Kleiner Graf ohne Mutterliebe - Martina Roemer - E-Book

Kleiner Graf ohne Mutterliebe E-Book

Martina Roemer

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Beschreibung

In der völlig neuen Romanreihe "Fürstenkinder" kommt wirklich jeder auf seine Kosten, sowohl die Leserin der Adelsgeschichten als auch jene, die eigentlich die herzerwärmenden Mami-Storys bevorzugt. Ihre Lebensschicksale gehen zu Herzen, ihre erstaunliche Jugend, ihre erste Liebe – ein Leben in Reichtum, in Saus und Braus, aber oft auch in großer, verletzender Einsamkeit. Große Gefühle, zauberhafte Prinzessinnen, edle Prinzen begeistern die Leserinnen dieser einzigartigen Romane und ziehen sie in ihren Bann. »Achten Sie auf die nächste Station, das ist Teschendorf, Fräulein!« sagte der Schaffner und schloß geräuschlos die Abteiltür. »Danke vielmals«, flüsterte Christiane Schroeder, um den in der Ecke fest schlafenden Mitreisenden nicht aufzuwecken. In der Zugluft des halboffenen Fensters blähte sich die hellbraune Gardine und verklemmte sich schließlich zwischen der Holzumrandung. »Moselfahrt aus Liebeskummer«, seufzte Christiane. Dann fuhr der Personenzug in den Bahnhof von Teschendorf ein. Um ehrlich zu sein, war das eigentlich gar kein Bahnhof, sondern nur eine Haltestelle mitten auf der Strecke. Darum hielt der Zug auch nur zwei kurze Minuten und dampfte dann schwerfällig weiter. Vor einem gelbgepinselten, etwas ausladenden Haus mit grünen Fensterläden hing ein knallrotes Schild, das die verschnörkelte Aufschrift ›Teschendorf‹ trug. Ein Platz mit roter Asche führte zu diesem ›Bahnhof‹, auf den die Bewohner des verschlafenen Moseldorfes mächtig stolz waren. Ein alter Mann in braunem Cordanzug kam auf sie zu und sagte: »Sind Sie die neue Lehrerin aus Düsseldorf? Der Herr Bürgermeister schickt mich.« Christiane reichte dem Mann freundlich die Hand. »Wie lieb, daß Sie mich abholen.« »Darf ich Ihr Gepäck aufladen, Fräulein? Ich habe drüben die Droschke stehen. Ich heiße übrigens allgemein nur ›Onkel Adalbert‹ und habe hier so eine Art Fuhrunternehmen. Nur daß Sie wissen, an wen Sie sich wenden können, wenn Sie mal Besuch erwarten.

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Seitenzahl: 147

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Fürstenkinder – 37 –Kleiner Graf ohne Mutterliebe

Christian nahm ihn an ihr Herz

Martina Roemer

»Achten Sie auf die nächste Station, das ist Teschendorf, Fräulein!« sagte der Schaffner und schloß geräuschlos die Abteiltür.

»Danke vielmals«, flüsterte Christiane Schroeder, um den in der Ecke fest schlafenden Mitreisenden nicht aufzuwecken.

In der Zugluft des halboffenen Fensters blähte sich die hellbraune Gardine und verklemmte sich schließlich zwischen der Holzumrandung.

»Moselfahrt aus Liebeskummer«, seufzte Christiane.

Dann fuhr der Personenzug in den Bahnhof von Teschendorf ein.

Um ehrlich zu sein, war das eigentlich gar kein Bahnhof, sondern nur eine Haltestelle mitten auf der Strecke. Darum hielt der Zug auch nur zwei kurze Minuten und dampfte dann schwerfällig weiter. Vor einem gelbgepinselten, etwas ausladenden Haus mit grünen Fensterläden hing ein knallrotes Schild, das die verschnörkelte Aufschrift ›Teschendorf‹ trug. Ein Platz mit roter Asche führte zu diesem ›Bahnhof‹, auf den die Bewohner des verschlafenen Moseldorfes mächtig stolz waren.

Ein alter Mann in braunem Cordanzug kam auf sie zu und sagte: »Sind Sie die neue Lehrerin aus Düsseldorf? Der Herr Bürgermeister schickt mich.«

Christiane reichte dem Mann freundlich die Hand.

»Wie lieb, daß Sie mich abholen.«

»Darf ich Ihr Gepäck aufladen, Fräulein? Ich habe drüben die Droschke stehen. Ich heiße übrigens allgemein nur ›Onkel Adalbert‹ und habe hier so eine Art Fuhrunternehmen. Nur daß Sie wissen, an wen Sie sich wenden können, wenn Sie mal Besuch erwarten. Und auch eine Kremserfahrt mit den Kindern müssen Sie bei mir bestellen«, sagte der Alte geschwätzig und schaute Christiane mit seinen winzigen, farblos scheinenden Augen prüfend an.

Christiane lächelte. Offensichtlich war für ihn die Begegnung mit der neuen Lehrerin ein ganz besonderes Ereignis.

»Wollen Sie bitte einsteigen, Fräulein.«

Onkel Adalbert machte ein verdutztes Gesicht, als Christiane antwortete:

»Viel lieber würde ich vorn mit Ihnen auf dem Kutschbock fahren. Dann können Sie mir schon ein bißchen von Teschendorf und seinen Menschen erzählen. Und außerdem ist die Luft so mild. Also, wenn es Ihnen recht ist, Onkel Adalbert?«

Der Mann hielt ihr seine schwielige Rechte hin und ließ Christiane aufsteigen.

»Nehmen Sie die Decke, Fräulein. Die Septemberabende sind kühler, als Sie denken«, brummte er gutmütig und setzte die Pferde mit einem lautstarken »Hui!« in Bewegung.

Die beinahe gerade Dorfstraße führte auf eine alte Kirche aus grauen, schweren Bruchsteinen.

Die vergoldeten Ziffern der Turmuhr zeigten genau zwanzig Minuten vor sieben, als Adalbert die Zügel strammzog und die Pferde zum Stehen brachte.

»Hier ist der ›Gasthof zur Traube‹, Fräulein, und drüben sehen Sie auch schon Ihre Schule. Ist sie nicht prächtig?«

Christiane nickte und war plötzlich ein wenig verwirrt. Es erschien ihr merkwürdig, daß um diese Zeit weit und breit kein Mensch zu sehen war.

»Heute ist Gemeinderatssitzung. Da kommen die Kinder früh ins Bett, weil alle Väter und viele Mütter ein Wörtchen mitzureden haben. Man will uns nämlich eine Autobahn durch die Außengemeinde bauen. Aber da machen wir natürlich nicht mit. Dieser Lärm und der Schmutz, ne, ne, Fräulein, mit uns können die Herren aus Trier das nicht machen«, sagte Adalbert prahlerisch und zog Christianes Koffer unter einer grauen Plane hervor.

»Was bin ich Ihnen schuldig, Onkel Adalbert?« fragte Christiane, die inzwischen abgestiegen war.

»Nichts. Das hat der Bürgermeister bereits erledigt. Wir wissen hier schon, was sich gehört, Fräulein. Und wenn Sie mal meinen Enkel, den Herbert Zech, in der Klasse haben sollten, dann bringen Sie ihm nur ordentlich was bei. Er soll es später mal besser haben als ich, verstehen Sie?«

»Ich werde mir den Namen merken. Und vielen Dank noch mal«, sagte Christiane.

Aus der grünen, doppelflügeligen Tür des Gasthofes kam eine rotwangige, gutmütig dreinschauende Frau und rieb sich die Hände an ihrer weißen Kittelschürze.

»Ich heiße Sie willkommen im Namen des Bürgermeisters, der in die Sitzung mußte. Auch im Namen seiner Frau und ebenfalls im Namen des Herrn Hauptlehrers. Ich bin Frau Guterbrodt und freue mich, Sie kennenzulernen.«

Sie bückte sich nach dem Koffer.

»Aber liebe Frau Guterbrodt, das werde ich doch noch selbst können«, sagte Christiane und nahm ihr das schwere Gepäckstück aus der verarbeiteten Rechten.

»Horst, Horst!« rief die Alte aufgeregt. »Komm schnell, das Fräulein ist angekommen!«

Horst kam die sauber gescheuerten Holzstufen heruntergehastet und blieb wie angewurzelt stehen.

Er war glühendrot geworden und machte eine tiefe Verbeugung.

»Sind Sie aber schön. Und so jung«, entfuhr es ihm.

Christiane reichte ihm die Hand und lächelte so vertrauenerweckend, daß der Dreizehnjährige ihr kräftig die Hand schüttelte und dann ihren Koffer aufnahm.

Von seiner Mutter bekam er einen kräftigen Stups in die Seite.

Sie zog zum Zeichen ihrer Empörung ihre üppigen Augenbrauen hoch und brummte:

»Weißt du denn nicht, wie man sich einer Dame gegenüber zu benehmen hat? Dazu noch einer Lehrerin.«

Horst stammelte eine Entschuldigung, und Christiane sagte:

»Nun laß schon, Horst, das ist gar nicht schlimm. Schließlich kommt nicht alle Tage eine neue Lehrerin in euer Dorf.«

Dankbar nickte der Junge und ging die Treppe hinauf.

»Wenn Sie sich von der Reise frisch machen wollen, Fräulein Schroeder. Ich habe Ihr Zimmer gerichtet. Und hoffentlich fühlen Sie sich auch recht wohl bei uns«, meinte Frau Guterbrodt besorgt.

Sie stieß die Tür zu jenem Zimmer auf, das für geraume Zeit Christianes Zuhause werden sollte.

»Es gibt Pökelfleisch mit Weißkraut und Röstkartoffeln. Wenn es recht ist, wird Ihnen gleich alles serviert.«

»Sie sind so nett zu mir«, sagte Christiane gerührt und blickte sich dabei in dem peinlich sauberen Zimmer um.

Das Bett war mit rotkariertem Leinen bezogen. Auch die Vorhänge und die Tischdecke waren aus dem gleichen Stoff.

Der beinahe weiß gescheuerte Holzfußboden wies einen warmen, weichen Schaffellteppich auf, und die hübschen, anheimelnden Möbel waren hellgrün gestrichen und mit bunten Blumenmustern bemalt.

Als Frau Guterbrodt gegangen war, atmete Christiane tief und trat an das offene Fenster.

Ein sanfter Wind wehte den Duft von Astern ins Zimmer. Am Himmelssaum zeigte sich ein blaßviolett getönter Streifen.

Über den Weinbergen hing die Dämmerung mit schweren grauen Schwaden.

In schattiger Ferne glänzte das weiße Schloß mit seinen hochragenden grünen Türmchen.

Ein unbeschreiblicher Friede lag über dieser schlummernden Landschaft. Christiane genoß die Ruhe aus vollem Herzen.

Sie dachte zurück an die letzten Monate in ihrem Elternhaus, dachte an die liebende, verstehende Fürsorge ihrer Mutter, an die beinahe scheue Zurückhaltung ihres Vaters, der sie niemals nach den Geschehnissen in ihrer kurzen Ehe ausgeforscht hatte.

Aber sie hatte gespürt, wie er sich für seinen Schwiegersohn geschämt hatte, als man ihn bei seiner Behörde nach den näheren Umständen der Scheidung fragte.

So sehr sich die Eltern auch über ihre Rückkehr gefreut hatten, so entschieden hatten sie ihrem Entschluß zugestimmt, sich in einen kleinen Ort versetzen zu lassen, wo sie inmitten einer hübschen Landschaft und unter einfachen Menschen ihr Schicksal sicher besser würde überwinden können als in dem hektischen Getriebe einer Großstadt.

Der Abschied war zwar tränenreich gewesen. Aber die Worte und Wünsche ihrer Eltern hatten ihr bewiesen, daß sie bei ihnen immer jenen Halt finden würde, dessen sie in den schweren Stunden dieses Lebens bedurfte.

»Werde wieder froh und heiter wie früher, als du mein kleines, liebes Mädchen warst«, hatte der Vater gesagt und sie fest an sich gedrückt.

Ihre Mutter hatte sie nur innig geküßt und krampfhaft versucht, die Tränen zu verbergen.

Jetzt stützte Christiane beide Ellenbogen auf das weißgestrichene Fensterbrett und blickte versonnen in die immer dichter werdende Dunkelheit hinaus.

*

Ein Geräusch an der Tür erinnerte Christiane, daß es Zeit wurde, sich zu waschen und sich anzuziehen. In einem angrenzenden Raum war ein breites Waschbecken.

Frau Guterbrodt hatte süßlich duftende Seife und einen ganzen Stapel von Handtüchern bereitgelegt, und sogar ein Tübchen Zahnpasta lag auf der glänzenden Porzellanplatte unter dem halbrunden Spiegel.

»Guten Morgen, Fräulein. Wünschen Sie das Frühstück aufs Zimmer, oder kommen Sie zu uns in die Küche herunter?« rief Horst vor der Tür.

Christiane zog sich rasch den erdbeerroten Bademantel über und öffnete.

»Ich frühstücke gern mit euch, Horst. Sag deiner Mutter, daß ich in fünf Minuten unten bin.«

Horst war wieder rot bis in die Haarwurzeln und drehte verlegen sein Taschentuch in den Fingern.

»Werden Sie uns auch unterrichten, Fräulein?« fragte er schüchtern.

»Das sag’ ich dir, wenn ich beim Herrn Hauptlehrer Besuch gemacht habe«, gab Christiane zur Antwort und schloß die Tür wieder.

Sie hörte, wie Horst die Stufen hinuntersprang, und überlegte einen Augenblick, was sie an diesem ersten Tag in Teschendorf am besten tragen sollte.

Das Wetter war spätsommerlich. Das schlichte Hemdblusenkleid aus bunter Baumwolle erschien ihr passend.

Sie bürstete das kurze braune Haar hinter die hübschen Ohren und zupfte ein paar Ponyfransen in die gewölbte Stirn, daß sie bis an die beinahe pechschwarzen Brauenbögen reichten.

Ihre meergrünen, ovalen Augen, die von seidigen langen Wimpern beschattet waren, blickten kritisch in den Spiegel.

Mit einem mattrosa Lippenstift zeichnete sie nur sehr schwach die Linien ihrer weichen, zärtlichen Lippen nach.

Noch ein bißchen Lavendelwasser in die Handflächen, dann war sie soweit.

Schließlich suchte sie ihre beigefarbene, weiche Nappaledertasche, ließ die notwendigen Papiere und Unterlagen darin verschwinden und schloß die Tür hinter sich.

Duftender Kaffee stand neben einer großen Kruke mit kuhwarmer Milch.

Auf dem weißgescheuerten Holztisch wartete ein mehr als üppiges Frühstück auf die neue Lehrerin: köstliche Sahnebutter und derbes selbstgebackenes Brot, ein Schälchen Honig, Schinken und Mettwurst.

Mit verschwommenen, vom Wein getrübten Augen schaute Herr Guterbrodt Christiane an und reichte ihr schon von weitem die Hand.

Er trug ein offenes, olivgrünes Leinenhemd, eine braune Lederschürze, grüne Cordhosen und ebensolche kurze Lederstiefel wie am Tag zuvor der Kutscher Adalbert.

Auf den ersten Blick entdeckte Christiane, daß der Mann sicherlich in diesem Hause nicht allzu viel zu sagen hatte.

»Guten Morgen, Herr Wirt«, begrüßte sie ihn freundlich.

Herr Guterbrodt zeigte ein strahlendes, stolzes Lächeln und sagte:

»So ein hübsches, junges Fräulein haben wir in Teschendorf noch nie gehabt. Ich freue mich, daß Sie bei uns wohnen.«

»Es gefällt mir sehr in Ihrem schönen Gasthof, Ihre Frau hat mich so lieb aufgenommen«, entgegnete Christiane.

»Reden kannst du später, Heinrich!« mahnte die Wirtin. »Nun muß das Fräulein frühstücken. Um neun muß sie zum Bürgermeister und dann mit ihm zum Hauptlehrer.«

So saß denn die ganze Familie Guterbrodt, dazu noch eine dralle Kellnerin, die Christiane als Babette vorgestellt wurde, zusammen mit der Lehrerin am Frühstückstisch und starrt die Neue an.

Christiane dachte, wenn ihr wüßtet, warum ich ausgerechnet nach Teschendorf gewollt habe, und in ihr wurde die Erinnerung an jene Zeit lebendig, da ihr junges Herz noch an das große Glück der ersten Liebe geglaubt hatte.

Damals hatte sie sich in der Großstadt aufgehalten und nicht geahnt, daß sie einmal in einem kleinen, zauberhaften Moseldorf unter lieben, urwüchsigen Menschen Vergessen suchen würde.

*

Der Bürgermeister war ein behäbiger, schwergewichtiger Mann mit einem üppigen, grauen Bart über der Oberlippe. Seine Stimme klang ein wenig rauh. Das Herz aber, so wurde Christiane schon beim ersten Gespräch klar, hatte er ganz sicher am rechten Fleck.

Aus seinen tiefliegenden wasserblauen Augen schaute er sie wohlwollend und aufmunternd an, als sie mit zaghaften Schritten auf seinen Schreibtisch zukam.

»Da hat aber der Oberschulrat endlich mal etwas Gutes für Teschendorf getan«, sagte er lachend und erhob sich schwerfällig aus einem breiten Holzsessel. »Waren Sie schon einmal an einer Schule tätig, Fräulein?« wollte er wissen und hielt Christianes Hand wie ein Vater fest umschlossen.

»Ja, Herr Bürgermeister. Allerdings noch nie in einem Dorf, nur in der Großstadt.«

»Sie werden sehen, hier macht das Arbeiten Freude. Die Lehrerin ist immer die Hauptperson mit gewesen. Unser altes Fräulein hat sich hier vierzig lange Jahre wohl gefühlt. Warum sollte es Ihnen nicht auch gefallen? Nur eins, Fräulein Schroeder, hüten Sie sich vor der Geschwätzigkeit gewisser Frauen. Wir haben so eine Clique, die kann einfach nicht leben, wenn sie nicht über liebe Mitbürger herziehen kann. Sie haben schon manche Unruhe in unser schönes Dorf getragen. Und ganz im Vertrauen, die Frau Hauptlehrer und meine eigene Frau gehören auch dazu. Ich möchte Sie also warnen. Und nun, auf gute Zusammenarbeit, Fräulein.«

Christiane war etwas verwirrt. Genau das war ihre heimliche Befürchtung gewesen.

Was sollte werden, wenn eines Tages irgend jemand in ihrer Vergangenheit zu stöbern begann und hinter ihr trauriges Geheimnis kam?

»Es ist sehr lieb von Ihnen, Herr Bürgermeister, daß Sie mich darauf aufmerksam machen. Aber ich werde schon aufpassen, daß ich niemand einen Grund zum Klatschen gebe«, sagte sie mit offenem Blick.

»Ich ziehe mir eben meine Jacke über, dann gehen wir zu Lehrer Holtmann. Er wird schon warten. Übrigens ein guter Mann, korrekt und immer ­gerecht, wie ein Lehrer zu sein hat«, meinte der Bürgermeister und stieß die Tür zum Nebenzimmer auf. »Ida«, rief er, »Ida, wo ist denn meine Ausgehjacke?«

Ida war offensichtlich seine Frau. Sie erschien, hinter einer goldgerandeten Brille hoheitsvoll lächelnd, und hielt ihrem Mann die Jacke hin.

»Willst du mir nicht das Fräulein vorstellen, Ferdinand?« fragte sie mit fein gespitztem Mündchen und musterte Christiane mit einem etwas spöttisch kritischen Blick.

Sie reichte ihr, als ihr Mann Christianes Namen genannt hatte, mit einem unechten, aufgesetzten Lächeln die Hand.

»Viel Glück im schönen Teschendorf. Keine leichte Aufgabe, unseren Rangen das Einmaleins und die Grundbegriffe der deutschen Sprache beizubringen, sag’ ich Ihnen. Im Krieg habe ich es eine Weile übernommen, weil es keine Lehrer mehr gab. Eine Plage, Fräulein, eine Schinderei war das.«

Sicherlich hätte sie noch eine ganze Weile weitergeprahlt, wenn nicht ihr Mann immer wieder seine goldene Klappdeckeltaschenuhr hervorgezogen und schließlich gesagt hätte: »Du weißt, Ida, Herr Holtmann sieht auf Pünktlichkeit und Ordnung. Wir dürfen ihn nicht warten lassen.«

»Kommen Sie doch einmal zu einer Flasche Mosel zu uns. Ich könnte Ihnen so manchen guten Rat geben. Ein so junges Fräulein, wie Sie es sind, kann noch eine Menge von uns alten Damen lernen«, bemerkte sie kichernd und hielt die Hand vor den Mund, als sie zu hüsteln begann.

»Sehr gern, Frau Bürgermeister. Ich nehme immer die Ratschläge Erfahrener an und werde mich danach richten«, entgegnete Christiane und zwang sich anerkennendes, gespielt unterwürfiges Lächeln ab.

Sie war froh, als sie das Gesindehaus verlassen hatte und in den wunderschönen blauen Septemberhimmel schaute.

»Die Schule ist erst zehn Jahre alt, Fräulein«, wandte sich der Bürgermeister ihr wieder zu.

Er zog nach allen Seiten hin grüßend den Hut.

Im Vergleich zum Vortag herrschte jetzt in der Frühe Hochbetrieb auf der Dorfstraße. Christiane fühlte sich angestarrt und angestaunt.

Sie ging federnd über den Marktplatz, vorbei am lustig plätschernden Brunnen, und hob eine Kastanie auf, die ihr vor die Füße fiel.

»Das soll Glück bringen, sagte mein Vater, als ich noch ein Kind war«, meinte sie lächelnd und folgte dem behäbigen Bürgermeister in das Innere der recht passablen, aber nicht mit den modernen Großstadtschulen vergleichbaren Dorfschule.

Über den graubelegten Steinflur kam ein großer, aufrecht gehender Mann mit schlohweißem, vollem Haar auf sie zu. Eine Hornbrille beherrschte sein schmales, wachsbleiches Gesicht mit einem breiten Mund, an dessen beiden Seiten tief eingegrabene Falten unwillkürlich an einen Magenkranken erinnerten. Seine ruhigen grauen Augen forderten Achtung und Respekt.

»Da sind Sie ja, liebes Fräulein Kollegin. Ich freue mich, daß Sie schon heute gekommen sind, um sich noch drei Tage vor Schulbeginn alles hier bei uns anzuschauen.«

Christiane empfand seine Stimme als besonders wohltuend.

Der Bürgermeister hatte sicher recht, wenn er sagte, daß der Hauptlehrer Holtmann ein gerechter Mensch sei.

Er begrüßte auch den Bürgermeister und öffnete die Tür zum Büro der Schule, das nur klein, aber hübsch mit zeitlos ansprechenden Möbeln ausgestattet war.

Der Bürgermeister verabschiedete sich nach etwa zehn Minuten.

»Und lösen Sie bald Ihr Versprechen ein, Fräulein Schroeder. Besuchen Sie uns mal«, sagte er und reichte Christiane seine Hand zum Abschied.

Hauptlehrer Holtmann führte sie durch die Schule. Diese wies nur vier Klassenräume und einen lichtdurchfluteten Zeichensaal auf.

»Drüben auf dem Podest veranstalten wir Jahr für Jahr um die Weihnachtszeit unsere Theateraufführungen. Den Kindern macht das eine Riesenfreude. Diesmal können Sie vielleicht mit den Kleinen eine Märchenvorstellung geben.«

Christiane war begeistert. Der Schulleiter wurde ihr mehr und mehr sympathisch. Sie hatte das gute Gefühl, daß sie sowohl beruflich wie auch privat sicherlich sehr gut mit ihm auskommen werde.

»Setzen Sie sich doch bitte, Kollegin«, sagte Herr Holtmann freundlich und zündete sich ein Pfeifchen an. »Wollen Sie dann so nett sein und mir Ihre Papiere geben? Ich werde sie sofort, mit meiner Unterschrift versehen, ans Provinzial-Schulkollegium zurückschicken. Ich werde auch gleich schreiben, daß ich mit Ihnen sehr einverstanden bin, Fräulein Schroeder«, erklärte er mit gütigem Lächeln.

Christiane schaute in seine ruhigen, ehrlichen Augen und faßte mit einem Male Mut. Sie wollte ihm die ganze Wahrheit sagen und versuchen, sein Verständnis zu erringen.

Herr Holtmann bemerkte nicht, daß ihre Hände zu zittern begannen.

»Ich habe Ihnen etwas zu sagen, Herr Holtmann«, begann Christiane zögernd und hielt das Kuvert mit ihren Unterlagen noch fest in der Hand.

»Na, dann schießen Sie mal los! Haben Sie noch bestimmte Wünsche? Ich werde mich gern den neuen pädagogischen Richtlinien anpassen, wenn so etwas hier auf dem Lande durchführbar ist. Machen Sie aus Ihrem Herzen niemals eine Mördergrube. Ich lege größten Wert darauf, daß wir in völliger Übereinstimmung miteinander arbeiten. Und sehen Sie mich bitte nicht als Ihren Vorgesetzten, sondern als Ihren Mitarbeiter an. Nur so können wir eine erfreuliche und beglückende gemeinsame Tätigkeit beginnen.«

»Ich danke Ihnen sehr herzlich für Ihr Vertrauen, Herr Holtmann. Ich werde mir alle Mühe geben, Sie nicht zu enttäuschen. Nur ist da noch eine sehr private, peinliche Sache, die ich mit Ihnen durchzusprechen habe, Herr Holtmann.«

Ein prüfender, fragender Blick ging den Worten des Schulleiters voraus.

»Sie sehen gar nicht so aus, als ob Sie etwas bedrückt. Lassen Sie sich mal richtig anschauen. Ihre blanken Augen weisen keine Schatten auf. Also, was gibt es? Nur Mut! Ich habe für alles Verständnis.«

»Ich war, bevor ich wieder in den Schuldienst ging, verheiratet, Herr Holtmann«, sagte Christiane und senkte ihren Blick.