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Ein Buch wie ein Rausch: eine emotionale und packende Zeitreise in die Techno- und Drogenszene der Neunzigerjahre. Ein authentischer Coming-of-Age-Roman zwischen Rausch, Liebe und echter Freundschaft. --- Deutschland, Mitte der 90er Jahre. Kurt Cobain ist tot und das ganze Land ist im Technofieber. In seinen Tagträumen ist der sechzehnjährige Tilmann ein gefeierter Musiker. In der Realität stehen Bauernpartys, Joints und Stress mit Nazis auf dem Plan. In der örtlichen Technoszene um den charismatischen Finn scheint er zu finden, wonach er sucht: Zugehörigkeit, Abenteuer und eine Menge Spaß. Mit seiner ersten Ecstasy-Pille taucht Tilmann in eine Welt ein, die geprägt ist von einem neuen Gefühl der Verbundenheit und dem Soundtrack seiner Zeit. Ein exzessiver Ritt auf dem Techno-Beat der Neunzigerjahre beginnt, der ihn und seine neue Feierfamilie mit jedem Wochenende mehr von der Realität entfernt. Doch nach und nach zerbricht daran seine Beziehung und auch die Fassade der Technoszene bekommt erste Risse. Der Drogenkonsum seines mittlerweile besten Freundes Finn wird immer unkontrollierter. Nach einem heftigen Streit verschwindet Finn spurlos und Tilmann ahnt nicht, dass alles noch viel schlimmer kommen wird. Über die Sinnlosigkeit der Jugend und ihre berauschende Wirkung! Ein ehrlicher und kurzweiliger Roman über die Höhen und Tiefen des Erwachsenwerdens...zum Schmunzeln und Nachdenken. --- Eine 90er Jahre Erinnerung Millionen von Menschen waren in den Neunzigerjahren Teil der Technokultur, deren jährliche Highlights in Berlin, Dortmund oder Hamburg sie nie vergessen werden. Doch abseits der großen Städte und Events waren es die kleinen Clubs, in denen sie ein Zuhause fanden - in denen sie großartige Momente und entsetzliche Tragödien erlebten. Wie an vielen anderen Orten auf dem gesamten Planeten haben sie dort ihre eigene Parallelwelt erschaffen. Verbunden durch ein gemeinsames Lebensgefühl und den Soundtrack ihrer Zeit: ihren Kleinstadt-RAVE. Tilmann war einer von ihnen – Kleinstadt-RAVE ist seine Geschichte. --- Das perfekte 90er Jahre Geschenk - eine Zeitmaschine in die aufregendste und bunteste Zeit unseres Lebens Kleinstadt-RAVE ist ein Roman wie eine Zeitreise, die dich in die Zeit zurückbringt, die für viele von uns so viel bedeutete. Ein Roman über das Erwachsenwerden, Techno, Drogen, Liebe und Freundschaft im bunten Winkel der Gesellschaft der 90er Jahre. Ein Buch über Rave, das von einem Soundtrack der Neunzigerjahre begleitet wird, der in die Handlung einfließt und die emotionalen Hoch- und Tiefpunkte des Protagonisten musikalisch unterlegt. Eines dieser Coming of Age Bücher, das man nicht mehr weglegen möchte. --- Begib dich auf eine Achterbahn der Gefühle und beginne noch heute deinen Lese-RAVE!
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Seitenzahl: 411
Veröffentlichungsjahr: 2023
Derek D. Linsch
Kleinstadt-RAVE
Roman
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über dnb.dnb.de abrufbar.
1. Auflage 2022
© 2022 Derek D. Linsch
c/o easy-shop, K. Mothes
Schloßstraße 20
06869 Coswig (Anhalt)
Alle Rechte vorbehalten.
Lektorat: Sylke Schulte
Korrektorat: Silvia Bartz
Covergestaltung: Christian Skeide
https://dereklinsch.de
Wäre sein Lebenslauf ein Buch, so hätte es Eselsohren, einige herausgerissene Seiten, um es seinen Eltern zeigen zu können und auf dem Cover sind Spuren der letzten Party zu erkennen. Nicht geradeaus, dafür Kurven, fast serpentinenartig – eine authentische Reise zwischen Vernunft und Freiheit, zwischen gesellschaftlicher Akzeptanz und Rebellion.
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Am Ende ist alles nur eine Geschichte
Mein Kopf liegt schwer in meinen Händen und ich verstecke mich vor den Tausenden jungen Menschen vor mir. Mehrere Tropfen Schweiß rollen meine Nase herunter und zerplatzen auf dem Boden vor meinen Füßen. Zwischen den Fingern blicke ich den schmalen Gang entlang zur Bühne und fühle, was sich dort draußen abspielt. Die Menge in der ausverkauften Halle wartet ungeduldig darauf, dass es losgeht. Ich atme einmal flach ein. Die Luft riecht nach Bier, Teenagerschweiß und Gras. Dann seufze ich in die Dunkelheit. Ein Lichtkegel fliegt wie ein UFO von links nach rechts und zeichnet Figuren in den aufsteigenden Rauch. Dann passiert es: Ein in alle Körperregionen gehender Groove aus Schlagzeug und Bass setzt ein. Die Meute gerät in Ekstase und bricht in Jubel aus. Der willkürlich herumirrende Lichtkegel teilt sich auf und fokussiert die beiden Jungs auf der Bühne. In der Mitte sitzt der Drummer. Seine langen schwarzen Haare fliegen umher und verdecken sein Gesicht. Wie ein Irrer hämmert er auf die Elemente seines roten Schlagzeugs und treibt den Groove nach vorn. Rechts vor ihm steht der hochgewachsene Bassist. Er hat sein Arbeitsgerät auf Kniehöhe hängen und schafft es gerade so, mit seinen langen Armen die Saiten zu bearbeiten. Wie eine zähe Honigmasse bewegt sich der vor der Bühne gebildete Moshpit zum Beat der beiden Musiker hin und her. Trotz der Hitze habe ich Gänsehaut, als ich im Backstagebereich hinter der Bühne aufstehe. Ich laufe den Gang entlang, bis Musik und Schreie lauter werden. Aufgeregt, wie ich vor jedem Konzert bin, atme ich tief ein und aus. Aus zitternden Händen nehme ich einen letzten Zug von meiner Zigarette und benetze den trockenen Mund mit einem großen Schluck Bier. Auf den letzten Metern vor der Treppe zur Bühne checke ich ein weiteres Mal den Gurt meiner Gitarre – einer braunen Fender Jaguar. Scheint alles in Ordnung zu sein. Ich halte mich an der Bierflasche fest und trabe wie ein nervöses Rennpferd auf die Bühne. Der Lichtkegel fokussiert mich und ich steige mit einem verzerrten Oktavlauf ein. Showtime! Die Menge ist aus dem Häuschen! Mit kratziger Stimme beginne ich zu singen:
All my life I’ve been searching for anything
all night long I dream of the day
Something to hold when I lose my breath again
a feeling fills me I cannot resist
Von den Tausenden Teens steht jetzt keiner mehr still. Ich fühle eine befreiende Erleichterung, als ich vereinzelte Blicke der Jungen und Mädchen erhasche, deren pubertierende Gesichter von langen Haaren umrahmt sind. Sie sind unseretwegen hier, um unsere Songs zu hören und mit uns zu feiern. Der Refrain setzt ein und alle singen mit mir:
Sometimes I wish I wouldn’t need anything
I’d like to leave it all behind
Eventually I will be back again – to you and I
Der immer größer werdende Moshpit verdichtet sich in der Mitte vor der Bühne. Die Menschen heben ihre Arme nach oben und das Licht der Scheinwerfer lässt eine einladende Erwartung in ihren Gesichtern erkennen. Die Rhythmusgruppe jammt derweilen auf dem Mittelteil des Songs herum. Adrenalin schießt mir durch die Adern und ich fühle die Verbundenheit mit dem Publikum. Sie rufen mich zu sich. Mit beiden Händen wische ich mir durch das nasse Gesicht und streife mir die langen Haare nach hinten. Mit drei großen Schritten renne ich bis zum Rand der Bühne und springe hoch. Der kurze Moment in der Luft, bevor ich eine halbe Drehung um meine Längsachse mache, ist das Beste am Stagediving. Hier überkommt mich für den Bruchteil einer Sekunde eine Stille, in der ich ganz bei mir bin. Dann falle ich in die ausgestreckten Arme.
Mit einem lauten RUMMS knalle ich auf den Boden und die Musik ist aus. Anstatt der Gesichter meiner Fans erscheint nun meine Mutter mit viel zu geringem Abstand vor meinem Kopf.
»Du sollst den Krach leiser machen!«, schnauzt sie mich an.
»Sammaaa! Warum machst du die Musik aus und nervst hier rum?«, bölke ich zurück. »Ich habe dir tausendmal gesagt, dass du anklopfen sollst, bevor du in mein Zimmer kommst!«
»Jetzt zieh dich endlich an und räum dein Zimmer auf! Das sieht hier schon wieder aus wie im Saustall!«, motzt Muddern. »Außerdem ist Ostern und Onkel Peter, Tante Biggi und Oma kommen gleich zum Essen - los jetzt!«
»Raus jetzt!«, erwidere ich. »Und mach die Tür zu - von außen!«
Die Tür knallt zu, sodass ein mittelschwerer Windstoß durch mein knapp zwanzig Quadratmeter großes Zimmer weht. An der Wand fängt das rote Poster an zu flattern, welches die englische Queen Elizabeth II mit einem Joint im Mund zeigt. Erschöpft von meinem Tagtraum und der Erkenntnis, in der Realität weder Kurt Cobain noch Teil irgendeiner anderen Grungeband zu sein, lasse ich mich auf mein Bett fallen. Wie vom Donner erschlagen liege ich hier und starre meine Gitarre an, die an der Wand hängt. Da sich mein Wunsch, Musiker zu werden, bisher nicht erfüllt hat, hat das gute Stück Staub angesetzt. Manchmal bin ich einfach zu faul und vertraue zu sehr auf mein Talent. Fleiß und Talent sind wichtig, meinte mein Gitarrenlehrer, der nun leider weggezogen ist.
Scheiß Familienessen! Es wird sowieso nur um das eine Thema gehen. Der große Fall des einstigen Hoffnungsträgers der Familie: um mich, Tilmann Schrader. Ich atme tief durch, schaue an die Decke und nehme den Hacky Sack, der rechts neben mir auf meiner mit Coca-Cola-Bettwäsche bezogenen Decke liegt. Ich werfe ihn hoch und fange ihn auf. Die Kunst ist, den Ball so dicht wie möglich an die Zimmerdecke zu werfen, sodass er diese gerade nicht berührt, und ihn danach wieder aufzufangen. Mittlerweile und vor allem aus Langeweile habe ich dieses Spiel perfektioniert.
Mit gleichgültigem Ausdruck betrete ich das Wohnzimmer. Es ist der größte Raum in dem alten Haus, welches zu Opas Zeiten noch Teil eines Bauernhofs war. Echtes Eichenparkett mit zwei orientalisch anmutenden Teppichen, eine Schrankwand aus Nussholz, die eine Minibar versteckt, auf der Ablage rechts eine dicke Bibel, eine passende Anrichte und ein Sofa aus Lederimitat. Der Esstisch, auf dem eine weiße, frisch heißgemangelte Decke liegt, ist an beiden Enden ausgeklappt. So wird es gemacht, wenn Besuch zum Essen kommt. Herzlich willkommen bei den Schraders! Papa, Mama, Oma – und zwei Straßen weiter wohnen noch Tante und Onkel mit ihren zwei erwachsenen Kindern. Alle verstehen und mögen sich. Alles wie immer in unserem kleinen Dorf im flachen Niedersachsen, wo es manchmal nach dem Klärwerk aus der benachbarten Kreisstadt und oft nach Kleinbürgertum riecht. Die schöne heile Welt - und ICH!
Alle sind da und sitzen an ihren gewohnten Plätzen. Würde sich nur eines der Familienmitglieder mal auf einen anderen Platz setzen, hier würde ein großer Tumult ausbrechen.
»Da ist er endlich!«, ruft Onkel Peter und nimmt einen großen Schluck aus seiner Haake-Beck-Flasche.
»Wird auch Zeit! Wir warten seit 15 Minuten mit dem Essen auf dich«, schließt sich meine Mutter an.
»Jaja, macht mal locker!«, murmle ich vor mich hin und setze mich zwischen meine Mutter zu meiner Rechten und Tante Biggi, Mamas Schwester, zu meiner Linken. »Krieg ich ein Bier?« Ich blicke zu meiner Mutter.
»Schmeckt es denn schon wieder?« Meine Tante schaut mich mit erwartungsvoll-lustigem Gesichtsausdruck an, als hätte sie einen Witz gemacht.
Die Sause mit meinem Kumpel Steffen vom letzten Wochenende ist mittlerweile bei allen angekommen, denke ich.
»Hahaha, du bist eine lustige Frau!«, sage ich ohne eine Regung im Gesicht. Ich starre meine Mutter an, um meiner Frage nach dem Bier mit einem fordernden Blick Nachdruck zu verleihen.
»Darfst du überhaupt schon Bier trinken?«, fragt meine Oma, die zwei Plätze weiter links vom Kopfende des Tisches sitzt, mit zerbrechlicher Oma-Stimme.
»Oma, ich bin 16! Na klar darf ich ein Bier«, sage ich selbstbewusst.
Mein Vater holt mir eine Knolle und stellt sie geöffnet auf einem Korkuntersetzer vor mir auf dem Tisch ab, dabei zwinkert er mir zu und lächelt. Soll wohl Verbundenheit mit mir signalisieren.
»Na denn mal Prost!«, sage ich.
»Prost!«, erwidern alle.
Der Esstisch füllt sich langsam mit Essen, für das meine Mutter den ganzen Tag in der Küche gestanden hat. Es gibt überbackene Schnitzel mit Pilzen, Zwiebeln und Sahne, dazu Reis und Gurkensalat. Beim Essen ist erst einmal Sendepause und wir reden glücklicherweise nicht viel. Ganz nach meinem Geschmack, resümiere ich und beiße in mein Schnitzel. Aber zu früh gefreut, bemerke ich, als mich Onkel Peter, leicht angelutscht vom vierten Bier, fragt:
»Was machst du nach dem Sommer, jetzt, wo du nicht versetzt wirst?«
»Weiß nicht«, erwidere ich mit nicht mehr ganz so selbstbewusster Stimme.
»Früher wollte er Musiker werden, aber er hat zu wenig geübt. Mit dem Pastor hat er sich auch überworfen«, stichelt meine Mutter.
»Und ich dachte, dass du studieren willst?«, wirft meine Oma ein und schaut mich mit ihren großen Oma-Augen an. Auf Plattdeutsch wendet sie sich jetzt an meine Eltern: »He hett doch seggt. Un de Noten weern doch ok ganz goot.«
Ich rolle mit den Augen.
»Das ist schon eine Weile her«, grummelt mein Vater in seinen Vollbart und fährt fort: »Die letzten Jahre hat er eher durch Flausen im Kopf geglänzt statt durch gute Noten. Jetzt muss er die Klasse wiederholen.«
»Der ist zu faul!«, ergänzt meine Mutter.
»Das mit dem Studieren haben wir dir eh nicht zugetraut«, murmelt meine Tante vor sich hin und schaut auf ihren Teller.
Ich werde still und schaue auf die Uhr.
»Mach doch eine solide Lehre«, wirft mein Onkel in die Runde. »Handwerk hat noch niemandem geschadet und hat bekanntermaßen goldenen Boden.«
Mit viel Druck schneide ich mir ein weiteres Stück vom Schnitzel ab. Mit vollem Mund fange ich an zu reden: »Kennt ihr den schon? Klein Fritzchen zu seinem Vater: Du, Papi, ist mein Onkel eigentlich Handwerker? Vater: Nein, wieso? Klein Fritzchen: Mami sagt immer, er nagelt wie ein Weltmeister!« Ich fange laut an zu lachen, so dass mir ein paar gekaute Schnitzelsplitter aus dem Mund fallen.
Meiner Mutter bleibt der Reis im Halse stecken, während meine Tante mit dem Kopf schüttelt und mein Onkel mit rotem Gesicht grinst. Ohne eine Miene zu verziehen, schiebe ich mir derweilen ein bisschen Gurkensalat auf die Gabel.
»Nicht am Esstisch, Tilmann!«, moniert meine Mutter.
Ich nehme den Rest des Bieres auf Ex, rülpse laut, stehe auf und präsentiere mein strahlendstes Lächeln. »Danke fürs Essen, aber ihr könnt mich alle mal!« Auf dem Rückweg in mein Zimmer höre ich, wie die Spießer über »den Jungen«, wie sie mich respektlos nennen, sinnieren.
»Was ist mit dem?«
»Hat er Probleme?«
»Hat er eine Freundin?«
»Hat er überhaupt irgendwas?«
»Was hat er denn?«
»Ich habe gleich gesagt, dass er das nicht packt!«
Diese Kleinbürger, denke ich. Wenn die wüssten, dass dieses Dorfleben eine mit Kornfeldern gesäumte Einbahnstraße ist, die in Boring-Hausen endet. Dann lieber raus hier, übelst was erleben und mit 40 zufrieden abtreten!
Ich nehme die Gitarre von der Wand, puste eine Staubschicht von ihrem Körper und beginne ein paar Riffs zu spielen. Als meine Fingerkuppen von den sich einschneidenden Saiten anfangen zu schmerzen, lege ich sie wieder zurück. Ich trinke einen großen Schluck aus der Flasche mit dem Selbstmitleid, stelle die Musik wieder an und flüchte zurück in meinen Tagtraum.
Vier Monate später, es ist ein warmer Sommerabend, fahren Steffen und ich mit dem Fahrrad zu unserer alten Grundschule. Ein zweistöckiger Siebzigerjahrebau, bei dem das obere Stockwerk gut zwei Meter überlappt und uns einen Sichtschutz bietet. Angelehnt an der Hauswand sitzen wir auf den grauen Bodenplatten und schauen zu dem Haus auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Hier wohnt der drei Jahre ältere Sven, ein dorfbekannter Nazi, der zur braunen Party geladen hat. Im Zehnminutentakt kommen, vereinzelt oder in kleinen Gruppen, grimmig dreinschauende Menschen mit Bomberjacken und Springerstiefeln an. Die Frauen erkennt man ausschließlich an den Frisuren. Pony, Seiten und der letzte Teil im Nacken sind lang, der Rest ist kurz. Von den Jungs hat nur einer Haare, dafür klafft ihm eine riesige Narbe im Gesicht, die ich von unserer Position aus noch gut erkennen kann. Was für Spackos, denke ich und ziehe an meiner Zigarette. Merklich aufgeregt fragt Steffen:
»Wirklich hier, Tilmann? Und wenn uns jemand sieht?«
»Relax!«, antworte ich. »Hier sind wir safe.«
Vor drei Wochen war unser letzter Schultag und nun sind wir mitten in den Sommerferien. Bei Alex, einem Jungen aus der Parallelklasse, hatte ich letzte Woche ein halbes Gramm Haschisch gekauft, das wir jetzt rauchen wollen. Steffen und ich kennen uns seit der Grundschule. Wir haben zusammen den Angelschein gemacht, erstes Bier und erstes Schützenfest gemeinsam erlebt. Er ist von eher kleinerer Statur, spielt in seiner Freizeit gern Tennis und man sagt, er habe den Schalk im Nacken. Anfangs war Steffen auf dem Gymnasium, ging nach der Achten aber auf die Realschule. Diese ist jetzt nach der zehnten Klasse vorbei. Es wird der erste Joint für uns beide sein und dementsprechend aufgeregt sind wir. Ich fummle das Ding aus der Alufolie und halte es mir an die Nase. Würzig, denke ich, als ich einen tiefen Zug nehme.
»Hier, Steffen, riech mal! Ich glaube, Alex hat uns gutes Zeug gegeben«, sage ich nach rechts, wo Steffen sich gerade eine Zigarette anzündet.
Er nickt, zieht die Lippen wie einen Schnabel nach oben und bläst Rauch aus seiner Nase. Keiner von uns beiden weiß, wie man einen Joint dreht, daher haben wir es uns von Alex erklären lassen und versuchen uns jetzt daran zu erinnern.
»Also, die drei Blättchen so zusammen, oder?«, frage ich Steffen und halte drei Gizeh-Blättchen aneinander, zwei an der Längsseite zusammen und eins oben dran.
»Joah, lass mal so machen. Sieht irgendwie richtig aus, aber kein Plan«, erwidert Steffen und baut derweilen einen Filter aus einem Teil der Zigarettenschachtel.
Ich klebe die Blättchen so zusammen, reiße eine von meinen Marlboro Lights der Länge nach auf und packe Tabak und den Filter drauf. Dann nehme ich mein Feuerzeug und halte die Flamme an das kleine Stück Hasch, das von Alex »Bobel« genannt wird.
Irgendwie cool - und irgendwie verboten, denke ich und brösle das erhitzte Stück Bobel auf den Tabak.
»Hälfte reicht erst mal, oder?« Ich schaue Steffen fragend an.
»Ja, auf jeden!«, antwortet er.
Mit verkrampften und leicht zitterigen Fingern versuche ich, ein kegelförmiges Etwas zu drehen. Der erste Versuch scheitert kläglich und die halbe Mische fällt mir in den Schoß.
»Hmmmh - also nochmal«, murmle ich.
Der zweite Anlauf klappt besser. Den internationalen Schönheitswettbewerb der Haschtüten wird aber auch dieses Ding nicht gewinnen können. Egal, denke ich und nicke Steffen zu, der mich fasziniert beobachtet.
»Wer baut, der haut, ne!«, sage ich und muss über diesen dummen Spruch selbst lachen. Diesen rief Alex uns vor zwei Wochen noch hinterher, nachdem unser erster Haschischdeal erfolgreich über die Bühne gelaufen war. Vorsichtig und mit Sorge, ob das Ding halten wird, zünde ich die Tüte an und inhaliere den Qualm vorsichtig. Nach einem zweiten, etwas mutigeren Zug reiche ich Steffen den Joint rüber. Der pafft zweimal ordentlich, um die Tüte anzuheizen und nimmt ebenfalls zwei tiefe Züge.
»Und, merkst du schon was?«, frage ich ihn mit belegter Stimme.
»Hmmmh, weiß nicht, du?«, erwidert er.
Wir nehmen jeder noch ein paar Züge, bis das Ding, das ziemlich schief heruntergebrannt ist, aus zu sein scheint. Dann lehnen wir unsere schwer gewordenen Köpfe an die Hauswand und beobachten das Treiben auf der anderen Straßenseite. Eine Gruppe des braunen Gesindels versammelt sich in der Einfahrt vor Svens Elternhaus und macht sich offenbar für irgendetwas startklar. Alle haben eine 0,5-Liter-Dose Bier in der Hand und gestikulieren wild. Meinem mittlerweile trocken gewordenen Mund begegne ich mit mehreren Schlucken unseres mitgebrachten Pfirsich-Eistees. Ich stelle mir vor, was die sich untereinander zu erzählen haben, und fange an, die Szene mit eigenen Worten zu synchronisieren. Breit grinsend und mit erhobener Faust schaue ich zu Steffen rüber. Mit scharf gerolltem »R« sage ich: »KRRieger der Nation, macht euch beRReit!«, und lache laut los.
Steffen, der kurz zuvor am Eistee angesetzt hatte, reißt sich den Tetra Pak vom Mund, sprüht den soeben genommenen Schluck wie eine Ladung Durchfall rechts neben sich auf den Boden und lacht laut los. Mir schießen Tränen in die Augen und mein Kopf fühlt sich zunehmend heißer an. Steffen, der gerade wieder zu sich kommt, hält sich Zeige- und Mittelfinger der linken Hand unter die Nase und sagt, während er auf die Uhr schaut: »Guten MoRRgen! Um halb acht wird zuRRückgesoffen!«
Nun gibt es kein Halten mehr. Gekrümmt vor Lachen sacken wir beide nach vorn über und kringeln uns auf dem Boden, der voller Asche ist. Ich versuche einen weiteren Spruch zu machen, bekomme vor Lachen und Tränen aber kein Wort aus dem Mund. Nach Minuten im Lachkoma und mit brennenden Bauchmuskeln schnappe ich nach Luft und richte mich wieder auf. Steffen liegt noch am Boden und kämpft mit seinem Lachflash. Ich atme tief ein, versuche mich zu kontrollieren und schaue auf die gegenüberliegende Straßenseite.
»Hmmmh… Schade, keiner mehr da.« Ich staune und bin erleichtert, dass sich mein Körper gerade ein wenig abkühlt.
Steffen, immer noch mit breitem Grinsen im Gesicht, kommt wieder in die Realität zurück und richtet sich auf in den Schneidersitz. »Alter, was war das denn!«, sagt Steffen, noch benommen und mit rotem Kopf.
»Ist wohl so ein Lachflash, von dem die anderen gesprochen haben«, sage ich.
Wir zünden uns beide eine Zigarette an und atmen kräftig durch.
»Auf jeden Fall der Hammer!« Steffen lacht und es folgt eine kurze Pause.
»Letzte Sommerferien, wah?«, frage ich und ziehe an meiner Zigarette. »Du machst eine Ausbildung, oder? Wie heißt das noch gleich?«
»Groß- und Außenhandelskaufmann«, sagt Steffen mit wenig Elan in der Stimme. »Ist eine solide Sache«, schiebt er nach, »und auch ganz gut bezahlt. Und du?«
»Ich habe mir von der Schule einen Abschluss der mittleren Reife bescheinigen lassen und werde abgehen.«
Steffen nickt.
»Mein Onkel organisiert mir eine Lehrstelle zum Tischler. Ist vielleicht cool, erstmal Geld zu verdienen. Abi kann ich später nachmachen.«
»Ist ja auch egal«, murmelt Steffen.
»Stimmt – ist egal«, sage ich und lache. »Lass mal los jetzt.«
Wir stehen langsam auf und packen unsere Sachen in unsere Rucksäcke. Noch angeditscht von der Tüte wanken wir mit kleinen roten Augen zu unseren Fahrrädern. Wir gehen um die Hausecke, als uns das Grinsen aus dem Gesicht fällt und wir abrupt stehenbleiben. Vor uns stehen drei in Bomberjacken und Springerstiefel gekleidete Nazis mit verschränkten Armen. Ein großer schlaksiger mit Glatze und langer Nase, ein dicker mit ekelig-fettiger Haut und der Typ mit Haaren und riesiger Narbe von unterhalb des rechten Auges bis zur Wange. Mit der vorherigen Distanz von gut 150 Metern gefielen sie mir deutlich besser als jetzt, da sie direkt vor uns stehen.
Beim Anblick der Narbe schießt mir unser Pastor in den Kopf, den ich vorlesen höre: »Wer euch auf die rechte Wange schlägt, dem haltet auch die andere hin.« Ich fange an zu grinsen.
»Was lachst du so blöd, du Schmierer!«, sagt der Dicke.
»Was? Nichts, schon gut«, antworte ich leise. »Wir wollten gerade los.«
»Nichts ist gut!«, sagt der Lange. »Und was lungert ihr hier rum?«
»Wir haben nur kurz gechillt und eine geraucht, jetzt müssen wir nach Hause«, entschuldigt sich Steffen.
Ich nicke.
»Genau - wir müssen jetzt los«, wiederhole ich.
Regungslos starren uns die drei an und mustern uns vom ungepflegten Langhaarscheitel bis zur Sohle unserer abgewetzten und mit Shoe Goo reparierten Vans.
»Ihr habt Glück, dass wir heute unseren guten Tag haben«, sagt der Dicke.
»Na, dann wollen wir sie nicht aufhalten«, sagt Narbe und die drei gehen zwei Schritte zur Seite, so dass wir freie Bahn zu unseren Fahrrädern haben.
Erleichtert gehe ich nach vorn und greife nach meinem Lenker. Plötzlich merke ich, wie jemand von hinten an meinem Rucksack zieht. »Ey - was soll das?!«, rufe ich und greife nach meinem Lenker, um mir Halt zu verschaffen. Doch es ist zu spät und ich werde mit einer 180-Grad-Drehung herumgeschleudert. Ich fliege durch die Luft und sehe den rauen Boden auf mich zukommen. Noch bevor ich meine Hände zum Abstützen nach vorn strecken kann, knalle ich mit dem Kinn voraus auf den grauen Asphalt des Schulhofs. »Aaaahhh!«, stöhne ich, fasse mir ins Gesicht und fühle das warme Blut an meinen Händen. Aus dem Augenwinkel sehe ich Steffen: Der Lange hält ihn fest, während der Dicke ihm mit voller Wucht in die Magenkuhle boxt.
»Ihr Penner lacht jetzt nicht mehr!«, ruft Narbe, beugt sich zu mir runter und spuckt mir ins Gesicht.
Dann nickt er seinen beiden Freunden zu und sie hauen ab. Mit der linken Hand halte ich mir das blutende Kinn fest und robbe rüber zu Steffen.
»Alter, alles klar bei dir?«, frage ich.
»Boah, Mann, die Penner! Ja, geht schon«, stöhnt Steffen und fragt: »Bei dir auch alles klar? Du blutest und siehst ziemlich scheiße aus!«
»Scheiß Nazipack! Ich habe eine satte Kinnbremsung gemacht«, sage ich und lege mich mit dem Rücken auf den Boden.
Steffen löst seine Embryonalhaltung auf und folgt mir in Rückenlage. Jetzt liegen wir beide nebeneinander auf dem Schulhof der Grundschule und schauen in den Himmel. Einen kurzen Moment ist es, als sähe ich uns zwei aus der Vogelperspektive, wie wir zwei geprügelten Hunde mitten auf dem riesigen Schulhof liegen. Gleichzeitig fangen wir an zu lachen und kriegen uns kaum mehr ein.
»Jetzt lass uns aber mal los«, sage ich, immer noch am Lachen. »Ich glaube, mein Kinn muss genäht werden.«
***
Drei Wochen später bin ich mit frisch gezogenen Fäden und neuer Narbe am Kinn mit Steffen und zehn weiteren Leuten am nahegelegenen Baggersee. Wir feiern den Abschluss des Sommers, nach dem viele von uns in unterschiedliche Richtungen gehen werden. Den Sandberg runter, lassen wir uns zwischen einer Birke und einem Busch mit Blick auf das stille Wasser nieder. Es ist das letzte Wochenende der Sommerferien und wir haben Glück mit dem Wetter. Es sind noch warme 28 Grad Celsius, der Himmel zeigt sich strahlend blau ohne eine einzige Wolke. Die vier Mädels machen es sich auf einer grauen Decke bequem und trinken Asti Spumante aus Plastikbechern. Die Jungs und ich stehen drei Meter davon entfernt und umzingeln einen dreibeinigen Grill. Dieser hat bestimmt mal zehn Mark gekostet - wir konnten ihn aber von Steffens Bruder leihen. Dazu gibt es Beck’s aus der 0,5-Liter-Dose und eine Tüte Chio Chips, Red Paprika. Aus dem Ghettoblaster schallt WHEN I COME AROUND von Green Day. Es dämmert bereits und jeder von den Jungs gibt seinen Senf dazu, wie ein Grill anzumachen ist. Wir sprechen darüber, was wir in den letzten Wochen der Sommerferien erlebt haben. Steffen und ich kommen nicht umher, die Story mit den Nazis noch einmal zu erzählen. Nun gut, denke ich, viel mehr passiert hier ja auch nicht. Wir philosophieren über Sinn und Unsinn des (Dorf-)Lebens, legen Bratwürste auf den Grill und trinken gemütlich unser Bier. Ich werfe ein, dass ich das Gymnasium schmeiße und nach dem Sommer eine Lehre zum Tischler beginne.
»Ab September geht's los«, sage ich. »Nicht mein Traumberuf, aber vielleicht macht es ja Spaß.«
Die Runde nickt. Mit der Gabel nehme ich die ersten Würstchen vom Grill und lege sie auf einen Pappteller. »Ich gehe mal die Schnitten versorgen«, sage ich und zwinkere den Jungs zu.
Sie lachen.
»Würschtl?«, frage ich mit schelmischem Grinsen und präsentiere den Teller.
Die Mädels reißen ihn mir aus der Hand. Sie sehen angeschwipst und lustig aus. Von Weitem sehe ich zwei weitere Menschen weiblichen Geschlechts auf uns zukommen. Ich erkenne Iris, eine alte Freundin aus der Nachbarschaft. Die Zweite kenne ich nicht. Zurück bei den Jungs ist die nächste Lage Würstchen bereits fertig. Aus dem Augenwinkel schaue ich nach links zu den jungen Damen. Ich frage mich, wen Iris da mitgebracht hat. Die Neue macht einen sehr fröhlichen und aufgeschlossenen Eindruck und zieht offenbar nicht nur mich in ihren Bann. Ich beobachte das Treiben jetzt weniger heimlich und stelle fest, dass sie der Mittelpunkt des Geschehens ist. Ihr eigenwilliger Look grenzt sich von dem der anderen Mädchen ab und löst ein rebellisches Gefühl in mir aus. Sie trägt ein rotes Top mit Spagettiträgern, eine an den abgeschnittenen Enden ausgefranste Hot Pants aus Jeans und an den Füßen: blaue Adiletten mit weißen Streifen. Von ihrer ansteckenden Lache nehmen wir mittlerweile auch Notiz. Plötzlich schaut sie zu mir rüber und ich fühle mich ertappt, wie ich sie beobachte. Schnell drehe ich meinen Kopf zur Seite und tue so, als wäre ich in ein Gespräch verwickelt.
»Ähm - und sonst so?«, frage ich Steffen, der vor Überraschung sein Gesicht verzieht.
»Muss ja!«, erwidert eine Stimme, die nicht nach Steffen klingt und von links kommt.
Irritiert drehe ich mich um und da sehe ich sie stehen. Große grüne Augen, umrahmt von einem weichgezeichneten Gesicht und einer süßen Stupsnase. Ihre dunkelblonden und mittellangen Haare sind zu einem Zopf gebunden und ihr Lächeln strahlt mir wie die morgendliche Sonne ins Gesicht.
»Hey, ich bin Julia. Was hast du da am Kinn? Klassische Gesichtsbremsung?« fragt sie mit rotzigem Unterton.
Sichtlich beeindruckt starre ich sie an.
»Hallo, ähm, ich bin Tilmann und ja …« Ich muss lachen. »… ich habe mit dem Gesicht gebremst.«
»Kann man machen«, sagt sie. »Freut mich, dich kennenzulernen, Tilmann. Narben machen Männer ja interessant!«
Wir setzen uns auf eine Decke direkt ans Ufer des Sees und unterhalten uns. Sie erzählt mir, dass sie 18 ist, das Abi in der Tasche hat und bald studieren wird. Ich hänge an ihren Lippen und schaue ihr tief in die Augen. Als würden sich unsere Seelen kennen, fühle ich mich mit ihr verbunden, wie ich es noch nie erlebt habe. Diese Art von Mädchen, eigentlich ist sie eine Frau, habe ich auch noch nie kennengelernt. Ich erwische mich dabei, wie ich sie von oben bis unten genau unter die Lupe nehme. Mir gefällt, was ich sehe, und ich bleibe mit meinen Augen an ihrem linken Handgelenk hängen. Sie trägt zwei auffällige Armbänder, die nach einem Mix aus Hippie-Kultur und Indianerstamm aussehen. In jedem Fall außergewöhnlich, denke ich. Mein Körper kribbelt und ich bin nervös. Sie ist anders als die anderen Mädchen, sie ist hübsch und hat gleichzeitig etwas Verrücktes an sich. Ich vertraue ihr alles an, habe keinerlei Hemmungen, ihr zu erzählen, was mich bewegt. Ihr scheint es genauso zu gehen. Die Stunden vergehen und ich kann mich nicht daran erinnern, je mit einer eben noch fremden Person so intensiv gesprochen zu haben. Bei allem Redefluss, Herumschäkern, Lachen und gegenseitigen Beobachten bekommen wir nicht mit, dass alle um uns herum gehen. Wir legen uns auf den Rücken und blicken in eine sternklare Nacht. Ich zeige ihr den großen Wagen und sie komplettiert diesen zum großen Bären. Beeindruckend, denke ich. Sternschnuppen fliegen und unsere Körper bewegen sich langsam aufeinander zu. Das Kribbeln wird intensiver und das Atmen fällt mir schwerer. Ein toller Moment, der nicht enden darf. Ich zitiere Steffens und meine Lieblingstextstelle von John Lennon:
»Leben ist das, was dir passiert, während du fleißig dabei bist, andere Pläne zu schmieden.«
Unsere Köpfe wenden sich einander zu und unsere Hände sind nur Millimeter voneinander getrennt. Doch kurz bevor sie sich berühren, merke ich, wie ihr Gesicht in eine ernstere Miene wechselt. Sie atmet tief ein, schaut mich an und sagt:
»Tut mir leid, Tilmann. Ich muss jetzt los!«
Der eben noch so magische Moment platzt und hinterlässt ein leeres Gefühl in meiner Bauchgegend. Lieber lass ich mich ein weiteres Mal von den Nazis verdreschen, als dass dieser Abend aufhören darf.
»Hey, jetzt schon?«, frage ich.
»Ja, leider. Ich fliege morgen für ein Jahr in die USA und ich muss noch ein paar Sachen packen. Habe die letzten Tage nichts auf die Reihe bekommen. Tut mir wirklich leid.«
»Ja, okay«, sage ich mit enttäuschter Stimme. »Wollen wir Nummern austauschen?«, schiebe ich hinterher.
»Gib mir am besten deine, Tilmann. Ich kann mich von unterwegs melden«, sagt Julia.
Ich diktiere ihr meine Nummer und schaue zu, wie sie diese mit ihrer linken Hand auf das abgerissene Stück eines Kassenbons schreibt.
»Damit du mich nicht vergisst!« Sie bindet mir eins ihrer Armbänder um das linke Handgelenk. »Die verschenke ich eigentlich gar nicht. Kannst dir also was drauf einbilden«, sagt Julia und lächelt mir ein letztes Mal im Mondschein zu.
Gemeinsam gehen wir durch den Wald hindurch zur Hauptstraße. Den kurzen Weg nehmen wir uns an die Hand und reden nur noch wenig. Zum Abschied umarmen wir uns. Sie fühlt sich weich an und riecht so gut. Ich möchte sie gar nicht mehr loslassen. Wir schauen uns noch einmal tief in die Augen. Dann geht jeder in seine Richtung nach Hause. Nach ein paar Metern drehe ich mich noch einmal um - aber sie ist nicht mehr da.
Ich sitze im Klassenraum der Berufsschule und schaue an die weiße mit Yton-Steinen gemauerte Wand. In Niedersachsen findet das erste Ausbildungsjahr zum Tischler in der Berufsschule statt: Berufsgrundbildungsjahr, kurz BGJ. Das BGJ soll den Schülerinnen und Schülern - neben der Erweiterung und Vertiefung der Allgemeinbildung - Kompetenzen vermitteln, die es ihnen ermöglichen, in das zweite Jahr einer dualen Berufsausbildung zur Tischlerin bzw. zum Tischler einzutreten. Die Tische stehen auf hellgrauem Fußboden zu einem Hufeisen zusammen. An der Wand zu meiner Linken, neben der grünen Tafel, auf der ich die Umrisse eines weggewischten Pimmels erkenne, steht ein Tageslichtprojektor. Daneben unser Klassenlehrer Herr Eichhorn: ein kurzgewachsener Typ Anfang 30, mit buschigem, rotbraunem Bart und merkwürdig anmutender Autoverkäufer-Brille. Er scheint noch nicht lange dabei zu sein. Das merke ich daran, dass er sich alle Mühe gibt, uns wirklich etwas beizubringen. Heute steht die Theorie zum Herstellen von Werkstücken aus Vollholz mit Handwerkzeugen auf dem Plan. Das scheint nicht Eichhorns Spezialdisziplin zu sein, schließlich war er mal Maurer und ist »eher so der Mann fürs Grobe«, wie er sich uns vor vier Wochen vorstellte. Gelangweilt schaue ich mich um und mustere die neuen Klassenkameraden - und drei Frauen. Sie besetzen die ersten Plätze an der linken Hufeisenspitze, sodass sie Herrn Eichhorn mit »schlauen« und oft unnötigen Fragen löchern können. Alle drei haben bereits Abitur und sind dementsprechend zwei bis drei Jahre älter und mindestens dreißigmal engagierter als der Rest. »Die Tischlerausbildung soll nur eine Durchgangsstation werden«, meinten sie im Dreiklang. »Danach werden wir studieren.«
Auf der gegenüberliegenden Seite des Hufeisens sitzen die »Grenzdebilen und Behinderten«, wie Daniel, mein Sitznachbar, und ich sie nennen. Diese Ausdrücke haben wir von unserem Politiklehrer Herrn Schröder im Zuge der Normalverteilung des Intelligenzquotienten gelernt. Es handelt sich um einen Haufen Chaoten, von denen keiner einen Hauptschulabschluss hat, und die nur hier sein dürfen, weil sie im Vorfeld ein zweijähriges Berufsvorbereitungsjahr (BVJ) absolvierten. Dann gibt es da noch die Russen, die älter sind und in ihrer Heimat bereits als Tischler gearbeitet haben. Der eine von ihnen, Dimitri, hat ein offensichtliches Drogenproblem. Er kommt ständig zu spät, meist mit denselben Klamotten am Leib und trägt gerne Hausschuhe. Wenn er nicht gerade im Unterricht einnickt, verrät sein leerer Blick, dass er in anderen Sphären unterwegs sein muss.
»Kann mir jemand die Definition von Vollholz nennen? Du vielleicht?« Herr Eichhorn schaut den dicken Frank an. »Keiner? Nicht alle auf einmal bitte«, sagt er, während er in die Hände klatscht.
»Der Holz hat gesoffen, ne, und ist jetzt ganz schön voll, ne, Herr Eichhörnchen«, ruft es lachend aus der Grenzdebilen-Ecke.
»Eichhorn ist mein Name!«, sagt Herr Eichhorn sichtlich genervt. »Und ihr da, setzt euch bitte hin - sofort!«
Melanie, eine der drei Streberinnen, meldet sich zu Wort: »Vollholz ist ein Baumstamm, der zu Brettern gesägt wurde, diese nennt man Schnittholz oder Blockware.«
Dann ein lauter RUMMMS, ein Jubelschrei der halben Klasse und das Gefühl, als würde etwas durch die Wand aus dem Klassenraum neben uns durchbrechen. Auf der anderen Seite ist die Klasse des BGJ Bau: Maurer, Betonbauer usw. Bei denen existiert die rechte Seite der IQ-Normalverteilung nicht - nur ganz weit links, meinte Herr Schröder. Jedes Mal, wenn in der Nebenklasse Radau ist, bricht in unserem Raum ein Jubelschrei aus.
»Was ist hier los? Jetzt beruhigt euch endlich. Und hinsetzen habe ich gesagt!«, ruft Herr Eichhorn.
Ich beobachte das Schauspiel und amüsiere mich prächtig. Der traurige Umstand, dass Dimitri trotz der hohen Lautstärke und der Action eingepennt ist, passt gut ins Bild und bringt mich dazu, noch mehr zu lachen.
»Alter, besser als Talkshow mit Arabella«, sage ich zu Daniel, den ich noch aus der Parallelklasse vom Gymnasium kenne und mit dem ich früher öfter skaten war.
»Mal nicht die Nerven verlieren, Herr Eichel«, sagt Matthias, neben Daniel und mir einer der eher Normalen in der Klasse.
»EICHHORN! ICH HEIßE EICHHORN! Und dich schreibe ich jetzt ins Klassenbuch, mir reicht’s!«, faucht der Lehrer.
»Wieso denn ich? Ich habe doch gar nichts gemacht, voll ungerecht!«, stammelt Matthias, den alle nur Matten nennen.
Mit dem einsetzenden Pausengong löst sich der Tumult auf. Ich sehe Herrn Eichhorn, wie er kräftig durchpustet, den Kopf schüttelt und etwas in seinen buschigen Bart murmelt. Armer Kerl, denke ich, packe meine Sachen und stehe auf.
»Lass mal einen buffen gehen«, meint Daniel.
Ich nicke. »Wollen wir Matten mitnehmen?«, frage ich. »Scheint ein witziger Typ zu sein!«
»Hey Matten, Bock auf Buffengehen?«, flüstert Daniel, ohne dass Herr Eichhorn, der noch etwas orientierungslos vor dem Lehrerpult steht, etwas mitbekommt.
»Fff’jeeden, Leude!«, nickt Matten und wir gehen gemeinsam zur Tür.
»Schönen Tag noch, Herr Eichel ähm… Eichhorn«, sage ich und wir verlassen lachend den Raum.
Wir gehen raus zum Parkplatz und bleiben stehen.
»Und nu?«, frage ich.
»Kommt mit, ich habe eine Idee!«, sagt Matten mit schelmischem Grinsen im Gesicht.
Daniel und ich folgen ihm. Wir lassen den Parkplatz rechts liegen, gehen am Haupteingang vorbei und auf ein Haus zu.
»Wartet mal«, sage ich. »Da vorne wohnt Hausmeister Fritz. Soll ein ganz harter Hund sein, sagen alle. Von dem möchte ich mich nicht mit einem Joint erwischen lassen.«
»Keine Panik, der ist nicht da«, sagt Matten. »Den habe ich eben auf dem Pausenhof gesehen, wie er zwei von den Bau-Asis zum Fegen verdonnert hat. Erfahrungsgemäß dauert das, da er die ganze Zeit dabeisteht.«
Wir steuern direkt auf die Hausmeisterbude zu. Ich schaue mich noch ein-, zweimal um, ob uns auch wirklich keiner gesehen hat, dann gehen wir ums Haus und bleiben stehen.
»Et voilà«, sagt Matten mit großen Augen.
Daniel und ich schauen uns schulterzuckend an. Wir stehen vor einer Regentonne: vor Hausmeister Fritz’ Regentonne.
»Und nun gießen wir die Blumen, oder was?«, frage ich Matten.
Aufgeregt nimmt er seinen Rucksack vom Rücken, kramt darin rum und holt eine leere und abgeschnittene 1,5-Liter-PET-Flasche raus.
»Eimer rauchen - oder besser gesagt: Regentonne, verstehst?«, sagt Matten.
Wieder schauen Daniel und ich uns an.
»Aha, was immer du meinst. Aber lass uns Gas geben, nicht dass der Fritz eher zurückkommt«, sagt Daniel.
Matten holt ein Stück Alufolie aus seinem Rucksack, formt daraus ein Schillum, sticht ein paar Löcher hinein und gibt es mir.
»Halt mal kurz«, sagt er.
Ich nicke und nehme das Ding, das wie ein Sieb aussieht. Dann senkt er die abgeschnittene Flasche zu zwei Dritteln in die Regentonne ab, nimmt das Schillum und setzt es auf die Öffnung der Flasche. Er zieht einen Beutel mit vorgefertigter Grasmische aus der Tasche und füllt es damit. Er zündet die Mische an und zieht die Flasche langsam und in kreisender Bewegung nach oben, bis diese sich mit dickem, gelbem Rauch füllt. Dann nimmt er das Sieb ab, hält seinen Mund an die Öffnung und lässt Kopf und Flasche absinken. Das gelbbraune Gemisch schießt ihm in die Lunge, er richtet sich auf und bläst uns den gerade inhalierten Rauch entgegen. Das Grundstück des Hausmeisters gleicht jetzt einem Nebelwald. Schwankend und sichtlich zufrieden hält Matten uns die Flasche hin. Daniel wiederholt die Zeremonie, fängt kräftig an zu husten, stützt sich kurz an der Hauswand ab und übergibt den Plastikkelch an mich. Bei Daniels Anblick fange ich an zu lachen.
»Alles klar?«, frage ich.
»Muss ja«, hustet er zurück.
Na denn mal los, denke ich. Ich zieh mir das Ding ebenfalls mit Rauch voll, senke Flasche und Kopf zur Wassernarbe und merke, wie der Rauch meine Lunge in Mikrosekunden bis in den letzten Winkel flutet. Ich kann den Hustenreiz nur schwer unterdrücken, versuche den Rauch aber so lange wie möglich drin zu halten, als ich mich wieder aufrichte.
»Boooahhhh!«, puste ich den beiden Kollegen entgegen und nehme sofort eine deutlich veränderte Umgebung wahr. Alles ist um ein paar Millisekunden verzögert und geht insgesamt langsamer vor sich. Durch meine kleiner werdenden Augen sehe ich, dass Daniel und Matten blass und sehr mit sich beschäftigt wirken. Ich krümme mich vor Lachen. Als ich wieder aufschaue, sehe ich, wie sich die beiden in Schockstarre mit dem Rücken an die Hauswand drücken.
Matten presst den Zeigefinger der linken Hand auf seine Lippen, winkt mich mit der rechten Hand heran und zeigt dann damit nach links. Ich höre Schritte und Stimmen auf uns zukommen und bleibe wie eine Statue stehen. Dann bewege ich mich wie ein Ninja auf Zehenspitzen zur Hauswand, wo die beiden immer noch die Luft anhalten und keinen Mucks von sich geben. Links von uns ist ein kleiner Busch, der uns mittelmäßigen Sichtschutz bietet. Ich schaue auf den Boden und sehe auf dem Rasen vor uns das Schillum liegen. Es qualmt noch. Scheiße, das war es jetzt, denke ich. Wenn der Fritz uns hier erwischt, fegen wir im besten Fall die nächsten zwei Jahre den Raucherhof. Im schlechtesten Fall fliegen wir von der Schule. Ich versuche wenig bis gar nicht zu atmen und höre neben dem Puls in meinen Schläfen, wie die Schritte und Stimmen näherkommen. Sie bleiben auf Höhe des Busches links neben uns stehen.
Jetzt so schnell wie möglich nach rechts wegrennen, schießt es mir in den Kopf. Der Kopf, der ziemlich breit von der gerade gerauchten Regentonne ist. Ich schließe die Augen und mache mich auf das Schlimmste gefasst.
Ein lautes Gebrüll lässt mich meine Augen aufreißen und ich sehe Matten, wie er durch den Busch springt. Er gibt animalische Schreie in Richtung der Stimmen von sich und rennt wie vom wilden Max besamt durch den Garten des Hausmeisters. Überfordert von der Szene schaue ich zu Daniel, der Mattens Move als Ablenkungsmanöver begreift und mich an der Schulter packt.
»Jetzt, Tilmann!«, flüstert er mir zu, als wir den Hausmeister und seinen Deputy hinter Matten herlaufen sehen. Schnell greifen wir nach den wichtigsten Sachen und verpissen uns zur anderen Seite.
Wir sprinten den Vorplatz der Schule entlang und traben erst langsamer, als wir merken, dass uns keiner gefolgt ist. Schwer atmend drosselt mein Körper das Adrenalin herunter und das THC übernimmt ein weiteres Mal. Ein kurzer Blick zu Daniel reicht, um zu signalisieren, dass wir die Politikstunde bei Herrn Schröder heute schwänzen werden. Auf zwei großen Steinen unter einem Ahornbaum mit Blick auf den Schulparkplatz setzen wir uns. Für Ende September ist es noch angenehm warm und die Blätter der umliegenden Bäume leuchten bereits gelb und orange. Nun sitzen zwei von dreien, die sich eben noch an der Regentonne des Hausmeisters vergnügten, auf diesen Granitblöcken und träumen stark benebelt vor sich hin. Mein Gedankenkarussell beschleunigt sich noch einmal durch den Antrieb aus der Regentonne und ich stelle unseren Karriereplan infrage: »Was machen wir hier? Tischler zu werden ist nicht gerade eine Entscheidung aus Leidenschaft, oder?«
Daniel ist immer noch außer Atem und bringt nur ein kurzes »Jupp« über die Lippen. Während ich weiter nachdenke, bemerke ich nicht, dass mein Bein langsam angefangen hat zu wippen. Ich schalte das Gedankenkarussell einen Gang runter und scanne mit meinen bekifften Augen das Umfeld: Verloren in dem Gehirn-Wooling habe ich scheinbar nicht mitbekommen, dass auf dem Parkplatz vor uns - auf elf Uhr - eine kleine Autoparty stattfindet. Aus einem roten Golf II schallt aus der geöffneten Heckklappe elektronische Musik. Davor stehen drei bunt gekleidete Menschen, die viel Spaß zu haben scheinen. Immer noch spielt sich alles verschwommen vor meinen Augen ab und ich bin mir zwischendurch nicht sicher, was ich dort wirklich sehe. Mit einer gewissen Faszination beobachte ich die drei. Nummer eins ist ein hübsches Mädchen, schlank und mittelgroß. Ihre dunklen Haare sind streng und mit einer gewissen Eleganz zu einem Zopf zusammengebunden. Alles scheint aufeinander abgestimmt zu sein und sie wirkt auf mich wie eine moderne Lady. Sie trägt eine graue Hose, die nach unten hin breiter wird, und eine dunkelblaue Adidas-Trainingsjacke mit weißen Streifen an den Armen. Ihr Hals ist gesäumt von bunten Ketten, die einem Überraschungsei entsprungen sein könnten. In ihrer Nase hängt ein Piercing, so wie es auf dem Dorf sonst nur Bullen auf der Weide haben.
Neben ihr steht ein Typ in blauer Schlaghose, weißem Hemd mit kleinen schwarzen Punkten drauf und blassblauen Haaren. Um den Hals trägt er etwas, das mich an Indianerschmuck erinnert. Die Dritte im Bunde scheint seine Freundin zu sein. Sie stehen eng beieinander und berühren sich viel. Sie hat blonde, am Hinterkopf hochtoupierte Haare, eine weiße Trainingsjacke und blaue Jeans an. Durch ihre Plateauschuhe wirkt sie groß und hat auch etwas Verletzliches an sich. Alle wippen mit ihren Körpern zur Musik und lachen sich gegenseitig an. Ich frage mich, was die auf einem Dienstagnachmittag vorhaben. Sie winken ein weiteres Auto, einen orangefarbenen VW-Bulli, zu sich heran und es parkt neben ihnen. Der Fahrer steigt aus und mit ihm seine Aura, die den gesamten Parkplatz ausfüllt und auch mich erreicht. Groß gewachsen und sportlich trägt er ein schwarzes Hemd, blaue Jeans mit leichtem Schlag und ebenfalls bunte Ketten um den Hals. Seine blondierten Haare sind an den Seiten kurz und oben zackig aufgestellt. Ich bilde mir ein, dass seine Augen anfangen zu funkeln, als er beginnt, seine Freunde innig zu umarmen oder mit Küsschen rechts und Küsschen links zu begrüßen. Er schäkert mit allen herum, sodass sie sich in seiner Gegenwart noch wohler zu fühlen scheinen. Cool, denke ich und kann eine gewisse Bewunderung für diesen Typen nicht verbergen. In jedem Fall eine Menge positiver Vibrations auf diesem Parkplatz.
Vor meinem Gesicht nehme ich ein Schnipsen wahr. Es ist Matten, der mich wiederholt »schnipsfingert« und mich damit ins Hier und Jetzt zurückholt. »Matten, Alter!«, sage ich und bin froh, ihn zu sehen.
Mit dreckigem Grinsen und ordentlich aus der Puste steht er vor uns. »Das war knapp«, hechelt er uns entgegen. »Aber sie waren nicht schnell genug für den Kugelblitz.«
Gemeinsam rauchen wir noch eine Zigarette und machen uns auf den Weg zur letzten Stunde, doch Matten bleibt stehen.
»Wartet mal, Jungs!«
Wir drehen uns um.
»Ich komm nicht mit. Keinen Bock mehr auf diesen Holzkram. Ich glaube, ich möchte Frisör werden.«
»Frisöööööör?«, frage ich mit endlos-langem »ö« und überlege, wie oft Matten eigentlich am Eimer gezogen hat.
Es ist Samstagabend im Dezember 1995. Steffen, Daniel und ich sind im Knast. Genauer gesagt im ersten Obergeschoss des rechten Flügels der Jugendarrestanstalt (JAA) Verden. Hier hat Max, der Sohn des Gefängnis-Hausmeisters, zur Party geladen. Dank Daniels Bekanntem Gerrit, den wir dort treffen wollen, dürfen wir ebenfalls Teil dieser illustren Party sein. Wir gehen durch die Tür, die Max uns öffnet, und stehen im Flur der Wohnung, aus der uns neben Technomusik der Duft von Gras entgegenqualmt. In der eher kleinen Wohnung drängen sich um die dreißig Leute, die sich auf alle Räume und den Flur verteilen. Die meisten stehen und andere tanzen vor sich hin. Auf dem Weg ins Wohnzimmer nicken wir ein paar Leuten zu. Hier scheint der größte Dancefloor zu sein.
»Fühlt euch wie zu Hause. Bier ist auf dem Balkon in der Küche und da vorn auf dem Tisch ist noch Grasmische, falls ihr buffen wollt«, sagt Max.
Dann haut er mir mit einem gastfreundlichen Klaps auf die Schulter und verschwindet hinter einem Pult, auf dem zwei Plattenspieler stehen. Ich schaue ihm kurz hinterher, wie er einem anderen Typen die Kopfhörer abnimmt, die Nadel des einen Drehers versetzt, anfängt, ein paar Knöpfe zu drehen und den mittleren Regler verschiebt. Prompt setzt ein neues Lied ein - mit deutlich mehr Bumms. Ich schaue zu Steffen und Daniel, die beide mit dem Kopf zum Beat nicken.
»Lass mal umgucken und ein Bier holen! Hast du Gerrit schon gesehen? Wie sieht der eigentlich aus?«, frage ich.
»Groß, blond. So deine Statur und immer ein wenig hibbelig, Tilmann«, antwortet Daniel.
Wir gehen auf direktem Wege in die Küche, schnappen uns drei kalte Beck’s vom Balkon und gehen in einen Raum, der nach Max’ Zimmer aussieht. Die Wände sind blau, aber größtenteils mit bunten Flyern von irgendwelchen Partys vollgepinnt. Auf einem grauen Ecksofa sitzen zwei Typen. Der eine ist eher schlank, blond und gut gebräunt. Er trägt ein weißes Nike-Sweatshirt und darüber eine blau-rot-weiße Trainingsjacke. Sein rechtes Bein bewegt sich im schnellen Rhythmus auf und ab und sein ganzer Körper scheint nicht stillsitzen zu können. Aha, denke ich. Das ist bestimmt dieser Gerrit.
Neben ihm sitzt ein großer und stabil gebauter Typ mit rundem Gesicht und blauer Basecap. Er trägt ein weißes Hemd und eine breite Hose aus Jeans. Er guckt ein wenig grimmig.
»Alter, cool, ihr seid hier!«, ruft uns der Dünne entgegen.
»Na sicher, wie geht's? Hier, das ist Tilmann, wir machen zusammen BGJ und der Kleine ist Steffen, sein Kumpel«, sagt Daniel.
»Moin«, sage ich und gebe ihm die Hand.
»Hey, ich bin Gerrit und der Dicke hier ist Olav.«
»Moin Olav«, sage ich und wir schütteln uns ebenfalls die Hand.
Wir setzen uns auf die freie Ecke des Sofas und zünden uns zum Bier eine Zigarette an. Gerrit macht derweilen eine Grasmische klar und stopft damit eine gelbrote Bong, die auf dem Tisch vor uns steht. Er feuert sie an, zieht kräftig daran, sodass das Wasser laut anfängt zu blubbern, und nimmt einen kräftigen Zug. Dann reicht er sie an uns weiter. Bong rauchen ist mittlerweile überall Standard, denke ich. Und nach der Regentonne in der Schule vor zweieinhalb Monaten schockt meine Lunge eh nichts mehr. Also rein damit.
»Einer ist mindestens noch drauf«, sage ich und reiche die Bong rüber zu Olav. Der winkt ab.
»Rauche nicht«, antwortet er knapp.
Wir kommen auf das Thema Berufsschule zu sprechen und Gerrit erzählt uns, dass er seit diesem Jahr eine Lehre zum Elektriker macht.
»Strippenzieher, ne.«
Daniel und ich berichten von dem Irrenhaus BGJ Holz, aber auch davon, dass es bei den Bau-Heinis noch viel heftiger vor sich geht. Olav steckt mitten in einer Lehre zum Klempner. Anders als Gerrit, der direkt in Verden wohnt, kommt Olav aus der Nähe von Hannover. Im Wohnzimmer legt Max einen neuen Track auf, der mich an die bunte Gruppe vom Schulparkplatz erinnert.
»Letztens habe ich auf dem Parkplatz vor der Schule ein paar Leute gesehen. Ziemlich bunt angezogen und die meisten mit gefärbten Haaren. Der eine fährt einen orangenen VW-Bulli. Kennt die jemand?«, frage ich Gerrit und Olav.
»Du meinst bestimmt Finn und seine Freunde. Ihm gehört der Bulli. Und warte - dann waren da bestimmt noch ein hübsches Mädchen mit dunklen Haaren und ein ganz bunter Typ, oder?«
»Genau!«, sage ich und nicke.
»Die kommen hier aus der Stadt. Die Hübsche heißt, glaube ich, Laura, der mit den blauen Haaren Tom, seine Freundin, so eine Blonde, ist auch immer dabei. Die heißt … ähm - Kira!«, sagt Gerrit.
»Ich war ziemlich fett, müsst ihr wissen. Ich habe die von Weitem ein paar Minuten beobachtet und das hat mich irgendwie geflasht in dem Moment. Die machen auf mich den Eindruck, dass sie eine coole Gruppe sind.«
Eine Pause entsteht.
»Im Gegensatz dazu wirkt mein Leben übelst grau«, sage ich.
»Klar, die sind schon cool.« Gerrit zieht an seiner Zigarette und ergänzt: »Alter, die feiern aber anders, müsst ihr wissen.«
»Wie anders?«, frage ich.
»Na, die feiern Freitag bis Sonntag durch. Ich glaube nicht, dass die das mit einer Tasse Kaffee machen«, sagt Gerrit und schüttelt den Kopf.
Ich merke, wie meine Auffassungsgabe durch die gerauchte Bong nachlässt. Eine weitere Pause entsteht.
»Drogen, oder was?«, frage ich.
»Bingo! Pillen, Pep und so«, sagt Gerrit.
»Ach so, krass.« Mein Bild von den bunten Leuten bekommt einen ersten Kratzer. »Das ist doch scheiße!«, schiebe ich hinterher. »Ich finde, dass wir eh schon zu viel kiffen. Mit diesem synthetischen Zeug will ich nichts zu tun haben!«
Steffen, der das Gespräch mit der Bong in der Hand und am Sofa angelehnt bisher eher passiv verfolgte, schaltet sich ein.
»Genau, Tilmann. Da weißt du auch nie, was drin ist!«
Ich nicke. Steffen schaut mich mit bekifften Augen an, streckt mir die Faust entgegen und ruft: »Kiffen JO - Chemie NO!«
Ich muss lachen. »Kiffen JO - Chemie NO!«, antworte ich und schlage zum Fist-Five ein.
Gerrit und Olav schauen sich an und Gerrit ruft: »JO JO JO«, während Olav nur mit dem Kopf schüttelt.
