Klimakurve kriegen - Peter Blenke - E-Book

Klimakurve kriegen E-Book

Peter Blenke

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Beschreibung

Die akute Klimakrise ist inzwischen unübersehbar und bedroht unsere Lebensgrundlagen unmittelbar. Auch in Deutschland spüren wir ihre Folgen deutlich. Klimaanpassung ist deshalb auch auf allen politischen Ebenen ein wichtiges Thema. Doch wie kommen wir endlich vom Wissen und Denken zum wirklichen Handeln? Was sind die effektivsten und wirksamsten Maßnahmen, die wir umsetzen können? In ihrem Praxisratgeber bieten die Autoren Peter Blenke und Christian Reisinger Antworten. Mit wissenschaftlichem Hintergrund beleuchten sie die fünf Sektoren des deutschen Klimaschutzgesetzes: Energie, Industrie, Verkehr, Gebäude, Landwirtschaft/Abfallwirtschaft. Und zeigen jeweils leicht verständlich und nachvollziehbar konkrete Handlungsoptionen auf, die die einzelnen Akteursgruppen schon heute unabhängig voneinander umsetzen können. Eine inspirierende Lektüre, die konkret und direkt umsetzbar Orientierung gibt – und so besonders Unternehmen und Privatpersonen zum aktiven Handeln gegen den Klimawandel motivieren will.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Ein Buch von Peter Blenke und Christian Reisinger
KLIMAKURVE KRIEGEN
Was wir jetzt tun können, um unsereKlimaziele noch zu erreichen
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.
© 2023 oekom verlag, Münchenoekom – Gesellschaft für ökologische Kommunikation mbHGoethestraße 28, 80336 München
Layout, Satz und Grafik: Bloom GmbH, MünchenRedaktion und Textgestaltung: Die Wortstatt, MünchenFotos der Autoren: Jessica MaiwaldKorrektur: Maike SpechtUmschlaggestaltung: Laura Denke, oekom verlagUmschlagabbildung: © Bloom GmbH
E-Book: SEUME Publishing Services GmbH, Erfurt
Alle Rechte vorbehaltenISBN 978-3-98726-309-5

Liebe Leserin, lieber Leser ...

»Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von allen.« Mit diesem Zitat von Karl Valentin möchten mein Co-Autor Dr. Christian Reisinger und ich Ihnen ganz fest versprechen, Sie nicht noch ein weiteres Mal über die Ursachen und Folgen des Klimawandels aufklären zu wollen. Darüber haben renommierte Wissenschaftler, Experten, Politiker und Aktivisten in den letzten 50 Jahren schon sehr viel geschrieben, insbesondere seit Erscheinen des Berichts an den Club of Rome mit dem Titel Die Grenzen des Wachstums im Jahr 1972. Es gibt kaum ein aktuelles Themenfeld, zu dem so viel Wissen und Evidenz existiert wie zum menschengemachten Klimawandel. Wir wissen, dass wir handeln müssen, wir erleben und kennen die Folgen, und doch tun wir im Verhältnis zu dem, was wir tun müssten, viel zu wenig.
Aber warum ist das so? Die Verhaltensforschung nennt dieses weitverbreitete Phänomen der Lücke, die zwischen Wissen und Handeln klafft, Knowing-Doing-Gap. Und genau dieses Paradoxon hat uns angetrieben, das Buch Klimakurve kriegen zu schreiben.
Unsere Gesellschaft befindet sich in einem permanenten Krisenmodus, und es scheint immer schwieriger zu werden, dieses Knowing-Doing-Gap zu schließen und endlich ins Handeln zu kommen. Vielleicht sind wir von der enormen Größe der Aufgaben schlicht überfordert. Eingeschüchtert verharren wir reglos wie das Kaninchen vor der Schlange. Anders ausgedrückt: Wir befinden uns in einer Veränderungskrise, die viele Themen umfasst – Klima, Krieg, Energie, Wasserknappheit, Wetterextreme bis hin zu Inflation und einer Wirtschaft im Sinkflug. Das Problem ist: Die Menschen mögen keine Veränderungen und Krisen schon gleich gar nicht. Wie bringen wir also das Kaninchen, das reglos auf die Schlange starrt, endlich dazu, sich zu bewegen und in die richtige Richtung zu laufen? Wie können wir das Knowing-Doing-Gap überwinden? Zur Beantwortung dieser Fragen wollen wir mit Klimakurve kriegen einen Beitrag leisten. Und zwar aus der Praxis für die Praxis.
Dr. Christian Reisinger und ich kommen aus der mittelständischen Wirtschaft und beschäftigen uns seit vielen Jahren damit, Geschäftsmodelle nachhaltig zu transformieren. Wir haben lernen müssen, mit bürokratischen Hürden und regulatorischem Chaos umzugehen sowie festgefahrene Überzeugungsbarrieren zu überwinden. Im eigenen Betrieb und in der Beratung anderer Unternehmen.
Auf Basis dieser Erfahrungen wollen wir Sie alle – egal, ob Sie für Ihr Unternehmen oder privat Entscheidungen treffen – mit unserem Buch ermutigen und einladen, einen Perspektivenwechsel vorzunehmen. Betrachten wir die Herausforderungen also nicht aus dem Problemblickwinkel, sondern aus der Möglichkeitenperspektive. Nutzen wir dabei zuallererst die Hebel, die uns heute schon zur Verfügung stehen. Sie werden erstaunt sein, wozu wir allein damit schon jetzt gemeinsam in der Lage sind.
Wir haben die Kapitel entsprechend dem Bundes-Klimaschutzgesetz in die darin enthaltenen fünf Sektoren Energie, Industrie, Gebäude, Verkehr sowie Ernährung und Landwirtschaft gegliedert. Da jedoch die alleinige Einsparung von CO2 nicht ausreichen wird, um die Pariser Klimaziele zu erreichen, haben wir noch ein sechstes Kapitel ergänzt: CO2-Senken. Hier geht es um Möglichkeiten und Technologien, wie wir CO2 wieder aus der Atmosphäre entnehmen und dauerhaft speichern können. Wir beschreiben in jedem Kapitel des Buches nicht nur, wie der aktuelle Stand der Dinge ist, wir zeigen auch auf, welche Ziele angegangen werden müssen, was wir als Privatpersonen und als Unternehmen aktiv tun können und wie viel das jeweilige Handeln zur Reduktion von Treibhausgasen beiträgt. Es geht nicht um Aktionismus, sondern um Wirkung.
Aus unserer Praxiserfahrung heraus sind wir von dem Paretoprinzip überzeugt. Dieses besagt, dass wir mit 20 Prozent des Aufwands bereits 80 Prozent eines Ziels erreichen können – natürlich mit den richtigen Prioritäten. Das gilt auch für das Thema Klimaneutralität: Wenn jede und jeder Einzelne nur jeweils 20 Prozent Aufwand investieren würde, wären bereits 80 Prozent der Strecke zum Ziel geschafft. Es ist ein bisschen so wie beim Hürdenlauf: Es geht nur Hürde für Hürde. Aber Sie werden merken, es geht. Wir sind fest davon überzeugt, dass wir in unserer Gesellschaft viel mehr Zustimmung, Handlungs- und Veränderungsbereitschaft hätten, wenn wir uns den Netto-Null-Emissionen im Jahr 2045 in kleineren Etappen mit realistischen Teilzielen nähern würden.
Wenn wir es zudem schaffen, gemeinsam eine Dynamik zu entwickeln und Etappe für Etappe mehr Zustimmung und Mitstreiter zu gewinnen, rückt das Ziel in greifbare Nähe.
Wir wünschen Ihnen viel Inspiration beim Lesen und hoffentlich die eine oder andere neue Erkenntnis.
Ihr Peter Blenke

Inhaltsverzeichnis

Energie
Wo wir stehen
Woher kommt unsere Energie?
Wofür nutzen wir Energie?
Wo wir hinwollen
Was wir tun müssen
Was der Staat leisten muss
Was Unternehmen tun können
Was private Haushalte tun können
Industrie
Wo wir stehen
Woher kommen die Emissionen?
Wo wir hinwollen
Klimaziele und Instrumente
Was wir tun müssen
Was der Staat leisten muss
Was Unternehmen tun können
Was private Haushalte tun können
Gebäude
Wo wir stehen
Unser Gebäudebestand
Welche Heizungen hat Deutschland?
Wo wir hinwollen
Das Gebäudeenergiegesetz umsetzen
Was wir tun müssen
Was der Staat leisten muss
Was Unternehmen und Eigentümer tun können
Verkehr
Wo wir stehen
Personen- und Lastkraftfahrzeuge
Wo wir hinwollen
Deswegen ist ein Tempolimit wichtig
Was wir tun müssen
Woher die Energie kommen könnte
Landwirtschaft und Ernährung
Wo wir stehen
Emissionen
Die Bedeutung des Bodens
Das System der industriellen Landwirtschaft
Probleme der Landwirtschaft
Wo wir hinwollen
Präzisionslandwirtschaft mit viel Technik
Regenerative und solidarische Landwirtschaft
Was wir tun müssen
Was der Staat leisten muss
Was Unternehmen tun können
Was private Haushalte tun können
CO2-Senken
Wo wir stehen
CO2-Senken als ergänzende Maßnahme
Natürliche CO2-Senken
Technische CO2-Senken
Was wir tun müssen
Was der Staat leisten muss
Was Unternehmen tun können
Was private Haushalte tun können
Fazit und Danksagung
Glossar
Quellen
Über die Autoren

Wo wir stehen

Energie ist aus unserem Leben nicht wegzudenken. Wie selbstverständlich schalten wir täglich das Licht an, freuen uns über eine warme Dusche, lassen Kaffee durch die Maschine laufen, lesen die Nachrichten auf unserem Smartphone, fahren mit dem Auto, dem E-Bike oder dem Zug zur Arbeit, bedienen dort Computer oder Maschinen ...
Doch Strom kommt nicht einfach aus der Steckdose, sondern muss erst einmal erzeugt werden. Seit Beginn der Industrialisierung – mit der Patentierung der von James Watt verbesserten Dampfmaschine 1769 – geschieht dies hauptsächlich durch die Verbrennung von fossilen Energieträgern wie Kohle, Erdöl und Erdgas. Dabei wird CO2 ausgestoßen, das in die Atmosphäre gelangt und den natürlichen Treibhauseffekt verstärkt. Die schwerwiegende Folge ist: Die Erde erwärmt sich zunehmend – mit verheerenden Auswirkungen für Mensch, Natur, Umwelt und Klima. Die Förderung fossiler Energie ist damit die eigentliche Ursache des menschengemachten Klimawandels.
Deutschland ist heute für etwa zwei Prozent des weltweiten Energieverbrauchs verantwortlich. Das mag zwar wenig klingen, doch bedenkt man, dass Deutschland nur circa ein Prozent der Weltbevölkerung stellt, bedeutet das, dass der Pro-Kopf-Energieverbrauch etwa doppelt so hoch ist wie der Weltdurchschnitt. Das gilt auch für den CO2-Fußabdruck, der mit circa zehn Tonnen CO2 pro Person ebenfalls das Doppelte des Weltdurchschnitts beträgt.
Hinzu kommt, dass die Jahre 2020 und 2021, energietechnisch gesehen, absolute Ausnahmejahre waren: Coronapandemie und Ausgangsbeschränkungen führten zu einer verstärkten Nutzung von Homeoffice, sinkenden Verkehrsaufkommen und Produktionsreduzierungen in der Industrie. Und da Fernreisen praktisch unmöglich waren, ging auch der Verbrauch an Flugbenzin signifikant zurück. Im Jahr 2022 mussten wir dann mit weiteren Folgen aufgrund des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine kämpfen, wie dem Stopp russischer Gasimporte, gestiegenen Energiepreisen und den damit verbundenen Maßnahmen zur Bekämpfung der Energiekrise.
Im Ergebnis ist der Gesamtenergieverbrauch Deutschlands im Jahr 2022 im Vergleich zum Vorjahr um etwa fünf Prozent gesunken, vor allem durch den Rückgang des Erdgasverbrauchs um 14 Prozent. Allerdings wurde Gas insbesondere im Bereich der Stromerzeugung teilweise einfach durch andere Energieträger wie schmutzige Kohle ersetzt.1
Die gute Nachricht ist: Seit der Wiedervereinigung konnte Deutschland seinen Energieverbrauch um etwa 20 Prozent senken. Im Jahr 2022 haben wir insgesamt etwa 3.300 Terawattstunden Energie verbraucht – das ist etwa die 300-fache Menge an Energie, die das Kernkraftwerk Isar 2 pro Jahr in das deutsche Stromnetz einspeiste. Und auch im Vergleich zum Vorjahr ist der Energieverbrauch um rund fünf Prozent zurückgegangen, obwohl sich die Bevölkerungszahl – primär durch die geflüchteten Menschen aus der Ukraine – um etwa eine Million erhöht hat.

Woher kommt unsere Energie?

Der Begriff Energie stammt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie »wirkende Kraft«. Ohne sie stünde unsere gesamte Wirtschaft still und unser Alltag auch. Denn Energie ist nötig, um etwas in Bewegung zu setzen, zu beschleunigen, zu beleuchten oder zu erwärmen.
Die Sonne ist unsere älteste Energiequelle und war über Milliarden von Jahren die einzige Wärme- und Lichtquelle auf der Erde. Sie gehört neben Wind, Wasserkraft, Geothermie, Bio- und Meeresenergie (erneuerbaren Energien) sowie Kernkraft zu den nichtfossilen Energieträgern. Zusammen mit den fossilen Energieträgern (Erdöl, Erdgas, Braun- und Steinkohle) stellen diese heute die sogenannten Primärenergieträger dar. Auch fossile Energieträger stammen aus der Natur, denn sie sind über Millionen von Jahren unter bestimmten Bedingungen aus Biomasse, das heißt hauptsächlich aus verendeten Tieren und abgestorbenen Pflanzen entstanden.
Primärenergiemix in Deutschland
Obwohl wir uns in Deutschland bereits seit vielen Jahren um eine Energiewende bemühen, stammt der Großteil unserer Energie nach wie vor aus fossilen Energiequellen: 83 Prozent unseres Energieverbrauchs werden von fossilen Energieträgern produziert, mit der Folge, dass seit Beginn der Industrialisierung (in Deutschland ab Mitte des 19. Jahrhunderts) die CO2-Konzentration in der Atmosphäre bereits um 50 Prozent gestiegen ist.2
Mehr als ein Drittel der gesamten Energie beziehen wir dabei aus Erdöl, das wir mit einem Anteil von 98 Prozent3 fast vollständig aus dem Ausland importieren. Etwa die Hälfte davon wird als Benzin, Diesel oder Kerosin für den Verkehrssektor eingesetzt, während der Rest für die Wärmegewinnung (Heizöl) oder die Herstellung von chemischen Grundstoffen wie Petroleum oder Propylen verwendet wird.
Erdgas stellte im Jahr 2022 fast 24 Prozent der Energie zur Verfügung, die in Deutschland verbraucht wurde. Erdgas wird im Wesentlichen für die Bereitstellung von Wärme zum Beispiel in Heizungen und in der Industrie verwendet, aber auch für die Erzeugung von Strom in Gaskraftwerken.
Die drittwichtigste Energiequelle ist Kohle (Braunkohle und Steinkohle) mit einem Anteil von fast 20 Prozent. Der Großteil (ca. 90 Prozent) wird für die Herstellung elektrischer Energie verwendet.
Gut 17 Prozent unseres Energieverbrauchs stammten 2022 aus erneuerbaren Energien. Die größte Rolle spielt dabei mit einem Anteil von circa 50 Prozent die Biomasse und nicht – wie man vielleicht erwarten würde – Windkraft (28 Prozent) und Sonnenenergie (12 Prozent). Zur Biomasse zählen neben Biogas etwa auch Holzpellets und biologische Abfälle, die im Bereich der Wärmeerzeugung eingesetzt werden.
Primärenergieverbrauch in Deutschland 2022*
In Deutschland machen fossile Energieträger – trotz jahrzehntelanger Anstrengungen in Richtung Energiewende – immer noch mehr als 83 % des gesamten Energieverbrauchs aus.*3,2 % entfielen 2022 auf Kernenergie (Abschaltung April 2023), 1 % auf sonstige Energieträger.Quelle: Bloom GmbH nach FNR/AGEB
Der Anteil der Kernenergie lag bereits 2022 nur noch bei drei Prozent, seit Abschalten der letzten drei Kernkraftwerke im April 2023 liegt er inzwischen bei null Prozent.4
Aber lassen wir uns nicht täuschen. Vergleicht man die Zahlen auf internationaler Ebene, liegt Deutschland mit einem Anteil von 17 Prozent an erneuerbaren Energien am gesamten Energiemix in Wahrheit nur leicht über dem weltweiten Durchschnitt von 13 Prozent. Der vermeintliche »Musterschüler der Energiewende« steht damit verhältnismäßig schlecht da. Tatsächlich ist hier der Spitzenreiter – wer hätte es gedacht – Brasilien mit einem Anteil von 48 Prozent des Endenergieverbrauchs, neben der Wasserkraft sind Wind und Solar dort die beiden Hauptquellen für erneuerbare Energien. Gefolgt von Indien mit 33 Prozent und Kanada mit 22 Prozent (Zahlen aus 2019).5
Stromerzeugung in Deutschland
Betrachtet man nur den Bereich der Stromerzeugung in Deutschland, sehen die Zahlen etwas erfreulicher aus. Hier liegen wir mit einem Anteil von über 40 Prozent erneuerbaren Energien deutlich über dem weltweiten Durchschnitt, der bei etwa 25 Prozent liegt. Doch auch hier ist noch viel Luft nach oben: Norwegen und Island schaffen es aufgrund günstiger Bedingungen sogar auf beachtenswerte 99 Prozent.6 Und: Deutschland ist bei der Stromerzeugung trotzdem nach wie vor stark von Kohle abhängig. Sechs (!) der zehn größten und schmutzigsten Kohlekraftwerke Europas stehen in Deutschland. Gerade die Erzeugung von Strom aus Braunkohle ist besonders klimaschädlich, da jede Kilowattstunde Strom, die aus Braunkohle gewonnen wird, mit über einem Kilogramm CO2 fast dreimal so hohe CO2-Emissionen verursacht wie eine Kilowattstunde, die aus Erdgas gewonnen wird. Das führt dazu, dass die durchschnittlichen Emissionen je Kilowattstunde erzeugten Stroms in Deutschland – unter Berücksichtigung aller vorgelagerten Emissionen wie Förderung, Verarbeitung und Transport der Kraftstoffe – immer noch bei fast 500 Gramm CO2 liegen.7

Wofür nutzen wir Energie?

Etwa 30 Prozent und damit der Großteil der Energie wird in privaten Haushalten für die Erzeugung von Raumwärme und Warmwasser verbraucht. Fast der gleiche Anteil (28 Prozent) entfällt auf den Bereich Verkehr, dicht gefolgt von der Industrie (26 Prozent). Mit 16 Prozent verbraucht das Gewerbe etwas weniger.8 Diese Verteilung schließt auch alle Primärenergiequellen mit ein, also etwa auch Erdgas, Heizöl und Kraftstoffe, die direkt für die Wärmeerzeugung und Mobilität genutzt, aber nicht »verstromt« werden. Betrachtet man nur den Stromverbrauch der einzelnen Sektoren, stehen Industrie und Gewerbe mit drei Viertel des Stromverbrauchs an der Spitze, während in privaten Haushalten nur etwa ein Viertel des Gesamtstroms bezogen wird. Der Verkehrssektor verbraucht derzeit nur etwa 28 Prozent, wegen der zunehmenden Verbreitung von Elektroautos ist hier jedoch zukünftig ein starker Anstieg zu erwarten.
Verbrauchermix
Private Haushalte verbrauchen einen Großteil der Energie, dicht gefolgt vom Bereich Verkehr und der Industrie.Quelle: https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/384/bilder/2_abb_eev-sektoren_2022-12-16.png

Wo wir hinwollen

Die gesamten CO2-Emissionen Deutschlands beliefen sich im Jahr 2022 auf etwa 746 Millionen Tonnen. Das ist immer noch viel, aber immerhin eine Reduktion von über 40 Prozent gegenüber dem Referenzjahr 1990. Zum Vergleich: Weltweit haben die Emissionen im gleichen Zeitraum um circa 60 Prozent zugenommen.
Der Großteil davon (620 Millionen Tonnen CO2) sind energiebedingte Emissionen. Trotz der deutlichen Energieeinsparungen sind die Emissionen im vergangenen Jahr insgesamt gestiegen, da Erdgas und andere Energieträger durch die deutlich klimaschädlichere Kohle ersetzt wurden.
Um unsere Klimaziele zu erreichen, dürfen die Gesamtemissionen im Jahr 2030 nur noch 436,8 Millionen Tonnen betragen (65 Prozent Reduktion, bezogen auf 1990). Bis 2045 müssen sie sogar praktisch auf null zurückgehen. Der Umbau unserer Wirtschaft in Richtung Klimaneutralität ist damit nichts weniger als der größte Transformationsprozess seit Beginn der Industrialisierung.
Um dieses Ziel zu erreichen, haben wir nur drei Hebel:
massiver Ausbau der erneuerbaren Energien und der dazugehörigen Infrastruktur wie der Energiespeicherung
Senkung des Energieverbrauchs durch höhere Energieeffizienz
Elektrifizierung vieler vormals nicht elektrischer Prozesse

Was wir tun müssen

Eine erfolgreiche Energiewende ist das Herzstück der Transformation in Richtung Klimaneutralität. Elektrifizierung gilt als einer der wichtigsten Hebel, um unsere Prozesse zu dekarbonisieren – ob in der Industrie, im Verkehr oder im Gebäudesektor. Damit dies rechtzeitig gelingt, müssen wir alle uns zur Verfügung stehenden Möglichkeiten auf allen Ebenen nutzen – und zwar gleichzeitig. Denn ob Staat, Unternehmen oder Privatperson: Energie benötigen wir alle, wir können aber auch selbst viel zur Energiewende beitragen.

Was der Staat leisten muss

Unsere Energieinfrastruktur ist minutiös aufeinander abgestimmt und auch in ihrer Komplexität eines der größten zusammenhängenden Systeme. Es ist über einen Zeitraum von mehr als 100 Jahren entstanden und reicht weit über die Landesgrenzen hinaus – die Wochenzeitung The Economist bezeichnete das Stromnetz einmal als die größte Maschine, die die Menschheit jemals geschaffen hat.9
Ein solch umfassendes System, das durch eine Vielzahl unterschiedlicher Akteure mit unterschiedlichen Interessen geprägt ist, kann nicht allein durch Anreize und Regularien transformiert werden. Vielmehr spielt der Staat hier eine Schlüsselrolle, noch mehr als in anderen Sektoren: Er muss die Rahmenbedingungen für die Energiewende definieren und als planende und gestaltende Kraft langfristig die Entscheidungen der wirtschaftlichen Akteure beeinflussen und in die richtige Richtung lenken – klingt utopisch, ist aber machbar! Dies muss maßgeblich durch drei Strategien geschehen: 1) die richtigen Anreize setzen, 2) Schlüsseltechnologien skalieren, 3) smarte Infrastruktur schaffen.
Die richtigen Anreize setzen
Welche Anreize der Staat setzt – positiv wie negativ, beeinflusst sehr stark die Entscheidungsfindung von Marktteilnehmern.
Nun ist der Staat aber kein einheitlicher, in sich schlüssiger Akteur. Gerade in einem föderalen System wie in Deutschland ist wegen der drei Handlungsebenen Bund, Länder und Kommunen eine zentrale Planung in vielen Bereichen praktisch unmöglich. Die Fragestellung ist daher nicht, wie die perfekte Lösung aussehen könnte, sondern vielmehr, wie auf Basis der bestehenden föderalen Strukturen und innerhalb unseres politischen Systems ein schnelles und effektives Vorankommen im Klimaschutz möglich ist.
Um zu verstehen, welche Rolle falsch gesetzte Anreize bei der Beschleunigung des Klimawandels spielen können, lohnt sich ein kurzer Exkurs: Nach Ansicht von Ökonomen steht der Marktmechanismus, der unserer Volkswirtschaft zugrunde liegt, dem Erreichen von Umwelt- und Nachhaltigkeitszielen nicht grundsätzlich entgegen. Damit er aber funktioniert, müssten die Preise von Gütern und Dienstleistungen allerdings neben den Herstellungskosten auch die realen Kosten für die Gesellschaft abbilden – einschließlich der Kosten, die etwa in Form von umweltbedingten Gesundheitsrisiken, Ernteausfällen oder Schäden am Ökosystem entstehen. Diese sogenannten externen Kosten sind jedoch nicht Bestandteil der Preisbildung in der freien Marktwirtschaft, vielmehr richtet sich der Preis auf dem Weltmarkt hauptsächlich nach dem Prinzip »Angebot und Nachfrage«. Genau das war während der Coronapandemie gut sichtbar, als der Preis für einen Liter Diesel an der Tankstelle zeitweise unter einen Euro gefallen war.
Die Unfähigkeit, externe Kosten in der Preisbildung zu berücksichtigen, wird von Ökonomen auch als »Marktversagen« bezeichnet. Und das kann nur korrigiert werden, wenn der Staat beziehungsweise überstaatliche Regularien eingreifen – zum Beispiel durch eine CO2-Abgabe, die fossile Energieträger im Vergleich zu erneuerbaren Energien wirtschaftlich uninteressant macht. Seit 2021 gibt es in Deutschland eine CO2-Steuer auf fossile Brennstoffe, die dazu führt, dass, wer ein Auto fährt, das nicht rein elektrisch betrieben wird, oder seine Wohnung mit Gas oder Öl heizt, zusätzliche Abgaben zahlen muss. Der zugrunde liegende CO2-Preis wurde 2021 auf 25 Euro je Tonne CO2 festgelegt. Gleichzeitig wurde entschieden, dass der Preis bis 2025 schrittweise auf 55 Euro je Tonne CO2 steigen soll. Um aber eine wirkliche Steuerungswirkung zu entfalten, ist das viel zu wenig: Nach einer Berechnung des Umweltbundesamtes liegen die externen Kosten je Tonne CO2 zwischen 237 und 809 Euro.10 Ein Liter Diesel müsste somit aus rein ökonomischer Perspektive zwischen 0,63 Euro und 2,14 Euro teurer sein als aktuell, um tatsächlich die externen Kosten im Preis zu berücksichtigen. Dennoch ist die aktuelle CO2-Steuer ein Schritt in die richtige Richtung, um das Marktversagen sozialverträglich zu korrigieren.
Sehr deutlich zeigt sich die Widersprüchlichkeit staatlichen Handelns allerdings erst bei einem Blick auf die Subventionen für fossile Energie: Immer noch fördert der Staat jedes Jahr fossile Energieträger mit einem Betrag von unglaublichen 70 Milliarden Euro11 – das ist mehr, als für die staatliche Förderung erneuerbarer Energie ausgegeben wird. Durch diese Subventionen verstärkt der Staat das Marktversagen sogar noch (statt es zu reduzieren) – und macht sich gleichzeitig finanziell und politisch abhängig von Energieimporten. Würde der Staat hier anders agieren, ergäbe sich ein massives Potenzial für den Ausbau erneuerbarer Energien – oder in den Worten von Ökonom Marcel Fratzscher ausgedrückt:
»70 Milliarden Euro weniger an Subventionen und zusätzlich jedes Jahr mehr Einnahmen durch eine faire Besteuerung fossiler Energieträger würden auf einen Schlag alle Sorgen der [...] Bundesregierung über die Finanzierung der ökologischen Transformation lösen.«12
Dass das prinzipiell möglich ist, zeigt das Beispiel Dänemark. Dort wurde schon vor vielen Jahren eine CO2-Steuer auf fossile Brennstoffe eingeführt, und aktuell ist auch eine CO2-Steuer für Unternehmen im Gespräch. Bereits jetzt ist nachweisbar, dass eine solche Maßnahme – zum Beispiel in Bezug auf Investitionen – stark in Richtung Nachhaltigkeit lenkt.
Climate Change Performance Index 2023
Quelle: Germanwatch, NewClimate Institute & Climate Action Network
Neben diesen großen Anreizen sollte sich der Staat auch für eine dringend notwendige Deregulierung einsetzen, da Bürokratie und Regulierung nach wie vor als große Hindernisse bei der Umsetzung von Klimaschutzmaßnahmen wahrgenommen werden. Grundsätzlich ist Rechtssicherheit ein hohes Gut moderner Gesellschaften und nützt gerade der Wirtschaft. Deutschland hat aber schon längst einen Zustand erreicht, in dem die Nachteile größer werden als die Vorteile. Insbesondere verschlechtern sich die Standortbedingungen aus Sicht der Unternehmen zusehends.
Schlüsseltechnologien skalieren
Wissenschaftler sind sich einig, dass wir alle Schlüsseltechnologien für die Erreichung unserer Klimaziele bereits in den Händen halten. Denn global betrachtet, haben wir kein Energieproblem auf der Welt: Die Sonne liefert uns jeden Tag etwa achtmal mehr Energie, als die Menschheit in einem Jahr verbraucht.13 Hinzu kommen noch Windkraft, Wasserkraft, Geothermie und Gezeiten. Es besteht also kein Grund, viel Zeit und Geld in ein Technologiewunder wie die Kernfusion zu investieren, die auch nach jahrzehntelanger Forschung noch weit weg von wirtschaftlich und technologisch nutzbaren Konzepten ist. Der Staat sollte sich darauf konzentrieren, den Ausbau der verfügbaren Technologien zur Energieerzeugung massiv auszubauen – insbesondere in Bezug auf Windkraft, Photovoltaik und Geothermie:
Windkraft gilt in Deutschland als das signifikanteste Symbol für die Energiewende und eine lebenswerte Zukunft, denn anders als Photovoltaikanlagen oder Geothermiekraftwerke sind Windräder über viele Kilometer sichtbar. In manchen Regionen prägen sie das Landschaftsbild maßgeblich.
Gerade in Deutschland bietet Windkraft gegenüber anderen Formen der erneuerbaren Energie viele Vorteile, der wichtigste ist: Wind weht prinzipiell immer – wenn auch mit starken Schwankungen, während beispielsweise Photovoltaikanlagen nur tagsüber und primär in den Sommermonaten ausreichend Strom liefern können. Dies ist einer der Gründe, warum der Bau von Windanlagen stark forciert wurde, insbesondere nach dem beschlossenen Atomausstieg 2011. Während in den Jahren zwischen 2000 und 2012 jährlich etwa 1.800 bis 3.000 Megawatt Leistung hinzugekommen waren, lag der jährliche Zuwachs an Windkraftanlagen in den Spitzenzeiten zwischen 2014 und 2017 bei annähernd 6.000 Megawatt pro Jahr. In diesem Zeitraum war auch erstmals ein starker Anstieg im Ausbau von Offshore-Anlagen (Windkraftanlagen, die sich auf dem Meer mit einem gewissen Abstand zur Küste befinden) zu verzeichnen.14 Leider fielen die Ausbauquoten anschließend wieder stark, in den Jahren 2020 und 2021 sogar sehr stark auf unter 2.000 Megawatt pro Jahr und damit auf das Niveau vor 2011. Erst im Jahr 2022 war wieder ein stärkerer Anstieg zu verzeichnen, der jedoch nicht einmal die Hälfte der Steigerung von 2017 erreicht hat.
Aktuell sind in Deutschland über 30.000 Windkraftanlagen mit einer installierten Gesamtleistung von circa 66 Gigawatt in Betrieb.15 Würde der Wind immer so stark wehen, dass die Anlagen voll ausgelastet sind, könnten wir alleine damit fast unseren gesamten Strombedarf decken (circa 560 Terrawattstunden). Tatsächlich gab es bereits einige Starkwindtage, an denen so viel Windstrom produziert wurde, dass Anlagen vom Netz genommen werden mussten.