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Geschichten über das Reisen und Verweilen, durch Bad SalLlßzisch, zum höchsten Berg der Niederlande, zu den Dohlen gegenüber Neuschwanstein, auf die Stadtmauer um Dubrovnik, nach Köln, Nürnberg, Ohrid, Susa und unter das Schieferdach, mit dem Balkanexpress durch Obstgärten kurvend, dem kringelnder Triebwagen nach Pfronten und unterwegs mit Nachtschnellzügen und der Renn-Straßenbahn, Begegnungen mit Carmencita in Cienfuegos, Herrn Pombo, der Harfespielerin an den Cliffs of Moher und in Donegal mit Joe, mit Krullekopp, der Sekretariatsdreikämpferin, den Ratsdamen, dem Reisekaiser mit Koffer am Dom, den Kastanienmännchen, dem Quietsche-Porsche-Chauffeur und natürlich Schnurzelpurzelchen, zu den Eiersteinen, Faltenrockfelsen und dem schlafenden Rhein, verblichene Begegnungen mit Pferden im Treppenhaus, radelnde Papageien in der Drôme, einem wehleidischem Dackel, dem Walfisch unter der Decke des Museums und flitzenden Tausendfüßlern, mit dem Konstituierungsbuffet und Pommes Schranke, Pillepalle-Kuchen und Schnaps im Beichtstuhl sowie Erlebnissen zum Hyponisieren, lümmelnden Kürbissen, Schmuggeln in der Dampfwalze, Störungen im Einkommensablauf, Kofferpacken und dem Tausch "Schwadronofel gegen Teilchen"; und dann geht es noch um Kulturbeutel, Lastenausgleich, pitzepatzeputzelige Geburtstagstortenblinkebildchen, Serbische Bergtulpen bei dem Büro-Olmen, Windrädchen aus ausrangierten Lockenwicklern, die FrohesNeuesJahrTsunamis, der Ganzkörperdusche im Haus des Sklavenhändlers, die schwarze UNION in feuchtem Papier und Bürgersteige angemalt in Nationalfarben.
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Seitenzahl: 128
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Norbert Hanke
Kleine Reisen
von nahen und fernen Orten
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Gestrandet in Archangelos: jenseits von Zeit und Raum
Anreise mit Heimflug: das Verhältnis zum Reisen
Reisen. Susa: Persien und Perser
Rundreise: Skanderbeg-Platz in Tirana
Rundgang: Balkan
Rondarunde: über Weltbilder und Rinder
Radelnde Papageien: La Drôme
Bildungsreise: Nürnberg nahe Hauptmarkt, Cuba und Irland
Heiße Reisen: Drachenfels, Madeira, Santiago
Flüchtigfliegend: nichts passiert
Rhein, Montag: Mittelrhein - mit dem Schiff, dem Zug und zu Fuß
Auf-der-Alster-Stehen, Dauerbrenner, Geocaching: mystische Ziele
Sonntagsvormittagsgeschehen: jour de fête - auf Deutsch
SitzEckenSitzer: End-, Zwischen- und weitere Stationen
Heimreisen: Kölner Brauhaus-Szene
Heimfahrt – vergangen: Schienenbus im Bergischen
Rennschnecke: Nachtschnellzüge, Bahnpost, Kursbuch
Wegen einer Störung im Ablauf: Ich danke für Ihr Verständnis.
Keine Zeit: über Zeitverläufe. Bahnsteig.
Heimfahrt – neu: cooles S-Bahn-Geschehen
Bimmelbammelquakquak: nächster Halt Ausstieg rechts
Und was kriegen Sie? (Wunschlos)
Grußgeformelt: Arbeitsmänners Maaahlzeit und gesumpfte Mailboxen
Von Schranzen, Olmen und Bohnen: 1. Minikosmos. Innenlandschaft.
Von Schranzen, Olmen und Bohnen: 2. Minikosmos. Beziehungskiste
Kleinstadt-SM: Sitzungssaal im Rathaus von Kleinstadt
Toast mit freier Sicht: Küche vor Zeiten
Sommersamstagabendbalkonausblick
Herbstabendende
Boden: oben
…, was ich gerade geschrieben haben wollte: über das Briefeschreiben
Heimreise: gepackt
Impressum neobooks
Der Versuch, sich zurückzulehnen, konnte nicht erfolgreich sein.
Seit diese Rucksäcke im Straßenbild üblich sind, sei es leichter. Denn wenn man sie so zusammenfalte wie diese modernen Regenschirme, passten sie angenehm hinein. Das sei schon eine große Erleichterung.
Natürlich störte der vermeintliche Rucksack. Wie auch sollte man damit bequem sitzen können?
»Verzeihen Sie meine Direktheit. Wie darf ich Sie anreden - Herr ... Frau ...?«
Das sei belanglos. Wenn man sie nach vorn vor die Brust nehme, wie Fledermäuse es zum Schlaf tun, ergebe es unter dem Gewand eine weiblich anmutende Form. Das sei wohl der Grund für die häufige Darstellung als weibliches Wesen. Werden sie offen getragen und nicht durch Kleider oder lange Tücher verhüllt, gebe es wohl eher einen männlichen Eindruck.
»Aber es ist schon ein wenig unpraktisch im täglichen Leben?«
Früher war vieles einfacher. Da habe es noch Glöckner gegeben, was ihnen sehr entgegengekommen sei. Dort auf den Türmen war man ungestört und es wurden auch Gestalten mit ungewöhnlichen Äußerlichkeiten geduldet. Im Frankenreich bei Parisii habe es einmal einen sehr bekannten Vertreter ihrer Gattung gegeben. Und außerdem sei der Aufenthalt hoch oben über der Welt der eigenen Natur näher. Heute gebe es solche Möglichkeiten nicht mehr, sogar die Leuchtturmwärter würden immer weniger.
»Aber wenn man als Götterbote unterwegs ist, verfügt man doch über beste Verbindungen?«
Das mit den Boten sei schon richtig. In früheren Zeiten wurden Dienste zum Überbringen von Nachrichten und zum Transport von Kleingut gern angeboten und auch reichlich genutzt. Und aus dem großen Überblick, den man nun mal habe, aus ihrer Perspektive, könne man eben viele Dinge sehen, die die Menschen damals nicht überschauen konnten. Das war wohl als göttliche Eigenschaft erschienen, die es aber nie gegeben habe. Botendienste seien schon länger nicht mehr gefragt.
»Schon eigenartig, dass ich von Ihrer realen Existenz bislang nicht erfahren habe.«
Man habe zuletzt einmal etwas längeren Kontakt gehabt mit einem Dänen. Der habe aber vieles falsch verstanden. Das sei fast immer so gewesen. Denn die Menschen würden die ihnen fremde Dinge allzu schnell dem Religiösen oder Phantastischen zuordnen. Ob ihm schon mal aufgefallen sei, dass das Faravahar und das Signet der KPEV im Umriss ähnlich sind, obwohl die Dinge nichts miteinander zu tun hätten und zudem Jahrtausende auseinander lägen?
»Das sagt mir gar nichts. Faravahar? KPEV? Wie auch immer: Heute gibt es so schräge Modeeinfälle, da würde es nicht auffallen, wenn Sie sie offen tragen!«
Sie seien halt empfindlich. Werden sie nass, brauche es lange Zeit, sie zu trocknen. Deshalb halte man sie lieber bedeckt. Und im täglichen Umgang wären sie recht sperrig. Wenn man mit ihnen anstoße, schmerze es sehr. Deshalb würden sie lieber unter der Kleidung getragen. Manchmal könnten sie schon gezeigt werden, etwa bei jenen kultischen Ereignissen, wenn die Menschen bei Lärm und nach Einflößung von leichten Giften wild herumsprängen.
»Sagen Sie - wo leben Sie eigentlich? Und wovon? Und wie leben Sie? Was machen Sie den ganzen Tag? Ich kann mir das gar nicht vorstellen.«
Leben, das sei doch abhängig von den Dimensionen Zeit und Raum. Selbst bewege man sich in der Zeit wie die Menschen in dem ihnen gewährten Raum. Das Dasein - ihr Dasein - habe auch eine Dimension, die mit 'Leben' bezeichnet werden könne, diese habe aber keine Bedeutung. Die Frage, wovon man lebe, sei mithin abwegig. Die bei den Menschen gängige Maßeinheit 'Tag' empfände man als außerordentlich willkürlich, sie verändere sich ohnehin fortwährend. Ob er Michael gesehen habe. Für die Verabredung habe man sich den Strand von Archangelos ausgesucht. Das sei doch ein passender Ort, nicht wahr?
Er legte die Feder als Lesezeichen in das Buch. Auf einer Serviette malte er die Umrisse der Insel. Grob markierte er die Lage von Rhodos, Lindos, Tsambika, Archangelos und anderer Orte. »Dort in Archangelos«, und er unterstrich den Ortsnamen, »hat es seit Menschengedenken keinen Strand gegeben...«
Ein Hauch ließ ihn aufblicken. Über den Hügeln verschwand ein Punkt am Himmel.
Beim Aufblättern des Buches wäre die Feder beinahe hinausgeweht. 'Menschengedenken' ist gewiss auch kein besseres Maß für die Zeit als 'Tag', hätte jetzt wohl das ungewöhnliche Gegenüber gesagt. Und morgen, auf der Heimreise, wird er bestimmt wieder in Höhe der Flügel sitzen müssen und mal wieder wird er nichts sehen können.
Samarkand, Buchara, Seidenstraße - in meinen Geschichts- und Erdkundebüchern fanden sich mitunter Bilder von eigenartig anmutenden Bauwerken und manchmal fantastische Beschreibungen in Verbindung mit diesen Städten und Stätten. Tamerlan/Timur, die Erfindung der 0 (in Worten: Null) in unserem Zahlensystem und der austrocknende See, der so heißt wie eine Tankstellenkette, gehören auch in die Gegend, wo Staaten den Nachnamen -istan tragen.
Vor ein paar Tagen sind wir auf dem internationalen Flughafen angekommen. Hier, neben dem Inlandsflughafen, ist es kleiner, nicht so strahlend, etwas abgenutzt. Um unseren Reisebus knubbeln sich viele Leute, die ihre Dienste zum Tragen und Wegweisen anbieten. In das Flughafengebäude kommen nur jene hinein, die sich ausweisen können.
Eine Gruppe Amerikaner sitzt auf den Stuhlreihen inmitten der Halle. Es gibt wohl ein Abkommen, dass das Militär in Afghanistan über Stützpunkte hierzulande versorgt werden kann. Auf der Karte im Atlas ist es zwei Finger breit bis zur Grenze. Das ist nicht wirklich weit. Offenbar fehlt einer oder einer ist zu viel oder irgendwas anderes stimmt nicht. Oder Dominanzgehabe der Ranghöheren spielt mit, jedenfalls scheint irgendetwas klärungsbedürftig.
Das Gepäck sind wir an den kleinen Schaltern losgeworden, eifrige Hände schafften es in den Hintergrund. Mag sein, dass vor Jahrzehnten in unseren heimatlichen Bereichen die Flughafeneinrichtungen so waren wie hier jetzt. Hinweisschilder und Lautsprecherdurchsagen sind fremd. Wird schon der richtige Flug sein: Außer den Einheimischen und den amerikanischen Reservisten sind wir gewiss eine der bekannten regelmäßig auftretenden Reisegruppen mit ihrem üblichen Ziel.
Die Halle ist geteilt durch eine hüfthohe Absperrung. Darin ein Durchlass, wo schon mal Uniformierte stehen, mal sind sie weg, dann sind sie wieder da. Es wird seinen Grund haben. Die Plastiksitze sind so hart wie überall. Die Amerikaner zählen wieder durch, vermutlich haben sie Angst, dass zwischenzeitlich einer der ihren verdunstet. Oder sie spielen 'Reise nach Jerusalem'. Oder Fang-den-Schrat.
Gestern waren wir auf einem Handwerkermarkt, wo Meister mit feinsten Pinseln winzige Muster auf kleine Gegenstände applizieren - vielleicht hätte ich doch das Kästchen erwerben sollen. Haben vom Bildungssystem, auch dem jahrhundertealten gehört, die eigenartigen Bauweisen der Medresen und Moscheen gesehen, im Museum Susani geguckt und Karten für die Oper gekauft. In einigen Tagen werden wir im verblichenen, einst wohl sehr stattlichen Opernhaus eine wirklich schöne, farbenfrohe Aufführung vom Bajazzo sehen. Und uns hinterher ärgern, keine Fotos gemacht zu haben.
Die Amerikaner stehen vor einem der Schalter, zählen noch mal durch und werden wohl gleich unterwegs sein Richtung Süden. Wir wollen nach Norden, in eine jahrtausendealte Stadt, aus Lehm erbaut. Auf der Rückfahrt durch die Wüste Kizilkum werden wir ein paar Mal Station machen. Einmal in der Nähe des Amudarja. Der gewaltige Strom, gegen den der Rhein arg schmächtig aussieht, gleitet dort still durch die Wüste. Ein paar Tage später, bei einem Abendessen mit exotischen Speisen in einer aufgegebenen Moschee, werden drei Musikerinnen edlen Swing und Jazz spielen. Die Arbeitslosigkeit ist hoch in diesem Land, die Berufsmusiker müssen so ihr Einkommen sichern.
Die Bordkarten brauchen wir jetzt, Pass, Handgepäck. An dem Durchlass stehen nun wieder Uniformierte und prüfen den Pass mit Visum, bestempeln die Bordkarte und haken etwas auf einer Liste ab. Jedes Mal, wenn jemand durch den Durchlass tritt, piepst es lautstark. Der stechende Blick des daneben stehenden Uniformierten verwandelt sogleich jegliches gefährliche Metall in der Kleidung in unschädliches Butterbrot. Abermals an einem Tresen anstellen, der Pass wird geprüft und die Bordkarte gestempelt. Dann setzen wir uns wieder. Diesmal auf der anderen Seite der Absperrung. Die Reihen der Plastikstühle füllen sich, auch etliche Einheimische kommen hinzu. Gackert da ein Huhn?
In einer Woche wird der Busfahrer freundlicherweise in der Nacht einen Umweg fahren; wer hat schon die Chance, den menschenleeren, im geheimnisvollen Schummerlicht liegenden Registan-Platz in Samarkand zu erleben? Bin dann später auch noch mal nachts dort hingelaufen, durch die fremde Stadt. Und zum Gur Emir, dessen blaue Rippenkuppel zu Recht auf jedem Reiseführer abgebildet ist, dort aber nie richtig zur Geltung kommt. Anderntags noch etwas Eigenartiges - nämlich eine Wein- und Likörverkostung. In diesem eigentlich vom Islam geprägten Land hat man offenbar über die Jahrtausende ein praktisches Verhältnis zu den Handhabungen der Religionen entwickelt.
Wieder irgendeine Durchsage, hier genauso unverständlich wie überall. Nur ist es hier auch wirklich eine andere Sprache. Die Glastüren zum Flugfeld werden aufgeschoben, wir sind an der Reihe. Die Einheimischen packen ihre Sachen zusammen und bleiben an der Tür stehen. Wir kramen mal wieder nach den Bordkarten, den gestempelt, registriert und wieder gestempelten. Unten auf dem Flugfeld steht eine resolute Uniformierte, die so hoch wie breit allein mit ihrer stummen Präsenz dafür sorgt, dass es niemand wagt, einen Fuß durch den offenen Durchgang zu setzen.
Morgen wird ein kleiner Mann in einer Moschee knien und für uns beten. Das tue man hier so, sagt er. Zuvor hat er uns durch die Stadt aus großen Gebäuden aus Lehm geführt, aus seinem Leben erzählt, aus dem der Frauen, der Kinder und über Geschichten und Geschichte, hat Werkstätten und Medresen gezeigt, ist mit uns auf Mauern und Türme gestiegen und durch verwinkelte Gänge zu versteckten Höfen gelaufen, wir haben von ungewöhnlichen Sitten und Gebräuchen gehört, er hat erzählt und berichtet und uns begeistert.
Die Einheimischen sind losgestürmt, wir dackeln hinterher über das Flugfeld. Die Bordkarten sind belanglos. Wir stellen später fest, dass auf allen dasselbe steht. Die Einheimischen haben das Flugzeug gestürmt wie das später hierzulande auch bei Billigfliegern üblich sein wird. Die Sitze haben eine gewisse Ähnlichkeit mit denen in einem 2CV. Das Handgepäck verstauen wir über den Sitzen in den Netzen, die so wirken wie die Hutablagen in den Schienenbussen, die es im letzten Jahrhundert gab, nur größer. Ein Blick aus dem Fenster lehrt, dass die Tragflächen in der Vergangenheit mindestens dreimal mit verschiedenen Farben versehen wurden, der Anstrich aber nicht sehr haltbar ist. Die Flugbegleiterin, die wie eine gewisse Präsidentschaftskandidatin auch ein Storchennest auf dem Kopf trägt, ordnet das Gepäck in den Netzen und klärt uns offenbar über die Gefahren des Flugverkehrs auf. Nun gut, Abenteuer gehören dazu.
Der Sitznachbar ist auf dem Heimflug und findet es interessant und ist etwas stolz, dass da Leute von weit her kommen, die sein Land kennenlernen wollen. Ach je, wie würde es ihm ergehen, wenn er in meiner Heimat ankommt? In einigen Tagen wird uns auf dem Basar in Buchara ein älterer Herr berichten, dass er vor langen Jahrzehnten in Deutschland war, und uns vom Schwachsinn des Krieges erzählen.
Unten sind Wüste, Straßen, bewässerte Felder, Ortschaften zu sehen. Die Sonne sinkt. Ich bekomme einen Becher Tomatensaft, meine Güte, was für ein Zeug. Hinten gockelt wirklich ein Huhn? Der Nachbar grinst. Die mit dem Storchennest öffnet die Tür nach draußen. Hä?
Das war die eleganteste Landung, die es jemals gab, habe nichts davon mitbekommen. Durch das Fenster ist nichts zu erkennen, alles stockfinster Schwarz in Schwarz. Etwa eine Notlandung in der Wüste?
Wohl kaum. Es geht eine Treppe hinunter. Aber finster ist es immer noch. Weit und breit nichts zu sehen, vermutlich ein großer Platz, keine anderen Flugzeuge, ganz entfernt ist ein Gebäude zu erahnen. Im Dunklen kommen uns schemenhafte Gestalten mit dicken Fellmützen und Handkarren entgegen. Weit vorn kräht ein Hahn, das wird die richtige Richtung sein. Ein Zaun, dahinter noch mehr Leute mit dicken Fellmützen, ein paar Autos, offenbar Abholer. Ein einzelner Reisebus steht da, wird wohl unserer sein.
Auf der Fahrt werden die Reiseleiterinnen in einem Ort halt machen und dann dick bepackt mit Tüten und Taschen zurückkehren. Sie hatten uns schon vor Tagen mit Teeschalen versorgt, und wir werden es zu schätzen lernen, dass sie uns regelmäßig den weißen Tee ausschenken. In einigen Tagen werden wir auf der langen Fahrt durch die Wüste an einer der Hütten an der Piste Station machen. Der Wirt wird Schisch-Kebab zubereiten, dazu werden die beiden den vielfältigen Inhalt dieser Tüten auf einem Tapshan ausbreiten.
Das Hotel ist neu, man nennt es wohl 'zweckmäßig eingerichtet'. Im Zimmer ist es frisch, unter der rotkarierten Decke kuscheln wir uns warm. Am Morgen hören wir weit entfernt jemanden rufen. Der kleine Mann, er ist von hier und spricht unsere Sprache, wird uns erzählen, dass man die Trennung von Staat und Religion schon ernst nehme: Natürlich könne da jemand regelmäßig vom Turm aus rufen, aber eben ohne Lautsprecher. Auf dem Weg in die alte Stadt kommen wir an einem Denkmal vorbei. Dort geruht Herr Ab? 'r-Raih?n Muhammad ibn Ahmad al-B?r?n? zu ruhen, man könnte auch sagen, dass er ein wenig lümmelt. Aber wer vor über tausend Jahre schon den Radius der Erde bis auf ein paar wenige Kilometer genau errechnen konnte und sich um die Verbreitung so wichtiger Dingen wie der Null in unsere Welt (also, das praktische arabische Zahlensystem) verdient gemacht hat, der darf über die Jahrtausende auch als Denkmal rumlümmeln.
PS: Ein schönes Kästchen habe ich Jahre später erstanden. Nicht hier, sondern dort, wo später Herr Ab? Al? al-Husayn ibn Abdull?h ibn S?n? (Avicenna) lebte. Aber der stammt ja auch aus der Gegend und war Brieffreund von al Biruni. Aber das ist eine andere Geschichte.
Susa? Kennst du Susa?
Wo soll das sein?
Und warum sind hier die Räume voll mit Steinen und Bildern aus Susa?
Mit einem Sonderangebot für den Thalys sind wir nach Paris gefahren, dann zum weltberühmten Museum gelaufen, und heute Abend werden wir wieder daheim sein. Nun stehen wir hier in Räumen, vollgepackt mit Dingen aus Susa. Warum gerade Susa? Und was sagt uns das? Das Museum ist riesengroß, und es gab viele andere interessante Dinge jenseits von Susa. Susa.
Vergessen.
Draußen ist es dunkel. Der Kollege, der mit mir in dem Doppelbüro beheimatet ist, hat schon lang Feierabend gemacht. Auf dem Tisch ein langweiliges Konzept noch unbekannter Qualität, vom dem ich gerade mal die Hälfte durchgekaut und noch ein paar hundert Seiten vor mir habe.
