Inhaltsverzeichnis
EINS
ZWEI
DREI
VIER
FÜNF
SECHS
SIEBEN
ACHT
NEUN
ZEHN
ELF
ZWÖLF
Copyright
EINS
Oben waren die Wellenkämme hellgrün und hatten einen schmalen weißen Schaumstreifen, aber gleich unter dem Grün kam das Dunkelblau. Giovanni, der Matrose, der Zeppi und mich mochte, erzählte uns, dass das Atlantikblau war und anders aussah als das Mittelmeerblau, das wir schon gesehen hatten, was ja auch stimmte. Atlantikblau war dunkler, tiefer, manchmal schon fast schwarz. Aber je weiter wir nach Süden kamen, desto grüner wurde das Blau.
Ich erklärte Mutter den Unterschied, aber sie meinte, dass das alles das Gleiche war und wir nur deshalb dächten, dass die Wellen anders aussähen, weil wir beide so aufgeregt wären. Zeppi war auch wirklich ganz aufgeregt, ich aber nicht. Er war ja auch erst zwölf, ich aber schon vier Jahre älter und darum ganz anders als er, nicht mehr so kindisch. Aber für Mutter waren wir beide gleich, genau wie die Wellen. Giovanni sagte, in dem Punkt sind alle Mütter gleich.
Es war ein italienisches Schiff, die Stromboli, und unter dem Namen am Heck stand GENOVA, und in Genua waren wir auch an Bord gegangen, Mutter, Zeppi und ich, für die Fahrt nach Venezuela. Da wartete Onkel Klaus auf uns, den Mutter heiraten wollte, weil mein Vater gestorben war. Vater war’43 an der Front in Russland gefallen, und sie sei zu jung, um mit zwei Jungs allein zu bleiben. So hatte sie uns das erklärt, als sie den Brief mit dem Heiratsantrag von Onkel Klaus bekommen hatte.
Sie las ihn uns vor, ließ dabei aber ein paar Stellen aus. Onkel Klaus schrieb, dass die beiden anständigen Söhne von seinem Bruder einen Vater verdient haben, und dass Helga einen Mann verdient habe, der sich jetzt, wo der Krieg verloren und der Führer tot sei, um uns alle kümmere. Das war alles ganz logisch so, wie er es geschrieben hatte – der Krieg, der Führer und die anderen Gründe, warum Mutter sich ernsthaft Gedanken darüber machen solle, ob sie ihn nicht heiraten wolle und uns Jungs an einem Ort großziehen, der weit entfernt lag von den deutschen Trümmern und dem, was in Deutschland sonst noch alles daneben gegangen sei. Sie solle es für Zeppi und Erich tun, schrieb er in seinem Brief, und für Heinrich, seinen gefallenen Bruder, der im russischen Schlamm begraben lag, ein Held, der es verdient habe, endlich in Frieden zu ruhen, mit der Gewissheit, dass es seiner Familie auch ohne ihn gut ging.
So hatte er sich ausgedrückt, und nachdem Mutter den Brief noch einmal leise für sich gelesen hatte, sagte sie, dass Mütter in der Bibel oft den Bruder ihres verstorbenen Ehemanns geheiratet hätten. Mutter war manchmal ziemlich religiös, manchmal aber auch nicht, daher wusste ich, dass sie das sagte, weil sie noch überlegte und nach einer Entscheidung suchte. Sie überlegte dann vier Tage lang, bis sie Onkel Klaus einen Antwortbrief nach Caracas schrieb. Sechs Wochen darauf waren die Karten für das Dampfschiff in der Post. Mutter verkaufte ein paar Sachen, die zu groß waren, um sie mitzunehmen, also die Möbel und noch ein bisschen anderes von dem Zeug, das nach den Bombardierungen noch da war, und dann machten wir uns auf den Weg.
Aus Deutschland rauszukommen war gar nicht so einfach, weil ja überall die Amerikaner und die Engländer das Sagen hatten. Wir konnten nicht einfach wie vor dem Krieg in den Zug steigen und in die Schweiz fahren. Mutter sagte, Klaus habe alle Vorbereitungen getroffen, um uns über die Grenze zu schmuggeln, und Klaus muss auch wirklich viele Freunde in der Schweiz gehabt haben, denn wir wurden mitten in der Nacht ganz allein mit unseren Koffern in einem Automobil nah an die Grenze herangefahren, wo uns dann jemand erwartete und heimlich zu Fuß über die Grenze führte. Dahinter war es dann wie in einer anderen Welt, wo keiner nach unseren Ausweispapieren fragte oder uns sagte, was wir tun sollten, außer als wir einen Tag später die Grenze nach Italien überquerten. Aber da waren wir dann nur noch eine Frau mit ihren beiden Jungs auf Urlaubsreise. Mutter erinnerte uns immer wieder daran, dass Klaus das überhaupt erst alles ermöglicht habe.
Auf dem Schiff war Mutter dann den ganzen Weg von Genua bis zur Straße von Gibraltar seekrank, obwohl die Wellen gar nicht so hoch waren. In unserer Kabine roch es ziemlich übel, darum waren Zeppi und ich viel an Deck, wo wir auch Giovanni kennenlernten. Er erzählte uns alles, was wir wissen mussten, wo die Kombüse, die Messe und der Speiseraum für die Passagiere waren und wo wir uns für die Rettungsübung versammeln sollten, falls das Schiff unterging.
Es waren nur elf Mitreisende an Bord, weil die Stromboli eigentlich ein Frachter war und nur wenig Platz für ein paar zahlende Passagiere hatte. Außer Mutter war auch nur noch eine andere Frau auf dem Schiff, die am Anfang noch ein bisschen Zeit mit Mutter verbrachte, dann aber zu mir sagte, dass ich mich wegen der Seekrankheit um Mutter kümmern und ein guter Junge sein solle. Sie meinte, dass Zeppi auch helfen müsse, aber der hörte wie immer nicht zu, also ging ich zwei- oder dreimal am Tag runter in die Kajüte und fragte Mutter, ob sie was brauche oder haben wolle, was aber nie der Fall war, weil ihr viel zu übel war.
Als wir durch die Straße von Gibraltar fuhren, wurde es zwar schon dunkel, trotzdem waren Zeppi und ich an Deck, weil wir gucken wollten. Wir hatten uns die Durchfahrt aber viel spannender vorgestellt, so mit großen Klippen an beiden Seiten, an denen sich die Wellen brachen, so dass die Gischt spritzte, und zwischen denen das Schiff gerade so durchpasste, aber so war das nicht. Wir wollten die Säulen des Herakles sehen, weil wir davon schon in den Sagen gelesen hatten, aber es war diesig, daher haben wir nur rechts von uns die Lichter von Gibraltar gesehen, als wir langsam daran vorbeifuhren. Zeppi meinte, er glaube nicht, dass wir wirklich zwischen den Säulen des Herakles durchgefahren seien, aber ich sagte ihm, dass wir das doch waren und er mit dem Jammern, wie enttäuscht er sei, aufhören und lieber nach unten gehen und sich schlafen legen solle. Ich war zwar auch enttäuscht, aber Mutter sagte immer, dass ich ein Vorbild für Zeppi sein sollte.
Ich blieb noch länger an Deck und spürte, wie das Wasser unter dem Kiel immer tiefer wurde, als wir in den Atlantischen Ozean kamen. Ich merkte auch, dass die Wellen höher und länger wurden, obwohl ich sie im Nebel eigentlich gar nicht sehen konnte, aber ich hörte, wie sie gegen den Bug schlugen und in der Dunkelheit am Rumpf entlangglitten. Diese Wellen würden uns dann den ganzen Weg nach Venezuela begleiten, blaugrüne Atlantikwellen. Ich ging zum Heck, weil ich noch einen letzten Blick auf Europa werfen wollte, aber da war es schon verschwunden.
Mutter sagte, dass wir nie wieder zurückkehren und darum nicht sehen würden, wie das Vaterland wieder aufgebaut wurde, falls das überhaupt jemals geschähe. Sie sagte, die Russen und die Amerikaner würden es zwischen sich aufteilen wie eine Torte, sie würden es einfach in der Mitte in zwei Hälften schneiden, und dann könne es nie wieder richtig das alte Deutschland werden, darum sei es besser, jetzt wegzugehen und ein neues Leben anzufangen. Onkel Klaus sei Arzt und ein guter Mann. Er würde uns ein guter Vater sein in einem Land, in dem immer die Sonne scheine, bunte Papageien durch die Luft flögen und es nach Bananen dufte. Ich hatte schon einmal eine Banane gegessen, aber damals war ich viel kleiner als Zeppi jetzt, daher konnte ich mich nicht mehr erinnern, wie sie schmeckte. In Venezuela würde alles ganz anders werden, und ich würde dort zu einem Mann wie mein Vater heranwachsen, der in der Kälte gestorben war.
Mitten auf dem Atlantik gerieten wir in einen Sturm, und Mutter, der es zwischendurch besser gegangen war, wurde wieder seekrank. Zeppi dieses Mal auch. Ich musste die Eimer von beiden ins Klo schütten und das Erbrochene herunterspülen. Einmal musste ich mich auch selber übergeben, was aber vom üblen Geruch kam und nicht vom Schwanken. Als Mutter und Zeppi nichts mehr in sich hatten, was rauskommen konnte, ging ich in die Messe und guckte mir den Sturm von da durch die Fenster an. Giovanni hatte mir verboten, an Deck zu gehen, weil die Wellen mich von Bord spülen könnten, also blieb ich den ganzen Nachmittag lang in der Messe, guckte mir die Wellen an und hörte dem Wind beim Heulen zu.
Den anderen Passagieren ging es sehr schlecht und die Seeleute waren beschäftigt, also hatte ich die ganze Messe für mich. Ich musste die Beine ganz weit spreizen und mich unterm Fenster an der Reling festhalten. Es war ein wunderbares Gefühl, als ich so hin und her geworfen wurde, und ich fühlte mich richtig stark. Als mein Vater von seinem letzten Heimaturlaub wieder in den Krieg zog, sagte er zu mir, dass ich immer stark sein müsse, und jetzt fühlte ich mich zum ersten Mal so. Ich überlegte, ob Vater mich jetzt dabei sehen konnte, wie ich so mit gespreizten Beinen dem Sturm im Atlantik trotzte. Mutter hatte gesagt, dass die Toten im Himmel seien und über uns wachen, und dass wir sie nicht dadurch enttäuschen dürfen, dass wir etwas täten, was sie nicht richtig fänden. Ich fragte mich, ob mein Vater es richtig fand, dass wir zu seinem Bruder nach Venezuela fuhren, und ob ich da dann immer noch stark sein musste, wenn ich einen neuen Vater hatte, der doch für uns alle stark sein konnte.
Onkel Klaus hatte ich vor dem Krieg ein- oder zweimal gesehen, und dann war er nach Vaters Tod zu Besuch gekommen und hatte uns sein Beileid ausgesprochen. Er sah genauso aus, wie ein Doktor aussehen sollte: Groß, aufrechte Haltung, intelligent, und er war auch ziemlich ansehnlich, auf jeden Fall ansehnlicher als sein Bruder, der mehr nach meiner Großmutter kam als nach meinem Großvater, der 1916 beim Heer gewesen war. Mein Onkel, der Arzt, sah wie ein Soldat aus, aber mein Vater, der Soldat gewesen war, hatte eher so ausgesehen wie ein Eisenbahnschaffner, obwohl er das gar nicht gewesen war – sondern Versicherungsvertreter. Aber er war trotzdem sehr tapfer gewesen. Er hatte mir sein Eisernes Kreuz geschenkt, das ihm der Führer höchstpersönlich an die Brust geheftet hatte, weil er so viele Russen umgebracht hatte. Mit seinem Panzer hatte er sie umgebracht, und der Führer hatte ihm dafür das Eiserne Kreuz verliehen und ihn angelächelt. Mein Vater hatte mir erzählt, dass das die größte Ehre war, die einem Deutschen zuteil werden konnte.
Ich hatte den Orden in seinem Lederetui ganz unten im Koffer versteckt, wo Diebe ihn hoffentlich nicht fanden. Vater hatte ihn mir gegeben und mir dabei erzählt, dass ich stark sein musste, um der Familie willen. Einmal hatte ich ihn mir angehängt und mich damit im Spiegel angeguckt. Er war nicht sehr schwer. Ich bekam ein schlechtes Gewissen, dass ich ihn mir angehängt hatte, obwohl ich gar keine Berechtigung dazu hatte, also tat ich ihn schnell wieder zurück ins Etui. Als Vater tot war, sagte Mutter, dass sie den Orden nie mehr sehen wolle. Ich wusste aber, dass Onkel Klaus das Eiserne Kreuz gern sehen würde. Darum wollte ich ihm das Etui geben und zugucken, wie er es öffnete. »Es wurde meinem Vater verliehen«, würde ich zu ihm sagen, »und er hätte es dir bestimmt auch gezeigt.«
Eine lange Welle schwappte über die tiefer liegenden Decks und lief schäumend wieder ins Meer zurück. Sie wusch die Vergangenheit weg, dachte ich, spülte das Alte von Bord, so dass es auf den Meeresboden versank, damit alles wieder neu anfangen und für uns besser werden konnte. Mutter hatte mir schon gesagt, dass es nicht nett sei, Onkel Klaus mit Vater zu vergleichen, weil es einfach keinen Sinn hatte. Mein alter Vater war tot, und mein neuer Vater sei die Person, die meinem alten Vater am nächsten käme, weil sie sein Bruder sei. Das sei der beste Ausweg aus dem Dilemma, dass Zeppi und ich ohne Vater aufwüchsen und Mutter keinen Ehemann habe.
Ich fragte sie: »Liebst du Onkel Klaus?« Sie antwortete, dass sie ihn immer respektiert und dafür bewundert habe, dass er 1933 in die Partei eingetreten sei, um den Führer zu unterstützen auf seinem Weg in eine bessere Zukunft für alle Deutschen. Vater hatte das nicht gemacht, und weil ich ein paarmal mitgekriegt habe, wie sie sich stritten, wusste ich, dass Mutter der Ansicht war, dass er sich selbst und die Familie im Stich gelassen hatte, weil er nicht wie sein Bruder Parteimitglied geworden war. Vater war aber trotzdem nicht beigetreten. Als Vater dann zur Wehrmacht ging, war Mutter aber doch sehr stolz auf ihn, und sie hatte auch ein Foto von ihm auf dem Kaminsims stehen, er auf dem Turm seines Panzers, bis die Seite vom Haus von amerikanischen Bombern zerstört wurde.
Während ich noch in den Sturm starrte, sagte ich mir, dass ich Mutters Rat befolgen würde. Onkel Klaus war so freundlich gewesen, uns ein neues Leben fern von den ausgebombten Städten, dem Hunger und einem Deutschland anzubieten, das wie eine Torte in zwei Teile geschnitten worden war. Alles, was wir kannten, war für immer verschwunden, und so war Onkel Klaus die letzte Verbindung, die wir noch zur Vergangenheit hatten, und er hatte uns eine Hand entgegengestreckt und uns aus einem dunklen Loch gezogen. Er war ein guter Mensch, sagte Mutter, und hätte uns diese Hilfe nicht anbieten müssen, daher sollten wir ihm dankbar sein. Außerdem würde unser Familienname sich nicht ändern, was auch gut war. Ich würde weiter Erich Linden bleiben und nicht irgendwie anders heißen und womöglich einen hässlichen oder albern klingenden Namen bekommen. Eigentlich sei Onkel Klaus die perfekte Lösung für alle Probleme. Ich versuchte noch einmal, mich an den Geschmack von Bananen zu erinnern, schaffte es aber nicht. Den hatte ich auch vergessen, aber ich sollte bald – es dauerte keine Woche mehr – die Möglichkeit haben, sie wieder zu probieren.
Wir rochen Venezuela schon, bevor wir es sehen konnten. Zeppi fragte Giovanni, woher dieser drückende, dumpfe Geruch kam, und Giovanni sagte, das sei Land, aber wir würden es erst am nächsten Tag sehen.
Zeppi sagte zu mir: »Das riecht nicht gut. Es riecht faulig.«
Ich sagte ihm, dass er nur diesen Eindruck habe, weil das Meer ganz anders roch, und dass der Geruch nicht mehr so übel wäre, wenn wir wieder an Land seien. »Ich mag das nicht«, wimmerte er, wie er das manchmal machte, wenn ihm etwas nicht passte, also sagte ich zu ihm: »Hör zu, du kleiner Dummkopf, du kannst es nicht ändern, also gewöhn dich dran, und renn nicht gleich zu Mutter und jammer über den Geruch, sonst dreh ich dir das Ohr um.«
Er wusste, dass ich es ernst meinte, also schob er die Unterlippe vor, weil er mir zeigen wollte, wie wütend er war, dabei sah er dann so aus, als ob er gerade erst sieben wäre und nicht schon zwölf. »Werd erwachsen«, sagte ich zu ihm, und er steckte mir die Zunge raus und duckte sich dann lachend, bevor ich sein Ohr erwischte.
Ein paar Minuten danach kam Mutter rauf aufs Deck und fragte: »Was ist das denn für ein seltsamer Geruch?« Ich erzählte ihr, dass es Venezuela sei, und sie sagte nichts mehr.
Am nächsten Morgen war ich schon beim Morgengrauen an Deck und sah das Land vor uns, das von Wolken bedeckt war. Die Luft war heißer als vorher, und es roch noch viel stärker. Vögel flogen herum, aber das waren keine Papageien, hier noch nicht, sondern bloß Möwen. Mir trommelte das Herz in der Brust. Mein neues Land lag vor mir, es erwartete mich, und irgendwo da hinter der grünen Linie am Horizont wartete auch Klaus auf uns.
In der letzten Nacht hatte ich beschlossen, ihn nicht weiter als meinen Onkel anzusehen, und weil er noch nicht mit Mutter verheiratet war, konnte ich ihn auch nicht Vater nennen, also musste ich einfach Klaus sagen, bis das alles geregelt war. Seit ich ihn in meinen Gedanken nur noch bei seinem Vornamen nannte, hatte ich den Eindruck, ihm näher zu stehen, so als ob er ein Freund wäre, jemand, den ich länger und besser kannte und nicht in vielen Jahren nur ein paarmal gesehen hatte. Nach der Hochzeit sollten wir ihn dann vielleicht Vater nennen – das wäre seltsam und irgendwie auch nicht richtig. Mir wäre es am liebsten, wenn er mir gleich von Anfang an sagte, dass ich ihn Klaus nennen sollte. Damit würde unsere Beziehung von Anfang an in den richtigen Bahnen laufen. Wenn er darauf bestand, dass ich ihn erst Onkel und dann Vater nenne, würde mich das schon ein bisschen enttäuschen.
Dann stand Zeppi wieder neben mir. »Es riecht noch schlimmer«, sagte er und rümpfte die Nase. »Wie ein alter Mülleimer voll Steckrübenschalen.«
»Daran gewöhnst du dich.«
»Mach ich nicht. Das will ich nämlich gar nicht.«
»Dann wirst du unglücklich und bist auch noch selbst daran Schuld.«
»Mir egal.«
»Jetzt sei still, du kleiner Junge.«
Er schlug mich so doll er konnte auf den Arm. »Das sollst du nicht sagen.«
»Dann eben kleines Mädel. Du siehst aus wie ein Mädel, weißt du das?«
Natürlich wusste er das. Zeppi war wohl der hübscheste Junge, den ich je gesehen habe. Manchmal war ich eifersüchtig, weil er so hübsch war. Das hatte er von Mutter, während ich eher nach unserem Vater kam. In der Schule hatten sie Zeppi wegen seiner wohlgeformten Lippen, seinen langen Augenlidern und seinen hübschen Ohrmuscheln gehänselt, bis er rot angelaufen war und fast geheult hatte. Und genau darum hatten sie ihn ja gehänselt, weil sie ihn zum Weinen bringen wollten, so dass er noch mehr wie ein Mädel aussah und irgendwie noch hübscher war. Er war nicht gut in Sport, und in der Schule bin ich ihm immer aus dem Weg gegangen, weil mir seine Anmut und sein rührseliges Gehabe peinlich waren. Trotzdem war er mein Bruder, genau wie Klaus der Bruder meines Vaters war, also musste ich ihn lieben und mich um ihn kümmern, besonders jetzt, wo wir bald ein neues Leben anfingen.
»Sei du lieber still!«, sagte er und wandte sich ab. Er wollte den Streit beenden, bevor er richtig angefangen hatte.
»Guck mal!«, sagte ich und zeigte nach vorne. »Ein Pelikan!«
»Das ist keiner. Das ist ein Kranich.«
Es war eindeutig ein Pelikan, aber ich sagte nichts, und Zeppis Laune besserte sich ein wenig.
»Wann sind wir da?«, fragte er. »Mir reicht’s mit dem blöden Schiff.«
»Giovanni sagt, wir müssen noch einen Fluss hochfahren, bis wir am Ziel sind. Das dauert noch ein paar Tage.«
»Aber Caracas liegt doch am Meer. Das haben wir uns im Atlas angeguckt. Das ist die Hauptstadt.«
»Wir fahren ja nicht nach Caracas, sondern zu einer anderen Stadt, die … Bolivar oder so heißt. Auf dem Fluss können auch so große Schiffe wie dieses zweihundert Kilometer weit ins Landesinnere fahren. Und auf beiden Seiten ist Dschungel.«
»Mit Affen?«
»Und Papageien und Anakondas, die einen totquetschen und dann ganz runterschlucken.«
»Das lass ich sie nicht.«
»Da kannst du gar nichts gegen machen. Sie fallen von Bäumen, wickeln sich um dich rum und drücken immer weiter, bis dir die Gedärme platzen und die Augen aus dem Kopf quellen. Vor einer Anakonda kann man nicht entkommen, außer es ist jemand mit einer Pistole da und erschießt sie, bevor sie dir die Rippen gebrochen hat.«
»Dann besorg ich mir eine Pistole, und du kriegst auch eine, damit wir uns gegenseitig retten können. Und wir müssen immer zusammenbleiben, wenn wir unter Bäumen sind.«
Das war sein Ernst, also lachte ich nicht.
»Welcher Fluss ist das?«, fragte er. »Der Amazonas?«
»Blödmann. Erinnerst du dich nicht mehr an den Atlas? Wie heißt der große Fluss in Venezuela?«
»Amazonas«, wiederholte er.
»Der ist in Brasilien, du Neunmalkluger. Wir fahren den Orinoko hinauf.«
»Orinoko«, sagte er. »Orinoko …« Zeppis Gesicht nahm diesen versonnenen Ausdruck an. Das passierte ihm öfter mal, und er sah dann so aus, als ob er gar nicht mehr ganz da wäre, sondern schon fast schlief. Ich hatte ihn deswegen lange aufgezogen, bis Mutter mir gesagt hatte, dass ich damit aufhören sollte. »Er ist ein bisschen verträumt, weiter nichts«, hatte sie gesagt, »also lass ihn zufrieden. Vielleicht wird er später einmal ein großer Denker.« Das hatte ich ihr natürlich nicht geglaubt. Zeppi doch nicht. Wenn er so hübsch blieb, wurde er vielleicht ein Filmstar wie Rudolph Valentino, aber Zeppi schaffte ohne Hilfe nicht einmal ein einfaches Kreuzworträtsel.
Manchmal fragte ich mich, als was Mutter mich später mal sah. Einmal sagte ich zu ihr, dass ich Panzerkommandant werden wollte, so wie Vater, da erwiderte sie sofort: »Nein. Nie wieder!« Das zeigte, wie schwer sie unter seinem Tod litt, und erklärte, warum sie sein Eisernes Kreuz nie wieder sehen wollte. Das erklärte auch, warum sie von einem »Mann der Heilung« gesprochen hatte, als sie uns erzählte, dass sie den Heiratsantrag von Onkel Klaus annehmen wollte, und das man darauf stolz sein könne. »Ein Heiler, kein Zerstörer.« Sie wollte Vater damit bestimmt nicht beleidigen, es war bloß so, dass es dann, als der Krieg vorbei war und Deutschland in Schutt und Asche lag, keinen Sinn mehr hatte, ein Panzerkommandant zu sein. Wenigstens in ihren Augen nicht.
Ein Mann der Heilung. Mir gefiel diese Bezeichnung. Klaus heilte Menschen und er würde auch Mutter heilen, wenn er sie wieder glücklich machte, so wie sie es gewesen war, bevor der Krieg alles verändert hatte. Dann würde er Vaters Eisernes Kreuz vielleicht doch nicht sehen wollen? Es war schwer vorherzusagen, was Klaus wollte. Ich stellte mir vor, wie er uns in einem weißen Kittel empfing und dabei ein Stethoskop um den Hals trug – kein Eisernes Kreuz, wie es jemand, der Menschen getötet hatte, vielleicht tragen könnte.
»Können Schlangen schwimmen?«, fragte Zeppi.
»Manche schon.«
»Die großen auch? Die Anakondas?«
»Weiß ich nicht.«
»Dann dürfen wir auch nicht ins Wasser gehen«, sagte er und runzelte die Stirn.
Im Mündungsgebiet des Orinoko fuhr die Stromboli durch ein Labyrinth von Kanälen und Nebenarmen. Ich konnte nicht sagen, ob der Dschungel neben uns Festland war oder eine Insel im Flussdelta, und Giovanni wusste es auch nicht. Er sagte nur, dass der Flusslotse den Weg kenne. Der Lotse war ein Mann mit fast ebenso dunkler Haut wie Giovanni, und er trug auch eine ganz ähnliche Matrosenmütze, hatte aber ein größeres Abzeichen da vorne dran, weil ein Flusslotse wichtigere Arbeit machte als ein Matrose.
Wir brauchten einen ganzen Vormittag, bis wir die Kanäle hinter uns hatten und der Fluss viel breiter wurde. Er wurde so breit, dass er gar nicht mehr wie ein Fluss aussah, und der Dschungel am Ufer war wieder nur noch ein grüner Strich, genau wie vom Meer aus, aber jetzt auf beiden Seiten der Stromboli. Nach einer Weile wurde es langweilig, aber Zeppi und ich blieben trotzdem an Deck, weil es unten jetzt zu heiß und stickig war, nicht mehr so wie auf dem Meer. Mutter blieb auch bei uns an Deck und die anderen Passagiere auch. Alle versammelten sich in den Liegestühlen unter einer Plane, die Giovanni mit ein paar anderen Matrosen als Schattenspender aufgespannt hatte. Wir hatten immer noch keine Papageien gesehen, was vielleicht daran lag, dass die nicht gern über Wasser flogen.
Selbst als wir durch die Kanäle und Nebenarme fuhren, waren wir nicht so nah am Dschungel, dass wir etwas Interessantes sehen konnten. Ich hatte gar nicht das Gefühl, dass wir schon in Venezuela angekommen waren, weil wir noch keine Papageien gesehen hatten. Bevor ich nicht einen gesehen hatte, waren wir auch noch nicht richtig da. Es sollte einer von den rot-blauen sein, oder ein gelb-blauer mit einem schwarzen Schnabel, wie ich ihn mal auf Bildern in einem Buch gesehen hatte. Ich wusste jetzt schon, dass ich einen als Haustier haben wollte. Wir hatten früher erst zwei Katzen, später dann einen Hund gehabt, aber die waren alle im Krieg gestorben. Sie wurden aber nicht von Bomben getötet. Mutter sagte, jemand habe sie gegessen, worauf Zeppi in Tränen ausgebrochen war. Ich wollte keine Katze und keinen Hund mehr. Ein Papagei wäre ein tolles Haustier. Ich würde ihm beibringen, wie ein Piratenvogel bei mir auf der Schulter zu sitzen und kluge Sachen zu sagen.
Als es dunkel wurde, waren wir immer noch auf dem Fluss und sahen auch Lichter an der Küste, das waren aber nicht viele, und sie waren auch sehr weit weg. Die Matrosen und ein paar von den Passagieren schliefen an Deck. Giovanni erzählte uns, wir hätten Glück, dass der Fluss so breit war, weil einen in Ufernähe die Moskitos förmlich auffressen würden. Ich starrte die ganze Nacht lang in die Sterne und konnte nicht einschlafen, weil das Deck so hart war, aber das störte mich nicht. Die Schiffsmotoren kamen mir lauter vor als auf dem Meer, aber vielleicht lag das einfach daran, dass ich wach lag und dem, was um mich herum war – den Sternen, dem Dschungelgeruch und dem Motorengeräusch -, nicht entfliehen konnte. All diese Eindrücke waren jetzt viel wirklicher als vorher, und neben diesen Geräuschen und dem Geruch der Nacht ging mir noch etwas anderes im Kopf herum und hielt mich wach – morgen würden wir Klaus nach drei Jahren zum ersten Mal wiedersehen.
Sah er noch genauso aus wie damals? Rauchte er seine Zigaretten immer noch durch diese lange, gelbe Zigarettenspitze aus echtem Elfenbein? Vater hatte es affektiert gefunden, aber Mutter hatte gemeint, die lange Zigarettenspitze sei kultiviert, ganz anders als die Pfeife, die Vater geraucht hatte. Klaus wirke mit seiner Zigarettenspitze weltmännisch und dynamisch, hatte sie gesagt, und Vater sehe mit seiner Pfeife wie ein alter Mann aus. Danach hatten die beiden zwei Tage lang nicht mehr miteinander gesprochen.
Die Hafenstadt, in der wir anlegten, hieß Ciudad Bolivar, und sie war voller dunkelhäutiger Menschen, Latinos und Indios, und wir verstanden kein Wort von dem, was sie schrien, als die Hafenarbeiter aufs Schiff strömten, um die Frachträume zu entladen. Giovanni half beim Öffnen der Luken, und dabei kam aus jedem Frachtraum eine Wolke heißer Luft. Das war das letzte Mal, dass ich Giovanni sah, obwohl ich mir ganz fest vorgenommen hatte, mich von ihm zu verabschieden. Mutter hatte schon Stunden vor dem Anlegen alles zusammengepackt und sich fertig gemacht, dann trug ein Matrose unsere Sachen die Gangway hinunter und stellte sie auf den Kai, und wir beeilten uns hinterherzukommen.
Da sah ich dann meinen ersten Papagei. Er saß auf einem Poller, hatte den Kopf auf die Seite gelegt und guckte mich direkt an. Er hatte ein rot-blaues Gefieder und gestutzte Flügel, so dass er nicht wegfliegen konnte, was bedeutete, dass er jemandem gehörte. Ich beschloss, dass ich meinem Papageien nicht die Flügel stutzen würde, wenn ich einen hatte, weil sie so nämlich kurz, plump und hässlich aussahen. Mein Papagei würde mich so lieb haben, dass er gar nicht wegfliegen wollte. Als ich näher heranging, sah ich auch, dass der Papagei sich ganz viele Federn aus der Brust gerissen hatte und seine Haut durchschimmerte. Die war ganz blass und runzlig wie bei einem rohen Huhn. Eigentlich hatte ich den Papagei streicheln wollen, dann aber nicht mehr.
»Erich, lauf uns nicht weg!«
Mutter sah besorgt aus, hielt Zeppis Hand fest umklammert und schaute sich in alle Richtungen suchend um, aber Klaus war nirgends zu sehen. Unter meinem Hemd lief mir der Schweiß den Körper hinunter, und meine Füße kochten auch in den Socken. Auch mein Gesicht und mein Hals waren nass vor Schweiß. Am liebsten hätte ich mich vom Kai ins Wasser gestürzt, um der schrecklichen Hitze zu entkommen, aber als ich runterguckte, war das Wasser da unten ganz schmutzig und braun, und es schwamm viel Abfall darin herum.
»Erich, komm her, lass uns zusammenbleiben.«
Ich ging zu ihr, und wir warteten. Zeppi saß auf dem größten Koffer und blickte unglücklich drein. Seine Haare klebten an der schweißnassen Stirn. Ein paar von den anderen Passagieren unterhielten sich mit Mutter, verabschiedeten sich und wünschten uns viel Glück. Das wünschten sie auch Zeppi und mir, wir verabschiedeten uns auch von ihnen, und dann gingen sie den Kai hinunter und Hafenarbeiter schoben ihnen auf Karren ihr Gepäck hinterher. Dann waren wir drei allein, und es wurde viel ruhiger am Kai. Ein Matrose rief zu uns herunter, dass wir zum Zollhaus gehen sollten, weil da Schatten war. Er rief einem anderen Mann zu, dass er herkommen, unsere Koffer auf einen Karren packen und den anderen Passagieren folgen sollte, was der dann auch machte, und bald darauf waren wir in einem großen Backsteingebäude mit einem langen Tresen, an dem die Koffer von ein paar Mitreisenden untersucht wurden.
Wir waren aber die letzten. In unsere Koffer guckte keiner, und ein Mann in einer schmutzigen Uniform stempelte Mutters Papiere ganz langsam und sorgfältig, dabei hauchte er jedes Mal auf den Stempel, bevor er ihn aufs Papier drückte. Von Klaus war immer noch nichts zu sehen, und Mutter sah ziemlich besorgt aus.
Eine Stunde verging. Zeppi beschwerte sich über die Hitze und dass er Hunger hatte, bis ich ihm sagte, dass er ruhig sein sollte. Ich wurde selbst langsam sauer – Klaus hätte längst hier sein und uns erwarten müssen. Das war kein guter Anfang. Mutter musste wohl die Tränen unterdrücken, genau wie Zeppi.
Ein Limonadenverkäufer kam ins Zollhaus, und wir wollten ihm drei kleine Flaschen abkaufen. Er guckte unser Geld an, machte klar, dass er das nicht haben wollte und deutete auf den Geldwechsler hinten in der Ecke. Die Zollbeamten hatten uns nicht gesagt, dass wir unsere Deutsche Mark in die Währung umtauschen mussten, die die Leute hier in Venezuela benutzten.
Nach dem Bezahlen der Limonade hatte Mutter nicht mehr viel vom neuen Geld übrig, darum denke ich, dass er mehr dafür genommen hatte, als ihm eigentlich zustand. Danach mochte ich ihn nicht mehr. Er war ein Latino in schmutzigen Sachen, die lange nicht mehr gewaschen worden waren, und mit einem alten Strohhut mit einem Loch oben drin. Er wollte uns noch mehr Limonade verkaufen und wurde laut und wütend, als Mutter nein sagte. Er beschimpfte sie auf Spanisch, worauf ich ihn schlagen oder unter seinen zu kurzen Hosen gegens Schienbein treten wollte. Er trug keine richtigen Schuhe sondern Sandalen. Jemand, der so herumlief, durfte nicht unverschämt zu meiner Mutter sein.
Das wäre alles nicht passiert, wenn Klaus hier gewesen wäre. Meine Achtung vor ihm sank und meine Achtung vor Venezuela auch. Niemand sagte dem Limonadenverkäufer, dass er verschwinden und aufhören sollte, Mutter zu belästigen. Die Männer in Uniform standen nur da und guckten, was passierte, und wahrscheinlich machte es ihnen sogar noch Spaß, weil sie sonst nichts zu tun hatten.
Inzwischen war es Mittag und extrem heiß. Das Zollhaus hatte an der Seite ein großes Fenster, und dadurch konnte ich ein paar große schwarze Vögel beobachten, die auf dem Dach des gegenüberliegenden Gebäudes herumhüpften. Dann kam noch einer dazu, und seine Flügel flatterten wie ein kaputter Regenschirm. Er landete ungeschickt und setzte sich zu den anderen aufs Dach, hüpfte noch ein paarmal hin und her und drehte den hässlichen Kopf nach rechts und links. Wenn ich ein Gewehr gehabt hätte, hätte ich den Vogel erschossen und die anderen gleich dazu. Der Limonadenverkäufer war eine halbe Minute oder so still gewesen, dann sagte er zu Mutter, dass sie mehr Limonade kaufen sollte, aber jetzt war er dabei wieder ganz freundlich und versuchte, ihr das restliche Geld mit einem Lächeln abzunehmen. Es kam aber immer noch niemand und schickte ihn weg, also ging ich rüber und gab ihm einen Stoß.
Damit hatte er nicht gerechnet und fiel gegen seinen klapprigen Karren, wo die Flaschen aneinanderklirrten. Dann fing er an, mich zu beschimpfen, und er schimpfte auch mit den Zollbeamten, dass sie etwas tun sollten, aber die guckten sich die Vorstellung einfach nur weiter an und rauchten oder stocherten zwischen ihren Zähnen herum, wobei sie ihre Mützen ganz weit nach hinten geschoben hatten. Da wurde der Limonadenverkäufer noch wütender, drehte sich wieder zu mir um, hob die Faust und schüttelte sie, also hob ich auch die Fäuste, wie ein Filmheld, obwohl ich gar nicht wusste, wie man richtig kämpft.
»Nein, Erich … Hör auf. Ich will hier keinen Ärger bekommen.«
»Er geht sonst nicht weg, Mutter. Er ist furchtbar, und die anderen Männer helfen dir nicht.«
»Beachte ihn einfach nicht, dann geht er von ganz allein.«
»Tut er nicht.«
»Doch, das tut er. Guck ihn gar nicht an, dann lässt er uns schon zufrieden.«
Ich ließ die Fäuste dann wieder sinken, weil ich mir ein bisschen albern vorkam und der Limonadenverkäufer trotzdem wütend weiterschimpfte. Ich wusste nicht, was ich als nächstes machen sollte. Dann sah ich Klaus. Er hatte das Zollgebäude schon zur Hälfte durchquert und kam mit schnellen Schritten seiner langen Beine auf uns zu. Eigentlich hatte ich nur die Zigarettenspitze erkannt. Ansonsten sah alles an ihm neu und anders aus. Er trug einen weiten, hellen Anzug, der kühl und bequem aussah, und dazu einen Strohhut mit breiter Krempe in dem gleichen Gelb wie seine Zigarettenspitze. Er ging so schnell, dass der Rauch ihm direkt in die Augen wehte, trotzdem blinzelte er nicht.
Der Zigarettenhalter wippte auf und ab, so dass Asche staubte, als er den Limonadenverkäufer auf Spanisch anblaffte. Der zuckte beim Klang der Stimme zusammen und drehte sich um. Klaus schimpfte noch etwas weiter, bis sich der Limonadenverkäufer wie ein Hund mit eingeklemmtem Schwanz verzog und seinen jämmerlichen Flaschenkarren zur Tür schob.
»Klaus …«, sagte Mutter und starrte ihn an. Jetzt war sie den Tränen noch näher als vorher, dieses Mal aber vor Erleichterung, weil er endlich gekommen war.
»Tut mir furchtbar leid, Helga«, sagte er. »Es gab Schwierigkeiten im Büro. Ich musste noch ein paar Papiere unterschreiben, aber die Idioten wollten gerade ihre Siesta machen. Geht’s euch gut? Wie war die Fahrt? Ich hoffe mal, dass ihr unterwegs keine schwere See hattet. Na, Jungs, ihr seid aber groß geworden, seit ich euch das letzte Mal gesehen habe.«
»Oh, Klaus …«, sagte Mutter weinerlich, »wir haben uns schon Sorgen gemacht …«
»Das ist einzig und allein meine Schuld. Ich hätte mir auch denken können, dass sie die Papiere nicht rechtzeitig fertig haben, besonders heute nicht. Sie bestehen darauf, dass alles in dreifacher Ausfertigung abgeliefert wird, auch wenn sie es hinterher gleich wieder verlieren. Aber das ist jetzt nicht euer Problem. Ihr müsst hungrig sein. Ich hab im Hotel eine kleine Zwischenmahlzeit vorbereiten lassen, damit ihr nicht bis zum Abendessen warten müsst. Es ist alles fertig. Lasst die Sachen ruhig erst mal hier stehen.«
»Wir sollen sie hier stehen lassen?« Mutter sah die Koffer zweifelnd an.
»Kein Problem, die sind hier sicher. Augenblick noch.«
Er ging zu den Zollbeamten und sagte etwas zu ihnen. Dann kam er zurück.
»Das wäre geklärt. Sie passen auf die Sachen auf. Kommt mit.«
Er bot Mutter seinen Arm an, und nach kurzem Zögern nahm sie ihn.
»Wir müssen euch Hüte besorgen«, sagte Klaus. »Ohne Hut kann man hier nicht in der Sonne rumlaufen, sonst wird man krank.«
Wir traten aus dem Zollhaus in die helle Nachmittagssonne und -hitze. Zeppi und ich hatten bisher noch kein Wort gesagt. Ich deutete auf die Vögel auf dem Dach gegenüber. »Was sind das für Vögel?«
Klaus sah sie an. »Geier. Hässliche Biester, oder? Aber man gewöhnt sich an sie. War auf der Überfahrt jemand seekrank?«
»Ich nicht«, sagte ich. »Die anderen schon.«
»Gehen wir auf die andere Seite in den Schatten«, sagte er und führte uns über die Straße. Die Straße war leer und die Rollläden der Geschäfte waren geschlossen. »Siesta«, sagte Klaus. »Davon habt ihr bestimmt schon gehört. Wegen der Hitze ist hier alles bis zum späten Nachmittag geschlossen. Das lässt sich hier wohl nicht vermeiden.«
»Wo gehen wir hin?«, fragte Zeppi.
»Zum Hotel. Einen Happen essen. Ich hab uns allen Zimmer reservieren lassen. Mein Gott, Zeppi, du bist aber wirklich gewachsen. Nennt man dich immer noch Zeppi oder heißt du jetzt Friedrich?«
»Mir egal«, sagte Zeppi. Es war ihm peinlich, dass man sich nach seinem Babynamen erkundigte, ich wusste aber, dass er es nicht ausstehen konnte, wenn man ihn Friedrich nannte.
»Weißt du, dass ich dir damals diesen Spitznamen gegeben habe? Ich war direkt nach deiner Geburt zu euch gekommen, weil ich meinen neuen Neffen sehen wollte, und da haben deine Eltern zu mir gesagt: ›Klaus, das ist der kleine Friedrich.‹ Und ich habe geantwortet: ›Wieso klein, der sieht doch aus wie ein Ballon – oder nein, wie ein Zeppelin.‹ Und seitdem nennen dich alle Zeppi. Hast du das gewusst?«
»Ja«, sagte Zeppi, obwohl er es in Wirklichkeit vergessen hatte.
»Erich, du hast deinen kleinen Bruder damals auf den Armen herumgetragen wie eine riesige Wassermelone und so getan, als ob er ein Zeppelin wäre, der zwischen den Wolken hindurchfliegt. So bist du dann zwischen den Möbeln herumgelaufen, hast dabei ein sehr interessantes Summen ausgestoßen und so alle zum Lachen gebracht. Du warst selbst noch ganz klein. Deine Mutter hat immer gesagt, dass du deinen kleinen Bruder nicht fallen lassen sollst.«
»Daran kann ich mich nicht mehr erinnern.«
»Da haben wir alle wohl noch viel nachzuholen«, sagte Klaus. »Die ganzen alten Familiengeschichten.«
Er sah Mutter an, die zu ihm aufblickte, als sie seinen Blick spürte, dann aber sofort wieder wegschaute und rot wurde – das dachte ich wenigstens, aber vielleicht lag es auch nur an der Hitze.
»Seht ihr den Mann auf dem Pferd da?«, fragte Klaus und deutete nach vorne. Wir kamen auf einen Platz, der hier Plaza hieß, mit einer Statue in der Mitte von einem Edelmann mit einem Schwert in der Hand. Er saß auf einem Pferd, das sehr kräftige Muskeln und eine dichte Mähne hatte, die vom nicht vorhandenen Wind zur Seite wehte. »Das ist Simon Bolivar«, fuhr Klaus fort. »Er hat Venezuela vor über hundert Jahren vom Joch der Spanier befreit. Man findet hier überall Statuen und Bilder von ihm.«
»Wie vom Führer?«, fragte Zeppi.
»Ein bisschen«, sagte Klaus, »obwohl das eigentlich kein Vergleich ist. Der Plan des Führers war natürlich viel größer. Trotzdem bewundern hier alle Bolivar, also ist es ein Gebot der Höflichkeit, sich auch dementsprechend zu verhalten. Mit der Zeit werdet ihr noch viele andere Eigenheiten kennenlernen.«
»Ich hab schon wieder Durst.«
»Das Hotel ist gleich um die Ecke.«
Ich stand hinter eine Reihe Palmen mit dicken Stämmen, die unten mit etwas bedeckt waren, das wie Fischschuppen aussah. Ganz oben unter den Wedeln hingen orangefarbene Beeren in dicken Trauben. Ich glaube, das waren Dattelpalmen, weil Kokospalmen größer und dünner sind. Auf dem Schild vor dem Gebäude stand HOTEL CONCORDIA. Wir gingen die Stufen hinauf in eine große Lobby mit einem langen, dunklen Holztresen. An der Decke hingen große Ventilatoren, die sich langsam drehten. Ich spürte keinen Wind von ihnen, aber wenigstens war es drinnen kühler. Hinter dem Tresen war niemand zu sehen. Klaus führte uns eine Wendeltreppe hinauf und erzählte dabei, dass dies das beste Hotel in Ciudad Bolivar sei und wir zwei Tage hierbleiben und einen Flussdampfer nehmen würden.
»Wohin fahren wir?«, fragte ich.
»Weiter ins Landesinnere. Ich arbeite für Zamex, die zweitgrößte Ölgesellschaft in Venezuela. Die Zentrale ist in Caracas. Ich hab euch erst geschrieben, als ich meine Stelle da hatte. Ein verheirateter Mann braucht eine geregelte Arbeit.«
Ich sah Mutter an, um zu sehen, wie sie auf die erste Erwähnung der Hochzeit reagierte, aber ihre Miene verriet nichts. Klaus fuhr fort. »Sie haben mir eine gute Stelle in einem Ölfeld angeboten, die sie im Landesinneren gerade einrichten. Da gibt es auch noch einen Zuschlag, weil die Arbeitsbedingungen etwas schwieriger sind. So ist das hier. Je weiter man sich von der Küste entfernt, desto schwieriger wird es.«
»Gibt’s da auch Schlangen?«, fragte Zeppi.
»Selbstverständlich. Und auch Krokodile. Die heißen hier aber Kaimane.«
»Die großen Schlangen, die einen zerquetschen?«
»Möglich. Aber wenn du ein bisschen aufpasst, wirst du kein Mittagessen für eine Schlange, Zeppi. Jetzt brauchst du dir jedenfalls noch keine Sorgen zu machen. Hier gibt’s keine Schlangen, vor denen du Angst haben musst. So, ich glaube, dieses Zimmer ist angenehmer als die Kajüten auf dem Schiff.«
Wir traten in ein ziemlich großes Zimmer mit einem Deckenventilator. Als Klaus einen Schalter an der Wand umdrehte, fingen die langen Blätter an zu rotieren. Die Decke war sehr hoch. Vor den großen Fenstern waren Fensterläden, die jetzt wegen der Hitze geschlossen waren, so dass es im Zimmer ziemlich dunkel war, aber gleichzeitig auch kühl. Es gab zwei Betten mit leuchtend gelben und orangen Tagesdecken.
»Die Zimmer sind miteinander verbunden«, sagte Klaus. »Ich hoffe, es stört euch nicht, dass ihr drei euch dieses Zimmer für eine Nacht teilen müsst. Mein Zimmer ist da hinter der Tür. Morgen habt ihr Jungs dann das Zimmer für euch alleine. Helga, ich habe alles vorbereitet. Die Zeremonie findet morgen früh statt, bevor es allzu heiß ist. In einer kleinen Kirche, die man von hier gut zu Fuß erreichen kann. Es wird nur eine bescheidene Feier. Ich hoffe, du hast nichts Großes erwartet. Dafür fehlt es an Geld. Du heiratest keinen sehr wohlhabenden Mann, fürchte ich.«
»Das wird alles zufriedenstellend sein, Klaus. Bitte mach dir keine Sorgen. Die Jungs und ich sind schon dankbar, dass wir hier sein dürfen, stimmt’s, Jungs?«
Ich sagte ja. Zeppi nickte. Mutter lächelte nervös. Ich versuchte mir vorzustellen, wie sie sich fühlte, so neben ihrem Schwager, den sie morgen heiraten sollte. Klaus wirkte auch ein bisschen nervös und lächelte auf eine Art, die gar nicht richtig in sein Gesicht passte. Einen Moment lang sagte keiner etwas, und als die Stille zu lang wurde, fragte ich: »Was ist denn mit der Zwischenmahlzeit?«
»Erich«, schimpfte Mutter. »Sei nicht so unhöflich.«
»Nein, nein«, sagte Klaus. »Erich hat ja vollkommen recht. Ihr müsst hungrig sein. Ich bin’s jedenfalls. Nebenan steht alles bereit. Geht einfach rüber, die Tür ist offen.«
Klaus’ Zimmer sah fast genauso aus wie unseres. Der Deckenventilator lief schon und die Fensterläden waren geschlossen. Mitten im Zimmer stand ein kleiner Tisch, der da nicht richtig hinpasste, und darauf stand ein Teller mit Butterbroten unter einer Art Käfig aus Draht und Stoff, damit die Fliegen da nicht rankonnten. Daneben stand eine Schale mit Eis, aus der Limonadeflaschen rausguckten. Zeppi ging sofort zum Tisch und nahm den Käfig hoch.
»Zeppi! Warte bis dir etwas angeboten wird«, sagte Mutter. Ihre Stimme überschlug sich fast, als sie das sagte, also war sie immer noch nervös.
»Das ist doch nicht nötig«, sagte Klaus. »Nicht so förmlich. Esst, bitte. Erich, kannst du bitte noch einen Stuhl mitbringen?«
Wir setzten uns und aßen. Die Butterbrote waren sehr gut, mit Fleisch und Salat und am Tellerrand lagen auch noch kleine Obststückchen. Die Limonade war die gleiche Sorte wie die, die der Mann im Zollhaus uns verkauft hatte, aber die Flaschen waren größer. Mutter aß langsam und musste sich wohl sehr bemühen, Zeppi und mir nicht dauernd zu sagen, dass wir uns anständig benehmen und nicht wie die Schweine essen sollten. Klaus aß nur ganz wenig. Er merkte wohl, dass er nicht genug bestellt hatte, und als er sah, wie Zeppi und ich reinhauten, ließ er das Meiste für uns. Ich fand das sehr rücksichtsvoll und hatte ihm auch schon fast verziehen, dass er zu spät zum Kai gekommen war.
Ich fragte: »Warum arbeitest du auf einem Ölfeld, obwohl du Arzt bist?«
»Erich!«, mahnte Mutter.
»Das ist eine gute Frage«, sagte Klaus. »Ich werde da auch nicht nach Öl bohren, sondern als Arzt arbeiten. Schließlich passieren überall Unfälle, wo Menschen und Maschinen zusammenkommen.«
»Aber du bist doch Chirurg«, sagte ich. Mutter hatte den Nachbarn immer von ihrem Schwager dem Chirurgen erzählt. Das klang wie etwas Besseres als ein normaler Arzt, der Wunden verband oder Babys auf die Welt brachte.
»Und meine chirurgischen Fähigkeiten werden mir dabei sehr gelegen kommen, da bin ich mir sicher.«
»Aber arbeiten Chirurgen sonst nicht in großen Krankenhäusern?«
»Ja, im Allgemeinen schon, aber ich hatte das Gefühl, dass ich mal etwas Neues ausprobieren sollte, etwas weniger Mondänes, wenn du so willst. In Berlin gab es viele Chirurgen, die sich mehr um ihr Bankkonto gekümmert haben als um ihre Patienten. Das liegt wohl unglücklicherweise in der Natur des Menschen. Ich möchte aber zur Besserung der Menschen beitragen. Wenn man in ein neues Land kommt, sehnt man sich auch ein bisschen danach, ein ganz neues Leben anzufangen. Vielleicht ergeht es euch auch bald so. Habe ich deine Frage damit beantwortet, Erich?«
»Ja«, sagte ich.
Er fuhr fort. »Ihr Jungs habt großes Glück, dass ihr so jung und hier seid. Deutschland ist ausgelaugt.«
Mutter sagte: »Manche Sachen sollte man lieber vergessen …«
»Nein, Helga. Erich ist sehr scharfsinnig, ganz anders als ich früher in seinem Alter, und Zeppi wird wahrscheinlich auch einmal so. Sämtliche Fragen, auf die man wirklich eine Antwort braucht, muss man auch stellen.« Er wurde sehr ernst. »Drüben in Deutschland wird es nie wieder so, wie es gewesen ist. Die Kommunisten werden die Macht übernehmen, soviel steht fest. Die Amerikaner und die Engländer sind einfach zu weich, um sie zurückzudrängen, und aufgrund dieser politischen Schwäche wird sich der Russe in Deutschland breitmachen. Ich will nicht, dass irgendein Teil Europas von Osten überrannt wird. Viele dieser Russen, dieser Slawen, wisst ihr, die sind nichts Anderes als die Mongolenhorden der Vergangenheit. Da ist es besser, wenn man weit weg ist. Die Kultur, die in Mitteleuropa ihre Blütezeit erlebt hat, wird einfach zermalmt werden. Aber hier hat man die Freiheit, etwas Neues anzufangen. Ihr Jungs werdet bald merken, dass ich recht habe.«
Er lächelte. »Und damit ist der Vortrag auch schon beendet. Sind denn alle satt geworden?«
»Ich ja«, sagte Zeppi.
»Prima. Dann schlage ich jetzt vor, dass ihr dem Beispiel der Einheimischen folgt und euch ein bisschen hinlegt. Ihr Jungs könnt jeder ein eigenes Bett haben, wenn Helga bei mir im Zimmer bleiben will. Ich muss noch mal los«, fügte er hinzu, »da habe ich keine Zeit für eine Siesta.«
»Wann kommst du wieder zurück?«, fragte Mutter.
»Am frühen Abend. Ruht euch einfach ein bisschen aus.« Er stand auf.
Mutter stand auch auf. Sie sah ein bisschen aus, als ob ihr der Schrecken in alle Glieder gefahren wäre. »Unser Schicksal«, sagte sie, »liegt vollkommen in deiner Hand, Klaus.«
»Und ich versichere dir, dass das ein sicherer Platz ist«, sagte er lächelnd. Wenn er lächelte, sah er sogar noch besser aus. Manche Menschen haben Gesichter, denen man automatisch vertraut, und Klaus gehörte dazu. Seine Haare waren etwas länger, als sie in Deutschland gewesen waren, und damit sah er aus wie ein Held aus einer alten Sage, wie jemand, der von außerhalb der Grenzen der Zivilisation kam. Er war drei Jahre jünger als Vater, also sechsunddreißig, wirkte aber jünger mit seinen wirren, blonden Haaren, dem von der tropischen Sonne braungebrannten Gesicht und den strahlendweißen Zähnen. Dazu hatte er auch noch blaue Augen, genau in der Farbe, die die Mädel bei einem Mann so mochten. Klaus war nie verheiratet gewesen und er hatte wohl auch noch gar nicht darüber nachgedacht, aber jetzt war für ihn wohl der richtige Zeitpunkt gekommen, das zu tun, was die meisten Männer machten, vor allem wenn er dabei noch die überlebenden Verwandten aus dem kommunistischen und mongolischen Europa retten konnte.
Er nahm seinen Hut und ging. Ohne ihn wirkte das Zimmer sehr leer. Am Abend ging Klaus mit uns in ein Restaurant essen, in dem es deutsche Küche gab. Offenbar kannte er da mehrere Leute, auch den Besitzer, einen dicken Bayern, der zu uns an den Tisch kam und uns in Venezuela willkommen hieß. Er gab Mutter und Klaus je ein kleines Glas mit einem besonderen Schnaps, dann fragte Klaus, ob er uns Jungs auch etwas geben sollte, wegen der besonderen Umstände, und dann ließ der Restaurantbesitzer zwei winzige Gläser und eine Flasche Kirschwasser bringen. Der Schnaps schmeckte nach Kirschen und gleichzeitig süß und bitter. Mir schmeckte das, Zeppi aber nicht, und alle lachten über die Grimasse, die er zog.
Er wurde aber nicht böse, wie er es sonst vielleicht geworden wäre, weil er ja so empfindlich war, und hinterher haben alle beim Essen viel mehr gelacht als sonst. Es gab auch eine Tanzfläche und eine Kapelle, und Klaus überredete Mutter aufzustehen und mit ihm zu tanzen. Es sah sehr hübsch aus, wie sich die beiden langsam immer umeinanderdrehten. Mutter schien jetzt viel entspannter zu sein, wo Klaus das Reden übernahm und Zeppi und mich mit seinen Witzen zum Lachen brachte, wobei die eigentlich gar nicht besonders komisch waren, aber irgendwie lachte man gerne, wenn man in Klaus’ Nähe war.
Als wir zum Hotel zurückgingen, war es sehr voll und laut auf den Straßen, ganz anders als nachmittags, und wir streichelten einen Affen, den ein Mann auf der Schulter hatte. Der Affe hatte eine winzige Weste an und einen Hut auf dem Kopf und war sehr freundlich. Er sprang Zeppi sogar auf den Kopf, kreischte mit seiner komischen, schrillen Affenstimme und zog Zeppi dabei an den Ohren. Zeppi mochte das nicht, also nahm der Mann ihn wieder herunter und der Affe beruhigte sich. Klaus sagte, der Mann habe gesagt, dass der Affe Zeppi sehr gerne mochte.
Das Gepäck war aus dem Zollhaus in unser Hotel gebracht worden. Wir mussten in Klaus’ Zimmer warten, bis Mutter sich ausgezogen hatte, dann ließ Klaus uns alleine und ging nach unten in die Hotelbar, als wir unsere Pyjamas anzogen. Wir gingen ins andere Zimmer, wo Mutter schon im Bett lag, aber noch nicht schlief.
Sie fragte uns: »Mögt ihr Onkel Klaus?« Wir sagten beide, das wir das taten, und sie fragte: »Mögt ihr ihn so gern, dass ihr euch vorstellen könnt, mit ihm so lange zusammenzuleben, bis ihr alt genug seid, das Haus zu verlassen und eine eigene Familie zu gründen?« Wir sagten wieder Ja, und ich merkte, dass sie sehr erleichtert war.
»Was ist mit dir, Mutter«, fragte ich, »geht es dir auch so?«
Sie dachte darüber nach, richtig lange und intensiv, dann sagte sie: »Dein Vater war ein guter Mann, und Klaus versucht gar nicht erst, ihn zu ersetzen, versteht ihr das? Das Leben ist manchmal hart, und die Dinge laufen nicht so, wie man sich das vorgestellt hat, und wenn das passiert, muss man anders handeln, als man es eigentlich geplant hatte. Aber das muss nicht unbedingt schlecht sein. Ja, ich denke schon, dass wir vier zusammen glücklich werden können.«
»Ich glaub das auch«, verkündete Zeppi, und Mutter umarmte uns beide, dann gingen wir ins Bett. Mutter schlief fast sofort ein. Ich musste warten, bis Zeppi eingeschlafen war, damit ich ihn auf seine Bettseite rüberschieben konnte. Wenn man ihn ließ, wickelte er sich beim Schlafen um einen herum. Dann lehnte ich mich zurück und lauschte der Musik, die von der Straße durchs Fenster hereindrang, sehr schöne Musik, die glücklich und sorglos klang. An diesem Tag war so viel passiert, dass ich nicht einschlafen konnte. Ich fragte mich, wie mein Leben wohl verlaufen würde. Vielleicht wurde ich auch Arzt wie Klaus, obwohl ich eigentlich kein Blut sehen konnte. Dann könnte Klaus mir viel beibringen. Arzt zu sein wäre gut. Vor Ärzten haben alle Respekt.
Viel später hörte ich, wie Klaus wieder in sein Zimmer zurückkam. In der Dunkelheit stieß er gegen irgendetwas. Dann sah ich einen Lichtstreifen unter der Verbindungstür. Er summte eine Melodie, die ich aber nicht erkannte. Als das Licht unter der Tür ausging, schlief ich ein.
ZWEI
Die Kirche war ganz in der Nähe, genau wie Klaus das gesagt hatte. Mutter ließ uns unsere besten Sachen anziehen, obwohl die bei der Hitze viel zu dick waren, aber sie bestand darauf, so sehr Zeppi auch jammerte. Klaus sagte, wir könnten nach der Zeremonie Sachen einkaufen gehen, die nicht so warm waren, aber zur Kirche mussten wir noch so gehen, weshalb der Schweiß uns den Körper runterlief, die Socken in den Schuhen quitsch, quitsch machten und die Hemdkragen und Schlipse uns den halben Hals wegscheuerten.
Es war schrecklich, und als der Pfarrer in der Kirche seine endlose Litanei herunterleierte, dachte ich nur noch an Eiscreme und kalte Bergbäche. Seine Stimme hallte in der leeren Kirche, so dass man die Worte kaum unterscheiden konnte. Außerdem sprach er Spanisch. Ich verstand kein Wort, aber mit ein bisschen Hilfe und Ermutigung von Klaus gab Mutter auf alles die richtigen Antworten.
Es war keiner in der Kirche und wurde Zeuge ihrer Hochzeit, außer Zeppi und mir und Gott natürlich, der alles von oben sah, was sie einem zumindest glauben machen wollen. Ich habe diese ganze Sache mit Gott aber sowieso nie geglaubt, selbst damals nicht, als Mutter ab und zu mit uns in die Kirche ging. Ich glaube auch nicht, dass sie das damals wirklich geglaubt hat, manchmal tat sie aber so, weil man ja glauben sollte, so wie alle das machten. Wäre doch komisch, wenn überhaupt niemand an Gott glauben würde, sondern alle nur so taten, weil sie dachten, dass die anderen alle an ihn glaubten.
Als sie sich gegenseitig die Ringe an die Finger gesteckt hatten, und der Pfarrer etwas später auch mit seinem Geleier fertig war, gingen wir wieder nach draußen. In der Kirche war es wenigstens kühl gewesen.
»Und nun?«, fragte Klaus, »was machen wir mit dem angebrochenen Vormittag?«
»Mir ist warm«, sagte Zeppi, und seine Stimme klang schon wieder weinerlich.
»Ach ja, die neuen Sachen, die ich euch versprochen habe. Ihr seht ja schon fast wie ein paar Spanferkel aus. Helga, die beiden dürfen jetzt doch die Schlipse ablegen und die Jacken ausziehen, oder?«
Eine Stunde später ging es Zeppi und mir besser in unseren neuen kurzen Hosen und kurzärmligen Hemden, die ganz weiß und aus dünnem Stoff gemacht waren. Auf den Köpfen hatten wir Strohhüte mit breiten Krempen und an den Füßen Sandalen. Unsere Arme und Beine waren sehr hell, fast so weiß wie unsere neuen Sachen. Klaus sagte, dass wir jetzt aussehen wie zwei frisch geschälte Bananen, und Mutter lachte.
Dann gingen wir in ein anderes Geschäft, und Klaus kaufte auch Mutter neue Kleidung. Unsere alten, dicken Sachen mussten wir in Papiertüten zum Hotel zurücktragen, und dann war es schon fast Zeit für die Siesta. Wir aßen in einem kleinen Café beim Hotel und tranken dazu viel Limonade, dann gingen wir wieder auf unsere Zimmer, bloß dass Mutter nicht mit zu uns kam sondern mit Klaus in dessen Zimmer ging. Als Zeppi merkte, dass sie nicht mehr bei uns war, ging er zur Verbindungstür und drehte den Knauf, aber die Tür war abgeschlossen. Er trommelte an die Tür und rief: »Mutter! Mutter!«
Klaus öffnete die Tür, und Zeppi rannte an ihm vorbei ins Zimmer. Ich wollte sehen, ob Mutter bei Klaus im Bett lag, wozu sie natürlich jedes Recht hatte, also folgte ich Zeppi und tat so, als ob ich ihn zurückholen wollte. Klaus versuchte nicht, mich aufzuhalten. Mutter saß am Fenster, obwohl die Fensterläden geschlossen waren, und war noch vollständig angezogen, was ich seltsam fand, weil Mutter sehr hübsch war, und jetzt, wo sie mit Klaus verheiratet war, kam es mir wie Zeitverschwendung vor, dass sie nicht mit Klaus zusammen im Bett war. Vielleicht wollten sie warten, bis sie glaubten, dass Zeppi und ich Mittagsschlaf hielten.
Zeppi rannte zu ihr und umarmte sie. »Wo bist du gewesen?«, fragte er, was eine außerordentlich dumme Frage war.
»Ich war hier«, sagte sie. »Das ist jetzt unser gemeinsames Zimmer, Klaus’ und meins. Wir sind ein Ehepaar, das verstehst du doch, oder, Zeppi? Es bedeutet, dass ihr beiden Jungs das andere Zimmer bis zu unserer Abreise für euch habt. Also hat jeder von euch sein eigenes Bett. Ist das nicht viel bequemer so?«
»Nein«, sagte Zeppi trotzig. »Du sollst zu uns zurückkommen …«
»Pass mal auf, Zeppi«, sagte Klaus, »willst du denn nicht, dass Helga glücklich ist? Erwachsene sind am glücklichsten, wenn sie als Mann und Frau zusammen sind, weißt du, und wir haben heute Morgen ja auch geheiratet. Du warst doch dabei und hast das alles gehört und gesehen. Ein Mann und seine Frau verbringen einen Teil der Zeit allein und einen Teil mit ihren Kindern. In ein paar Jahren wirst du das besser verstehen. Du verstehst das doch, Erich, stimmt’s?«
»Natürlich.«
»Dann kannst du Zeppi vielleicht ein paar Dinge erklären.«
»Nein«, sagte Mutter. »Das mache ich. Klaus, Erich, bitte lasst uns ein bisschen allein.«
Klaus und ich gingen wieder ins andere Zimmer. Klaus stopfte eine Zigarette in die gelbe Zigarettenspitze und steckte sie an. Wir hörten Mutters Stimme durch die Tür. Klaus stieß eine Rauchwolke aus und sagte: »Zeppi ist noch sehr jung für sein Alter.«
»Das war er schon immer. Er braucht ein bisschen, um sich an etwas Neues zu gewöhnen, weiter nichts.«
»Das hoffe ich. Wir bleiben nur noch diese eine Nacht hier. Morgen fahren wir dann zum neuen Zamex-Ölfeld. Helga hat jetzt andere Pflichten. Zeppi muss bald erwachsen werden. Es ist nicht richtig, dass ein Junge seines Alters sich so sehr an seine Mutter klammert, findest du nicht auch?«
»Ich rede mit ihm.«
»Weißt du, Erich, wir beide werden uns gut verstehen, das merke ich jetzt schon. Wir sind Pragmatiker, und Pragmatiker kommen im Leben am besten zurecht. Unsere Lebensumstände ändern sich tagtäglich, also müssen wir uns ihnen anpassen.«
Zeppi kam aus dem Nebenzimmer, würdigte uns keines Blickes und setzte sich auf sein Bett. Klaus ging ohne ein weiteres Wort in sein Zimmer zurück. Später, als Zeppi eingeschlafen war und die schmalen Streifen aus Sonnenlicht, die zwischen den Leisten der Fensterläden hindurch in unser Zimmer fielen, wie geschmolzene Goldbarren auf dem Fußboden glänzten, lauschte ich immer noch nach Geräuschen körperlicher Aktivität in Klaus’ Zimmer, aber ich hörte nichts. Irgendwann schlief ich dann auch ein. Am Abend gingen wir wieder in das gleiche deutsche Restaurant, und der Besitzer spendierte noch mehr Schnaps und Kirschwasser. Ich sagte zu Klaus, dass ich jetzt langsam mal ein richtiges Glas voll bekommen sollte, und er schenkte mir eins ein. Zeppi wollte dann auch ein Glas, aber Mutter sagte, er sei noch zu jung, worauf Zeppi schmollte, um sie zu bestrafen. Sie beachtete ihn aber gar nicht weiter, worauf er pampig wurde. Er sagte, er wolle zurück ins Hotel, machte das aber nur, weil alle anderen noch bleiben wollten. Klaus und Mutter gingen dann tanzen, damit sie ihn nicht die ganze Zeit angucken mussten, und als sie weg waren, sagte ich zu Zeppi, dass er sich nicht wie ein Baby benehmen solle.
Er guckte mich nicht an, als ich ihn anpflaumte und sagte nichts mehr, auch dann nicht, als Klaus und Mutter vom Tanz zum Tisch zurückkamen. Wir drei mussten so tun, als ob Zeppi gar nicht da wäre, während der sich bemühte, in seinem Engelsgesicht eine abweisende Miene aufzusetzen. Ich trank heimlich noch ein Glas Schnaps, ohne dass das jemand merkte, und danach fand ich alles viel komischer, als es in Wirklichkeit war. Zeppi wollte einfach ein Spielverderber sein, das war alles, und nicht mal das bekam er richtig hin. Er tat mir schon fast ein bisschen leid. Ich kam mir ziemlich erwachsen vor, weil ich mit Klaus und Mutter auf einer Seite stand, obwohl niemand etwas darüber sagte. Die Kapelle spielte sehr laut, und ich bekam Kopfschmerzen.
Nach einer Weile gingen wir dann zurück zum Hotel Concordia. Zeppi wollte auch wieder dazugehören und fragte, wo der Mann mit dem Affen war. Er wusste, dass das eine dumme Frage war, und als niemand antwortete, hielt er den Mund und sagte den ganzen Weg zum Hotel kein Wort mehr, bis wir in unserem Zimmer waren.
Dann sagte Klaus zu uns: »Jungs, eure Mutter und ich müssen euch etwas Wichtiges sagen. Setzt euch bitte hin und hört gut zu. Zeppi, hörst du auch zu?«
»Ja«, sagte er.
»Erst einmal habe ich eine Überraschung für euch. Die Pläne haben sich geändert. Morgen früh, wenn wir zum Zamex-Ölfeld abfahren, reisen wir nicht auf dem Fluss. Ratet doch mal, wie wir fahren können. Das ist sehr weit weg, also erzählt mir nicht, dass wir zu Fuß gehen.«
»Wir fahren mit dem Lastwagen«, sagte ich.
Klaus schüttelte den Kopf. »Dahin führen keine Straßen.«
»Mit dem Schiff?«, sagte Zeppi, und ich hätte ihm am liebsten einen Klaps auf den Hinterkopf geben.
»Er hat doch schon gesagt, dass wir nicht auf dem Fluss reisen.«
»Ich meinte ein Schiff auf dem Meer«, antwortete Zeppi.
»Nein, wir fahren nicht mit einem Schiff«, beendete Klaus den Streit.
Ich überlegte einen Moment lang. »Maultiere? Pferde?«
»Versuch’s noch mal.«