Kleine Schule des Fliegens - Christina Walker - E-Book

Kleine Schule des Fliegens E-Book

Christina Walker

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Beschreibung

Jeden Tag versammeln sich mehr Krähen draußen in der Platane. Sollte Alexander Höch, der gerade eine Chemotherapie hinter sich hat, misstrauisch werden? Vielleicht auch, weil seine Frau Eva ihn ausgerechnet jetzt allein lässt? Doch bald entdeckt Höch seltsame Ähnlichkeiten zwischen sich und den Vögeln vor dem Fenster. Sehr zum Unmut von Melitta Miller, der Nachbarin, die zuweilen nach dem Rekonvaleszenten sieht und die mit ihrer Krähenabwehr immer radikalere Mittel findet, um die gefiederten Zuwanderer aus der Straße zu vertreiben. Soghaft und mit abgründiger Komik erzählt Kleine Schule des Fliegens von den realen und surrealen Provokationen des Lebens sowie von Leidenschaften, die einem den Boden unter den Füßen wegziehen. Gut, wer nun fliegen kann oder die richtigen Verbündeten hat!

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MOBI

Seitenzahl: 201

Veröffentlichungsjahr: 2023

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CHRISTINA WALKER

KLEINE SCHULE DES FLIEGENS

ROMAN

Sagt deine Krähe dir denn nichts vom Weg?

Die Vögel, Aristophanes

Inhalt

Kapitel I

Kapitel II

Kapitel III

Kapitel IV

Kapitel V

Kapitel VI

Kapitel VII

Kapitel VIII

Kapitel IX

Kapitel X

Kapitel XI

I.

Die Wimper lag am Morgen im Waschbecken, braun auf weiß. Eine offene Klammer, die ihren Anfang oder ihr Ende verloren hatte. Ich musste vermuten, dass es meine Wimper war. Kurz, gekrümmt und spitz zulaufend. Ich hatte solche Härchen schon früher gesehen. Dennoch konnte ich nicht mit Bestimmtheit sagen, ob es aus meinem Gesicht stammte. Eigentlich hielt ich meinen Kopf für völlig haarlos, nachdem ich gestern hier angekommen war. Ich schaute in den Badezimmerspiegel. Nicht jeder hat einen Charakterkopf. Ich schaute genauer hin. Nein, da war kein Haar mehr. Da war auch sonst niemand in der Wohnung, von dem das Härchen hätte sein können. Meine Wimper also. Die letzte. Darunter war das Waschbecken weiß und glatt und makellos.

„Die Wohnung ist wirklich eine Fügung“, hatte Eva gesagt.

„Das ist die Verbannung nach dem Kerker“, erwiderte ich.

Eva meinte: „Stell dich nicht so an, es ist zu deiner Sicherheit. Hier hast du Ruhe und kannst dich ein paar Tage erholen.“

„Und du“, sagte ich nun zur Wimper vor mir, „was stellen wir beide jetzt an?“

Ich tupfte sie vorsichtig auf einen Finger. Die letzte Wimper auf der höchsten, aussichtsreichsten Fingerkuppe schritt mit mir ins Arbeitszimmer und bis zu dem großen französischen Fenster, vor dem eine Pfütze Licht auf dem Parkettboden schwamm. Georgs Glasschreibtisch warf das Licht zurück. In der Mitte war ein blinder Fleck, dort lag das Notebook unbeteiligt und schwarz im hellen Morgen.

„Glastische sind kritisch“, hatte unsere Mutter gesagt. „Daran können Ehen zerbrechen.“

Ich würde später darüber nachdenken, wie das mit der Arbeit und den Glastischen sei. Ob es für diese Beziehung ebenfalls kritisch werden könnte, wenn man vor spiegelglattem Glas saß, auf dem die Gedanken ständig wegzurutschen oder durchzufallen drohten. Zuerst wollte ich mich um die Wimper auf meinem Finger kümmern.

Ein schwarzer Schatten schwebte am bodentiefen Fenster vorüber und brachte mich auf eine Idee, was ich mir wünschen könnte. Rasch öffnete ich einen Fensterflügel, blinzelte in den Tag und blies die Wimper in den weißen Frühjahrshimmel. Braun auf weiß, ins Leere hinein. Ein zweiter Schatten huschte krächzend über mich hinweg und nahm die Idee wieder mit. Daher wünschte ich mir vorerst nichts.

Die zweite Krähe ließ sich ebenfalls in der Platane vor dem Fenster nieder. Sie hatte einen Zweig im Schnabel. Der Vogel beäugte mich, kühl und misstrauisch. Dann zwinkerte er von der noch nackten Baumkrone hinüber zu dem Mann im dritten Stock. Ein vertrauliches Zwinkern von einem wimpernlosen Wesen zum anderen. Ich wusste nicht recht, was davon zu halten war. Die zweite Krähe reichte den Zweig an die erste Krähe weiter. Der Vogel nahm die Gabe an, verbeugte sich mehrmals und flocht den Zweig geschickt zwischen zwei Astgabeln. Aus der Leere würde bald ein stabiles Fundament werden. Der Vogel wusste, was er zu tun hatte. Ich war ein wenig neidisch.

„Herr Höch! Sie wollen doch nicht krank werden“, sagte eine Stimme hinter mir.

Die Stimme war mir unbekannt, trotzdem klang sie vorwurfsvoll. Die Frau trug eine medizinische Maske vor Mund und Nase. Ihre Augen hatten fast dieselbe Farbe wie ihre Haare. Rotbraun. Ein Reh, ein Fuchs, einer dieser Jagdhunde mit Schlappohren, die beim Rennen um den Kopf schlagen, kamen mir in den Sinn.

„Entschuldigung“, sagte die Frau. Die Maske vor ihrem Mund blähte sich auf.

Sie entschuldigte sich vielleicht dafür, dass sie einen Kranken zurechtwies wie ein Kind, was durchaus verbreitet ist. Oder sie entschuldigte sich einfach dafür, dass sie mich gerade mit einer Handbewegung vom Fenster verscheucht hatte.

Sie schloss das Fenster sanft, aber mit Nachdruck und sagte: „Melitta Miller. Sie werden es sich gedacht haben. Ich gebe Ihnen lieber nicht die Hand. Es geht allerlei herum. Grippe, Magen-Darm. Das brauchen Sie gewiss nicht.“

Ich zog meine ausgestreckte Hand zurück. Die blaue Maske atmete. Ich hatte mir nichts gedacht. Schon gar nicht an Melitta Miller. Ich war mit Wimpern, Wünschen und der Leere beschäftigt, die es zu überbrücken galt. Heute und morgen und noch länger, weil sich so eine Hausrenovierung gern mal verzögern kann. Dass Melitta Miller wusste, was ich brauchte und was nicht, war dennoch bemerkenswert.

„Guten Morgen“, sagte ich. „Sie haben einen Schlüssel?“

Sie nickte.

„Und Sie haben deshalb nicht geklingelt?“

„Ich habe geklingelt.“

„Natürlich“, sagte ich, was sollte ich sonst sagen, und überlegte, ob es tatsächlich geklingelt hatte. Ich überlegte auch, ob Melitta Miller unter der mitatmenden Maske roten Lippenstift trug. Ein Gesicht mit einem großen hellblauen Fleck über Mund und Nase (nur zu meiner Sicherheit, genauso wie diese Wohnung) ist schwer einzuordnen. Augen, die fast dieselbe Farbe wie die Haare haben, sind ebenfalls schwer einzuordnen.

„Heute gieße ich die Gummibäume, immer am Anfang der Woche, wenn Ihr Bruder verreist ist. Er ist ja viel unterwegs“, sagte Melitta Miller. „Ihre Frau meinte, zu essen hätten Sie genug. Oder fehlt etwas?“

Eva hatte einen Plan, das fand ich beruhigend. In einer Ehe kann es nur von Vorteil sein, wenn nicht jeder seine eigenen Pläne hat. Denn Pläne könnten allzu leicht auseinander- oder einander sogar zuwiderlaufen. Da bräuchte es wohl überhaupt keinen Glastisch mehr, damit das für die Ehe kritisch würde.

Melitta Miller griff hinter den Gummibaum, der in der Zimmerecke Gestalt annahm, als sie sich ihm näherte. Ich hatte die beachtliche Pflanze zuvor nicht bemerkt. Hinter dem Topf und den glänzenden grünen Blättern erschien eine Gießkanne. Sie war blau, die Emaille matt und an etlichen Stellen gesprungen. Die Kanne wirkte völlig fehl am Platz in dieser makellosen neuen Wohnung, die Georg gekauft hatte. Ich schloss die blaue Kanne spontan in mein Herz. Melitta Miller nickte uns beiden, der Kanne und mir, kurz zu. Wusste sie von dem frischen zarten Band zwischen uns und hieß es gut?

Wieder allein im Zimmer öffnete ich das bodentiefe Fenster nochmals. „Rekonvaleszenz“, wisperte ich hinaus in den Baum, „das erfordert Rücksicht, Vorsicht, Ruhe.“

Die Krähen stießen ein paar raue, kehlige Laute aus. Sie verbeugten sich zustimmend. Die Vögel wollten mich auf den Arm nehmen. Sie verbeugten sich mehrfach. Dann kraulte die eine Krähe der anderen die Nackenfedern, sprang ihr auf den Rücken, und sie hielten Vogelhochzeit. Der Baum wisperte etwas zurück, das ich nicht verstand. Die beiden Krähen schüttelten sich und flogen davon. Vermutlich suchten sie sich einen Baum mit weniger neugierigen Nachbarn.

Ich horchte ins Haus. Kein Ton von nebenan, keiner aus der Wohnung darunter. Es schien niemand hier zu leben außer mir. Ich holte Luft und begann leise zu summen. So eine Ruhe, so eine Stille will erst einmal ausgehalten werden, vor allem nach Wochen ohne jegliche Stille, nach Wochen voll mit fremdartigen Geräuschen. In der Küche rauschte endlich mit beruhigendem Gurgeln Wasser in die Gießkanne.

Obwohl sie einen Schlüssel zu seiner Wohnung hatte und gerade dabei war, seine Pflanzen zu gießen, konnte ich Melitta Miller und meinen Bruder nicht gemeinsam denken. Wahrscheinlich reichten Wohnungsschlüssel, Grünpflanzen und Gießkannen allein nicht aus, um Verbindungen zwischen zwei Menschen herzustellen. Noch dazu, wenn sich Tausende Kilometer zwischen ihnen ausdehnten. Ich musste online auf einer Landkarte nachsehen, wo Vermont lag, und fand dort Städte, die Manchester und Montpelier hießen. Heimweh abstreifen in der neuen Welt. Wenigstens ein vertrauter Name sollte es sein in all der Unwägbarkeit, die das Unbekannte und das Leben generell bereithalten. Der eine Name voller englischem Schornsteinqualm und rußdunklen, heimeligen Gassen, der andere voller südfranzösischem Licht und Lavendel. Was machte es schon, dass ein „l“ von Montpellier unterwegs auf der Strecke geblieben war. Den Namen des Unternehmens, für das Georg zurzeit arbeitete, hatte ich vergessen.

Eva hatte die Idee mit seiner Wohnung gehabt. Denn in einer Baustelle sei mein angeschlagenes Immunsystem heillos überfordert. „Wer soll sich da erholen“, hatte Eva gesagt, wenn sogar ihre eigenen, ziemlich guten Nerven blank lägen. Mit den Bodenschleifern und den Malern daheim, den abgedeckten Möbeln und immer wieder tagelang ohne Fenster, die würden zimmerweise ausgehängt, um sie neu zu lackieren.

Nein, sie konnte nichts dafür, dass die Firma ausgerechnet jetzt spontan zugesagt hatte, nach monatelangem Warten. Da wollte Eva die Renovierung unseres Hauses verständlicherweise nicht absagen.

Die Gießkanne schepperte gegen etwas Hartes. Ich war versucht, Melitta Miller gleich zu ermahnen, besser auf die Kanne achtzugeben, die Emaille zu schonen. Emaille wird spröde mit dem Alter. Und Alter hat Anrecht auf Schonung und Nachsicht. Die blaue Kanne erinnerte mich an etwas, aber ich kam nicht drauf.

„Wissen Sie, wo hier der Kaffee ist?“, fragte ich.

„Ihr Bruder trinkt nur Tee“, sagte Melitta Miller. „Dort, im Schrank über der Spüle.“

Ich füllte mir ein Glas am Wasserhahn und trank es aus. Ich füllte es ein zweites Mal. Die Schleimhäute in Mund und Rachen leiden am meisten mit bei einer Chemotherapie. Als das zweite Glas leer getrunken war, stand Melitta Miller bereits im Wintermantel an der Wohnungstür.

„Tun Sie mir einen Gefallen?“, fragte ich. „Klingeln Sie bitte, wenn Sie unten sind?“

Ich wollte wissen, ob die Klingel funktionierte und wie viel Zeit mir zur inneren und zur äußeren Vorbereitung blieb, falls jemand klingelte. Außer Melitta Miller und Eva würde niemand kommen, trotzdem konnte es nicht schaden, vorbereitet zu sein.

„Sie sehen sich ähnlich“, sagte Melitta Miller, „Sie und Ihr Bruder.“

Ich horchte auf ihre verklingenden Schritte im Hausgang, schaute dabei in den Garderobenspiegel und fand darin weder eine Ähnlichkeit mit Georg noch eine mit mir selbst. Weil mich Letzteres kurz irritierte, vergaß ich, die Sekunden mitzuzählen, bis es klingelte (was es nicht tat). Dann fiel unten das Haustor schwer ins Schloss, und ich rannte ans bodentiefe Fenster im Arbeitszimmer, um einen Blick auf Melitta Miller zu erhaschen. Sie trat gerade auf den breiten Gehweg und hob den Kopf. Sie hatte die Maske abgenommen. Ihre Augen suchten nicht mich, sondern die beiden Krähen in der Platane. Die Vögel waren zurückgekehrt. Sie flochten nun zu zweit an ihrem Nest hoch oben in der Baumkrone. Melitta Miller blinzelte ins grelle Sonnenlicht, das von keinem einzigen Blatt am Baum gedämpft wurde.

Märzenschisswetter, hätte unsere Mutter gesagt. Ich würde Melitta Miller warnen, wenn sie wiederkam. Wir hatten März, und die Sonne hatte schon Kraft. Winterblasse Haut war ihr schutzlos ausgeliefert. Menschen mit rotbraunen Haaren neigen ja oft zu blasser, empfindlicher Haut und zu Sommersprossen.

Auf einmal stand ich neben der Frau auf dem Gehweg. Ich roch ihr Parfum. Es roch warm und intensiv nach Holz und Harz an einem sonnigen Vorfrühlingstag, und ich schaute gemeinsam mit ihr hinauf. Ein dritter Vogel flog über die Dächer heran und ließ sich auf einem zustimmend wippenden Platanenast nieder. Die Frau runzelte die Stirn, sie trug keinen Lippenstift. Ihre Augen schweiften kurz von den Krähen zu dem Mann im Fenster. Wegen des hohen Geländers davor sah der Mann eingesperrt aus wie ein Zootier, was mir unangenehm war. Ich wandte den Blick lieber ab.

Unten auf der Straße hörte ich jemanden mehrmals hart in die Hände klatschen. Die Krähen flogen krächzend auf und davon. Das Klatschen hallte in den Ohren nach. Erst jetzt fiel mir das Klingeln wieder ein. Ich konnte mich zumindest an keines erinnern. Melitta Miller musste es vergessen haben. Über drei Stockwerke hinweg konnte einem so eine sinnlose Bitte, beim Gehen die Klingel zu drücken, durchaus entfallen. Oder hatte ich das Klingeln einfach überhört? Klingeln, Piepen und weitere unliebsame Geräusche zu überhören, hatte ich im Krankenhaus gelernt. Für Leichtschläfer ist das dort eine ganz wesentliche Übung.

Nur gegen Schuster hatten die Übungen nichts genützt. Er war keiner, den man überhören konnte. Schuster hatte die blöde Angewohnheit, hartnäckig an die Tür des winzigen Badezimmers zu klopfen, das zwischen unseren Zimmern lag und das wir uns teilten.

„Augen besser zumachen“, hatte Schusters Kopf gesagt, den er zur Badezimmertür hereingestreckt hatte, „sonst kotzen Sie gleich.“ Er deutete auf das Waschbecken, an dem ich stand. Das Waschbecken war beige wie das Klo und die Kacheln an den Wänden. Erst danach stellte Schuster sich vor. Mit Nachnamen.

Ich war beim Zähneputzen. Ich hatte vergessen, die Tür zum Nachbarzimmer zu verriegeln. Schuster hätte ebenso vom Gang aus an meine Zimmertür klopfen können, wenn er mit mir reden wollte. Das tat er jedoch nie. Er klopfte nach einer zu kurzen Anstandszeit an die Tür des Badezimmers, sobald er mich dort hörte, und ich gewöhnte mir an, falls es nicht allzu dringend war, die Waschräume am Ende des langen Ganges zu benutzen. Bis Schwester Edith fragte, ob es ein Problem mit meinem Bad gebe, und mich darauf hinwies, dass es für Patienten ohne intaktes Immunsystem grundsätzlich nicht ratsam sei, kollektive Waschräume zu frequentieren. Schwester Edith hatte tatsächlich „kollektiv“ und „frequentieren“ gesagt.

Schuster erzählte am liebsten von seiner Krankheit. Die erste wirklich ernste in seinem Leben, hatte er behauptet, aber er mache sich keine Sorgen. Am zweitliebsten erzählte er von seinem Hund, der allein daheim bei seiner Frau sei. Da habe er so seine Bedenken, meinte Schuster. Der Hund hieß Benno.

Ich dachte kurz nach, ob der Name der Frau einmal gefallen war.

Ich dachte auch daran, dass es notwendig wäre, zum Supermarkt zu gehen, um Kaffee einzukaufen. Eva und ich waren an einem vorbeigefahren, bevor wir in die Straße mit den Platanen bogen. Bestimmt würde ich den Supermarkt gleich wieder finden. Allerdings hatte ich Eva versprochen, die ersten Tage nicht unter Menschen zu gehen. Der Abwehrkräfte wegen, die ich nicht mehr hatte. Verglichen mit den gut desinfizierten Waschräumen eines Krankenhauses könnte so ein Supermarkt mitten in der Erkältungssaison ernsthaft gefährlich werden. Ich beschloss, Melitta Miller morgen zu bitten, mir Espresso zu besorgen. Kaffee zu kaufen, war eine sinnvolle Bitte.

Melitta Miller hatte schließlich den Auftrag, sich um mich zu kümmern. Ich vermutete, dass sie zudem die Aufgabe hatte, auf mich aufzupassen, während Eva auf die Handwerker aufpasste und zwischendurch nach vermittelnden Lösungen für ihre Klientinnen und Klienten suchte. Sie neuerdings Klienten statt Patienten zu nennen, fänden die meisten von ihnen stimmig, hatte Eva gemeint. Immerhin kämen sie freiwillig zu ihr, und Klienten fühlten sich mündiger als Patienten. Das sei wichtig für das Selbstbewusstsein und für die Selbsterkenntnis.

„Leb dich gut ein“, hatte Eva gesagt, als wir in Georgs Wohnung angekommen waren.

„Lohnt nicht“, entgegnete ich knapp.

Eva stellte meinen Koffer ab: „Was lohnt nicht?“

„Sich hier ein…zu…leben.“

Ich bekam kaum Luft. Ich hatte unbedingt die Treppe nehmen wollen, nicht den Aufzug. Eva war schweigend mit dem Koffer in den Lift gestiegen. Es ist nicht vorgesehen, dass Rekonvaleszente drei Stockwerke zügig zu Fuß hochlaufen, um gleich schnell zu sein wie ein Lift. Im dritten Stock stoppte er mit einem Rasseln und entließ Eva und den Koffer völlig unversehrt.

Ich schnaufte und konnte deshalb nicht das sagen, was jetzt wirklich notwendig gewesen wäre: dass ich mich hier nicht einleben würde, weil ich es nicht wollte, weil das nicht mein Zuhause war und es nicht werden sollte. Denn in diesen Zimmern war nichts dort, wo es hingehörte, wo ich es gewohnt war. Die Fenster, die Stühle, der Schreibtisch, der Kaffee, die Gedanken, ich. Neue Umgebungen lenkten nur ab. In neuen Umgebungen konnte ich mich schlecht konzentrieren. Das müsste Eva mittlerweile wissen.

Ich hätte ihr außerdem sagen können, dass man zu so einer Hausrenovierung naturgemäß ein eher distanziertes Verhältnis hat, wenn man nicht weiß, ob man selbst noch aus den frisch lackierten Fenstern schauen wird.

Mein Mobiltelefon summte. Lilly hatte ein neues Bild geschickt: vom Triumphbogen. Ihre Hand machte ein Victory-Zeichen vor dem monumentalen Bau. Zumindest nahm ich an, dass es Lillys Hand war. Müsste man die Hand der eigenen Tochter auf einem Foto eigentlich wiedererkennen? Wahrscheinlich nicht. Die meisten würden die eigene Hand nicht erkennen, erst recht nicht auf einem Foto, so losgelöst vom Rest des Körpers, der schon als Ganzes schwierig zu erfassen war. Lilly hatte nichts dazugeschrieben. Das tat sie nie, sie vertraute auf die Botschaft des Bildes.

Ich schaute vom Triumph und Pomp Napoleons und der Siegeszuversicht meiner Tochter, die sie mir vermitteln wollte, durch Georgs Glasschreibtisch und betrachtete ein Paar knochige Knie in Hosen und zwei Füße in Socken (ebenfalls zu einem V geformt). Die Füße waren kalt. Ich hatte seit gestern keine Hausschuhe mehr.

Schuster hatte mir den Mülleimer aus dem beigen Badezimmer im Krankenhaus hingehalten: „Da, werfen Sie weg, sonst kommen Sie retour. Man kann nie abergläubisch genug sein.“

Ich warf weg, und Schuster schloss den Deckel drüber. Die Schuhe gingen gerade so in den Eimer, er schloss nachher nicht mehr richtig. Ich hatte nicht nachgefragt, worauf sich Schusters Aberglaube bezog. Es gab genügend hygienische und auch gewisse emotionale Gründe, keine Dinge aus einem Krankenhaus mitzunehmen. Wir waren beim „Sie“ geblieben, Schuster und ich, vier Wochen lang. Das „Sie“ sicherte einen Rest Distanz trotz des durchlässigen Badezimmers, das wir uns teilen mussten und zu dem mir Schwester Edith kaum eine Alternative ließ.

Durch die gläserne Tischplatte sahen die Füße aus wie eingefroren in unwahrscheinlich durchsichtigem Eis. Ich versuchte, die Zehen in den Socken zu bewegen. Das Notebook machte leise Blasgeräusche, während es startete. Draußen im Baum bauten die Krähen an ihrem Nest. Der dritte Vogel schaute interessiert zu. Ich hatte nicht bemerkt, wann sie zurückgekommen waren.

Ich tippte:

Kulturfolger

Tiere und Pflanzen, die in Kulturlandschaften bzw. in der Nähe menschlicher Siedlungen vorteilhaftere Bedingungen für sich finden als in ihren ursprünglichen Lebensräumen. Mögliche Folgen: Konflikte mit angestammten Arten.

Ich tippte:

Kulturflüchter

Tier- und Pflanzenarten, die sich bei zu starker anthropogener Ausdehnung zurückziehen bzw. vollkommen aus ihren angestammten Lebensräumen verdrängt werden. Meiden menschliche Nähe. Mögliche Folgen: Aussterben der Art.

Im Gegensatz zu den Krähen war ich ein Kulturflüchter. Heimatlos. Im Zwischenlager. Ich musste Kontakte möglichst meiden. Andernfalls könnte ich aussterben.

„Ich habe jetzt wirklich Heimweh“, sagte ich abends am Telefon zu Eva.

„Ich weiß“, sagte sie. „Versuch langsam wieder anzukommen, bei dir anzukommen. Eine schwere Krankheit entfremdet einen von sich selbst.“ Das sei ein Ausnahmezustand, in meiner Situation normal, das gehe vorüber.

Im Bett hatte ich erneut das harte, fast metallische Klatschen im Ohr. Ich war zu müde, um aufzustehen und zu überprüfen, ob unten auf dem Gehweg wer stand und unverschämt laut in die Hände klatschte oder ob das Klatschen nur als Erinnerung im Kopf nachhallte wie ein Echo, das nicht verklingen kann.

II.

Ein paar vergessene Äste trieben im Nebel vor dem Fenster. Der Rest der Aussicht verlor sich im Dunst. Vor mir leuchtete tröstlich das Signallicht des Wasserkochers. Eine Nebelleuchte, die mir den Weg wies. Das Gerät piepte und schaltete sich aus. Ich machte den Kocher nochmals an, weil ich das Leuchten so schön fand. Das Gerät piepte sofort und schaltete sich aus. Das rote Lämpchen glomm kurz nach. Ich öffnete das Küchenfenster, damit sich der heiße Wasserdampf von drinnen zum kalten Wasserdampf draußen gesellen konnte.

„Und dafür habt ihr mich geweckt?“, sagte ich zu den Krähen, die wie erwartet zu den Vorwürfen schwiegen.

Ich nahm mir vor, ihr durchdringendes Krah-krah ignorieren zu lernen wie die Geräusche im Krankenhaus. Ich fand, ich hatte Anrecht auf etwas mehr Schlaf in der Früh.

„Sie müssen sich die Geräusche gut merken, die Sie stören, die Sie nicht schlafen lassen“, hatte ich zu Schuster gesagt. „Piepen, Rasseln, nächtliche Schritte am Gang, egal was. Sie müssen das Geräusch einfach vervielfältigen in Ihrem auditiven Gedächtnis und so zu einem monotonen Geräusch machen. Immer das Gleiche, eine ganze Zeit lang hintereinander. Das stört dann nicht mehr. Wie ein Echo, das schwächer und schwächer wird. Sie werden es hören.“

Schuster zog den Morgenmantel über seiner Brust zusammen und sagte: „Ihre Ohren haben ein Gedächtnis? Ich frage Schwester Edith lieber nach ein paar Schlaftabletten.“

Die Teetasse brannte in meiner Hand. Es war ein beruhigendes Gefühl, noch so starke Empfindungen zu haben. Deshalb nahm ich die Tasse mit auf den Weg. Eigentlich hatte ich nicht vorgehabt, mich näher mit Georgs Wohnung zu befassen. Weil ich nichts anderes zu tun hatte, stöberte ich nun durch die Räume. Ich inspizierte die Garderobenkonstruktion im Gang, die organisch aus dem Verputz wuchs. Man sah keinerlei Befestigung. Ich setzte mir probehalber die wollene Schiebermütze auf, die einsam auf der Garderobenablage zurückgeblieben war. Die Mütze war mir zu groß. Die platzsparende Schiebetür zur Küche konnte vollständig in der Mauer verschwinden. Das Badezimmer hatte hingegen eine stabile Tür mit Milchglaseinsatz, und niemand klopfte daran, wenn man auf dem Klo saß und gerade nur Verdauung war.

Die sei keineswegs selbstverständlich im Krankenhaus, hatte Schwester Edith gemeint, als ich vor den Waschräumen am Ende des Ganges geklagt hatte. „Das liegt am Bewegungsmangel, an den Medikamenten und“, setzte sie flüsternd hinzu, „an der Küche hier.“ Da müsse ein Darm nicht mal sensibel sein, um darauf mit Panik oder Phlegma zu reagieren. Der eine so, der andere so.

Schwester Edith hatte tatsächlich „Phlegma“ gesagt. Wenn ich an das Wort dachte, fielen mir sofort die beiden Gummibäume ein. Gummibäume strahlen Ruhe aus, außerdem ein wenig Gleichgültigkeit und Ignoranz (was mitunter als überheblich empfunden werden kann). Sonst hätte ich die Pflanzen bestimmt früher wahrgenommen. Den großen Gummibaum im Arbeitszimmer, hinter dem sich die blau emaillierte Gießkanne versteckte, und den etwas kleineren Gummibaum im Schlafzimmer. Ihm war ich in der ersten Nacht begegnet, als ich den Lichtschalter gesucht und stattdessen eines der Blätter zu fassen bekommen hatte. Jetzt lag das abgebrochene Gummibaumblatt tiefgrün und vorwurfsvoll vor mir auf dem Boden. Ich setzte mich auf die Bettkante und probierte den Tee. Malve. Er schmeckte nach nichts. Ich hob das abgebrochene Gummibaumblatt vom Boden auf und schob es unter die Überdecke auf der unbenutzten Seite des Bettes. Melitta Miller hatte nur eine Seite des breiten Bettes aufgedeckt und bezogen. Es war nicht vorgesehen, zu zweit darin zu schlafen, zumindest für mich nicht. Draußen verzog sich der Nebel. Vor dem bodentiefen Fenster im Arbeitszimmer schwamm schon schüchtern ein bisschen Licht. Der Schatten des Geländers lag darüber wie ein filigraner Steg. Auf dem Schreibtisch trieb das Notebook dahin. Ich ging über den Steg und klappte es auf. Ich horchte hinaus, aber das Krächzen der Krähen war verklungen.

Ich tippte:

Echo

Lenkt Hera mit endlosen Erzählungen ab, um die Seitensprünge von Zeus zu vertuschen. Folge des Vertrauensbruchs: Echo wird der Sprache beraubt, kann nur noch die letzten an sie gerichteten Worte wiederholen und sich so nicht mehr verständlich machen.

Ich tippte:

Depersonalisation

Weiter kam ich nicht, weil ich mich auf einmal beobachtet fühlte. Ich klappte das Notebook zu.

„Frau Miller?“, fragte ich aus dem Zimmer in Richtung Gang und Küche.

Immerhin hatte sie einen Schlüssel, und die Türklingel hatte vielleicht einen Wackelkontakt oder war kaputt. Das Notebook seufzte und ging aus. Auf dem Dachgiebel gegenüber erkannte ich ein paar Krähen im Grau des Morgens. Sie waren also gar nie verschwunden, sie lauerten still in meiner Nähe und starrten herüber. Vermutlich starrten sie wie ich auf den Ballon ganz oben in der Krone der Platane. Groß und gelb zuckte er im Morgenwind, der durch die Äste wischte und den Nebel vertrieb. Vom Ballon schauten eckige Augen in die Runde. Sie glotzten zu den Krähen auf dem Giebel und ins bodentiefe Fenster, hinter dem in aller Herrgottsfrüh ein Mann mit einem Teebecher in der Hand stand. Das rautenförmige rotschwarze Muster auf dem Ballon erinnerte den Mann an Raubvogelaugen und an das Indianerkostüm, das er als Kind mal im Fasching getragen hatte. Der Ballon musste sich nachts im Baum verfangen haben.

„Heute wird das Wetter doch noch schön“, sagte Melitta Miller hinter mir.

Sie konnte also nicht nur Gummibäume und Gießkannen aus der Zimmerecke wachsen lassen, sondern auch sich selbst.

Schon wieder völlig unvorbereitet bemerkte ich überflüssigerweise: „Da hat sich ein Ballon verfangen.“

Melitta Miller streifte ihre Lederhandschuhe ab und sagte: „Ich habe gestern Abend nichts Besseres mehr bekommen. Nur diesen Vogelschreckballon.“

Ich stellte mir vor, wie die gut gekleidete Frau mit den behandschuhten Händen nach dem ersten Platanenast griff, um im Dunkeln auf den mächtigen Baum zu klettern, drei Stockwerke hoch. Unten stand einer, den Rücken an den feuchten, glitschigen Baumstamm gepresst, ein Mann mit einer Schiebermütze auf dem Kopf gegen die Kälte und die Feuchtigkeit. Er faltete seine Finger fest ineinander, um die Räuberleiter zu machen, damit die Frau überhaupt bis zum ersten Ast kam, von dem aus sie sich weiter hinaufstemmen konnte. Die Rinde war glatt und schmierig, trotz Handschuhen. Hochstämmige Platanen sind an und für sich keine guten Kletterbäume. Nicht einmal bei trockenem Wetter.