Klaus la transformación - Jürgen Stecher - E-Book

Klaus la transformación E-Book

Jürgen Stecher

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Beschreibung

Klaus lebt ein einfaches und zurückgezogenes Leben als Tischler in Hannover. Eines Tages schickt ihn seine Oma auf eine Reise nach Spanien, die ihn und sein Leben verändert.

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Seitenzahl: 540

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Vorwort

Lieber Buch-Halter und Vorwort-Leser. Erst einmal möchte ich mich bei Ihnen bedanken für das Interesse, dieses Buch lesen zu wollen. In Anbetracht dessen, dass ich die letzten Jahre kreuz und quer durch Spanien und Portugal zu Fuß unterwegs war, reifte die Idee ein Buch zu schreiben. In einer, zum großen Teil menschenleeren Landschaft hat man eben auch Zeit sich Gedanken zu machen. Die Menge an Wein, die dabei verköstigt wurde, um es niederzuschreiben, war …, viel! Sicher wird es jetzt heißen 'wieder ein Buch über den bekanntesten Pilgerweg!' Aber egal, der Weg ist eigentlich nur ein Medium, durch welche meine Protagonisten ihre Geschichten erleben.

Dann wünsche ich Ihnen noch viel Spaß beim Lesen.

Klaus führt ein unspektakuläres, bescheidenes Leben, bis ihn seine Oma auf eine Reise schickt, die alles verändert.

Klaus la transformación

„Oma ist gestorben!“

Das ist das erste, was Klaus gnadenlos an diesem Morgen aus dem Schlaf reißt. Schon am Läuten des Telefons kann er hören, dass was passiert sein musste. Sein Wecker zeigt auf kurz vor 6 Uhr morgens. Mama ist es, die am anderen Ende des Hörers kommalos weiterredet. Dieser eine Satz aber durchfährt ihn wie ein Blitz und er ist augenblicklich hellwach. Dass es Oma nicht gut ging wusste er seit langem. Die ganze Familie rechnete damit, dass es bald zu Ende gehen würde.

„Wann ist sie denn gestorben?“, unterbricht er zögerlich Mamas Monolog.

„Ja, äh“, stockt sie kurz. „Vor einer Stunde.“

„Hatte sie noch viele Schmerzen?“, stammelt er in den Hörer.

Gänzlich unbeeindruckt von Omas Ableben setzt Mama nach:

„Der Doktor meinte nein, wann kannst du kommen? Wir müssten das mit der Beerdigung organisieren.“

Klaus muss sich erst mal sammeln und bleibt stumm.

„Hallo, bist du noch dran?“, quäkt es aus dem Hörer.

„Ja, muss nachdenken“, entschuldigt er sich kleinlaut.

In seiner Firma war schon längere Zeit Kurzarbeit angesagt und es würde kein Problem sein, kurzfristig Urlaub zu bekommen.

„Ich muss hoch in die Firma. Denke heute Abend. Muss sehen, wann ein Zug fährt“, grübelt er nach.

„Dann gebe ich noch deinen Geschwistern Bescheid. Wollte es dir als Ersten sagen, denn du warst ja ihr Lieblingsenkel“, klingt neidisch ihre Stimme. Ohne spürbar Luft zu holen prasselt ihre Stimme weiter aus dem Hörer. „Klaus, hast du für die Beerdigung auch einen schwarzen Anzug?“

Überfordert mit der Frage meint Klaus kurz angebunden: „Weiß ich nicht, muss ich nachsehen!“

„Soll ich Rudi fragen, der hat doch auch deine Größe! Und Schuhe. Schwarze müssen es sein, keine Turnschuhe! Und ein weißes Hemd mit schwarzer Krawatte! Hast du ein weißes Hemd? Wenn nicht, kannst du von Papa was haben, dem hab ich erst im Sonderangebot welche gekauft. Krawatten hat er auch ein paar, da kannst du auch eine haben“, plappert sie interpunktionslos weiter.

Energisch unterbricht er jetzt ihren Redefluss. „Mama, ich finde schon was!“

„Klaus ich richte schon mal dein altes Zimmer her. Was möchtest du essen?“.

„Eines muss man ihr lassen, sie ist einfach ein Organisationstalent.“ schwirrt Klaus durch den Kopf.

„Also für Rudi und Inge hab ich schon Cordon Bleu zu Hause.

Gab’s bei Metzger Kalle im Sonderangebot! Nudelauflauf, wäre noch von vorgestern übrig, den magst du doch!“

„Mama, mach irgendwas!“, resigniert er schließlich.

Klaus kann gar nicht so schnell mitdenken, wie die Fragen auf ihn einprasseln. „Wie lange kannst du bleiben? Denke die Beerdigung ist am Donnerstag! Klaus, wenn du Wäsche hast, dann bring sie mit, in der Straße wird grade die Wasserleitung neu gemacht, und wir haben alle einen Notanschluss vom Wasserwerk, da ist momentan kein Zähler dran. Da können wir quasi um sonst waschen und duschen, das muss man doch ausnutzen“, freut sie sich sichtlich.

Erschöpft stöhnt Klaus: „Mama, kann Papa mich vom Bahnhof abholen?“

„Ja, kann er, wann kommst du?“, will sie erneut wissen.

„Mama, muss doch erst nachsehen, wann der Zug fährt!“ Er greift sich an den Kopf. „Abends halt!“

„Dann rufst du an, lass es nur dreimal klingeln! Klaus, du ich muss jetzt auflegen, muss noch Rudi und Inge anrufen, also tschüss!“ Sie drückt das Gespräch weg.

„Ja, tschüss Mama“, denkt er sich in die noch tutende Leitung.

Mann, wie hat er das nur 28 Jahre ausgehalten? Er zieht sich die Decke über seinen Kopf. Oma mochte Klaus sehr, er war ihr Lieblingsenkel. Seine Gedanken beginnen zu kreisen. Was hatte er nicht alles mit Oma erlebt? Oma wohnte lange Zeit mit ihm im selben Haus wie seine Eltern. Das Haus gehörte ihr sogar, Mama und Papa wohnten fast kostenlos darin. Jedenfalls zahlten sie keine Miete. Die letzten Jahre hatte sie aber ein Zimmer in einer Senioreneinrichtung oder war bei Onkel Egon. Als Klaus noch klein war, verbrachte er viel Zeit bei Oma. Viele Nachmittage in denen er und Oma so manches unternahmen oder irgendetwas bastelten oder spielten. Seine älteren Geschwister, Rudi und Inge, waren meistens mit ihren Freunden unterwegs, Mama und Papa waren arbeiten. Freunde hatte er zwar auch welche, vom Fußballverein her. Da er aber kein Talent zum Fußballspielen hatte wurde er meistens - wenn überhaupt! - nur als Einwechselspieler eingesetzt. Was ihm dann auch seine Mitspieler verbal und auch körperlich spüren ließen.

Er hatte den Spitznamen „Der blaue Klaus“. Wer sich noch daran erinnern kann, das war eine Zeichentrickfigur von Loriot mit Wum und Wendelin als Partner. Am Fußballplatz wurde er dann immer mit dem Spruch „Der blaue Klaus in seiner fliegenden Untertasse“ verspottet, denn er machte wirklich keine gute Figur beim Fußballspielen. Irgendwie passten aber diese Zeichentrickfiguren zu ihm. Träumerisch und einen Hauch weltfremd war er einfach. Wum, der Hund, war so wie sein älterer Bruder Rudi. Vorlaut und alles besserwissend. Wendelin wie seine Schwester Inge: Etwas moppelig und naiv. Seine Eltern begleiteten ihn nie zu einem Spiel, Oma manchmal schon, wenn sie konnte. Abends war er oft bei Oma, denn Mama und Papa wollten nach der Arbeit ihre Ruhe haben, und seine Geschwister, welche mindestens acht Jahre älter waren, wollten sich mit ihm nicht beschäftigen. Mit "Kinderkram" wollten sie nichts zu tun haben. Zu Oma hatte er ein sehr inniges Verhältnis, bei ihr fühlte er sich geborgen, wesentlich mehr als bei seiner Mama. Kein Wunder, Mama war ja selten da und wenn sie da war, dann ging es oft über Geld, und wo etwas billig zu bekommen wäre.

"Klaus, warum hast du eine 4 in Mathe? Rudi und Inge hatten so was nicht!"

"Zur Strafe darfst du nicht mit ins Freibad, sondern setzt dich auf deinen Hosenboden und lernst."

Oma war immer seine Insel. Seine Rettungsinsel.

Immer hatte sie Verständnis für ihn.

"Klaus nimm es dir nicht zu Herzen, du findest noch deinen Weg!", tröstete sie ihn oft.

"Komm zeig mir mal deine Hausaufgabe, vielleicht kann ich ja helfen."

Auch wenn Oma nur wenig von diesen neumodischen Schulfächern wusste, sie nahm sich die Zeit und alleine das half ihm schon an viele Dinger sicherer heranzugehen um sie besser zu verstehen. Oma war es auch, die in ihm die Begabung zum Handwerklichen sah, und ihn darin unterstützte. Im Garten stand eine alte Birke. Zusammen mit Onkel Egon und Oma, zimmerten sie ein Baumhaus hinein. Das Werkzeug und die Bretter besorgte Onkel Egon. Onkel Egon war eigentlich kein richtiger Onkel, sondern ein Nachbar und guter Bekannter von Oma, den sie schon lange kannte und der auch was vom Handwerken verstand. Es kostete zwar einige blaue Flecken und Abschürfungen, aber nach drei Wochen Bauzeit war das Baumhaus fertig. Es wurde so groß, dass auch Oma darin Platz hatte. Sogar eine Einweihungsfeier gab es. Und Onkel Egon hielt eine Festrede. Mama war natürlich wie immer dagegen.

Papa sagte gar nichts und hielt sich lieber an das Einweihungsbier. Rudi und Irene befanden, ein Haus ohne Kühlschrank und Fernsehantenne sei kein Haus. Aber Oma und er wollten es den anderen einfach nur beweisen. So manche Nacht verbrachten sie darin. Stolz stand er oft davor und begeisterte sich an dem Bauwerk. Seitdem war er ein echter Holzwurm und in Onkel Egons Werkstatt heimisch geworden.

Klaus vergräbt sich in sein Kissen. Oma war nicht mehr, seine Oma! Jederzeit war sie für ihn da. Jetzt hat sie ihn für immer verlassen. Seine Rettungsinsel war untergegangen. Jetzt tut es ihm besonders Leid, dass er sie die letzten Wochen nicht mehr besucht hat. Tief traurig schluchzt er. Die Tränen saugt sein Kissen weg. Lange liegt er zusammengekauert in seinem Bett.

Sein Wecker zeigt ihm aber an, dass er zur Arbeit muss. Im Badezimmer betrachtet er sein verheultes Gesicht. Der Kaffee schmeckt ihm nicht. Sein Frühstück lässt er ausfallen. Es regnet, als er seine Wohnung verlässt. Zur Bushaltestelle muss er sprinten. Klaus ist Tischler und arbeitet als solcher in einer Firma für maßgefertigte Möbel aller Art. Vor Jahren ist er deswegen aus Worms nach Hannover gezogen. Eher ein unauffälliger Mitarbeiter ist er. Aber seine Kollegen schätzen ihn. Heute ist er später dran. Harald, sein Vorgesetzter wartet schon auf ihn.

„Ungewöhnlich!“, findet Klaus. Sonst kommt er immer erst gegen Mittag.

„Hallo Klaus, kommst du mal bitte mit“, fängt er ihn auch schon am Eingang ab.

Verwundert folgt er Harald in sein Büro.

„Also Klaus“, ganz förmlich begrüßt er ihn ein zweites Mal, nachdem sie Platz genommen haben.

Klaus fühlt sich unwohl, hat aber keine Ahnung was jetzt kommen wird.

„Du weißt ja“, fängt Harald weiter ausholend an. „Der Speekermann-Auftrag ist auf unbestimmte Zeit verschoben. Bei Mörgel-Messebau sind die Aufträge auch stark eingebrochen.“

Klaus schluckt innerlich und ihm wird ganz heiß.

„Also Klaus, du weißt, dass ich sehr zufrieden mit dir bin, du bist einer meiner besten Leute, aber...“

Bei diesem ''Aber'' wird Klaus übel.

„Also, wir haben momentan zu viele Kollegen, und zu wenig Aufträge“, fährt er mit sonorer Stimme weiter. „Wir müssen kurzfristig Kosten einsparen.“

Klaus weiß, was das bedeutet, er hört gar nicht mehr richtig zu.

„Wir haben es uns nicht leicht gemacht“, er stützt sich bemüht betroffen auf seinen Schreibtisch, „aber du bist laut Sozialplan, da du keine Familie hast, leider, und ich sag es noch mal, leider einer der ersten, die wir freistellen müssen.“

In Klaus stürzt gerade sein fragiles Selbstbewusstsein zusammen.

„Der Betriebsrat hat auch schon zugestimmt“, rechtfertigt er sich. „Ich!“, und das verkündet Harald mit selbstherrlicher Stimme, „ich, hab es durchgesetzt, dass du vorerst nur beurlaubt wirst, deine Versicherungen, werden vorerst für ein paar Monate weiterbezahlt.“

Klaus hört gar nicht mehr richtig zu. Er ist in Gedanken woanders. Zuerst Oma, und dann auch noch die Arbeit, und das alles an einem Morgen! Harald redet einfach weiter, ohne dass Klaus es noch aufnehmen kann. Willenlos unterschreibt er ein paar Formulare, welche ihm Harald vorlegt, dann steht er auf und geht wortlos. Kollegen, die ihm beim Verlassen der Firma begegnen, registriert er gar nicht mehr. Draußen regnet es immer noch. Ihm wurde heute in nur wenigen Stunden der Boden unter den Füßen weggezogen. Er ist tief in sich versunken als er sich zur Bushaltestelle schleppt. Ein Linienbus hält und Klaus steigt ein. Häuser und Straßenzüge rasen an ihm vorbei. Emotionslos blickt er durch die von Regentropfen beschlagenen Scheiben.

Die krächzende Lautsprecherstimme des Busfahrers holt ihn in die Wirklichkeit zurück.

„Depotfahrt - alles aussteigen!“, brummt es aus dem Lautsprecher.

Als letzter Fahrgast verlässt er den Bus. Er muss irgendwo im südlichen Teil von Hannover sein. Die nächste Zeit fährt kein anderer Bus zurück. Sein Instinkt zeigt ihm, welchen Weg er nehmen muss. Es ist keine gute Gegend, in der er sich befindet.

Die Läden und Geschäfte an denen er vorbeikommt, hatten auch schon bessere Zeiten erlebt. An der Eingangstür eines drittklassigen Spielcasinos steht eine kleine ältere Frau. Ihrer abgenutzten Kleidung nach zu urteilen wird es sich wohl um die Putzfrau handeln. Die speckigen, schulterlangen Haare und der Zigarrenstummel in ihrem Mundwinkel festigen den Eindruck bei Klaus. In ihrer linken Hand baumelt eine Plastiktüte. Das Casino hat noch geschlossen und so klopft sie energisch gegen die Eingangstür. Als Klaus an der alten Frau vorbeigeht, öffnet sich mit lautem Ruck die Eingangstür. Ein ziemlich verschlafen aussehender, großgewachsener, stämmiger Typ mit Glatze im Feinripp-Unterhemd steht in der Tür. Klaus zuckt zusammen.

„Es ist gerade mal 10 Uhr, das Casino macht erst um 18 Uhr auf, kapier es endlich mal!“, brüllt der Türsteher die Frau an.

Gänzlich unbeeindruckt davon blickt sie ihn stoisch an.

„Hau ab, du wirst dein Geld auch später los!“, setzt er nach.

Mit seinen kräftigen Armen stößt er die Frau gegen die Schultern, sodass sie rückwärts auf den Bordstein fällt. Die Tür knallt wieder zu. Ohne Nachzudenken bückt sich Klaus und greift ihr unter die Arme. Dabei wird ihm fast übel, denn an ihr klebt der tage alte Geruch von Zigaretten. Schmerzverzerrt stöhnt sie leise, offenbar hat sie sich ein paar blaue Flecken zugezogen.

„Danke“, sagte eine junge Stimme im Hintergrund.

Klaus blickt sich um, eine große blonde gut aussehende Erscheinung mit Regenschirm steht besorgt hinter ihm. Erstaunt über diesen Anblick reißt Klaus seine Augen auf.

„Oma! Was machst du schon wieder hier?“ Zärtlich streicht sie der alten Frau übers Gesicht.

Die spricht aber kein Wort.

„Wir haben dir das doch verboten, dass du hierher kommst!“ Sie hakt sich mit einer Hand bei Oma unter. „Was soll ich denn Papa sagen, wenn du wieder dein Geld verspielt hast und er die Miete zahlen muss? Du weißt doch, dass er dann wieder tobt“, ermahnt sie ihre Oma.

Die alte Frau spricht immer noch nichts, doch man sieht, dass sie sich schämt.

„Würde es Ihnen etwas ausmachen, wenn Sie mir helfen würden meine Oma nach Hause zu bringen? Es ist nicht weit, nur da vorne um die Ecke“, fragt sie Klaus.

Ihre hellblauen Augen sehen ihn so bittend an, dass er wie hypnotisiert zustimmend nickt. Langsam führen sie Oma in Richtung Wohnung.

Als sie vor der Haustüre stehen, fragt sie: „Haben Sie noch kurz Zeit? Die Wohnung ist im 3.Stock und einen Aufzug gibt es keinen.“

„Ja, klar“, nickt Klaus.

Das Treppenhaus ist eng. Und alle drei sind froh, oben heil angekommen zu sein.

„Gerade durch bitte.“ Die junge Frau deutet den Flur entlang.

„Da ist das Wohnzimmer.“

Der alte Sessel quietscht, als sie Oma darin absetzten.

Die junge Frau dreht sich um. „Ich leg nur die Tüte in die Küche“, und sie verschwindet wieder im Flur.

Schüchtern blickt Klaus ihr hinterher.

„Kann ich Ihnen einen Kaffee anbieten?“, tönt es aus der Küche.

Klaus überlegt.

„Und?“, erklingt die erneute Frage aus der Küche.

„Warum denn nicht?“, denkt er sich. „Ja, aber ich kann nicht lange bleiben, ich muss dann noch zum Bahnhof.“

Klaus blickt sich um. Das Wohnzimmer ist voller Erinnerungen aus vergangenen Zeiten. Vergilbte Fotos von allerlei Menschen stehen wahllos herum.

„Oma! Hast du schon wieder das Haushaltsgeld genommen?“,

schrillt es aufgebracht aus der Küche. Mit einer leeren Vorratsdose in der Hand kommt die junge Frau ins Wohnzimmer.

„Omaaa! Wo ist das Geld?“ Sie zeigt ihr die leere Dose.

Schuldbewusst greift Oma in eine Hosentasche und holt ein paar zerknitterte Geldscheine hervor.

Sichtlich ratlos schüttelt die junge Frau ihren Kopf und versucht böse zu blicken. „Was soll ich nur mit dir machen? So geht das nicht mehr weiter!“

Klaus fühlt sich irgendwie fehl am Platz. „Ich geh dann mal lieber.“

„Bitte bleiben Sie doch noch. Der Kaffee läuft doch schon durch“, sagt sie. „Und du, Oma, du bleibst hier und rührst dich nicht!“, versucht sie ernst zu bleiben.

Beide sitzen sich dann in der Küche am überladenen kleinen Ecktisch gegenüber.

„Milch, Zucker?“, deutet sie mit ihrer Hand auf ein paar antike Porzellandöschen.

„Beides, bitte.“

Sichtlich resigniert beginnt sie zu erzählen. „Wissen sie, langsam wird mir das zu viel, ich kann nicht ständig auf meine Oma aufpassen! Ich studiere noch und nächstes Jahr möchte ich damit fertig sein. Ich wohne auch bei meiner Oma, weil ich mir keine eigene Wohnung leisten kann“, erklärt sie. Frustriert stemmt sie ihren Kopf in beide Arme. „Aber das geht langsam über meine Kräfte. Das Studium, Oma mit ihrer Spielsucht, immer diese Geldsorgen. Papa dachte, wenn ich bei Oma wohne, kriegen ''Wir'' das schon in den Griff. Es geht aber nicht mehr.

Ich weiß nicht ob es besser ist, sie vielleicht in einem Heim unterzubringen.“

Tränen fließen ihr über die Wangen. Klaus hört ihr einfach zu.

Obwohl er ihr noch nie zuvor begegnet ist, würde er jetzt gerne ihre Hand halten oder sie einfach nur in den Arm nehmen, so wie es seine Oma immer gemacht hat. Immer wieder kreuzen sich ihre Blicke. Ihrem Blick hält er aber nicht stand. Zu schüchtern ist er. Stattdessen schweift sein Blick durch die Küche. Ein paar Schranktüren schließen nicht mehr richtig. Er als Tischler hat dafür einen Blick.

„Ja, hier müsste so einiges gemacht werden“, folgt sie seinem Blick, „aber selber kann ich das nicht.“

Klaus blickt auf seine Uhr. Eigentlich sollte er nach Hause gehen und packen, aber in Gegenwart dieser Frau fühlt er sich einfach nur wohl.

Er bietet ihr an: „Wenn Sie Werkzeug haben, kann ich das machen.“

Mit einem Werkzeugkoffer kommt sie aus der Diele zurück. Im Nu hat Klaus die Türen neu eingestellt.

„Haben Sie das gelernt?“, staunt sie mit glänzenden Augen.

„So was ähnliches“. Er kontrolliert akribisch das Spaltmaß der letzten Tür. „Bin Tischler von Beruf.“

Begeistert öffnet sie mehrmals eine der neu ausgerichteten Türen. „Mensch, das ist ja toll, vielen Dank, was bin ich Ihnen schuldig?“, strahlt sie glücklich.

„Das geht schon in Ordnung“, stottert er verlegen, „ich muss jetzt aber los.“

Auch wenn er noch gerne geblieben wäre, mit einem Händedruck verabschieden sie sich an der Wohnungstür. Der Regen hat aufgehört. Wie von der jungen Frau beschrieben, ist die Bushaltestelle leicht zu finden. Jetzt fällt ihm erst auf, dass er nicht mal ihren Namen kennt. Am Bahnhof erkundigt er sich über eine Zugverbindung nach Worms. Zu Hause angekommen, blinkt der Anrufbeantworter in seiner Diele. Herbert, sein Arbeitskollege und einzig nähere Freund, hat angerufen.

„Hallo Klaus, hier ist Herbert, ruf mich mal bitte auf meinem Handy zurück, muss dringend mit dir reden.“

Klaus will zwar jetzt nicht mit ihm telefonieren, ruft ihn aber trotzdem zurück.

„Hallo Klaus, das ist gut, dass du anrufst, das ist eine Sauerei, was sie mit dir da machen!“, legt er aufgebracht los.

„Ja.“

„Du Klaus, Harald hat mit keinem von uns darüber gesprochen, das hat er sich alles selber ausgedacht. Du bist der einzige in unserer Abteilung, der entlassen wurde!“, holt Herbert aufgebracht tief Luft.

Klaus bleibt stumm.

„Du bist halt auch leider der einzige, der nicht verheiratet ist, aber das ist kein Grund. Du bist auch schon länger in der Firma, als manch anderer. Das können wir uns nicht gefallen lassen. Da gibt es ja schließlich noch einen Betriebsrat! Ich kümmere mich gleich darum. Kannst du heute noch mal reinkommen?“

„Nein.“

„Das müsstest du aber machen“, besteht Herbert darauf.

Klaus stemmt sich gegen seine Trauer. „Du Herbert, ich habe jetzt keine Zeit, ich fahre gleich nach Worms, meine Oma ist gestorben.“

Hörbar schluckt Herbert in die Leitung. „Deine Oma, das auch noch. Sch…, Wie lange bleibst du?“

„Keine Ahnung, ein paar Tage. Bis nach der Beerdigung.“

„Gut, wann fährst, du?“

„Hab gerade nachgesehen, um 15 Uhr, geht mein Zug.“

„Gut, dann machen wir das so, Elfi ist zu Hause, ich ruf sie an, dass sie gleich zu dir kommen soll. Sie kann dich auch zum Bahnhof fahren.“

Herbert ist ein Organisationstalent.

Klaus zögert. Eigentlich möchte er jetzt alleine sein, stimmt aber zu.

„Klaus, wir kriegen das schon wieder hin, also bis dann“, muntert Herbert ihn noch auf.

Herbert mag Klaus, was Klaus zu schüchtern und unentschlossen ist, ist Herbert genau das Gegenteil. Er kümmert sich um Klaus, als ob er sein kleiner Bruder wäre. Sie unternehmen viel zusammen. Grillen, wandern oder ins Kino gehen. Herbert, Elfi seine Frau, Oma und Onkel Egon sind die wichtigsten Menschen in seinem Leben. Klaus' Rucksack ist schnell gepackt. Es dauert nicht lange und Elfi klingelt an seiner Wohnungstür. Ohne ein Wort zu sagen, umarmt sie Klaus. Jetzt kann er die unterdrückten Tränen nicht mehr zurückhalten.

„Klaus, es wird schon wieder.“ Sie streicht ihm über den Rücken. „Ich bin ja da, geniere dich nicht, lass es einfach raus.“

Elfi ist Krankenschwester und weiß, was in solchen Situationen zu tun ist. Sie nimmt seine Hand und führt ihn ins Wohnzimmer.

Klaus legt sich aufs Sofa. Elfi sitzt neben ihm. Wie aus längst vergangen Kindertagen schmiegt Klaus seinen Kopf an Elfis Schoss. Sanft streicht sie über seinen Kopf. Lange Zeit verbringen sie auf dem Sofa. Ihren Trost saugt er gerne in sich auf.

Elfi kannte den Krankheitsverlauf von Oma. „Hatte sie noch viele Schmerzen?“, unterbricht Elfi die Stille.

Klaus seufzt auf. „Die Ärzte meinten, nein“.

„Durch die Medikamente hat sie bestimmt nicht viel gelitten.

Deine Oma war ja eine starke Frau“, flüstert sie.

Klaus wischt sich seine Tränen aus dem Gesicht.

Elfi blickt auf die Uhr. „Wann musst du los?“

„Um 15 Uhr geht mein Zug“. Er richtet sich tränenverschmiert auf.

„Dann sollten wir langsam“. Sie wischt ihm die Tränen aus dem Gesicht. „Wie lange bleibst du?“

„Weiß noch nicht. Bis nach der Beerdigung. Bin ja momentan freigestellt.“

Zustimmend nickt Elfi. „Herbert hat’s mir gerade erzählt. Aber das kriegen wir schon hin“. Sie streicht ihm tröstend über die Schulter.

„Meinst du?“

Sie hebt ihren Daumen „Sicher! Auf was soll ich achten, solange du weg bist?“

„Eigentlich nur auf die Blumen und den Briefkasten. Im Kühlschrank ist auch noch was.“

Elfi parkt direkt vor dem Haus. Die Fahrt zum Bahnhof kommt Klaus wie eine Ewigkeit vor. Schweigend stehen sie am Bahnsteig. Im Zeitlupentempo fährt der Zug ein. Bevor Klaus einsteigt umarmt ihn Elfi noch mal.

„Klaus, meldest du dich heute noch?“

„Kann ich machen Elfi, und danke noch mal fürs Herbringen.“

Er steigt in den Zug und nimmt das erste Abteil neben der Tür.

Seinen Rucksack wuchtet er in die Gepäckablage. Dabei sieht ihm Elfi von außen zu. Das Fenster im Abteil lässt sich aber nicht öffnen. Die Zugtüren rasten ein und der Zug setzt sich langsam in Bewegung. Elfi hält ihre flache Hand von außen an die Scheibe. Klaus drückt von innen dagegen. Er unterdrückt eine Träne. Der Zug nimmt Fahrt auf und Elfi lässt los. Er winkt ihr zum Abschied, bis sie aus seinem Sichtwinkel gerät. Sein trauriges Gesicht klebt an der Scheibe. Er ist nicht alleine im Abteil. Ihm gegenüber sitzt ein älterer, untersetzter Mann, der ihn akribisch mustert. Immer wieder unterdrückt Klaus seine Tränen.

„Ja, ja die Liebe!“, seufzt der ältere Mann.

Verdutzt blickt ihn Klaus an. Was er jetzt gar nicht gebrauchen kann, ist ein mitleidiges Gespräch.

„Am Bahnhof ist es immer besonders theatralisch“, fährt der Mann fort, „wenn sich Liebespärchen trennen müssen, um sich dann wieder ein paar Tage später in den Armen zu liegen. Die Erfinder der Eisenbahn hatten das damals nicht ahnen können, welchen Trennungsschmerz und welche Wiedersehensfreude sie bei Menschen auslösen. An Flughäfen gibt es weniger solcher Szenen.“

Klaus kann gar nichts darauf sagen. Er will auch nichts dazu sagen.

„Viele Filme zehren von einer theatralischen Abschiedsszene am Bahnhof. Außer natürlich Casablanca, der Abschied am Flugplatz von Bogart und Bergmann. Einmalig, wie das Flugzeug noch mal zurückkommt und knapp über Ricks Kopf in die Nacht verschwindet“, hält er schwärmend kurz inne, „man hat sich in die Hand eines Verkehrsmedium begeben und kann die Trennung zwischen sich und seinem Liebsten nicht mehr rückgängig machen. Nur der Blickkontakt kann für kurze Zeit aufrechterhalten werden. Das Herz beginnt mit zunehmender Entfernung mehr zu rasen. Romantisch!“ Er blickt Klaus an.„An Flughäfen, ist das jetzt ganz anders. Der Reisende durchschreitet eine Schleuse und weg ist er. Unromantisch! In welchem Flugzeug der Reisende schließlich sitzt, bleibt dem zu Hause bleibenden verborgen.“

Er unterbricht wieder kurz seinen Monolog. „Sind Sie für länger von Ihrer Freundin getrennt?“, blickt er Klaus fragend an.

Genervt von der Frage, aber um nicht unhöflich zu wirken, antwortet er nur kurz.

„Nein. Nicht lange“, und wendet sich wieder der vorbeiziehenden Landschaft zu.

„Wohin fahren Sie denn, wenn ich fragen darf?“

Tief atmend antwortet Klaus barsch: „Worms!“

„Worms. Die Stadt der Nibelungen. Romantisch! Wann werden Sie sich denn wiedersehen?“

Jetzt wird er Klaus langsam zu neugierig. „Steht noch nicht fest!“

„Wohl beruflich in Worms zu tun?“

„Nein, Familienbesuch!“, lautet die knappe Antwort.

„Ach, na dann - Hals und Beinbruch. Muss wohl nicht so erquickend sein, wenn die Freundin nicht mitfährt?“

„Genau!“ Klaus kramt nach seiner Geldbörse, denn der Schaffner betritt in diesem Augenblick das Abteil.

„Guten Abend Herr Professor, auch mal wieder unterwegs? Wo soll’s denn hingehen?“

Die beiden kennen sich anscheinend.

„Trier soll es diesmal sein“, gibt der Professor freudestrahlend Auskunft.

„Arbeiten Sie wieder an einem Buch Herr Professor?“ Der Schaffner überfliegt beiläufig Klaus‘ Fahrkarte.

„Aber natürlich! Diesmal geht es um Fernbeziehungen“, gibt der Professor stolz von sich.

„Interessant!“, staunt der Schaffner, „das kenn ich von Berufswegen.“ Er rückt seine Dienstmütze gerade.

„Erkläre gerade dem jungen Herrn etwas übers Abschied nehmen!“

Klaus wird es zu viel. „Wo ist denn das Bordrestaurant?“,

wendet sich Klaus an den Schaffner. Er hat jetzt wirklich keine Lust als Studienobjekt zu dienen.

„Wagen vier. Der übernächste Wagen“, deutet der Schaffner an.

„Danke.“ Klaus steht auf und zwängt sich aus dem Abteil.

Der Professor winkt ihm freudestrahlend hinterher. „Bis später!“

Koffeinfreier Kaffee wäre jetzt gut, und Kuchen. Heute gab es noch nicht allzu viel für ihn. Mamas Nudelauflauf wartet zwar auf ihn, aber den mochte er noch nie. Die Worte des Professors schwirren durch seinen Kopf.

„Liebespärchen“, schüttelt er schmunzelnd seinen Kopf.

Sahen er und Elfi verliebt aus? Elfi ist doch einiges älter als er!

Sieht man doch auch! Obwohl, Elfi sieht für ihr Alter aber noch super aus. Außerdem ist sie seine beste Freundin und Frau seines besten Freundes. Ein bisschen ist sie auch seine Ersatzmutter.

Und Elfi fühlt sich auch wohl in dieser Rolle, selber haben sie und Herbert keine Kinder. Klaus wurde so was wie spätadoptiert. Wie kommt der Professor nur auf so was Komisches?

„Liebespärchen?“

Jäh werden aber seine Gedanken durchbrochen.

„Wo ist der Herzkranke?“, quäkt es schallend durch den Speisewagen.

Eine mollige Zugbegleiterin im zu engen Bahndress steht mit suchendem Blick an der Theke. Schlagartig ist es im Speisewagen ruhig. Alle Augenpaare sind auf die Zugbegleiterin gerichtet. Es meldet sich aber niemand. Zögerlich hebt Klaus seine Hand. Festen Schrittes kommt sie auf ihn zu. Alle Augenpaare der Mitreisenden folgen ihr. Klaus‘ Gesichtsfarbe wechselt ins blutrote. Am liebsten würde er jetzt gerne die Notbremse ziehen und aus dem Zug springen.

„So, mein Herr, wird schon wieder“, aufmunternd stellt sie klappernd die Tasse samt Kuchenteller vor Klaus auf den Tisch.

„Macht dann 7 Euro 60“, schmettert sie sogleich weiter.

Klaus zieht seine Geldbörse und reicht ihr einen Zwanziger.

„Passt schon?“, grinst sie ihn frech an.

„Äh, acht“, stottert er leise.

„Danke, und wenn Sie noch was brauchen, bin ich für sie da!“,

zwinkert sie ihn an.

Schüchtern nippt er an seiner Tasse. „Nein, danke, passt alles.“

Schwungvoll stampft sie zurück hinter ihren Tresen. Die Augenpaare der Mitreisenden lassen von Klaus ab und wenden sich wieder ihrem Essen zu. Langsam normalisiert sich seine Gesichtsfarbe. Der Kaffee schmeckt miserabel, dafür ist der Kuchen besser. Nachdenklich blickt er in die vorüberziehende Landschaft. Ihm geht durch den Kopf, wie er eigentlich vor Jahren nach Hannover gekommen ist. Nach seiner Lehre als Tischler war der Betrieb, in dem er gelernt hat, Pleite gegangen.

In Hannover kontaktierte Onkel Egon einen Bekannten, der ihm die Stelle besorgte. Zusammen mit Oma und Onkel Egon hatten sie für ihn eine Wohnung gesucht. Eigentlich hatte mehr Oma gesucht als Klaus. Aber Oma war da geschickter und sie wollte Klaus gut untergebracht wissen. Sie und Onkel Egon managten auch den Umzug und was so alles dazugehörte. Oma und Onkel Egon kamen die erste Zeit regelmäßig einmal die Woche nach Hannover um Klaus ein Stück Heimat zu geben. Übernachtet hatten sie aber nie bei ihm, sondern in einem Hotel. Ob sie zusammen ein Zimmer hatten, hatte er sich damals nie gefragt, denn offiziell waren sie ja nicht zusammen. Jetzt macht er sich aber Gedanken. Komisch?

„Liebespärchen!“, der Professor in seinem Abteil fällt ihm wieder ein.

Klaus geht dieses Wort nicht mehr aus dem Sinn. Er erinnert sich wieder, als er zusammen mit Herbert, Elfi und Gudrun, einer Arbeitskollegin von Elfi, ausgingen. Klaus und Gudrun kannten sich noch nicht. Elfis und Herberts Absicht war glasklar, er und Gudrun sollten sich kennenlernen. Herbert führte zuerst die Gesprächsrunde über allgemeine Dinge. Dann lenke er die Themen auf Klaus und Gudrun, damit sie ein wenig von sich erzählten. Nach gegebener Zeit verabschiedeten sich Herbert und Elfi. Klaus versuchte das Gespräch mit seiner Unbeholfenheit irgendwie in Gang zu halten, was ihm den Schweiß auf die Stirn trieb. Gudrun war sehr zurückhaltend, obwohl oder gerade weil sie als Psychologin arbeitete. Klaus hatte das damals nicht deuten können. Sie verabredeten sich aber für ein weiteres Treffen. Ein bisschen war er damals schon verliebt. Auf das zweite Treffen hatte sich Klaus richtig gefreut.

Kurz davor meldete sich Gudrun und wollte von Klaus wissen, ob es ihm was ausmache, wenn noch eine Freundin zu ihrem Treffen dazukomme? Um nicht gleich unhöflich zu sein stimmte er zu, obwohl er lieber mit Gudrun allein gewesen wäre. Beate, Gudruns Freundin, brachte auch noch ihren Freund mit. Zuerst gingen sie hübsch essen, anschließend noch auf einen Absacker.

Beate löcherte Klaus in einer Tour. Ihr Freund und Gudrun beteiligten sich nur selten an dem Frage-und Antwortspiel, welchem Klaus unterzogen wurde. Zu später Stunde begleitete Klaus Gudrun noch nach Hause. Wenn er noch auf einen Kaffee eingeladen worden wäre, hätte er angenommen. Wurde er aber nicht. Sie verabschiedeten sich lediglich mit einer freundschaftlichen Umarmung. Tags darauf rief er Gudrun an, um sie fürs nächste Wochenende zum Essen einzuladen. Er traute aber seinen Ohren kaum, was er dann zu hören bekam.

Sie, Gudrun, hätte sich vernachlässigt gefühlt! Er, Klaus, hatte nur Augen für Beate. Sie könnten sich irgendwann mal wieder auf einen Kaffee treffen. Mehr aber nicht! Klaus konnte gar nichts mehr dazu sagen, so überrumpelt und enttäuscht war er.

Als er Elfi sein Herz ausschüttete, war ihr alles klar. Sie kannte die Freundin von Gudrun nur zu gut.

„Diplom-Psychologin!“, klärte sie Klaus auf.

Seitdem hat Klaus keinen Bock mehr auf irgendwelche Psychospielchen. Herbert und Elfi hatten daraufhin unterlassen Klaus zu verkuppeln. Die Situation in der Werkskantine fällt ihm auch wieder ein. Eine Assistentin der Geschäftsleitung, welche in seinem Alter war, ist ihm schon lange ins Auge gefallen. Sie ansprechen, dazu fehlte ihm aber der Mut.

Monatelang hatte er nicht schlafen können, weil sie ihm einmal an der Kasse zugelächelt hatte. Daraufhin legte er seine Mittagspause so, dass er sie vielleicht wieder an der Kasse treffen würde. Aber das hatte nur selten geklappt. Als er dann durch den Betriebstratsch erfahren hatte, dass sie von einem der Geschäftsführer schwanger ist, brach eine Welt in ihm zusammen. Es dauerte Wochen bis, er darüber hinweg war.

Die verbleibende Reisezeit verbringt er im Speisewagen. Auf eine intensive Befragung durch den Professor hat er keine Lust.

Erst kurz vor Worms holt er seinen Rucksack aus dem Zugabteil.

Der Professor hatte mittlerweile ein anderes Opfer gefunden, welches er mit seinen Theorien aufklärte. Am Hauptbahnhof in Worms angekommen, klingelt Klaus, wie von seiner Mutter angewiesen, zu Hause an. Unbewusst lässt er es aber mehr als dreimal klingeln.

„Schmidt“, dröhnt es aus dem Hörer.

„Ja, hallo hier ist Klaus, ich bin jetzt am Bahnhof, kann mich Papa abholen?“

„Klaus, hab dir doch gesagt, du solltest es nur dreimal klingeln lassen!“, ermahnt ihn Mama.

Innerlich stöhnt Klaus auf. „Entschuldigung, hab’s vergessen.“

„Papa fährt gleich los.“

„Ich wart dann am Haupteingang.“

„Ist gut bis später.“

Wenn sein Papa schnell ist, kann er in 20 Minuten da sein. Mit seinem Rucksack belegt er eine Bank direkt am Eingang. In der Eingangshalle ist so einiges los. Von seiner Bank aus hat er alles im Blick und beobachtet die Leute. Ein älteres Ehepaar kommt vorbei, Rentner bestimmt, der Mann schleppte den überdimensionalen Koffer, während seine Frau mit einer leichten Handtasche selbstsicher arrogant ihm ein paar Schritte voraus ist. Die Frau mit ihrem überschminkten Gesicht, ihrem Leopardenhut und einem, zu ihrer Figur unpassenden Hosenanzug, ist Klaus einfach unsympathisch. Der Mann wirkt gequält und resigniert. Unweigerlich muss er an den Professor denken.

„Liebespärchen!“, schmunzelt er.

Doch das ist bestimmt schon lange her. Die Zeit der großen Liebe war bei den zweien bestimmt längst vorbei! Sie trifft sich sicher mehrere Male die Woche mit ihren ebenso hochnäsigen Freundinnen zum Kaffee oder zum Shoppen oder in der Beautyfarm. Er musste bestimmt den Haushalt machen und sie finanzieren. Er hat bestimmt schon lange resigniert. Klaus malt sich folgende Geschichte aus:

Vielleicht fährt sie ja in den Urlaub und er darf nicht mit, oder beide stehen zusammen am Bahnsteig, der Zug fährt ein, er gibt ihr einen Schubs und sie fällt vom Bahnsteig. Er wirft den Koffer gleich noch hinterher und so auch die Last, die er seit Jahren mit sich trägt.

Erschrocken über seine Gedanken zuckt Klaus zusammen. Ein junges Pärchen steht am Fahrkartenautomaten. Mitte zwanzig, schätzt Klaus. Sie blicken sich tief verliebt in die Augen. Sie streichelt ihn mit beiden Händen, während er mit einer Hand den Automaten bedient. Beide genießen es. Sie küssen sich. Nur er hat einen kleinen Reisekoffer. Sicher fährt er für ein paar Tage weg. Der Trennungsschmerz wird bestimmt groß sein, aber wenn er in ein paar Tagen zurückkommt, wird sie am Bahnhof stehen, sehnsüchtig auf den einfahrenden Zug starren und sie werden sich dann in die Arme fallen und küssen. Was dann zu Hause alles passiert, darüber will er jetzt gar nicht nachdenken.

Das vertraute Nageln eines alten Mercedes Diesel dringt durch die offene Eingangstür.

„Papa! Schon da?“, wundert er sich.

Papa parkt direkt am Taxiparkplatz vor dem Bahnhof. Rasch schultert Klaus seinen Rucksack, denn ein paar Taxifahrer belagern schon den Wagen.

„Sind gleich weg“, beschwichtigt sein Papa die umstehenden Taxifahrer durch das Fahrerfenster.

Klaus wirft seinen Rucksack auf die Rücksitzbank und steigt vorne ein.

„Hallo, mein Junge“, begrüßt ihn freudig sein Papa. „Schön, dass du mal wieder da bist.“

„Hallo Papa.“

Der Motor heult auf, ein Ruckeln und der Rückwärtsgang ist drin. Ruppig biegt Papa auf die Hauptstraße ein und nimmt den Bordstein noch mit. Papa war noch nie ein guter Autofahrer.

Wozu auch, in Worms kann man alles zu Fuß erledigen.

Kleinstadt eben.

„Mama ist mal wieder sauer, wegen des Telefonats“, lenkt Papa von der holprigen Fahrt ab.

„Welches Telefonat?“

„Na, von dir, weil du es länger klingeln hast lassen“, klärt ihn Papa auf. „Na ja, sie wird sich schon wieder beruhigen. Jetzt fahren wir erst mal nach Hause. Mama hat den Auflauf schon in die Röhre geschoben.“

„Hab keinen Hunger“, kommentiert Klaus nüchtern.

Die Autofahrt mit Papa verlangt seinen Nerven allerhand ab. Er ist froh, als sein Elternhaus in Sicht kommt. Seine Geschwister sind schon angereist. Ihre Autos parken vor dem Haus und machen die Garageneinfahrt noch enger, als sie durch die Baustelle vor dem Haus eh schon ist. Klaus tritt innerlich auf die Bremse und presst seine Augen zu, als Papa am Lenkrad rudert, um vorbei an den links und rechts parkenden Autos die Einfahrt zu erwischen. Dabei verringert er kaum das Tempo. Irgendwie schafft er es in voller Fahrt seinen Mercedes ohne Schramme in die Garage zu steuern. Der Wagen wird spürbar langsamer und bleibt stehen.

„Ist was?“ Papa stupst ihn an.

Klaus öffnet die Augen.

„Ne, alles ok“, schnauft Klaus tief durch.

Durch die Waschküche, welche ein Verbindungsraum zwischen Garage und Haus ist, gelangen sie in die Küche. Es riecht nach zu Hause. Achtundzwanzig Jahre lang hat er den Geruch dieses Hauses inhaliert. Sein Leben lang würde er diesen Geruch erkennen. Mama und Inge, seine Schwester, tauschen gerade Kochrezepte aus.

„Sag mal, warum hast du denn so lange läuten lassen?“,

empfängt ihn Mama.

„Hab’s vergessen.“

„Mann, was bist du vergesslich! Hast du die Wäsche dabei?“,

folgt die nächste Frage.

Klaus stutzt. „Welche Wäsche?“

„Na, ich hab dir doch gesagt, dass wir momentan keine Wasseruhr haben, da sie die Leitungen erneuern!“, tadelt ihn Mama.

„Hab ich auch vergessen“, flüstert er nur noch schuldbewusst.

Inge kichert spöttisch.

„Sag mal, wenn du in deiner Arbeit auch so bist, dann weiß ich ja nicht, was dein Chef dazu sagt!“

Die Antwort darauf verkneift er sich.

„Du bist wie dein Vater, dem muss man auch alles hundert Mal sagen und dann vergisst er doch noch die Hälfte!“

Papas Gesicht nimmt schlagartig beleidigte Züge an, doch er lenkt ab: „Komm Klaus, gehen wir nach oben in dein Zimmer!“

„Ja, geht nur schon mal hoch, der Auflauf ist sowieso noch nicht ganz warm“, ruft ihnen Mama hinterher.

Mit zusammengepresster Faust und grimmigem Gesicht tuschelt Papa: „Irgendwann hau ich ab!“

Klaus' altes Zimmer wird seit seinem Auszug überwiegend als Bügelraum benutzt. Da zurzeit Wäsche im Akkord gewaschen wird, stapeln sich darin Berge. Sein Bett ist damit völlig zugepflastert. Gemeinsam stapeln sie die Wäsche vom Bett auf die schon überfüllte Kommode.

„Vorsicht, nicht dass uns da noch was runterfällt, sonst ist wieder der Teufel los“, grinst Papa. „Leg dich erst mal hin. Die Zugfahrt war bestimmt anstrengend?“

„Ja, geht schon, ich komm dann gleich runter.“

Mit offenen Augen liegt er auf seinem Bett. Seine Gedanken drehen sich um Oma. Alles, was er anschaut, erinnert ihn an sie.

Aus dem Wohnzimmer hört er die Stimme seines Bruders Rudi.

Der Beruf „Handelsvertreter“ passt zu seinem Bruder. Er quasselt den ganzen Tag. Wahrscheinlich kaufen ihm die Leute seine Waren nur deshalb ab, dass sie ihre Ruhe haben. Wie das seine Schwägerin Kathrin aushält? Wobei, zwischen den beiden kriselt es des Öfteren, aber da sind ja auch noch seine zwei Nichten. Wahrscheinlich halten die die Ehe zusammen. So etwas hat mal Oma angedeutet. Drunten gibt Rudi einen Kalauer nach dem andern zum Besten. Die ganze Meute johlt und applaudiert.

„Oma ist doch gestorben, geht ihnen das nicht nahe?“, ärgert sich Klaus.

Er rafft sich auf und geht runter. In der Küche wartet ja der „schmackhafte Auflauf“ auf ihn. Mama und Inge haben das Thema gewechselt. Die Beerdigung ist jetzt dran. Mama öffnet die Backofenröhre, und holt den Teller mit Nudelauflauf heraus und stellt ihn vor Klaus auf den Küchentisch.

„Da, mein Junge, so was bekommst du nicht alle Tage. Gute Hausmannskost!“, preist sie ihr eigenes unansehnliches Nudelgemenge an, „du bist ja nur diesen Kantinenfraß gewohnt.“

Wenn Mama nur wüsste! Oma hat ihm eine Menge beigebracht.

Aber das muss er Mama ja nicht unter die Nase reiben, sie ist von ihrer eigenen Küche zu sehr überzeugt. Papa und Klaus sitzen zusammen auf der Küchenbank. Lustlos stochert Klaus im Nudelauflauf herum.

„Möchtest du ein Bier?“, unterbricht Papa das Stochern mit einem Augenzwinkern.

Klaus zwinkert zurück: „Klar!“

„Ja, aber nur ein Halbes“, ermahnt Mama.

Papa huscht in den Keller. Klaus mag eigentlich kein Bier, dafür Papa umso mehr. Wenig später kommt er grinsend mit zwei Flaschen zurück. Mama hält Papa in dieser Beziehung ziemlich kurz. Da Klaus aber zu Hause ist, verkneift sie sich jeden weiteren Kommentar. Wie üblich nippt Klaus nur kurz, dann wandert die angebrochen Flasche zu Papa.

„Du, sag mal Klaus, du arbeitest doch in einer Schreinerei“, will seine Schwester Inge wissen.

„Wir überlegen gerade, ob du nicht den Sarg für Oma besorgen kannst, denn der Bestatter verlangt ein Vermögen für so einen Sarg“, setzt Mama nach.

„Wir machen keine Särge“, lautet nüchtern seine Antwort.

„Hm..., du könntest doch dann selber einen zimmern. Deine Werkstatt in Omas Schuppen ist ja noch da“, meint Inge.

„Inge“, er legt seine Gabel zur Seite, „da braucht man spezielles Holz, das kriegt man nicht in einem Baumarkt.“

Naiv wie Inge schon immer war, kontert sie: „Dann mach dich halt schlau.“

„Inge, man muss so einen Sarg auch noch lackieren, dann braucht man Beschläge, und das Inlett muss auch jemand machen“, zählt Klaus auf.

„Was würde das denn kosten, wenn du das machst?“, hakt Mama interessiert nach.

„Wann ist denn die Beerdigung?“

„Am Donnerstag schon“, bringt sich Papa jetzt ein, „also bleibt für so was gar keine Zeit. Heute ist Montag, dann hat Klaus nur noch zwei Tage. Wann soll er das denn machen?“, rechnet Papa mit seinen Fingern vor.

„Na ja, seh' schon, ihr wollt bloß nicht!“, wendet sich Mama beleidigt Inge zu.

Verwundert blicken sich Klaus und Papa an.

„Wenn ihr mit dem Essen fertig seid, räumt ihr alles in die Spülmaschine! Inge komm, wir gehen ins Wohnzimmer!“ Beide stolzieren ins Wohnzimmer.

„Irgendwann verlass ich diesen Drachen!“ Papa setzt die Flasche an seine Lippen und nimmt einen tiefen Zug.

Der aufgewärmte Auflauf schmeckt nicht wirklich. Klaus schiebt den Teller zur Seite.

„Herr Sörensen vom Beerdigungsinstitut war heut schon da, Mama und Rudi haben mit ihm gesprochen, mir war das zu viel“, plaudert Papa weiter. „Die haben wieder um alles gefeilscht.

Schlimm! Wenn Oma das noch mitbekommen hätte! Aber du kennst ja Mama!“

Gelächter dringt aus dem Wohnzimmer.

„Über was lachen die denn schon wieder?“, ärgert sich Papa.

„Wo ist Onkel Egon?“, will Klaus wissen.

„Er hat Mittag angerufen, ihm geht es nicht gut, er hat ja ebenso gelitten wie Oma“, stöhnt Papa.

„Kann ich noch zu ihm rüber?“

Papa leert den Rest der Flasche. „Denke schon, ruf aber lieber zuvor an und frag ihn.“

„Mach ich, Papa.“

„Ich geh dann mal rüber ins Wohnzimmer.“ Papa rappelt sich von der schmalen Eckbank hoch.

Erneut schallt Gelächter aus dem Wohnzimmer. Rudi ist anscheinend in voller Fahrt.

„Mann, was ist das für eine kaputte Familie? Oma ist gestorben - und die reißen Witze“, ärgert sich Klaus.

Den Rest des Nudelauflaufes entsorgt er im Komposthaufen hinter der Garage. Das Geschirr räumt er in die Spülmaschine und schaltet sie an. Er schnappt sich das Telefon in der Diele.

Die Nummer von Onkel Egon kennt er auswendig.

„Hallo Onkel Egon, ich bin’s, Klaus. Kann ich noch rüberkommen?“

Hörbar erschöpft klingt Onkel Egon. „Hallo Klaus, das ist schön, dass du anrufst. Bist du schon bei dir zu Hause?“

„Ja, ich würde noch kurz zu dir kommen, wenn du möchtest.“

„Du, Klaus, das ist schön von dir, aber bitte, mir geht es nicht so gut, ich möchte noch etwas alleine sein. Morgen geht’s mir bestimmt wieder besser.“

„Gut Onkel Egon, bis morgen. Tschüss.“

Er legt auf, nun muss er wohl oder übel ins Wohnzimmer zu seiner Familie. Alle sind dort versammelt. Rudi, sein Bruder, spielt wie üblich den Alleinunterhalter.

„Hallo Klaus du alter Holzwurm“, begrüßt ihn Rudi.

„Moin zusammen!“ Er hebt lustlos seine Hand in die Menge.

„Na, Klaus, was macht das Liebesleben?“, geht die Stichelei von Rudi gleich weiter. Fast alle Augen richten sich auf Klaus, nur Papa und Tom, Inges Mann, blicken vorwurfsvoll auf Rudi.

Jeder von ihnen weiß, wie schüchtern Klaus ist.

„Äh, geht schon“, winkt Klaus lässig ab.

„Schade, dass du das mit dem Sarg nicht machen kannst, Oma hätte sich bestimmt gefreut, wenn du...“, provoziert Rudi erneut.

„Der Sarg wird vom Bestatter gekauft, und nicht der billigste, das sag ich euch!“, fällt ihm Papa ins Wort. Fest blickt er Mama in die Augen. Diese ist ganz erschrocken über Papas Lautstärke und ungewohnte Aggressivität, die er an den Tag legt.

„Oma soll eine schöne Beerdigung haben, mit Blumen und Musik. Und mir ist es egal, was das kostet!“, setzt er noch eines drauf.

„Ja, aber...“, will Mama das Wort ergreifen.

„Nix aber! Oma war meine Mutter! Sie hat es verdient!“ Jetzt platzt ihm fast der Kragen.

Mama und Rudi sind sprachlos, so hatten sie Papa noch nicht erlebt. „Papa wird erwachsen“, grinst Klaus innerlich. Inge schluckt und tritt einige Schritte zurück, um im Fall einer handfesten Auseinandersetzung in Sicherheit zu sein. Mama und Rudi bekommen hochrote Köpfe. Bevor Mama etwas sagen kann, mischt sich Tom, Inges Mann, ein.

„Also, ich denke Papa hat da schon Recht, Oma hat das verdient.

Und, Mama, denk doch mal an die Nachbarn, was würden die denn bloß sagen?“

Jetzt ist auch Tom in Ungnade gefallen. Scharfe Blicke streifen ihn.

Klaus nimmt seinen ganzen Mut zusammen. Mit fester Stimme verschafft er sich Gehör: „Das finde ich auch, Oma hat das verdient!“

Mürrisch wendet sich Mama ab.

„Noch jemand dieser Meinung?!“ Sie blickt grimmig in die kleine Gesellschaft. „Dann macht doch, was ihr wollt!“

Wutschnaubend verlässt sie das Zimmer und stiefelt lautstark die Treppe nach oben. Klaus geht die gereizte Stimmung auf die Nerven.

„Also dann, gute Nacht“, verabschiedet er sich ebenfalls und verschwindet lautlos in sein Zimmer.

Er ist auch hundemüde. Was er heute so alles erlebt hat, reicht ihm normalerweise für eine ganze Woche. Im Bett hört er noch Stimmen aus dem Wohnzimmer. Über Erbschaft und Notar wird gesprochen. Er hört aber nicht mehr richtig hin und schläft ein.

°

Wie all die letzten Jahre weckt ihn seine innere Uhr um 6 Uhr morgens. Im Haus rührt sich noch nichts. Rasch zieht er sich an, huscht die Treppe hinunter und verlässt das Haus. Beim Bäcker um die Ecke besorgt er Brötchen und macht sich zu Onkel Egon auf. Im Bademantel und noch schlaftrunken öffnet Onkel Egon die Tür.

Freudig begrüßen sich beide. „Das ist ja schön, dass du vorbeikommst, komm rein. Kannst gleich Kaffee machen, ich muss mich noch rasieren.“

Klaus freut sich wieder in seinem zweiten Zuhause zu sein.

„Klar, mach ich“ „Du kennst dich ja in der Küche aus! Ich bin gleich wieder da.“

Onkel Egon tappst mühevoll wieder nach oben ins Badezimmer.

Unzählige Male war er bei Onkel Egon. In der Küche hat sich seit Jahren nichts verändert. Alles ist noch vertraut an seinem Platz. Er befüllt die Kaffeemaschine und deckt den Tisch, bis Onkel Egon im Bad fertig ist. Gemeinsam sitzen sie zunächst schweigend am Tisch. Nur das Radio quäkt leise vor sich hin.

Oma fehlt ihnen beiden.

„Nun, Klaus, nun hat uns Oma verlassen!“, unterbricht Onkel Egon das Radio, „zum einen bin ich froh, dass sie jetzt keine Schmerzen mehr hat, denn die letzten Wochen wurde es immer unerträglicher für sie und uns. Zum anderen fehlt sie mir jetzt schon.“ Er holt tief Luft.

Onkel Egon ist eigentlich nicht sein richtiger Onkel. Er ist nur ein Nachbar und der beste Freund von Oma. Für Oma war er vielleicht noch mehr! Sie wohnten offiziell nicht zusammen, doch oft blieb Oma bei Onkel Egon über Nacht.

„Wenn sie was getrunken hatte“, hieß es dann.

Oma und Onkel Egon traten aber immer gemeinsam auf, und so gehörte er für Klaus einfach zu Oma und zur Familie. Klaus kullern schon wieder Tränen die Wangen hinab.

Onkel Egon greift nach seiner Hand. „Klaus, das ist das Leben, ich habe jetzt zum zweiten Mal jemand, der mir nahesteht, verloren. Vor einunddreißig Jahren meine Frau und jetzt deine Oma. Mir geht das auch an die Nieren. Aber das Leben geht weiter. Dein Leben geht weiter, und ich denke du findest bald jemanden, den du so lieb hast wie Oma, und der auch dich so lieb hat“, tröstet er ihn.

„Meinst du ich finde jemanden?“, schluchzt Klaus.

„Sicher, und ich sag dir, du wirst dieses Jahr noch jemanden finden!“, nickt Onkel Egon schmunzelnd.

„Woher willst du das wissen?“

„Ich hab das im Gefühl.“ Er nippt an seiner Tasse. „Wie benimmt sich denn überhaupt deine Familie? Streiten sie schon um das Erbe? Deine Mutter und Rudi?“, lenkt Onkel Egon ab.

„Gestern Abend, als ich im Bett war, hab ich was von Testament gehört“, erzählt Klaus.

Onkel Egon runzelt die Stirn. „Ah ja, Testament. Ja, da gibt es eines beim Notar Albrecht. Denke aber, das wird deiner Familie nicht gefallen, was da drinsteht.“

„Kennst du es?“

Hämisch nickt Onkel Egon. „Ja, ich war mit Oma vor Jahren bei ihm.“

„Du, Onkel Egon, ich habe noch eine schlechte Nachricht. Ich wurde gestern entlassen!“

Betroffen klappert Onkel Egon seine Tasse auf den Tisch.

„Nein, wieso denn?“

„Schlechte Wirtschaftslage und Sozialplan.“

„Na, das ist ja auch so ein Hammer, hast du schon was unternommen, Arbeitsamt und so?“

„Nein, bin noch nicht dazu gekommen, Herbert meint, ich soll zum Anwalt!“

Nachdenklich zupft Onkel Egon an seinem Ohr. „Das wäre eine Möglichkeit, da bin ich aber auch nicht firm drin.“

„Herbert will mir da helfen.“

„Ab wann bist du denn entlassen?“, will Onkel Egon wissen.

„Hab jetzt noch drei Monate irgend so eine Art Freistellung mit Gehalt. Kenn mich damit nicht aus.“

Auf unerklärlicher Art wirkt Onkel Egon plötzlich erleichtert und schelmisch grinsend meint er: „So, das trifft sich ja gut.“

„Was trifft sich gut?“, wundert sich Klaus.

„Äh, dass du jetzt ein paar Monate Zeit hast, dir was Neues zu suchen. Ich helfe dir natürlich auch dabei, hab da noch ein paar alte Kontakte“, beendet Onkel Egon das Thema und leitet elegant zu ihrer Holzleidenschaft über. „Du, Klaus, komm mal mit in die Werkstatt, hab mir einen neuen Elektrohobel gekauft.

Der geht wie Butter“, strahlt er.

Klaus' Augen glänzen. „Ja, zeig mal her!“

Onkel Egons Werkstatt hat alles, was ein Holzwurm-Herz erfreut. Sie ist zwar für Außenstehende notorisch ungeordnet, aber jeder hat eben sein eigenes Ordnungssystem. Eine Gartenbank ist in Vorbereitung.

„Hätte für Oma sein sollen“, seufzt Egon traurig und streicht liebevoll mit seiner Hand darüber.

„Komm, lass sie uns zusammenbauen!“ Sofort greift Klaus nach einem Metermaß. „Für Oma.“

Kurze Zeit später sind sie ins Sägen, Hobel und Bohren vertieft.

Der Vormittag verfliegt im Nu. Dass Mama sie nicht erreicht und dann den Anrufbeantworter von Onkel Egon angiftet, bekommen sie nicht mit. Erst als Egon Getränke aus der Küche holt, fällt ihm das ungewohnt aggressive Blinken auf. Kurz hört er sich Mamas aufgebrachte Stimme an, dann legt er einfach auf.

„Was für ein Drachen!“ schimpft er vor sich hin.

„Deine Mama hat angerufen, sie ist mal wieder besonders gut drauf. Du solltest nach Hause gehen. Der Bestatter kommt noch mal wegen des Sarges und so.“

Enttäuscht legt Klaus den neuen Hobel zur Seite. Er hätte liebend gerne weitergemacht. Aber wenn Mama ruft...

„Du kannst aber deiner Mutter sagen, Oma braucht keinen Sarg, sie hat dafür schon eine Urne besorgt, ich geb‘ sie dir gleich mit“, winkt er Klaus ins Wohnzimmer.

„Urne?“ Klaus trottet hinterher.

„Ja, Urne!“

Aus seinem Wohnzimmerschrank, kramt er eine braune Schachtel hervor. Ihr Inhalt besteht aus einer schlanken, silbrig glänzende Urne in Form einer Thermoskanne mit einem aufgedruckten zwinkernden gelben Smiley.

„Da ist das gute Stück“, er hält das gute Stück wie einen Siegerpokal in seinen Händen, „fass mal an, ganz leicht, war eine Sonderanfertigung. Extra für Oma. Und was deiner Mutter noch besser gefallen wird, die ist schon bezahlt.“

„Typisch Oma“, schmunzelt Klaus.

„Komm beeil dich, sonst spuckt der Drachen noch Feuer!“

Onkel Egon packt die Urne wieder in die Schachtel. „Ich komm dann Nachmittag rüber.“

Ein schwarzer Mercedes, parkt vor dem Elternhaus.

'Trauerbegleitung Sörensen' steht in großen goldenen Schriftzeichen beidseitig am Wagen.

„Sag mal, wo bleibst du denn, wir warten schon alle auf dich, der Bestatter ist da“, tadelt ihn Mama.

„Entschuldigung, war bei Onkel Egon.“ Klaus senkt seinen Kopf.

„Ach egal, kannst gleich ins Wohnzimmer, wir suchen gerade einen passenden Sarg aus!“

„Das wird nicht nötig sein!“, nuschelt er und folgt Mama ins Wohnzimmer.

Auf dem Wohnzimmertisch liegen allerhand Kataloge ausgebreitet. Särge, Gebinde, Beschläge, Kreuze und alles, was zu einer Bestattung gehört, ist darin in bunten Bildern zu bestaunen.

„Herr Sörensen, wir wären dann komplett.“ Mama deutet auf Klaus. „Zeigen Sie uns doch noch mal bitte den Katalog mit dem Sarg, welchen wir schon ausgesucht haben. Mein Sohn soll ja als Holzfachmann auch mitentscheiden können.“

„Mama, wir brauchen keinen Sarg!“ Klaus stellt den braunen Karton auf die vielen Kataloge.

„Natürlich brauchen wir einen Sarg, und zwar einen standesgemäßen, deine und Papas Worte!“, giftet sie Klaus an.

Klaus setzte sich zu Inge und Tom aufs Sofa, öffnet den Karton und hält die Urne in die Höhe. Tom lacht hell auf, als er die Urne sieht. Laut prustet er los. „Typisch Oma!“

Für diesen Kommentar erntet er von den weiblichen Mitgliedern der Familie böse Blicke.

Mama faucht ihn an: „Was willst du mit dieser Thermoskanne?“

„Das ist keine Thermoskanne“, stellt Herr Sörensen erstaunt fest, „es handelt sich hier um eine sehr geschmackvolle Urne.

Bis, na ja, bis auf den seltsamen Aufdruck. Also ein Cousin von mir ist Lackierer, der könnte...“

„Wie, Urne?“, wechseln Mamas Blicke von der Urne zu Klaus zu Herr Sörensen zu Papa und zurück.

„Mama, Oma hat sich schon eine neue Bleibe besorgt!“, witzelt Rudi.

Papa nickt. „Oma wusste schon immer was sie wollte!“

„Onkel Egon hatte sie aufbewahrt und von einem Notar hat er auch was erzählt, er kommt dann aber noch rüber und wird uns alles ganz genau berichten.“

„Wenn das so ist, Frau Schmidt“, mischt sich Herr Sörensen voller Elan ein, „dann müssten wir alles bisherig Besprochene noch mal ändern. Eine Feuerbestattung ist was anderes. Da brauchen wir einen Termin im Krematorium. Kann ich auch organisieren. Mein Schwager ist dort...“

„Albern“, kommentiert Inge, „wann kommt denn „DEIN“ Onkel Egon?“

„Nachmittags.“ Klaus reicht die Urne zur Besichtigung in die Runde.

„Machen wir es so Frau Schmidt“, Herr Sörensen packt seine überflüssig gewordenen Kataloge wieder ein, „rufen Sie mich an, wenn der Onkel da war, dann wissen Sie mehr und wir können alles Weitere besprechen.“

„Na dann warten wir mal auf den lieben Egon“, schmunzelt Rudi.

Schlag drei Uhr klingelte es an der Haustüre. Papa öffnete die Tür. Onkel Egon ist mit einer großen, edlen, braunen Ledermappe gekommen.

„Gut, dass du jetzt da bist Egon, Mama ist immer noch auf hundertachtzig.“

Onkel Egon klopft Papa auf die Schulter. „Hoffen wir mal, dass sie etwas besänftigt wird, wenn sie den Ablauf der Beerdigung erfährt!“

„Alle Mann ins Wohnzimmer“, brüllt Papa das Haus zusammen.

Schneller als sonst üblich finden sich alle dort ein. Onkel Egon postiert sich vor ihnen. Aus seiner Ledermappe zieht er feierlich ein Briefkuvert heraus und öffnet es.

„Das ist eine Abschrift des Testamentes, welches beim Notar liegt. Es ist auch nur der Teil des Testamentes, in dem Oma ihr Begräbnis festlegt“, erklärt Onkel Egon würdevoll. „Also hier ist geregelt, dass Oma keine herkömmliche Beerdigung möchte, sondern eine Feuerbestattung!“

„Steht das so wortwörtlich drin, oder ist das deine Interpretation?“, wirft Rudi sarkastisch ein. „Sei doch still Rudi!“, kontert Tom.

Onkel Egon blickt Rudi streng über seine Lesebrille an. „Auch, wenn ich den Inhalt kenne, ich lese es dann halt Wort für Wort vor.“

Worms den 12.7.2007.

Teil 1 meines Testamentes.

Hiermit verfüge ich, Hildegard Schmidt, dass ich eine Feuerbestattung möchte. Das Gefäß, die Urne, wurde schon erworben, und wird von Egon Neumeier aufbewahrt. Es gibt ein paar Gründe, die mich dazu veranlasst haben. Zum einen möchte ich meiner „lieben“ Familie die Last einer teuren Grabpflege ersparen. Zum anderen wisst ihr ja, dass ich in der Vergangenheit schon mal in Jerusalem und in Rom als Pilger war. Nach Santiago de Compostela habe ich es leider nie geschafft. Deshalb wünsche ich mir, dass mich einer von euch dorthin trägt. Um es demjenigen leichter zu machen, habe ich mich eben für eine Feuerbestattung entschieden. Mit einer Urne im Handgepäck ist es sicher einfacher als mit einem sperrigen Sarg.

„Na die hat ja Humor, als ob wir nix anderes zu tun hätten!“,

brüllt Rudi vor lauter Lachen in die Runde.

„Rudi!“

„Ja Papa?“

„Halt die Klappe!!“

°

Klaus steht in einer Schlange am Check-In-Schalter. Es ist jetzt zwei Wochen her, seitdem Oma gestorben ist. Die Feuerbestattung hat stattgefunden, zumindest das mit dem Feuer, denn er hat ja Oma in ihrer selbst ausgesuchten, letzten Ruhestätte dabei. Dank Omas großzügigem Reisebudget kann er sich auch mal was gönnen und in einem anständigen Hotel übernachten. Auch in seine alten spanischen Vokabelbücher hat er noch geschaut. Ist schon länger her gewesen, dass er die Abendschule besucht hatte. Mit seinem Reisegepäck musste er sparsam sein, denn Oma braucht ja auch noch Platz. Zu Hause hatten sie ihn immer noch für verrückt erklärt. Außer Onkel Egon und Tom, seinem Schwager, sie fanden es gut. Papa war anzumerken, dass er am liebsten mitgekommen wäre. Doch dagegen hätte Mama sicher große Einwände erhoben. Vor ihm sitzen rund ein Dutzend Leute mit Koffern, er selber nur mit seinem blauen Rucksack. Als Pilger braucht er nicht mehr. Oma ist gut verpackt zu ihrer letzten Reise. Eigentlich war es von vornherein klar, dass Klaus der einzige sein wird, der ihren Wunsch umsetzen wird. Mama und seine Geschwister fanden es lächerlich. Für Klaus gab es nichts zu überlegen. Oma ist ihm das einfach wert. Zeit hat er ohne hin. An seiner Freistellung in der Firma hat sich nichts geändert. Auch Herbert hat bis jetzt noch nichts bewirken können. Er hat also erst mal Zeit. Der spanische Sprachkurs, zu dem ihn Oma schon seit Jahren geschickt hatte, war bestimmt beabsichtigt. Die Schlange vor ihm kommt einfach nicht weiter. Einige Reisende vor ihm lästern schon über die Langsamkeit der Dame am Schalter.

Am wenigstens liegt es aber an der Check-In-Dame. Mit jedem Fluggast dasselbe Prozedere. Diskussion über den Sitzplatz!

Gepäckübergewicht! Nicht auffindbare Buchungsbestätigung!

Verspätung und Anschlussflug! Immer die gleiche Leier.

Trotzdem behält die Check-In-Dame ihr freundliches Lächeln.

Ob es antrainiert ist? überlegt Klaus, bevor er an der Reihe ist.

Seinen Pass mit der Buchungsbestätigung hat er schon parat.

Sein Rucksack bringt elf Kilo auf die Waage. Sie nimmt seinen Pass und hackt auf ihrer Tastatur herum.

Sie blickt über ihre Lesebrille. „Hab nur noch Plätze am Gang.

Ist das o.k.?“

„Prima“, erwidert Klaus.

Ihr Blick erwartet jetzt eine Erklärung für das „Prima“.

„Da ist doch mehr los, als am Fenster“, nickt Klaus verlegen zurück.

Sie lächelt ihn an, wobei er rot anläuft. Ihr Name ist golden auf ihrer Uniform eingestickt.

'A. Himmelreich' Klaus überlegt.

Gibt es einen schöneren Namen?

Und dann auch noch der passende Beruf.

Wie alt mag sie wohl sein?

So wie er?

Hübsch ist sie obendrein noch. Obwohl, etwas anderes stellen Fluggesellschaften doch erst gar nicht ein.

Sie deutet auf seinen Rucksack: „Mehr Gepäck haben sie nicht?“

„Nein.“

„Sie fliegen nach Bilbao?“

„Ja.“

Neugierig will sie jetzt wissen: „Pilgern Sie?“

„Ja, hab es vor“, gesteht er schüchtern.

„Finde ich toll“, schwärmt sie, „habe ich mir auch vorgenommen. Aktuell fehlt mir aber einfach die Zeit.“

„Ja, wenn das hier noch länger dauert, glaub ich das gerne!“,

unterbricht jedoch eine mürrische Stimme aus dem Hintergrund ihre knappe Unterhaltung.

Klaus blickt sich um und starrt den hinter ihm stehenden Reisenden scharf an. Dieser ist augenblicklich still und blättert verlegen in seinen Papieren.

Klaus erklärt kurz: „Meine Großmutter hat mich darum gebeten und ich mache es gerne.“

„Das ist ja lieb von Ihnen. Dann wünsch ich Ihnen eine schöne und erfolgreiche Pilgerschaft.“ Sie legt die Bordkarte auf den Schalter.

„Schöner Name übrigens“, winkt er ihr zum Abschied.

Gerne hätte er sich mit ihr länger unterhalten. Im Transferbereich des Flughafens geht es relativ ruhig zu. Keine Hektik wie am Check-In-Schalter. An einem Bartresen bestellt er sich einen Kaffee. Sein Flug geht in einer Stunde. Das Gate hat er im Blickfeld. Er betrachtet die Reisenden, die meisten sind Urlauber im gesetzteren Alter und die haben es wie üblich am Notwendigsten. Unruhig laufen sie zwischen den Gates hin und her, fangen das Flughafenpersonal ab, zeigen ihre Bordkarten vor und stellen sich ahnungslos, wo sie denn hinmüssen. Als ob die meisten von ihnen noch niemals geflogen wären. Lesen können sie anscheinend auch nicht. Dabei ist hier alles so übersichtlich. Im Rudel belagern sie dann den Schalter am Gate, obwohl der Zielflughafen noch gar nicht angeschrieben ist. Jetzt beschwert sich keiner mehr beim Schlange stehen. Im Dutyfree-Shop, beobachtet Klaus andere Fluggäste. Jedes Parfümfläschchen wird getestet. Anschließend wird kritisch diskutiert und nach dem Blick auf das Preisschild wieder zurückgestellt. Das unfreundlich dreinblickende Verkaufspersonal verführt sowieso niemanden zum Kaufen. Für Klaus ist das sein zweiter Flug. Das erste Mal als er geflogen ist, war er mit Herbert und Elfi für ein Wochenende in London. Die beiden hatten ihn eingeladen, weil er ihnen bei der Renovierung ihres Hauses so viel geholfen hatte. Damals war er ziemlich aufgeregt, als er den Flieger betreten hatte. Aber Elfi als Krankenschwester hatte ihn ganz gut beruhigt. Diesmal ist er alleine, aber seltsamerweise ist er überhaupt nicht aufgeregt.

Nicht mal sein Kaffee beschleunigt seinen Puls. Am Gate wird der Zielflughafen angezeigt. In null Komma Nichts stehen jede Menge Passagiere am Schalter. Durchgängig Rentner. Nur wenige bleiben noch sitzen. Flugpersonal ist noch keines aufgetaucht. Es werden doch alle mitgenommen, jeder hat seinen Platz im Flieger, warum nur diese Hektik? Geraume Zeit dauert es noch, bis die Check-In-Damen den Schalter öffnen.

Auch Frau Himmelreich ist wieder dabei. Zum Ärger einiger Passagiere werden zuerst die hinteren Reihen ins Flugzeug gelassen. Klaus sitzt zwar auch hinten, aber er kann warten. Als einer der Letzten checkt er ein.