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Der junge Architektur-Student Lennart wird von seiner Freundin mit seinem Bruder betrogen. Monate später verunglückt der Bruder tödlich. Bei der Trauerfeier erfährt Lennart von seiner Adoption als Säugling. Geschockt und tief verletzt bricht er den Kontakt zu den Eltern ab. Das Vertrauen ist zerstört, Gefühle werden verdrängt. Er zieht sich in sich zurück und steckt all seine Kraft ins Studium. Beziehungen scheitern, er kann sich nicht ganz einlassen, hat Schwierigkeiten, zu vertrauen. Zu oft wurde er belogen, die Verletzungen reichen tief. Er weiß, es muss sich etwas ändern, denn er ist einsam. Und doch schiebt er es immer wieder auf, seine Wurzeln zu suchen. Er scheut die Wahrheit. Wird er die wahren Eltern finden? Wird er mit der Suche auch die Einsamkeit besiegen können?
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Seitenzahl: 593
Veröffentlichungsjahr: 2024
Impressum
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
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© 2024 novum publishing
ISBN Printausgabe: 978-3-99146-443-3
ISBN e-book: 978-3-99146-444-0
Lektorat: Juliane Johannsen
Umschlagfotos: Idenviktor, Zwawol | Dreamstime.com
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
www.novumverlag.com
1. TEIL
Studentenleben
1. Kapitel
Es ist noch hell an diesem Sommerabend, Lennart steht am Fenster und betrachtet die prächtige Birke vorm Haus. Ihre Blätter schaukeln vom leichten Wind hin und her, wie kleine Uhrpendel, hin, her, hin, her. Seine Augen lösen sich von dem Spiel, er geht zum Schreibtisch zurück, muss weiterarbeiten. Wenn das nur ginge? Er ist nervös, hat ein Problem, ein Zeitproblem, das ihn schon länger quält. Er steht wieder auf, streicht durch sein volles Haar, schiebt es zurück, will sich entspannen, doch die Gedanken kreisen. Wann hat er seine Schulfreunde zuletzt getroffen? Lange her. Seinem Bruder und der Schulband zugehört? Auch lange her. Wandern, malen, nicht dran zu denken. Wie machen andere Studenten das? Warum jobbt er auch zweimal die Woche in einem Planungsbüro? Verzichten möchte er aber nicht auf den Zuverdienst. Schwierig. Eine Lösung muss her, denn da ist auch seine Freundin Katrin, die fast jede freie Stunde bei ihm verbringt. Er liebt sie, hätte aber gern mehr Freiraum für sich. Während er grübelnd hin und her geht, kommt vom Sessel ihre Stimme.
„Du läufst auf und ab wie ein Tiger im Käfig, was ist mit dir?“
„Was mit mir ist? Ich bin unzufrieden, nervös, unruhig, könnte eine Auszeit gebrauchen, Urlaub wäre gut. Ich muss einfach mal raus, weg von allem.“
„Ja, machen wir doch mal Urlaub, wohin wollen wir? Ich schaue gleich mal ins Internet …“ Katrin springt auf, will ihn umarmen, doch er nimmt ihre Hände und sieht sie ernst an.
„Warte, stopp, nicht so stürmisch,ich möchte in Urlaub fahren, ich muss mal raus. Verstehst du? Mal allein sein, zur Ruhe kommen.“ Völlig überrascht fragt sie, ob er sie nicht mehr liebe, eine andere Frau kennengelernt habe, oder ihn störe, weil sie viel bei ihm sei? Er blickt sie an, seine großen grünen Augen bohren sich fest in ihre.
„Eine andere Frau kennengelernt haben, ha. Wann denn, du machst Witze, dafür habe ich doch gar keine Zeit, will ich auch gar nicht. Wir sehen uns oft, und ich habe manchmal das Gefühl, du erdrückst mich mit Wünschen, häufiger auszugehen, ins Kino oder Ähnliches. Es ist mir im Moment zu viel. Ich liebe dich, Katrin, das weißt du. Wenn wir uns eine Zeit lang nicht sehen, ist es sicher nicht schlimm.“ Erstaunt hebt sie den Kopf, das muss sie erst verarbeiten, schüttelt ihren blonden Lockenkopf und sieht ihm lange und tief in die Augen. Dann streicht sie kurz über seine Wange und nickt.
„O.k., wenn du meinst, eine Pause täte uns gut, dann machen wir es.“ Kurz entschlossen nimmt sie ihre Jacke vom Sessel, schnappt ihr Buch, in dem sie gelesen hatte, küsst ihn flüchtig auf den Mund und fort ist sie. Mit diesem schnellen Abgang hat er nicht gerechnet. Irritiert blickt er ihr durchs Fenster nach, wie sie auf ihrem Fahrrad davonradelt und überlegt einen Moment ihr nachzufahren, tut es aber nicht. Ich habe sie verschreckt, hat sie mich überhaupt richtig verstanden? Er geht die Szene noch mal durch. Ja, es war richtig, ich musste das sagen; dennoch möchte er mit jemanden darüber sprechen. Da fällt ihm Jens, sein bester Schulfreund ein, er ruft an. Leider springt die Mailbox an. Schade. Sein Blick geht rüber zum Elternhaus, es liegt nicht weit entfernt in der Sackgasse: Im Wohnzimmer brennt Licht, seine Mutter ist noch auf. Mit ihr will er reden, sie kennt Katrin gut. Sein Vater ist beruflich oft fort und auch heute nicht da. Seine „Mam“ kann wunderbar zuhören und gab ihm schon so manchen guten Tipp. Sie war es, die vorschlug, er solle eine eigene Wohnung beziehen. Das war vor einem Jahr. Jetzt ist er zweiundzwanzig. Die Eltern zahlen die Miete und unterstützen ihn auch sonst finanziell großzügig. Mit Katrin zusammen richtete er diese kleine Zweizimmerwohnung gemütlich mit hellen Holzmöbeln ein, fühlt sich hier wohl und die geringe Entfernung ist ideal für spontane Besuche. Er geht hinüber und klingelt. Die Mutter öffnet und erkennt sofort, dass er Redebedarf hat.
„Komm rein, wo drückt der Schuh?“
„Hast du Zeit?“ Lennart setzt sich in den bequemen Lehnsessel, der schon immer sein Lieblingsplatz war und fängt an zu erzählen. Geduldig hört seine Mam zu und meint dann:
„Ihr seid oft zusammen, sie ist viel um dich, verstehe. Als ich damals studierte, habe ich für mich auch Zeit herausholen müssen. Man muss mal allein sein, das ist wichtig. Fahr doch an die See, dort kannst du nachdenken und der Kopf wird frei, auch für neue Ideen. Hast du genügend Geld?“
„Ja, ich hab’ einiges zurückgelegt. Danke fürs Zuhören, Mam, du hast mir sehr geholfen.“ Erleichtert plant er den Urlaub. Ein Anruf bei der Uni, er kann die Hausarbeit später nachholen. Die Kollegen aus dem Planungsbüro sind sehr überrascht, wünschen ihm jedoch gute Erholung, und, er möge aber wiederkommen. Alle schätzen seine zugängliche Art und seinen Fleiß. Von Katrin verabschiedet er sich nur telefonisch. Nachdem er es geschafft hat, ein Zimmer in der Hochsaison zu bekommen, ist er Tage später auf seiner Lieblingsinsel in der Nordsee. Hier verbrachte er mit seinem Bruder Oliver und den Eltern wunderschöne Urlaube. Er steigt aus dem Auto – ein Geschenk der Eltern zum Abitur – reckt sich und atmet tief die Nordseeluft ein. Endlich Freizeit, endlich abschalten, und er fährt weiter zum Hotel. In den nächsten Tagen geht er stundenlang am Strand spazieren und spürt, wie die Unruhe etwas abnimmt. Der Blick aufs Wasser, der weite Horizont, die klare, warme Luft, all das tut sehr gut. Oft steht er nur da, lauscht dem Rauschen des Meeres und betrachtet die silbrig glänzenden Wellen, die flink über den festen Sand laufen und im Nu im nassen Grau verschwunden sind. Während er so guckt, fällt ihm auf, dass er bisher nicht an Katrin gedacht, oder sie gar vermisst hat. Ist das jetzt ein gutes oder schlechtes Zeichen? Er will es nicht überbewerten, ihm geht’s gut, ihm mangelt es nur an Zeit, Zeit mit Katrin auszugehen, oder ein schönes Bild zu malen, ein Buch zu lesen, mit Oliver zu reden, ihm zuzuhören, wenn er zu Hause im Keller übt. Er spielt wirklich gut Schlagzeug, hat Talent, wie Paps immer sagt. Die Gedanken gehen zu seinem Paps, er liebt ihn sehr, leider ist er selten zu Hause. Mit ihm zu reden ist schön, er weiß viel, war fast überall auf der Welt. Im Problemelösen ist er super, muss er auch als Ingenieur und Architekt. Und Oliver? Er ist meist gut drauf, bringt ihn oft zum Lachen, meint, ich sei zu ernst, denke zu viel. Ja, ich bin manchmal herb, nachdenklich, finde nicht jeden Witz lustig, obwohl ich nicht humorlos bin. Warum ist das so? Keine Ahnung. Oliver ist anders, nimmt alles leicht. Ich dagegen fühle mich oft wie in einer zu engen oder fremden Haut. Er geht weiter, will über eine Lösung nachdenken: Mehr Zeit für sich zu haben, einen Abend, vielleicht noch einen Nachmittag, das wäre toll! Wird Katrin das verstehen, ohne gekränkt oder gar beleidigt zu sein? Sie muss es verstehen. Gibt es noch andere Optionen? Das Mobiltelefon hat er die ersten Tage bewusst ausgeschaltet. Nun ist er doch neugierig, und guckt nach. Katrin hat sich nicht gemeldet, aber Jens fragte:
„Was wolltest du?“
Er schreibt zurück:
„Danke, hat sich erledigt.“
Noch fehlt die Lust zum Malen oder zum Lesen, viel lieber läuft er barfuß herum und genießt den feinen warmen Sand, der durch die Zehen quillt, das seichte Wasser, das die Füße umspielt. Der Blick geht wieder und wieder aufs Meer, mit den faszinierenden Farben, die Sonnenlicht und Wolken ständig verändern. Mal ist das Wasser hellgrau, dann dunkelgrün, oder schimmert silbrig blau. Selbst dunkelgrau hat viele Facetten, bis hin zu schwarz.Ich könnte es malen, habe ich noch nie versucht. Aber erst will er schwimmen. Er liebt die See, das Wasser ist kühl, doch das macht ihm nichts aus. Viele Urlauber haben die gleiche Idee, es ist voll. Als guter Schwimmer traut er sich weit hinaus. Es ist herrlich und ein prächtiges Gefühl durch die Wellen zu gleiten, er genießt es. Erfrischt joggt er danach noch eine halbe Stunde. Während er läuft, denkt er an Katrin. Er vermisst sie. Was sie wohl macht? Ihr ist sicher langweilig. Vor einigen Tagen schliefen wir miteinander, es war intensiv und wunderschön wie lange nicht. Wir kuschelten noch lange danach. Ist das nur Leidenschaft oder wirklich Liebe? Oder nur tiefe Zuneigung? Zweifel, warum hab’ ich Zweifel? Liebe ich sie nicht so stark wie ich immer glaube? Olli hat wohl recht, vielleicht denke ich wirklich zu viel, aber ich brauche Klarheit. Wenn ich zu Hause bin, müssen wir über alles reden.Seit sechs Jahren sind sie zusammen, lernten sich auf dem Gymnasium kennen, als Katrin neu in seine Klasse kam. Ein schüchternes, großes, hübsches Mädchen mit kurzen blonden Locken und wunderschönen blauen Augen. Beide waren sechzehn. Alle Jungen fanden sie toll, er natürlich auch. Sie hatten den gleichen Heimweg, und schnell funkte es zwischen ihnen. Er besuchte sie oft zu Hause, gemeinsam arbeiteten sie an den Hausaufgaben. Katrins Mutter mag ihn, freute sich immer, wenn er kam, das spürte er gleich. Plötzlich ist die Lust zum Malen wieder da, die Utensilien hat er immer dabei und fängt gleich an, die Dünen mit den langen Gräsern zu malen. Könnte ein gutes Bild werden. Niemand, außer ihm malt in der Familie, seine Mam studierte Musik, ist eine sehr gute Pianistin, tritt nicht mehr öffentlich auf, gibt aber Klavierunterricht. Gerne hört er ihr zu. Oliver liebt auch Musik, aber auch Sport und seine Vespa. Als Architekt kann sein Vater natürlich zeichnen und entwerfen, aber malen ist nur sein Hobby. Lennart liebt Farben und bringt sie mit guten Ideen und viel Fantasie aufs Papier. Seine Mam steht oft bei ihm, betrachtet ihn intensiv beim Malen. Er spürt es und fragt dann:
„Warum guckst du mich so genau an?“
„Ach, nur so, ich schau dir halt gern zu“, meint sie und geht nachdenklich weg. Während er sich jetzt für ein dunkles Graugrün entscheidet, schweifen die Gedanken wieder ab. Er erinnert sich an eine Autofahrt mit dem Vater. Es war in Lissabon auf der neuen Brücke über den Tejo. Den Vater für sich allein zu haben war schon ein Genuss, dazu diese tolle Fahrt! Er lag fast auf dem Beifahrersitz und genoss den Blick auf die hohen Stahlstreben, die matt glänzend von der Sonne vorbeiflitzten. Damals, mit elf Jahren, meinte er begeistert:
„Ich möchte später auch so schöne, große Brücken bauen.“
„Warum nicht, Junge“, lächelte der Vater aufmunternd. Stundenlang hätte er so mit seinem Paps weiterfahren können. Es war wundervoll. Vielleicht hatte sich damals schon sein Berufswunsch verfestigt, Ingenieur oder Architekt zu werden.
An einem Tag ist es besonders warm, Lennart läuft wieder barfuß in den Dünen und lässt sich in den weichen Sand fallen. Angenehm dringt die Wärme durch die Kleidung. Die Arme hinter dem Kopf, schaut er hinauf in den mit Wolken bestückten Sommerhimmel. Lange her, seit er so dalag und den Himmel betrachtete. Leichter Wind verändert die Wolkenumrisse, löst sie auf und lässt neue Formen entstehen. Immer wieder ein anderes Bild. Er rät, was es darstellen soll, wie damals, vor vielen Jahren, als Oliver und er im elterlichen Garten lagen und den Himmel betrachteten. Er muss lächeln. Sie wetteiferten, ob ein Tier, eine Gestalt oder Gesicht zu erkennen sei. Ihre Fantasie kannte keine Grenzen. Lustig war’s. Es ist eine Kuh, nein, ein Hund. So ging es hin und her, machte viel Spaß und sie lachten und lachten, kugelten dabei über den Rasen, wie zwei vom Wind getriebene Wollknäuel. Während er weiter hochschaut und meint, das Wolkengebilde könne ein Flugzeug sein, hat sich die Form erneut verändert. Und da ist sie plötzlich, die rettende Idee:Ändern! Verändern! Ich muss was verändern!Er setzt sich, kramt das Notizbuch aus dem Rucksack und schreibt Stichworte auf. Inzwischen ist es noch wärmer geworden. Er steht auf, schüttelt den feinen Sand ab und geht ins nächste Café. Und wenn Katrin nicht damit einverstanden ist? Ich muss es trotzdem tun. Bei einem leckeren Eiskaffee macht er weitere Notizen und weiß nun genau, was er nach dem Urlaub erledigen will. Seine Probleme haben sich im Nu in den Wolken in Luft aufgelöst. Er hat noch Appetit und bestellt bei der hübschen Kellnerin einen großen Eisbecher und zeigt ihr sein schönstes Lächeln. Hingerissen von diesem gutaussehenden jungen Mann, lächelt sie zurück. Wie einfach doch schwierige Knoten aufgehen können, denkt er und genießt das Eis. Ich musste nur nach oben schauen,da war die Lösung!Nach oben heißt auch, nach vorne gucken, das mache ich. Er bezahlt und gibt ein großzügiges Trinkgeld. Gut gelaunt geht er zum Hotel, nimmt das angefangene Buch mit auf die Terrasse und liest es bis zum Ende. Zwei Tage Erholung bleiben ihm noch, die will er voll genießen.
2. Kapitel
Die ersten Abende ohne Lennart sind schrecklich langweilig. Katrin vermisst ihn sehr, schreibt ihm kurze Nachrichten und löscht sie dann wieder. Ausgehen möchte sie, Spaß haben. Kurz entschlossen ruft sie ihre Freundin Liz an, die sich über den Anruf sehr freut.
„Hallo, Kati, hast dich lange nicht gemeldet. Gute Idee, auszugehen! Ich hab’ heute nichts Besonderes vor. Wann soll ich dich abholen, oder hast du inzwischen ein eigenes Auto?“
„Sehr lustig, weißt doch, dass ich keins hab’s. Um 19.00 Uhr bin ich fertig.“ Sie setzen sich in ein Café und reden und reden. Katrin erzählt von Lennarts plötzlichem Urlaubswunsch, dass er unbedingt allein fahren wollte, Ruhe brauche und sie es nicht verstünde. Fragend blickt sie Liz an, denn sie kennt Lennart gut. Die Freundin wiegt den Kopf und meint:
„Nun, wenn du oft bei ihm bist, dazu dein Temperament, deine Ansprüche“, sie schaut sie kurz an und fährt fort, „wie soll er dabei sein Studium schaffen?“ Katrin will protestieren.
„Du wolltest meine Meinung hören, Kati. Komm, lass uns in die kleine Tanzbar gehen, da kannst du dich abreagieren“, und legt beruhigend die Hand auf ihren Arm. Sie gehen in die Bar, wo sie ausgelassen tanzen. Sie haben Spaß und fangen bewundernde Blicke auf. Als Liz sie später nach Hause bringt, fühlt Katrin sich prächtig. Warum kann das nicht immer so sein, denkt sie. Ich bin sonst zufrieden, möchte nur gern häufiger ausgehen. Ihre Ausbildung zur Krankenschwester gefällt ihr, sie hat nette Kollegen, der Beruf stresst sie keineswegs, anderen Menschen zu helfen liegt ihr. Noch lieber ginge sie aber auf die Schauspielschule, denn Schauspielerin ist ihr Traumberuf. Sie lebt mit ihrer Mutter allein, und für diese Ausbildung reicht das Geld leider nicht. Ihr Vater hat die Familie verlassen als sie neun Jahre alt war und zahlt nur einen geringen Unterhalt. Er fehlt ihr noch immer, sie sieht ihn sehr selten. Alleinsein ist ein Problem für Katrin. Liz hat am nächsten Tag keine Zeit, doch Katrin möchte nicht zu Hause bleiben, es treibt sie hinaus, sie will sich amüsieren. Sie nimmt den Bus in die Innenstadt. Dort angekommen überlegt sie, ob sie in ein Café gehen soll, als sie plötzlich angesprochen wird.
„Katrin, bist du das?“ Erstaunt sieht sie in Olivers Gesicht, Lennarts hübscher Bruder steht neben ihr, strahlt sie an.
„Wie du siehst bin ich’s, was machst du denn hier?“
„Dasselbe kann ich dich fragen. Ich will ins Kino, es gibt einen tollen Film, hast du Lust? Ich lade dich ein“, bittend guckt Oliver sie an, „komm doch mit!“ Sie zögert, hat nichts Bestimmtes vor und sagt deshalb zu. Stolz hakt er sich bei ihr ein, sie schlendern davon. Nach dem Kino will er wissen:
„Hat dir der Film gefallen?“
„Ja, er war wirklich gut gemacht“, sagt Katrin, „gestört hat mich nur dein Arm auf meiner Schulter. Ganz schön frech von dir.“
„Ich wollte dich nur beschützen“, meint er lässig, „Als Entschuldigung biete ich dir an, in der Bar drüben mit mir was zu trinken. Bitte, Katrin, sag nicht Nein. Du bist immer mit Lenn zusammen, ich möchte es genießen, dich mal allein zu haben.“ Er lächelt sie so treuherzig an, dass sie nicht Nein sagen kann. Sie verbringen einen lustigen und schönen Abend, reden und lachen viel. Die Stunden vergehen, plötzlich ist es Mitternacht.
„Oh, jetzt ist der letzte Bus weg“, meint sie angeheitert, als sie auf die Uhr schaut. Es blieb nicht bei einem Drink, „Wie komm’ ich nun nach Hause?“
„Ich fahre dich natürlich“, schmeichelt Oliver, „meine Vespa steht um die Ecke.“
Zu Hause angekommen, nimmt er sie plötzlich in den Arm, drückt sie und küsst sie heftig. Überrumpelt und leicht benommen, erwidert sie den Kuss. Dann reißt sie sich los. Was mache ich da? Schnell wünscht sie ihm „gute Nacht“ und stürzt ins Haus.
Seit zwei Wochen ist Lennart verreist, und noch immer ist sie sauer auf ihn, deshalb lehnt sie Olivers Einladung zum Tanzen nicht ab. Was ist schon dabei, sie freut sich auf den Abend. Die Tanzfläche ist voll, es ist heiß und Katrin liebt es, wild und schnell zu tanzen. Pure Lebensfreude strahlt ihr Gesicht aus, sie genießt diese Stunden in vollen Zügen. Oliver bewundert die Freundin des Bruders, deren blonde Locken bei jeder Bewegung hin und her fliegen und ist stolz mit ihr hier zu sein, obwohl er weiß, dass sie Lennart liebt. Doch heute hat er sie für sich. Schon lange schwärmt er für sie und beneidet den älteren Bruder. Nur diesen Abend mit ihr verbringen. Einmal möchte er mit ihr …, ob sie das auch will? Ihm schwirrt der Kopf, in zwei Tagen kommt Lennart zurück.
„Wo bist du mit deinen Gedanken?“ Katrin fasst ihn am Arm und küsst ihn auf die Wange, leicht und beschwingt fühlt sie sich.
„Nur bei dir, wollen wir bald heimfahren? Ich werde müde, darf ja nichts trinken.“
„O.k., fahren wir, bei mir können wir noch einen Gute-Nacht-Drink nehmen, meine Mutter ist heute bei ihrer Freundin und kommt spät zurück.“ Das hört sich gut an, denkt Oliver. Sie schmiegt sich an ihn während der Heimfahrt. In ihrem Zimmer sitzen sie nebeneinander und trinken Wein. Als Oliver sie an sich zieht, wehrt sie sich nicht, im Gegenteil, sie genießt es begehrt zu werden. Seine Küsse machen sie schwindelig, sie erwidert sie, und dann passiert es: Sie schlafen miteinander. Oliver, jünger als sie, zeigt, dass er ein guter Liebhaber ist. Voller Leidenschaft gibt sie sich ihm hin. Am nächsten Tag hat sie frei. Sie schläft lange und rekelt sich genüsslich als ihre Mutter nach kurzem Klopfen in ihr Zimmer kommt.
„Na, dir geht es wohl sehr gut?“
„Ja, Mutsch, richtig prima.“
„Gehst du heute wieder aus?“, fragt sie vorwurfsvoll. Sie mag Lennart, das häufige Ausgehen der Tochter behagt ihr gar nicht.
„Nein, ich bleibe heut’ zu Haus, muss noch einiges lesen über die Klinik für die Schule.“
„Frühstücken wir zusammen?“
„Ja, und bitte einen ganz starken Kaffee, Mutsch. Ich komme gleich.“ Sie reckt sich und steht auf.
3. Kapitel
Gut gelaunt ist Lennart wieder zurück, die Eltern hat er schon begrüßt und will gleich zu Katrin fahren, als Oliver plötzlich blass und verlegen mit schlechtem Gewissen in der Tür steht.
„Grüß’ dich Lenn, gut siehst du aus“, sagt er und geht langsam auf ihn zu, „hast du ein paar Minuten für mich? Ich muss dir unbedingt was sagen?“, und fängt kleinlaut an zu sprechen. Er erzählt vom Flirt mit Katrin, dass sie aus waren und später miteinander geschlafen hätten.
„Was?“ Fassungslos schüttelt Lennart den Kopf.
„Das sagst du mir so ins Gesicht? Du hast das schamlos ausgenutzt, mochtest sie ja schon immer. Du bist mein Bruder! Mensch Olli!“ Wütend geht er auf ihn zu, gibt ihm eine Ohrfeige und schubst ihn gegen die Tür. Oliver fängt sich, reibt die Wange und will weitersprechen, doch er kommt nicht dazu. Lennart packt ihn, schüttelt ihn und lässt ihn abrupt wieder los. Der Bruder kommt ins Stolpern, fängt sich aber wieder. Diese heftige Reaktion hat er nicht erwartet, so kennt er ihn nicht.
„Tut mir leid, ich war ein Idiot, hab’ nur an mich gedacht, entschuldige bitte.“ Er lässt den Kopf hängen.
„Verzeihst du mir?“
Lennart guckt böse und zischt:
„Die Entschuldigung nehme ich an, zum Verführen gehören immer zwei, doch verzeihen, nein!“ Dankbar streckt ihm Oliver die Hand entgegen und schleicht erleichtert aus der Wohnung. Lennart beachtet ihn nicht, schnappt sich sein Fahrrad und fährt aufgebracht und schnell zur Freundin. Die Mutter, ahnungslos, hat ihn kommen sehen und öffnet ihm freundlich die Haustür.
„Schön, dich zu sehen Lennart, Katrin ist oben.“
„Danke, Frau Benning.“ Mit flotten Schritten geht er die Treppe rauf, klopft an die Tür und ist auch schon drin.
„Nicht so stürmisch, Lenn, hier bin ich“, Katrin kommt aus dem Bad und geht erfreut auf ihn zu.
„Dein Lenn kannst du dir sparen.“
„Was ist denn los?“
„Was los ist, weißt du wohl am besten. Ich habe gerade mit Oli gesprochen.“
„Oh“, Katrin lässt die Arme sinken, „ich muss dir auch was sagen. Setz dich doch erst mal, du bist so aufgeregt, so kenne ich dich gar nicht.“
„Ich mich auch nicht“, stößt er hervor, „wir müssen reden.“ Zögernd erzählt Katrin, dass sie sich einsam fühlte, tanzen gehen wollte, niemand Zeit hatte und Oliver sich anbot. Dann sei es leider passiert, sie hätten miteinander geschlafen.
„So schnell geht das bei dir? Wie oft habt ihr …?“
„Ein Mal“, murmelte sie leise, „ich schäme mich so. Es tut mir leid.“
„Zwei Wochen bin ich weg und dann so was …“
„Tschuldigung, ich hab’ alles kaputt gemacht. Kannst du mir verzeihen?“
„Nein, kann ich nicht.“ Lennart will sich beruhigen, steckt die Hände in die Hosentaschen, ballt sie zusammen und löst sie langsam. Enttäuscht und wütend schweigt er, die Augen blicken zu Katrins Bett. Ob sie hier…? Er schluckt, fasst sich wieder und spricht weiter.
„Im Urlaub habe ich viel nachgedacht, auch über uns. Ich fühle mich eingeengt, brauche Freiraum, muss mal allein sein, ab und zu Freunde treffen, wie du deine Freundinnen auch siehst. Nun passiert das! Ich wollte auch unsere Beziehung testen …“, höhnisches Lachen unterbricht den Redefluss, „ist ja gelungen, und wie!“ Er setzt sich auf den nächsten Sessel. Katrin guckt ihn vorsichtig an, sagt aber nichts. Den Kopf gesenkt redet er weiter.
„Ich habe vor – auch eine Idee aus dem Urlaub – mein Studium woanders weiterzuführen. Welche Stadt, weiß ich noch nicht genau. Vielleicht Bochum oder Köln, wollte ich schon immer mal hin. Ich muss weg von zu Hause, was anderes sehen. Jetzt sowieso! Schon zwei Wochen haben gezeigt, dass du … Ich muss das erst begreifen, verarbeiten, du hast mich schwer enttäuscht. Ich hab’ dir vertraut!DasVertrauen ist futsch! Ein Jahr Trennung würde uns guttun, dann sehen wir weiter.“
„Ein Jahr?“, Katrin stöhnt, „das ist lange und dann? Ich weiß nicht ob ich das …?“
„Wenn du willst, schaffst du’s, in einem Jahr schreibe dir. Ich muss jetzt gehen. Adieu Katrin.“
Schnell dreht er sich um, verlässt den Raum, wo er lange glücklich war, und läuft die Treppe hinab. Die Mutter blickt ihm vom Küchenfenster nach, während er den Weg durch den Garten nimmt. Auch Katrin guckt von oben, er spürt es, dreht sich aber nicht um, niemand muss seine Augen sehen, der Abschied fiel ihm nicht leicht, trotz der Auseinandersetzung. Er setzt seine Sonnenbrille auf, schließt die Gartenpforte und schwingt sich aufs Rad. Er muss jetzt allein sein, nachdenken, alles verarbeiten. Die nächsten Tage ist sein Vater zu Hause, so kann er morgen mit ihm über seine Pläne sprechen. Er ist gespannt, was er dazu sagen wird. Gleich morgens ist er drüben, erzählt von den Ideen und blickt seinen Paps erwartungsvoll an. Max nickt zustimmend und klopft ihm auf die Schulter.
„Finde ich gut, Junge, ich bin damals auch ausgezogen und habe woanders weiter studiert. Deine Mutter ist sicher nicht begeistert, aber sie wird es verstehen. Natürlich unterstützen wir dich weiter finanziell. Das nächste Semester fängt bald an. Ich wünsche dir dazu viel Glück, Lennart.“
„Danke, Paps. Ich bin schon jetzt neugierig auf alles.“
Max nimmt seine Hände, drückt sie und meint:
„Das glaube ich dir, vor dir steht ein spannender neuer Lebensabschnitt, Junge.“
4. Kapitel
Zwei Wochen hat Lennart Zeit, um alles zu regeln, ist dabei gut abgelenkt. Katrins Untreue trifft ihn schwer. Mit Oliver spricht er nur kurz, als er sich verabschiedet. Er hat Glück und findet ein freies Zimmer in einer Studentenwohngemeinschaft in Köln, nicht weit von der Universität. Als er sich von den Eltern verabschiedet, fällt ihm das schwerer als gedacht.
„Ich komme euch besuchen“, tröstet er sie und sich selbst. Um die Fahrt zu genießen, nimmt er den Zug. Als der Rhein ins Blickfeld gerät und später die Waggons über die große Rheinbrücke in Köln rollen, ist er auf seltsame Weise berührt, als tauche er in eine andere Welt. Nun beginnt ein anderes Leben und etwas beklommen betritt er den Bahnsteig, endlich da. Unten, in der Bahnhofshalle, nennt er beim Info-Stand die Adresse und fragt nach der Verbindung. Entschlossen macht er sich auf den Weg. Als er in der Wohnung ankommt, wird er von Eva, einer kecken Berlinerin, begrüßt:
„Hallo. Kieck ma, so’n Schnieker und Hübscher. Nun teil’n wa durch viere, det is prima.“
„Du kommst also aus dem hohen Norden der Republik, von wo denn da?“, wird er von Peter geduzt, der etwas größer ist als er, „ich bin aus Weimar“, sagt er und reicht ihm die Hand. Kurz erzählt Lennart von seiner Heimatstadt, dann zeigen beide ihm sein Zimmer. Während er die Reisetasche auspackt, sieht er sich um. Die Einrichtung ist schlicht und praktisch. Gegenüber der Tür bringt ein großes Fenster viel Licht in den Raum. Davor stehen ein Schreibtisch und einfacher Holzstuhl. Ein Regal für Bücher und andere nützliche Dinge hängt links an der Wand. Rechts neben ihm befinden sich das Bett und eine kleine Kommode. Sofort probiert er die Matratze aus. Scheint gut zu sein. Links ein großer Kleiderschrank sowie ein mit hellblauem Stoff bezogener, alter Sessel. Platz für einen kleinen Tisch wäre noch da. Einige persönliche Sachen will er in den nächsten Tagen mit dem Auto holen. Der erste Eindruck ist positiv, ihm gefällt’s hier. Claas, der dritte Mitbewohner, ein Niederländer, ist gerade nicht in der Wohnung. Er sieht ihn später.
Am nächsten Tag guckt er sich um und ist überrascht, wie viel Grünanlagen überall sind. Die Umgebung und vor allem der Rhein gefallen ihm. Hier kann er auch wandern, ein paar Stationen mit dem Zug oder Bus und er ist draußen in der Natur. Schon malt er sich den ersten Wandertag aus, doch zunächst muss er notwendige Formalitäten erledigen: Immatrikulieren, ummelden und einrichten, möglichst gemütlich. Er steckt voller Schwung und freut sich auf diese neue Zeit. Die Universität ist eine Technische Hochschule und wesentlich größer als die Uni zu Hause, hat auch mehr Studierende und mehr Angebote. Alles ist neu und aufregend. Oft liegen die Vorlesungen eng beieinander, dann wird es eng und er muss sich beeilen. Es dauert gar nicht lange und er fühlt sich heimisch. Die anderen Bewohner sind alle nett und unterschiedlich in ihrer Art. Eva, die Berlinerin, ist etwas kess, aber auch liebenswürdig und putzt das gemeinsame Bad von allen am besten. Peter, sie nennen ihn auch„der Lange“,hat ein großes Mundwerk, ist hilfsbereit und brät die besten Spiegeleier, die Lennart je gegessen hat. Lisabetta, die Haushälterin der Eltern, kann es nicht besser. Claas, ein gemütlicher Blondschopf, der auf Lehramt Deutsch und Englisch studiert, kocht hervorragend und ist ein lustiger Typ. Lennart, als Frühaufsteher, brüht morgens für alle Kaffee und holt Brötchen oder Brot. Kochen will er noch lernen. Es gibt einen Plan, der aufzeigt, wer wann was zu machen hat. Alle richten sich danach, es funktioniert gut. Wenn abends alle in der Wohnküche sind, wo sie oft gemeinsam kochen, reden sie über Alltägliches, sprechen Probleme an und diskutierten gern ausführlich und lang. Er mag diese Gespräche, wo jeder sich einbringt, Ideen vorträgt und Vorschläge macht. Manchmal kommt es zu hitzigen Debatten, dann ist meistens er es, der die Wogen glättet. Das kann er gut. In der Regel überwiegt jedoch die Harmonie. Er kann nur staunen, wie schnell er sich einlebt und glaubt, dass es an dieser offenen Stadt und den herzlichen Mitbewohnern in der WG liegt. Glück gehabt, ich habe die richtige WG gefunden. An Katrin denkt er zurzeit nicht, auch nicht an seinen Bruder, verdrängt es bewusst, die Enttäuschung wiegt zu schwer. Das steckt er nicht so schnell weg, kann es auch nicht vergessen. Anderes Umfeld, neue Eindrücke und sein Studium lenken ihn gut von trüben Gedanken ab. Einen Nebenjob hat er hier auch gefunden, ähnlich wie zu Hause. Die Einarbeitung gelingt gut. Die Mitarbeiter, überwiegend Ingenieure, merken schnell, dass er Erfahrung mitbringt und die Arbeit ihm Spaß macht. Obwohl seine Eltern sein Studium großzügig finanzieren, möchte Lennart auf diesen Zuverdienst auch hier nicht verzichten, denn er legt Wert auf gute Kleidung und hat eine Schwäche für Schuhe. Er liebt sie und in Köln gibt es so viele schicke Schuhläden. Stunden kann er hier verbringen. Monate später, es ist Ende Februar, erhält Lennart abends einen Anruf.
„Lennart, Junge …“
„Paps, was ist? Du klingst so komisch, ist was passiert?“
„Junge“, die Stimme stockt, „Oliver ist verunglückt mit dem Roller, er ist …“
„Oh, was ist mit ihm?“, unterbricht ihn Lennart, hält den Atem an, wartet.
„Oliver ist, Oliver ist tot! Man konnte nichts mehr machen“, der Vater schluckt, stöhnt.
„Was, das kann doch nicht sein? Olli, er kann doch gut fahren. Wie ist es passiert?“ Max erzählt, dass Oliver mit der Vespa aus einer Seitenstraße kam, ein Autofahrer von der tiefstehenden Sonne geblendet wurde und ihn übersehen hat. Der Rettungswagen war schnell vor Ort, doch es war zu spät.
„Oh, wie schrecklich! Ich komme sofort nach Hause, morgen bin ich bei euch. Drück’ Mam von mir und grüße sie.“
„Ja, Junge. Komm morgen, das ist gut. Deine Mutter weint nur noch.“
„Ich bin morgen da, Paps.“
„Danke, Lennart. Bis morgen.“
Kraftlos rutscht Lennart in den hellblauen Sessel. Das kann nicht sein, Olli tot? Er holt tief Luft. Wir hatten so viel Spaß miteinander, oft nahm er mich mit zum Schülerkonzert, wo er Schlagzeug spielte. Das konnte er hervorragend. Das soll alles vorbei sein? Oliver betrog ihn mit Katrin, das war gar nicht gut und er war wütend auf ihn. Zum Glück haben sie sich ausgesprochen, darüber ist er heute erleichtert, aber verzeihen konnte er ihm nicht, dazu war er zu tief verletzt. Lange bleibt er im Sessel sitzen. Des Nachts bekommt er nicht viel Schlaf, wälzt sich hin und her und schläft spät ein.
Am nächsten Tag steht er früh auf, schreibt den Mitbewohnern eine Nachricht, während er noch einen Kaffee trinkt. Rasch geht er hinüber ins Sekretariat und beantragt Urlaub für eine Woche. Die anstehende Klausur kann er nachholen. Bald darauf sitzt er im Auto und fährt zügig Richtung Norden. Er möchte möglichst schnell bei den Eltern sein. Während der Fahrt schweifen die Gedanken häufig ab, er muss sich auf den Verkehr konzentrieren. Endlich zu Hause angekommen, eilt er sofort zu den Eltern. Seine kleine Wohnung hatte Oliver bezogen, dort will er auf keinen Fall wohnen, er hat noch sein altes großes Zimmer im Elternhaus. Als er beide sieht, ist er erschüttert. Blass, zusammengesunken in tiefer Trauer sitzen sie da und gucken ihn an. Langsam geht er auf sie zu und drückt zuerst seine Mutter, dann den Vater. Nun können alle drei ihre Tränen nicht mehr zurückhalten, sie weinen, blicken sich an, halten einander fest und mögen nicht loslassen. Max, sein Vater, macht den Anfang und sagt:
„Schön, dass du hier bist, Junge.“
„Ja, das ist gut“, meint auch seine Mam.
Lennart nickt und fragt, ob er Oliver noch mal sehen könnte und wie nun alles weitergehe. Gemeinsam besprechen sie den Ablauf, das Wie und Wann der Beerdigung. Lisabetta, die gute Seele des Hauses, bringt ihm einen Kaffee, begrüßt ihn herzlich und drückt ihr Mitgefühl aus. Beide Jungen hat sie aufwachsen sehen und oft betreut, wenn die Eltern ein paar Tage im Ausland waren. Ihre Augen sind rotgerändert, auch sie ist sehr blass. Alles ist besprochen, die Trauerfeier und Beerdigung soll in fünf Tagen stattfinden. Er will danach noch zwei Tage bei den Eltern bleiben, bevor er wieder nach Köln zurückfahren muss. Beide sind froh darüber. Drückende Stimmung liegt überall im Haus, der Tagesablauf ist leise und schleppend. Stunden schleichen dahin, es ist nichts mehr zu erledigen, nur noch Warten auf den Tag des endgültigen Abschiedes von Oliver. Der plötzliche Tod des Bruders hat Lennart tief getroffen und stiller werden lassen. Zu nichts kann er sich aufraffen, als sei die Zeit stehen geblieben und lähme jede Tätigkeit. Auch Katrin möchte er nicht aufsuchen, will jetzt nicht reden. Er kann sie später noch treffen.
5. Kapitel
Der von allen gefürchtete Tag der Beerdigung ist gekommen. Viele Freunde von Oliver sind da, Verwandte, Nachbarn und Geschäftspartner des Vaters, eine große Schar Trauergäste füllt die kleine Halle des Friedhofsgebäudes. Tief erschüttert sitzen alle mit gesenktem Kopf und lauschen der Ansprache des Pastors. Nach der Feier gehen nur die engsten Angehörigen und Freunde zur Beisetzung. Die Sonne scheint, doch ihre Strahlen können niemanden erwärmen. Lennart zieht seinen schwarzen Mantel noch enger um die Schultern und hakt seine Eltern unter. Als sie beim Familiengrab ankommen, erkennt er die kleine Steinfigur wieder, einen weißen Vogel mit ausgebreiteten Flügeln. Links vom grauen Granitstein steht sie auf einem Sockel, ungefähr zwanzig Zentimeter hoch. Erinnerung steigt auf. Damals, als sein Großvater starb – er war wohl acht oder neun Jahre alt – sah er diesen Vogel zum ersten Mal und fand ihn wunderschön. Er ging an der Hand seiner Großmutter und fragte:
„Was ist das für ein Vogel, warum steht er da?“ Darauf meinte sie ernst:
„Das musst du deine Mama fragen!“
Er vergaß es jedoch. Heute nach Olivers Beisetzung will er seine Mutter darauf ansprechen. Unter den vielen Menschen, die heute erschienen sind, erblickt er auch Katrin. Bleich nickt sie ihm zu und dreht sich weg. Später sieht er sie nicht mehr. Alle Verwandten und Freunde sind gegangen, sie sind nur zu dritt im Wohnzimmer. Lennart legt den Arm um die Schulter der Mutter.
„Mam, was bedeutet eigentlich der kleine weiße Vogel auf unserer Grabstelle, warum steht er da?“ Die Angesprochene zuckt zusammen, ihr Gesicht ist kreideweiß.
„Oh, Lenn …, nein, heute nicht“, stößt sie hervor und blickt hilfesuchend zu ihrem Mann.
„Max, bitte!“ Er blickt sie an und schüttelt den Kopf:
„Wir müssen es ihm endlich sagen, Liebes. Zu lange haben wir es schon hinausgeschoben.“
Schwer stützt er sich auf der Tischplatte ab. Lennart befällt plötzlich ein mulmiges Gefühl, etwas Dunkles ist im Raum, er sieht es nicht, spürt es nur. Große Anspannung breitet sich in seinem Körper aus als er die Stuhllehne umfasst.
„Was müsst ihr mir sagen?“ Erwartungsvoll blickt er die Mutter an und drückt das Holz fester.
„Nun“, ihre Unterlippe zittert leicht, „diese Figur, der kleine Vogel … steht auf einem Kindergrab. Ich habe damals ein kleines Mädchen geboren, es verstarb noch am selben Tag.“ Stille.
„Das tut mir leid, Mam.“ Betroffen will er sie umarmen.
„Warte, Junge“, sie zögert und drückt die Hand ihres Mannes. Beide erzählen ihm nun vom jahrelangen Kinderwunsch und dem Schock des plötzlichen Todes der Kleinen.
„Es waren schreckliche Stunden für uns. Wir weinten und die Verzweiflung war groß. Der behandelnde Arzt wollte uns helfen und berichtete von einem zur Adoption freigegebenen kleinen Jungen, der am selben Tag geboren wurde. Er meinte, man könne es versuchen, so sei eine Mutter abgelenkt und könne einer tiefen Depression entgehen, die viele Frauen in einer solchen Situation treffe. Wir stimmten zu, wollten den Kleinen sehen und kennenlernen.“ Judith erinnerte sich, als der Säugling in ihrem Arm lag dachte sie, diese Augen fragen, ob sie mir vertrauen können, so groß und dunkel schauen sie mich an. Sie erzählt: „Tränen kamen mir, als ich das kleine Wesen vorsichtig an mich drückte und die Wärme des zarten Körpers spürte. Auch Max, der uns zwei liebevoll betrachtete, wurde von einem großen Gefühl überwältigt, strich dem Winzling behutsam übers Haar und sprach leise: ‚Hallo Kleiner, willkommen bei uns‘. So ist es damals gewesen. Wir haben dich adoptiert.“
Erschöpft lehnt Judith sich im Sessel zurück, endlich ist es raus. Sie schließt die Augen, mag Lennart nicht ansehen. Gebannt hat er zugehört und guckt beide mit großen Augen an. Starker Druck befällt seinen Magen, sein Hirn ist wie ausgeschaltet, große Leere ist in ihm. Die dunkelgrünen Augen sind fast schwarz. Immer wieder streicht er sein Haar zurück. Die Wanduhr lässt ihr Tick, Tack, Tick, Tack, hören. Stumm sitzt er da, bis langsam wieder Leben in ihn kommt und er sagt:
„Ihr habt mich adoptiert? Ich bin nicht euer Kind? Das kann doch nicht sein! Nein, das kann ich nicht glauben“, er stockt, schüttelt den Kopf und spürt noch immer das Dunkle, Unheimliche.
„Ihr habt mich zweiundzwanzig Jahre lang belogen?“ Jetzt wird er wütend:
„Ich fass’ es nicht! Warum habt ihr mir das nicht schon früher erzählt?“
„Du warst ein glücklicher Junge, wir wollten dich nicht …, es hätte dich verstört.“
„Jetzt bin ich verstört. Alles ist zerstört!“, stöhnt er immer noch wütend.
„Du bist doch unser Sohn … und …“
„Nein, bin ich nicht! Alles Lüge!“ Sein Vater legt die Hand vorsichtig auf seine Schulter. Heftig schüttelt er sie ab.
„Lass mich, ich muss an die Luft“, ruft er und stürmt aus dem Zimmer. Draußen stößt er wild ausatmend die rechte Faust in die linke Hand, immer wieder, bis es schmerzt. Tief holt er Luft. Die Anspannung ist noch da, doch sein Atem wird ruhiger. Er setzt sich auf die Bank vorm Haus. Was für ein Tag! Oliver tot, seine Beerdigung! Jetzt das, die Adoption! Er war gar nicht mein Bruder! Er war immer so lustig, ganz anders als ich. Nein, weiter will ich nicht denken. Er ist nicht mehr hier, aber ich bin noch hier, wie in einen fremden Raum gestellt, mit Türen, die alle verschlossen sind. Wo soll ich hin? Seine Hände stützen den schwer gewordenen Kopf. Ganz dunkel ist es inzwischen geworden, niemand ist zu sehen, endlich kommen die Tränen. Alles fließt aus ihm raus, Trauer, Enttäuschung, Wut und Verzweiflung. Lange sitzt er so da, dann schüttelt es ihn und er schreit in die Nacht:
„Mama, Mama!“
Als er nach langer Zeit ins Haus geht, drinnen ist nur eine kleine Lampe im Flur an, die Eltern schlafen wohl schon, würde er am liebsten gleich nach Köln zurückfahren, tut es jedoch nicht, er ist zu erregt. Erst muss er ein paar Stunden schlafen, hoffentlich kann er das? Hin und her wälzt er sich und fällt endlich in einen unruhigen Schlaf. Am nächsten Morgen steht er früh auf, in der geräumigen Küche ist Lisabetta dabei ein kleines Frühstück zuzubereiten. Er möchte nur einen großen starken Kaffee trinken und am liebsten gleich losfahren, entscheidet dann aber, sich doch noch von den Eltern zu verabschieden. Nach einer lähmenden Stunde Wartezeit erscheinen beide in der Küche, blass und angespannt.
„Hallo. Junge, wir glaubten, du seist fort nach gestern Abend.“
„Nein, aber gleich. Ich danke euch für die Offenheit und was ihr bisher für mich … Danke. Ich brauche jetzt Abstand, muss allein sein und werde nicht wiederkommen. Finanziell müsst ihr mich nicht mehr unterstützen. Ich komm schon zurecht“, presst er hervor.
„Es tut uns leid wegen gestern, du wolltest die Wahrheit hören. Aber, das musst du uns lassen, wir bezahlen weiter dein Studium, deine Ausbildung. Das ist doch selbstverständlich. Ich bestehe darauf!“, sagt Max und sieht ihn bittend und streng an.
„Ich werde jetzt fahren. Adieu“, Lennart schluckt, dreht sich um und verlässt das Haus, das zweiundzwanzig Jahre sein Zuhause war. Er sieht nicht mehr, wie Judith aufstöhnt und zusammenbricht. Im Auto schaltet er einen Musiksender ein, um sich abzulenken. Es ist hart, so zu gehen, doch die Entscheidung ist richtig! Ist sie es wirklich? Ja! Ich muss den Schnitt machen! Die Gedanken schlagen Purzelbäume. Er weint heftig und lange, während er fährt. Der Verkehr fließt, er kommt gut voran. Ausgerechnet meine Eltern ziehen mir den Boden unter den Füßen weg. Meine Eltern? Sind ja nicht meine Eltern. Mit wem kann ich darüber reden? Oliver wäre der beste Gesprächspartner, aber gerade er ist nicht mehr da. Wäre er nicht verunglückt, hätte ich all das Schlimme nicht erfahren, hätte noch ein heiles Zuhause. Mit Katrin reden? Nein, auch nicht. Ich muss es allein hinkriegen. Mit diesen Gedanken fährt er weiter und kommt nach Stunden in Köln an. Erschöpft stellt er den Wagen in der Tiefgarage ab und geht langsam die Stufen hoch, die ins Treppenhaus führen. Hoffentlich sehe ich niemanden, ich möchte jetzt nicht reden, denkt er und hat Glück. Keiner ist da. Dies ist nun mein Zuhause. Er legt eine Nachricht auf den Küchentisch. ‚Bin wieder da, habe mich hingelegt. Wir reden später. Lenn.‘ Zwei Stunden schläft er, bis im Flur bekannte Stimmen zu hören sind.
6. Kapitel
Seine Mitbewohner haben Lennart ihr Mitgefühl ausgesprochen und sind sehr rücksichtsvoll, lassen ihn in Ruhe und versuchen, so normal wie möglich mit ihm umzugehen. Der Studentenalltag geht weiter, viel Stoff ist zu lernen. Beim Nebenjob liegt auch einiges auf dem Tisch. Genau das braucht er jetzt, um so die schlimme Aussprache bei den Eltern zu verdrängen, es gelingt nur nicht immer. Die Kollegen und der Chefingenieur arbeiten gern mit ihm zusammen, nur zu ernst finden sie ihn, jetzt noch eine Spur mehr nach dem Tod des Bruders, zeigen jedoch viel Verständnis. Nach der Arbeit läuft Lennart gern im Park, in der Nähe des Büros. Beim Joggen verfliegen die dumpfen Gedanken, und die Anspannung durch den Job ist wie weggepustet, im Kopf wieder Platz für andere Dinge. Wandern wäre jetzt ideal, draußen sein, Felder sehen, Waldluft riechen. Vielleicht kann ich das bald umsetzen, denkt er, während die Füße gleichmäßig über den festen Sandboden laufen. Heute legt er noch zwei Runden drauf und verpasst so das gemeinsame Abendessen. Doch er weiß, Claas stellt eine Portion für ihn zurück, so wird es wohl auch heute sein. Lennart mag den „Chefkoch“, weil seine lustige Art ihn an Oliver erinnert, der ihm sehr fehlt. Ach Olli, wir hatten so viel Spaß zusammen. In der Wohnung angekommen, verschlingt er mit großem Appetit die bereitgestellte Gemüsesuppe.
„Claas, du bist der Beste“, ruft er ihm durch dessen Zimmertür zu, „danke, war superlecker.“
So vergehen die Tage, die Wochen, nichts Außergewöhnliches geschieht. Lennart fühlt sich nach wie vor nicht besonders und zieht sich oft in sein Zimmer zurück. Nachts schläft er nicht gut, wälzt sich im Bett hin und her, Albträume quälen ihn:Ein weißer Vogel kommt auf ihn zugeflogen,die weiten Flügel flattern vor ihm auf und ab. Blaue Augen schauen ihn durchdringend an.Er will ihn verscheuchen, doch er kommt immer wieder auf ihn zu geflattert. Schweißgebadet und wie gelähmt schreckt er jedes Mal aus dem Schlaf hoch. Was bedeutet das? Peter, Claas und Eva wissen nichts von der Adoption, warum soll er es erzählen? Es betrifft sie nicht, und er will sie damit auch nicht belästigen, es ist allein sein Problem. Manchmal träumt er von Oliver, wie er Schlagzeug spielt und dabei so glücklich aussieht. Wacht er auf, merkt er, dass er geweint hat.Das Studium prima hinbekommen ist mein nächstes Ziel, ich brauche Ablenkung, dann werden die schlimmen Träume weniger werden, versucht er sich zu beruhigen. Ach, wenn das so einfach wäre. Zur Ablenkung zählt neben dem abendlichen Joggen, auch Spazierengehen am Rheinufer, oder in den schönen Parks, von denen es ziemlich viele gibt in der Stadt, die nun zu seiner neuen Heimat geworden ist. Menschen Beobachten lenkt ihn wunderbar ab, er hört ihrem Lachen, ihrer Sprache zu, die mal gackernd, mal hell, tief, hoch, schrill oder auch ganz leise und unaufdringlich klingt. Er betreibt Studien, wie die Leute gehen: Staksig, lässig, mit elegantem Hüftschwung, steif, krumm, oder einfach nur eilig. Und die Farbe der Kleidung: Dunkel, hell, gedeckt oder quietschbunt, modisch chic, oder nur schlicht Ton in Ton. Dabei kommt er oft zum Schluss, dass alle recht zufrieden undschrecklichglücklichaussehen. Das ist nicht immer gut zu ertragen und leicht für ihn, schnell macht er sich dann auf den Heimweg. Zwei Kollegen aus dem Planungsbüro nahmen ihn mal zum Bowling mit, um ihn auf andere Gedanken zu bringen, was gut gelang. Dieser Abend machte Lennart viel Spaß, er war gelöst und lachte sogar ein paar Mal. Am nächsten Morgen bekam er Muskelkater von den ungewohnten Bewegungen, das hat ihn aber keineswegs gestört. Meistens sitzt er ernst und still am Tisch, wenn alle zusammen sind, lächelt selten. Peter fällt das besonders auf, guckt ihn oft verstohlen von der Seite an und denkt, da muss mehr sein als der Tod des Bruders, nur weiß er nicht, wie er ihn aufheitern kann. Wir sollten mal alle gemeinsam ausgehen, Spaß haben, denkt er. Kann schwierig werden, jeder hat seine Termine. Es muss klappen, er wird sich drum kümmern. Er mag Lennart, möchte ihm helfen, ihn aufmuntern.
7. Kapitel
Die ersten Wochen, nachdem ihr geliebter Sohn Lennart wieder nach Köln zurückgefahren ist, läuft Judith wie ein Schatten ihrer selbst im Haus herum. Sie isst kaum, trinkt wenig, aber Lisabetta, die treue Seele, achtet darauf, dass sie wenigstens etwas zu sich nimmt. Jeden Tag geht Judith zum Familiengrab und hält Zwiesprache mit beiden verstorbenen Kindern und kehrt danach erschöpft zurück. Sie sieht gut aus mit ihren achtundvierzig Jahren, doch abgenommen hat sie und ihre braunen Augen, die immer Wärme ausstrahlten, sind nun glanzlos und gerötet. Das kastanienrote Haar trägt sie jetzt hochgesteckt und spielt erstaunlicherweise wieder Klavier, was sie wochenlang nicht mochte. Meist sind es tragende, schwere Stücke, doch Max freut sich, dass sie wieder den Weg zur Musik gefunden hat, und setzt sich gern dazu. Berührt sie die Tasten, ist sie in einer anderen Welt, schließt die Augen und spielt sich den Schmerz von der Seele. Wie leises Weinen, wie herabfallende Tränen hört es sich an, schaudernd und wunderschön. Alle vermissen Oliver, sein frisches Wesen, die gute Laune. Missgestimmt war er selten, nur Streit mit Lennart machte ihn unglücklich. Er hing sehr am großen Bruder. Nun sind beide fort. Max bleibt die erste Woche nach der Beerdigung zu Haus, er braucht diese Zeit der Besinnung und will auch Judith zur Seite stehen. Beide Söhne, so unterschiedlich, sind fort, er liebt sie so stark, dass sich sein Herz zusammenkrampft. Nur langsam gewöhnt er sich dran, wieder ein paar Stunden im Büro zu arbeiten. Seine Mitarbeiter sind froh ihn zu sehen, denn es gibt viel zu tun. Eines Tages fragt Katrin telefonisch an, ob sie vorbeikommen könne. Erfreut über den Anruf bittet Judith sie, sie bald zu besuchen. Sie mag Lennarts Freundin und nimmt sich zusammen, um nicht so traurig auszusehen, als die junge Frau blass und verlegen vor ihr steht. Was hat sie wohl auf dem Herzen? Bei einer Tasse Kaffee, Katrin trinkt lieber Tee, schaut Judith sie aufmunternd an. Stockend erzählt sie, ihr Gegenüber wird blass, sieht gar nicht glücklich aus. Es wird ein langes Gespräch zwischen ihnen, ganz allmählich erscheint ein kleines Leuchten in Judiths Augen.
„Lennart darf davon nie erfahren“, bittet Katrin.
„Ich verspreche es dir.“ Beim Abschied nimmt Judith sie in den Arm, erleichtert verlässt die junge Frau das Haus. Kaum kann sie erwarten, bis ihr Mann wieder zu Hause ist. Sie muss ihm unbedingt von diesem überraschenden Besuch erzählen.
8. Kapitel
An einem Sonntag, Mitte März, die Sonne hat schon Kraft, steht Lennart früh auf, er will heute wandern und freut sich auf die Tour. Fünf Stunden mit Pausen hat er dafür eingeplant. Die Wanderschuhe sitzen perfekt, als er zur Bushaltestelle geht. Nach einer halben Stunde Busfahrt läuft er los. Zunächst durch einen kleinen Hain, weiter an Feldern entlang, immer leicht bergauf. Wieder ein Gehölz, ein wunderschöner Buchenwald. Die Sonne steht schon höher, ihre Strahlen brechen sich in den Zweigen, die schon zartes Grün zeigen. Am Waldrand angelangt, bleibt er stehen. Unter ihm liegt ein Tal mit bunt hingestreuten Häusern und einer roten Backsteinkirche. Davon muss er unbedingt ein Foto machen, holt den Apparat aus dem Rucksack und hält das Bild fest. Herrlich still ist es hier, die Arme hochgereckt und ausgebreitet atmet er die klare, reine Luft ein. Plötzlich hört er ein Geräusch, leises Stöhnen und Schimpfen einer Frauenstimme. Soll er nachsehen? Es kann eine logische Erklärung dafür geben, ein Pärchen vergnügt sich, er würde stören und peinlich wäre es außerdem. Er lauscht weiter, nein, es muss was anderes sein. Neugierig geht er der Sache nach und erblickt eine junge Frau auf einem Baumstumpf. Sie hält ihren rechten Knöchel, weint und flucht vor sich hin:
„Dummer Vogel.“ Er stellt sich vor sie und fragt, ob er helfen könne. Erschreckt fährt sie zusammen und hebt den Kopf. Während sie ihre hellbraunen Haare aus dem Gesicht streicht, meint sie:
„Ich weiß nicht, ob man mir helfen kann“, und schnieft weiter, „ich bin über eine Wurzel gestolpert, kann nicht laufen. Mein Fuß ist dick. Dummer Vogel.“
„Bestimmt kann ich Ihnen helfen, ich habe ein Wundergel dabei“, sagt Lennart und zieht eine Tube aus dem Rucksack.
„Darf ich?“ Er setzt sich neben sie und nimmt vorsichtig den Fuß.
„Aua, das tut weh“, jammert sie. Schönes Gesicht, stellt er fest und meint:
„Erst mal kühlen. Ich brauche kaltes Wasser.“
„Ich kann nicht gehen.“
„Sollen Sie auch nicht, ich kann das machen, da drüben ist ein schmaler Bach“, er zeigt auf eine Lichtung, „bin gleich wieder zurück.“ Ein paar Minuten später erreicht er das Wasser. Es ist sehr kalt, genau richtig für die Schwellung und Papiertaschentücher hat er immer bei sich. Als er zurückkommt hat die hübsche Wanderin sich etwas beruhigt und sieht ihm dankbar entgegen.
„Danke, Sie sind nett, gehen werde ich wohl nicht können. Der Knöchel ist ziemlich dick.“ Lennart sagt nichts, kühlt die Stelle und trägt dann das Gel auf. Aufmerksam guckt sie zu und sagt:
„Ich heiße Ilona, wandere gern und beobachte Vögel. Vorhin hörte ich eine seltene Vogelstimme, blickte hoch, um zu sehen, wo er ist und wie er aussieht, dabei fiel ich über eine Baumwurzel und habe mir den Fuß verstaucht, und der Vogel war weg! Deshalb fluchte ich.“ Lennart kann sich kaum das Lachen verkneifen, so lustig kommen die Worte aus ihrem Mund.
„Zum Glück, sonst hätte ich sie nicht gefunden. Ich bin Lennart, wandere auch gern, sieht man ja.“ Beide müssen lachen. Anerkennend blickt er auf ihre Wanderschuhe.
„Gute Marke, kenne ich, die sind wirklich prima. Haben Sie ein Telefon, um Hilfe zu holen?“
„Schon, aber der Akku ist leer, ich würde sonst meinen Bruder anrufen, damit er mich abholt.“
„Ich habe meins dabei. Hier, Sie sollten es gleich tun, damit er schnell kommt“, und reicht es ihr. Erleichtert nimmt sie es und tippt die Nummer ein. Danach gibt sie das Telefon zurück und bedankt sich. Sie erzählt, dass sie mit ihrem Bruder zusammenwohnt, hier, in der Nähe.
„Er ist ein feiner Mensch, und immer lustig. Bleiben Sie noch hier, bis er da ist?“ Betroffen sieht sie, dass Lennart blass geworden ist und plötzlich traurig aussieht.
„Hab’ ich was Falsches gesagt?“, fragt sie. „Ich kann allein auf ihn warten.“
„Nein, nichts Falsches. Nur, mein Bruder war auch ein feiner Mensch und lustig, aber er ist tot.“
„Tut mir leid, das wusste ich nicht“, sagt Ilona.
„Ich würde mitwarten, muss aber weiter. Die Busse fahren am Sonntag nicht oft. Darum sollte ich mich sputen, um mein Ziel noch zu erreichen. Schön, dass ich Ihnen helfen konnte. Hat mich gefreut, Sie kennenzulernen. Auf Wiedersehen, Ilona. Gute Genesung für den Knöchel.“ Er reicht ihr die Hand, sie dankt ihm noch ein Mal, und er macht sich auf den Weg. Bevor er in den Wald geht, dreht er sich um und winkt ihr zu. Dann ist er verschwunden. Ilona sieht ihm lange nach, ein schöner Mann und so traurig. Eine Viertelstunde später ist ihr Bruder da, sie erzählt ihm von der Begegnung.
„Da hattest du Glück, Schwesterchen“, sagt David und bringt sie stützend zum Auto, das in der Nähe steht. Nun bemerkt sie das Gel, ihre Hand hält es fest umschlossen. Hoffentlich braucht er es nicht so bald –das Wundergel –und lächelt. Sie kennt nur seinen Vornamen.
9. Kapitel
Zwei Wochen später, Lennart ist im Supermarkt, um Lebensmittel für die nächsten Tage einzukaufen und heute ist auch sein Kochtag in der WG, als das Telefon klingelt. Eine unbekannte Rufnummer erscheint im Display. Er meldet sich mit:
„Hallo?“
„Auch hallo, hier ist Ilona. Wissen Sie noch, der verstauchte Knöchel?“
„Ah, die Wanderin mit Vogelblick“, erinnerte er sich. „Woher haben Sie meine Nummer?“
„Sie gaben mir Ihr Telefon, die Nummer wird automatisch gespeichert. Darüber bin ich froh, sonst hätte ich Sie nicht erreichen können. Ihr Wundergel ist noch bei mir.“
„Hat es geholfen? Behalten Sie es ruhig.“
„Hat es, danke. Ich möchte es Ihnen gern zurückgeben. Am Wochenende bin ich in Köln, wenn es Ihnen passt, könnten wir uns am Sonntag vor dem Dom treffen?“
„Sie haben Glück, es passt mir. Welche Zeit?“
„Schön, um 14.00 Uhr vor dem Dom auf der großen Treppe?“
„Zwei Uhr ist in Ordnung. Dann bis Sonntag, Ilona.“
„Bis dann, Lennart.“ Einige Zutaten fehlen noch fürs heutige Essen, er packt sie ein, bezahlt und macht sich auf den Heimweg. In der Wohnküche bereitet er sogleich das Essen vor, ein Nudelgericht und Salat. Die Spaghetti-Soße gelingt ihm heute besonders gut. Die Mitbewohner sind voll des Lobes:
„Du hast wohl beste Laune, die Soße ist ein Gedicht“. Claas hebt den Daumen.
„Dieses Mal lass ick den Ketch-up weg“, meint Eva und nimmt Nachschlag.
„Einfach lecker“, murmelt Peter kauend, „kannst ruhig häufiger kochen.“
„Danke, nun ist es genug“, wehrt Lennart ab, freut sich aber, gelobt zu werden tut gut. Nach dem Essen erzählt Peter Lustiges aus seinem Fachbereich und alle lachen. Lennart schiebt Müdigkeit vor und zieht sich in sein Zimmer zurück. Er möchte allein sein. Ilonas Anruf hat ihn überrascht und froh gestimmt. Er ist gespannt auf Sonntag. Einige Seiten arbeitet er noch durch in den Büchern, doch nach einer Stunde fallen ihm die Augen zu. In dieser Nacht wird er von Albträumen verschont und schläft wunderbar.
10. Kapitel
Rechtzeitig ist Lennart am vereinbarten Treffpunkt vor dem Dom. An diesem warmen Maitag ist die Treppe voller Touristen. Hoffentlich erkennt er sie unter den vielen Menschen. Da sieht er sie, sie trägt ein hellgrünes Kleid und schwarze Lacksandalen. Mit leichten Schritten ist sie bei ihm, lacht ihn an und reicht ihm die Hand. Fester Händedruck, bemerkt er und begrüßt sie:
„Toll sehen Sie aus, ohne dicke Wanderschuhe und Jeans, habe nicht geglaubt, Sie wiederzusehen. Ich freue mich. Was macht der Fuß?“
„Wieder gut, wie Sie sehen, trage ich leichte Schuhe und Baumwurzeln sind hier nicht zu entdecken“, scherzt sie.
„Ich freue mich auch, Sie wiederzutreffen.“
„Wo wollen wir hingehen? Ich lade Sie ein“, sagt er. „Letzte Woche hatte ich Geburtstag und möchte ein bisschen nachfeiern. Wie wäre es mit Eis oder Kuchen?“
„Herzlichen Glückwunsch! Kuchen klingt verlockend. Kennen Sie hier ein gutes Café?“
„Ja, ein richtig tolles, mit Torten zum Dahinschmelzen“, schwärmt Lennart. Gemütlich schlendern sie hin und sitzen sich bald in einer modernen und doch heimeligen Kaffeestube gegenüber. Nachdem beide ihre Bestellung aufgegeben haben, schauen sie sich an und fangen gleichzeitig an zu sprechen.
„Sie zuerst“, fordert Lennart sie auf, und lehnt sich zurück. Ilona erzählt, wie sie nach Hause gekommen ist, der Knöchel Tage später wieder eine normale Größe angenommen habe, sie das Gel verbraucht und ein neues gekauft habe.
„Wie alt sind Sie denn geworden?“, schickt sie noch nach.
„Dreiundzwanzig. Und darf ich wissen, wie jung Sie sind?“
„Ich bin vierundzwanzig. Oh, da kommt schon der Kuchen.“ Sie genießen Kuchen und Kaffee. Lennart beobachtet sie und freut sich über ihren Appetit und sieht auf ihre schmalen Hände. Was sie wohl beruflich macht, oder ob sie auch studiert?
„Wollen wir nicht Du sagen?“
„In Ordnung. Ich will Ihnen, dir erst mal das Gel geben“, sie reicht es herüber.
„David, mein Bruder, fand es übrigens toll, wie du dich um mich gekümmert hast. Er ist achtundzwanzig und fühlt sich noch immer für mich verantwortlich. Ich bin ja erst vierundzwanzig“, schmunzelt sie.
„Eigentlich muss ich dich einladen, du hast mir geholfen, und ohne dein Telefon hätte ich arge Probleme bekommen. Danke noch mal“, lacht sie. Ein klares, schönes Lachen, findet Lennart.
„Darf ich fragen, was du beruflich machst?“
„Ich bin in der Modebranche, mache Entwürfe, suche Stoffe aus und kaufe sie ein. Ich arbeite in Düsseldorf. Und du?“
„Ich studiere Architektur, bin im 6. Semester, muss noch zwei bis drei Jahre büffeln. Es macht Spaß. Zwischendurch arbeiten wir auch praktisch, nicht immer nur Theorie.“
„Klingt gut, ich möchte mir gern noch die Beine vertreten, den Kuchen ablaufen“, meint sie. „Gehen wir noch durch die Altstadt?“ Lennart nickt, bezahlt und beide bummeln durch die Straßen und sehen sich Geschäfte an. Sie ist hübsch, attraktiv, schick gekleidet, ihr hellbraunes Haar hat einen modernen Schnitt. Dazu schlank und hat schöne lange Beine, stellt er fest. Da drängt Katrin sich in seine Gedanken. Hat er ein schlechtes Gewissen? Ach was, ich flirte nicht mal, bewundere nur. Sie hat bestimmt einen Freund, ihr Lachen ist wunderbar, so unverstellt und klar.
„Was meinst du“, fragt sie plötzlich und sieht ihn an, „könnten wir uns wieder treffen, zum Beispiel zum Wandern?“
„Schon, aber …“ Er wiegt den Kopf, „Weißt du, ich mag es gern ruhig beim Wandern, nicht viel reden, wir kennen uns auch kaum. Fass es bitte nicht falsch auf.“
„Ich verstehe, was du meinst. Du willst gehen, schauen, Gedanken fließen lassen, genau das mache ich auch beim Wandern, aber mal ein Wort sagen, ist doch nicht schlimm.“
„Nein, schlimm nicht, ich mag nur nicht viel dabei sprechen. Im Moment habe ich keine so gute Phase, das hat nichts mit dir zu tun und geht vorbei. Ich möchte dich auch gern wiedersehen. Meine Telefonnummer hast du ja schon“, grinst er, „aber deine Nummer und deinen Nachnamen wüsste ich gern?“
Ilona zögert:
„O.k., wir können es versuchen, ‚Füssen‘ heiße ich. Hier ist meine Karte. Und du?“
„Mickensky-Jonn, ich habe keine Karte, ich schreibe es dir auf“, er gibt ihr den Zettel.
„Du bist verstimmt, verstehe. Ich hab’s verbockt, tut mir leid, Ilona. Gehen wir noch ein Stück?“
„Ja, gut, wir können am Rhein entlanglaufen.“ Vorsichtig schiebt sie ihre Hand in seine. Er zieht sie nicht zurück, nein, er umschließt ihre Finger fest und zeigt ein schiefes Lächeln. Jetzt entspannt sich ihre steife Körperhaltung, der Gang wird locker wie vorher. Sie unterhalten sich über Belangloses, Unverfängliches, sind beide achtsam und wollen die zarte Schicht der Harmonie nicht verletzen. Lennart, froh über ihre Nähe, fühlt sich wohl. Sie spürt es, denn ab und zu sieht sie ihn von der Seite an, sie mag sein Profil, die lange gerade Nase, hohe Wangenknochen und die schwarzen Haare, die bis über die Ohren hängen. In die dunkelgrünen Augen, die so traurig aussehen, hat sie sich sofort verguckt. Unmerklich drückt sie seine Hand und spürt freudig den Gegendruck.
„Wollen wir uns hier auf die Bank setzen, ich hole uns ein leckeres Eis.“ Lennart greift nach dem Portemonnaie.
„Nein, nun lade ich dich ein“, Ilona drückt ihn sanft auf die Sitzfläche. „Welche Sorten?“
„Schokolade und Himbeere.“
Während sie ihr Eis schlecken, fragt er:
„Warum geht ein so schönes Mädchen wie du wandern?“
„Weil ich die Natur liebe und als Ausgleich zu meinem Beruf. Immer topp gekleidet sein, jeden Tag was anderes Tolles anziehen, jederzeit super auszusehen ist schön, aber auch ein wenig anstrengend. Deshalb brauche ich manchmal die Stille“, lächelt sie, „und die Vögel. Eine schlichte Jeans, Shirt und bequeme Wanderschuhe genügen, und eine gestylte Frisur ist auch nicht nötig. Jetzt habe ich aber viel geredet.“
„Nein, ich hab’ dich ja gefragt“, grinst er, „ist schon o. k., ich verstehe das. Seit ich vierzehn bin, wandere ich, meist allein, oder mit Oliver, meinem Bruder.“ Er verstummt. Es ist noch frisch, nicht vernarbt.
„Ist noch nicht lange her mit deinem Bruder, stimmt’s?“
„Gut zwei Monate.“
Stumm drückt sie seinen Arm:
„Gleich fährt mein Schiff, ich muss zurück.“
