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Juhu! Zum dritten Mal schwanger! Glücklich betrachten Enddreißigerin Kim Weiß und ihr Mann Markus das Ultraschallbild beim Frauenarzt. Doch was ist das? Da schlägt ein zweites kleines Herz: Zwillinge! Die Nachricht wirbelt die Gedanken der werdenden Mutter gehörig durcheinander. Zwei Erwachsene, zwei Kleinkinder, zwei Babys. Lässt sich Mutterliebe tatsächlich unendlich teilen, ohne weniger zu werden? Wie viele Arme wird Kim brauchen, um die Kindlein liebevoll und gerecht zu schaukeln? Wird der wöchentliche Windelbedarf schwindelnde Höhen erreichen? Und: Wie viele Wäscheberge werden zu erklimmen sein? Mehr Arme, mehr Beine, mehr Geduld, wünscht sich Kim im neuen Familienalltag nicht nur einmal. Dennoch verliert sie nicht den Mut, sondern höchstens mal einen Joghurt aus dem überladenen Kinderwagen. Mit Herz und dem gewohnten gesunden Surrealismus mausert sie sich vom aufgescheuchten Mutterhuhn zur erfolgreichen Familienmanagerin. Motiviert bis auf die Knochen tritt Kim nach mehreren Jahren zu Hause die heiß ersehnte Rückkehr ins Arbeitsleben an, doch es läuft anders als geplant. Muss Kim akzeptieren, dass ihre Karriereleiter zerbrochen ist? Wird die Vierfachmutter je wieder an einem Schreibtisch sitzen anstatt unter dem Küchentisch zu putzen? Oder findet sich doch ein Weg, Großfamilie und Beruf unter einen Hut zu bringen?
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Seitenzahl: 263
Veröffentlichungsjahr: 2017
Das Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und der Autorin unzulässig. Dies gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einpeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
© 2017, Iris Hell, 80939 München
Lektorat: Ursula Hahnenberg, www.lektorat-hahnenberg.de
Satz & Layout: PCS BOOKS · www.pcs-books.de
Covergestaltung: OOOGRAFIK · www.ooografik.de
Autorenfoto: Privat
Grafiken/Illustrationen: #173408595 | Urheber: tatoman; #160944244 | Urheber: marlene9; #152368316 | Urheber: mrswilkins; #137897069 | Urheber: iraida_bearlala; #127988106 | Urheber: Konovalov Pavel; #122941366 | Urheber: ylivdesign; #117968699 | Urheber: paseven; #116641925 | Urheber: lovemask; #60728889 | Urheber: RainLedy; #54556540 | Urheber: rashadashurov; #51865694 | Urheber: kytalpa; #51654210 | Urheber: kytalpa; #41905310 | Urheber: ingalinder; #18130221 | Urheber: Colorlife; # 117169358| Urheber: ty4ina; # 1137897069 | Urheber: iraida-beariala; # 133931475| Urheber: abbiesartshop; #122941366 | Urheber: ylivdesign; #117968699 | Urheber: paseven; #60728889 | Urheber: #116423446 | Urheber: juliyas; #87143969 | Urheber: Reservoir Dots; #29670088 | Urheber: Beboy; #105451933 | Urheber: Rogatnev; #117223857 | Urheber: picsfive; #179792214 | Urheber: Elena Blokhina; #80687713 | Urheber: Zerbor, alle Fotolia.com
Verlag: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg · www.tredition.de
1. Auflage
978-3-7439-8154-6 (Paperback)
978-3-7439-8155-3 (Hardcover)
978-3-7439-8156-0 (e-Book)
Für
Liv, Cleo, Vivien,
Stella & Ferdinand
Inhaltsverzeichnis
Prolog
Das dritte Kind
Das doppelte Päckchen
Vier gegen eine
Knet 1
Bombenalarm
Stille Nacht
Müttergenesung
Vorstadtidylle
Knet 2
Privat an Gustl und Uschi
Raus aus der Wäsche
Weiblich, willig, erfahren sucht …
Besenprämie
Mütter an die Macht
Epilog
Die Autorin
Prolog
Zwei Töchter plus eine Schwangerschaft. Wie viele Kinder ergibt das? Im Regelfall drei, bei uns vier. Der Storch hat Markus und mir, Kim, nämlich beim dritten Mal ein ganz besonderes Körbchen vor die Tür gestellt, doppelt so groß wie die beiden ersten. Darin lagen Zwillinge. Das macht er nur bei jedem 83. Elternpaar.
Andere 83. Elternpaare habe ich bislang leider nicht kennengelernt. Ich hätte so manche Frage an sie: Welches meiner Zwillingsmädchen tröste ich zuerst, wenn beide herzzerreißend schreien? Wie stille ich zur selben Zeit zwei Babys, ohne dass mir auf längere Sicht die Arme abbrechen? Und: Passt ein Zwillingskinderwagen durch eine Coffee-Shop-Tür?
Bald weiß ich: Sich zur selben Zeit um zwei Winzlinge gleichen Alters zu kümmern, ist eine Herausforderung. Doch die Bedeutung von gleichzeitig erreicht eine andere Dimension, wenn man bedenkt, dass wir bereits zwei kleine Töchter haben.
Im ersten Stock des Eigenheims baumelt Einling Nr. 2 kopfüber von der obersten Leitersprosse des Hochbetts, gleichzeitig steckt im Keller Einling Nr. 1 in der Toilette fest, die rechte Hand von Zwilling Nr. 1 klemmt im Erdgeschoss in einer Schublade, während Zwilling Nr. 2 im Dachgeschoss, allen Schutzvorkehrungen zum Trotz, droht sämtliche Stufen der eben erst stolz erklommenen Treppe herunter zu purzeln. Begleitet wird das Szenario von vierfachem Kindergeschrei. Das Mutterhuhn flattert kopflos auf und nieder, auf der Suche nach einer Möglichkeit, allen Küken gleichzeitig aus der Patsche zu helfen. Wo zur Hölle steckt Superman, wenn man ihn braucht?
In solchen Momenten wäre ich gern viermal vorhanden. Ein Ich für jedes Kind und am besten noch eine fünfte Kim, die sich seelenruhig die Nägel lackiert, zuweilen an ihrer Latte Macchiato nippt und die anderen vier mitleidig beobachtet.
Jeder kriegt nur so viel aufgebürdet, wie er tragen kann.
Ein Kind auf jedem Arm, zwei Einkaufstüten und eine Handtasche. Mehr schaffe ich nicht, sonst falle ich um.
Während ich darauf bedacht bin, die Last möglichst unbeschadet zu stemmen, schwebt – mal unübersehbar wie eine Leuchtreklame, mal dezent im Hintergrund – eine Frage im Raum: Ist das geschilderte Familienleben mit einer, genauer gesagt meiner Berufstätigkeit vereinbar?
Ich habe keinen blassen Schimmer.
26. Mai, 5.38 Uhr.
Selbst wenn ich wollte, könnte ich nicht antworten: Hirn und Hand ist entfallen, wie man auf dem Handy Kurznachrichten tippt.
Drei Stunden später.
8.38 Uhr.
8.39 Uhr.
Vier Minuten später. Meine Hand erinnert sich, wie SMS verfasst werden.
8.43 Uhr:
Zu mehr Text scheine ich nicht fähig zu sein. Mitteilung senden? Nein. Ein kleiner Moralapostel verbietet eine derart kurze und vielleicht unhöfliche Antwort.
Eine Minute später.
8.44 Uhr:
Mitteilung senden? Entrüstet schüttelt der Moralapostel den Kopf. Derart schwerwiegende Entscheidungen sollten auf einen späteren Zeitpunkt verschoben werden.
Vier Stunden später. Ich tippe eine Antwort, von der ich hoffe, dass sie sozialadäquat ist.
12.44 Uhr:
Zustimmend nickt der Moralapostel. Mitteilung senden? Ja.
Zehn Sekunden später.
Mitteilung senden? Ja.
Das dritte Kind
Am Tag zuvor, 25. Mai.
»Da haben wir ja die Fruchtblase mit den Herztönen!« Dr. Rose blickt mich freundlich an. Sein weißer Kittel und das Stethoskop um seinen Hals verströmen eine beruhigende Souveränität. Ich schaue zu meinem Mann Markus, der wiederum fasziniert den überdimensionalen Flachbildschirm vor uns begutachtet. 27 Zoll, mindestens. Befinden wir uns wirklich in einer gynäkologischen Praxis? Das Ultraschallgerät könnte mit seinen Hebeln und Knöpfen, Power-Display und sonstigem Schnick-Schnack ohne Probleme zum Equipment eines hoch technisierten Cockpits gehören.
Es klopft. Herein tritt eine übermäßig geschminkte Arzthelferin, deren dunkelblaues Kostüm mit Einstecktuch an die Uniform einer Stewardess erinnert. Tragen medizinische Mitarbeiter nicht eigentlich weiß? Kurzzeitig bin ich versucht, zweimal Tomatensaft zu bestellen. Geschäftig legt sie Patientinnen-Akten auf den Schreibtisch, ordnet sie wie einen Fächer an und verschwindet ebenso geschäftig zurück an den Empfang. Wird sie von einer erschöpft schnaufenden Schwangeren erwartet?
Arzt, Ehemann und ich drehen die Köpfe wieder zurück, um einem anderen Geschehen die gebührende Aufmerksamkeit zu schenken – den Herztönen auf dem Ultraschall. Bei meinem letzten Besuch in der Praxis vor zehn Tagen waren diese angesichts des frühen Zeitpunkts der Schwangerschaft noch nicht sichtbar.
Obwohl ich einen solchen Moment schon zweimal erlebt habe, ist er umwerfend neu. Ein kleines Leben, fleißig im Halbsekundentakt pochend, auf dem Hightech-Monitor bestens sichtbar. Unter den neugierigen Augen der Beobachter wirkt es fast ein wenig beschämt und scheint sich mehr als üblich anzustrengen. Mein Versuch, mit einem Lächeln gegenzusteuern, schlägt fehl: Wie bei den Schwangerschaften zuvor schießen mir Tränen in die Augen. Markus' Mundwinkel reichen glückselig bis an die Ohren.
Die Entscheidung für ein drittes Kind war wohlüberlegt und goldrichtig, denn es wird wunderbar in unserem Leben Platz finden, in unserer Wohnung, in unserem Auto. Lil wird in zwei Wochen vier, Clara ist mittlerweile achtzehn Monate, wir haben noch den Kinderwagen. Alle kleinen Möbel und Babykleider können ein drittes und letztes Mal genutzt werden. Hiermit ist unsere Familienplanung abgeschlossen. Ob meine fast vierzigjährige biologische Uhr lauter tickt oder gar stehen bleibt, wird mir fortan egal sein.
Der Sensor auf meinem Bauch gleitet weiter, vor, wieder zurück, um schließlich zielsicher drei Zentimeter rechts vom Bauchnabel zu verweilen. Einen Tick konzentrierter als zuvor klickt Dr. Rose auf der Cockpit-Schaltfläche herum, drückt einen der Knöpfe, wirft uns einen auffällig unauffälligen Seitenblick zu, kneift die Augen zusammen und nähert sich ein paar Millimeter dem Bildschirm, als wolle er sich vergewissern, die richtige Schlussfolgerung gezogen zu haben. »Und hier ist die zweite Fruchtblase, ebenfalls mit Herztönen.«
Das Ultraschallgel auf meiner Hautoberfläche fühlt sich mit einem Mal eiskalt an. Markus' Honigkuchenpferdgesicht wirkt wie festgefroren. Gibt es hier Sauerstoffmasken, wie sie in Notfällen im Flugzeug zur Verfügung stehen?
»Herzlichen Glückwunsch! Sie bekommen Zwillinge.«
Ohne auch nur ein Wort zu verlieren, verlassen wir zwei – oder besser gesagt vier – die Praxis, warten stumm auf den Fahrstuhl, steigen ein, fahren vom zweiten Stock in den Keller, von dort ins Erdgeschoss, beobachten teilnahmslos die Umstehenden, ziehen uns in Richtung der Kabinenwand zurück, um Neuankömmlingen ausreichend Platz zu geben, lassen uns in den vierten, fünften und sechsten Stock bringen, verweilen auch dort im Inneren des Fahrstuhls, unsere Köpfe erfüllt von einem gedanklichen Vakuum, im Hintergrund fortwährend das dumpfe Geräusch eines hinauf und hinab gleitenden Aufzugs. Nach vielleicht fünfzehn Minuten entsteht das Gefühl, nun genügend Zeit sprachlos in einem mittlerweile ächzenden Lift verbracht zu haben. Wir steigen aus.
Weiterhin schweigend trotten Markus und ich nebeneinander her, schlagen automatisch den Weg zum nächsten Café ein und trinken jeder einen Espresso. Er einen einfachen, ich – passend zur Situation – einen doppelten, auch wenn unsere Fahrstuhlfahrt ein flaues Gefühl in der Magengegend hinterlassen hat. Gibt es etwas zu besprechen oder wie jetzt etwas zu beschweigen, gehen wir Kaffee trinken. Ein kleines Ritual, an dem wir uns festhalten können.
Es folgt eine Stunde der Stille. Jeder ist in seinen eigenen Gedanken versunken. Was meinem Mann durch den Kopf schwirrt, kann ich nicht erraten; was mir durch den Kopf schwirrt, er wahrscheinlich auch nicht. Nämlich nichts. Ein Abwehrmechanismus des Gehirns, um nicht in Panik zu geraten?
Doch der Schutzwall kann nicht lange Widerstand leisten, wird brüchig und schließlich durchlässig. Von der anfänglichen Leere in meinem Kopf ist nichts mehr übrig. Nach und nach bahnen sich die Gedanken ihren Weg, erst einer nach dem anderen, dann etliche auf einmal und unangenehm ungeordnet.
Jeder möchte der erste, der einzig und allein Wahrgenommene aus der unübersichtlichen Menge sein. Wie eine Meute beim Schlussverkauf stürmen die Gedanken durch die Gehirngänge, allerdings ist kein Wühltisch, sondern meine Aufmerksamkeit das Ziel.
Einzelne Gehirnzellen, ihrer ursprünglichen Funktion beraubt, reagieren heldenhaft auf die unerwartete Situation. In grellen Warnwesten und behelmt ist der Hilfstrupp pflichtbewusst bemüht, das Tohuwabohu unter Kontrolle zu bekommen.
Keine leichte Aufgabe, denn die Helfer sehen sich mit einer weiteren Gefahrenquelle konfrontiert: Kleine Kugeln – Panikperlen – werden unentwegt von meinem Körper produziert, stürzen unkontrolliert von den Decken der Gehirnwindungen und vereiteln jegliche Möglichkeit des Handelns.
Nach einigen Sekunden ist die Panikattacke überwunden. Mit aller Kraft pustet ein selbst ernannter Einsatzleiter in seine Trillerpfeife und der schrille Ton bringt Ruhe in die aufgebrachte Gedankengruppe. Artig lassen sich Überlegungen, Bedenken und Standpunkte, sogar Horrorvorstellungen hinter die provisorisch errichtete Absperrung drängen.
Ein besonders keckes Gedankenexemplar überwindet das rot-weiße Hindernis und bahnt sich mit spitzen Ellbogen den Weg zu meiner Aufmerksamkeit.
Zwillinge. Die gibt und gab es in keiner unserer Familien. Es war doch nur ein drittes Kind geplant! Circa fünfzig Zentimeter groß, um die drei Kilo, blonde oder dunkle Haare, blaue Augen, fünf Finger an jeder Hand, insgesamt zehn Zehen, ein Mädchen oder ein Junge. Ein ganz normales Kind. Ein drittes Kind, nicht zwei.
Ein neuer Gedanke stupst den Vorgänger grob zur Seite.
Vier Kinder! Sind wir dann eine Großfamilie? Kenne ich eine Großfamilie? Die Waltons! Wie viele Kinder hatten die Waltons? Sechs? Sieben? Jedenfalls keine Zwillinge. Nur zu gern wäre ich in meiner Kindheit ein Mitglied dieser Bilderbuchfamilie aus dem Fernsehen gewesen. Gute Nacht Jim Bob. Gute Nacht Elisabeth. Gute Nacht John Boy. Doch wenn die Vorstellung zur Realität wird, fühlt es sich anders an als erträumt. Auf der einen Seite: Markus und ich; auf der anderen Seite: Kind eins, Kind zwei, Kind drei und Kind vier. Vier gegen zwei. Das klingt wie eine Drohung, eine Kampfansage der Gummibärchen-Fraktion.
In jeder einzelnen Gehirnwindung wimmelt es von Gedanken. In Gestalt von Gummibärchen. Sie wuseln überall, verstecken sich auch in kleinsten Winkeln, trampeln schmerzhaft von der linken Kopfhälfte in die rechte, rutschen wild wieder zurück, spielen in meinen Gehörgängen Fangen, dass es in den Ohren nur so rauscht, selbst auf der Nase haben sich die Kleinen breitgemacht und schießen Bonbon-Geschosse gegen meine Stirn, was nicht nur viele blaue Flecken verursacht, sondern auch die Gedanken ins Schleudern bringt.
Eine zur Objektivität nicht fähige Angstvorstellung gerät ins Taumeln, rutscht auf einer Panikperle aus und reißt zwei Umstehende mit, an deren Schultern sie um Halt bemüht war.
Wie soll es zu schaffen sein, mit einer Großfamilie fertig zu werden? Wie viel Aufmerksamkeit und Zuwendung braucht ein Kind, um seelisch, emotional und körperlich nicht zu verkümmern? Wie, um Himmels Willen, soll ich mich um alle unsere Kinder kümmern? Wie viele Wäscheberge werden zu erklimmen sein? Wie viele Windelberge wir täglich brauchen werden!
Und: Wie soll ich bei diesem Lärm je wieder arbeiten?! Wie bringe ich Großfamilie und Beruf unter einen Hut? Selbst wenn die Nachkommen in Schule und Kindergarten untergebracht sein werden, bringt mich allein der Gedanke an die Vielfachbelastung an den Rand der Erschöpfung.
»Möchten Sie noch etwas trinken?«
Ich sehe mich nicht in der Lage, zu antworten.
»Möchten Sie vielleicht etwas essen?«
»Ich weiß es nicht.«
Unaufgefordert stellt mir die freundliche Bedienung einen weiteren doppelten Espresso und ein Wasser hin. Dankbar trinke ich das Glas in einem Zug leer.
Wenn allein die Vorstellung dessen, was auf mich zukommen könnte, meine Kapazitäten erschöpft, wie kläglich werde ich in der Realität scheitern?
Die tägliche Zerreißprobe zwischen Arbeit und Familie war bereits mit einem Kind nur unter Inkaufnahme von Strapazen zu bestehen. Ein Hamster, der läuft und läuft und läuft. Jeder Tag eng getaktet, angefangen mit morgendlicher Hetze in die Krippe, von dort ins Büro, wo das Arbeitspensum in einem engen Zeitfenster erledigt werden musste, ohne Pausen, ohne zeitlichen Puffer, ohne die beruhigende Möglichkeit von Überstunden. Punkt zwei Uhr musste der Griffel fallen gelassen werden, weil die Krippe nur bis um drei geöffnet hatte. Nachmittägliche Hetze zurück zur Krippe, Einkauf, eine Stippvisite auf dem Spielplatz und ab nach Hause, wo schon der Haushalt ungeduldig wartete. Wie soll ein Berufsleben mit der vierfachen Menge an Kindern in Einklang gebracht werden, ohne dass jemand unter die Hamsterräder kommt? Das Rattern in meinem Kopf wird lauter und lauter und …
»Halt! Stopp!« Kurz kehrt Stille ein. Die Vernunft meldet sich: »Du wirst nicht fünfzig oder gar hundert, du wirst nur vier Kinder haben.«
»Mit einem Wurf sind die Kinder in der Überzahl!«, erwidert eine schrille Stimme. Meine Stimme?
Unterstützend springt der Nestbautrieb der Vernunft zur Seite. »Vielleicht versteht sie das.« Er zückt seinen Bleistift und kritzelt damit auf einen DIN A 6-Spiralblock.
3 > 2
4 > 2
»Überzeugt dich das?«
»Was soll das denn sein? Was soll mich daran überzeugen?«, halte ich gereizt entgegen.
»Zahlenmäßig unterlegen wärt ihr auch bei drei Kindern gewesen und drei Kinder wolltet ihr doch«, mischt sich die Vernunft ein.
»Es macht einen im-men-sen Unterschied, ob du drei oder vier Kinder hast!!!«, höre ich mich panisch rufen.
»Aha.« Meine imaginären Gesprächspartner scheinen nicht überzeugt.
Der Nestbautrieb schiebt sich den Bleistift wieder hinter das Ohr und verschränkt die Arme.
»Und malt euch mal aus, wenn ich mit den Gummibärchen alleine bin! Ich habe nur zwei Hände und nicht acht und mit meinen zwei Beinen kann ich auch nur in eine Richtung laufen. Wie soll ich das schaffen? Ein Kind läuft nach Osten, das zweite nach Süden und das dritte nach Westen. Mindestens ein Kind bleibt seinem Schicksal überlassen, auch wenn Lil mir hilft. Außerdem ist sie dann selbst erst fünf und ich kann ihr nicht so viel zumuten.«
»Es gibt Kinderwägen mit Gurten zum Festschnallen, sogar für Zwillinge«, versucht mich die Vernunft zu beruhigen.
Ohne hierauf einzugehen, springe ich zum nächsten Thema. »Wo, um Himmels willen, sollen wir diese vielen Kinder zu Hause überhaupt unterbringen? Wir haben doch nur vier Räume. Ein Kind hätte im Kinderzimmer noch Platz gehabt, aber nicht zwei.«
Zur Beschwichtigung legt der Nestbautrieb seine Hände auf meine Schultern. »Wenn die Zwillinge noch klein sind, schlafen sie bei Markus und dir. Ich baue euch zwei wunderschöne Beistellbetten, versprochen.«
Ich tue das einzige, wozu ich in der Lage bin: schweigen.
Die Vernunft versucht, das Dilemma in Worte zu fassen. »Soweit ich Kim verstehe, hat sie Angst davor, dass bei der aktuellen Situation dauernd einer von einem anderen gestört wird.«
›Ihr zwei redet euch leicht! Ihr steckt schließlich nicht in meiner Haut. Vier kleine Menschen in einem Raum atmen sich die Luft weg, definitiv. Und wenn die Zwillinge krabbeln und alles in den Mund nehmen? Steckperlen, Häkelnadeln oder gar Scheren! Ständige Lebensgefahren, wo man nur hinsieht!!‹, hätte ich gesagt, wenn ich meine Worte wiedergefunden hätte.
Die Vernunft spricht das Naheliegende aus. »Da hilft nur eins: umziehen.«
Bei dem Stichwort wittert der Nestbautrieb seine Chance und tippelt ungeduldig hin und her; im praktischen Blaumann ausgerüstet mit Hammer, Zollstock und allerlei nützlichem Werkzeug steht er in den Startlöchern, um sofort mit Umbau, Ausbau oder gar Neubau loszulegen. Im Moment weiß er nur nicht, wo.
Mich hingegen bringt allein der Gedanke an einen weiteren Umzug fast an den Rand der Erschöpfung. Vehement schüttle ich den Kopf. Hochschwanger oder mit vier kleinen Kindern im Schlepptau wochenlang Kiste um Kiste einräumen, akribisch beschriften, unter immensem Kraftaufwand stapeln, dazwischen stillen, wickeln, Clara davon abhalten, die soeben mühevoll gepackten Kartons im Handumdrehen wieder zu leeren, zu zerschneiden oder mit Wachsmalkreide zu verschönern, mit Lil darüber diskutieren, warum sie jetzt nicht fernsehen und auch keine Schokolade essen darf. Uff.
Und überhaupt: Wohin sollen die zweihundert Kartons gefüllt mit unserem Hab und Gut? Wohin bitte sollen wir ziehen? Bei der Wohnungsnot in München! Wie die Geier stürzen sich potenzielle Mieter auf alles, was frei und einigermaßen bezahlbar ist. Unser jetziges Heim konnten wir im Vorjahr nur beziehen, weil meine Freundin Anne, im selben Haus einen Stock tiefer wohnend, dem Vermieter vorgeflunkert hat, wir würden zu viert zusammengepfercht in einem Ein-Zimmer-Appartement hausen.
Meine Bedenkenliste geht weiter! Es gibt nämlich eine seit Jahren zwischen Markus und mir ungeklärte Frage: Haus statt Wohnung?
Markus: »Haus!«
Kim: »Nein, Wohnung!«
Haus. Wohnung. Haus. Wohnung. …
Markus irgendwann entnervt: »Du bist doof.«
»Du auch«, entgegnet eine nicht minder genervte Kim.
Lösung des Disputs? Bislang keine.
Enttäuscht lässt der Nestbautrieb Schultern und Hammer sinken, krabbelt in meine Handtasche, in der er mühelos Platz findet. Der Brut ein Lager zu richten, wird wohl noch dauern.
Ein letztes Mal setzt die Vernunft an, bemüht, zu mir durchzudringen. »Was ist denn mit dem Arbeitszimmer? Können die Kleinen nicht dort …?«
»Bist du wahnsinnig?«, falle ich der Vernunft unsanft ins Wort. »Markus braucht ein Arbeitszimmer! Außerdem ist alles voller Akten, wichtiger Akten! Möchtest du, dass die Babys schon in ihren ersten Wochen Staublungen bekommen? Das geht auf gar keinen Fall!«
Die Vernunft erkennt, dass sie im Moment nichts auszurichten vermag. Sie verabschiedet sich auf unabsehbare Zeit, was mir nicht weiter auffällt, ebenso wie mir der süße Duft frischen Gebäcks entgeht, das unbemerkt vor Markus und mich auf den Tisch gestellt wurde.
»Das mit dem Arbeitszimmer ist gar keine schlechte Idee!« Meiner Handtasche entstiegen beißt der Nestbautrieb genüsslich in ein Aprikosencroissant. Ein Marmeladenspritzer landet auf Markus' Handrücken, den dieser gedankenverloren wegwischt.
Mit vollgestopftem Mund nuschelt der Nestbautrieb seinen Vorschlag: »So schlecht ist eure Wohnung gar nicht und bei ein wenig Tüftelei bietet das Arbeitszimmer vielleicht doch, zumindest für eine gewisse Zeit, eine Bleibe für die Neuankömmlinge. Ich stelle einfach die Bücherregale aus dem Wohnzimmer in den Flur, an den freien Platz im Wohnzimmer wandert Markus' Schreibtisch, und ehe man sich es versieht gibt es Raum für zwei kleine Bettchen und eine Wickelkommode. Vielleicht sind auch die staubigen Akten nicht so wichtig wie bisher angenommen und können in den Schredder oder Markus verfrachtet sie ins Büro. Ist das eine gute Idee?«
Erst jetzt bemerke ich die Abwesenheit der Vernunft. Sie hat auf dem Tisch neben Salzstreuer und Pfeffermühle ein Päckchen zurückgelassen, umwickelt mit weiß-rotem Herzchenpapier und einer riesigen Schleife: ein Notfallset mit einer Miniportion Rationalität. Beim Öffnen des Päckchens verbreitet sich wohltuender Lavendelduft, dank dessen mein Herzschlag und Atem in eine normale Frequenz zurückfinden. Auch die Sprache kehrt zurück. »Wahrscheinlich hast du recht. Machen wir es wie vorgeschlagen.«
Der Nestbautrieb nickt eifrig, froh, für den Moment zwar nur eine kleine, aber immerhin eine Aufgabe gefunden zu haben und wischt seine klebrigen Hände an meinem Ärmel ab.
Alles andere, das mit dem Thema Zwillinge respektive Großfamilie zusammenhängt, wird auf später vertagt. Ich trinke den Rest meines inzwischen kalten zweifachen Espressos. Das flaue Gefühl im Magen hat sich verflüchtigt.
Markus erwacht ebenfalls aus seinem Trancezustand. Er öffnet den Mund, doch scheinen seine Stimmbänder vom Schweigen eingerostet. Er räuspert sich geräuschvoller als vielleicht nötig, neugierige Köpfe drehen sich zu uns. »Ja gut, dann brauchen wir jetzt einen Kleinbus.«
Sechs Wochen später, 10. Juli, 4.46 Uhr.
Absender: Sibylle ([email protected])
Betreff: Luna wird vier
Liebe Lil,
Luna lädt Dich ganz herzlich zu ihrem 4. Geburtstag ein! Wir schauen uns am kommenden Sonntag, den 15. Juli, um 11.30 Uhr im Marionettentheater am Sendlinger Tor ›Kasperl und das grüne Krokodil‹ an. Nach der Vorstellung gibt es Muffins und wir dürfen einen Blick hinter die Bühne werfen. Abholung: 13.30 Uhr am Theater. Bitte gib Bescheid, ob Du kommen kannst. Sofern ich es schaffe, werde ich noch Einladungen per Post verschicken. Da jedoch alle meine drei Kinder in diesem Monat Geburtstag haben, neigt sich mein Energievorrat beim dritten Durchlauf seinem Ende zu.
Beste Grüße
Sibylle (Mama von Luna)
P.S. Falls Du einen Tipp für ein Geschenk brauchst: Luna würde sich sehr über ein Puzzle z. B. mit Hello-Kitty-Motiv freuen.
Sechs Tage später, 16. Juli, 4.51 Uhr.
Absender: Sibylle ([email protected])
Betreff: Lunas vierter Geburtstag
Liebe Kinder, liebe Eltern,
es tut mir so leid, dass Euch bzw. Euren Kindern die Muffins (verständlicherweise) nicht geschmeckt haben und ein paar Salzstangen als Partyverpflegung herhalten mussten. Beim nächsten Mal werde ich mich garantiert nicht mehr vertun und Zimt nicht wieder mit Muskatnuss verwechseln. Versprochen!
Beste Grüße
Sibylle (Mama von Luna)
P.S. Luna hat sich übrigens sehr über die fünf Hello-Kitty-Puzzle gefreut!
Das doppelte Päckchen
Drei Monate später, 25. Oktober.
497, 498, 499. 500! Herzlich willkommen! Du bist die 500. Wehe! Jubiläumsstimmung oder gar Freude mag sich trotz der vielleicht imposanten Zahl nicht einstellen. Seit Tagen verharre ich auf der Geburtsstation. Hin und wieder hinterlässt eine Wehe auf dem Monitor auch sichtbare Spuren und nicht nur Schmerzen, die mir wie jetzt Tränen in die Augen treiben.
Kim, entspann dich! Das Ziel vor Augen, auch die 501. Wehe nicht als lästiges Übel, sondern als notwendiges Helferlein zu sehen, versuche ich es mit einem Beruhigungsmantra. Vielleicht schwingen Körper, Geist und Seele dann wieder in gesunder Ausgeglichenheit. Ich brauche die Wehe. Om. Ich brauche die Wehe. Auch wenn dies nicht stimmt. Weder jetzt noch später brauche ich eine Wehe, in keiner erdenklichen Form: Keine Eröffnungswehe, keine Presswehe und auch keine dieser lästigen Braxton-Hicks-Wehen – Wehen zum Üben, von denen ich gleich zum 502. Mal gebeutelt werde. Jetzt brauche ich die Wehe nicht, weil es für eine Geburt Wochen zu früh ist. Später brauche ich die Wehe auch nicht, denn aus Angst vor Komplikationen ist ein Kaiserschnitt geplant.
Doch eins nach dem anderen.
Die Schwangerschaft scheint im Zeitraffer zu verlaufen und ist in jeglicher Hinsicht intensiver als die beiden anderen. Die bekannte Übelkeit übermannt mich eher und heftiger, verabschiedet sich dafür umso früher wieder. Meine Oberweite ist schon in den ersten Wochen mindestens auf das Doppelte ihres sonstigen Volumens angewachsen. Schade, wenn sich meine Brüste nach dem ganzen Schwangerschafts- und Stillspektakel wahrscheinlich wieder in ihre gewohnte Mickerigkeit zurückziehen werden.
Alles andere als mickerig: meine Körpermitte. Der Bauch ploppt nach wenigen Wochen heraus wie sonst erst nach Monaten. Ein um meine Taille geschnallter, etliche Kilo schwerer Medizinball droht ständig, mich mit seinem immensen Gewicht in eine Position zu zwingen, aus der ich mich ohne fremde Hilfe sicher nicht befreien würde können.
Kein Wunder, dass mein dermaßen in die Irre geführter Körper im siebten Monat glaubt, geburtsbereit zu sein und eine Wehe nach der anderen über mich rollen lässt. Deshalb heißt es: ab in die Klinik und an den Tropf.
Nun befinde ich mich auf der Entbindungsstation zwischen Babys und ihren mehr oder weniger glücklichen Eltern und warte. Und zähle. 520, 521, 522. Würde ich an Tag X, plus minus ein paar Tage, mitten in der für Tag X anberaumten Geburt stecken, täte ich mir zwar auch leid, die Situation wäre aber nichts Besonderes. Immerhin wüsste ich, irgendwann in naher Zukunft, vielleicht schon in ein paar – wenn auch sehr schrecklichen – Stunden, wäre alles vorbei und ich würde, alle abartigsten Schmerzen der Welt vergessend, zwei zuckersüße und wohlduftende Neugeborene in meinen Mutterarmen halten, eines schöner und bezaubernder als das andere, und ich wäre vor Verzückung nicht fähig, zu entscheiden, wo mein Blick verweilen sollte.
Mich der Träumerei hinzugeben, alles ginge seinen normalen Gang, ist zwecklos; Geburtstermin ist erst in zwölf Wochen, meine Babys wiegen in der 29. Schwangerschaftswoche jeweils keine 1.500 Gramm. Horrorszenarien spielen sich in meinem Kopf ab. Kleine dürre, über und über behaarte Frühchen, kaum als Menschen zu erkennen, suchen sich noch blind ihren Weg nach draußen, nicht fähig, ohne fremde Hilfe zu atmen oder Nahrung aufzunehmen. Unsere Tochter Clara war eine Frühgeburt, nur eine Handvoll Leben, obwohl sie weit über zwei Kilo auf die Waage brachte. Wie zart und hilflos mögen wohl die beiden Menschlein sein, wenn es nicht gelingt, die bedrohlichen Wehen unter Kontrolle zu kriegen?
In meiner linken Bauchhälfte ist es wie üblich ruhig. Zwilling eins ist ein angenehmer Bewohner, schläft viel, tritt wenig und fühlt sich auch durch einen bewegungsaktiven Nachbarn selten gestört. Zwilling zwei hingegen hat Hummeln im Hintern, ist fast ständig in Bewegung, bemüht, die richtige Warteposition zu finden, die aber schon nach einer Minute nicht mehr zu passen scheint.
Wie in Zeitlupe läuft aus einer kopfüber aufgehängten Flasche durch einen durchsichtigen Schlauch Tropfen für Tropfen einer ebenfalls durchsichtigen Flüssigkeit in den Zugang im linken Handrücken, von wo aus sie sich in meinen Blutbahnen verteilt. Zumindest für eine Weile scheint das Medikament – Wehenhemmer? Schmerzmittel? – zu wirken. Die Kontraktionen werden erträglicher, ebenso schwinden die ängstlichen Gedanken.
Zwei Tage später, 27. Oktober.
Ein Bett wird in mein Zimmer geschoben, bedeckt mit einem riesigen gelben Laken. Kurz bekomme ich einen Schreck. Eine Leiche?
Natürlich nicht. Dem Bett folgt schleichenden Schrittes und mit gesenktem Kopf ein blasses Mädchen, höchstens sechzehn. Auf einer Entbindungsstation? Wäre sie einen Stock tiefer in der Kinder- und Jugendabteilung nicht besser aufgehoben?
»In welcher Woche bist du denn?«, möchte die Krankenschwester wissen.
»Meine Tochter ist in der 25. Woche schwanger, sie hat vorzeitige Wehen«, antwortet an Stelle der jungen Patientin ihre Mutter, auf deren Nase es sich eine gigantische sonnengelbe Brille gemütlich gemacht hat.
»Und wieviel hast du in der Schwangerschaft schon zugenommen?«, fragt die Schwester weiter nachdem sie das Gehörte auf einem Block notiert hat.
»Ein halbes Kilo«, antwortet wieder die künftige Großmutter, die mein Alter haben dürfte.
In Gegenwart der beiden fühle ich mich alt. Und dick.
25. Woche? Da sah ich aus, als würde ich jeden Moment gebären, Bauch zum Bersten prall. Und bei diesem Mädel? Nichts. Kein Bauch, nicht einmal der Ansatz auch nur der kleinsten Wölbung. Ich verzichte darauf, auszurechnen, wie viele halbe Kilos ich in der Schwangerschaft zugenommen habe. Fest steht, dass ich mindestens 500 Gramm mehr auf die Waage bringen kann, wenn ich mich einmal richtig satt esse.
Zusätzlich zu ihrer Mutter wird das Mädchen von einer Frau um die sechzig begleitet, komplett in grau gekleidet. Tante? Oma? Ihre ebenfalls grauen langen Haare sind zu einem ordentlichen Dutt geknotet. Als Kontrast zum dezent gehaltenen Outfit leuchtet umso auffälliger der Lippenstift.
»Flora. Dein Freund ist …« Die Grauhaarige setzt die durch die Krankenschwester begonnene Befragung fort und blättert in einer hellroten Akte, auf deren Vorderseite in großen schwarzen Lettern Jugendamt zu lesen ist. Nach kurzem Suchen wird sie fündig. »Dein Freund ist, wie ich hier sehe, auch nicht volljährig und geht wie du noch zur Schule. Deshalb muss ich als Vertreterin des Jugendamts einen Vormund für euer Kind bestellen. Deine Mutter hat sich, wie du weißt, bereit erklärt, hierfür zur Verfügung zu stehen. Mein Besuch ist also reine Formsache, weil ich eine Unterschrift deiner Mutter brauche und dich kennenlernen wollte. Für die kommenden Monate wünsche ich dir alles Gute und wir sehen uns, wenn dein Baby auf der Welt ist.«
Den Abschiedsgruß erwidert Flora teilnahmslos.
Ihre Verschlossenheit bewahrt sich meine Zimmergenossin, redet nur das Nötigste, über die Schwangerschaft und das Baby verliert sie kein einziges Wort, weder in meiner Gesellschaft noch gegenüber ihrem Freund oder ihrer Mutter. Die meiste Zeit liegt sie regungslos auf ihrem Bett, starrt aus dem Fenster oder spielt mit ihrem Smartphone.
Ist das der Grund, weswegen ich sie kritisch, vielleicht sogar herzlos betrachte? Weil sie ihr Baby verschweigt, keine Freude zeigt, nicht wie die meisten anderen werdenden Mütter ihr Glück laut hinausposaunt? Habe ich das Recht zu Argwohn? Sie kennt mich nicht, könnte meine Tochter sein und wirkt generell in sich gekehrt. Außerdem habe ich keinen blassen Schimmer, was in ihr vorgeht. Minderjährig, bevormundet, keine abgeschlossene Ausbildung. Wie mag sie sich fühlen? Freut sie sich? Hat sie Angst? Hält ihr Freund zu ihr?
Wie fühle ich mich, da ich mehrere Monate Zeit mit dem Gedanken verbracht habe, bald vierfache Mutter zu sein? – Keine leicht zu beantwortende Frage.
Immerhin leben Markus und ich in geordneten Verhältnissen, wie man so schön sagt. Wir haben als Juristen solide Berufe, sind seit Jahren verheiratet und unsere Beziehung hat bislang relativ unbeschadet zwei Töchter überstanden.
Freue ich mich? – Ja.
Habe ich Angst? – Ja.
Wovor? – Vor Schlafentzug, davor, Mütterpflichten schlecht zu erfüllen oder gar schuldhaft zu verletzen, vor abgeblättertem Nagellack. Die Liste ist mühelos erweiterungsfähig.
Zur Ablenkung schnappe ich mein Handy, checke Kurzmitteilungen und E-Mails.
Erwartungsgemäß keine kollegiale Bitte, einen Vertrag auf Vereinbarkeit mit deutschem Recht zu prüfen, keine Einladung zur Videokonferenz mit Firmenkunden aus Fernost, keine Verabredung zum Businesslunch. Stattdessen: Werbung für Windeln und Kindergummistiefel und ein im Mütterforum geposteter Beitrag, Unsere Lulu geht jetzt aufs Töpfchen. Nicht nur eine der grauen Zellen meines Gehirns gähnt ausgiebig.
Der Exot im ansonsten unspektakulären E-Mail-Posteingang datiert von März. Seinerzeit – gerade mal vor acht Monaten, die sich wie Jahre anfühlen, hatte ich mit dem Personalchef Herrn Bauer meinen Arbeitsvertrag neu verhandelt, da ich im Juni wieder ins Büro zurückkehren wollte. Sogar eine minimale Gehaltserhöhung konnte ich herausschlagen – als Entschädigung für den nicht genehmigten Homeofficetag.
Wenige Wochen später war der Vertrag wieder hinfällig.
Statt Wiedereinstieg in den Beruf: Glückwünsche zur erneuten Schwangerschaft, Verständnis für meine Situation, angesichts möglicher gesundheitlicher Risiken vorerst nicht zu arbeiten, Verlängerung der Elternzeit.
Seit Lils Geburt vor über vier Jahren sind Mutterherz und der juristische Verstand im Dauerzwist.
Das Herz möchte keine Minute aus dem Leben seiner Kinder versäumen, will permanente und ungeteilte Aufmerksamkeit schenken und von Montag bis Sonntag eigenhändig Frühstück, Mittag- und Abendessen aus hochwertigen Biozutaten zubereiten.
Der Verstand hingegen schätzt den wochentäglichen Cateringservice des Kindergartens, plädiert für einen Ausbau der Betreuungsplätze und wundert sich jeden Tag aufs Neue, wie eine gut ausgebildete Frau mit Karrierechancen zum Mutterhuhn, fast schon zur Glucke mutieren kann.
Seit Anbeginn des Mutterseins hadert der Verstand mit den trostlosen Berufsaussichten, für die er dem Mutterherz eine erhebliche Mitschuld gibt, weil dieses offenbar unfähig ist, sich von den Sprösslingen zu lösen, nicht in der Lage, sie zumindest für wenige Stunden des Tages – oder lieber mehr – in fremde Hände zu geben. Auf der Karriereleiter sieht er sich längst überrundet von weitaus jüngeren, meist kinderlosen Kolleginnen. Anstatt im eleganten Business-Outfit bei einer Latte Macchiato to go noch schnell eine extrem wichtige SMS ins I-Phone zu tippen, ist der Verstand aktuell höchstens mit der Frage beschäftigt, ob Dellwarzen vorzugsweise bei zu- oder abnehmendem Mond oder gar bei Vollmond behandelt werden sollten.
Ob es dem Verstand recht ist oder nicht: Das Thema Arbeit rückt zwangsläufig in weite Ferne. Eigenmächtig schiebt sich das Bild der schuftenden Hausfrau auf den gedanklichen Bildschirm.
Ich sehe mich im Putzkittel und mit strähnigen Haaren, verschwitzt und ungeschminkt, auf den Knien monoton Holzdielen schrubben. Immer auf Achse, finanziell entmündigt, gesellschaftlich belächelt. Es dauert keine drei Minuten und über den eben erst geputzten Boden latschen acht matschverschmierte Gummistiefel und machen das Ergebnis mühsamer Arbeit mit wenigen Schritten zunichte.
Mama. Mama! Mama!! Mama!!!, dröhnt es in meinen Ohren.
Am nächsten Tag, 28. Oktober.
Es klopft an der Tür. Herein tritt ein exzessiv gestylter junger Kerl. Nicht schon wieder der! Schlagartig stellen sich meine Nackenhaare auf. Die Adidas-Turnschuhe quietschen bei jedem Schritt auf dem Klinikboden und eine zwar unsichtbare, dennoch aufdringliche Wolke Herrenduft kitzelt in der Nase.
Hatschi. »Au!« Als Reaktion auf mein Niesen tritt mir das rechts gelagerte Baby schmerzhaft gegen die Rippen.
»Entschuldigung«, Floras Freund zuckt schuldbewusst mit den Schultern. Für einen kurzen Moment wirkt er fast kindlich.
