einen dünnen, schmalen Mund, der immer verkniffen wie ein Strich zwischen den Lippen verschwand. Ihr Haar war grau, genau wie ihre Augen. Sie ging kaum aus dem Haus und redete mit niemandem. Ihre Nachbarn hielten sie für seltsam.

Für alle, die immer alles genau wissen wollen:

Eigentlich dachten alle, dass sie verrückt, durchgeknallt und ‚gaga‘ ist.

Aber ‚seltsam‘ klingt höflicher.

Ihr wollt wissen, warum sie Caro-Line Mac Bleistein für seltsam hielten? Ganz einfach: Sie liebte alles Karierte.

Aber das aller-aller-seltsamste war, dass sie karierte Dinge besaß, die normalerweise nicht kariert waren. Wie sie das schaffte, wusste keiner.

Da war zum Beispiel die Sache mit dem karierten Nudelsalat.

Als Caro-Line Mac Bleistein einzog, luden die Nachbarn sie zu einer ‚Willkommen-in-der-Ulkweiler-Straße‘-Party ein.

Meine Mutter war auch dort und erzählte später, dass Caro einen Nudelsalat mitgebracht hatte. Einen karierten Nudelsalat. Und einen Käsekuchen. Aber der hatte einfach nicht kariert werden wollen, wie Caro allen erzählte.

Natürlich läutete nach der Party ständig jemand an ihrer Haustür und wollte das Rezept für karierten Nudelsalat wissen.

Für alle, die immer alles genau wissen wollen:

Dazu braucht man kein Rezept, sondern vor allem karierte Nudeln.

Dann kam die Sache mit der karierten Mülltonne. So eine karierte Mülltonne vor dem Haus sieht viel schicker aus als so ein langweilig-graues Ding. Deshalb wollten auch alle Nachbarn eine haben.

Was es noch alles an karierten Dingen in Caros Haus gab, wusste niemand. Nach der Sache mit den Mülltonnen baute die Mac Bleistein eine Alarmanlage unter dem Fußabstreifer ein. Der Briefträger unserer Straße sprang vor Schreck jedes Mal hoch in die Luft, wenn er die Post in Caros Briefkasten steckte. Der war natürlich auch kariert. Der Briefkasten, nicht der Briefträger.

Sogar in der Schule wurde über Caro geredet. Als Olaf herausfand, dass ich ganz in der Nähe wohnte, wollte er, dass ich bei der Mac Bleistein einbreche und etwas stehle.

Glaubt mir, ich hätte niemals was gestohlen. Ich wollte nur Fotos machen, damit Olaf mich in Ruhe ließ. Aber ich hatte Pech. An jedem Fenster hingen vier dicke Schlösser, die nicht zu knacken waren. Ich holte einen Hammer, aber der machte so viel Lärm, dass die Nachbarn die Polizei alarmierten. Zum Glück war ich schnell und konnte nach Hause laufen, ohne dass mich jemand sah.

Olaf musste einsehen, dass es unmöglich war, in Caros Haus zu kommen. Doch ich kann euch verraten – und ein bisschen im Voraus muss man bei einer Geschichte verraten, damit sie spannend bleibt: Ich schaffte es, in Caros Haus zu kommen!

Noch besser: Sie öffnete mir sogar freiwillig die Tür!

Kapitel 3

Reisepläne

Alles begann mit dem Tag, an dem mein Vater Roland die Stellenanzeige in der Zeitung entdeckte. Ein Verlag suchte einen Mitarbeiter, der die Bücher anderer Schriftsteller las, bevor sie gedruckt wurden. Klar, es war nicht so toll wie selbst zu schreiben, aber er könnte mit Büchern arbeiten.

Leider war dieser Verlag in einer anderen Stadt, und die war ziemlich weit weg.

Mein Vater trug die Anzeige immer bei sich. Jeden Morgen und jeden Abend zog er sie aus der Tasche und jeden Vormittag und jeden Nachmittag. Ich hörte meine Mutter zu ihm sagen, dass er endlich eine Bewerbung losschicken sollte.

Wie gesagt: Mein Vater war genau wie ich – nicht besonders mutig. Es dauerte noch eine ganze Weile, bis er eine Bewerbung schrieb.

Zwei Wochen später flatterte an einem Donnerstag ein Brief ins Haus.

Für alle, die immer alles genau wissen wollen:

Der Brief flatterte natürlich nicht, sondern lag einfach in unserem Briefkasten. Aber flattern kling hier einfach cooler!

Was in dem Brief stand, haben mir meine Eltern erst viel später erzählt. Aber ihr müsst es jetzt schon wissen, damit ihr versteht, wie es weitergeht.

Der Chef des Verlages wollte die Familie Zacharias kennenlernen. Roland und Cordula tanzten glücklich durchs Wohnzimmer, bis ihnen einfiel, dass auch ich, Klaus, ein

Teil der Familie war. Ein ziemlich übler Teil, und mein Vater hatte dem neuen Chef – das müsst ihr euch einmal vorstellen – nichts davon geschrieben, dass es mich, Klaus, überhaupt gab!

An diesem Donnerstagabend kam ich wie immer viel zu spät nach Hause. Ich schlurfte in die Küche, bohrte ausgiebig in der Nase und ließ mich auf meinen Stuhl plumpsen. Mein Vater ließ den Brief mit der Einladung in seiner Hosentasche verschwinden.

„Schönen Tag gehabt“, murmelte meine Mutter. Kein Gemecker über den verschmierten Boden, kein ‚Zieh die dreckigen Schuhe aus‘. DAS hätte mir schon zu denken geben sollen. Nein, sie stellte mir nur meinen Teller unter die Nase.

Cordula und Roland betrachteten mich mit verkniffenen Mundwinkeln und gerunzelter Stirn.

Doch ich merkte nichts, verschlang laut schmatzend mein Essen. Das Gemüse schob ich an den Tellerrand und meine Cola schlürfte ich geräuschvoll durchs Röhrchen, obwohl mich meine Eltern schon 1.033 mal gebeten hatten, leiser und gesitteter zu essen.

Aber sie wussten ja nicht, dass Olaf jederzeit draußen vorm Fenster stehen konnte und aufpasste, dass ich mich wie ein rüder Rüpel benahm. Trotzdem erklärte ich meinen Eltern einmal mehr, dass es in einigen Ländern sogar höflich war, zu schmatzen und zu rülpsen.

„Damit alle wissen, wie gut es schmeckt“, erklärte ich schlau.

„Aber mein Essen schmeckt dir doch gar nicht“, murmelte meine Mutter.

Ich ließ wie immer Teller, Besteck und Glas stehen, schlurfte rülpsend zum Kühlschrank, um noch mehr Cola zu trinken. Flink schnappte ich die Tüte mit den Chips. Jetzt waren auch Schlammkrusten auf dem Küchenboden.

„Wie wäre es mit einer Dusche“, fragte meine Mutter mit gerümpfter Nase, als ich an ihr vorbeiging.

Duschen? Nein, unmöglich. Olaf kontrollierte jeden Morgen, ob seine Rüpel auch richtig ätzend müffelten.

Meine Mutter sagte noch immer nichts. Nichts davon, dass ich einen Lappen holen und den Boden wischen und Chips und Cola zurückstellen sollte. Sie sagte kein einziges Wort. Genau an diesem Abend beschlossen Cordula und Roland, dass sie Klaus, ihren Rüpel-Sohn, zu dem wichtigen Besuch bei dem neuen Chef NICHT mitnehmen wollten.

Am nächsten Morgen rief meine Mutter bei den Eltern meiner Mitschüler an. Irgendwo musste ich ja essen und schlafen, solange sie weg waren. Doch alle sagten, sie hätten grade keine Zeit. Ja, es sei eine ansteckende Krankheit ausgebrochen, und in den Kinderzimmern seien Termiten eingebrochen. Oder es fiel ihnen ein, dass ihr Haus abgebrannt war oder es sicher bald tun würde und leider, leider … nein, wirklich vollkommen unmöglich!

Meine Mutter wusste genau, was dahinter steckte. Zu allem Übel konnte sie niemandem böse sein. Aber trotzdem war es für sie schwer zu ertragen, dass mich niemand leiden konnte.

Ja, meine Mutter war verzweifelt. Sie stellte sich wohl vor, wie ich, Klaus, bei dem neuen Chef schlürfend und schmatzend im feinen Wohnzimmer sitzen würde. Niemals würde mein Vater diesen neuen, tollen Job bekommen. Ja, sie war richtig verzweifelt, überlegte und grübelte. Und weil man dabei den Kopf hängen lässt, stieß sie mit Nachbarin Caro-Line Mac Bleistein zusammen, als diese ihren Mülleimer ausleerte.

„Könnte Klaus für ein paar Tage bei Ihnen wohnen?“, fragte meine Mutter, „mein Mann und ich müssten in einer wichtigen Angelegenheit verreisen. Alleine!“

Kaum waren die Worte aus ihrem Mund gesprudelt, als sie sich schon auf die Lippen biss.

Was hatte sie nur gedacht? Die verrückte Mac Bleistein würde jetzt gleich hämisch lachen und Sachen wie ‚Ich bin doch kein Kindermädchen‘ oder ‚Schämen Sie sich! Was sind Sie für eine Mutter?‘ sagen.

Doch Caro sagte nichts. Sie kniff Augen und Lippen noch mehr zusammen. Meine Mutter sah schon, wie sich vier Buchstaben auf Caros Lippen bildeten: NEIN!

Stattdessen lächelte die Mac Bleistein honig-zuckerwatten-süß und dann kamen wirklich VIER Buchstaben aus ihrem Mund. „GERN!“

Sie lächelte, als gäbe es für sie nichts Schöneres auf der Welt, als mich bei ihr wohnen zu lassen. Obwohl ich versucht hatte, bei ihr einzubrechen? Diesen Klaus wollte sie den ganzen Tag um sich haben?

Meine Mutter traute ihren Ohren nicht. „Sind Sie sicher? Ich rede von Klaus!“ Doch Caros süßes Lächeln klebte weiter in den Mundwinkeln.

„Ich weiß, von wem Sie reden, liebe Frau. Ja, ich kann ihn gut gebrauchen, äh, ich meine, er wird es gut bei mir haben! Bleiben Sie ruhig ein paar Tage länger!“

Jetzt klimperte die Mac Bleistein sogar mit den Wimpern – und hier, HIER hätte meine Mutter merken müssen, dass etwas nicht stimmte. Ja, sogar ober-faul war. Aber sie freute sich schon unbändig auf die Reise. Von morgens bis abends keinen Klaus! Kein Gemecker, keine Beschwerden, kein Streit … Hurra! Yippie!

Die Woche, in der sie losfahren wollten, war sogar in den Sommerferien. Caro-Line Mac Bleistein würde mich nicht morgens aus dem Haus jagen müssen, damit ich wenigsten zur dritten Stunde ankam. Jetzt musste meine Mutter nur noch mich dazu bringen, dass ICH einverstanden war. Kein Problem, denn ich wollte ja dringend in Caros Haus, aber das wusste meine Mutter nicht und hatte sich einen super-schlauen Plan ausgedacht.

Zu Mittag gab es fettige Hamburger mit fettigen Pommes und viel Ketchup, um mich friedlich zu stimmen. „Stell dir vor, die Mac Bleistein hat uns angeboten, dass du bei ihr wohnen kannst, während Paps und ich diesen neuen Chef besuchen. Was die sich einbildet, die verrückte Alte! Natürlich hab’ ich NEIN gesagt. Natürlich kommst du mit UNS!“

Sie beobachtete mich. Was, wenn ich jetzt sagen würde ‚Natürlich, liebe Mama, du hast vollkommen recht. Ich fahre mit euch!‘

Aber nein, ich enttäuschte sie nicht. In Caros Haus zu kommen, war wichtig für mich.

„ICH will zur Mac Bleistein. Die lässt sonst niemanden ins Haus!“

Stimmt, das hatte meine Mutter ganz vergessen. Sie runzelte für einen Moment die Stirn. Jetzt zog ich den Kopf ein … was, wenn sie jetzt … ? Doch sie war schon im Fieber! Im Reisefieber!

Eine Woche später stand ich mit meiner gepackten Sporttasche vor Caros Haustür. Meine Eltern zerrten mit zufriedenem Lächeln zwei riesige Koffer zum Auto. Wozu brauchten sie soviel Gepäck für zwei Tage? Ich winkte ihnen lässig, doch sie stiegen in unseren alten, weißen Mercedes und sausten mit quietschenden Reifen davon. Niemand winkte MIR zum Abschied. Mir kam es vor, als hätten sie Angst, die verrückte Mac Bleistein könnte es sich anders überlegen. Und wie fröhlich sie ausgesehen hatten! Sonst nervten sie mich ständig mit Millionen von Sorgen, die sie sich um mich machten.

Ich war traurig und stolz zugleich. Ich hatte meine Rüpel-Rolle so toll gespielt, dass sie sich keine Sorgen mehr um mich machten. Plötzlich wusste ich nicht, was mich mehr ängstigte: bei dieser verrückten Caro zu wohnen oder Olaf und seine Rüpel-Bande? Aber ich kann euch jetzt schon sagen: Es kam alles ganz anders als geplant.

Kapitel 4

Bei Caro

Sobald meine Eltern um die nächste Ecke gebraust waren, stand Caro-Line Mac-Bleistein auf der Türschwelle. Ich beschloss, cool zu grinsen, doch bevor ich grinsen konnte, packte sie mich und zerrte mich ins Haus. Sie knallte die Tür zu, drehte den Schlüssel dreimal um und drückte blitzschnell auf die Tasten eines Kästchens neben der Tür. Fünf rote Lämpchen blinkten hektisch.

„Das ist die Alarmanlage“, erklärte sie mir, „um sie auszuschalten, muss man ein Kennwort eingeben. Glaub’ nur nicht, dass du es knacken kannst. Es ist weder mein Vorname noch mein Geburtsdatum. Und es sind 25 Buchstaben und 11 Ziffern!“

Ich spitzte die Ohren. Das war ein Fall für Kevin, Olafs Computer-Rüpel. Der war total wild auf Computerspiele. Ich musste ihm unbedingt ein Foto auf sein Handy schicken.

Für alle, die immer alles genau wissen wollen:

‚Handy‘ ist ein englisches Wort und heißt einfach nur ‚praktisch‘.

In England heißt ein tragbares Telefon ‚mobile phone‘ oder ‚cell phone‘ in Amerika.

Ich wollte mein Telefon aus der Tasche ziehen, aber Caro beobachtete mich. Also ließ ich es stecken und sah mich um. Die Tapete im Flur war rot-schwarz-kariert und ein grün-gelb-karierter Schirm stand im Schirmständer. Das war nix Besonderes, das konnte man sicher irgendwo kaufen. Nein, für Olaf brauchte ich etwas viel Aufregenderes.

„Hier geht‘s lang.“ Caro stieß mich zur Treppe, die hinauf in den oberen Stock führte. Dort blieben wir vor einem Gemälde stehen, dass schief an der karierten Wand hing.

„Das ist mein Neffe Angus“, erklärte Caro, „er lebt in Schottland. Dort bin ich geboren. Er ist der Sohn meiner geliebten Schwester Emily.“

Dieser Angus musste genauso verrückt sein wie Caro, denn er trug einen Rock. Ein Mann, der einen karierten Rock trug! Diese ganze Familie Mac-Bleistein war total übergeschnappt.

„Ich habe es so geliebt, mein Schottland“, seufzte Caro leise, „aber das war in einem anderen Leben!“

Wie bitte? Ich tippte mir hinter Caros Rücken mit dem Zeigefinger gegen die Stirn. In welchem anderen Leben? Man hatte doch nur eines.

„Leider ist mein Neffe ein lausiger Wissenschaftler. Viel zu ängstlich. Immer hat er mich gewarnt. Nein, Tante Caro, damit soll man nicht experimentieren. Tu’ dies nicht, tu’ das nicht. Ein richtiger Hasenfuß ist er! Dir kann ich es ja sagen, denn du wirst es niemandem erzählen.“

Plötzlich kicherte sie. Nicht fröhlich, sondern schrill und spitz. Irgendwie irre. Irre und unheimlich. Klar, würde ICH diesem Angus nie was erzählen! Ich kannte ihn ja überhaupt nicht. Und wie sollte ICH nach Schottland kommen? Caro öffnete eine Tür links neben dem Angus-Gemälde.

„Hier ist dein Zimmer. Ich werde noch oben in meinem Labor arbeiten. Du hast ja sicher etwas zu tun, mein Lieber!“ Für meine Ohren klang ‚Mein Lieber‘ als hätte sie gesagt, ‚du ungehobelte, freche, kleine Kröte, steh mir nicht länger im Weg herum.‘

Ich trug meine Sporttasche in das Zimmer. Es war winzig klein, wie eine Abstellkammer. Eine Matratze und eine rot-schwarz-karierte Decke lagen auf dem Boden. Egal, hier drin würde ich nicht oft sein. Wenn ich nur dran dachte, was ich schon alles gesehen hatte: karierte Tischdecken, Teppiche, das Sofa und der Sessel, Lampenschirme, sogar die Tulpen in der Vase. Es würde Tage dauern, alles zu fotografieren.

„Pack dein Zeug aus, mach Hausaufgaben oder lies was. Um 18 Uhr gibt es Abendessen – und ich weiß schon jetzt, dass ich nicht nach dir suchen muss.“

Caro kicherte wieder ziemlich irre, warf die Tür zu und drehte den Schlüssel um.

Eingeschlossen! Sie hatte mich eingeschlossen! Keine Fotos!

Ich hämmerte gegen die Tür und schrie „Lassen Sie mich sofort raus! Ich rufe meine Eltern an! Entführung! Ich rufe die Polizei!“

„Halt die Klappe“, kreischte Caro zurück, „steck’ deine Rotznase in deine Bücher. Das wird nicht schaden!“

Lesen? Ich hatte keine Bücher dabei. Nur mein Telefon, doch was war das? In diesem Zimmer gab es kein Netz. Das Telefon funktionierte nicht – und es gab auch keinen Fernseher! Nur ein Stapel Bücher lag in der Ecke.

Diese Verrückte hatte mich entführt! Nein, falsch! Meine Eltern hatten mich freiwillig bei ihr abgeliefert!

Rechts war ein winziges Fenster. Ich rüttelte am Griff. Natürlich verschlossen. Immerhin konnte ich von hier oben die Straße sehen. Ja, ich würde winken oder ein Schild ‚Hilfe, ich wurde entführt‘ hochhalten. Gerade ging unten Nachbar Brösel mit seinem dicken Dackel vorbei. Ich stellte mich auf Zehenspitzen und hämmerte mit beiden Fäusten gegen die Scheibe. Herr Brösel blieb stehen, sah sich um und sah nach oben. Dann grinste er und ging weiter.

‚Er hat mich gesehen‘, dachte ich, ‚aber er will mich nicht sehen‘. Mir fiel ein, dass Olaf mich gezwungen hatte, seinem Dackel auf den Hintern zu schießen. Das war jetzt die Rache dafür.

Ich stolperte über den Stapel Bücher. Alles Bücher über Katzen! Hatte die verrückte Mac Bleistein irgendwo eine Katze? Ich ließ mich auf die Matratze mit der karierten Decke plumpsen und starrte hoch zur Zimmerdecke. Über mir liefen Schritte eilig hin und her, dann rumpelte, zischte und knallte es. Ich hörte Caro zornig rufen. „Verflixt, schon wieder misslungen!“

Egal, in zwei Tagen waren meine Eltern wieder da.