Kleinstadt-Hyänen - Gesa Walkhoff - E-Book

Kleinstadt-Hyänen E-Book

Gesa Walkhoff

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Beschreibung

Jede Frau ist einzigartig. Zusammen sind sie unschlagbar. Fünf Frauen treffen sich nach langer Zeit wieder, um das 20-jährige Jubiläum ihres Abitur-Jahrgangs zu organisieren. So unterschiedlich wie die fünf sind, verwundert es nicht, dass ihre erste Zusammenkunft fast in einer Schlägerei um einen Schwarm aus der Schulzeit endet. Auch sonst gibt es im Leben der fünf reichlich Zündstoff: Bürgermeisterin Julia wird von einem schmierigen Lokalreporter erpresst, Landwirtin Daniela fürchtet um die Treue ihres Ehemannes, Arztgattin Miriam führt ein Doppelleben, Schauspielerin Thekla muss sich einen aufdringlichen Verehrer vom Hals halten und Gastwirtin Nephele legt sich mit ihrem gewalttätigen Ex-Liebhaber an. Erst kämpft jede für sich allein. Doch als es um Leben und Tod geht, zeigt sich, was eine Freundschaft auch nach zwanzig Jahren noch wert ist.

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Seitenzahl: 442

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Gesa Walkhoff

Kleinstadt-Hyänen

Zickenalarm in Gifhorn

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Julia

Das Wiedersehen

Daniela

Miriam

Nephele

Thekla

Vorbereitungen

Unter Druck

Spielchen

Entdeckungen

Lügen

Eifersucht

Explosionen

Vertuschung

Prüfungen

Entscheidungen

Showdown

Epilog

Impressum neobooks

Julia

Für Bahni, Rienelt, Anike, Mareile und Sven.

Keine Ahnung, wie ich das ohne euch hätte schaffen können.

„Hrrrgrrrrmpf!“

Julia presst ihre Zähne so fest aufeinander, dass ihre Kiefermuskulatur weiß hervortritt. Mit einem scharfen Laut zieht sie die Luft durch ihre Nase ein und stößt sie in einem heftigen Schwall durch den Mund wieder aus. Sie schließt ihre Augen und versucht, sich zu beruhigen. Als sie sie wieder öffnet, merkt sie, dass sie den Hörer noch immer mit eisernem Griff umklammert hält. Mit angewidertem Blick, als sei er zuvor in eine Jauchegrube gefallen, wirft sie ihn zurück auf die Gabel des Telefons, das auf ihrem Schreibtisch im Gifhorner Rathaus steht.

„Dieser jämmerliche Darmausgang wird mich kennenlernen! Den hänge ich an seinen Klöten am Glockenturm der Nicolai-Kirche auf. Das schwöre ich beim Leben meiner Mutter!“

Noch einmal schließt Julia die Augen und saugt Luft durch ihre Nasenlöcher ein. Sie stützt ihre Ellbogen auf der Schreibtischunterlage auf, faltet ihre Hände wie zu einem Gebet und lässt ihre Stirn auf ihre Fingerspitzen sinken. So verweilt sie reglos, wie in tiefe innere Einkehr versunken. Plötzlich, als sei mit einem Mal alles Leben aus ihr gewichen, sackt sie in sich zusammen und lässt sich rücklinks gegen die Lehne ihres voluminösen Schreibtischsessels fallen. Ihr Blick ist starr geradeaus ins Leere gerichtet. Nachdem sie weitere Minuten, die ihr wie eine Ewigkeit erscheinen, reglos in dieser Position verharrt hat, hebt sich ihr Brustkorb und senkt sich wieder, wobei sie einen tiefen Seufzer ausstößt. Langsam, als sei jede ihrer Bewegungen mit einer immensen Kraftanstrengung verbunden, beugt sich Julia vor und langt nach ihrem privaten Mobiltelefon, das auf der echtledernen Schreibtischunterlage liegt. Sie tippt eine Nummer ein, hält das Gerät ans Ohr und wartet.

„Ahrens“, meldet sich eine schneidige Frauenstimme.

„Ich bin‘s, Mutter“, grüßt Julia kleinlaut zurück.

„Was ist passiert?“ fragt ihre Mutter alarmiert.

Julia seufzt erneut. Mit einem Mal fühlt sie sich entsetzlich müde und es fällt ihr unsagbar schwer, sich zu konzentrieren. So, als habe ihr jemand den Stecker gezogen. Das ist ein Zustand, den sie bislang nicht kannte, denn sie, die Bürgermeisterin der beschaulichen Kleinstadt am Südrand der Heide, findet für jedes Problem eine Lösung. Selbst, wenn sie einmal keine solche ad hoc parat hat, vermag sie doch stets, im Nullkommanichts eine Strategie aus dem Hut zu zaubern, wie sie eine aussichtlos erscheinende Angelegenheit doch noch zu ihren Gunsten herumdrehen kann. Geht nicht, gibt’s nicht in Julias Welt. Sie ist jederzeit auf alles vorbereitet und nichts und niemand kann sie aus dem Konzept bringen. Dafür bewundern sie die einen und fürchten sie die anderen. Doch dieses Mal ist es anders. Noch nie hat sich Julia so hilflos gefühlt. Das macht ihr Angst.

„Reiß dich zusammen, Kind, und raus mit der Sprache!“, herrscht Dorothea Ahrens ihre Tochter an. Unter ihrer offenkundigen Ungeduld ist ihre Besorgnis deutlich herauszuhören, denn auch sie kennt ihre Tochter so nicht.

Für einen Moment herrscht Stille in der Leitung. Dann platzt Julia heraus: „Ich bin aufgeflogen.“

Ihre Mutter seufzt mitleidig. „Vielleicht ist es gut, dass es endlich `raus ist.“

Empört fährt Julia aus ihrem Sessel in die Höhe. „Bist du wahnsinnig geworden?“, faucht sie.

„Nicht in diesem Ton!“, ermahnt Dorothea ihre Tochter.

Julia rollt die Augen. Niedergeschlagen lässt sie sich erneut gegen die Lehne ihres Schreibtischsessels fallen und fährt sich mit der freien Hand über das Gesicht. „Entschuldige bitte, Mutter, aber deine Bemerkung war wenig hilfreich.“

Dorothea seufzt erneut. So, wie eine Mutter es eben tut, wenn sie meint, genau zu wissen, was richtig für ihr Kind ist, das Kind das aber nicht einsehen will. „Sei froh, dass das Versteckspiel ein Ende hat! Ich habe diese ganze Scharade schon immer für reichlich albern gehalten. Wie lange hättest du das noch durchziehen wollen? Es war doch nur eine Frage der Zeit, bis alles herauskommt. Also kneif die Arschbacken zusammen und steh dazu!“

„Pffff!“, zischt Julia durch ihre Vorderzähne hindurch. „Damit ist meine Karriere als Bürgermeisterin beendet. Das wird mir niemand verzeihen.“

„Möglich“, bestätigt ihre Mutter knapp, „aber ich habe dich trotzdem lieb.“

Wider Willen muss Julia schmunzeln. Doch lange hält ihre Erheiterung nicht an. „Meine berufliche und vermutlich sogar meine private Existenz hängen daran“, erklärt sie düster.

Durchs Telefon hört sie, wie ihre Mutter zustimmend seufzt. Julia schüttelt resigniert den Kopf. Einen Augenblick lang ist sie versucht, ihrer Erzeugerin recht zu geben. Wozu sich gegen etwas wehren, das sie sowieso nicht ändern kann?

Unwillkürlich wandern ihre Gedanken zurück zu dem Telefonat, das sie vor einigen Minuten geführt hat. Sie erinnert sich an die Stimme des Reporters vom örtlichen Käseblatt, die vor Bosheit und geheucheltem Verständnis nur so triefte, als er ihr auseinandersetzte, dass er es den Lesern der Zeitung schuldig sei, sie über die Wahrheit aufzuklären. Dabei dürfe er selbstverständlich keine Rücksicht auf etwaige persönliche Befindlichkeiten nehmen. Schließlich sei es die vornehmste Aufgabe der Presse, als Kontrollin-stanz über das politische Geschehen zu wachen. Nicht umsonst würde man sie auch als „vierte Gewalt“ im Staat bezeichnen, und nur unter ganz, ganz, ganz besonderen Umständen sei überhaupt denkbar, dass er die Gifhorner Öffentlichkeit im Unklaren über die Vergehen der Bürgermeisterin lasse. Er könne so etwas eigentlich nur dann mit seinem Gewissen als rechtschaffener Bürger vereinbaren, wenn sie ihm verspräche, ihn bei seiner Kandidatur für den Stadtrat zu unterstützen – nur zum Vorteil der Stadt und ihrer Bürger selbstverständlich. Wenn mit ihm als Stadtratsmitglied Ehrlichkeit, Anstand und Transparenz in Gifhorn zu neuer Blüte gelangen würden, könnte er es im Gegenzug eventuell in Betracht ziehen, von einer Enthüllung ihres „Treibens“, wie er es nannte, abzusehen und so weiter und so fort. Julia realisiert, wie sich ihr Herzschlag erneut beschleunigt, als sie an den unerträglich selbstgefälligen Vortrag des Anrufers denkt. „Von dieser Schabe in Menschengestalt werde ich mir meine Karriere nicht ruinieren lassen“, knurrt sie.

„Von wem sprichst du eigentlich?“, fragt ihre Mutter.

„Lars Kotzlowski“, presst Julia zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

„Koslowski? Der kleine Schmierfink vom Ise-Boten?“ Julias Mutter stöhnt auf. „Ich wusste immer, dass aus dem nichts rechtes werden würde. Warum ausgerechnet der Reporter wurde, habe ich nie verstanden. Im Aufsatz schreiben war er völlig unbegabt, und ich finde, das merkt man seinen Artikeln heute noch an.“

„Hast du den etwa auch unterrichtet?“, fragt Julia entsetzt.

„Ich konnte mir meine Schüler nicht aussuchen, auch wenn ich das manches Mal bedauert habe“, kontert ihre Mutter trocken. „Ja, er war einer meiner Schutzbefohlenen in der Grundschule. Einer der wenigen, die ich nicht mochte, weil er damals schon heimtückisch war. Wobei man fast noch Verständnis für ihn haben musste, denn dass er so missraten war, ist sicherlich auch den schwierigen Verhältnissen zuzuschreiben, aus denen er kam. Sein Vater war Jurist und seine Mutter saß im niedersächsischen Landtag. Grässliche Leute! Mischten sich in alles ein, hatten von nichts eine Ahnung und …“

„Schon gut, Mutter“, unterbricht Julia sie. Momentan fehlen ihr die Nerven dafür, sich Anekdoten aus dem früheren Schulalltag ihrer Mutter anzuhören. „Ich habe leider gleich schon den nächsten Termin und muss jetzt Schluss machen.“

„Was wirst du tun?“, fragt Dorothea dennoch.

„Das weiß ich noch nicht“, antwortet Julia nachdenklich. „Vermutlich werde ich Kotzlowski erst mal nach allen Regeln der Kunst vermöbeln und dann weitersehen.“

„Eine ordentliche Tracht Prügel zur rechten Zeit hätte ihm in seiner Kindheit bestimmt nicht geschadet. Ich war immer dagegen, die Prügelstrafe komplett abzuschaffen – ganz besonders in der Schule. Man sieht ja, was dabei herauskommt! Allerdings befürchte ich, dass es deiner Karriere ebenfalls schaden würde, wenn du nachholst, was seine pflichtvergessenen Eltern versäumt haben“, gibt Dorothea zu bedenken. Sie überlegt einen Moment, dann ändert sich ihr Ton. Mit eindringlicher Stimme fügt sie hinzu: „Im Ernst, Julia, ich habe mir große Mühe gegeben, dich zu einem Menschen zu erziehen, der aufrecht durchs Leben geht. Findest du nicht, dass es an der Zeit ist, reinen Tisch zu machen?“

„Damit dieser Schreiberling sich an die Brust heften kann, die Bürgermeisterin Gifhorns geteert und gefedert aus dem Rathaus gejagt zu haben? Ich bitte dich!“, begehrt Julia auf.

„Teeren und Federn tat man vorwiegend im wilden Westen des vorletzten Jahrhunderts. In Deutschland ist das nie richtig in Mode gekommen“, korrigiert ihre Mutter sie. „‘Mit Schimpf und Schande aus dem Amt jagen‘ trifft es eher, und damit muss man als Lokalpolitiker heutzutage doch wohl klarkommen, oder?“

Julia rollt die Augen und schüttelt den Kopf über die kleinliche Berichtigung ihrer Formulierung durch ihre Gesprächspartnerin. „Dann lass es mich so ausdrücken: Ich habe nicht vor, meine berufliche Existenz aufs Spiel zu setzen. Ich habe zu hart dafür gekämpft und auf zu Vieles verzichtet, um jetzt einfach aufzugeben. Aber trotzdem danke fürs Zuhören!“

„Du weißt, dass ich immer für dich da bin, mein Kind. Ich habe jederzeit ein Essen und ein warmes Bettchen für dich.“

„Mutter!“, stöhnt Julia genervt auf.

„Schon gut!“, wehrt diese ab. „Ich weiß, ich weiß. Lieber würdest du dich erschießen, als zurück nach Hause zu ziehen. Das hast du oft genug gesagt.“

„Richtig“, bestätigt Julia mit einem gequälten Lächeln. „Ich bin sicher, es ist besser für uns beide.“ Sie atmet tief durch. „Trotzdem danke fürs Angebot. Und jetzt muss ich los. Wir sehen uns.“

„Mach‘s gut mein Kind. Und melde dich, wenn ich etwas für dich tun kann!“

„Ja, Mama“, antwortet Julia artig. Dann beendet sie kopfschüttelnd das Gespräch.

***

Wenige Augenblicke später reißt Julia die Tür zu ihrem Vorzimmer auf und rauscht durch das Reich ihrer Sekretärin. Ingeborg Meinhardt ist eine Institution im Gifhorner Rathaus. Die Dame, deren Berufsbezeichnung hinter vorgehaltener Hand „Gewitterziege“ lautet, sieht auch so aus, wie man sich eine solche vorstellt: Sie ist groß, dürr und trägt ihre mit grauen Strähnen durchwirkten Haare zu einem strengen Dutt zurückgebunden, wodurch sie ihre breite Stirn und ihr spitz zulaufendes Kinn betont. Seit Menschengedenken hütet Ingeborg Meinhardt die Pforte zum Büro des jeweiligen Bürgermeisters und dirigiert sämtliche seiner Angelegenheiten mit harter Hand. Julias zahlreiche Vorgänger wussten es zu schätzen, dass sie ihnen eine Menge Dinge vom Hals hielt, mit denen sie sich nicht beschäftigen wollten. Auch Julia genießt diesen Vorzug ihrer Sekretärin. Deshalb lässt auch sie ihr freie Hand zu entscheiden, wem sie wann und ob überhaupt Zutritt zu ihrem Büro gewährt. Obwohl sie zugeben muss, dass sie den Umgang Ingeborg Meinhardts mit den Mitarbeitern des Hauses manches Mal eine Spur zu autoritär und nicht mehr zeitgemäß findet. Andererseits hat sie als Bürgermeisterin alle Hände voll damit zu tun, die Geschicke der Stadt zu lenken. Und solange Ruhe im Rathaus herrscht – und das tut es! – sieht sie keinen Anlass, an den Verhältnissen etwas zu ändern.

„Ich habe noch einen privaten Termin und komme heute nicht mehr rein“, teilt Julia ihrer Sekretärin im Vorübergehen mit. An der Tür zum Flur dreht sie sich noch einmal um. „Schönen Feierabend!“, wünscht sie.

Statt einer Antwort sieht Ingeborg Meinhardt die Bürgermeisterin über den Rand ihrer schmalen Brille hinweg prüfend und eine Winzigkeit missbilligend an. Julia stutzt. Sie lässt ihren Blick aufmerksam an ihrer Garderobe hinabwandern. Der schmal geschnittene dunkelblaue Anzug sitzt einwandfrei, die Manschetten ihrer Bluse strahlen in makellosem Weiß und schauen genau anderthalb Zentimeter aus den Ärmeln ihres Blazers hervor. Auf ihren dunkelbraunen Pumps und ihrer Handtasche in der gleichen Farbe zeigt sich kein Stäubchen, ebenso wenig auf dem dunkelbraunen Wintermantel, den sie über dem Arm trägt. Irritiert hebt sie den Blick und sieht Ingeborg Meinhardt fragend an. Wortlos führt die ihre Hand zum Hals und nestelt an einem nicht vorhandenen Kragen. Julia versteht. Sie wirft einen Blick in den Spiegel, der neben der Garderobe im Vorzimmer hängt. Ein schmales, dezent geschminktes Gesicht, umrahmt von halblangen, braunen Haaren, die sie im Nacken zu einem Zopf zurückgebunden hat, schaut ihr entgegen. Unter ihrem Gesicht hat sich der linke Teil des Kragens ihrer weißen Bluse über das Revers des Blazers gelegt, während der andere ordentlich darunter liegt. Julia richtet den Kragen. Anschließend dreht sie den Kopf prüfend nach links und nach rechts, um den Sitz ihrer Frisur zu begutachten. Zufrieden mit dem Ergebnis wendet sie sich erneut Ingeborg Meinhardt zu. Die nickt zustimmend und sagt: „Ihnen auch einen schönen Feierabend.“ Dann heftet sie ihre Augen wieder auf den Bildschirm, der auf ihrem wohlsortierten Schreibtisch ruht.

Julia dreht sich endgültig um und schließt die Tür hinter sich. Mit energischen Schritten eilt sie den Flur entlang, vorbei an der Bildergalerie ihrer ausschließlich männlichen Vorgänger, der Tür zum kleinen Sitzungsraum und einer Dattelpalme im fragwürdigen Zustand, die ihre kärglichen sechseinhalb Wedel trotzig in die Höhe streckt. Während die Bürgermeisterin leichten Schrittes die Treppe ins Erdgeschoss hinunterspringt, schlüpft sie in ihren Mantel, grüßt kurz in Richtung der Pförtnerloge, während sie die Halle quert, stößt dann die gläserne Eingangstür auf und tritt ins Freie. Ein kalter Wind weht ihr entgegen. Julia stellt den Kragen ihres Mantels hoch, um sich dagegen zu schützen. Während sie den Marktplatz überquert, schaut sie empor zum schiefergedeckten Glockenturm der hellrosafarben gestrichenen Nicolai-Kirche. Ihre hellblauen Augen verengen sich zu schmalen Schlitzen, als sie sich vorstellt, wie sie ihren Intimfeind von der örtlichen Presse dort oben befestigen würde. Einen Moment später hat sie sich wieder im Griff. Es ist Teil ihrer Überlebensstrategie, jederzeit einen unverwüstlichen Eindruck zu hinterlassen. Wenn deine Gegner merken, dass sie dich aus der Reserve locken können, hast du schon verloren, ist ihre Überzeugung. Und verlieren tut sie nicht. Niemals! Sie sammelt höchstens Erfahrungen.

Mit aufgeräumter Miene eilt sie die Fußgängerzone hinunter.

Das Wiedersehen

Wenige Minuten später betritt Julia ein Lokal namens „Ziegenstall“. Suchend blickt sie sich nach der Restaurant-Chefin um. Nephele Papas, eine mollige Frau mit langen schwarzen Haaren und einem herzförmigen Gesicht, das von ihren großen ausdrucksstarken Augen dominiert wird, die sie mit dickem schwarzen Kajal zusätzlich betont, kommt hinter dem Tresen hervor und eilt strahlend auf sie zu. Wie immer ist die Wirtin ganz in schwarz gekleidet. Heute ermöglichen der tiefe Ausschnitt ihres knielangen Kleides und die fast durchsichtigen Ärmel aus schwarzer Spitze einen großzügigen Ausblick auf diverse romantische Tattoos in Form von Rosen, verschlungenen Ranken und Schmetterlingen. Eine feine goldene Kette mit einem Kreuz bildet den einzigen Lichtpunkt ihrer Garderobe.

„Julia! Wie schön dich zu sehen“, begrüßt Nephele ihren Gast und breitet erfreut die Arme aus. Während die beiden sich gegenseitig ein Küsschen links und eines rechts auf die Wange hauchen, meint die Wirtin: „Daniela ist schon da. Ich habe sie an einem Tisch weit weg vom Trubel, der hier vorne am Eingang herrscht, platziert. Dort sind wir hoffentlich ungestört.“

Julias Augen folgen Nepheles Kopfnicken. Im hintersten Winkel des Lokals, direkt am Fenster zum Parkplatz hinaus, entdeckt sie die Frau, von der die Rede ist. Sie trägt ihre langen blonden Locken zusammengefasst zu einem unordentlichen Dutt und hat ihre üppigen Rundungen in ein robustes Leinenhemd in verwaschenem Rot und eine blaue Jeans gepresst. Dazu trägt sie derbe Schuhe, die Julias kritischer Einschätzung nach bestimmt schon mehrere Wochen lang nicht mehr geputzt worden sind. Obwohl die Frau ungeschminkt ist und augenscheinlich nicht viel Zeit darauf verwendet hat, sich für das Treffen herzurichten, wirkt sie fast sexy in ihrem legeren Outfit, das ihre weibliche Figur vorteilhaft betont. Ihre Attraktivität wird noch verstärkt durch die ebenmäßigen Gesichtszüge, die denen eines naiven Rauschgoldengels gleichen.

Während sich Julia und Nephele dem Tisch nähern, ist Daniela vollauf damit beschäftigt, etwas in ihr Smartphone einzutippen. Erst, als Julia und Nephele direkt vor ihr stehen, bemerkt sie sie und hebt ihren Blick vom Display. Ein strahlendes Lächeln erhellt ihr Gesicht.

„Julia! Meine Güte, was hast du dich verändert! Ich glaube, ich habe dich seit unserem Abi-Ball nicht mehr gesehen. Nur in der Zeitung, natürlich. Du hast ja richtig Karriere gemacht als Bürgermeisterin Gifhorns! Beeindruckend!“, sprudelt es aus ihr heraus. Sie springt auf und umarmt ihre alte Schulfreundin.

„Du dagegen hast dich scheinbar überhaupt nicht verändert“, erwidert Julia, als sie sich einander gegenüber an den Tisch setzen. „Dein frischer Teint ist der einer Zwanzigjährigen. Wie machst du das nur?“

Daniela zuckt die Schultern. „Das hängt vermutlich mit der guten Landluft zusammen. Ich habe in einen landwirtschaftlichen Betrieb eingeheiratet und auf unserem Hof gibt es immer eine Menge zu tun.“

Julia mustert ihre Freundin genauer. „Kinder hast du anscheinend auch“, bemerkt sie mit anzüglichem Grinsen. Dabei starrt sie auf den deutlich sichtbaren Abdruck, den eine kleine Hand, die vorher anscheinend in ein Nougatglas gegriffen hat, auf Danielas Schulter hinterlassen hat.

Daniela folgt ihrem Blick und verrenkt sich dabei fast den Hals. „Mist!“, schimpft sie. „Ich möchte es einmal schaffen, zivilisiert aus dem Haus zu gehen. Seit ich Kühe und Kinder habe, ist mir das noch nicht gelungen.“ Ärgerlich starrt sie auf das Missgeschick.

„Das ist doch nicht schlimm“, tröstet Nephele. „Wir sind doch unter uns.“

Daniela kramt in ihrer Hose nach einem Taschentuch, spuckt einmal kurz darauf und bearbeitet die Hinterlassenschaft. Viel Erfolg ist ihr damit jedoch nicht beschieden. Im Gegenteil: Zu dem Fleck gesellen sich nun auch noch kleine weiße Papierfasern. Unzufrieden mit dem Ergebnis schüttelt sie den Kopf.

„Es fällt kaum noch auf“, lügt Julia und lächelt Daniela aufmunternd zu.

„Bestimmt nicht“, bestätigt Nephele und wirft Julia ein verschwörerisches Lächeln zu.

Daniela schaut die beiden misstrauisch an. „Ich glaube, ihr schwindelt mich an“, stellt sie mit ernstem Gesicht fest, woraufhin alle drei in schallendes Gelächter ausbrechen.

„Wer beschwindelt wen?“, fragt eine Stimme hinter ihnen. Die Köpfe der drei fahren zu der schlanken Frau mit den langen roten Haaren herum, die wie aus dem Nichts neben ihrem Tisch aufgetaucht ist. Unter ihrem cremefarbenen Wintermantel trägt sie eine enge, makellos weiße Jeans und darüber eine todschicke rehbraune Rüschenbluse, die sich elegant an ihren schlanken Körper schmiegt. Dazu hat sie modische dunkelbraune, spitz zulaufende Stiefeletten mit hohen Absätzen an den Füßen, die exakt den gleichen Farbton aufweisen wie ihre Coco-Chanel-Handtasche, die sie über dem Arm trägt. Eine lange silberne Kette mit einem riesigen tropfenförmigen Bernstein adelt ihr Outfit. Ihr fragender Blick wandert von einer der am Tisch sitzenden Frauen zur nächsten. Dann verharrt er bei Daniela, besser gesagt auf deren Schulter.

„Um Gottes willen, was ist das?“, ruft sie entsetzt. „Das sieht ja aus, als hätte sich jemand an dir den Hintern abgewischt!“ Angewidert verzieht die Rothaarige das Gesicht. Julia und Nephele werfen sich einen amüsierten Blick zu, während Danielas Gesicht von einer zarten Röte überzogen wird.

„Es ist nur ein bisschen Nutella. Ich habe halt Kinder“, rechtfertigt sie sich.

Die Rothaarige schnauft und schüttelt abschätzig den Kopf. „Ich habe auch Kinder. Das ist noch lange kein Grund, sich so gehen zu lassen!“, versetzt sie herablassend.

„Wie schön, Miriam, dass auch du den Weg zu uns gefunden hast“, beeilt sich Julia einzuwerfen, bevor die Situation für die arme Daniela noch unangenehmer werden kann. Innerlich kann sie über Miriam nur den Kopf schütteln. Vermutlich muss man Arztgattin sein und darf keine größeren Probleme als einen abgebrochenen Fingernagel haben, um aus einem simplen Fleck eine so große Sache zu machen, denkt sie bei sich. Gleichzeitig fragt sie sich, ob es vielleicht keine so gute Idee war, Miriam ins Veranstaltungskomitee für die Ausrichtung der Abi-Jubiläumsfeier zu bitten. Julia kann sich noch gut daran erinnern, dass ihre Freundin schon zu Schulzeiten nicht durch übermäßigen Arbeitseinsatz, dafür umso mehr durch eine hohe Anspruchshaltung aufgefallen ist. Für die verwöhnte Tochter ehrgeiziger Eltern war stets nur das Beste gut genug gewesen. Miriam hatte niemals geruht, bis sie das, was ihr ihrer Meinung nach zustand, auch bekam. Auseinandersetzungen darum waren für Mitschüler wie für Lehrer oft sehr anstrengend gewesen. Darüber hinaus findet Julia es komplett überflüssig, die arme Daniela so anzugiften. Noch dazu, wo alle Anwesenden früher nicht nur auf das gleiche Gymnasium gegangen sind, sondern auch miteinander befreundet waren. Doch wie immer ist Julias Miene nichts von ihren Gedanken anzusehen. Stattdessen deutet sie mit einem kurzen Nicken auf den freien Platz neben sich. „Vielleicht magst du dich trotzdem zu uns setzen, auch wenn unsere Garderobe nicht hundertprozentig deinen Ansprüchen genügt?“, fragt sie spöttisch.

„Natürlich.“ Miriam ringt sich ein Lächeln ab und rutscht zu ihr auf die Bank. Irritiert sieht Julia ihr dabei zu. Wenn sie nicht wüsste, dass es völlig undenkbar ist, weil es überhaupt nicht zu Miriam passt, dann hätte sie geschworen, dass deren Wangen eine leichte rosa Färbung angenommen haben. Doch Miriam Schamgefühl zu unterstellen, wäre nun wirklich zu weit hergeholt!

Einen Moment lang herrscht betretene Stille am Tisch. Schließlich bricht Nephele das Schweigen. „Du liebe Güte, wie unaufmerksam von mir! Ihr sitzt ja alle noch auf dem Trockenen! Was haltet ihr von einem Prosecco? Auf die alten Zeiten? Ich lade euch ein.“

Dieses Angebot verbessert die Stimmung im Nu. Alle stimmen begeistert zu und Nephele gibt die Bestellung an eine ihrer Angestellten weiter. Anschließend wendet sie sich wieder der Runde am Tisch zu. „Jetzt warten wir nur noch auf Thekla, stimmt‘s?“, fragt sie Julia, die Initiatorin des Treffens. „Ich wusste gar nicht, dass sie wieder im Lande ist. Das Letzte, was ich hörte, war, dass sie nach Hollywood gegangen ist?“

Julia nickt. „Ich war selbst erstaunt, als sie mir schrieb, dass sie wieder in Gifhorn sei. Ich habe nicht damit gerechnet, dass sie auf die Terminabfrage zur Jubiläumsfeier, die ich per Mail an alle verschickt habe, überhaupt antwortet. Was soll sie sich dafür interessieren, wenn sie auf der anderen Seite des Globus lebt?“

Daniela schaut überrascht. „Im Ernst? Thekla ist wieder hier? Unmöglich! Wer kommt denn freiwillig von Hollywood zurück nach Gifhorn?“ Sie klingt ehrlich betroffen. Unbeabsichtigt erntet sie mit dieser Bemerkung einen Heiterkeitsausbruch der anderen Frauen.

„Ich bitte dich! Was sind denn das für Töne?“, schimpft Julia gespielt empört. „Gifhorn ist die idyllische Mühlenstadt am südlichen Rand der Lüneburger Heide. Hierher kommen sogar Touristen!“

Nun wollen sich alle beinahe ausschütten vor Lachen. Die junge Bedienung, die in diesem Moment mit dem Prosecco in einem silberfarbenen Kühler und fünf Gläsern an den Tisch herantritt, lächelt unsicher in die Runde. Man kann ihr quasi von der Stirn ablesen, dass sie der Meinung ist, dass die Damen keinen Prosecco mehr benötigen, um in Stimmung zu kommen. Ihre Chefin nickt ihr beruhigend zu. „Klassentreffen“, sagt sie mit vielsagendem Blick. Augenblicklich erhellt ein verständnisvolles Lächeln die Miene der jungen Frau. Sie stellt das Tablett auf dem Tisch ab und öffnet die Flasche. Anschließend entfernt sie sich, als Nephele ihr zu verstehen gibt, dass sie das Einschenken des Getränks selbst besorgen wird.

„Vielleicht sollten wir noch auf Thekla warten?“, fragt die Gastwirtin in die Runde.

„Nicht nötig“, ertönt es neben ihr. Überrascht dreht sich Nephele um und schaut direkt in die vergnügt strahlenden dunkelbraunen Augen einer schlanken, hochgewachsenen Frau. Deren ausdrucksstarkes Gesicht, das niemand so schnell vergisst, der es je gesehen hat, ziert ein breites Grinsen. Die langen Beine der Frau stecken in engen grauen zerrissenen Jeans, über denen sie ein weißes Tanktop und einen weiten grobmaschigen dunkelbraunen Wollpullover trägt. Ihr langes zerzaustes aschblondes Haar hat sie mit einem um ihren Kopf geschlungenen bunt gemusterten Tuch halbwegs gebändigt. „Tut mir leid, Mädels, dass ich zu spät bin. Die Gifhorner Rush Hour ist der Horror!“, schimpft sie und rollt die Augen genervt gen Himmel.

Für diese nicht ganz ernst gemeinte Bemerkung erntet sie großes Gelächter. Während Thekla sich auf die Bank neben Daniela schiebt, füllt Nephele den Prosecco in die Gläser und verteilt sie an ihre Gäste. „Auf unser Wiedersehen und eine erfolgreiche Planung unseres Abi-Jubiläums!“, ruft sie und erhebt ihr Glas. Die anderen folgen ihrem Beispiel.

„Wie schön, dass wir uns nach so langer Zeit endlich wiedersehen. Es fühlt sich fast so an, als wäre es gestern gewesen, als wir Abitur gemacht haben!“, meint Thekla.

„Mir geht es genauso“, stimmt Daniela ihr zu. „Wenn ich überlege, was wir fünf früher für einen Mist angestellt haben, dann kann ich gar nicht verstehen, wie wir uns so komplett aus den Augen verlieren konnten. Hatten wir uns nicht damals bei der Abi-Party am Waldsee ewige Freundschaft geschworen?“, fragt sie.

„Stimmt“, bestätigt Thekla schmunzelnd. „Möglicherweise hatte dieser höchst sentimentale Akt aber auch mit dem Joint zu tun, den wir bei dieser Gelegenheit haben kreisen lassen.“ Ein amüsiertes Raunen geht durch die Runde. Daraufhin korrigiert Nephele ihren Trinkspruch: „Auf die Freundschaft!“, ruft sie und prostet den anderen zu. „Auf die Freundschaft!“, echoen die vier übrigen im Chor.

Nachdem sie angestoßen und einen Schluck getrunken haben, tauschen sich die fünf beim Prosecco darüber aus, wie sie die vergangenen zwanzig Jahre seit ihrem Schulabschluss verbracht haben. Bis auf Nephele und Julia, die sich des Öfteren in der Stadt oder im Lokal über den Weg laufen, wo Julia ab und an zu Mittag isst, haben sich die fünf seither kaum oder gar nicht mehr gesehen.

Daniela berichtet, wie sie kurz nach dem Abitur ihre Jugendliebe Erik heiratete und wenig später ihre Ausbildung als Bürokauffrau abbrach, als sie schwanger wurde. Nephele erzählt von ihren erfolglosen Bemühungen, nach dem Abi an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig aufgenommen zu werden, und wie sie sich, um Geld zu verdienen, mit Jobs im Service über Wasser gehalten hat. „Als ich dann mit Ilias schwanger wurde und sein Vater glücklicherweise das Weite suchte, musste ich mich allein durchschlagen. Da mir klar war, dass das als Bedienung schlecht funktionieren würde, habe ich meine Eltern angepumpt und einen hohen Kredit aufgenommen, um dieses Lokal kaufen zu können“, erklärt sie.

„Hat Ilias Vater dich nicht unterstützt?“, fragt Miriam erstaunt. „Du liebe Güte! Das wäre mir nicht passiert! So weit hätte der Kerl gar nicht rennen können, dass ich ihn nicht gefunden und ausgepresst hätte wie eine Zitrone!“

Thekla, Julia und Daniela lachen, obwohl oder gerade weil sie wissen, dass Miriam es todernst meint. Wenn es um ihren Vorteil geht – das wissen alle – schreckt sie vor nichts zurück.

Nephele schüttelt den Kopf und seufzt. „Bei Männern habe ich leider noch nie ein glückliches Händchen besessen. Bei dem schon gar nicht! Ich war heilfroh, als ich den Kerl los war. Ich hätte ihm sogar etwas dafür bezahlt, damit er aus meinem Leben verschwindet!“ Miriam sieht sie verständnislos an, doch Nephele scheint zu finden, dass sie das Thema erschöpfend behandelt hat. Bevor die andere nachhaken kann, hat sie den Spieß schon umgedreht. „Wo wir gerade dabei sind“, meint sie mit anzüglichem Lächeln, während sie ihren Blick an Miriams teurer Garderobe herabwandern lässt und schließlich bei der Coco-Chanel-Tasche landet, die diese neben sich auf der Sitzbank abgestellt hat. „Wie ist das eigentlich bei dir? Du hast ja bereits erwähnt, dass du Kinder hast. Allem Anschein nach zahlt sich das aus?“

Die anderen wenden sich nun ebenfalls mit gespannter Aufmerksamkeit Miriam zu. Bei jeder anderen hätten sie vielleicht Mitleid gehabt, wenn sie auf diese Weise bloßgestellt worden wäre. Doch bei Miriam, das wissen alle, ist übertriebenes Feingefühl überflüssig. Als wolle sie diese Einschätzung bestätigen, streicht sich die Angesprochene mit einer gezierten Geste eine rote Haarsträhne aus dem Gesicht und lächelt zufrieden. „Selbstverständlich tut es das. Mein Mann führt eine gutgehende Privatklinik für plastische und ästhetische Chirurgie. Wir können ganz gut davon leben.“

Ein beeindrucktes Raunen erhebt sich am Tisch.

„Dann bist du dort vermutlich für die Buchhaltung zuständig?“, rät Thekla.

Entsetzt blickt Miriam sie an. „Um Himmels willen, nein! Ich habe genug mit der Erziehung unserer Kinder zu tun. Die Zwillinge sollen schließlich in ordentlichen Verhältnissen aufwachsen. Außerdem kümmere ich mich natürlich um die Hunde, das Haus und den Garten.“

Die anderen Frauen werfen sich belustigte Blicke zu. Miriam bemerkt es und kontert: „Wie ich schon sagte, wirft die Klinik genug ab. Es ist nicht nötig, dass ich arbeiten gehe. Aber selbstverständlich engagiere ich mich für wohltätige Zwecke.“

Für diese Aussage erntet sie gespielt beeindruckte Blicke.

Julia will es genauer wissen. „Und was sind das für Wohltätigkeiten, mit denen du die Welt beglückst?“

„Ich bin im Kirchenvorstand unserer Gemeinde aktiv“, antwortet Miriam geziert. „Da gibt es immer etwas zu tun. Einen Wohltätigkeitsbazar zu organisieren, einen Spendenaufruf für Menschen in Not zu verschicken, ein Senioren-Kaffeetrinken zu veranstalten … na, ihr wisst schon. Was man halt so tut.“

Danielas Augen sind bei Miriams Ausführungen immer größer geworden. Ungläubig schüttelt sie den Kopf. Miriam bemerkt es und wirft ihr einen ungeduldigen Blick zu.

„Ist das alles?“, fragt Daniela verwundert. „Das kann dich doch unmöglich ausfüllen! Was machst du denn sonst noch so?“

Die anderen drei brechen in wieherndes Gelächter aus. Das ist Daniela gar nicht recht, denn sie hatte überhaupt nicht vor, sich über Miriam lustig zu machen. Bevor die zu einer scharfen Erwiderung ansetzen kann, greift Julia ein, um einen neuerlichen Angriff auf Daniela zu verhindern.

„Ich wette, ihr seid nun alle furchtbar neugierig darauf zu erfahren, was ich in den letzten zwanzig Jahren gemacht habe?“, fragt sie in die Runde.

„Und wie“, ruft Nephele, woraufhin alle lachen müssen. Schließlich haben sie bereits mitbekommen, dass sich die Wege der Bürgermeisterin und der Gastronomin, deren Arbeitsplätze nur einen Katzensprung voneinander entfernt liegen, des Öfteren kreuzen. Nichtsdestotrotz berichtet Julia von ihrem Studium in Berlin und wie sie anschließend eigentlich nur für die Zeit, bis sie einen Job findet, in die Kleinstadt zurückkehrte. Dann jedoch, erzählt sie, erhielt sie von einem nahen Autobauer ein Angebot, das sie nicht ablehnen konnte und fand schließlich eher zufällig den Weg in die Kommunalpolitik.

„Zufällig? Das war doch klar, dass du irgendwann auf die schiefe Bahn gerätst!“, widerspricht Thekla. „Du musstest dich doch schon in der Schule in alles einmischen. Warst du nicht Jahrgangssprecherin und später sogar Schulsprecherin?“

Nephele ergänzt: „Nicht nur das! Wir waren bereits auf der Grundschule in derselben Klasse. Schon damals hat sie sich zur Klassensprecherin wählen lassen.“

„Aber nur, um zu verhindern, dass der blöde Thomas das Amt bekam, der uns immer Juckpulver in den Kragen gesteckt hat“, verteidigt sich Julia.

Alle lachen. Anschließend fragt Daniela: „Und wie sieht es privat bei dir aus?“

Bevor Julia darauf antworten kann, mischt sich Miriam ein. „Das weiß doch jeder, dass Julia mit Björn Hemker, dem Kaufhaus-Inhaber verlobt ist. Liest man bei euch im Langenklint keine Zeitung?“, fragt sie bissig.

„Dauerverlobt“, fügt Nephele mit einem anzüglichen Blick in Julias Richtung hinzu, um von dem neuerlichen Giftpfeil Miriams auf die arme Daniela abzulenken. „Der Zustand dauert jetzt schon mindestens vier Jahre an. Findest du nicht, du solltest den armen Kerl endlich mal erlösen und heiraten?“, fragt sie Julia.

„Erlösen und heiraten? Wie soll das gehen?“, wirft Thekla spöttisch ein.

Julia bedenkt sie mit einem strafenden Blick und kontert: „Erzähl du uns lieber, wie es in Hollywood war und was dich zurück nach Gifhorn verschlagen hat. Ich glaube, das interessiert uns alle viel mehr“, wechselt sie geschmeidig das Thema, verschränkt die Arme vor der Brust und blickt Thekla erwartungsvoll an.

„Oh ja!“, ruft Daniela mit leuchtenden Augen. „Wie war‘s da drüben? Mit wem hast du gedreht? Stimmt es eigentlich, dass du ein Verhältnis mit diesem Game-of-Thrones-Star hattest? Wie hieß er noch gleich …“

Thekla unterbricht sie mit süffisantem Grinsen. „Keine Namen, bitte! Seine Frau fand die medialen Spekulationen über die Fehltritte ihres Ehegatten gar nicht lustig. Die bringt es fertig und verklagt dich wegen Verleumdung!“

Daniela lässt sich nicht entmutigen. „Dann erzähl‘ uns wenigstens etwas über die Dinge, über die du reden darfst! Zum Beispiel über die Filme, in denen du mitgespielt hast. Darüber weiß ich gar nichts. Ich habe dich noch in keinem Streifen gesehen!“

Die drei übrigen Frauen werfen sich pikierte Blicke zu. Daniela jedoch scheint das Fettnäpfchen gar nicht zu bemerken, in dem sie bereits knietief steht. Mit leuchtenden Augen und voller Vorfreude auf spannende Neuigkeiten aus der Welt der Stars und Sternchen sieht sie ihre alte Schulfreundin abwartend an.

Thekla reagiert gelassen. „Nun, besonders spektakulär waren meine Engagements bislang nicht. Mit international erfolgreichen Produktionen kann ich nicht dienen. Ein paar Nebenrollen in amerikanischen Fernsehserien, einige Bühnenengagements und auch eine Rolle in einer Broadway-Produktion – das war’s dann schon mehr oder weniger“, erklärt sie vage.

„Und mit wem hast du so gedreht?“, hakt Daniela neugierig nach.

„Vermutlich mit niemanden, den du kennst“, wirft Miriam bissig ein. „Mann, Daniela! Thekla hat es doch gerade gesagt! So großartig ist es für sie da drüben nicht gelaufen. Deshalb wird sie Filmgrößen wie George Clooney, Brad Pitt, Tom Hanks oder Tom Cruise wohl kaum persönlich kennengelernt haben.“

Thekla bläst die Backen auf und wiegt den Kopf hin und her. „Ganz so würde ich das nicht formulieren. Hollywood ist ein Dorf und es gibt jede Menge Partys, in die man sich hineinmogeln kann.“ Sie grinst spitzbübisch, winkt jedoch schon im nächsten Moment ab. „Aber ich glaube tatsächlich, es gibt Spannenderes, als über solche Dinge zu reden. Und vor allem Wichtigeres! Sind wir nicht hier, um unser Abi-Jubiläum vorzubereiten?“

„Sehr richtig!“, pflichtet Julia ihr bei. „Und ich finde, damit sollten wir jetzt auch beginnen, bevor euch der Prosecco zu sehr in den Kopf steigt.“

Als sich am Tisch lautstarker Protest regt, hebt sie beschwichtigend die Hände. Dabei macht sie den Eindruck, als führe sie den Vorsitz bei einer turbulenten Ratssitzung und müsse für Ordnung sorgen, weil sich die Ratsmitglieder wegen irgendeiner Sache in die Haare geraten sind. Natürlich ist auch das wieder ein Anlass zur Erheiterung.

Anschließend fragt Thekla: „Ich habe da gleich mal eine Frage: Feiert man ein Jubiläum nicht eigentlich erst nach fünfundzwanzig Jahren? Warum begehen wir unseres schon nach zwanzig?“

Julia verzieht spöttisch das Gesicht. „Weil das damalige Abi-Feier-Veranstaltungskomitee davon überzeugt war, dass nach 25 Jahren schon zu viele von uns unter der Erde liegen würden. Deshalb hatten wir beschlossen, unser erstes Treffen bereits nach zwanzig Jahren abzuhalten. Meine Güte, wir haben geglaubt, mit vierzig müsse man wenigstens scheintot sein. Erinnert ihr euch an Herrn Hecht, unseren Geschichtslehrer? Der war zu unserer Zeit erst Ende dreißig und wir dachten, der würde kurz vor der Rente stehen. So griesgrämig und vertrocknet, wie der aussah!“

Dem können die anderen nur beipflichten.

„Ich bin jedenfalls jetzt schon mächtig gespannt darauf zu erfahren, was aus den Leuten geworden ist, und muss nicht fünf weitere Jahre warten“, meint Daniela.

„Stimmt“, ruft Nephele und ihre Augen beginnen zu leuchten. „Erinnert ihr euch noch an den ‚schönsten Mann zwischen Harz und Heide‘, wie wir ihn damals nannten?“

Lautes Gejohle beantwortet ihre Frage.

„Er war der Schwarm aller Mädchen unseres Jahrgangs“, erinnert sich Daniela.

„Und aller anderen Jahrgänge auch!“, ergänzt Thekla lachend. Sie wendet sich an Julia. „Was meinst du? Wird er bei unserer Jubiläumsfeier erscheinen?“

„Keine Ahnung“, antwortet die Angesprochene und zuckt die Schultern. „Bislang habe ich nur Kontaktdaten recherchiert und allen eine Terminabfrage geschickt. Von ihm habe ich bislang nicht einmal eine E-Mail-Adresse, weiß aber wenigstens von seiner Mutter, wo er wohnt.“

„Wie hieß der Typ eigentlich? Andi? Oder Andreas?“, will Miriam wissen.

„André Tetzlaff“, antwortet Nephele hingebungsvoll seufzend und richtet den Blick mit einem dramatischen Augenaufschlag gen Himmel. „Wisst ihr noch, wie er sich immer mit den Fingern durch die halblangen blonden Haare fuhr? Er sah damals aus wie Brad Pitt.“

Ein zustimmendes Raunen geht durch die Runde.

„Warst du nicht mal mit ihm zusammen, Thekla?“, fragt Julia.

Die Angesprochene nickt langsam, als würden die Erinnerungen an diese ferne Zeit erst nach und nach zu ihr zurückkehren. „Jahaaa“, sagt sie gedehnt, „aber ich habe ihn auch schnell wieder entsorgt“, erinnert sie sich dann. „Er sah zwar gut aus, war aber innerlich ziemlich hohl.“

„Ich habe auch mal mit ihm herumgeknutscht. Das war kurz vor dem Abi“, schwärmt Nephele mit verträumtem Blick. „Mann, war ich verknallt! Ich war überzeugt davon, dass wir irgendwann heiraten würden.“ Sie seufzt und zuckt die Schultern. „Doch daraus wurde nichts“, fügt sie betrübt hinzu.

Ein vielstimmiges, bedauerndes „Oooh“ erfüllt die Runde am Tisch.

„Und warum wurde nichts daraus?“, will Daniela wissen.

Nepheles Miene verfinstert sich. „Irgend so eine Schlampe hat sich auf dem Abiball an ihn `rangewanzt, einen Joint mit ihm geteilt und ihn dann auf dem Damenklo im Kulturzentrum durchgevögelt. So wurde es mir jedenfalls zugetragen.“

Julia gniggert in sich hinein. Nephele schaut sie empört an. „Du lachst darüber?“

Nun kann Julia nicht mehr an sich halten. Sie prustet lauthals los und schlägt sich auf die Schenkel. Als sie sich ein bisschen erholt hat, beteuert sie: „Es tut mir leid, Nephele, wirklich! Aber ich erinnere mich an die Szene. Und es war wirklich zu komisch!“ Wieder bricht sie in wieherndes Gelächter aus.

Thekla fällt mit ein. „Meine Güte, natürlich! Wie konnte ich das vergessen? Ich war ja auch dabei!“ Die beiden biegen sich über den Tisch vor Lachen. „‘Tschuldigung, Nephele, aber es war wirklich ein Bild für die Götter!“, erklärt Thekla, während sie mühsam versucht, sich zu beherrschen. Als ihr das gelingt, teilt sie ihre Erinnerungen mit den anderen. „Wir standen im Foyer vor dem Ballsaal. Eine Frau kam an uns vorbei – vermutlich eine der Mütter. Sie war leichenblass und ihre Lippen zitterten vor Empörung. Julia fragte besorgt, ob sie helfen könne. ‚Irgendwer vergisst sich auf der Damentoilette. Unmöglich sowas!‘, stammelte die Dame. Wir wussten gar nicht, was sie meint! Aber Julia und ich wurden neugierig und gingen aufs Mädchenklo. Dort hatte sich bereits eine Traube von Schülern, auch ein paar Jungs waren darunter, feixend vor einer der Kabinen versammelt, um dem, was da drinnen vor sich ging, zu lauschen. Ein besonders vorwitziger Bengel probierte die Klinke und tatsächlich: Die Tür sprang auf! Diejenigen, die da drinnen zugange waren, hatten es entweder nicht für nötig befunden oder im Eifer des Gefechts vergessen abzuschließen.“ Erneut wird sie von einer Lachsalve geschüttelt und kann nicht weitersprechen.

Das übernimmt Julia für sie. „André stand auf dem Klo und hielt sich am Wasserkasten unter der Decke fest. Vor ihm stand eine Frau und blies ihm mit Leidenschaft ein Ständchen. Wir haben gebrüllt vor Lachen!“

Das tun nun auch die anderen am Tisch. Sogar Nephele wird davon angesteckt. Schließlich lacht sie selbst am lautesten von allen. „Weiß eigentlich jemand, wer diese kleine Schlampe war? Ich habe ihren Namen nie erfahren“, will sie wissen, während sie sich die Lachtränen aus den Augen wischt.

Daniela schüttelt bedauernd den Kopf. „Tut mir leid – ich war nicht dabei. Ich höre heute zum ersten Mal davon!“

Julia und Thekla schauen sich fragend an, Letztere zuckt die Schultern. „So weit reichen meine Erinnerungen nicht. Es muss wohl jemand aus unserer Penne gewesen sein. Irgendeine, bei der es niemanden überrascht hat, dass sie sich so ungeniert gibt. Andernfalls hätten wir vermutlich im Gedächtnis behalten, wer sich dort um Andrés Wohl bemühte.“

„Demnach kann es keine der Mütter gewesen sein, denn daran hätten wir uns erinnert!“, stimmt Julia zu. Sofort brüllen wieder alle vor Lachen.

Als sie sich von diesem neuerlichen Heiterkeitsausbruch erholt haben, meint Miriam: „Es ist so lange her. Eigentlich ist es doch auch gar nicht mehr wichtig.“

„Für mich schon!“, widerspricht Nephele halb im Ernst, halb im Scherz. „Schließlich haben André und ich deswegen nicht geheiratet. Niemals hätte ich mich an einen Kerl verschwendet, der mich betrügt!“, erklärt sie mit Nachdruck.

„Oooohh“, raunen die vier anderen gespielt betroffen im Chor.

„Miriam hat recht. Sei froh, dass dir diese Frau, wer immer sie auch war, die Augen über Andrés vielseitiges Interesse an der Damenwelt geöffnet hat, und …“ Thekla stockt. Entgeistert starrt sie die Arztgattin an. Die senkt den Blick, zieht ihre Chanel-Tasche auf ihren Schoß und beginnt darin herumzukramen. Die Augen der anderen sind auf Thekla gerichtet in der Erwartung, dass sie ihren Satz beenden wird, doch sie schweigt.

Auf einmal werden auch Julias Augen groß wie Untertassen. Erschrocken blickt sie erst zu Miriam, dann zu Thekla. Einen Moment später hat sie sich wieder im Griff. „Gibt’s noch Prosecco?“, fragt sie beiläufig. Doch ihr Ablenkungsmanöver kommt zu spät.

Statt Julia zu antworten, fährt Nephele wie von der Tarantel gestochen zu Miriam herum: „Du warst das?“

Miriam kramt immer noch in ihrer Tasche. „Daran kann ich mich nun wirklich nicht erinnern“, antwortet sie ausweichend.

Nephele glaubt ihr kein Wort. „Aber natürlich!“, platzt sie heraus. „Wer hätte es sonst sein können? Du warst doch die Jahrgangsmatratze! Du hast mit jedem `rumgemacht, der nicht bei drei auf dem Baum war! Und jeder wusste das!“

Empört hebt Miriam den Kopf. „Ich muss doch sehr bitten!“

Nepheles Augen verengen sich zu Schlitzen. „Gib es wenigstens zu!“, zischt sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hindurch.

Julia schreitet ein. „Mädels, das alles ist Jahrzehnte her. Ihr werdet euch doch jetzt nicht wegen so einer Sache in die Haare kriegen?“

„Und warum nicht?“, kontert Nephele aggressiv, ohne Miriam auch nur eine Sekunde lang aus den Augen zu lassen. „Wir waren damals schließlich befreundet! Jedenfalls habe ich das geglaubt.“

Miriam scheint indessen entschieden zu haben, dass Angriff die beste Verteidigung ist. Energisch klappt sie ihre Tasche zu und stellt sie beiseite. Hochmütig wirft sie den Kopf in den Nacken. „Du liebe Güte! Willst du deswegen jetzt tatsächlich einen solchen Aufstand machen?“, sagt sie von oben herab.

Nepheles Augen beginnen gefährlich zu funkeln. „Bis eben hätte ich darauf verzichten können, aber jetzt bin ich mir da nicht mehr so sicher“, knurrt sie.

„Mädels, beruhigt euch!“, ermahnt Julia sie erneut. „Nephele, du wirst in deinem eigenen Lokal doch keine Schlägerei anzetteln wollen?“

Die Wirtin denkt über diese Worte nach, ohne jedoch ihren Blick von Miriam zu wenden. Schließlich nickt sie mit dem Kopf in Richtung der Tür. „Raus!“, zischt sie Miriam an.

„Bist du verrückt geworden?“, empört die sich. „Julia hat vollkommen recht. Denk an den Ruf deines Lokals!“

„Das tue ich!“, faucht Nephele. „Deshalb dulde ich hier drinnen keine Schlägerei. Draußen schon. Also Abmarsch! Oder muss ich nachhelfen?“ Blitzschnell schnellt sie von ihrem Platz in die Höhe, langt über den Tisch und packt Miriam an deren langen roten Haaren.

„Geht’s noch?“, empört die sich.

Ihr Protest prallt an Nephele ab. Immer noch hält sie Miriams Haar fest umklammert. Entgeistert verfolgen die drei anderen die Szene. Julia fängt sich als Erste wieder und redet beschwörend auf die Wirtin ein.

„Nephele, Liebes, hältst du das für klug? Willst du wirklich wegen dieser alten Geschichte den Ruf deines Restaurants ruinieren? Das ist sie doch nicht wert!“

„Ich muss doch sehr bitten!“, empört sich Miriam und funkelt Julia böse an.

Julia schnalzt ungeduldig mit der Zunge. „Ich meine die Geschichte“, korrigiert sie sich schnell.

„Ich denke nicht daran, sie einfach so davonkommen zu lassen!“, faucht Nephele, ohne den Griff um Miriams Haar zu lockern.

Julia zuckt die Schultern. „Na gut“, sagt sie und wendet sich Miriam zu. „Dann bleibt dir wohl nichts anderes übrig, als dich zu entschuldigen.“

„Ich wüsste nicht wofür!“, erwidert Miriam böse, woraufhin Nephele kräftig an ihren Haaren zieht.

„Au!“, kreischt Miriam auf.

Thekla lehnt sich entspannt zurück und verschränkt ihre Arme vor der Brust. „Also, ich habe nichts gegen einen handfesten Skandal, wenn’s gut fürs Geschäft ist. In L.A. hat es so manchem abgehalfterten Star geholfen, wieder ins Gespräch zu kommen. Ob das allerdings auch für eine Restaurant-Besitzerin und eine Gifhorner Arztgattin die richtige Marketingstrategie ist, wage ich zu bezweifeln.“ Sie lässt ihren Blick vielsagend durch den Gastraum des Lokals schweifen. Längst sind die Leute an den umliegenden Tischen auf die Szene aufmerksam geworden.

Nephele schüttelt den Kopf und schnauft verächtlich. „Das ist mir sowas von egal! Diesen Verrat werde ich nicht auf sich beruhen lassen!“ Dann leuchten ihre Augen plötzlich auf und sie verzieht ihren Mund zu einem boshaften Lächeln. „Und wer weiß? Vielleicht finden die Leute das gar nicht verkehrt, wenn sie erfahren, dass es bei mir ab und zu ein bisschen Action zum Zugucken gibt.“

„Nicht auf meine Kosten!“, faucht Miriam.

„Und warum nicht?“, kontert Nephele kämpferisch.

„Mädels, hört auf, euch zu streiten!“, bittet Daniela. Sie scheint als Einzige wirklich besorgt über den Ausgang der Angelegenheit zu sein, doch niemand hört auf sie.

„Raus jetzt!“, befiehlt Nephele, während sie versucht, Miriam an den Haaren aus der Sitzecke zu ziehen.

„Lass sofort los, sonst kriegst du es mit meinem Anwalt zu tun!“, droht die andere.

„Pah!“, schnaubt Nephele. „Entschuldige dich oder ich kann für nichts garantieren!“

„Niemals!“, kreischt Miriam.

„Bitte, Miriam“, mischt sich Daniela mit flehender Stimme ein. „Nenn‘ mich harmoniesüchtig, wenn du willst. Aber ich kann so etwas nicht ertragen!“

„Du ahnst nicht, wie egal mir das im Moment ist!“, blafft Miriam sie an und versucht nun ihrerseits Nephele am Schopf zu packen. Allerdings ist das Unterfangen chancenlos, denn Nephele weicht ihr geschickt aus.

Auch Thekla versucht, die beiden Streithähne zur Vernunft zu bringen. „Mädels, es gucken schon alle her!“, raunt sie den beiden mit verschwörerischer Stimme zu.

Daraufhin blickt sich Julia im Lokal um. Sie richtet ihren Blick auf die Eingangstür und stutzt. „Wenn mich nicht alles täuscht, dann hat soeben die örtliche Presse den Ziegenstall betreten“, warnt sie.

Nephele lacht boshaft auf, lässt Miriam jedoch nicht aus den Augen. „Großartig! Ich darf gespannt sein, ob das mit den Skandalen in Gifhorn ähnlich gut funktioniert wie in Hollywood.“

„Ich aber nicht!“, zischt Miriam, während sie vergeblich versucht, Nepheles Finger aus ihrem Haar zu lösen.

Nephele zuckt die Schultern. „Das liegt ganz an dir“, antwortet sie ungerührt.

„Er guckt schon“, flüstert Julia eindringlich.

Nephele lässt sich davon nicht beeindrucken. Sie grinst Miriam nur boshaft an. Julia zuckt die Schultern. „Was wohl der Kirchenvorstand dazu sagt, wenn er morgen von dieser Szene in der Zeitung liest?“, überlegt sie laut.

Diese Bemerkung endlich erreicht Miriam. Ein letztes Mal versucht sie verzweifelt, ihr Haar Nepheles Zugriff zu entziehen, doch die denkt gar nicht daran, sie freizugeben. Schließlich gibt sich Miriam geschlagen. „Meinetwegen. Entschuldige bitte!“, knurrt sie genervt.

Nephele hebt überrascht die Augenbrauen. „Geht doch“, sagt sie anerkennend. Einen Moment später lässt sie Miriams Haar tatsächlich los und setzt sich – mit einem Mal wieder seelenruhig – auf ihren Platz, als sei nichts geschehen. Miriam braucht ein bisschen länger, bis sie realisiert hat, dass sie sich wieder frei bewegen kann. Während sie zurück auf die Bank neben Julia rutscht, fährt sie sich mit den Fingern durchs Haar, um es in Ordnung zu bringen.

„Puh, da bin ich aber wirklich froh, dass die Presse genau im richtigen Moment aufgetaucht ist“, sagt Daniela und wirkt ehrlich erleichtert. Neugierig schaut sie in Richtung des Eingangs, kann dort jedoch niemanden stehen sehen. Verwirrt runzelt sie die Stirn. „Wo ist denn der Journalist? Ich sehe keinen“, fragt sie Julia.

Die folgt ihrem Blick und sieht sich scheinbar suchend im Lokal um. Dann zuckt sie die Schultern. „Hm, vermutlich habe ich mich getäuscht“, meint sie leichthin.

Thekla grinst. Sie wirft Julia einen anerkennenden Blick zu: „Respekt, meine Liebe. Andere haben schon für weit weniger überzeugende Vorstellungen einen Oscar erhalten!“

Daniela

Es ist schon fast 21 Uhr, als Daniela den uralten grünen Mercedes ihrer Schwiegereltern auf den Hof im Langenklint lenkt. Eigentlich hätte sie ihren freien Abend, an dem sie die Beaufsichtigung der Kinder und Eriks kranker Eltern ausnahmsweise einmal ihrem Ehemann überlassen hat, gerne noch ein bisschen ausgeweitet. Doch nachdem sie im Ziegenstall die furchtbar leckere Currywurst verspeist hatte, die unter Eingeweihten auch „Werksforelle“ genannt wird, weil sie aus der gleichen Produktion stammt wie das legendäre Kantinengericht des nahen Autobauers, gelang es ihr kaum noch, ihre Augen offen zu halten. Schließlich war sie bereits seit fünf Uhr auf den Beinen!

Ihr Tag hatte damit begonnen, dass sie die Kühe fütterte und den Stall säuberte. Anschließend hatte sie das Frühstück bereitet für ihren Mann Erik, ihre vier Kinder sowie ihre Schwiegereltern, die hinten auf dem Hof in einem eigenen Wohnhaus, dem sogenannten Altenteil leben. Daniela hatte dafür sorgen müssen, dass ihre drei Töchter Sarah, Vicky und Madeleine sowie ihr Sohn Malte den Weg aus dem Bett ins Badezimmer fanden, und zwar in der dafür festgelegten Reihenfolge, die sich nach dem jeweiligen Stunden- beziehungsweise Busfahrplan richtet. Zwischendurch hatte sie ihren dementen Schwiegervater, der am Küchentisch saß und lautstark nach seinem Kaffee und einem Schinkenbrot verlangte, mit dem Gewünschten versorgt. Normalerweise kümmert sich ihre Schwiegermutter beim Frühstück um ihn, doch heute war Alfons ihr vermutlich entwischt, denn er war besonders früh dran und ohne seine Frau bei ihnen aufgetaucht. Kurz darauf hatte ihr Mann Erik mit verschlafenem Gesicht in der Küchentür gestanden und vorwurfsvoll nach seinem Lieblingshemd gefragt. Sie hatte ihm erklären müssen, dass sie es zwar gewaschen, aber noch nicht gebügelt hatte, woraufhin er beleidigt von dannen gezogen war, ohne sich im mindesten dafür zuständig zu fühlen, den Kaffee aufzuwischen, den sein Vater auf der Wachstuchdecke verschüttet hatte, als er die Tageszeitung umständlich aufgeschlagen hatte.

Auch nach dem Frühstück, als ihr Mann und die Kinder glücklich vom Hof gerollt beziehungsweise gegangen und ihre Schwiegereltern in ihr eigenes Haus zurückgekehrt waren, hatte es keine Verschnaufpause gegeben. Daniela hatte sich um die Buchhaltung des Betriebs gekümmert, Futtermittel bestellt, die Kühe gemolken und zwischendurch ihren Schwiegervater mehrfach davon abhalten müssen, sich auf den Trecker zu setzen und die Gülle aus dem Kuhstall, die sie am folgenden Tag zur nahegelegenen Bio-gasanlage bringen wollte, auf den Feldern zu entsorgen. Ihre Argument, dass sie das Land erstens schon vor vielen Jahren an Hinnerk Schmidt verpachtet hatten und zweitens das Ausbringen von Gülle heutzutage in den Wintermonaten verboten ist, hatte ihn überhaupt nicht interessiert. Die Diskussion über dieses Thema hatte sie im Laufe des Vormittages noch fünf weitere Male führen müssen. Dann war es auch schon Zeit fürs Mittagessen gewesen, das ihre Schwiegereltern aus alter Gewohnheit stets pünktlich um halb eins einnahmen, während ihre Töchter um eins, halb zwei und Viertel nach zwei aus der Schule kamen und dann einen riesigen Kohldampf hatten, der umgehend gestillt werden wollte. Malte, ihr Ältester, macht eine Lehre als Tischler und isst auswärts, sodass sie sich um seine Verpflegung glücklicherweise nicht mehr kümmern muss.

Nachmittags hatte Daniela nach der Hausaufgabenbetreuung der beiden Jüngsten und einigen Hilfestellungen für die vierzehnjährige Madeleine, die zu bequem gewesen war, selbst nachzudenken, noch einmal nach den Kühen sehen und eine Tränke reparieren müssen. Kurz, bevor sie sich um siebzehn Uhr auf den Weg in die Stadt gemacht hatte, hatte sie es sogar noch geschafft, ein paar von Eriks Hemden zu bügeln. Zwar fand sie, dass er das eigentlich auch selbst können musste, aber da er das nicht fand und sie eine Neuauflage ihrer morgendlichen Diskussion am folgenden Tag um sein nicht einsatzbereites Lieblingshemd fürchtete, hatte sie es um des lieben Friedens willen erledigt. Ihr Einknicken vor seiner Bequemlichkeit hatte sie vor sich selbst damit gerechtfertigt, dass er ihr versprochen hatte – wenn auch nur widerwillig – an diesem Abend auf die Kinder aufzupassen und ihnen das Abendbrot zu bereiten. Zu diesem Zweck wollte er sogar früher aus seiner Versicherungsagentur nach Hause kommen. Das hatte zwar nicht geklappt – jedenfalls war er zum verabredeten Zeitpunkt noch nicht daheim gewesen, um eine nahtlose Übergabe der Kinderbeaufsichtigung sicherzustellen – doch immerhin hatte Daniela ihre älteste Tochter Madeleine dafür gewinnen können, auf ihre fünf beziehungsweise sieben Jahre jüngeren Schwestern aufzupassen. Das war nur unter Protest der ältesten Tochter gelungen, denn Madeleine hatte ihre Freundin Emilia zu Besuch und nicht die mindeste Lust, ihre Zimmertür offen zu lassen, um wenigstens mit einem Ohr nach ihren jüngeren Geschwistern zu horchen, bis der Vater endlich den Weg nach Hause gefunden hätte. Daniela versuchte zunächst, sie mit dem Argument zu ködern, dass es sich schließlich nur noch um wenige Minuten handeln könne, bis der Vater endlich daheim wäre. Doch daran hatte ihre älteste Tochter genauso wenig geglaubt wie sie selbst. Erst, als Daniela Madeleine gestattet hatte, sich zum Ausgleich für ihren Einsatz eine ganze Folge von Germanys Next Topmodel – und zwar bis zum Schluss! – ansehen zu dürfen, hatte sie eingewilligt.

Erschöpft parkt Daniela nun das altersschwache Auto neben dem schicken dunkelblauen Leasing-Fahrzeug ihres Gatten. Wenigstens ist er mittlerweile zuhause eingetroffen, denkt sie bissig. Im nächsten Moment schalt sie sich ungnädig. Sie muss ja nicht gleich zickig werden, sagt sie sich, nur, weil ihr Mann nicht rechtzeitig aus der Versicherungsagentur nach Hause gekommen ist, um sie abzulösen. Sicher hatte er noch ein Kundengespräch, das er nicht einfach so unterbrechen konnte, vermutet sie und ist sofort wieder friedlich gestimmt. Überhaupt gelingt es Daniela selten, mehr als ein paar Minuten lang böse auf Erik zu sein, wenn er sich wieder einmal aus seinen familiären Pflichten herausgewunden hat. Nachtragend zu sein liegt ihr nicht. Stattdessen freut sie sich jetzt lieber auf ihr gemütliches Sofa. Dort, so hofft sie, kann sie den Abend vor dem Fernseher neben ihrem Mann bei einer Flasche Bier ausklingen lassen, bis sie endgültig reif fürs Bett ist.

Mit Schwung knallt Daniela die Autotür zu, die bei einer weniger energischen Behandlung nicht mehr schließt. Im schwachen Schein der leuchtenden Wand aus Glasbausteinen, die in den Siebzigern so schwer in Mode waren, läuft sie auf die Haustür zu. Als sie sie öffnet, kommt ihr die neunjährige Vicky kreischend aus dem Obergeschoss entgegen. Auf Socken stürmt sie die Treppe herunter und wirft sich ihrer Mutter in die Arme.

„Nanu, junge Dame, du bist ja noch gar nicht im Bett“, stellt Daniela verwundert fest. „Ab ins Bad und Zähne putzen!“

„Och nö! Dann muss Sarah aber auch!“, protestiert der kleine blonde Wirbelwind, der optisch eine Miniaturausgabe ihrer Mutter ist.

Daniela zieht die Augenbrauen in die Höhe. „Wie? Sarah ist auch noch nicht im Bett?“, ruft sie erstaunt. Für die Siebenjährige wäre normalerweise schon vor einer Stunde Schlafenszeit gewesen. „Da hat euer Vater wohl die Zeit vergessen“, schimpft Daniela, seufzt resigniert, packt ihre Tochter unter den Armen und zieht sie hoch auf ihre Hüfte, um sie nach oben ins Badezimmer zu tragen. „Wo ist er überhaupt?“, fragt sie. Dabei schaut sie in Richtung des Wohnzimmers, aus dessen angelehnter Tür der Fernseher zu hören ist, aus dem die Botschaft eines Werbespots für Enthaarungscreme plärrt.