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Je später der Abend, desto seltsamer die Gäste … Lebensbeichten eines Anwalts, eines Betriebswirtschaftlers und eines Sozialwissenschaftlers. "Das Plädoyer" Ein Mann begeht einen Massenmord aufgrund seines Glaubens. Sein Anwalt findet eine ungewöhnliche Verteidigungsstrategie: Sein Mandant könne nur als nicht schuldfähig betrachtet werden, da er religiös gläubig sei. "Larry" Programmierer erfinden und verbessern ein Computerspiel. Bis dieses dann anfängt, die Welt zu verbessern. "Konstruktionen" Wahrheiten gibt es viele. Ein Verschwörungstheoretiker erweist sich als Wissenschaftler, der zeigt, wohin der Sozialkonstruktivismus führen kann.
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Seitenzahl: 53
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Alexander Falk
Kneipenmonologe
Hinweis: Das Plädoyer des Anwalts im ersten Text besteht zu erheblichen Teilen aus direkten Zitaten Sigmund Freuds.
»Kneipenmonologe« © 2018 Alexander Falk
»Das Plädoyer. Eine Beichte« © 2017 Alexander Falk
Verleger: A. Falk, 63679 Schotten E-Mail: a_falk (at) web.de
1. Auflage September 2018
Monologe sind Atemzüge der Seele.
(Christian Friedrich Hebbel)
Denn wir wandeln im Glauben und nicht im Schauen.(2. Korinther 5:7)
Roland Barthes postulierte, die Person des Autors strikt von seinem Werk zu trennen. Ebenso ist beim Strafverteidiger vorzugehen.
Darf ich es wagen, mein Herr, Sie auf einen Kümmel einzuladen? Immerhin betrachten Sie mich schon eine ganze Weile so unauffällig. Vermutlich ist Ihnen mein Gesicht irgendwie bekannt, wenngleich Sie nicht wissen, woher? Ja, das kommt vor, in dieser Welt, in der alles irgendwie schon einmal war. Wie sagte doch der Prediger Salomo: »Es gibt nichts Neues unter der Sonne.«
Ah, das ist Ihnen bekannt? Es geht doch nichts über die Kenntnis der Schrift.
Nehmen Sie das Gläschen – wunderbares Aroma, nicht wahr? Den gibt es nur hier. Ist selbst gebrannt vom Wirt, meinem alten Klienten.
Sie meinen?
Ja gut, ich war einmal Rechtsbeistand und er einer meiner Fälle, es war eher eine Gefälligkeit, die ich erwiesen habe.
Nein, nichts Besonderes, das lohnt nicht des Berichts.
Ja, es gibt auch andere. Wenn Sie möchten, setze ich mich zu Ihnen und erzähle eine Geschichte.
Solch ein Interesse haben Sie, wahrhaftig! Nun gut, ich will Ihnen also etwas offenbaren.
Das, was sich zugetragen hat, ist nicht lang her und doch so fern. In unsrer Zeit, in der alles so schnell geht, wird ja auch schnell wieder vergessen. Schade nur, dass der Betroffene nicht schnell vergisst.
Bring besser die ganze Flasche Kümmel, mein Freund.
Sehen Sie, diese Schänke hat einen schlechten Ruf, wie man so sagt. Aber wenn Sie in dieser Gegend sind, ist diese Örtlichkeit ein Begriff. So müssen Sie es sich auch mit meinem jüngeren Ich vorstellen. Als junger Anwalt braucht man Geld und Bekanntheit, wobei das eine zum anderen führt. Mit Idealismus ist weder einem selbst, noch den Klienten geholfen. Und ansonsten schlägt man sich so durch, wie ich es auch machte. Die jungen Mittellosen, die werden bestenfalls Pflichtverteidiger, aber dazu gehört auch schon Glück oder – in meinem Fall – Hartnäckigkeit.
Und so sitzt man da mit den Armen, die so dumm waren, sich erwischen zu lassen und muss sie verteidigen zu kläglich Lohn. Das alles kostet Zeit und bringt wenig ein. Also besser nur das Nötigste tun, versuchen die Rechnungen eben zu bezahlen und hoffen, dass ein Wunder geschieht. Sehen Sie, das genau ist das Dilemma. Aber das ist nur die eine Seite: Da gibt es die Fälle, die sind so banal, dass sie nicht interessieren, so ein kleiner Diebstahl zum Beispiel. Und dann gibt es die, bei denen man eigentlich die Höchststrafe erhofft und manchmal sogar denkt, das sei zu wenig.
Sie meinen?
Nun ja, den Sander zum Beispiel. Der hätte zwar eigentlich keinen Pflichtverteidiger nötig gehabt, wie mir später aufging, aber gewisse Leute wollten wohl ein bisher unbeschriebenes Blatt als Anwalt, der sich die Finger schmutzig macht. Widerlicher Typ dieser Sander, so ein kleiner Unscheinbarer.
Was er gemacht hat, fragen Sie? Lehrer an einem Internat war er und hat sich jahrelang an seinen Schülern vergangen. Das hat er mir alles genauestens geschildert. Die Presse forderte seine Hinrichtung, vorher aber Kastration: »Fallbeil unten, dann Fallbeil oben!« Und über mich gab es alsbald Berichte, die andeuteten, dass ich bewusst ausgesucht worden wäre, da Sander in mir eine Art Geistesverwandten sehen würde. Unglaublich! Von anderer Seite wurde mir vorgehalten, dass ich ja gar kein Gewissen habe, solch ein »Schwein«, von »Mensch« sprach niemand mehr, zu verteidigen.
Einmal erwischte ich jemanden, vermutlich einen Reporter, der meinen Müll durchwühlte, was immer er da suchte. Und dann war da die eingeworfene Scheibe in meiner Kanzlei und mein demoliertes Auto. Ich musste ins Hotel ziehen, da meine Frau und ich daheim nicht mehr sicher waren. Meine Frau ging zu ihrer Mutter und ist nicht mehr wiedergekommen. Und als ich die Ruhe einer Kirche suchte, fotografierte mich jemand und schickte das Bild an eine gewisse Zeitung, die für so was Prämien aussetzte, welche dann meinte, dass ich meine Gewissensbisse durch Beten ausräumen wolle, Gott mich aber nicht erhören werde. Dabei ist es doch so gewesen: Das Vertrauen in den Schöpfer und seine Weisheit hatte mich schon als Kind eingenommen und tatsächlich lag die Schrift seit meinem achten Lebensjahr neben meinem Bett. Ich las darin in den Semesterferien und so wurde meine spätere Frau in der Mensa auf mich aufmerksam. Die stumme Zwiesprache mit dem Herrn hat mir oft über meine Zweifel hinweggeholfen, bis diese dann zu groß wurden. Denn tatsächlich begann ich damals immer mehr an Gott zu zweifeln, je dicker die Akten dieses Falles wurde. Die unglaublichen Taten meines Klienten und wie er, was mir mehr und mehr auffiel, durch alle möglichen Personen gedeckt wurde. Und niemand will von alledem gewusst haben. In den Vorverhören versuchte ich seine Opfer in Widersprüche zu verwickeln. Und als es geschah, wurde das alles für mich noch schlimmer. Dann kam dieser junge Polizist nach einem der Verhöre zu mir und gab mir wortlos einen braunen dünnen Umschlag. Wiedergesehen habe ich den Mann nie. Ich bin heute nicht einmal mehr sicher, ob er überhaupt Polizist war. Was er mir übergeben hatte, war der Beleg eines groben Verfahrensfehlers. Kurz darauf zogen auch noch die Missbrauchsopfer, beziehungsweise ihre Eltern, allesamt ihre Strafanzeigen zurück und der Prozess war beendet, bevor er begonnen hatte.
Meine Frau sprach nie wieder mit mir, Klienten dafür umso mehr. Leider kamen letztere alle mehr oder weniger aus der Halbwelt, denn anständige Leute wollten nach den Berichten über meine Person nichts mehr von mir wissen.
So wurde ich reicher und reicher, Geld und Bekanntheit hatte ich nun im Überfluss. In meiner Kanzlei konnte ich ein halbes Dutzend weiterer Juristen anstellen und ich zog in das Anwesen in der Berggasse. Dort hatte ich alsbald mehr nicht verurteilte Kriminelle, also Kundschaft, zu Besuch, als Freunde.
Meine religiösen Zweifel nahmen übrigens gleich meinem Erfolg zu. War ich Gottes Werkzeug oder das der organisierten Kriminalität?
Eine Weihnachtskarte mit nacktem Christuskind, aufgegeben von meinem Ex-Klienten Sander in Südamerika, ließ mich zum ersten Mal seit meinem achten Lebensjahr von der Messe am Heiligabend fernbleiben. Sander lebte nun, offensichtlich finanziert aus dubiosen Quellen, in Brasilien. Er schrieb, er wünsche mir, auch im Namen seiner neuen Familie, alles Gute und ein gesegnetes Fest.
Die Ruhe dieses besagten Festes wurde gestört, als am Tag nach Christi Geburt der Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in der Hauptstadt verübt wurde. Ein Dutzend Tote und mehr als dreimal so viele Verletzte, darunter viele Verstümmelte.
Sie haben nur wenig davon gehört?
