Kleinwalsertal - Peter Häring - E-Book

Kleinwalsertal E-Book

Peter Häring

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Beschreibung

Im Jahr 2026 erklärt König Ludwig IV. von Bayern der Republik Österreich den Krieg, da er das Kleinwalsertal für sich beansprucht, das, wie er sagt, "geographisch, geschichtlich und emotional zu Bayern gehört. Und Gottes Wille ist es sowieso." Damit beginnt ein wunderlicher Reigen aus Ignoranz, Größenwahn und Dummheit. Schnell sind die Watschntanzvereine beider Länder mobilisiert, denn ausgetragen wird der Krieg nicht mit herkömmlichen Mitteln, sondern im Rahmen von traditionellen, aber in ihren Regeln verschärften Watschntanzveranstaltungen. Als das nicht zum gewünschten Ergebnis führt, verhängt Ludwig eine Blockade über das Kleinwalsertal. Prompt wirbt Österreich palästinensische Tunnelbauer an, die nach dem Friedensschluss im gelobten Land arbeitslos geworden waren. Durch die von den nahöstlichen Spezialisten gegrabenen Tunnel kann das Tal weiterhin mehr als ausreichend mit Gütern und Touristen versorgt werden. Um zu erfahren, wo die Einstiege in die Tunnel auf bayrischem Gebiet sind, entführt der königliche Geheimdienst einen bekannten Walser Watschntänzer und versucht sich nach mittelalterlichen Vorgaben an dessen Folterung, was für die bayrische Seite zum Fiasko gerät. Notgedrungen hebt König Ludwig die Blockade wieder auf. Zu seinem Trost lässt Ludwig im Starnberger See ein Standbild von sich und seinem Pferd Jockl errichten, was erneut in eine Katastrophe mündet. Offensichtlich ist es ihm nicht vergönnt, weder durch Krieg, noch durch eine Statue, sich für die Nachwelt zu verewigen. Also zeugt Ludwig einen Sohn, Otto. Dann endlich kommt es zu direkten Friedensverhandlungen in Budweis, die aber schon nach drei Tagen aufgrund der Verhaftung eines Delegationsmitglieds abgebrochen werden. Schließlich befördert ein tragischer Unfall den Bayernkönig in den Himmel, wo er sich mit seinem Pferd Jockl und dann mit IHM in verdrießlichen Diskussionen ergeht. König Ludwig erhält eine zweite Chance und kehrt für einige Tage zurück auf die Erde.

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Seitenzahl: 142

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Peter Häring

Kleinwalsertal

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

In dünner Luft

Einstimmung

Schlag auf Schlag

Klein-Gaza

Peinliche Befragung

Trost

Disput

Eden

Wiedergänger

Epilog

Impressum neobooks

In dünner Luft

König Ludwig IV. von Bayern stand oben auf dem Großen Widderstein. Unten, zu Füßen Ludwigs und des Berges, lag in seiner ganzen Pracht das Kleinwalsertal.

Es war im Sommer des Jahres 2026.

Ludwig reiste inkognito. Er hatte sich, ausgerüstet mit Rucksack, gefederten Wanderstöcken, kariertem Hemd und dunkler Sonnenbrille, als Tourist verkleidet unter die echten Touristen gemischt und sich sodann mit der nagelneuen, erst im Mai fertiggestellten Gondel auf den Großen Widderstein bringen lassen. Begleitet wurde er von drei seiner Oberpfälzer Leibgardisten, die sich äußerlich ebenfalls in nichts vom gemeinen Bergtouristen unterschieden, außer vielleicht in ihrem stoischen Gesichtsausdruck, der die draußen vorbeigleitenden landschaftlichen Sensationen mit demselben Enthusiasmus quittierte wie die vernieteten Bodenbleche in der Gondel.

Unter all den Touristen hatte sich König Ludwig gar nicht wohl gefühlt. So viel Volk in solch großer Nähe war nicht gut für einen Regenten. Ein gewisser Abstand, körperlich wie intellektuell, sollte nun mal nicht unterschritten werden. Schließlich wollte das Volk zu seinem Herrscher aufblicken, deshalb gab es ja Burgen und Schlösser, die den Blick des Bürgers ehrfürchtig nach oben lenkten, dahin wo Weitsicht und Weisheit wohnten. Vorhin, in der Enge der Gondel, inmitten des Geplappers und der Ausdünstungen der Leute, war Ludwig drauf und dran gewesen, seinen Leibgardisten zu befehlen, die Gondel zu räumen. Aber er hatte sich eines Besseren besonnen, zum einen, weil die Gondel zu diesem Zeitpunkt in etwa dreißig Meter Höhe über felsigem Terrain schwebte, und zum anderen, weil er sich hier im Ausland befand, was der Ausübung hoheitlicher Macht enge Grenzen setzte.

Noch zumindest war es Ausland.

Dies eben war der Grund, weshalb König Ludwig oben auf dem Großen Widderstein stand. Von hier sah man mit eigenen Augen, dass das Kleinwalsertal unmöglich zu Österreich gehören konnte. In der Mitte der Fluss Breitach, links und rechts und am Talende nur hohe Berge, von dem der Widderstein der höchste war. Und in der Ferne, Ludwig rang mit den Tränen, Bayern, sein Bayern. Nur von dort aus konnte man über Land in das Kleinwalsertal gelangen. Er hatte noch nie verstanden, wie dieses Tal überhaupt in die Fänge der Österreicher hatte geraten können. Ludwig vermutete eine ruchlose Intrige der dahingeschiedenen k.u.k. Monarchie, die mit ihrem Wiener Schmäh einst einen rechtschaffenen Bayernherzog narkotisiert und ihm dann das Tal abgeschwatzt hatte. Sicher, es gab genügend andere Beispiele auf der Welt, die so oder so ähnlich gelagert waren, zum Beispiel Königsberg oder San Marino oder auch Alaska, aber das hatte für Ludwig keine Bedeutung. Er war der festen Meinung, dass das Kleinwalsertal bayrisch sein müsse.

Obwohl die Sonne von einem wolkenlosen Himmel schien, war es oben auf dem Großen Widderstein kalt. Schnee lag zwar keiner mehr, aber der Wind aus Nordwest blies eisig. Ludwig stand inmitten seiner drei Garde-Oberpfälzer, die ihn sämtlich um mindestens Haupteslänge überragten. Das war nicht schwer, denn Ludwig maß gerade einmal einen Meter dreiundsechzig, glatte dreißig Zentimeter weniger als sein erklärtes Vorbild Ludwig II. Er gab einem der Gardisten einen Wink, woraufhin der seinen Rucksack herunternahm und daraus eine Krone und ein Zepter zu Tage förderte. Eine Reisekrone und ein Reisezepter wohlgemerkt, aus trageleichtem goldbeschichteten Aluminium, nicht die kostbaren originalen Krönungsinsignien, die ruhten auf Samt gebettet und sicher verwahrt auf Schloss Neuschwanstein. Bis vor vier Wochen noch wäre Ludwig niemals eingefallen, sich mit Attrappen abzugeben, auch auf einer Wanderung nicht, doch da war ihm seine Krone auch noch nicht in einen dampfenden Kuhfladen gefallen, wie dann beim Überqueren dieser vermaledeiten Wiese am Fuße des Watzmanns. Ludwig hatte der Kuh sogar noch aus einigen Metern Entfernung bei ihrem Geschäft zugesehen, war beim Weitergehen über einen Maulwurfshügel gestolpert, und schon schmückte die unschätzbar wertvolle Krone statt seines königlichen Haupts den erwähnten Fladen. Wutentbrannt hatte Ludwig die sofortige Exekution der Kuh und des für den Haufen verantwortlichen Maulwurfs angeordnet, es sich aber beim Blick in die Augen der sichtlich erleichterten Kuh anders überlegt und es bei einer belehrenden Einebnung des Maulwurfshügels belassen.

Eben, in der Gondel, hatte Ludwig zwar eingesehen, dass er mitten unter den Touristen weder die Krone aufsetzen noch das Zepter schwingen konnte, aber hier oben auf dem Gipfel zumindest, wo sich die Menge zusehends verlief, wollte er auf seine Insignien der Macht nicht verzichten, wenn auch nur symbolisch, denn noch saßen die Mächtigen im fernen Wien. Liebevoll nahm er aus den Händen des Gardisten seine Aluminiumkrone entgegen und setzte sie sich auf den Kopf. Ganz Majestät drehte er sein bekröntes Haupt von links, dem Hohen Ifen, nach rechts, zum Elfer, und zeigte dabei mit seinem Aluminiumzepter gebieterisch über das Tal hinweg. Ein erhabenes Bild, wie er da so stand in seiner fabrikneuen Wandererkluft, mit einer Krone auf dem Kopf und einem Zepter in der Hand. Nur die dunkle Sonnenbrille wirkte eher mafiös als majestätisch. Manch vorbeiwandernder Tourist runzelte die Stirn angesichts dieses für einen Außenstehenden seltsamen Gebarens, aber Spinner waren ja heutzutage überall unterwegs, also warum nicht ein Wanderer, der sich auf einem Berggipfel eine Krone aufsetzt. Vielleicht hatte der Mann aber gerade auch nur seine fünfhundertste Bergbesteigung absolviert und feierte diesen Moment auf seine eigenwillige Art. Oder man wurde gerade Zeuge von Dreharbeiten für eine Neuverfilmung des Lebens des bayrischen Märchenkönigs, oder des Lebens von Sissi. Letzterer Eindruck wurde noch dadurch verstärkt, dass einer von Ludwigs Leibgardisten begann, Aufnahmen von dieser Szene zu machen. Die wären, das hatte sich Ludwig vor seiner Abreise ins Kleinwalsertal überlegt, für spätere Propagandazwecke sicher gut zu gebrauchen.

Als Ludwig seinen Blick so über seinen künftigen Besitz schweifen ließ, dachte er: Warum eigentlich nur das Kleinwalsertal? Da gab es bestimmt noch andere Ländereien, die sich gut im bayrischen Portfolio machen würden. Er konnte zwar gerade keine benennen, aber für so etwas gab es ja Landkarten, oder Google. Da ließe sich bestimmt noch eine geeignete Gegend finden, die gut zu Bayern passen würde. Es musste ja nicht hier im Süden sein. Vielleicht drüben im Osten? Ludwig meinte sich zu erinnern, dass sich zu den Tschechen hin auch ein Gebirge türmte, die Karpaten, oder war’s der Schwarzwald? Er musste sich da wirklich mal schlau machen. Doch zunächst einmal galt es, sich auf das Kleinwalsertal zu konzentrieren. Für den Rest war danach immer noch Zeit.

Solch erbauliche Gedanken und Aussichten erwiesen sich als sehr appetitanregend, wie Ludwig feststellte. Zeit für eine Brotzeit. Eine windgeschützte Senke war schnell gefunden. Dass sich dort bereits ein silberhaariges Wandererpärchen niedergelassen hatte und genüsslich an seinen dick belegten Broten mümmelte, focht Ludwig nicht an. Er schickte zwei seiner Leibgardisten vor, um den Picknickplatz kurzerhand zu annektieren. So ein kleines bisschen Machtausübung in der Fremde tat einfach gut und konnte sicher nicht schaden. Außerdem waren die beiden Platzhalter hörbar berlinerischer Abstammung, was ihren Anspruch auf das Plätzchen noch einmal drastisch beschnitt. Auf eine körperliche Auseinandersetzung mit den Oberpfälzer Gardisten ließen sie es natürlich gar nicht erst ankommen, und da selbst niederträchtigste Beleidigungen und die Drohung, Anzeige zu erstatten, an Ludwigs Leibwache abperlten wie Regen auf einer dreifach handpolierten Motorhaube, gaben die Zivilisten schließlich klein bei, packten ihre Habseligkeiten ein und zogen um.

Ludwig war zufrieden. Übung macht den Meister, das hatte schon sein Vater bei jeder Gelegenheit zu ihm gesagt, wenn auch nicht im Zusammenhang mit der Vertreibung hilfloser Rentner. Aber egal. Muskeln brauchten Training.

Der für den Proviant zuständige Gardist zauberte eine ordentliche Brotzeit aus seinem Rucksack hervor, mit Brot und Speck und Käse, und trug sie in der annektierten Senke auf einer mitgebrachten Picknickdecke auf. Ludwig und seine drei Begleiter langten herzhaft zu und stießen mit goldenem bayrischen Bier auf die goldene bayrische Zukunft des Kleinwalsertals an.

Eine halbe Stunde später war es an der Zeit, wieder den Rückweg ins Tal anzutreten. Ludwig nahm seine Krone ab und reichte sie zusammen mit dem Zepter dem Gardisten zwecks Aufbewahrung und Transport. Das Gedränge vor und in der Gondel war bei weitem nicht so schlimm wie am Vormittag, als sie heraufgefahren waren. Mit leisem Surren rollte die Gondel auf ihrem Tragseil von Pfeiler zu Pfeiler. Gottseidank, dachte Ludwig, würde dieses Tal bald ihm gehören, dann musste er sich nicht mehr unters Volk mischen, schon gar kein fremdes Volk, sondern hätte seine eigene angemessen möblierte Gondel, oder flöge gleich mit dem Helikopter auf den Gipfel. Ludwig hatte das Wort Gipfel kaum zu Ende gedacht, als die Fahrt abrupt stoppte. In der nächsten Sekunde telefonierte der Gondelführer mit der Leitstelle, brummte ein paar missmutige Worte in den Apparat, legte dann auf und sagte zu den Passagieren:

„Glei geht’s weiter. Oben am Berg hat wohl der Blitz eigeschlaga. Isch aber koi große Sach.“

Von wegen koi große Sach, dachte Ludwig. Bis noch vor ein paar Minuten war er da oben gestanden mit einer Aluminiumkrone auf dem Kopf. Als royaler Blitzableiter. Aber schließlich konnte man als König von übergeordneter Stelle schon eine gewisse Vorzugsbehandlung erwarten. Trotzdem merkte sich Ludwig vor, für künftige Ausflüge in derart exponierte Lagen eine Kunststoffkrone anfertigen zu lassen, und natürlich ein Kunststoffzepter.

Zwei Minuten später ging es tatsächlich weiter. Unten angekommen, stieg die königliche Reisegruppe in einen bereitstehenden dunkelblauen VW Touran mit dem amtlichen Kennzeichen OA-KL 4. Das Kennzeichen war der Minimalkompromiss, auf den sich Ludwig eingelassen hatte. Schweren Herzens, aber durchaus einsichtig, hatte er auf Standarten und Wimpel am Fahrzeug verzichtet, ebenso wie auf das üblicherweise per Außenlautsprecher übertragene Pferdegetrappel, das dem Volk das Nahen ihres Königs signalisieren sollte.

Gleich hinter der Grenze, auf bayrischem Staatsgebiet, wartete ein Helikopter und brachte die Reisegruppe zurück ins Schloss Neuschwanstein.

Einstimmung

Schon in seiner vorköniglichen Zeit als Abgeordneter der Bayernpartei hatte sich Ludwig IV., damals noch Ludwig Karl Otto von Bayern, für eine Einverleibung des Kleinwalsertals ausgesprochen. Er ließ kaum eine Parlamentssitzung vergehen, in der er nicht in wenigstens einem Zwischenruf diese Forderung wiederholte. Die meisten verdrehten nur noch die Augen, wenn er wieder mal versuchte, den Redner mit seinem Spruch „Das Kleinwalsertal muss bayrisch werden“ zu unterbrechen. Von allen Parteien außer seiner eigenen wurde er dafür verlacht und mit dem Titel ‚Der Cato vom Chiemgau‘ dekoriert, auf den Ludwig sogar ein wenig stolz war. Irgendwann wurde es dem Landtagspräsidenten aber zu bunt und er schloss den Abgeordneten Ludwig Karl Otto von Bayern wegen Missachtung des Parlaments von den nächsten 20 Sitzungen aus. Das half.

Nur wenige hatten zu jener Zeit ernsthaft damit gerechnet, dass Bayern jemals wieder ein Königreich werden könnte. Aber die Bayernpartei, vehemente Fürsprecherin einer Monarchie, war von Landtagswahl zu Landtagswahl stärker geworden und konnte schließlich ein entsprechendes Bürgerbegehren durchsetzen, welches sie haushoch gewann. Und Ludwig Karl Otto von Bayern wurde König Ludwig IV. von Bayern. Als eine seiner ersten Amtshandlungen nach seiner Inthronisation ließ Ludwig prompt die ehemals lautesten Spötter einschließlich des missliebigen Landtagspräsidenten verhaften und für ein halbes Jahr wegsperren. Die Zeit im Karzer bot ihnen ausreichend Gelegenheit, sich für ihr unwürdiges Verhalten gegenüber ihrem späteren König eimerweise Asche aufs Haupt zu streuen.

In seiner ersten Rede ans bayrische Volk nach seinem Ausflug auf den Großen Widderstein schwadronierte König Ludwig IV. davon, eines seiner wichtigsten Anliegen wäre die Herstellung der territorialen Vollständigkeit Bayerns. Die Bürger hatten zwar nicht das Gefühl, als würde etwas fehlen, aber ihr Regent würde schon wissen, wovon er sprach, schließlich war er nicht umsonst König, da konnte man ein ordentliches Quantum Weisheit ohne weiteres voraussetzen.

In seiner zweiten Rede ans bayrische Volk sprach Ludwig dann von herrlichen Tälern, über denen bald die weißblaue Fahne wehen möge. Das war schon konkreter, aber immer noch nicht so, dass man ihn in allen Ecken des Königreichs verstanden hätte. Vielleicht, so fragte sich manch wohlmeinender Untertan, meinte Ludwig das ja metaphysisch, auf einer Ebene, die einem normal begabten Bayern nicht zugänglich war. Immerhin hatte sich Ludwig IV. bei seiner Krönung ausdrücklich zu den Lebensprinzipien Ludwigs II. bekannt, also konnte man eine gewisse Seelenverwandtschaft getrost unterstellen.

Doch in seiner dritten Rede ans bayrische Volk blieb für Metaphysik kein Platz mehr. Ludwig IV. sagte wörtlich:

„Das Kleinwalsertal muss bayrisch werden.“

Erleichtertes Aufatmen im Land der Bayern. DAS meinte Ludwig also. Das verstand nun wirklich jeder.

Entsetztes Einatmen in Österreich. Das verstand nun wirklich niemand.

In Wien beschloss man, erst einmal Ruhe zu bewahren und die seltsamen Anwandlungen des bayrischen Königs nicht weiter zu kommentieren. Man wusste ja von seinen Ausfällen als Abgeordneter, die damals auch niemand ernst genommen hatte. Wahrscheinlich würde in Kürze sowieso kein Mensch mehr davon reden.

Natürlich kam es anders.

Es dauerte nicht lange, bis die Rhetorik des Königs erste Früchte trug, indem nämlich in nächtlichen Aktionen die Grenzsteine zwischen Bayern und dem Kleinwalsertal ausgegraben und fein säuberlich und mit weißen und blauen Rauten bemalt vor dem Rathaus zu Mittelberg aufgestapelt wurden. Von wem, war nicht festzustellen, beziehungsweise wollte auch niemand feststellen. Auf Neuschwanstein freute man sich unverhohlen über diese Aktion. Schön, wenn das Volk sich so engagiert und ideenreich mit der eigenen Sache identifizierte. Aber daran hatte Ludwig von vorne herein nicht gezweifelt.

Die Nadelstiche häuften sich. Graffitis fanden sich bald überall im Kleinwalsertal, an Buswartehäuschen, an Liftstationen, selbst an Kirchen.Das Kleinwalsertal ist bayrischstand da zum Beispiel zu lesen oderÖsterreich raus!Mit der Rechtschreibung nahmen es die Sprayer dabei nicht so genau, ob aus Unwissen oder absichtlich. Kleinwallsertal, Kleinwalserthal, Klein-Walser-Tal, alles was die Dose hergab, wurde gesprüht.

Die Bevölkerung des Tales war macht- und hilflos. Man organisierte zwar private Wachtrupps, aber außer dass mal ein besoffener Jugendlicher aus Oberstdorf dabei erwischt wurde, wie er eine drei Meter lange Schablone auf dem Fahrrad zu seinem Tatort transportieren wollte, oder jemand sich bei einem Anschlag in mondloser Nacht versehentlich selbst in die Augen sprayte und anschließend greinend und blind einem Wachtrupp in die Arme stolperte, waren die Einsätze in der Regel nicht sehr erfolgreich.

Parallel zu diesen unkoordinierten Aktionen arbeitete Ludwigs Generalstab an Plänen, auf welchem Wege man am ehesten des Kleinwalsertals habhaft werden könnte. Leider liefen sämtliche Vorschläge auf eine unfriedliche Lösung hinaus. Ludwig quittierte das mit einem Achselzucken. Wenn es halt nicht anders ging, dann sollte es so sein. Gott mit dir, du Land der Bayern. Immerhin stand es schon so im Bayernlied, welches Ludwig nach dem Ausscheiden Bayerns aus der Bundesrepublik Deutschland als Nationalhymne für sein Königreich übernommen hatte, und an dieser Aussage gab es beim besten Willen nichts zu rütteln. Und darüber hinaus: War weiß-blau nicht die Farbe des Himmels? Zeichen über Zeichen.

Ludwig verstand die Österreicher sowieso nicht. Was wollten sie denn mit diesem Tal, das sie höchstens aus der Luft oder eben über Bayern erreichen konnten. Ein Anachronismus. Doch, eigentlich verstand er die Österreicher schon, schließlich war das Kleinwalsertal eine touristische Gelddruckmaschine, die Steuern sprudelten fleißig, und zwar sprudelten sie in Richtung Wien, nicht in Richtung München. Noch dazu kamen auch die meisten Besucher aus Bayern oder Deutschland. Das war nicht richtig.

Ludwig wusste aus Erkenntnissen seines Geheimdienstes, dass die große Mehrheit der Talbewohner einen Verbleib bei Österreich vorzog. Diese Haltung war Ludwig ganz und gar unbegreiflich. Wie konnte jemand NICHT zu Bayern gehören wollen? Anscheinend mussten die Walser zu ihrem Glück gezwungen werden.

Aber dafür waren Regenten ja da.

Zum Zeichen seines guten Willens ließ Ludwig zunächst ein Schreiben an die Regierung in Wien aufsetzen, in der er kurz und leicht verständlich die Bedingungen für eine friedliche Übergabe des Kleinwalsertals an Bayern formulierte. Auf eine Begründung für sein Ansinnen verzichtete Ludwig ganz ungeniert, denn die Zugehörigkeit des Kleinwalsertals zu Bayern war ja offensichtlich, musste also nicht weiter rechtfertigt werden.

Der österreichische Bundeskanzler Qualtinger war außer sich: Was sich denn dieser blaublütige Depp da auf seiner Zuckerbäckerburg eigentlich einbilde?! Dass er, Qualtinger, sage: Bitte gern?! Dass er ihm schnell mal ein Stück Land über die Grenze schiebe, wie eine Schale Erdnüsse über den Tresen?! Immerhin hatte Österreich das Kleinwalsertal dereinst regulär erworben. Aus seiner Schulzeit wusste Qualtinger noch, dass ein Bayernherzog seinerzeit beim Watten mit Baron Alfons von Dornbirn alles auf eine Karte gesetzt und neben ein paar tausend Gulden auch das Tal an jenen verspielt hatte.

Nachdem er seine Wut auf ein verträgliches Maß hatte abklingen lassen, ließ Qualtinger über seinen Botschafter in München in dürren, aber wohlgesetzten Worten bestellen, dass die österreichische Regierung auf solche Unverschämtheiten nicht zu reagieren beabsichtige und sich weitere derartige Zeugnisse bayrischer Arroganz verbitte.

Diese Replik führte zur umgehenden Ausweisung des österreichischen Botschafters, dies wiederum zur Ausweisung des königlich bayrischen Botschafters aus Wien.

König Ludwig unternahm noch ein paar halbherzige Versuche, die Österreicher umzustimmen, doch weder die Aussicht auf eine verbilligte Maß auf dem Oktoberfest für österreichische Staatsbürger über siebzig noch das Angebot eines Gratis-Zwetschgamännlas auf dem Nürnberger Christkindlesmarkt für alle in Mittelfranken geborenen Österreicher konnte die Regierung in Wien überzeugen.

Um des lieben Friedens Willen bot Österreich sogar selbst ein paar kleinere Kompensationen an, die Ludwig den Verzicht auf das Kleinwalsertal schmackhaft machen sollten, doch der lehnte kategorisch ab.

„Ich möcht‘ das Kleinwalsertal“, sagte Ludwig gebetsmühlenartig.

Und genauso gebetsmühlenartig sagte die österreichische Regierung: „Naa.“

Aufgrund der mangelnden Einsicht auf österreichischer Seite sah sich König Ludwig gezwungen, die Mobilmachung anzuordnen. Er rief seinen Bruder Gustl und den Oberbefehlshaber der bayrischen Truppen, General Stangl, zu sich.