Kleines Leben - Tamira Wolf - E-Book

Kleines Leben E-Book

Tamira Wolf

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Beschreibung

Wenn Sie in prekären Verhältnissen leben, wissen Sie es längst: Armut wird in Deutschland gemeinhin gleichgesetzt mit Dummheit oder Faulheit. In diesem Buch erhalten Sie wertvolle Tipps und Tricks, mit denen Sie Ihre Situation langfristig vertuschen können, um weiterhin gesellschaftsfähig zu bleiben. Wenn Sie in gutsituierten Verhältnissen leben, lernen Sie hier, an welchen Verhaltensweisen Sie die Looser identifizieren können, die am unteren Rand der Gesellschaft leben - und mit denen Sie sicher nichts zu tun haben möchten. Denn wer hat schon Lust, ständig vor Augen geführt zu bekommen, dass sein Wohlstand womöglich weniger auf eigener Leistung, denn auf Glück beruht?

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Seitenzahl: 132

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Tamira Wolf

Kleines Leben

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

PROLOG

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Impressum neobooks

PROLOG

Rosa erinnerte sich noch genau an den Tag, an dem ihre Anführerin starb: Es war ein warmer und sonniger Nachmittag im April 1976 gewesen. Die Clique saß auf der Straße und malte Kreidebilder, als Rosas Großmutter die schlechte Nachricht überbrachte. Simone, ein charismatisches und hübsches Mädchen war nur zwölf Jahre alt geworden und litt an Leukämie. Die anderen Mädchen der Bande waren zwischen acht und zwölf Jahre alt, unzertrennlich, und reagierten ihrem Alter entsprechend verschieden. Die älteren weinten, während die jüngeren lachten: Mit der Situation überfordert, das Ausmaß nicht erfassend, Adrenalin, weil endlich mal was passierte. Man konnte es ihnen nicht übel nehmen.

Und heute, 40 Jahre später? Tatsache war, sie wohnten fast alle noch in Merkhausen und Umgebung und sahen sich recht häufig. Mit Heimatverbundenheit hatte das allerdings nicht viel zu tun, es waren meist rein pragmatische Gründe, die sie hier gehalten hatten: Sie alle kamen in erster oder zweiter Linie aus Bauernfamilien, und da gab‘s zur Aussteuer eben einen Bauplatz. Oder die Eltern zogen um, und somit wurde das Elternhaus für die Kinder frei. Befreundete Handwerker (Schwarzarbeit, klar) gab es zu der Zeit jede Menge, der finanzielle Aufwand für Um- oder Neubau war auf 30 Jahre angelegt und hielt sich in machbaren Grenzen. So war das eben damals auf dem Land in Niederbayern gewesen – obwohl, tatsächlich war es auch heute oft noch ähnlich: Die Eltern waren erst zufrieden, wenn jedes der Kinder ein eigenes Haus hatte. Rosa kannte unzählige Rentner, die tagein, tagaus auf den Baustellen ihrer Kinder schufteten.

Gerne gab sie es nicht zu, aber die Lücke, die Simone damals hinterließ, schloss sich schnell. Der Grund: Wie ferngesteuert durch die Diktatur des Östrogens, fingen sie an, sich für Jungs zu interessieren. Die Gruppe blieb bis weit in die Zwanziger hinein unzertrennlich, wuchs und schmolz, stritt und versöhnte sich, aber der harte Kern blieb erhalten und alle gingen sie selbstverständlich davon aus, dass es ewig so bleiben würde.

Aber es blieb nicht so. Aktuell waren sie nicht mehr befreundet. Zumindest nicht wirklich. Ein Gruß zum Geburtstag (am liebsten unverbindlich über what’s app), ein kurzes Gespräch beim Heimatfest oder beim Fußballspiel ihrer Kinder. Was sie auseinander gebracht hatte? Männer, Job, Kinder, Schicksalsschläge? Nicht wirklich: Es war das Geld.

Sie lebten mittlerweile in unterschiedlichen sozialen Schichten: Katja, Rosas Schwester, hatte einen reichen Mann geheiratet und seither die Weisheit mit ganz großen Löffeln gefressen. Dorothea – Simones jüngere Schwester - war nie flüssig, dummerweise aber auch nicht hübsch oder klug, redete aus Unsicherheit nur dummes Zeug und wurde immer weniger gesellschaftsfähig – kein passender Umgang mehr für Christiane, ihre ehemals beste Freundin und Rosas Cousine, deren Gatte sich lieber nach oben orientierte. Heidrun starb mit Anfang zwanzig, Anna-Maria bekam schnell hintereinander sechs Kinder von drei verschiedenen Männern - selbsterklärend. Francesca war dermaßen spießig geworden, das ging gar nicht mehr, während Maira einem lustiges Single-Dasein frönte, mit allen Lastern, die die Welt zu bieten hatte - und für sie waren die andern zu spießig geworden, das ging gar nicht mehr. Rosa selbst hatte vor ein paar Jahren eine Geschäftspleite erlebt und war seither vollauf damit beschäftigt, den Schein zu wahren.

Da auch sie mittlerweile kein passender Umgang mehr für Christiane oder Katja war, näherte sie sich die letzte Zeit wieder Dorothea an – der Komischen. Aber die beiden kamen einigermaßen klar, vermutlich war auch Rosa ein wenig seltsam geworden die letzten Jahre. Was ihr scheißegal war. Am Ende hatte Simones Tod so gesehen doch weitreichendere Konsequenzen für Rosas Leben als damals mit 9 Jahren gedacht: Ohne ihren frühen Tod hätte sich Dorothea – „Doro“ - nicht zu dem verkorksten, gehemmten Menschen entwickelt, der sie geworden war. Sie hätte Rosa nicht so gebraucht, und die hätte es – wäre sie selbst noch voll gesellschaftsfähig gewesen - reinen Gewissens genauso machen können wie alle anderen nach und nach auch: Sie abservieren. Und dann wäre alles anders gekommen.

Kapitel 1

„Spinnst du?“ Entgeistert starrte sie Doro an. „Nach all dem, was sie dir angetan hat, hilfst du ihr jetzt wieder?“ Rosas Freundin wand sich und wendete verlegen den Blick ab. „Schon klar, denkst du, ich bin doof? Aber was hättest du denn bitte an meiner Stelle getan? Eine alte Frau, die um Hilfe bittet, einfach im Stich lassen? Außerdem hat mich ihr Arzt angerufen und mich persönlich darum gebeten, täglich nach ihr zu sehen.“ Aha, alles klar, da also lag der Hase im Pfeffer! Schon lange hegte Rosa den Verdacht, dass Doro eine Schwäche für diesen Arzt hatte – wie eigentlich für die meisten Männer, die überhaupt Notiz von ihr nahmen. Eine sehr überschaubare Anzahl. Ganz entgegen ihrer sonstigen Art konnte sie heute jedoch mit ihrer Meinung nicht hinter den Berg halten (normalerweise hörte sie sich Doros Gejammer an, bemitleidete sie gebührend, und dachte sich ihren Teil). „Die Alte hat Dich die letzten 20 Jahre nur schikaniert, bei Deinem Vater schlecht gemacht und Dich um einen guten Teil Deines Erbes beschissen. Und jetzt machst Du ihr den Dreck weg?“ Sie konnte es nicht fassen. „Oder sag doch mal, was musst Du denn tun für sie?“. „Nichts Besonderes, nur halt kontrollieren, ob Elsa auch brav ihre Medikamente nimmt, ob sie isst und trinkt und nach dem Rechten schauen.“ „Und“, höhnte Rosa „seid ihr inzwischen beste Freunde?“ Doro wich ihrem Blick aus: „Ich fürchte, die ändert sich nicht mehr. Als ich vor gut acht Tagen das letzte Mal bei ihr war, nannte sie mich eine hohle Nuss.“ Unauffällig musterte Rosa ihre Freundin und seufzte: Meine Güte, der Sweater war eine Errungenschaft ihres letzten Kanada-Urlaubs vor neun Jahren und die Jeans war von Aldi und saß aber auch wirklich an keiner einzigen Stelle. Mit Sicherheit trug sie die schon seit locker einer Woche auf dem Leib. Und die Schuhe waren wie immer vor allem eins: bequem. Flach und ausgelatscht. Da Doro viel Wert auf Natürlichkeit legte, schminkte sie sich nie und Haare waschen wurde offensichtlich auch pauschal überbewertet. Es war Samstagnachmittag, sie saßen in Doros Keller und rauchten. Doro zog hastig an ihrer Selbstgedrehten: „Ich war schon seit Tagen nicht mehr bei ihr und habe voll das schlechte Gewissen. Länger kann ich es wirklich nicht mehr aufschieben. Kannst Du nicht mitkommen heute? Ich hoffe, wenn jemand dabei ist, zetert sie nicht gar so übel. “ Rosa verdrehte die Augen. Das war nun wirklich das Allerletzte, worauf sie Lust hatte: Einer 84-jährigen Hexe Honig ums Maul zu schmieren, um nicht beschimpft zu werden. Als hätte sie nicht genug damit zu tun, ihre eigenen Eltern und Schwiegereltern bei Laune zu halten! Und das auch noch am vorletzten Tag, an dem sie zu Hause war: Kommenden Montag musste sie für vier Tage auf Schulung nach Passau. Deswegen war sie sowieso schon mächtig angespannt. Aber am Ende konnte sie sich dann doch nicht überwinden abzusagen – wie immer meldete sich in solchen Fällen prompt eine wahnsinnig penetrante Stimme ganz hinten in Ihrem Kopf und flüstert das alte Lied: „Sie hat doch nur noch dich“.

Kapitel 2

Doros Hand fing plötzlich an zu zittern, als sie die Tür des niegelnagelneuen Zweifamilienhauses aufschloss. Rosa konnte es sich nicht erklären, aber auch ihr wurden die Knie schwach, ein ungutes und seltsames Gefühl stieg in ihr auf, als sie den Hausflur betraten. Alarmiert sahen sie sich um. Doch Treppenhaus und Aufzug wirkten blitzeblank, aufgeräumt und liebevoll dekoriert, sogar die riesigen Blätter eines Gummibaumes glänzten wie frisch poliert (was sie womöglich tatsächlich auch waren). Dazu schien die kalte Wintersonne durch die verglaste Haustüre und aus dem unteren Stockwerk war munteres Kindergeplapper zu hören – und dennoch: Rosa spürte, wie sich ihr Pulsschlag erhöhte und ihre Hände feucht wurden. Eine gruselige, dunkle Wolke, die sich rasend schnell ausbreitet, zog in ihrem Kopf auf. Auch Doro verlangsamte ihre Schritte, als sie aus dem Aufzug traten und die Wohnungstür ansteuerten. „Was ist denn?“ Es erforderte Rosas ganze Kraft, betont munter zu klingen, spürte sie doch eine lähmende Angst, die sie am liebsten das Weite hätte suchen lassen. Jede Faser ihres Körpers schrie: „Nichts wie raus hier!“ Dennoch zwang sie sich, weiter zu gehen. Das war doch wirklich albern! Was sollte schon sein? Angst vor der alten Frau? Doro, schussliger denn je, nestelte ewig am Türschloss rum, während Rosa schwer atmend daneben stand. Beim Öffnen der Wohnungstüre sträubten sich ihr buchstäblich die Haare ob des Gestanks, der ihnen entgegenschlug. Süßlich, ekelerregend und zutiefst abstoßend. Schwärme von Schmeißfliegen bevölkerten den Raum. Wussten die denn nicht, dass noch Winter war? Rosa befürchtete das Schlimmste, und folgte unsicheren Schrittes Doro, die wie in Trance ins Wohnzimmer ging und Elsas Namen rief.

Elsa konnte sie nicht mehr hören. Mit weit geöffneten Augen und mausetot lag sie in ihrem Fernsehsessel (es lief ein alter Köln-Tatort mit Ballauf und Schenk, Rosa kannte die Folge). Die alte Lady wirkte adrett und gepflegt wie immer: Pastellrosa farbene Bluse und beige, tadellos gebügelte Hose, die blond gefärbten Haare in ordentlichen Löckchen gelegt und offene, weiße Hausschuhe mit Absätzchen. Eine Dame, wie frisch aus dem Silver-Ager-Katalog, wäre sie nicht tot gewesen. Nur die käsig-gelblich glänzende Gesichtsfarbe und der verkrustete Speichel am Kinn störten das Bild. Doro erbrach sich auf den Perser, als eine fette Made zwischen Elsas hübsch bemalten Lippen hervorkroch. Rosa spürte, wie ihr Gesichtsfeld in Sekundenschnelle enger wurde und der kalte Schweiß rasant ihren gesamten Körper überzog. Kopfhaut und Hände fingen an zu kribbeln und die Brust wurde ihr eng, gleichzeitig breitete sich ein warmes Gefühl zwischen den Beinen aus. Nicht mehr fähig, ihre weichen Knie unter Kontrolle zu halten, fiel sie vorneüber in die frische Kotze und pinkelte sich ein. Es wurde dunkel um sie. Der Kreislauf war schon immer ihre größte Schwachstelle gewesen.

„Das ist meine Schuld“. Langsam kam Rosa wieder zu sich und versuche sich aufzurappeln: „Was?“ Sie starrte in Doros kalkweißes Gesicht, in dem riesige Augen aus dunklen Höhlen zu treten schienen. Wie der Tod sah sie aus. „Hätte ich die letzten Tage nach ihr geschaut, könnte sie noch leben.“ Mühsam hievte Rosa sich hoch. Ihr Atem ging nur stoßweise und sie zitterte wie Espenlaub. Vorsichtig schielte sie zu Elsa rüber: Sie hatte noch nie zuvor eine Leiche gesehen. Wie friedlich sie dalag! Keine Spur von Todeskampf oder Schmerz. Rosa selbst dagegen hatte eine nasse Hose und eine mit Erbrochenem versudelte Jacke an. Hätte es nicht so nach Verwesung gestunken – ihr Geruch wäre sicher auch nicht angenehm gewesen. Bei aller Verwirrung war klar, irgendjemand musste irgendwas unternehmen! Was machte man in solch einem Fall? Doro, wie paralysiert die Tote anstarrend, war total ausgefallen. Noch nie in ihrem Leben hatte sich Rosa Gedanken darüber machen müssen, welche Schritte in solch einem Fall angeraten waren. Das Naheliegendste war doch bestimmt, jemanden dazu zu holen, der sich um alles Weitere kümmerte? Eine geistige Erleuchtung brach sich durch den dichten Nebel ihres verkrampften Gehirns: „Wir müssen den ärztlichen Notdienst anrufen – irgendjemand muss einen Totenschein ausstellen, oder so.“ Sie googelte in ihrem smartphone nach der Telefon-Nummer, wählte sie an und stellte auf Lautsprecher. Als die Ansage beendet war und die Verbindung zum zuständigen Bereitschaftsarzt endlich hergestellt wurde, sprang Doro sie wie eine Furie aus heiterem Himmel an und riss ihr nahezu panisch das Handy aus der Hand. Verdattert ließ Rosa sie gewähren. „Das ist DER Arzt, Du weißt schon, Elsas Arzt, der Süße!“ Ihre Stimme überschlug sich. „Hast Du es denn nicht gehört? Der hat heute Dienst! Ich kann dem auf gar keinen Fall unter die Augen treten! Ich alleine bin verantwortlich für ihren Tod. Hätte ich auf ihn gehört und regelmäßig nach ihr gesehen, wäre nichts passiert! Der weiß das doch!“. „Was machen wir denn dann?“ Die Situation war dermaßen krass, Rosa wusste beim besten Willen nicht, wie sie reagieren sollte. Ihr Kopf brummte wie ein ganzer Bienenstock und nichts da drin war mehr fähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Komplett überfordert überließ sie ihrer panischen Freundin das Kommando. Musste ja dann wohl schiefgehen. „Ich gehe jetzt“, beschloss Doro ad hoc überraschend und machte sich beherzt an, Richtung Ausgang zu flüchten. „Wie, Du gehst jetzt?“ Mit einem Satz war Rosa an der Wohnungstür und zischte sie an: „So was macht man nicht! Deine tote Stiefmutter hier einfach liegen zu lassen.“ Doro drängte sich hysterisch an ihr vorbei und war nicht mehr aufzuhalten. Aber auch Rosa hatte ihrem eigenen Fluchtinstinkt nichts mehr entgegenzusetzen und gab nur zu gerne nach: „Eins sag‘ ich Dir: Wir regeln das morgen, wenn ein anderer Arzt dran ist. Wenn ich’s mir überlege: Keiner weiß, dass wir heute hier waren.“ Ihre verpinkelte Hose machte Rosa am meisten zu schaffen. Bis zu den Knien runter alles nass. Dazu die schmutzige Jacke und das viele Adrenalin: Sie lenkte ein, denn wie so oft siegten am Ende halt mal wieder Eitelkeit und Verdrängungsmechanismen bei ihr. Sie flohen Hals über Kopf aus der Wohnung und rannten die Treppe nach unten.

Bei den Briefkästen fing sie prompt die patente Mutti aus der Erdgeschosswohnung ab. „Hallo Frau Gerster“ sprach sie Doro an, „wie nett, dass Sie nach Ihrer Stiefmutter sehen.“ Offensichtlich war sie gutgelaunt und zu einem Schwätzchen aufgelegt. Mit hämmernden Herzen standen Doro und Rosa erstarrt wie die Ölgötzen da, während sie munter weiterplapperte: „Was täte die alte Dame nur ohne Sie! Geht es ihr wieder besser? Sie sah richtig angeschlagen aus die letzte Zeit. Glauben Sie mir, ich frage nicht aus Neugier, sondern weil wir für acht Tage in Winterurlaub fahren.“ Doro machte den Mund auf, kein Ton kam heraus. Rosa huschte hinter sie und lugte hinter ihrem Rücken vor (gute Deckung, da groß und sehr breit). Sie genierte sich entsetzlich und hoffte inständig, dass die Nachbarin nichts von ihrem furchtbaren Zustand gesehen hatte. In der Hoffnung, der unerträglichen Situation auf der Stelle entrinnen zu können, stammelte sie über Doros Schulter hinweg: „Äh ja, die ist wieder voll fit.“ Wenn Blicke töten könnten, hätte es in diesem Haus heute gleich zwei Leichenscheine gebraucht. Doro kniff hasserfüllt die Augen zusammen und blitzte sie von der Seite an. „Wie beruhigend, dann können wir morgen ja ohne Sorge fahren.“ Schön, wer solch fürsorgliche Nachbarn hat. Ungeschickt versuchte Doro, sich von Frau Braun zu verabschieden. Aber da war sie bei der Nachbarin an der falschen Adresse, die in ihnen willige Opfer gefunden hatte: Lobeshymnen über das sportliche Talent ihres dreijährigen Sprösslings und die außergewöhnliche Intelligenz der Tochter („vermutlich hochbegabt, deshalb macht die auch nur Quatsch im Kindergarten – aus Langeweile und Unterforderung“) wechselten sich ab mit Schwärmereien über das Hotel und die Wintersportmöglichkeiten im anstehenden Urlaub. Rosa saß wie auf heißen Kohlen und trat nervös von einem Fuß auf den anderen. Endlich fing in der Wohnung eines der Wunderkinder an zu zetern, und sie waren entlassen.

Kapitel 3