Kleines Konversationslexikon für Haushunde - Juli Zeh - E-Book
Beschreibung

Beherrscht ein Hund einen soliden Grundstock an Vokabeln, verhindert das Missverständnisse und erleichtert das Zusammenleben von Haushund und Homo sapiens enorm. In diesem Buch erklärt Othello, der Hund von Juli Zeh, der sich auf umfangreiche Recherchen stützen kann, auf seine unvergleichlich großmäulige und extrem geistreiche Art die Welt, wie sie wirklich ist …

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Seitenzahl:154


Beherrscht ein Hund einen soliden Grundstock an Vokabeln, verhindert das Missverständnisse und erleichtert das Zusammenleben von Haushund und Homo sapiens enorm. In diesem Buch erklärt Othello, der Hund der Schriftstellerin Juli Zeh, der sich auf umfangreiche Recherchen stützen kann, auf seine unvergleichlich großmäulige und extrem geistreiche Art die Welt, wie sie wirklich ist – aus Hundesicht. Von A wie Apport bis Z wie Zierpflanze bleiben dabei keine Fragen offen.

JULI ZEH, 1974 in Bonn geboren, Jurastudium in Passau und Leipzig, Studium des Europa- und Völkerrechts, Promotion. Längere Aufenthalte in New York und Krakau. Schon ihr Debütroman »Adler und Engel« (2001) wurde zu einem Welterfolg, inzwischen sind ihre Romane in 35 Sprachen übersetzt. Juli Zeh wurde für ihr Werk vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Rauriser Literaturpreis (2002), dem Hölderlin-Förderpreis (2003), dem Ernst-Toller-Preis (2003), dem Carl-Amery-Literaturpreis (2009), dem Thomas-Mann-Preis (2013) und dem Hildegard-von-Bingen-Preis (2015).

DAVID FINCK, 1978 in Düsseldorf geboren, studierte am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Er hat als Photograph, Webdesigner und Drehbuchautor (»5 Jahre Leben«) gearbeitet. Er erhielt den Förderpreis der Landeshauptstadt Düsseldorf. 2014 erschien sein Debütroman »Das Versteck«.

JULI ZEH

Kleines Konversationslexikon für Haushunde

Mit farbigen Fotografien von David Finck

 

 

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1. Auflage Genehmigte Taschenbuchausgabe April 2016, btb Verlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München Copyright © der Originalausgabe 2005 by Schöffling & Co. Verlagsbuchhandlung GmbH, Frankfurt am Main Umschlaggestaltung: Design Team SK · Herstellung: sc ISBN 978-3-641-24295-4V001

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Vorwort

Ich bin der Hund einer Schriftstellerin. Als solcher ist mir hinreichend bekannt, wie wichtig Sprache für die Geschöpfe auf unserem Planeten ist und dass unter allen Sprachen die menschliche den höchsten Wert besitzt. Immerhin ernährt sie den Haushalt, in dem ich lebe. Aber auch für jeden anderen domestizierten Hund hat die menschliche Sprache eine existenzsichernde Bedeutung, und zwar genau insoweit, wie er sie nicht beherrscht. Wer sprechen kann, hat Telephondienst. Wer sprechen kann, muss einkaufen gehen, die Post erledigen, sich entschuldigen und ohne Pause etwas lernen. Der Schweigende hingegen wird rundum bedient, zur körperlichen Ertüchtigung ausgeführt und, da er für ein persönliches Gespräch nicht zur Verfügung steht, beim Schlafen in Ruhe gelassen. Man bringt ihm das Futter und pflegt sein Fell. Allenfalls muss er aus folkloristischen Gründen gelegentlich an der Haustür bellen, wenn er dumm genug war, als junger Hund das Vorhandensein eines Stimmorgans zu verraten.

Dabei geht es nicht darum, dümmer zu sein als der Mensch. Es gilt nur, dümmer zu wirken. Im Stillen sollte jeder kluge Haushund seine passiven Fremdsprachenkenntnisse pflegen und regelmäßig erweitern. Ein solider Grundstock an Vokabeln verhindert Missverständnisse beim Umgang mit homo sapiens und hilft dabei, Überlebensstrategien zu verfeinern und das eigene Verhalten an die konkreten Umweltbedingungen anzupassen. Warum alles der Evolution überlassen? Die kommt doch sowieso nicht in die Gänge.

Solchen Überlegungen entsprang die Idee zu diesem Buch, dessen Abfassung ich aufgrund meiner überdurchschnittlichen Qualifikationen geradezu als Pflicht betrachte. Schon seit frühester Jugend widme ich mich der Erforschung der menschlichen Sprache. Im Alter von sechs Monaten nahm ich gemeinsam mit meinem Menschen ein Jurastudium an der Universität Passau auf, lag Tag für Tag unter den Klappsitzen im Hörsaal und machte mir die moderne Erkenntnis zunutze, dass man im Schlaf am besten lernt. Nach drei Semestern wechselte ich an die Universität Leipzig, um der rechtswissenschaftlichen Ausbildung ein Studium am Deutschen Literaturinstitut an die Seite zu stellen. Im Lauf von zehn Jahren im deutschen Hochschulwesen bin ich damit nolens volens zum Experten für menschliches Sprachverhalten geworden. Von Beileidsbezeugungen bitte ich abzusehen. Es kann sehr amüsant sein, was homo sapiens so redet. Man muss sich nur die Mühe machen, ihm ganz genau zuzuhören.

Es ist nun an der Zeit, die Ergebnisse meiner Untersuchungen einer breiten Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. »Das kleine Konversationslexikon für Haushunde« bietet Neueinsteigern erste Hinweise für das Zusammenleben mit homo sapiens und ermöglicht Fortgeschrittenen eine Vertiefung bestehender Kommunikationserfahrungen. Es kann als Nachschlagewerk ebenso wie zur fortgesetzten Lektüre empfohlen werden und sollte in keinem Hundehaushalt fehlen – ein Buch für Hunde, die ihren Menschen verstehen wollen.

Die oberste Maxime des klugen Haushunds lautet: Was auch passiert, sag niemals ein Wort – aber KENNEN solltest du sie alle. Wer meint, dass sich dieses Gebot schlecht mit der Niederschrift eines ganzen Buchs verträgt, sei darauf hingewiesen, dass niemand an meine Urheberschaft glauben wird. Nicht einmal die Wahrheit höchstpersönlich ist so überzeugend wie ein gut zementiertes Vorurteil.

 

Othello Leipzig, den 9. Februar 2005

A

Aas

Ehemals belebtes Nahrungsmittel nach dem Überwechseln in den unbelebten Zustand. Aas gibt es in Dosen, in Scheiben, in Alufolie oder Plastikhäuten, in freier Natur und in Aspik. Ein aufmerksamer Beobachter findet es überall. Es liegt am Wegrand, hinter den Wartehäuschen an Bushaltestellen, neben überquellenden  Biotonnen und auf dem Standstreifen stark befahrener Überlandstraßen. Aas ist in beinahe jedem Aggregatzustand schmackhaft, nahrhaft und bekömmlich. Darüber hinaus dient es dem Hobbyjäger als wichtiges Hilfsmittel beim Ansitzen im Stadtpark. Durch sorgfältiges Wälzen über die Körperbehaarung verteilt, überdeckt gut abgelagertes Aas den eigenen Körpergeruch. Welches Kaninchen erwartet schon, von einem toten Fisch angesprungen zu werden? Die einzige Gefahr beim Umgang mit Aas besteht in der Entdeckung durch homo sapiens. Siehe auch  Aasfresser,  Strafe.

Aasfresser

1. Pseudowissenschaftliche Bezeichnung für zivilisierte Gattungen, die ihr Essen nicht bei lebendigem Leibe verschlingen.

2. Ein Schimpfwort, das homo sapiens zu brüllen pflegt, wenn er einen Haushund bei der natürlichen Nahrungsaufnahme im Freien beobachtet. Die Verwendung des Begriffs beruht auf einem schwerwiegenden Irrtum des Menschen über die Beschaffenheit des Inhalts seiner Kühlschränke und Gefriertruhen.

Allergie

Übersteigerte Reaktion des Immunsystems auf bestimmte Eiweiße und eiweißähnliche Verbindungen. Eine der Hauptursachen für das Auftreten von Allergien liegt in übertriebener  Hygiene während der ersten Lebensjahre, weshalb Hunde vor solchen Erkrankungen relativ sicher sind. Tritt dennoch beim wiederholten Kontakt mit homo sapiens eine Menschenhaarallergie auf, hat das meist tragische Folgen. Selten bleibt eine andere Möglichkeit, als sich von seinem Liebling zu trennen. Auch wer aus anderen Gründen keine Lust mehr auf seinen Menschen hat, kann sich an der Nachtpforte des Heims oder in der Umsonst-abzugeben-Rubrik der Lokalzeitung (vgl.  Journalismus) auf eine asthmatische Veranlagung berufen. Die Gesundheitsapostel in Funk und Fernsehen sind gerne bereit, ihm zu erklären, warum er deswegen kein schlechtes Gewissen haben muss.

Angstbeißer

Jeder noch so pazifistische Haushund wird im Laufe seines Lebens das eine oder andere Mal gebissen. Meist beruhen solche Auseinandersetzungen auf einem Missverständnis: Der eine Hund hat Angst, der andere auch, und Angriff ist die beste Verteidigung. In puncto Aggressionsverhalten unterscheidet sich der gemeine Haushund somit nicht im Geringsten von homo sapiens. Bei Betrachtung der letzten paar Jahrtausende Menschheitsgeschichte drängt sich sogar die Frage auf, warum ausgerechnet die Hunde in der Öffentlichkeit an der Leine gehen und einen Maulkorb tragen sollen.

Apport!

[lat.] Bring [es] her! – Versuch des Menschen, seine Herrschsucht als Kulturpflege zu tarnen. Überdies völlig sinnlos: Die meisten Haushunde können kein Latein. Siehe  Stöckchen.

Arbeit

Ein Sammelbegriff für Tätigkeiten, denen homo sapiens existenzsichernde Funktionen nachsagt. Ausgerechnet Jagen, Nestbau, Fortpflanzung und Brutpflege werden vom menschlichen Arbeitsbegriff jedoch nicht umfasst. Dies lässt vermuten, dass der arbeitende homo sapiens weniger den Erhalt seiner Existenz als den Erwerb einer auf Cocktailpartys gültigen Existenzberechtigung anstrebt. Beim Haushund handelt es sich glücklicherweise um ein sogenanntes Luxustier. Als solches ist er sogar unpfändbar und das sei ihm Existenzberechtigung genug.

Arbeit

Auto

Rollende Blechkiste, die homo sapiens nur in zweiter Linie zur Fortbewegung einsetzt, während sie vor allem dem symbolischen Austragen archaischer Rang- und Revierkämpfe dient. Der Haushund sollte möglichst frühzeitig klarstellen, dass jener Teil des Autos, der »Kofferraum« genannt wird, schon aus semantischen Gründen ein Ort sein muss, an dem ausschließlich Koffer aufbewahrt werden. Der Hund hingegen findet seinen Platz auf der Rückbank. Dort erhöht er durch Meditation sein Körpergewicht und wird zu einem absolut unverrückbaren Materiehaufen, um den sich mitreisende Lebewesen und Gegenstände rücksichtsvoll gruppieren müssen. So schläft er friedlich, alle viere von sich gestreckt, bis sich am Grenzübergang ein verdächtiger Uniformierter unaufgefordert dem Auto zu nähern versucht. Merke: Ist der Innenraum eines Autos erst schlammverkrustet und mit Haaren bedeckt, reist es sich umso angenehmer. Siehe auch  Reisen, mit Hund und  Reisen, ohne Hund.

B

Badezimmer

1. Von innen verschließbare Zelle, in die homo sapiens sich zu wenig erforschten Tätigkeiten zurückzieht.

2. Gegenstand einer weit verbreiteten Hundeparanoia. In den Wahnvorstellungen des gemeinen Haushunds verfügt das Badezimmer über einen zweiten, geheimen Ausgang, durch den homo sapiens eines Tages das Weite suchen wird, um seinen treuen Begleiter für immer einsam und verarmt vor der Badezimmertür zurückzulassen. Wenn es sein muss, presst der Paranoiker seine Nase stundenlang unter den Türspalt, um sich laut schnaufend der fortgesetzten Anwesenheit von homo sapiens im Inneren der Zelle zu versichern. Effektive Therapiemethoden sind leider bis heute nicht bekannt.

Beamter

Ein Wesen, das gerne schläft, kaum spricht, sich dumm stellt, wenn man etwas von ihm will (vgl.  Understatement), keine  Arbeit braucht, um seinem Leben Sinn zu verleihen, überbezahlt wird (vgl.  Verkaufen), kein Streikrecht besitzt (vgl.  Eid), seine Artgenossen grundsätzlich für blöde Proleten hält (vgl.  Kläffen,  Wiese, Hunde) und seinem Vorgesetzten Tag für Tag ewige Treue schwört, ist … richtig, ein Haushund.

Begabung, schauspielerische

Die meisten homines sapientes gehen wie selbstverständlich davon aus, dass Tiere nicht lügen können. Obwohl es grob fahrlässig wäre, einen derart komfortablen Irrglauben zu stören, erlaube ich mir ein paar Bemerkungen zu diesem Thema.

Ein Wesen, das seit Tausenden von Jahren darauf angewiesen ist, sich wortlos mit dem Menschen zu verständigen (vgl.  Vorwort), entwickelt notgedrungen ein umfangreiches Repertoire von Gebärden. Die Evolution hat uns eine Reihe von Gesichtsausdrücken zur Verfügung gestellt, in denen homo sapiens eine ihm vertraute Mimik zu erkennen meint, so dass er seine Vorstellungen nach Belieben hineinprojizieren kann. Ähnlich wie ein Schauspieler auf der Bühne ist der Haushund gezwungen, seine Gesten theatralisch übertrieben auszuführen, weil sein Mensch sich zwar nicht in räumlicher, wohl aber in geistiger Hinsicht meist in einigem Abstand zum relevanten Geschehen aufhält. Wenn also Trauer, Freude, Angst oder Melancholie in der hündischen Interpretation ein wenig ins Grimassenhafte tendieren, liegt das nicht an mangelnder schauspielerischer Begabung oder gar dem geheimen Wunsch, sich über homo sapiens lustig zu machen.

Ein Haushund, der sich auf eine Weise unter der erhobenen Hand seines Menschen zusammenduckt, dass jeder Beobachter flugs die Nummer des Tierschutzvereins ins Handy tippt, oder der Geschenke vom Format eines ausrangierten Tennisballs mit der Begeisterung eines Lotteriegewinners entgegennimmt, ist kein Lügner, sondern ein Künstler. Er verdient standing ovations und hoch dotierte Würdigungen im Rahmen einer internationalen Großveranstaltung. Bislang wurde dieser Teilbereich der Schauspielkunst von der Öffentlichkeit wenig zur Kenntnis genommen. Aber eines Tages hat die Menschheit genug von Heike Makatsch und Daniel Brühl. Dann werden wir sehen.

Begleit-, Wach- und Schutzhunde

Etwa vier Tage nach seiner Geburt stellt homo sapiens sich zum ersten Mal die Frage, was er einmal werden soll. Mit sechzehn will er es wirklich wissen, mit dreißig ist er etwas geworden, findet keine  Arbeit oder mag jene nicht, die er hat. Beim Haushund ist das anders. Noch ist kein Fall bekannt, in dem einer von uns auf eine derartige Frage geantwortet hätte: Am liebsten Begleit-, Wach- und Schutzhund! Der gemeine Haushund gehört zur Familie der  Intellektuellen, die zum Dank für ihre bloße Anwesenheit ernährt und versorgt werden. Begleit-, Wach- und Schutzhunde haben hingegen den Fehler begangen, einer bestimmten  Rasse anzugehören und sich nicht während der ersten Lebenswochen durch vorgetäuschte oder echte Dummheit zu disqualifizieren. Sie erhalten eine Spezialausbildung ( vgl. Schule, Hunde), springen anschließend als kläffender Idiot hinter dem Zaun des örtlichen Gebrauchtwagenhändlers herum (vgl.  Kläffen) oder gehen ins Joch gespannt, um einen blinden Menschen durch die Stadt zu führen. Viel Bewegung an der frischen Luft und gutes Futter sind dem Begleit-, Wach- und Schutzhund zwar sicher. Dafür hat er aber alle Qualen des gewöhnlichen – sprich: menschlichen – Arbeitslebens zu ertragen. Der gemeine Haushund hält es lieber mit dem Ausspruch eines noch unbekannten Philosophen: Dasein heißt Hiersein.

Bellen

Lautäußerung des Haushunds, die homo sapiens für eine Art reduzierte Analogie zu seinem eigenen Verbalbemühen hält. Dabei übersieht er, dass sich der Haushund aus pragmatischen Gründen gegen das stimmhafte Sprechen entschieden hat und stattdessen über Gesten und Gerüche kommuniziert. Wie alle Wesen verwendet der Hund dabei ein mehr oder weniger hoch entwickeltes Zeichensystem, das vom Menschen als primitiv und beinahe nichtvorhanden eingestuft wird, weil er es nicht versteht. Im Gegensatz zum  Nutztier bellt ein gebildeter Haushund noch nicht einmal an der Wohnungstür. Für die Ankündigung von Gästen verfügt homo sapiens über eine Klingel, auf Englisch bezeichnenderweise bell, und wenn ihm das nicht reicht, kann er sich einen Bewegungsmelder kaufen. Das Bellen des Haushunds dient vielmehr als Ventil für starke Gefühlsausbrüche bei der Katzenjagd oder der Zurechtweisung geistig minderbemittelter Artgenossen (vgl.  Kläffen). Das Sprichwort von bellenden Hunden, die nicht beißen, entbehrt jeder Tatsachengrundlage. Schweigsame Intellektuelle verabscheuen Gewalt, während Kläfferproleten sich für nichts zu schade sind. Die Geschichte der Freundschaft zwischen Mensch und Hund ist gezeichnet von Fehlinterpretationen und Missverständnissen (vgl.  Sprichwort). Oder, wie ich nach Meinung von homo sapiens sagen müsste: [’vaƱ’vaƱ].

Besitz

Nach Rousseaus Meinung ist die menschliche Gesellschaft entstanden, als es dem ersten homo sapiens in den Sinn kam, auf eine Sache zu zeigen und dabei zu rufen: Meins! Der Haushund unterscheidet sich vom Menschen durch seine anarchistisch-kommunistische Grundeinstellung: Er begründet keinen Besitz. Mein Spielzeug, mein Halsband, mein  Magknochen, mein  Napf und meine Decke (vgl.  Decke, Hunde) gehören nur deshalb mir, weil kein homo sapiens das versiffte Zeug anfassen will. Das ist kein Besitz, sondern Zubehör. Sollten die Tiere eines Tages beschließen, eine Gesellschaft zu gründen, empfehle ich, nach Frankfurt am Main zu fahren, auf das Gebäude der Europäischen Zentralbank zu zeigen und dabei zu rufen: Meins! Im Grunde würde ich aber davon abraten. Besitz macht nur Ärger. Vgl.  Besitzer, Hunde.

Besitzer, Hunde

Streng rechtlich betrachtet ist der Hundebesitzer ein Eigentümer. Ihm kommt nicht nur die tatsächliche Sachherrschaft, sondern auch die volle Verfügungsberechtigung über seinen Haushund zu. Zwar lautet Paragraph 90a des Bürgerlichen Gesetzbuchs (bgb) in Satz 1: »Tiere sind keine Sachen.« Satz 3 stellt jedoch fest: »Auf sie sind die für Sachen geltenden Vorschriften entsprechend anzuwenden.« Nach einhelliger Auffassung ist Paragraph 90a BGB »eine gefühlige Deklamation ohne wirklichen rechtlichen Inhalt«.1 Oder anders ausgedrückt: Die Übersetzung einer inhaltsleeren Gefühlsduselei ins Juristische.

Immerhin sind seit Einführung dieser Vorschrift im Jahr 1990 Tiere nicht mehr als Sachen, sondern als »Mitgeschöpfe« einzustufen. Ob man ein Mitgeschöpf weiterhin »du unverschämtes Ding« schelten darf, ist noch nicht geklärt. Fest steht aber, dass die Beziehung zwischen Besitzer und Hund in rechtlicher Hinsicht nicht auf Freiwilligkeit und mitgeschöpflicher Zuneigung beruht, sondern, ich zitiere das Sachenrecht: auf dem Innehaben der Gesamtheit aller Rechte und Pflichten am Hund zur eigenverantwortlichen Nutzung durch den Menschen. Daraus folgt, dass homo sapiens den Hund gut füttern und betreuen muss, seine Steuern bezahlt (vgl.  Steuer, Hunde) und dafür haftet, wenn sein Haustier die Nachbarskatze hetzt oder mitten auf der Autobahn sitzt, um sich am Hinterkopf zu kratzen. Mehr bedeutet es eigentlich nicht. Jedenfalls nicht für uns Hunde.

Betteln

1. Weit verbreitetes Hobby des Haushunds, vergleichbar dem Rauchen und Saufen bei homo sapiens.

2. Erster Dan des Lass-Falln-Und-Gong, zu deutsch: Fremdbeherrschung durch Geisteskraft. Die genannte Bewegung hat sich einem gewaltfreien Einfühlen in die Naturkräfte zur Steigerung des persönlichen Nutzens verschrieben. Die physischen und psychischen Voraussetzungen sind dem Haushund angeboren. Außer einem lustvollen Empfinden für Abhängigkeitsstrukturen benötigt er bewegliche Augenbrauen, steuerbaren Speichelfluss, vibrationsfähige Nasenlöcher und eine hohe Stimme. Technisch einwandfreies Zusammenspiel dieser Grundbedingungen erzeugt den legendären Hundeblick, dem sich kein mental gesunder homo sapiens entziehen kann. Über die Frage, warum ein haariges Gesicht mit gewölbter Stirn, weißen Sicheln am unteren Lidrand und zuckender  Nase einen Schlüsselreiz darstellt, der den Menschen zum Füttern zwingt, sollte dieser vielleicht einmal nachdenken. Stattdessen verbietet er dem Hund das Betteln, um die Trennlinie zwischen Schöpfung und Krone eisern aufrechtzuerhalten. Von derartigen Sublimationsversuchen sollte der Haushund sich nicht abschrecken lassen. Am Ende klappt es doch.

Betteln

Biotonne

Etwas, das homo sapiens nicht braucht, wenn er einen Haushund hat. Siehe  Restmülltonne.

Buddhismus

»Du bist Buddhist« ist nicht nur der kürzeste Schüttelreim der Welt, sondern auch ein wichtiger Grundsatz im Leben des gemeinen Haushunds. Grob gesagt, geht es um die Erlösung von einem als leidvoll aufgefassten Dasein durch Eingang ins glückselige Nirwana. Es gibt Buddhisten, die ihre Weltanschauung mit dem folgenden Sinnbild veranschaulichen: »Für Buddha bedeutet die Hohe Kunst des Reitens: Auf dem Sattel kein Mensch, unter dem Sattel kein Pferd.« Sollte dieser Satz auf den ersten Blick keinen rechten Sinn ergeben, so liegt das nicht am Leser, sondern am Sinn. Nichtsdestotrotz hat der buddhistische Haushund eine Reihe von Merksätzen daraus entwickelt:

1. Die Hohe Kunst des Reisens: Auf der Rückbank kein Hund, rund um die Rückbank keine 45 Grad im Schatten (vgl.  Reisen).

2. Die Hohe Kunst des Restaurantbesuchs: Unter dem Tisch kein festgebundener Allesfresser, auf dem Tisch kein Bratengeruch (vgl.  Omnivor,  Restaurant).

3. Die Hohe Kunst des Riechens: Am Hals keine kurze Leine, drei Meter weiter keine läufige Hündin (vgl.  Instinkt).

Diese Beispielkette ließe sich endlos fortsetzen. Der Buddhismus des Hundes findet eine Grenze wenige Zentimeter vor der eigenen Futterschüssel sowie im Radius von einigen Metern rings um Nachbars Katze, weshalb er auch eine »örtlich begrenzte Weltanschauung« genannt wird. Wer nicht auf asiatische Esoterik steht, kann sich auch für den  Stoizismus entscheiden.

C

Chappi

Begriff, der sich vom bloßen Warennamen zu einer kulinarischen Allgemeinbezeichnung entwickelt hat. Chappi kann »Hundefutter« oder auch »schlechtes Menschenfutter« bedeuten, was bereits einiges über die durchschnittliche Ernährungslage des Haushunds aussagt. Der metonymische Gebrauch des Begriffs sollte allerdings unter Strafe gestellt werden. Es überschreitet eindeutig die Schmerzgrenze, wenn ein intellektueller Haushund, angebunden vor einem Supermarkt, vom vorbeikommenden Hundefreund (vgl.  Freund, Hunde