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Komisch und offenherzig: Sex and the City … und die Folgen Das Leben ist eine Party. Klar, dass Rebecca auf ihrer Verlobung ein paar Gläser Champagner und ein paar Cosmos mehr trinkt als üblich. Am Morgen danach schrillen in Rebeccas Kopf alle Alarmglocken. Sie hatte Sex. Gut. Ohne zu verhüten. Was?! Das Ergebnis dieser Nacht wird bald unübersehbar. Schwanger werden ist nicht schwer, schwanger sein dagegen sehr.
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Seitenzahl: 406
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Rebecca Eckler
Kleine Überraschung
Tagebuch einer unerwarteten Schwangerschaft
Aus dem Englischen von Catrin Frischer
Ihr Verlagsname
Komisch und offenherzig:
Sex and the City … und die Folgen
Das Leben ist eine Party. Klar, dass Rebecca auf ihrer Verlobung ein paar Gläser Champagner und ein paar Cosmos mehr trinkt als üblich. Am Morgen danach schrillen in Rebeccas Kopf alle Alarmglocken. Sie hatte Sex. Gut. Ohne zu verhüten. Was?!
Das Ergebnis dieser Nacht wird bald unübersehbar.
Schwanger werden ist nicht schwer, schwanger sein dagegen sehr.
Rebecca Eckler ist Kanadas bekannteste Journalistin. Die Kolumnistin schrieb u.a. für «Elle» und «Mademoiselle» und hatte ihre eigene Fernsehshow. Ganz nebenbei ist sie begeisterte Mutter.
Für SJC alias der Verlobte, der mir immer der Liebste ist …
Und natürlich für Rowan Joely,unser Baby.
oder Die längsten drei Monate meines Lebens
O SCHEISSE!
Habe ich … haben wir … ist er … in mir?
Ich bin wach. Oder? Ich bin bei Bewusstsein. Oder? Ich fühle mich nicht wie ich selber. Irgendwas hat sich verändert.
O GOTT! Diese Boxershorts können doch noch nicht jetzt schon strammer sitzen? So was kann doch mir nicht passieren. Mir. Von allen Leuten. O Gott. Gerade hat sich etwas bewegt.
O Gott. ICH HAB DIE PANIK!
Ich kann nicht glauben, dass ich … dass wir … dass er … in mir.
Aber wir haben.
SCHEISSE!
Es ist noch viel zu früh, um an einem Sonntag so wach zu sein. Ich schleiche mich jetzt aus dem Bett, gehe leise in die Küche und mache mir in der Mikrowelle den Rest von Starbucks’ fettarmem Vanille-Milchkaffee von gestern Nachmittag warm. Ich brauche Koffein. Ich kann jetzt unmöglich weiterschlafen. Ich muss sofort den Panikanruf tätigen. Ich muss unbedingt mit Lena reden. Aber der Verlobte schläft noch – oder tut so, als ob er schliefe. Wie kann er nur schlafen – in so einer Situation? Mensch, muss das schön sein, ein Mann zu sein.
Männer können alles verschlafen. Das ist supernervig. Der Verlobte darf nicht merken, dass ich ausflippe. Unter keinen Umständen darf er das Panikgespräch mithören, das ich so bald wie möglich mit Lena führen muss. Besser: sofort. Wenn der Verlobte wüsste, worüber Lena und ich wirklich reden, würde er nie wieder etwas mit mir oder irgendeiner anderen Frau zu tun haben wollen. Nach letzter Nacht stehen die Chancen nicht schlecht, dass der Verlobte schon jetzt nichts mehr mit mir zu tun haben will, und wahrscheinlich ist es meine Schuld, dass Frauen ihm nun auf ewig zuwider sein werden.
Als guter Mensch wäre ich jetzt unterwegs, um dem Verlobten Bagel zu kaufen oder sonst was. Aber ich bin ein wirklich schlechter, schlechter Mensch. Auch wenn der Verlobte nicht hier wäre, ist es noch viel zu früh, Lena anzurufen. Zuletzt habe ich sie, glaube ich, gegen zwei Uhr morgens beim Breakdance auf der Tanzfläche gesehen, als sie mit ihrem Becken rhythmische Stöße vollführte. Für eine achtunddreißigjährige volltrunkene Frau, die zu Eminem tanzt, machte sie eigentlich keine schlechte Figur. Auch sie wird heute Morgen die PANIK haben und ihren Kater mindestens bis Mittag ausschlafen. Genau das hätte ich auch getan, wenn die PANIK nicht so verheerend wäre, dass sie mich wie ein Schlag ins Gesicht so verdammt früh weckte. Ich glaube, ich hyperventiliere.
Habe ich … haben wir … ist er … in mir?
Scheiße, Scheiße, Scheiße!
Die PANIK tritt immer dann ein, wenn verschwommene Erinnerungen an trunkene Dummheiten mit einem Mal glasklar Gestalt annehmen. Wenn die nackte Angst der PANIK einen trifft, bleibt nur eines: zurück ins Bett gehen, die Decke über den Kopf ziehen und nie, nie wieder das Haus verlassen. Entweder das oder der Panikanruf bei der besten Freundin, mit der man dann versucht, aus den spärlichen Erinnerungsfetzen das nebulöse Puzzle der vorhergehenden Nacht zusammenzustückeln. Man kann ja doch nur eine gewisse Zeit im Bett bleiben, egal, wie peinlich einem die Sache ist.
Der Panikanruf nach einer Nacht mit viel zu vielen Drinks kann Stunden dauern. Immer, wirklich immer beginnt das Gespräch mit den Worten «O Gott, ich hab die PANIK» und setzt sich dann mit viel Gelächter, Klatsch und harmlosem (und einer Menge nicht so harmlosem) Geläster fort. Es endet immer mit dem Gelübde, «nie im Leben wieder so viel zu trinken».
Wenn dies ein typischer Morgen danach mit der PANIK wäre und der Verlobte nicht nebenan schlafen beziehungsweise so tun würde, als ob er schliefe, würde ich Lena erzählen, dass ich mit meinem Chef geflirtet habe, dass einer meiner verheirateten Kollegen mir plötzlich von hinten die Arme um die Taille gelegt und mir ins Ohr geflüstert hat: «Dass du jetzt verlobt bist, muss ja nicht heißen, dass wir nichts mehr miteinander anfangen können, was?» Ich würde Lena erzählen, dass ich glaube, eine betrunkene Frau angebrüllt zu haben, die mir ihren Drink hinten in mein 900-Dollar-Kleid gekippt hatte, sodass der Stoff an mir klebte wie ein lästiger Verehrer. Oder hatte ich den Drink verschüttet? Wie auch immer, all das war jedenfalls letzte Nacht auf der Party passiert. Aber es erscheint mir völlig harmlos, wenn man bedenkt, was geschehen ist, nachdem der Verlobte und ich irgendwie zurück in meine Wohnung gelangt waren. Wie sind wir eigentlich zurückgekommen?
Habe ich … haben wir … ist er … in mir?
Lena würde mir erzählen, dass sie einen Mann geküsst hat, dessen Namen sie nicht mal kannte, und dass sie sich nicht daran erinnerte, wie oder wann sie nach Hause gekommen war – so ist das immer, wenn Lena zu viel getrunken hat. Wir würden Tränen lachen und über unsere Blödheit stöhnen. Wir würden einander versichern, dass nichts, was in unserem berauschten Zustand vorgefallen war, allzu schlimm gewesen war. Sicherlich waren alle anderen so betrunken gewesen, dass ihnen unser schlechtes Benehmen gar nicht aufgefallen war. Tatsache ist: Ich freue mich auf den Panikanruf. Ehrlich gesagt, ich liebe ihn. Ist der Panikanruf fällig, war es eine Wahnsinnsnacht. Je länger der Panikanruf, desto besser und spektakulärer die Nacht.
Aber dies hier ist kein typischer PANIK-Morgen. Ich habe eine total irre Wahnsinnspanik. Beschickert vom Alkohol und high von der Aufregung, bin ich letzte Nacht ins Bett gegangen, hab mit meinem betrunkenen Verlobten gekuschelt und gedacht, wie wundervoll mein Leben mit diesem Mann sein wird, wie sehr ich ihn liebe und was ich für ein Glück habe, dass er mich liebt. Ich hab mir nicht mal die Zähne geputzt, bevor ich ihn auf mich gezerrt habe. Jetzt habe ich Angst, bin schuldgeplagt und so nüchtern wie eine Klosterfrau. Die Chancen stehen gut, dass der Verlobte mich abserviert nach dem, was passiert ist; worum ich ihn angefleht habe. Es war ganz allein meine Schuld. Irgendwie.
Mit einer Party für hundertfünfzig unserer engsten Freunde haben wir gestern Abend unsere Verlobung gefeiert. Die Party war auch meine Schuld. Für alles, was in einer Beziehung passiert, kann man schließlich jemandem die Schuld geben. Es war meine «glänzende Idee» gewesen, unsere Verlobung zu feiern. Was hab ich mir nur dabei gedacht?
Ich war diejenige gewesen, die ihn vor zwei Monaten morgens im Büro angerufen hatte. «Wir machen eine Verlobungsparty. Das macht man so, wenn man sich verlobt hat. Wir sind jetzt schon zwei Monate verlobt, und ich will das mit unseren Freunden feiern. Wir machen diese Party, egal, was du dazu sagst», ließ ich ihn wissen. Wir stritten uns. Er wollte warten, bis wir beide ein bisschen weniger zu tun hatten, was niemals der Fall sein würde. Ich sagte ihm, er müsse keinen Finger rühren, er brauche nur zu kommen. Nicht mal einen neuen Anzug würde er sich kaufen müssen. Das meinte ich ernst, damals. Ehrlich. Aber dann, nachdem ich den Partyservice engagiert und meine Gästeliste (sechzig Leute, die ich mochte, sechzig Leute, die ich nicht mochte, und dreißig Gegeneinladungen) aufgestellt hatte, langweilte mich das Ganze total. Irgendwann telefonierte der Verlobte öfter mit dem Partyservice als ich. Er stellte das Menü zusammen (Rösti, geschmorter Strauß, Sorbet von grünem Tee), die Getränke (zwölf Jahre alter Scotch und Champagner waren ein Muss) und die Musik (die Top 40 und Soul Funk). Und er bezahlte die ganze Sache (ungefähr eine Jahresmiete). All das ist typisch. Immer habe ich die «glänzenden Ideen», und dann, sehr zu seiner Verärgerung, muss er sie zwangsläufig umsetzen. Der Verlobte ist verantwortungsbewusst und führt zu Ende, was er angefangen hat. Ich bin nicht verantwortungsbewusst und werde nicht mal mit einem Sandwich fertig, ohne nach der Hälfte davon gelangweilt zu sein. Die Planung unserer Verlobungsparty hatte zur Folge, dass in unserer Beziehung eine neue Regel aufgestellt wurde. «Beck, wenn du wieder einmal eine deiner glänzenden Ideen hast, werden wir eine fünftägige Abkühlungsfrist einhalten, und dann entscheiden wir, ob wir es wirklich machen wollen», schlug er vor.
«Ab sofort läuft das so, einverstanden?»
Ich war einverstanden.
Wenigstens für unsere Gäste war das Fest ein Erfolg. Wir zeigten, dass wir ein fabelhaftes Paar waren; in der Lage, eine fabelhafte Party für unsere fabelhaften Freunde zu geben. Es gab fabelhaft viele Getränke, und als ich letzte Nacht ins Bett ging, fühlte ich mich wie eine fabelhafte sexy Frau auf dem Gipfel der Welt, eine Frau, die es schafft, auf zehn Zentimeter hohen Stilettos zu tanzen, eine Frau, die von verheirateten Männern angemacht wird, während sich ihr Verlobter im selben Raum aufhält, eine Frau, die fröhlich mit ihrem Boss flirtet. Ich habe kein Problem damit, dass verheiratete Männer mich anmachen. Ich habe kein Problem, mit meinem Chef zu flirten, das macht die Arbeit um einiges interessanter. Aber mit dem, was jetzt geschehen ist, habe ich ein Problem. Das kann doch mir nicht passieren. Ausgerechnet.
Ich wache auf und bin schwanger.
Schwanger? Ich? Das ist wie ein schlechter Witz, ein Widerspruch in sich. Das passt überhaupt nicht zu mir. «Lena. Gott sei Dank. Ich habe die PANIK», schrei ich ins Telefon. Endlich bin ich allein, und endlich hat Lena den Hörer abgenommen. Seit fünfundzwanzig Minuten versuche ich zu ihr durchzukommen und drücke, völlig von Sinnen, die Wiederwahltaste, wie eine Cracksüchtige, die von ihrem Dealer Nachschub braucht. Ich wusste, dass Lena irgendwann an den Apparat gehen würde. Man kann ein klingelndes Telefon nicht ewig ignorieren.
«Himmel. Warst du das die ganze Zeit? Also, was ist los? Du hast besser eine gute Story parat. Ich glaube, ich bin immer noch betrunken», sagt Lena. Sie hat eine Stimme wie ein Frosch. Hört sich an, als wäre sie unter einen Laster gekommen.
Also erzähle ich es ihr. «Ich bin schwanger.»
«Du bist nicht schwanger», antwortet Lena. Sie seufzt und macht ein grauenhaftes Geräusch mit ihrem Hals.
«Du hast nur die PANIK.»
Ich kann’s nicht fassen. Habe ich nicht mehr verdient als ein Seufzen, ein Räuspern und Herablassung? Als ich beim letzten Panikanruf erzählte, dass Shannons Exfreund und Herzensbrecher vor kurzem mit einer unserer gemeinsamen Freundinnen im Bett gewesen war und Shannon davon keine Ahnung hatte, war der Effekt größer gewesen. Ehrlich gesagt hatte ich sogar einen größeren Effekt erzielt, als ich ihr eröffnete, dass Scott Foley und Jennifer Garner sich getrennt hatten. Was ich ihr eben eröffnet habe, ist so viel größer. Es ist lebensverändernd.
Der Verlobte ist vor etwa einer halben Stunde gegangen, weil er sein Flugzeug kriegen musste. Wir waren irgendwie befangen miteinander. Er konnte mich kaum ansehen. «Ich habe überhaupt nicht geschlafen», hatte der Verlobte gesagt und einen Haufen zerknüllter Sachen in seine Reisetasche gestopft.
«Tatsächlich? Warum?», fragte ich und stellte mich dumm – obwohl ich erfreut war zu erfahren, dass er sich nur schlafend gestellt hatte. «Für mich sah es so aus, als lägst du im Koma.» Er hatte ebenfalls viel getrunken – viel zu viel, um ehrlich zu sein. Um sich so gehen lassen zu können, musste er wirklich total hinüber sein. Er ist Wirtschaftsanwalt, er durchdenkt alles, deshalb bewundere ich ihn. Ich durchdenke nie irgendwas, und bislang war ich der Meinung, das wäre einer meiner schrulligen Reize. Er hätte es wirklich besser wissen und nicht auf mich hören sollen, als ich stöhnte: «Komm in mir. Ich will dich in mir spüren.» Also wirklich. Was war denn aus der fünftägigen Abkühlungsfrist geworden? Schließlich war die fünftägige Abkühlungsfrist doch seine hervorragende Idee gewesen.
«Ich habe einfach nicht geschlafen», sagte er mürrisch. Die PANIK hatte ihn offensichtlich noch schneller gepackt als mich. Ich hatte mehr oder weniger das Bewusstsein verloren, nachdem «es» passiert war. Ich hatte also wenigstens ein paar Stunden alkoholbedingten Schlummer abgekriegt. Hatte der Verlobte die ganze Nacht wach gelegen, weil er sich Sorgen machte wegen unserer Tat, oder konnte er aus ganz anderen Gründen nicht schlafen, zum Beispiel weil es zu warm im Zimmer war? Das frage ich mich.
Ich wollte so tun, als sei nichts geschehen, deshalb versuchte ich es nicht mal ansatzweise mit einem «Ach, mach dir keine Sorgen». Ich dachte, wenn ich nicht davon anfing, wäre es vielleicht nicht wahr.
Mancher würde vielleicht behaupten, der Verlobte und ich hätten eine verquere Beziehung. Ich sage, wir haben eine «moderne» Beziehung. Wir haben nie zusammengelebt, haben nie ernsthaft in Erwägung gezogen zusammenzuleben – auch nicht, nachdem wir uns verlobt hatten. Er wohnt in einer anderen Stadt, und wir besuchen uns ein paarmal im Monat. Das bedeutet, dass wir einander immer vermissen. Und das habe ich von kaum einem anderen mir bekannten Paar gehört, das unter ein und demselben Dach lebt. Wir sind glücklich, so wie es ist. Er hat sein Leben und ich habe mein Leben. Wenn man nicht mit seinem Partner zusammenwohnt, und ganz besonders, wenn man nicht in derselben Stadt lebt, kann man sich ein bisschen als Single fühlen. In einer Fernbeziehung kriegt man das Beste aus beiden Welten ab. Ich bin noch nicht bereit, mein Singleleben ganz aufzugeben. Flirten macht viel zu viel Spaß. Trotz meiner Verlobung, seit der ich einen Diamantring von zwei Karat am Finger habe, vergesse ich manchmal einfach, dass ich nicht solo bin. Der Verlobte liebt sein Singledasein ebenfalls. Für ihn wäre es das Schlimmste überhaupt, wenn wir zu einem dieser langweiligen Paare mutieren würden, die alles gemeinsam machen – und sich sogar die E-Mail-Adresse teilen. Würg. Wir haben immer gesagt, dass wir NIE so ein Paar werden wollen. Ich mache ihm nie die Hölle heiß, wenn er lange mit Freunden unterwegs ist, weil ich nie genau weiß, wann er eigentlich nach Hause kommt. Er kann nicht meckern, dass ich meine Teller tagelang auf dem Couchtisch stehen lasse, weil er es sich nicht Tag für Tag ansehen muss. Wir haben die perfekte Beziehung.
«Ich bin schwanger», sage ich zu Lena, während ich mir den Starbucks-Kaffee von gestern zum vierten Mal warm mache und mir eine Zigarette anzünde. Keiner kann von mir erwarten, dass ich sofort aufhöre. Rauchen ist eine Sucht. Außerdem weiß ich erst seit – na, vielleicht fünf Stunden, dass ich schwanger bin.
«Wie ist das denn passiert?», fragt Lena, die plötzlich (und dafür bin ich sehr dankbar) etwas aufmerksamer klingt. Vielleicht war ihre Gleichgültigkeit nur eine Schockreaktion auf meine Eröffnung.
«Na ja, ein Junge und ein Mädchen finden zusammen, ziehen sich nackt aus und der Junge steckt seinen …»
«Schon gut, hör auf. Du weißt, was ich meine.»
«Soll ich es auf die Cosmopolitans schieben? Oder das Kleid?», frage ich. «Es waren die Cosmos und das Kleid. Eine tödliche Mischung, die mich Dinge tun ließ, die ich im nüchternen Zustand oder in Jeans und einem T-Shirt nie getan hätte. Ich hätte Jeans anziehen und den ganzen Abend Perrier trinken sollen. Dann sähe mein Leben heute Morgen völlig anders aus.»
Ich hatte ein aufreizendes schwarzes Kleid getragen, so eins, unter dem man unmöglich einen BH tragen kann. Ich zeigte Dekolleté. Ich war es nicht gewohnt, so etwas zu tun, und der Verlobte war es offenbar nicht gewohnt, so etwas zu sehen. Ich glaube, es gefiel ihm. Vielleicht sogar ein bisschen zu sehr. Ich habe schon immer Frauen beneidet, die ganz entspannt und angstfrei ihr Dekolleté vorzeigen können, meine Freundin Amy zum Beispiel, deren Brüste nicht selten öffentliche Auftritte haben. Amy sagt Sachen wie: «Heute Abend führ ich die Mädels aus», wenn man sie fragt, was sie zur Cocktailparty trägt. Wenn sie «die Mädels ausführt», präsentiert sie uns zwei perfekt geformte Rundungen. Nicht genug damit, dass Amys Brüste auf Partys von so genannten Tit-Talkern angesprochen werden – das ist der Typ Mann, der dir auf den Busen guckt, während er mit dir spricht –, man redet auch noch von ihren Brüsten, wenn sie schon gegangen ist. Und Sie wissen ja, was man so sagt: Nur eins ist schlimmer, als dass über einen geredet wird, nämlich wenn nicht über einen geredet wird. Das gilt auch für Brüste. Nur für einen einzigen Abend in meinem Leben wollte ich, dass über meine Brüste geredet wurde. War das denn so verkehrt?
Als ich das letzte Mal zählte, hatte ich sechs Cosmopolitans getrunken und ein paar Flöten Champagner. Ich hätte nach zwei Gläsern Champagner aufhören sollen, da war ich nämlich schon beschwipst. Klar, das war ungefähr fünfzehn Minuten nach unserem Eintreffen auf der Party. Ich bin immer ziemlich schnell hinüber. Aber gestern Abend musste ich einfach viel trinken. Es gab doch was zu feiern! Die Cosmos mit echten Cranberrys gingen runter wie Kool-Aid. Ich mag Kool-Aid. Mein Gott, eine neunundzwanzig-jährige Frau, die Kool-Aid mag – ganz sicher nicht muttertauglich. Ich kann nicht schwanger sein. Mal abgesehen davon, dass ich weiß, dass ich schwanger bin.
«Das war ein umwerfendes Kleid», bekräftigt Lena. «Und die Drinks. Einfach spektakulär. Ich hatte so etwa zwölf davon.»
Ich kann mich nicht dazu überwinden, ihr die Wahrheit zu sagen, obwohl ich Lena eigentlich fast alles erzähle. Dass ich selbst Schuld habe, dass ich jetzt schwanger bin, und nicht das Kleid und die Promille.
«Du bist nicht schwanger», seufzt Lena wieder einmal.
«Wie wahrscheinlich ist denn das?»
«Du hast Recht. Aber ich fühle mich anders. Ich fühle mich schwanger.»
«Wie kannst du denn nur fünf Stunden nachdem du ungeschützt Sex hattest, wissen, dass du schwanger bist? Was spürst du denn genau?»
«Nun, erst mal hab ich Kopfschmerzen und mir ist übel, so was wie morgendliche Übelkeit. Mir ist schlecht, so als müsste ich jeden Augenblick kotzen.»
«Meine Güte!», sagt Lena und betont jede Silbe überdeutlich. «Du hast einen Kater! Aua. Und du nervst. Mein ganzer Körper tut weh. Du hast Kopfschmerzen und fühlst dich zum Kotzen? Ich auch! Vielleicht bin ich auch schwanger! Bedauerlicherweise habe ich letzte Nacht mit niemandem geschlafen, aber wir haben dieselben Symptome. Wahrscheinlich bin ich auch schwanger.»
«Es reicht, es reicht. Ich versteh dich ja. Du hast Recht. Du hast Recht», pflichte ich ihr bei. «Ich habe einfach nur einen Kater. Auf gar keinen Fall bin ich gleich schwanger, nur weil ich ein einziges Mal ungeschützt Sex hatte. Kann überhaupt nicht angehen. Aber, Lena?»
«Jaaaa?»
«Ich bin schwanger.»
«Ich gehe jetzt wieder ins Bett. Ich rufe dich später an. Du bist nicht schwanger. Ich habe auch die PANIK. Weißt du eigentlich, dass ich nicht genau weiß, wie ich nach Hause gekommen bin? Ich erinnere mich dunkel an einen Kuss in einem Taxi, und dann bin ich rausgesprungen, bevor es weitergehen konnte. Ich hab keine Ahnung, wer der Typ war. Nie, nie wieder werde ich so viel trinken.»
So ist Lena. Obwohl ich ihr gerade die größte aller Neuigkeiten mitgeteilt und damit dem Panikanruf eine völlig andere Dimension gegeben habe, bringt sie das Gespräch immer wieder auf sich selbst. Das ist eine ihrer Qualitäten. Mit der Zeit lernt man das lieben.
«Lena, ist dir eigentlich klar, dass ein Kind gezeugt wurde, während du zu Eminem Breakdance gemacht hast?», frage ich sie.
Ich kann ihre Ichbezogenheit übertrumpfen. Das ist meine Qualität.
«Du könntest das Kind Cosmo nennen», sagt Lena. «Du weißt schon, nach den Drinks.»
Der Panikanruf endet abrupt. Ich lege auf.
Letzte Nacht konnte ich überhaupt nicht schlafen. Ich habe drei Ibuprofen genommen, um die Kopfschmerzen zu verscheuchen, die den ganzen Tag nicht weggegangen waren. Ich bin nicht gerade begeistert davon, möglicherweise schwanger zu sein. Der Verlobte und ich haben noch nicht mal über einen Termin für die Hochzeit gesprochen. Ja, wir haben nicht mal darüber gesprochen, wann wir uns das nächste Mal sehen werden. Er hat mich nicht angerufen, ehe er gestern in sein Flugzeug gestiegen ist, was er sonst immer macht. Das war gut so. Ich bin mir sicher, hätte er angerufen und mir gesagt, er liebe mich, hätte ich so was Schwachsinniges gesagt wie: «Vielleicht bin ich schwanger», und mit diesen vier Worten hätte ich ihm nicht nur den Flug ruiniert, sondern sein Leben. Ich kann noch damit warten, sein Leben zu ruinieren. Jedenfalls ein paar Tage.
Eine Schwangerschaft wird mein Leben mit Sicherheit ruinieren. Ein Leben, das ziemlich einfach, aber durch und durch erfreulich war. Mein Leben sind Partys mit Freunden, Panikanrufe am Morgen danach, Powerkurse im Fitnessstudio, damit mein Hintern in tief sitzende Jeans passt, und meine Zeitungskolumne. Ich werde gut bezahlt und arbeite nur ein paar Stunden am Tag, den Rest der Zeit telefoniere ich mit Freundinnen. Zweimal im Monat besuche ich den Verlobten. Maximale Vergütung bei minimalem Aufwand, für mich kam das prima hin.
Ich bin mir ziemlich sicher, dass der Verlobte und ich nicht so gut miteinander auskämen, wenn wir unter demselben Dach wohnten. Samstagmorgen zum Beispiel hat er Zustände gekriegt, weil ich ein nasses Handtuch auf dem Bett abgelegt hatte; mal wieder. «Meine Lebensgefährtin ist ein Kind», sagte er und stürmte aus dem Schlafzimmer. Mit diesem Spruch kommt er mir oft. «Meine Lebensgefährtin ist ein Kind», sagt er, wenn wir essen gehen und ich Hähnchennuggets von der Kinderkarte bestelle. Ich mag Hähnchennuggets. «Wie ein Kind», sagt er wenn er sieht, dass ich mir ein Eiscremesandwich mit Waffeln mache. Ich mag Waffel-Eiscreme-Sandwiches. «Wie mit einem Kind», sagt er, wenn ich den Deckel nicht wieder auf die Zahnpastatube schraube, was ja nun wirklich nicht das allergrößte aller Vergehen ist. Wie schuldig muss ich mich denn fühlen, wenn ich einen Klecks Colgate auf dem Waschtisch hinterlasse? Ich bin ja kein Schwarzgeldschieber oder Mörder.
Falls ich nicht schwanger bin, werde ich nie, nie wieder ein nasses Handtuch auf dem Bett liegen lassen. Falls ich nicht schwanger bin, werde ich zumindest nie, nie wieder ein nasses Handtuch auf seiner Seite des Bettes liegen lassen – wenn er zu Besuch ist. Das kriege ich ziemlich sicher hin, falls ich nicht schwanger bin.
Der Verlobte hat ja irgendwie Recht. Ich bin neunundzwanzig Jahre alt und nicht muttertauglich.
Welche Mutter isst denn schon lieber «Fruit Loops» als «Special K» zum Frühstück? Welcher Mutter wird denn schon viermal im Jahr das Telefon gesperrt, weil sie vergisst, ihre Rechnung zu bezahlen? Welche Mutter besitzt denn nur drei Gabeln, ein Messer, zwei Löffel und zwölf Werbetassen, die man ihr in den Verlag geschickt hat? Ich hab nicht mal Topflappen. Das eine Mal, als ich in der Küche einen heißen Teller anfassen musste, habe ich meine Badematte benutzt. Monatelang vergesse ich, meine Pflanzen zu gießen. Ich weiß nicht mal, wie die Pflanzen überhaupt in die Wohnung gekommen sind. Bin aber sicher, dass ich nie irgendwelche Pflanzen gekauft habe, ihre Gegenwart in meiner Wohnung ist also ein totales Mysterium.
Das Schlimmste daran, zum gegenwärtigen Zeitpunkt schwanger zu werden, wäre, dass ich so nah dran gewesen bin, mein Ziel zu erreichen: ein Bauch wie Janet Jackson. Dank endloser Stunden im Fitnessstudio und meinem persönlichen Trainer ist mein Bauch momentan so flach wie nie zuvor. Meine Karriere, ich schreibe die «Girls»-Kolumne in der Zeitung, geht auch endlich so richtig ab. Meine einzige Daseinsbestimmung ist es, ein schillerndes Leben zu führen, zur Eröffnung der trendigsten Bars und auf Partys zu gehen, um Material zu sammeln, damit ich darüber schreiben kann, wie es ist, eine junge Frau in der Großstadt zu sein. Und wenn ich mich dabei auch nicht immer grenzenlos amüsiere, ist es doch mein Job, so zu tun, als amüsierte ich mich mehr als alle anderen. Werde ich fett, kriegt eine magere, jüngere Reporterin mit einem Bauch so flach wie ein Tresen meinen Job und macht ihn besser. Und ich werde gefeuert. Die ganze Sache ist eine Katastrophe.
Wie habe ich nur so blöd sein können? Ich hab mir mein Leben ruiniert. Ich werde nie wieder vögeln. Ich meine, ich werde nie wieder ungeschützt vögeln. Sex ohne Verhütung ist keine gute Idee, das gilt auch für dieses schwarze Kleid, das ich anhatte. Zehn Minuten großartiger Sex, und mein Leben ist vorbei. Aber ein anderes Leben hat gerade begonnen. Das Leben geht ganz offensichtlich nicht los, wenn man gerade einen Haufen anderer Pläne hat. Das Leben geht los, wenn es viel zu trinken gibt.
Vielleicht habe ich mein Leben nicht komplett ruiniert. Es ist doch besser, eine junge Mutter zu sein wie Reese Witherspoon statt eine alte wie Madonna, oder? Reese hat es geschafft, zwei Kinder zu kriegen, ehe sie achtundzwanzig war. Sie sieht auf jedem roten Teppich umwerfend aus und verdient 15 Millionen Dollar pro Film. Sie ist der Liebling der Amerikaner. Da ich (einigermaßen) jung bin, wird mein Körper schneller wieder straff, wenn ich jetzt ein Baby kriege. Meine Eizellen bleiben ja nicht ewig fit. Lena, die achtunddreißig und immer noch Single ist, stöhnt ständig darüber, dass ihre Eizellen alt und ihre Eierstöcke vermutlich so eingetrocknet sind wie Backpflaumen. Ich wollte doch irgendwann sowieso Kinder, oder etwa nicht? So wie es jetzt aussieht, wird mein Kind den ganzen Tag in der Schule sein, wenn ich erst fünfunddreißig bin. Jetzt ist tatsächlich der ideale Zeitpunkt für eine Schwangerschaft. Ich bin fest angestellt. Bei meiner Zeitung gibt es Vergünstigungen. Ich kann Mutterschaftsurlaub nehmen. Ich kann nach der Geburt immer noch von zu Hause aus arbeiten. Der Verlobte wird ein großartiger Vater sein.
Der Verlobte ist wirklich bestens vatertauglich. Das habe ich schon oft gesagt. «Der ist definitiv ehemann- und vatertauglich», habe ich zu meinen Freundinnen gesagt, als der Verlobte und ich uns kennen lernten. Und sie haben genickt und genau gewusst, was ich damit meinte. Frauen wissen immer, was gemeint ist, wenn man einen Mann, mit dem man ausgeht, so beschreibt. Es bedeutet, dass der Typ die ideale Kombination aus Versorger und Beschützer, Hirn und Muskeln ist, dass er immer ans Telefon geht, wenn du anrufst, egal, wie viel er gerade zu tun hat.
Okay, diese Schwangerschaft war nicht geplant. Aber die besten Dinge in meinem Leben waren nicht geplant. Ich hatte nicht geplant, Zeitungsreporterin zu werden. Ich hatte nicht geplant, mich zu verlieben und fünf Jahre lang eine Fernbeziehung zu führen. Shit happens. Und eigentlich haben all die ungeplanten Dinge in meinem Leben meistens etwas Gutes gehabt. Das ist so, als wollte man nur mal eben zum Brunch gehen, entscheidet sich dann aber spontan fürs Shoppen und findet dabei die eine Hose, in welcher der eigene Hintern aussieht wie ein reifer Pfirsich. Wirklich, ist ‘ne gute Sache.
Wem will ich hier eigentlich was vormachen? Der Verlobte wird mich sitzen lassen. Mein Boss wird mich feuern. Meine Eltern werden nie wieder mit mir reden. Ich werde eine unverheiratete, allein erziehende, arbeitslose Mutter sein, die nur noch durch die Postanweisungen für die Alimente Verbindung zum Vater ihres Kindes hält. Ich habe mein Leben ruiniert und das dieses ungeborenen Kindes dazu.
Kein Mensch glaubt mir. Meine andere beste Freundin, Ronnie, weigert sich anzuerkennen, dass auch nur die geringste Möglichkeit bestehen könnte, dass ich geschwängert bin. Und es ist keineswegs so, dass ich die Worte «Ich bin schwanger» täglich aussprechen würde. Irgendwie verletzt es mich, dass kein Mensch mich ernst nimmt.
«Du bist nicht schwanger», hatte Ronnie gesagt und in den Hörer gelacht. Ich hatte angenommen, Ronnie würde verstehen, was ich durchmache. Wir sind gleichaltrig, aber wir führen völlig unterschiedliche Leben. Wir sind zusammen aufs College gegangen. Sie hat gleich nach dem Abschluss geheiratet, während ich den überaus wichtigen Job übernahm, den Gästen einer allabendlichen Talkshow im Warteraum Kaffee einzuschenken. Damals ging ich mit dem Drummer einer Band ins Bett, deren Namen ich lieber nicht erwähne, das wäre zu schmerzhaft. Ronnie war fast noch Jungfrau, als sie heiratete. (Sie hatte nur mit zwei Männern geschlafen und mit einem davon nur so halb. Bis heute ist ihr nicht ganz klar, was da eigentlich passiert ist.) Ihr erstes Kind bekam sie mit fünfundzwanzig, ihr zweites mit siebenundzwanzig und ihr drittes mit neunundzwanzig. Wir telefonieren fast jeden Tag – für ungefähr drei Minuten. Unweigerlich fangen dann ihre Kinder im Hintergrund an zu kreischen und sie muss losrasen und sich um sie kümmern, wie es sich für Mütter eben gehört. Und Ronnie ist eine sehr gute Mutter. Während sie ihre Kinder in den Hort, in die Schule oder zum Musikunterricht karrt, schlafe ich normalerweise noch. Während sie fleißig Kekse für Wohltätigkeitsveranstaltungen backt und damit gewährleistet, dass ihre Kinder in gute Privatschulen aufgenommen werden, feiere ich Partys mit meinen Freunden. Ich weiß, wie ihre Kinder heißen, aber ihre Geburtstage könnte ich beim besten Willen nicht sagen. Ihren vierjährigen Sohn hab ich mehr oder weniger angebrüllt, als ich Ronnie heute Morgen anrief.
«Brad? Ich muss mit deiner Mama sprechen», sagte ich.
«Meine Mama?»
«Ja, deine Mama. Ist sie da?»
«Ja.»
«Kann ich mit ihr sprechen? Bitte?»
«Ja.»
«Äh, Brad, mein Süßer? Hol deine Mama. JETZT GLEICH!»
«Wer ifft da?» Gott, wird mein Kind auch mal so blöd?
Aber natürlich, Brad ist vier. Vielleicht sind alle Vierjährigen blöde.
«Hier ist Mamas Freundin Rebecca. Wo ist deine Mama?»
«Weif ich nicht. Magft du Harold?»
«Nein. Ich mag Harold nicht. Wer ist Harold?» Grrr. Warum bin ich denn in die Falle gegangen?
«Daf ifft Mrf. Thompsons Vogel.» Ich frag nicht, wer Mrs. Thompson ist. Ich frag nicht.
«Brad. Ich muss wirklich dringend mit deiner Mutter sprechen. Bitte sag ihr, sie soll ans Telefon kommen.»
«Mein Papa kann Auto fahren.»
«Ja. Dein Papa ist sehr schlau. Wo. Ist. Deine. Mutter?»
«Ich hab einen Penif. Meine Mama hat eine Vagina.» Was zum Teufel soll man darauf antworten?
«Bitte, Brad. Deine Mama gibt dir Schokoladenkuchen, wenn du sie jetzt sofort für mich holst.»
«Wer ifft da?» Ich raste aus. Ehrlich.
«Hier ist Mamas Freundin. Hol sie. SOFORT.»
«Fie mag dich nicht.»
«Doch, sie mag mich.»
«Du bifft nicht nett.»
«Doch, bin ich.»
«Kannft du Auto fahren wie mein Papa?»
Ich weiß, es war falsch, so wütend zu werden auf das Kind.
Aber er ist nicht mein Kind. Und ich muffte wirklich mit feiner Mama sprechen. Was versteht er denn nicht an «Hol deine Mama. Sofort!»?
Dann, plötzlich, legt Brad den Hörer hin. Eine und eine halbe Minute Schweigen am anderen Ende der Leitung folgen.
«Hallo?», sagt Ronnie, die schließlich den Hörer aufnimmt.
«Ist da jemand?»
«Gott sei Dank!», raunzte ich entnervt.
«He, hast du angerufen? Ich habe es gar nicht klingeln hören.»
Himmel. Deshalb sollte man Kindern nie erlauben, ans Telefon zu gehen. Unter keinen Umständen.
«Ich weiß, dass ich schwanger bin», sagte ich zu Ronnie, ein weiteres Mal, ehe ich ihr erläuterte, was in der Nacht nach der Verlobungsparty passiert war. «Ich kenne meinen Körper. Ich weiß, dass etwas anders ist. Hör auf zu lachen.»
«Tut mir Leid. Tut mir Leid. Wann war dein Eisprung?»
«Warum? Was spielt denn das für eine Rolle? Woher zum Teufel soll ich wissen, wann ich meinen Eisprung habe? Was hat das denn mit meinem Problem zu tun?»
«Äh, alles? Ich dachte, du kennst deinen Körper. Manche Frauen spüren, wenn sie einen Eisprung haben. Wann hattest du deine letzte Regel?»
«Weiß ich nicht genau. Ich glaube, das war … Weiß ich nicht.»
Welche Frau führt denn über ihre Regel Buch? Die Sorte, die oft Sex hat, vermutlich. Und die Sorte, die superordentlich und organisiert ist, mit Filofax und Palm Pilot, um sich so was aufzuschreiben und ihren Kalender damit zu füllen, auf dass es so aussehen möge, als führte sie ein überaus geschäftiges, überaus durchorganisiertes Leben. Dazu gehöre ich nicht. Ehe ich mich auch nur auf Safer Sex mit einem Mann einlasse, muss er erst mal seinen sexuellen Werdegang referieren. Ich frage dann Sachen wie: «Wann hast du den letzten Aidstest gemacht?» Zu seinem kompletten Entsetzen hatte ich den Verlobten tatsächlich einen Aidstest machen lassen, bevor ich mit ihm schlief. Männer tun fast alles, wenn sie mit einem schlafen wollen. Sie nehmen sich dafür sogar den Vormittag frei und bringen vier Stunden beim Gesundheitsamt zu. Die letzte Eintragung in meinen Filofax habe ich 1998 gemacht, als ich es für eine «glänzende Idee» hielt, mich zu organisieren. In den vier Tagen, die dieser Zustand anhielt, habe ich nicht einmal daran gedacht, «Regel hat eingesetzt» zu notieren.
«Beck, tut mir Leid. Ich muss Schluss machen. Ich hab in jedem Zimmer ein schreiendes Kind und muss Mittagessen kochen. Ich werde dich morgen anrufen müssen, Mama», sagte Ronnie, noch ehe wir das Dreiminutenlimit erreicht hatten.
«O Gott. Sag nicht so was. Sag bloß nicht so was!», rief ich und spürte tatsächlich, wie mein Herz einen Schlag aussetzte, als sie mich Mama nannte. Das war so, als würde man mich zwingen, Jazz zu hören. Ich hasse Jazz.
«War nur ein Witz. Find raus, wann du deine letzte Regel hattest, okay? Du bist nicht schwanger. Du bist einfach durchgeknallt, meine Liebe. Wenn du erst weißt, wann deine letzte Regel war, kannst du herausfinden, wann dein Eisprung war. Geh ins Internet und gib ‹Ovulationsrechner› ein, dann tippst du da das Datum deiner letzten Regel ein, und du kriegst heraus, ob du an deiner Verlobungsparty einen fruchtbaren Tag hattest. So hab ich das gemacht, als ich mit Brad schwanger werden wollte.»
«Okay, okay. Meine Güte. Hör mal, noch schnell eine Frage, dann lass ich dich gehen. War dir an dem Tag, nach dem du schwanger geworden bist, morgens übel?»
«Jetzt muss ich aber wirklich Schluss machen. Und: Nein, mir war nicht übel. Zwei Tage nach der Empfängnis kann das mit der morgendlichen Übelkeit auf keinen Fall anfangen. Das setzt erst vier bis sechs Wochen später ein.»
«Aber ich schwöre dir, ich kann spüren, wie sich das Baby bewegt.»
«Aber das ist jetzt noch nicht mal ein Baby. Es ist wie nichts. Ein Fleck. In ein paar Wochen, wenn du deine Tage kriegst, wirst du auch darüber lachen. Wir werden bei einer Flasche Wein darüber lachen. Vertrau mir. Du dramatisierst das Ganze.»
Übrigens werden wir natürlich nicht bei einer Flasche Wein hierüber oder über irgendetwas anderes lachen. Ich kann mich nicht erinnern, dass Ronnie je mehr als ein Glas getrunken hätte, seit sie Kinder hat. Ich begreife auch immer noch nicht, was so witzig daran sein soll, dass ich schwanger bin. Und, fürs Protokoll, ich bin der Meinung, dass unüberlegt schwanger zu werden, während der Vater des Kindes in einer anderen Stadt lebt, ein guter Grund dafür ist, das Ganze zu dramatisieren.
Ich verstehe nicht, warum mir kein Mensch glauben will. Ich wusste praktisch schon im selben Augenblick, in dem sich der Verlobte von mir runterwälzte, dass ich schwanger bin. So, wie ich es auch immer weiß, wenn die Telefongesellschaft mir bald wieder das Telefon sperrt. Oder so, wie ich weiß, noch während ich den Föhn in der Hand hab, ob die Haare heute sitzen oder nicht. Das ist weibliche Intuition.
Seit der Verlobte abgereist ist, benimmt er sich komisch. Weil der Verlobte sich mir gegenüber komisch benimmt, benehme ich mich auch komisch. Deshalb ist das Dutzend unserer täglichen Telefonate von Anfang bis Ende komisch. Seit jener Nacht scheint eine große komische Wolke über unserer Beziehung zu hängen.
«Du bist irgendwie komisch.» So fing ich unser letztes Gespräch an, fast identisch hatten das Gespräch davor und das dem vorhergehende ebenfalls begonnen.
«Ich bin nicht komisch. Aber du bist komisch.»
«Du bist derjenige, der hier komisch ist.»
Wenn wir beide keine Jobs hätten, um die wir uns kümmern müssten, wäre es möglicherweise stundenlang so weitergegangen.
«Ich bin nicht komisch. Ich bin müde», sagte er schließlich.
«Ich auch. Ich bin müde. Wir reden später», sagte ich und warf noch ein «komischer Vogel» ein, ehe ich auflegte. Ich hab immer das letzte Wort.
So, in etwa, reden wir dieser Tage miteinander.
Dank meiner liebsten Einkaufsgefährtin Dana hab ich so ungefähr raus, wann meine letzte Regel war.
«Warum rufst du mich mitten in der Woche um diese Uhrzeit an und fragst, wann du deine letzte Regel hattest?», sagte sie schlaftrunken, als sie den Hörer abnahm. «Warum benimmst du dich so komisch?»
Ist es denn wirklich so komisch, wenn man eine Freundin nach Mitternacht anruft, um sie zu fragen, wann man seine letzte Regel hatte?
«Ich benehme mich überhaupt nicht komisch. Ich will einfach nur dringend wissen, wann wir diese Miu-Miu-Slingbacks gekauft haben. Welcher Tag war das? Hilf mir bitte. Ich muss das wissen.»
«Okay, okay. Reg dich ab. Was hast du für ein Problem? Die Schuhe hast du am 14. Januar gekauft. Weißt du nicht mehr, wie ich gesagt habe, ich könne es nicht fassen, dass John einen Monat vor Valentinstag mit mir Schluss gemacht hat, und dann hab ich Hunderte von Dollar, die ich nicht habe, für Klamotten ausgegeben, die ich nicht brauche, um die Depression loszuwerden? Und erinnerst du dich nicht mehr, wie sauer ich auf dich war, weil du diese Schuhe gekauft hattest? Ich wollte sie unbedingt haben! Und dann haben wir dir Tampons gekauft.»
«Genau. Genau. Perfekt.»
«Warum? He, hast du etwa vor, die Schuhe zurückzubringen? Dafür ist es wahrscheinlich zu spät. Aber ich lasse mich eventuell überreden, sie dir abzukaufen. Kannst du glauben, dass dieser Idiot einen Monat vorm Valentinstag mit mir Schluss gemacht hat, wo ich doch so lange mit ihm zusammen gewesen bin? Ich hatte mir mit dem Typen richtig Mühe gegeben. Er war beinahe schon ehemanntauglich.»
«Nein. Du kriegst die Schuhe nicht. Und nein, ich kann es nicht glauben, dass er mit dir Schluss gemacht hat. Aber, mal ehrlich, du wusstest nicht mal genau, womit sich der Typ seinen Lebensunterhalt verdient. Ich glaub nicht, dass der was zum Heiraten war. Man sollte wissen, wie der eigene Ehemann seine Tage verbringt. Aber darüber kann ich im Moment nicht reden. Geh wieder ins Bett. Ich rufe dich später an.»
«Übrigens – tolle Party letztes Wochenende. Die beste, auf der ich je gewesen bin. Dein Kleid war der Wahnsinn. Hab ich dir nicht gesagt, dass du dieses Kleid tragen solltest? Du hast phantastisch ausgesehen. Ich hatte Recht. Du solltest immer auf mich hören.»
«Dana, ich hasse dieses Kleid. Ich bin schwanger.»
«WAS?!», kreischte Dana. Endlich, das war die Reaktion, die ich erwartete. «Wann ist das passiert? Auf deiner Party hast du gesoffen wie ein Loch.»
«Ja, es ist in der Partynacht passiert. Er ist … du weißt schon … in mir. Wir waren betrunken!»
«Bist du denn total bescheuert?»
«Dana, du musst wirklich lernen, deine Gefühle klarer auszudrücken. Sag mir doch, wie du meinen Unfall wirklich findest. Wir waren betrunken! Offensichtlich bin ich total bescheuert.»
«Okay, flipp nicht aus. Ich habe so was auch schon ein paarmal durchgemacht. Ich mach mir gleich danach auch immer Sorgen, dass ich schwanger sein könnte. Wahrscheinlich bist du es nicht. Okay, wie viele Tage ist das her? Fünf. Hmm. Zu spät für die Pille danach. Das hab ich zweimal gemacht. Ist ganz einfach. Du musst bloß deinen Arzt anrufen.»
«Das hast du gemacht?» Ich konnte nicht verbergen, dass ich schockiert war. Dana war nicht nur meine liebste Einkaufsgefährtin, sie war auch meine Kalorienzählfreundin. Sie zählt immer Kalorien und kann einem genau sagen, wie viele in der Glasur eines Vollkornmuffins, einem Becher gefrorenem Joghurt oder einem Teller Cornflakes stecken. Eine faszinierende Fähigkeit, die sie da hat, wenn es auch eine ziemlich seltsame ist und an Besessenheit grenzt. Dana arbeitet bei einer Zeitschrift im Vertrieb und hat die beste Garderobe von all meinen Freundinnen. Ich weiß genau, wie viele Paar Schuhe sie hat (sechsundfünfzig), hatte aber keine Ahnung, dass sie in Sachen Sex so aktiv war.
«Na ja, für so eine Pille danach ist es ein bisschen zu spät. Außerdem weiß ich sowieso nicht, ob mir wohl dabei wäre. Ich werde bald dreißig», erinnerte ich sie. «Ist ja nicht, als wäre ich sechzehn oder so.»
«Du willst also schwanger sein?»
«Nein, das hab ich nicht gesagt. Ich meine nur … okay. Ich weiß nicht, was ich meine. Aber findest du nicht, die Wahrscheinlichkeit ist äußerst gering?»
«Ich weiß nicht. Klar.»
«Jetzt komm schon. Mach dir wenigstens mit mir zusammen vor, dass er nicht getroffen hat.»
«Okay. Du bist nicht schwanger», sagte Dana monoton. «Aber, weißt du, ich glaube nicht, dass diese Slingbacks besonders bequem sein werden, wenn deine Knöchel erst anschwellen. Vielleicht solltest du sie mir geben, falls du nun wirklich schwanger bist.»
«Du kriegst diese Schuhe unter keinen Umständen», sagte ich. «Nicht mal, wenn meine Knöchel anschwellen. Kommt das vor?»
«O ja.»
«Na, dann sind 350 Dollar den Bach runter.»
«Ja, ja, und wart’s nur ab, du wirst schon sehen, was die Schwangerschaft erst aus deinem Hintern machen wird.»
Schwanger zu sein hat mein Leben schon jetzt ruiniert. Ich bin heute Abend zu Hause geblieben – an einem Freitagabend – und hab im Internet Ovulationsrechner gespielt. Mir war sofort klar, dass Ovulationsrechner süchtig machen. Die sind wie Crack. Nicht, dass ich je Crack genommen hätte, aber dieses Ding zur Berechnung des Eisprungs hatte ich ja auch noch nie ausprobiert. Ich kann gar nicht genug davon kriegen. Als ich erst mal drauf gekommen bin, dass ich mit Dana Schuhe kaufen war und dann in der Drogerie, um Tampons zu besorgen, spürte ich, dass ich auf dem besten Wege war herauszufinden, ob ich in der Partynacht meinen Eisprung hatte.
Geben Sie «Ovulation + Rechner» in eine x-beliebige Suchmaschine im Internet ein, und zahlreiche Sites erscheinen auf dem Monitor. Auf allen wird man aufgefordert, den ersten Tag der letzten Regel einzugeben, und man wird gefragt, wie lang der Zyklus ist. Dann, pling, tauchen innerhalb von drei Sekunden die fruchtbarsten Tage des Monats auf. Ich tippte 13. Januar ein und hielt den Atem an.
Ich will hier ja nicht die Drama-Queen geben, aber wenn man nach den dreiundzwanzig Eisprungsberechnern geht, die ich ausprobiert habe, lagen meine fruchtbarsten Tage des Monats zwischen dem 24. und dem 28. Januar. Als der Verlobte und ich «es gemacht» haben – oder, genauer gesagt, als er «es gemacht» hat, in mir –, war der 25. Januar beziehungsweise der 26., hängt ganz davon ab, ob man drei Uhr morgens dem Abend des einen oder dem Morgen des nächsten Tages zurechnet. Wie auch immer, ich war jedenfalls superfruchtbar. Wussten Sie, dass Spermien bis zu zweiundsiebzig Stunden in Ihrem Körper überleben können? Das heißt, selbst wenn wir es nicht gerade dann gemacht hätten, als ich meinen Eisprung hatte, hätten die Spermien aushalten können, bis es so weit war.
All das wirft die Frage auf, wie hoch die Wahrscheinlichkeit eigentlich war, dass der Verlobte und ich unsere Party ausgerechnet an meinem fruchtbarsten Abend feierten. War es Schicksal? Ist «Es ist Schicksal!» ein gutes, grundsolides Argument, mit dem man den Verlobten, der in einer anderen Stadt lebt, davon überzeugen kann, dass es das Richtige ist, ein Kind zu kriegen? Mein Verlobter glaubt nicht an Schicksal. Weshalb ich es mit dem Schicksalsargument bei ihm vermutlich nicht weit bringen werde. Ich hasse Streitereien mit Anwälten, die sind viel zu kompliziert. Ich glaube an Schicksal, aber ich glaube auch an Wahrsager und dass alle mich mögen sollten. Der Verlobte sagt immer, ich «lebe in einer Traumwelt» und dass mich «in der wirklichen Welt» nicht jeder mögen muss. Ich halte dann immer dagegen, dass es besser ist, in einer Traumwelt zu leben als in der wirklichen Welt, in der, wie ich annehme, sämtliche Börsenmakler, Steuerberater und Anwälte ihr Dasein fristen. Die meisten meiner Freunde, Künstler, Fernsehleute und Autoren, leben an dem traumverlorenen Ort, den ich bewohne. Die «wirkliche Welt» ist was für Leute, die ihre Rechnungen rechtzeitig bezahlen. Ich bin froh, dass ich da nicht bin, selbst wenn die Gläubiger hinter mir her sind. Vielleicht, aber nur vielleicht, funktionierten ja in jener Nacht in unseren beiden Welten die Spermien des Verlobten nicht. In der Traumwelt gibt es immer Hoffnung. Obwohl ich sicher bin, schwanger zu sein.
Ich stelle mir immerzu dieses winzig-wunzige kleine Spermium vor, das in meinem Bauch herumtanzt. Besteht die Möglichkeit, dass ein Spermium zu betrunken ist, um es bis zur Eizelle zu schaffen? Kann ein Spermium so betrunken sein, dass es nicht mehr weiß, was es tut? Also, der Verlobte und ich waren mit Sicherheit viel zu voll, um noch zu wissen, was wir taten. Ich stelle mir immerzu vor, wie dieses Spermium eine Kippe raucht, tanzt und auf unserer Verlobungsparty abfeiert, was das Zeug hält, und dann am nächsten Morgen mit einem Kater aufwacht. Wie wir. Wenn Menschen einen Kater kriegen, dann muss das bei Spermien doch auch so sein. «Nee, ich hab so einen Kater, ich kann das heute nicht durchziehen», sagt sich das Spermium dann. «Ich kipp jetzt aus den Latschen. Die Kleine da muss ein anderes Mal schwanger werden.» Könnte es so gewesen sein?
Ich hätte wirklich besser aufpassen sollen, in Sexualkunde in der sechsten Klasse. Ich weiß nur wenig Genaues über die weiblichen Fortpflanzungsorgane. Ich habe ernsthaft erwogen, eine anonyme E-Mail an die Personalabteilung meines Verlages zu schicken mit dem Vorschlag, Sexualkundeunterricht für Erwachsene anzubieten anstelle von diesen Yoga- und Weight-Watcher-Kursen, die immer per Rundmail angekündigt werden und einmal pro Woche in einem der Konferenzräume im dritten Stock stattfinden. Ich hatte bisher ein eher distanziertes Verhältnis zu meinen fruchtbaren Tagen. Für mich war meine Regel hauptsächlich nervig. Etwas, das Frauen eben einmal im Monat durchmachten, etwas, das Frauen eine legitime Gelegenheit bot, mit ihren Männern einen Streit vom Zaun zu brechen. Mir war nicht in vollem Umfang bewusst gewesen, welche bahnbrechende Bedeutung die Regel zu haben scheint.
Die ganze Woche lang habe ich kaum arbeiten können. Die Tatsache, dass in meinem Körper irgendwas passiert, macht es mir ziemlich schwer, gewissenhaft Storys darüber zu schreiben, «Warum der Pony wieder in ist», oder über Internet-Dating und Kochkurse für Singles.
Ich hab das mit dem Ovulationsrechner 283-mal gemacht. Bis jetzt. Was ich auch eingebe, den 12., den 13. oder den 14. – unweigerlich war die Nacht, in welcher der Verlobte und ich ungeschützten Geschlechtsverkehr hatten, meine fruchtbarste. Die Nacht, in der ich, ganz und gar untypisch für mich, in den Klauen der Leidenschaft stöhnte: «Komm, ich will dich in mir spüren. Bleib in mir.» Wie passend.
Der Verlobte hat mich gerade im Büro angerufen und meine Nachforschungen nach dem teuersten Martini der Stadt unterbrochen. Mit einer Frage, die mich völlig unvorbereitet traf.
«Wann war der erste Tag deiner letzten Regel?», fragte er, nachdem er (zumindest) hallo gesagt hatte.
Himmel. Weiß denn jeder über die Bedeutung dieses e-T-d-l-R Bescheid?
«Was? ‘tschuldigung. Was hast du da gerade gefragt? Sag mir bitte, dass du nicht das gefragt hast, was ich meine gehört zu haben.» Der Verlobte und ich haben nicht diese Art von Beziehung. Wir haben eine Tür-zu-Beziehung. Das heißt, wir laufen nicht nackt voreinander herum. Wenn ich so richtig heiß bin, schlafe ich auch mit ihm, wenn das Licht an ist, aber immer unter der Decke. Ich erzähle dem Verlobten nicht, wenn ich einen Termin zur Haarentfernung habe. Das ist zu intim. Es ist besser, finde ich, wenn er annimmt, ich sei einfach so haarlos und glatt geliefert worden. In den fünf Jahren, die wir zusammen sind, bin ich nie in seiner und er ist nie in meiner Gegenwart auf die Toilette gegangen. Ich mag es nicht mal, wenn er mir beim Haareföhnen zusieht. Ich will, dass er denkt, ich sei von Natur aus perfekt. Er für seinen Teil macht sogar die Tür zu, wenn er sich die Zehennägel schneidet. Und deshalb liebe ich ihn. Ich möchte gern, dass unsere Beziehung ein wenig geheimnisvoll bleibt. Aus diesem Grund will ich wirklich nicht mit ihm über meine Regel reden. Nie. Aber wenn wir solche Gespräche unbedingt führen müssen, warum fangen wir dann nicht mit Dingen an, die nicht ganz so persönlich sind, zum Beispiel damit, welches Deodorant ich benutze, und arbeiten uns von dort aus zum Menstrualgespräch vor?
«Ich sagte: Wann hattest du deine letzte Regel?», wiederholte der Verlobte.
«Weiß ich nicht so genau», antwortete ich. Ich wollte nicht, dass er wusste, dass ich es nur zu gut wusste. Ich wollte spielerisch damit umgehen. Es würde nicht besonders spielerisch klingen, wenn ich wie aus der Pistole geschossen antwortete: «Um den 14. Januar», als ob es das Einzige wäre, das ich im Kopf hatte. Was stimmte. Aber das sollte er nicht wissen.
«Was meinst du damit, du weißt es nicht so genau? Merkst du dir solche Sachen nicht?» Der Verlobte machte offenbar nicht mal den Versuch, spielerisch zu klingen, auch nicht mir zuliebe. Er klang irgendwie angespannt. Als er mich fragte, ob ich ihn heiraten wollte, hatte er längst nicht so panisch geklungen.
Was sollte ich auf diese potenzielle Tretmine von einer Frage antworten?
