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1892. Heiß, schwül und voller Mücken ist der Sommer auf Java. Hier wittert der Niederländer Eugène Dubois Spuren frühester Menschen. Dubois will Darwins Theorie beweisen. Er will der erste Mensch sein, der den ersten Menschen findet. Dubois ist ein ehrgeiziger Mann. Einer seiner Zwangsarbeiter findet in einer Flussuferwand einen fossilen Oberschenkelknochen. Dubois ordnet ihn einem gefundenen Zahn und einem Schädeldach zu und präsentiert der Welt den Pithecanthropus erectus, den Affenmenschen. Eine Sensation. Aber Zweifler melden sich zu Wort, angeführt von Rudolf Virchow. Dubois bleibt stur. Eugène Dubois (1858–1940) ist historisch, doch der Pionier der Paläontologie ist im deutschen Sprachraum weitgehend unbekannt. Schade. Der Roman lässt den unbequemen Forscher selbst zu Wort kommen, aber auch jene, die ihn umkreisen: den Zwangsarbeiter, die Ehefrau, den Sohn, das Totgeborene. Ebenso einen Schamanen und einen Dämon. Rudolf Virchow nicht zu vergessen. Und noch jemand meldet sich zu Wort: ein Meteoroid, kreisend im All, der den Weg der Menschwerdung verfolgt und sich danach sehnt, eines Tages Dubois persönlich zu treffen.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Inhaltsverzeichnis
Impressum
Biografie
Widmung
Vorbemerkung
Prolog
Die Sucher
Der Entdecker
Der Finder
Der Jäger
Der Verwundete
Die Beute
Der Bote
Das Geschöpf
Der Besucher
Das Fossil
Die Quellen
Inhalt
Gerald Koll
Songdog
© 2025 Songdog-Verlag, Bern
Cover-Gestaltung: Gerald Koll, Songdog und Buchwerkstatt.ch, unter Verwendung der Illustration eines Federschwanz-Spitzhörnchens von Rudolf Burckhardt, in: Gustav Schneider: Ergebnisse zoologischer Forschungsreisen in Sumatra. Erster Teil: Säugetiere, Verlag Gustav Fischer, Jena 1905, Tafel 1.
Lektorat und Satz: Songdog und Buchwerkstatt.ch
ISBN 978-3-903349-35-3
Gerald Koll, geboren 1966 in Kiel, beendete seine Schulzeit auf dem Gymnasium in Eckernförde, wo es einen Strand gab und Fischkroketten. Er studierte Literaturwissenschaft, Geschichte und Sprachwissenschaft in Kiel und Tübingen und schreibt seit über 20 Jahren für diverse Zeitungen («Frankfurter Allgemeine Zeitung», «Die Welt», «taz», «Süddeutsche Zeitung» u. a.), Magazine («blimp», «filmdienst») und Enzyklopädien. Außerdem ist er als Filmemacher tätig: Seit 2000 entstanden u. a. Dokumentarfilme für Arte und 3sat, 2008 ein Kinodebüt mit «88 – pilgern auf japanisch» und 2014 ein Film über einen Kieler Hexenfall aus dem Jahr 1676 («Ein Metjen nahmens Preetzen»).
Seit 2016 widmet sich Koll dem Verfassen historischer Romane. «Knochenland» ist dabei der erste Teil einer geplanten Trilogie über widerborstige Personen des 1., des 18. und des 19. Jahrhunderts.
Gerald Koll lebt in Berlin.
Für Melanie
Wer das Gefühl bekommt, sich im Text verirrt zu haben, dem sei empfohlen, das Kapitel «Die Quellen» ganz am Ende des Buches vorzuziehen. Dabei ist es wie immer mit Abkürzungen: Sie gehen auf Kosten des Weges.
23. August 1892, Dienstag, bei Trinil (Java)
Da schlägt eine Hacke in die Wand, und die Wand schlägt zurück. Ein kalter Funke sticht in eine Schulter, hart wie die Klinge des Klewang-Säbels. Die Wand beschützt den Stein, der in ihr schläft. Er ist verletzt. Splitter liegen herum. Wenn der Stein erwacht, ist alles aus.
Der Arm, der hackt, ist jung und stark. Er gehört einem jungen, starken Mann. Der Mann gehört einem anderen. Er steht im Bann des Zauberers. Nach dessen Willen gräbt der Mann nach Resten der Toten. Er hat etwas gefunden. Zu seinem Kummer.
Jetzt ruhig bleiben, jetzt schlau sein, unauffällig. Behutsam klopfen, schaben, reiben. Nicht dass jemand etwas merkt. Nicht dass jemand herüberschaut. Der Vorarbeiter etwa. Oder ein Korporal. Döse weiter, lass dich streicheln, Stein. Kein Lebender stört ungestraft den Schlaf der Geister.
Was lebt, ist tot, was tot ist, lebt. Die Linie, die Lebende von Toten trennt, haben andere Menschen gezogen als Allay. Nicht drüber nachdenken, Allay, jeder Gedanke daran macht Angst. Du denkst, du könntest es machen wie das letzte Mal, als du das Steinmaul fandst: ins Geröll. Nicht jeder nimmt es mit den Steinen auf. Wenige sind dazu imstande. Der Zauberer, ja, der Zauberer vielleicht! Vielleicht auch der Dukun, der Dämonen bannen kann. Der Zauberer will den Stein, das weiß Allay. Was aber will der Stein?
Die Sucher
1.
10. November 1887, Donnerstag, Ngale (Java)
Die Sonne sinkt. Allay, der liebliche Jüngling, sitzt unter einem Bulubaum. Es ist sein Lieblingsbaum. Der Urvater erzählt, er kenne einen Dukun. Er lebe am Hang des großen Vulkans, auf der anderen Seite. Dort habe der Urvater ihn einmal besucht.
Allay ist eingeschmiegt zwischen seinen schönen Vetter Nassi, dessen Schulter einen Duft von Zimt verströmt, und Adinda, Allays Schwester, die der Urvater nicht Adinda nennt, sondern ‹Blüte eines Zitronentropfens›. Gestern schauten sie nachts in den Himmel und hielten Ausschau. Der Urvater erzählte von einem Stern mit einem langen Schweif. Er hat ihn selbst gesehen, als er noch ein Kind war. Weiß und blau habe er geschimmert und gefunkelt, zugleich zierlich fein wie der Schleier einer über das Himmelszelt eilenden Braut. Des Urvaters Urvater habe ihm den Stern gezeigt. Er wartet auf ihn, denn er würde ihn gern seinen Kindeskindern zeigen, damit sie künftig danach Ausschau halten und ihn ihren Kindern zeigen. Der Stern mit dem Schweif verbinde alle miteinander.
Sein Leben lang könnte Allay unter dem Bulubaum verbringen und dem Urvater zuhören. Wenn da nicht Mutter wäre. Sie schimpft den Urvater aus wie ein Kind, das seinen Tag damit verbringt, seine Zehen zu zählen. Reis soll er stampfen, schimpft sie, auch die Kinder sollen Reis stampfen, aber statt Reis zu stampfen, sitzen sie lieber unterm Bulubaum und hören des Urvaters Geschichten.
Allay weiß, der Urvater weiß alles. Der Urvater ist älter als der Vulkan. Zumindest der älteste Mensch, den es gibt. Der Urvater lebte weiter, als sein Sohn starb. Der Sohn vom Sohn starb, und der Urvater lebte weiter. Dann starb der Sohn vom Sohn vom Sohn – das war Allays Vater. Der Urvater aber lebt. Er wird noch leben, wenn Allay stirbt, weiß Allay.
Heute nahm der Urvater seine jungen Kindeskinder, die selbst kaum noch Kinder sind, mit in die Wälder. Im weißen Morgennebel folgten sie Spuren. Der Urvater erkannte sie. Sie stammten vom Orang Pendek, dem Affenmenschen. Keiner hat je einen gefangen. Viele glauben nicht, dass es ihn gibt. Der Urvater aber kennt Orang Pendek: Ihr Fell ist zottelig und rötlich, klein sind sie, sie gehen aufrecht wie ein Mensch.
Nur ein Schatten flog an Allay vorüber. Orang Pendek sind scheu.
In seinen jungen Jahren, erzählt der Urvater den Kindeskindern, zog er aus, einen Orang Pendek zu fangen. Urvater ließ sich vom Dschungel verschlucken. Tief im Wald geriet er unter die Battaker. Statt ihn zu fressen, wie es bei ihnen Sitte ist, luden sie ihn ein zu bleiben. Er blieb und sah, wie die Battaker einen Dieb erwischten. Sie banden ihn an einen Pfahl, schnitten ein Stück Fleisch aus seinem Bein, rösteten es vor seinen Augen und verzehrten es. Damit der Dieb lerne, wie es sei, bestohlen zu werden. Der Urvater verließ die Battaker und verlegte sich auf Kopfjagd.
Kopfjäger zu werden, könnte Allay gefallen. Er ist mutig, mutiger als Adinda oder Vetter Nassi. Allay melkt den Upasbaum. Mit beherztem Hieb schlägt er Kerben in den Stamm, schöpft Saft ab und taucht dünne Blasrohrpfeile in das Gift. Einen Gibbon hat er schon damit erlegt. Sein Urvater aber rät von der Kopfjagd ab. Sie habe keine Zukunft. Besser sei, rät er, Betel zu spucken und der Sonne ins Maul zu schauen. So lange, bis der geschweifte Stern am Himmel erscheine. Dann sei es Zeit, den Betel zu schlucken und die Augen zu schließen. Mutter schimpft und schreit, sie schreit die untergehende Sonne an.
Da horcht der Urvater auf. Er sagt, drei hohle Schläge habe er vernommen. Töne, als schlüge Holz auf Knochen. Aus weiter Ferne komme das Geräusch, weiter, als die Kinder blicken können. Über das Meer kommt es geflogen. Noch ein zweites Geräusch sei zu hören, ein Ton, als bildeten ein Spatz und ein Frosch zusammen ein Wort, ein kurzes Zwitschern und ein Quaken: tüü-pua! … tüü-pua!
Am selben Tag, Rotes Meer
Dubois, Eugène Dubois, ihm ist nicht wohl, das spürt man. Dubois ist unterwegs. Auf hoher See ist er, auf einem schwankenden Schiff, wo alle Welt den Halt verliert. Sein Unbehagen wächst, wenn er jetzt in der Kajüte sitzt, auf dem Bettrand einer Koje, und Annas Handgelenk umschließt, um ihr das Gefühl von Sicherheit zu geben. Woher soll er es nehmen, das Gefühl?
Gern würde er mit seinem Zeigefinger ihre Vene streicheln, vom Handgelenk zur Ellenbeuge, doch seine Finger wollen sich nicht lösen, sie zeichnen auf und zählen. Annas Puls ist zu hoch, ihr Magen ist nervös. Sie übergibt sich in zwei Schwällen. Auf der Zunge hat er unvermittelt den abscheulichen Geschmack von klintschigem Brot. Auch sein Magen droht sich zu regen. Er regte sich bereits, als die Matrosen die Brücke hochzogen. Doch er ließ es nicht zu. Er bezwang den Magen.
Zehn Tage soll das erst her sein, dass die Prinses Amalia in Amsterdam ablegte? Er hatte sich an der Reling festhalten müssen. Kaum erfasste sein Blick die Reihe der schmal aufgeschossenen Hafenhäuser und die Zwiebeltürme der Nikolaikirche. Sein Stehkragen hinderte ihn, den Kloß zäher Heimatgefühle hinunterzuschlucken und Atem genug zu behalten, um über Anna und Eugénie Zuversicht zu verströmen. Mit ihren Kinderfingern umklammerte Eugénie seinen Hals, Anna drückte angstvoll seine Hand, und er wartete auf das Gefühl von Freiheit. So klinge Neubeginn, sagte er laut, als das Schiffshorn blies. Dann überkam ihn doch die Angst darüber, dass er von seinem Professor, Professor Fürbringer, ohne rechten Abschied geschieden war. Damit kein Fluch ihn ins neue Leben verfolgte, hatte Dubois aus Triest einen Gruß telegrafiert. Es hatte ihn Kraft gekostet, sich aus der Umlaufbahn des Professors herauszukatapultieren. Eugène Dubois war aber nicht zu halten.
Er ist der Erste. Pionier. Der erste Mensch, der gezielt nach den Vorfahren des Menschen sucht. Nach Vormenschen, Affenmenschen, die menschlicher als Menschenaffen sind, aber äffischer als Menschen. Kein Mensch hat je danach gesucht. Funde gibt es, Zufallsfunde, umstritten wie jene im Neandertal. Niemand aber zog zur Suche aus. Dubois zieht aus, den Ursprung der Menschheit zu finden. Nicht irgendwo. Dort, wo Haeckel sie vermutet. Wo auch Selenka sie vermutet. Dort, wo die menschenähnlichsten Affen leben, die Gibbons, dort, in Asien, in Niederländisch-Ostindien. Wie ein Entdecker stach Dubois in See. Wie Kolumbus. Wie Darwin. Was unterscheidet sie von ihm? Sie hatten die Familie nicht im Schlepp. Darwin war speiübel, dauernd.
Seit um das Schiff nur Wasser ist, geht es Anna schlecht. Sie nehme ihm nichts übel, sagt sie, aber je mehr sie es beteuert, desto weniger glaubt ihr Dubois, denn natürlich war er es, der ihr alles eingebrockt hat: die Überfahrt, das Ungewisse der Zukunft. Zukunft, die jetzt schon Gegenwart ist in Gestalt der leeren endlosen Gewässer, die der Kiel pflügt, ohne dass ein Raumgewinn zu verzeichnen wäre. Der Horizont bleibt immer gleich. Nur hebt und senkt er sich, wenn Dubois aus dem Bullauge schaut. Er hebt und senkt sich auch im Kopf, der schwebt und sackt. Darin regt sich was. Auch in Annas Bauch. Die Schwangerschaft – es muss vor wenigen Wochen passiert sein.
Hab keine Angst, Eugène, dass Anna deine Angst spürt. Ich weiß, du willst dir keine Blöße geben. Auch jetzt, einige Tage nach Port Said, seit es immer schwüler wird und an Deck immer häufiger Tenniskostüm und Flanelldress auftauchen, öffnest du nur die obersten Knöpfe deiner neuen Uniform, obwohl der Kattun juckt und der Kragen Striemen in den Hals malt. Du willst nichts falsch machen. Du reißt dich besser zusammen als Darwin auf der Beagle. Du kübelst nicht. Du nicht! Dein Magen überstand den Scirocco, der Gischt auf das Wasser brachte, das Deck mit Wüstensand bespie und die Takelage poltern ließ. Das Schiff rollte, aber du hast standgehalten, trotz Reis mit Curry und Pfannküchlein mit Sirup.
Ohne Schüssel schleppt sich Anna ja kaum noch aus der Kabine. Gut, dass die Damen der heiligen Mission die kleine Eugénie bemuttern, fast könntest du dich mit dem Nonnenstand versöhnen. Sie scheinen ihre Mägen ganz Marien anvertraut zu haben. Und wie sehr würde es dich beruhigen, wenn Anna ähnliches Vertrauen in dich fassen könnte. Ihr Blick lässt dieses Vertrauen allerdings vermissen. Du hältst ihr die Schüssel, hältst die nasse Stirn, betupfst ihre Unterlippe mit Rosenöl und Opium, bettest ihren Kopf ins Kissen. Furchtbar eng ist die Kabine. Du wischst um den kleinen Waschkasten die gewürgten Reste von Milchkaffee und Brot auf. Anna? Schläft, der Atem rasselt. Oder spielt sie nur die Schlafende? Glaubst du, sie möchte, dass du gehst, damit sie endlich ihre Ruhe hat?
Du zögerst. Streichst den Uniformrock glatt, um an Deck zu steigen. Die Litzen weisen dich als Sanitätsleutnant aus. Deine Kleidung ist Tarnung. Sie kaschiert, dass das Militär für dich lediglich ein Vorwand ist. Es war deine Fahrkarte in die Indies, in Urwelt und Urwald. Zu Höhlen und Schätzen, die du finden willst.
Deine Rolle spielst du gut. Gesellst dich zu den Offizieren, die bereits in den Kolonien dienten. Sie lehren dich Malay. Du lernst willig, fügst dich geschmeidig in jovialen Kasernenton und Kameradenjux, saugst neue Wörter auf wie frische Brise. Der Himmel scheint unendlich weit zu sein (was er übrigens nicht ist, oh nein!). Du willst so sehr, dass alles gut ist. Auch für Anna. An der Reling willst du mit ihr stehen, wenn Sumatra in Sicht ist. Für das Erinnerungsfoto im Kreis der Passagiere saß sie anmutig aufrecht, bevor sie sich wieder über ihre Schüssel beugte. Ihre Kummerbüchse. Jetzt schließt du die Kabinentür hinter dir und hörst im letzten Augenblick ein Wispern: «Wollen Sie mich verlassen, mein Ritter?»
«Nur eine Unpässlichkeit. Luftveränderung! Ein wenig frische Luft. Alles wird gut.»
Doch deine Gedanken sind woanders. Sie wandern aus der muffigen Enge der Kajüte in die endlose Weite. Manche dieser Gedanken wandern etwas fahrig nach Berlin und fragen sich, was er wohl macht. Wer? Na er, der Widersacher. Ich verrate dir, was er jetzt macht, Eugène.
Zur selben Zeit, Berlin
Er eilt aus der Sitzung, wo es um Safran-Surrogate ging. Er ist Arzt wie du. Wie du schürft er nach Spuren in Erden und Menschen. In die Tram steigt er. Acht Grad, Regen. Es ruckelt. Auch ihm ist alles andere als wohl. Nasse Schultern stoßen ihn an, während er die Neue Freie Presse liest. Er liest vom schlechten Befinden seines Patienten, des berühmtesten Patienten dieser Tage.
«Alles wird gut, Durchlaucht», hat er diesem Patienten zugeraunt, immer wieder, nachdem dieser ihn leise, dann heiser, schließlich fast stimmlos fragte: «Ich will nicht klagen, Virchow, wann aber endet mein Leiden?»
Immer wieder hatte der Geheime Medizinalrat Rudolf Virchow den Kronprinzen beschwichtigt. Trotz Auszehrung und Schluckbeschwerden. Obwohl der Kehlkopf die Luftröhre verstopfte. Nur eine Entzündung, Durchlaucht, beschwichtigte Virchow den Kronprinzen, sei das seltsame Gewächs am Kehlkopf – eine warzige Wucherung auf den Stimmbändern, mehr nicht. Nicht der entfernteste Anhalt für die Annahme einer Gewebswucherung. Nichts Bösartiges. Nur eine Unpässlichkeit. Luftveränderung! Ein wenig frische Luft, und alles werde gut. Luftkur verordneten die Ärzte. An der malerischen Riviera, in der Villa Zirio mit ihrem üppigen Garten voll wilder Gewächse und guter Düfte. Luft würde die Kur seiner Majestät verschaffen. Raus aus Charlottenburg, raus aus der Stadt, wo es die Kehle zuschnüre. In San Remo sei alles heiter und weiter.
Die Wucherung am kronprinzlichen Kehlkopf aber gedieh schneller als Radieschen. Kaum dass Chirurg von Bergmann dem mit Kokain notdürftig betäubten Patienten eine glühende Drahtschlinge in den Rachen führte und die Wucherung ausbrannte, wucherten erneut die rötlichen Knötchen. Wieder senkte der Leibarzt den heißen Platindraht in den brandvernarbten Schlund, zum dritten, vierten, schließlich vierzehnten Mal.
In der muffigen Tram, getränkt mit Bazillen schnupfender Gäste, liest Virchow Gutachten. Es sind Gutachten über ein Gutachten Virchows. Gut sei es leider nicht, monieren Sanitätsräte. Sogar Sir Mackenzie, der Virchow sehr gewogen war, räume ein, er sei geneigt, den Krebsdiagnosen beizupflichten.
Krebs! Ein Wort, das fällt wie eine Axt. Die Feststellung von Kehlkopfkrebs wäre das Todesurteil nicht nur für den Kronprinzen, sondern für allen Fortschritt, der sich an die Fersen dieses liberalen Thronprätendenten heftet. Schon jetzt ist seine Stimme nur mehr ein Hauch. Der endgültige Schnitt würde die wichtigste Gegenstimme der Reaktion verstummen lassen, bevor sie sich mit Kaisermacht erheben könnte.
Virchow bekämpft den Krebs, indem er dessen Existenz in Zweifel zieht. Indem er darauf besteht, dass Hoffnung besteht. Er riskiert den eigenen Ruf dabei. Wer wird auf seine Stimme hören, wenn die Spatzen von den Dächern pfeifen, dass er die Wahrheit verschweigt? Dass er aus politischen Gründen eine Kehlkopfentfernung verhindert habe? Dass er das Leben des künftigen Kaisers aufs Spiel gesetzt habe?
Was wäre ein Kaiser ohne Kehlkopf? Der Schmerz des Kronprinzen Friedrich Wilhelm ist auch Rudolf Virchows Schmerz …
2.
15. Juni 1888, Freitag, Pajakombo (Sumatra)
Du entbindest. Annas Schmerz dringt in dich, als deine Hand den Muttermund ertastet. Er liegt offen, du beherrschst den Vorgang, du machst es nicht zum ersten Mal, doch deine Finger fühlen einen Schmerz, der sich nicht ins Denken übersetzen lässt. Ein sprachloser Schmerz ist es, der Anna mit dem Kind verbindet und sie von ihm trennt. Du würdest gern schlichten, beide versöhnen und setzt, um dich nicht selbst im Schmerz zu verlieren, deine Arztmiene auf. Du befolgst Fürbringers Methode der Händedesinfektion mit Alkohol und Quecksilberchlorid, damit kein Keim den Eingriff verderbe. Da kommt der Kopf, der große Menschenkopf, so groß, dass höchste Zeit ist, sonst sprengt er den Geburtskanal. Dass er seiner Art gemäß sei, denkst du. Dass er artgemäß bei der Geburt noch kaum zum Leben tauge; daher angewiesen sei auf erhöhte Brutpflege, Fürsorge und Miteinander. Ein unfertiges Geschöpf, verglichen mit einem neugeborenen Schimpansen …
5. April 321 098 vor heute, Karsthöhle (Nordafrika)
Dem Fötus brummt die Großhirnrinde. Kopfweh. Dick und faltig ist es, damit mehr Hirn Platz findet, ohne dass der Schädel aus den Nähten platzt. Noch mehr Faltung, noch mehr Hirn. Das Hirn verlangt Alleinherrschaft. Von allen Körperteilen ist das Hirn der gierigste. Verlangt am meisten, verbraucht am meisten, strapaziert am meisten. Der fötale Kopf wächst so stark, dass er raus muss, bevor das Übrige ganz fertig ist, sonst passt er nicht mehr durch. Im Trüben kraulen seine kleinen Kraulfinger.
Der kleine Krauler wird erwartet. Die Mutter wird ihm Bauch und Rücken kraulen, später krault er zurück. Die ganze Gruppe krault gern, das stärkt das Gruppengefühl. Jeder krault jeden. Doch nicht nur der Kopf ist zu groß geworden, sondern auch die Gruppe. So viele Bäuche und Rücken kann kein Krauler kraulen. Es ginge leichter mit Gespräch. Kiefer und Kehle, vieles ist schon vorbereitet. Fehlt nur noch die Sprache …
… doch dieser Gedanke ist nicht mehr als ein Kopfzucken, denn deine Finger fühlen Vertiefungen: Das Gesicht ist nach hinten gedreht, jeden Augenblick wird das Wesen aus seinem Heim aus Fleisch und Blut vertrieben, seiner ersten Heimat. Lauter Leibesschmerz spült durch deine Arme und staut sich in deinen Schultern, die du anspannst, damit du Anna Halt gibst, Anna und dem Kind, du bringst dein Kind zur Welt, den Sohn. Durst hast du. Nach Zitronensaft, schön frisch. Dein Sohn soll einen Tiger schießen eines Tages, einen Königstiger.
Am selben Tag, Berlin
Heute starb der Kaiser. Für Rudolf Virchow ist es eine Schmach. Er sitzt in seinem Arbeitszimmer in der Charité, am Schreibtisch, umgeben von Regalen voller Schädel. Eben erhielt er die Mitteilung, um elfeinhalb Uhr habe Kaiser Friedrich zu atmen aufgehört. Morgen wird ihn Virchow aufschneiden. Virchow weiß, was er im Hals des Toten finden wird. Schwindlig wird ihm bei der Vorstellung.
Vor zweieinhalb Wochen hat er seinen Kaiser am Siechbett besucht. Hat ihm Fotografien von ägyptischen Ruinen gezeigt, die Virchow im Frühling mit seiner Krügener’s geschossen hatte. Hat ihm von Derwischen erzählt, die auf ihn schossen. Von der Schönheit der Berber. Etwas Sputum hatte Virchow dem Kaiser entnommen, untersucht und verkündet, die Drüsen seien gesund, obwohl nur noch ein röchelndes Gerippe seinem Tod entgegenstarrte. Dem Tod und Virchow, im Blick die stumme Frage, ob er denn immer noch nichts finden wolle. Nach der Krankenvisite war Virchow mit der Kaiserin durch den Schlossgarten gegangen. Leicht versetzt hinter der pompös ausgereiften Korsettage. Weiß war die Kaiserin geworden. Noch war die runde Fülle des Gesichts vorhanden, doch ihr Blick, der immer so unbestechlich und hellsichtig gewesen war in seiner humanistischen Noblesse, war voller Angst. Vor dem Tod, der kommen musste. Vor dem Sohn, der näher kam und mit seinen Ulanen vor dem Schloss Aufstellung bezog, um beim letzten Atemzug des Vaters die Mutter aus dem Haus zu jagen. Sie mitsamt ihren Fortschrittlern. Fortschrittlern wie Virchow. «Hätten wir nur mehr Zeit gehabt, mein lieber Virchow, nicht wahr?», fragte sie ihn in ihrem englisch klingenden Deutsch, als sie ihm am Palaisportal die Hand reichte, um den Puls messen zu lassen. Kurz hatte er, den Blick auf die Vene gesenkt, seine Augen zusammengekniffen, als dieser Hieb ihn traf.
Virchow wusste es und weiß es auch jetzt, was er morgen finden wird, wenn er das Skalpell ansetzt. Nester und Zwiebeln wird er im Kehlkopf finden, eine kranke Lymphdrüse, Brandnarben, Schmauchspuren wie in einem Schlot. Er wird den Krebs benennen müssen, wider Willen.
Ein scharfer Geruch aus Studienzeiten weht Virchow an: faulig, nach verwestem Fleisch. So hatte es gerochen, als er im Kursus einen Zungenmuskel freizulegen hatte. Vor ihm: ein abgesägter Kopf, den Kommilitonen eine Woche lang zerwühlt hatten. Um durch den Hals in den Schlund zu gelangen, musste er den Klotz umdrehen, musste buchstäblich den Kopf auf den Kopf stellen. Aus dem Hals stank es unmenschlich.
Widerwillig kratzt Virchow sich am Kopf. Er, der Unanfechtbare. Man wird seine Befunde aufs Neue anfechten. Wird seinen Ruhm in Zweifel ziehen. Glück und Ruhm sind bei den Findern und Erfindern, die ihre Funde präsentieren, ihre Tuberkel und Tuberkulin. Irgendeiner von Kochs Assistenten hat kürzlich die Bemerkung fallenlassen, er habe einen bemerkenswerten Aufsatz zum Kehlkopf gelesen, verfasst von einem gewissen Dubois, Eugène Dubois.
Der Entdecker
1.
13. Juli 1892, Mittwoch, Tulungagung (Java)
Finde, mache Funde, es ist frisch und windig dieser Tage. Es pfeift die Lok, und die Räder schieben an. Über zwanzig Pfiffe liegen vor dir, zwanzig Mal noch kreischen Bremsen, zwanzig Mal stellen die Stationsvorsteher Hebel, heben Kellen, heben Pfeifen, bis du durchgerüttelt ankommst. Hundertdreißig Meilen weit schmilzt das Land unter der Sonne, unappetitlich wie ein zerlaufener Spinatknödel unter zerlassener Butter. Blass, das alles. Keine Blumen, vereinzelt Vulkane, dauernd Plantagen. Ozeane aus Zuckerrohrplantagen. Hitze, Stimmgebell, Gegacker.
Da kommt Madian, deine Station. Verschwitzt steigst du vom Perron herab und … oha, gestolpert. Aufgerappelt. Da kommen die Lastenträger – Himmel, was für ausgemergelte Gespenster. Kaum dass die zerfransten Leinensäcke die knochigen Lenden verhängen. Leichthändig wuchten sie die Kisten auf die Schädel. Zahnlos sind sie, zahnlos und robust.
Auf den Karren. Du schwingst dich auf den Bock, behältst den Arztkoffer am Mann. Du hockst im Pistenstaub. Vor dir furzt der Büffel. Müde tätschelt ihn der Bauer mit belaubten Zweigen. Niemanden interessieren die Gehöfte und Büsche und gedörrten Felder. Reis, Reis, Reis, acht Meilen noch. Strauchige Steppe, Tabakfelder. Eingeborene dösen im Schatten ihrer Bambusbüsche. Gewaltig, diese Büsche: wie monströser Broccoli. Bambusbrücken, Bambushütten mit Bambusschindeln. Bambustische, Bambuseimer.
Ngale, armes Nest. Eine Handvoll Hütten. Unterm Baum dort sitzt ein Greis. Der sitzt dort immer, jedes Mal, wenn du vorbeikommst. Dürr wie eine trockene Vanilleschote. Im Rückentuch ein Kindchen, dessen Köpfchen dauernd wackelt. Ausgeburt eines jungen Mädchens aus dem Dorf, das die Geburt nicht überlebte, heißt es. Es heißt auch, seltsam fahl sei dieses Kind, mondfahl, wie ein Perpendikel pendele der Kopf – nicht dass Korporal de Winter was mit ihm zu tun hat! (Kriele hat so etwas angedeutet. Schauerlich!)
Ein Stück noch, ein endloses Stück Wegs durch Staub und Büffelgase, die Ewigkeit einer halben Stunde, in der die Zeit stehen bleibt.
2.
Wieviel Zeit du auf Sumatra verschwendet hast! Über zweieinhalb Jahre hast du dort verschwendet. Keine Höhle ausgelassen, kein einziges Loch in dieser durchlöcherten Insel. Jeder Spur bist du gefolgt, jeder falschen Fährte der Eingeborenen, die argwöhnten, du habest es auf ihr Gold und ihren Salpeter abgesehen. Hast dich mit der Machete durch den Dschungel geschlagen, nachdem sie dir Hinweise verkauften und feixend nachwinkten, weil sie wussten, dass du wieder nichts finden würdest außer Kot von Fledermäusen. Du aber verkniffst dir Misstrauen und Wut, du wolltest treulich und tapfer wirken. Auch vor jener Höhle im Hochland von Padang.
29. Mai 1889, Mittwoch, bei Padang (Sumatra)
Dein Angstschweiß klebt in den Wänden. Er ist verzeichnet. Auch die Gaslaterne, die du mitgeschleift hast, hinterließ Geruch. Du brachst nicht aufrecht ein, nein, wie ein Reptil krochst du ins fremde Heim, den Wachsstift angezündet, gestützt auf Ellenbogen und Spitzen deiner Lederstiefel. Du krabbeltest den Gang hindurch und stießt auf Speise-, Schlaf- und Scheißbereich. Der Bewohner war nicht da. Sein Geruch vertrat ihn. Du raubtest kein Hirschfleisch, auch die Büffelknochen nicht, obwohl sie teilweise frisch waren. Dir trat Angstschweiß aus. Du flohst. Du presstest dich in die Erde und schobst dich rückwärts durch den Tunnel, hastig, blind und strampelnd. Panik überkam dich, du krochst in die Irre. Sackgasse. Da bohrtest du dich fest. Du winseltest, doch dein Rudel hörte nichts. Nur der Bewohner hörte es, die Ohren gespitzt, verborgen im Laub. Das Rudel mit den schlechten Ohren hörte erst hin, als dein Winseln zum Kreischen anschwoll. Ein Kreischen wie ein Spitzhörnchen mit Federschwanz. Da grub das Rudel und schleifte dich an deinen Stiefeln rückwärts aus der Höhle. Du richtetest dich auf, hilfloses Tier, das er hätte fressen können, der Tiger.
So dachte der Tiger, der nicht denkt, es aber weiß, weil er Instinkt hat. Weil seine Witterung untrüglich ist. Der Tiger, der vor drei Jahren Zeuge deines Scheiterns und deines Winselns war. Weil nichts seinen Nüstern entgeht. Auch dein Urin nicht. Dieser Zeuge deiner Verzagtheit liest die Spuren deiner Angst, seine Sinne entziffern die Chiffren und setzen sie zum Bild zusammen. Er ist dein heimlicher Richter.
Sumatra, die Teufelsinsel. Immer feucht, Matsch und Modder. Wochenlang im Urwald. Unter Felsvorsprüngen genächtigt … nicht etwa geschlafen, wie denn? Zweihundertsechsundsiebzig Gewittertage im letzten Jahr. Dreiundsechzig Prozent Luftfeuchte. Du hast es gemessen, du hast es notiert, lückenlos in Listen eingetragen. Eine Luftfeuchte, die alles einweicht. Auch dich. Du wurdest Gelee. Du wehrtest dich nicht mehr gegen die Insekten. Sie landeten in Heerscharen auf dir und tranken dich, während du wehrlos zusahst. Regen zerschlug die Bananenstaudenblätter, die dich schirmten. Wie viele alte Höhlen hast du ausgespäht, nur um festzustellen, dass alles wertlos war darin. Oder morsch.
8. Juli 1889, Montag, bei Padang
Die Höhle hat niemanden ersucht, in sie einzudringen. Männer folgen ihrem Leittier: dir. Sie folgen ohne Lust, sie sind ungesund. Viele fiebern. Wunden eitern. Sie hinterlassen Flecken. Bevor sie eindrangen, einer nach dem anderen, schnitten sie sich an Gräsern und Dornen. Tiger lauerten. Auch Schlangen. Aus dem Dickicht warf ein Eber sich auf deine Männer. Einer starb an Wundbrand. Das hat Vertrauen in ihr Leittier erschüttert.
Die Höhle hört das Jammern. Nun sind die Männer in ihr. Sie sind uneins. Sie wühlen, als hätten sie in ihr etwas verloren. Hört auf damit, hört auf zu grollen! Es stößt sie ab, das ist eine Frage des Geschmacks und des Geruchs, mit zu viel Bittersäure wird das alles nichts. Groll graviert die Innenwände, alle Schreie sind darin verzeichnet. Jedes Seufzen eines Geckos. Die Höhle ist erschüttert, flüstert Klagelaute, damit man sie verlässt, schnell und still, denn wenn sie schreit, begräbt sie alle unter sich …
Wie lange braucht der Büffel denn noch? Man fällt ja fast vom Bock von dem Gekippel. Und im Schädel rieseln Stimmen hin und her wie Kiesel. Ja, es könnte besser sein mit Anna, alles, was recht ist. Sie ist überlastet und nervös. Du spürst es, wie du damals es gespürt hast, als dein Trupp um Haaresbreite dem Tod entkam. Du hast das Knacken im Gestein gehört, sein Wimmern unter eurem Andrang, seinen Kollaps. «Hinaus, Männer!» hast du gehaucht, hast sie im Flüsterton herausgescheucht. Kaum wart ihr draußen, brach alles zusammen. Deine Männer, du hast sie gerettet. Nachdem du es warst, der sie in diese Höhle brachte.
Du hättest euch begraben lassen können in der Höhle, niemand hätte davon Notiz genommen. Sumatra: ein schwarzes Loch, das deine Zeit verschluckt hat.
Bis die Neuigkeit aus Java eintraf: ein Fund in Wadjak. Sie haben ihn dir zugeschickt. Ein Menschenschädel, alt, sehr alt, doch dir war er nicht alt genug, nicht affenmenschlich genug für dich. Alt genug aber, deine Suche nach Java zu verlegen. Du ließt dich versetzen, packtest Koffer und Familie und verließt die eine Insel für die andere. Hierher.
Du durchkämmtest den Nordosten Javas. Wurdest fündig. Dein Kieferfund an der Vulkanflanke der Kendeng-Berge. Plötzlich sahst du dich der Urzeit gegenüber, als habest du nun mit ihr sprechen können. Glotzte damals nicht wer aus den Büschen zu dir rüber und hat spioniert, wie du Zwiesprache hieltest mit dem fossilen Kinn? Irgendein Eingeborener, der spionierte oder deine Schätze rauben wollte? So gern hättest du mit diesem Kinn gesprochen, als das Kinnstück noch umkleidet war von Fleisch und Fell. Ob das Kinnstück einer Frau gehörte, die den Mann anklagte, er röche nach Rhinozeros? Kaum wagtest du damals, das Kinn in deine Hand zu nehmen.
24. November 1890, Montag, Kendeng-Berge (Java)
Nimm es ruhig in deine Hände. Viel ist nicht dran. Ein kleines Stück vom Kinn vom rechten Unterkiefer. Es liegt in der Schicht mit der Fauna ausgestorbener Elefanten und Rhinozerosse. Das gefällt dir, doch auch damit bist du nicht zufrieden. Auch dieser Fund ist dir zu menschlich. Die Sockel für Eckzahn und die beiden ersten Backenzähne: zu menschlich. Doch du setzt Hoffnungen auf dieses Kinn. Hängt dein Glück davon ab, Eugène? Fragst du dich, wer vor dir dieses Kinn berührt hat, den Daumen abwärts gleiten ließ, dem weichen Fell unterhalb der Lippe folgend? Um sich an einen Kuss heranzutasten?
3.
9. August 1885, Sonntag, Amsterdam
«Sie haben da etwas am Kinn, Mia …»
Mia hatte es dir sogar einmal vergönnt, den öligen Fleck, der ihrer Serviette entgangen war, mit kurzem Daumenstrich zu beseitigen. Leider schob Mias Cousin Karel missbilligend sein Kinn vor, und verlegen schnellte deine Hand zurück.
Du hattest dich nicht beherrschen können. Mehr noch als das Kinn von Mia Cuypers gefiel dir ihr Hals, seine milchige Blässe, die keinerlei Trübung zu dulden schien. Auch Gesicht und Haare schimmerten, ihre zum Vogelnest hochgesteckten, darunter in gezupften Fransen in die Stirn fallenden goldroten Haare, als sei Mia Cuypers’ hochgewachsener Körper ein Lampenschirm, in dessen Innerem ein Licht brennt. Ihre Unterlider schimmerten, als sammle sich dort Augenfeuchte. Die Lederhaut war weißer als das Fleisch der Brasse. Dass dieser Leuchtkörper auch Blut berge, verriet nur ein gelegentlicher Anflug von Rot auf Wangen und Nasenflügeln, übrigens verblüffend hartwandigen Nasenflügeln, ein Anflug, der Erregung verriet, sogar Empörung. Mia Cuypers neigte zur Empörung.
Bereits auf der großen Kolonialausstellung konnte sie sich empören, als ihr zwischen den Türmen in diese indische Welt eintauchtet, durch das maurische Tor, über die endlose Achse, von der die Hallen abzweigten. Da spazierte und flanierte man nicht, man war zum Schreiten gezwungen, wie Könige, die ihr Reich inspizieren, zusammen mit Mias Cousin Karel, der selbst, den Kopf gesenkt, kein Auge von ihrem Flaum im Nacken lassen konnte, dich unverhohlen als Nebenbuhler hasste und gegen dich sein Kinn vorschob wie eine Ramme.
Karel verfügte über ein überaus massives und hervorragendes, in zwei löffelartige Wölbungen gespaltenes Kinn, das er gern unter einem betont finsteren Literatenblick und seinem ondulierten Mittelscheitel zur Schau trug. Unbedingt wollte er unter den Amsterdamer Literaten als dunkler Dandy durchgehen. Mia kümmerte das nicht. Vielleicht bestärkten sie seine Blicke sogar in ihrer Empörung, während neben euch die Dschunke durch den künstlichen Wassergraben glitt, während warme Feuchte euch umhüllte, euch dünstete in Dämpfen der Basare. Jenseits der Bambusgeländer befanden sich die Stallungen, in denen Eingeborene Fladen buken oder Strohhüte banden. Einigen von ihnen schien das europäische Klima nicht zu bekommen. Sie wirkten kränklich und lungerten lustlos herum. «Sklaven!», empörte sich Mia mit wässrigen Augen, und als Cousin Karel räuspernd sein Kinn vorschob, stieß sie nach: «Eingepfercht wie Tiere!», denn Mia ließ sich nicht den Mund verbieten.
Nicht auf der Kolonialausstellung und auch zu Hause nicht. Auch dort hast du Mias Empörung gelauscht, in der exotisch anmutenden Villa Cuypers mit den weichen Orientteppichen und Aquarellen mit Vulkanansichten. Pierre Cuypers, dieser rasant aufgestiegene Architekt mit dem weitläufigen Verwandtenkreis in den Kolonien, den Onkeln und Schwagern, deren Fotografien die verschnörkelte Anrichte schmückten. Alles so tropisch! Allein die Magnolie mit ihrem atemberaubenden Duft, der dir aus ihren schenkelweißen Kelchen wie aus Kehlen entgegenströmte. Wie berauschte dich diese warme Unordnung auf schweren, alle Töne schluckenden Teppichen. Die vier Cuypers-Kinder lungerten kreuz und quer. Natürlich führte Patriarch Cuypers das Wort, behaglich seine gestreckten Beine gekreuzt, aber auch vom berühmten Familienoberhaupt ließ Mia sich den Mund nicht verbieten. Sogar seine großen Entwürfe fand sie «klotzig» und «irgendwie immer gleich». «Maria!», schalt ihre Mutter sie dann unter ihrem Taufnamen; «Mia, na, wie?», runzelte Cuypers die kahle Stirn, die in ein fast bares Haupt mit wellig fallendem Lockenkranz überging: «Da baue ich dir ein Museum, damit du Bilder sehen kannst, da baue ich dir einen Bahnhof, damit du die Welt bereisen kannst …», und die Tochter fuhr nachäffend hinein: «Na, wie?! Ob Bahnhof oder Museum oder unser Haus: zwei Türme und irgendwas dazwischen! Hauptsache: Schloss. Und Hauptsache: von gestern.» Sogar das ließ Vater Cuypers sich behagen.
Auch er liebte Mia, gerade wegen ihres Eigensinns. Und weil er um seine Liebe wusste, hätte er gern an der Seite seiner ungestümen Tochter einen unbestechlicheren Mann gewusst. Du warst Favorit. Die Dubois waren Limburger wie die Cuypers. Sozusagen Verbündete, ewig Gescholtene unter den Niederländern, da schützt man einander. Du warst im Begriff emporzukommen – und waren sie nicht Emporkömmlinge, die Cuypers, aufgestiegen aus dem Bodensatz der Hausmaler und Bäcker? Hoch hinaus, weit hinaus, die Ziele konnten für die Cuypers nicht hoch genug gesteckt sein. Ja, bei Cuypers herrschte Weite und Weitblick. Selbst ihre Salons waren Wunderkammern voller Kuriositäten aus den Kolonien.
Und du konntest mithalten. Wenn Cuypers sich – höflich, behaglich, beiläufig – nach deinem Fortkommen im Institut erkundigte, konntest du – höflich, behaglich, beiläufig – mit Schritten und Fortschritten aufwarten. Promotion, Anstellung, Aussichten, die Welt lag ausgebreitet. Aufgeschlossen waren die Cuypers und hörten dir zu, wie du dich in Eifer redetest, über das Werden der Erde und ihre Metamorphosen, die Stadien vom Fisch zum Landwesen zum Säuger zum Primaten zum Menschen, die fantastische und doch so nachweisbare Metamorphose vom Kiemen zur Lunge, genauer gesagt, vom Kiemenbogennerv zum rückläufigen Kehlkopfnerv, beziehungsweise die Ableitung des Schilddrüsenknorpels des menschlichen Kehlkopfs aus dem vierten Astialbogen, also des Kiemens … Was für eine Wunderkammer hast du ihnen da geöffnet! So exotisch wie die ausgewanderten Onkel und Tanten warst du allemal. Nur nicht exotisch genug für Mia, die, wie sie sagte, sicher nicht versauern würde an der Seite irgendeines Limburger Langweilers, wie sie sich ausdrückte. Als würdest du das sein! Aber warst du ja nicht. Auch in dir brannte das Fernweh, auch du griffst nach dem Unerreichbaren. Wie sie!
Warum begriff das Mia nicht, die nachlässig auf dem Diwan ihr Kleid zupfte, Karel nach einer Zigarette fragte und mit dem Aschenbecher spielte? Sie schien dir kaum zuzuhören, und je weniger sie zuhörte, desto lauter glaubtest du dir Aufmerksamkeit schaffen zu müssen, die Schreie der Schimpansen und Gibbons imitieren zu müssen, du wolltest so gern, dass sie lacht, denn Mias Lachen war eine Kostbarkeit. Wenn sie lachte, was so selten eintrat wie ein niederländisches Erdbeben, begann ihre Blässe zu glühen wie im Abendschimmer. Längst wippte Mutter Cuypers vor Lachen, längst wackelte der Vater vergnüglich mit den Schultern, doch Mia lächelte erst, als Cousin Karel im schwarzen Samtjackett die Arme kreuzte und mit grimmiger Kinnramme murmelte: «Zu komisch.» Natürlich hasste er dich. Natürlich liebte er Mia. Liebte sie seit frühester Jugend. Sie war ein Stern, für jeden unerreichbar, unberührbar. Wie gern hättest du diese Göttin begriffen und erkundet, ihre faltenfreie Oberfläche spaltbreit geöffnet, um unter dieser milchigen Emaille einen Beweis dafür zu finden, dass sie aus Menschenfleisch gemacht war. Jeder war ihr hörig, auch ihr Vater, so sehr, dass er das aufziehende Unheil nicht aufzuhalten imstande war.
Das Unheil. Auch du hast es nicht kommen sehen. Du sahst dich selbst als Kandidaten. Bei den Cuypers gingst du ein und aus. An jenem Abend im August ließ Mia sich von dir ausführen, allein, ohne Karel. Zu zweit ins Konzert. Mozart. Und immer noch konntest du den Blick nicht abwenden von ihrem schimmernden Hals, der so irritierend unkörperlich zu sein schien, ohne Mulde, ohne Brustansatz, eine makellose mondhelle Fläche. Vielleicht, dass die Fältelung der Oberlippe verriet, dass sich die Muskulatur zusammenzog, die Grübchen sichtbar wurden, wodurch sich der Unterkiefer ein wenig spreizte und das Kinn, dieses Charakteristikum der Cuypers-Linie, sich trotz seiner Zierlichkeit ein wenig wölbte. Dies aber waren nur Andeutungen, das Ebenmaß blieb unbeschädigt. Wie vom Polsterer bezogen, saß die Haut über dem Dreieck des Unterkiefers, überspannte Zungenbein, Schild- und Ringknorpel. Es war, als habe Mia Cuypers keinen Kehlkopf, bis sie stehen blieb und fragte: «Was glotzen Sie so schief, mein steifer Kavalier?»
Du schwärmtest. Vom Kehlkopf schwärmtest du. Von seinen Muskeln und seinen Knorpeln. Wie ein Ertrinkender hast du dich auf die Insel deiner Studien gerettet und hast vom menschlichen Stimmsitz gestammelt. Von Zungenbein und Kehlkopf, der beim Menschen, wie bei allen Säugern, zunächst hoch – dein Finger war bereits in der Luft – säße, bevor der Kehlkopf sich in frühester Kindheit senke und damit einen Raum öffne, einen Resonanzraum für Stimme, für Gesang und schließlich Sprache, die ja dort – dein Finger war zur Bezeichnung der Stelle bereit – ihren Sitz habe. Mia folgte diesem Finger mit etwas trübem Blick, fast hypnotisiert, womöglich aber auch geblendet von den Kandelabern. Sie hatte ihre flaumigen rotblonden Haare so lieblich hochgesteckt. Sie schien bereits für deine Schwärmerei gewonnen. Immer noch drangen deine Blicke im Tarnmantel des Anatoms zu ihrem Hals und faselten vom Weg des Kehlkopfs durch die Jahrtausende und Jahrmillionen bis hin zu den Amphibien und Fischen, wo bestimmte Bögen in der Gestalt von Kiemen anzutreffen seien, womit wiederum bewiesen sei, wie das eine das andere sei, nur von der Zeit geformt.
4. März 2 109 876, Senke am Fluss (Zentralafrika)
Unhörbare Stimmen melden sich. Gegenstimmen. Sie wenden ein, dass es sich nicht lohne, eine bestimmte Richtung einzuschlagen. Die Richtung der Auffaltung der Hirnrinde. Die Richtung in die Welt der Worte. Dass diese Richtung eine Falle sei. Dass in den Falten zwar Antworten nisten, aber womöglich falsche Antworten und falsche Fragen. Diese Stimme warnt vor der Welt der Worte. Worte würden eine Welt für sich bilden. Eine falsche Welt. Den Wortlosen genügt es, in kleinen Rotten einander Läuse aus dem Fell zu kraulen. Sie lehnen den Erwerb von Fähigkeiten ab, die sie als Unfähigkeit betrachten. Zum Beispiel, die Welt ohne Worte zu erfassen. Die wortlose Stimme sagt, es sei nicht so, dass den meisten Wesen Worte fehlen. Die wortlosen Wesen meiden Worte, damit ihre Sinne offen bleiben für die Leere und die Stille und die Träume und die Luft. Die Wortlosen verbieten dem Mund das Wort. Sie wählen das Ganze statt der Teile. Sie ahnen, dass das Wort ein Raubtier ist und sein Magen unersättlich.
Da merktest du, dass die Aufmerksamkeit des Fräulein Cuypers nicht mehr dir und dem Zauber der menschlichen Entwicklung galt, sondern einem stummen Dritten, einem aus dem Lüsterglanz des Foyers lautlos hinzugetretenen Chinesen.
Sehr stumm und sehr leutselig sah er dich an aus seinem weichen ovalen Gesicht in seinem seidenen knöchellangen blauen Kaftan mit goldener Libellenstickerei. Aber im selben Augenblick, noch bevor Fräulein Mia euch einander vorstellte, sahst du zum ersten Mal ihren Kehlkopf hervortreten, wie eine Zungenspitze trat er aus dem zierlichen Hals, und du wusstest, dass alle Hoffnungen und alle Absichten, mit dem Hause Cuypers und speziell diesem Kinn in Verbindung zu treten, vorüber waren.
Der Chinese war bis zur Ergebenheit bescheiden – kein einziges Mal wagte er es in deiner Gegenwart, das Wort an Mia zu richten. Auch keinen Blick. Dich, ausschließlich dir schenkte er seine Bewunderung. Obwohl er nicht kleiner war als du, schaute er auf zu dir. Jeder Satz aus deinem Mund galt ihm als Gesetz, jedes Vorrecht räumte er dir ein, und mit einem Mal befandet ihr euch in einem dir unbekannten Viertel, in einem Salon, den du nicht kanntest.
Eine Japanerin mit hochgesteckter Frisur und geweißtem Gesicht leitete euch trippelnd in ein kleines, durch Sprossenwände abgeteiltes Separee. Auf Kissen. Alles war makellos sauber, es duftete stark. Neben euch standen Schalen mit Sand, in denen Stäbchen Duft verbreiteten. Auf geflochtenen Gestellen mit zierlichen Tabletts lagen samtpapierene Rollen mit Rauchwerk, mit kleinen Schlaghölzern, einem Fächer, einem Bronzeglöckchen, alles war exakt angeordnet, alles hatte seinen genauen Platz, in fehlerlosen Bewegungsfolgen servierte die Dienerin grünen Tee und Kekse. Doch nicht im Geringsten nutzte der Mann, der dich offenbar hierher verführt hatte, deine Unsicherheit aus. Mehr als zuvor bewunderte er dich, bezeichnete sich lächelnd als China-Krämer mit Eierkopf, lächelte aus seinem ovalen Gesicht wie ein Kind, und mit einem Mal, weiß der Himmel woher, hatte er Bälle in die Luft geworfen, einen nach dem anderen, vier seidenvernähte Sandbällchen, die vor deinen Augen einen Kreis bildeten, während sie unter leichtem Knirschen in den zartgliedrigen Händen landeten und aus ihnen emporschnellten. Der Jongleur selbst blieb dabei gelassen. Nur sein schlaff über Mundwinkel und Kinn herabhängender Oberlippenbart wippte, blieb aber durch seine faserige Dürftigkeit in der Schwebe. Ein schüchterner Clown, lächerlich, zum Lachen war dieser Mann, und Mia lachte.
Frederick Toung hieß er. Spross einer chinesisch-englischen Ehe, aufgewachsen in London und Dresden, umtriebig im Handel mit Tee und Japan- und Chinaware. Auf keinen Fall würde Pierre Cuypers seiner Familie einen chinesischen Schwiegersohn zumuten. Ein chinesischer Händler – damit wäre die Familie für die Oberschicht erledigt. Mia würde nicht ernsthaft diesen Skandal heraufbeschwören und ihre Familie ruinieren.
Und wusstest doch, dass es nicht anders kommen konnte. Du, du allein, gabst Mia das Geleit nach diesem Mozartabend, an dem Mia dir die Rolle des Mitwissers zuwies und dein Ehrenwort einholte. Du gabst es, natürlich, nichts hättest du ihr verweigert. Wie zum Adieu suchte dein Daumen noch einmal dieses Kinn, ein einziges, letztes Mal.
«Sie haben da etwas am Kinn, Mia …»
Worauf Mia dich aus ihren taubenblauen Augen ansah und aus den zum Entweichen des Zigarettenrauchs geöffneten Lippen anblies.
«Zügeln Sie Ihre Blicke, lieber Stockfisch, und nun runter mit den Flossen! Wir alle waren einmal Fische, behaupteten Sie heute gegenüber Frederick. Nun, seien Sie gewiss, dass ich kein Fisch bin. Ich brauche Luft, gute Luft, den Duft des Exotischen brauche ich zum Atmen. Sie aber, Dubois aus dem Limburgischen, umweht mir zu stark die Luft von Leiche und Sektionssaal.»
Frederick. Beim Vornamen nannte sie ihn. Schweigend nahmst du diesen Korb und nahmst deinen Abschied. Abschied für dieses Leben.
Zur selben Zeit, Karlsruhe
Abschied für dieses Leben – ist das nicht zu viel Pathos für einen wie dich? Auch jemand anders will an diesem warmen Abend Abschied nehmen. Ein Herr ist es, der Herr im Wintermantel, groß wie ein Zelt, reich besetzt mit Zobel, der beide Schultern überragt. Die Robe passt nicht in die Jahreszeit. Sie weist den Herrn als Weltmann aus. Nach diesem Abend aber will er Abschied nehmen für dieses Leben, Abschied von der Person, die ihn verschmäht.
