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Alle, die noch an Zwerge, Feen, Trolle und ähnliche Wesen glauben oder auch gern glauben möchten, werden sich in dieser Geschichte bestätigt finden. Peter lernt Knöpfchen kennen, einen echten Knokki, der stolz darauf ist, boshaft, hinterlistig und gemein zu sein. Kurz darauf ist Peter spurlos verschwunden und alle Suchmaßnahmen bleiben erfolglos. Als Peter nach einer ganzen Woche wieder auftaucht, will er keinem erzählen, wo er gewesen ist, denn er hat ein Versprechen abgegeben. Die Geschichte, die er erzählen könnte, ist außerdem so unwahrscheinlich, dass sie ihm ohnehin niemand glauben würde. Ich aber habe ihm geglaubt, denn auch ich durfte Knöpfchen kennen lernen. Und so habe ich die Abenteuer der beiden aufgeschrieben und Ihr bekommt die Gelegenheit, in eine ganz andere Welt einzutauchen und könnt Euch Euer eigenes Bild machen.
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Seitenzahl: 390
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Erstes Buch: Peters Welt
Wie alles anfing
Eine seltsame Begegnung (Peters Version)
Ha! So war es nicht ganz, Freunde! (Knöpfchens Version)
Wiedersehen (Peters Version)
Peter ist ein Lügner! (Knöpfchens Version)
Knöpfchen erzählt über die Knokkis (Wahrheit oder Lüge?)
Unerwartete Wende
Peters Versprechen
Nur eine ‚winzige‘ Nachricht
Peter bleibt verschwunden
Polizeiarbeit
Rückkehr
Zweites Buch: Bei den Knokkis
Standpauke
Peter bricht ein Versprechen
Omma
Knöpfchens zu Hause
Unerlaubter Nachtausflug
Verhinderte ‚Heimreise‘
Omma greift ein
Zurück zu den Verschwörern
Keine Audienz beim König
Das „Findelkind“
Wie aus Peter ein Knokki wurde
In den königlichen Gemächern
Wo ist der König?
Unterwegs
Ermittlungen im Gefängnis
Zwei Soldaten der Palastwache
Omma wird zur Furie
Die geheime Versammlungshalle
Alfredos kleines rosarotes Königreich
Die große Kreuzung
Zurück zum Palast
Muttern allein zu Haus
Das Sanatorium
Der Weg zum „schwarzen“ Königreich
Ein schwieriger Patient
In der Zwischenzeit…
Geheimtreffen bei Nikolaus
Grimwald
Gedanken eines Therapeuten
Der Wiederholungstäter
Hausarrest
Wiedersehen
Auch ein Räuberhauptmann ist nur ein Knokki
Walburga allein zu Haus
Eine Therapiestunde mit Folgen
Endlich im rosaroten Königreich
Wartezeit
Die Audienz
Heimreise
Der König ist wieder da!
Was für ein Fest!
Abschied
Es ist noch dunkel draußen, als der kleine Kerl seinen Bauch hinter dem Regal hervorschiebt. Er sieht sich im Zimmer um. Seine Augen sind immer noch an die Dunkelheit gewöhnt und so erkennt er, nicht zuletzt auch der gleichmäßigen Atemzüge wegen, dass der Junge noch tief und fest schläft.
Selbstsicher geht er auf ihn zu. Es ist ja nicht das erste Mal, dass dies geschieht. Was hatte er schon Spaß in diesem Zimmer! Jetzt steht er mit verschränkten Armen vor dem Bett und überlegt, was er tun könnte. Eigentlich wollte er heute die Federmappe des Jungen verstecken, aber dazu hat er jetzt so gar keine Lust. Zu anstrengend am frühen Morgen. Und außerdem ist er meistens nicht dabei, wenn die Suchaktion im Gange ist. Das ist nämlich der Höhepunkt dieses Schabernacks. Er seufzt leise.
Ich hätte nicht übel Lust, mir den Burschen mal aus der Nähe anzusehen, denkt er. Klar, das ist gefährlich, Omma würde es sogar leichtsinnig nennen. Aber ich bin eben mutig,… ein Teufelskerl. Bei diesem Gedanken lächelt er selbstgefällig.
Von den anderen Jungs würde das jedenfalls keiner wagen. Wenn er von seinen Abenteuern erzählte, wurde er immer ungläubig angesehen. Inzwischen hielten ihn viele sogar für einen Aufschneider. Omma auch.
Aber einmal stand sie vor seinem Bett mit erhobenem Zeigefinger. „Für den Fall, dass du vielleicht nicht nur aufschneidest, mein liebes Knöpfchen: Sei bitte vorsichtiger. Du weißt doch,… wir wollen unentdeckt bleiben.“
„Ist gut, Omma“, hatte er grinsend geantwortet.
Omma wandte sich ab und ging langsam wieder in Richtung Tür. Dabei wippte die Schürzenschleife über ihrem Po mit jedem Schritt auf und nieder. Ommas kleiner Liebling musste kichern. Ruckartig drehte sie sich wieder um.
„Es ist mir ernst! Wenn ich noch einmal so eine Geschichte höre, ist Schluss mit Grießpudding!“
Omma meinte es also tatsächlich ernst. Egal, es wird schon gut gehen. Ist bis jetzt ja immer gut gegangen.
Nun klettert er am Bettpfosten hoch und hüpft aufs Bett. Der Junge stöhnt und dreht sich mit dem Gesicht zur Wand.
Der kleine Kerl hält die Luft an. Erst als wieder gleichmäßige Atemzüge zu hören sind, entspannt er sich. Was mach ich jetzt, überlegt er. Zwischen der Wand und seinem Gesicht sitze ich ja wirklich in der Falle. Hm. Ach was! Der schläft viel zu fest. Vorsichtig schleicht er an der Wand entlang, bis er plötzlich vor dem großen Gesicht des Jungen steht.
„Ui, hat der einen Zinken“, rutscht ihm leise heraus. Unser König würde vor Neid erblassen. Diesen Satz dachte er lieber nur. Nicht, dass er den Jungen durch seine Selbstgespräche weckt. Die Vorstellung, dass der plötzlich die Augen aufmachen könnte, beschert ihm eine Gänsehaut.
Jetzt beugt er sich vor und sieht in die Nasenlöcher des Jungen. Verdammt. Noch zu dunkel. Oh, was ist das denn? Er piekt mit dem Finger hinein. „Iiiiii! Ein Riesenpopel!“
Der Junge stöhnt erneut und dreht sich wieder um. Nun steht der Wicht vor dem Hinterkopf des Jungen. Er hat die Faust im Mund, da er gerade einen Lachanfall unterdrücken muss.
Jetzt aber zusammenreißen Knöpfchen, ermahnt er sich selbst. Wie soll ich denn erst reagieren, wenn er nun auch noch pupst?
Als der Junge wieder etwas ruhiger atmet, schleicht der Knirps übers Kopfende auf die andere Seite des Bettes. Ja, hier ist es etwas heller, denkt er. Wieder beugt er sich vor um in die Nase zu sehen. Er hält sich den Mund zu. Nur keine Geräusche machen!
Da werden die Jungs staunen. Von denen hat ganz bestimmt noch keiner in so eine Riesennase gesehen. Omma darf allerdings nicht erfahren, was ich heute wieder treibe. Nee, nee. Ohne Grießpudding kann ich nicht.
Ja! Jetzt weiß ich, was ich machen könnte, denkt er mit leuchtenden Augen. Er hebt abwechselnd das rechte Knie und das linke Knie, während er sich vor Freude die Hände reibt. Ein wenig erinnert er in diesem Moment an ein übergewichtiges Rumpelstilzchen.
Dann sieht er sich hektisch um. Aber wo kriege ich jetzt eine Feder her, überlegt er. Er springt vom Bett und sucht den Boden ab. Nicht ein Krümel ist zu sehen, geschweige denn eine Feder.
Unterm Bett hat er auch keinen Erfolg. Mist! Da hat man schon mal so einen genialen Einfall!
Sein Blick fällt auf das Nachtschränkchen des Jungen. Vielleicht ist unter dem Nachtschrank ja eine Feder? Er bückt sich und sieht darunter. Weiter hinten liegt etwas, aber ob das eine Feder ist, kann er nicht erkennen. Ob ich darunter passe, fragt er sich. Ich muss! Das bringe ich jetzt zu Ende! Meine kräftige Mitte könnte allerdings ein Problem werden. Liebevoll streichelt er seinen Bauch, so als wollte er sich bei ihm entschuldigen für diesen Gedanken. Dann bückt er sich und kriecht unter den Nachtschrank. Für einen kurzen Moment bricht er in Panik aus, weil er tatsächlich steckenbleibt, aber er kommt wieder frei und zieht ein undefinierbares Knäuel hervor.
Das Knäuel sieht aus wie eine ganz besonders große Staubfluse. Die Augen des kleinen Kerls beginnen wieder zu leuchten. „Eine Feder“, raunt er ehrfürchtig. „Glück muss man haben!“ Er pustet den Staub von seinem Fund, dann klettert er wieder aufs Bett. Breitbeinig stellt er sich vor das Gesicht des Jungen.
Jetzt geht er ans Werk. Die Feder befindet sich vor den Nasenlöchern. Sie wird abwechselnd angezogen und weggeblasen. Den Rhythmus bestimmen die Atemzüge des Jungen. Plötzlich erscheint eine Hand und wischt übers Gesicht. Dabei wäre der Knirps namens Knöpfchen beinahe vom Bett gefallen. Jetzt wird’s brenzlig, denkt er, aber der Junge scheint nicht erwacht zu sein.
Die Feder kommt erneut zum Einsatz. Der Junge beginnt mit den Augen zu blinzeln. Höchste Zeit für Knöpfchen. Wenn er nicht bald verschwindet, könnte es zu spät werden.
Also springt er vom Bett und läuft auf das Regal zu. Kurz vor dem Eingang kann er sich nicht mehr halten. Erst kichert er, dann aber biegt er sich vor Lachen. Das ist mal ein Start in den Tag. Dann verlässt er die Welt des Jungen, nicht ohne das kleine Tor in sein Reich mit Schwung zuzuknallen.
*
Wer ist eigentlich Knöpfchen? Gute Frage. Ich konnte erst gar nicht recht glauben, was Peter mir da erzählte. Zuerst dachte ich: verdammt phantasievoll, der Junge. Nicht, dass ich Phantasie bei einem Kind geringschätze, ganz im Gegenteil. Aber das klang doch alles sehr merkwürdig.
Inzwischen weiß ich natürlich auch, dass Peter mitnichten ein phantasievoller Träumer ist… äh, sagen wir mal: in Sachen Knöpfchen. Ich habe ihn nämlich auch kennengelernt. Knöpfchen, meine ich.
Es hat sehr lange gedauert, bis wir Knöpfchen soweit hatten, dass ich seine Geschichten endlich aufschreiben durfte. Schließlich konnte ich das nicht einfach so ohne seine Zustimmung tun.
Peter hat mich mit großen Augen angesehen und begeistert genickt.
Knöpfchen wurde hysterisch. „Frag das nie wieder!“, war seine erste Reaktion. Später sagte er: „Nein!“
„Verdammt“, schimpfte ich. „Warum stellt er sich denn so an? Das würde doch bestimmt eine lustige Geschichte werden.“
„Hm, na ja“, überlegte Peter. „Das ist wohl das Problem, denke ich. Du weißt doch, er ist eigentlich ein kleiner Angeber und er ist überhaupt nicht lustig. Glaubt er. Er hält sich für einen finsteren Gesellen.“ Peter prustete los. Nach einer Weile: „Entschuldige. Bei ‚finsterer Geselle‘ musste ich jetzt doch lachen. Obwohl mir eigentlich gar nicht danach zumute ist. Tja, es wäre zu schön, um wahr zu sein. Aber wir müssen ja nicht aufgeben… den Plan, seine Geschichte aufzuschreiben, meine ich. Vielleicht schaffen wir es doch noch, ihn zu überreden.“
„Das hoffe ich auch sehr“, erwiderte ich noch immer enttäuscht.
Und so habe ich ihn kennengelernt!… Eines Tages klingelte mein Telefon. Es war Peter.
„Hallo. Ich bin es, Peter. Hier ist jemand, der gern mit dir sprechen möchte.“
Dann war am anderen Ende eine Weile nur noch Geflüster zu hören. „Nein. Hier unten musst du rein sprechen. Da oben kann man nur hören. Ja genau. Jetzt fang an.“
„Du?… Hörst du mich?“
„Ja. Natürlich hör ich dich. Was gibt’s denn?“
„Sag das noch mal!“, blaffte Knöpfchen mich an. „Ich hatte gerade mein Ohr am falschen Ende.… Scheißtechnik!“
„Ich sagte: Ja, ich höre dich“, antwortete ich betont gelangweilt, war aber gespannt wie ein Flitzebogen.
„Also, sprechen wollen will ich nicht mit dir. Da hat Peter gelogen. Ihr seid ja so furchtbar schrecklich aufdringlich. Also wenn du was aufschreiben willst von mir… bitte sehr. Von mir aus. Nur zu. Aber du musst mir alles vorlesen. Und wenn mir was nicht gefällt, dann musst du’s neu schreiben. Vielleicht schreibe ich auch selbst was auf. Mal sehen. Das ist meine Bedingung. Ich muss ja schließlich alles richtigstellen dürfen. Damit könnte ich vielleicht, eventuell, unter Umständen leben. Eventuell! Mal sehen. Aber wenn ich es mir noch mal anders überlege… also das müsst ihr dann apzep…, apzep…, also einsehen.“
„Aber ja. Selbstverständlich. Natürlich akzeptieren wir deine Bedingungen.“ Jetzt war ich erst einmal sprachlos. Eine lange Pause entstand.
„Bist du noch da drin?“, fragte Knöpfchen ungeduldig. „Was ist denn jetzt?“
Ich musste mir auf die Unterlippe beißen, um nicht laut zu lachen. Einerseits vor Freude aber andererseits auch, weil Knöpfchen mich scheinbar im Telefonhörer vermutete. „Ja, ja“, sagte ich schnell. „Wann kann es denn losgehen? Ich hätte Zeit… im Moment. Wie hast du dir den Ablauf vorgestellt?“
„Ablauf, Zeit im Moment“, äffte er mich verächtlich nach. „Komm einfach her, bring einen Zettel, einen Bleistift und einen großen Radiergummi mit und dann kann‘s losgehen.“
Zettel? Bleistift? Das hörte sich nicht sehr umfangreich an. Hatte er etwa vor, mir heute ein bisschen zu erzählen und dann war die Sache für ihn erledigt? „Bleibt wo ihr seid, ich bin gleich bei euch“, sagte ich, meine Zweifel beiseite schiebend.
Ich packte mein Schreibzeug ein und machte mich auf den Weg.
Von wegen: „… kann‘s losgehen.“ Ha! Er hat uns gerade mal begrüßt. Dann stellte er fest, dass ihm das alles viel zu schnell ginge und er müsse das alles noch einmal überschlafen! Er ‚überschlief‘ seine Entscheidung drei Monate lang.
Zusammenfassend kann ich sagen: Es war sehr schwierig, mit ihm zu arbeiten. Wir mussten ständig aufpassen, nichts zu sagen, was ihn hätte verärgern können. Schließlich wollten wir nicht noch einmal drei Monate warten. Aber dann plötzlich fand unser kleiner Freund mehr und mehr Gefallen am Geschichten erzählen. Und er fand Gefallen an einer Sache, mit der ich mich absolut nicht anfreunden konnte, ganz im Gegensatz zu Peter.
Ich hatte mir vorgestellt, dass ich gemütlich über Knöpfchens Leben schreiben würde, über die Sitten und Gebräuche in seiner Welt. Und er wollte eigentlich nur ein wenig über sein Leben plaudern.
Nun, alles ist anders gekommen als er dachte. Und es ist auch alles anders gekommen als ich dachte. Aber lest selbst, was aus dieser Geschichte geworden ist.
Es war Sonntagmorgen, ich lag noch im Bett und döste im Halbschlaf so vor mich hin. Etwas kitzelte an meiner Nase. Schlaftrunken griff ich mir ins Gesicht und versuchte das ‚Etwas‘ wegzuwischen. Dann fiel ich wieder zurück in den Halbschlaf. Erneutes Kribbeln in der Nase.
Langsam kam ich zu mir. Plötzlich fuhr ich hoch und war mit einem Mal hellwach. Ich sah mich erschrocken um, konnte mir aber nicht erklären, was mich erschreckt hatte.
Neben meinem Bett schwebte eine Feder zu Boden und irgendwo im Raum kicherte jemand boshaft.
Kurz darauf schlug eine Schranktür zu. Nein… keine Schranktür. Es klang etwas dumpfer.
„Anna?“ Ich fragte mich, ob mich meine kleine Schwester ärgern wollte. „Anna?“… Keine Antwort.
Quatsch! Ich sank zurück auf das Kopfkissen. Anna war doch bei Oma und Opa übers Wochenende. Sie kicherte auch anders, eigentlich. Mehr… albern, ja albern. Dieses Kichern hatte eher etwas hinterlistiges, ja schon fast boshaftes an sich.
Ich überlegte, ob ich vielleicht irgendetwas geträumt hatte, konnte mich aber beim besten Willen nicht erinnern. Und die Feder?! Wo kam die her? Ach was, dachte ich, es wird ein Alptraum gewesen sein!
Ich streckte mich noch einmal und stand auf. Auf Zehenspitzen schlich ich leise zum elterlichen Schlafzimmer und hielt das Ohr an die Tür. Papa schnarchte leise. Es musste noch sehr früh sein. Also schlich ich ins Wohnzimmer und sah auf die Uhr. Sechs! Es war erst sechs Uhr! Also ging ich wieder in mein Zimmer und legte mich noch einmal hin.
Nach dem Frühstück, das hatte ich mir fest vorgenommen, wollte ich meine Hausaufgaben machen, damit ich dann, ohne ständig an die Schule denken zu müssen, mit Nils durch die Gegend streunen konnte.
Nils ist schon seit dem Kindergarten mein bester Freund. Jetzt gehen wir beide in die gleiche Klasse und verstehen uns noch immer prima, meistens jedenfalls.
Nach dem Mittagessen also Nils. Darauf freute ich mich schon riesig. Aber wie gesagt, erst wollte ich ja meine Pflichten erfüllen. Ich saß also am Schreibtisch, mit den Heften vor mir und stellte fest, dass mal wieder einige meiner Sachen weg waren. Schon oft habe ich vermisste Sachen in Annas Zimmer wiedergefunden. So war es auch diesmal. Als ich aus ihrem Zimmer kam, ärgerte ich mich sehr über sie.
Meine Sachen lagen wieder mal in einer ihrer Schubladen.
Mir fiel plötzlich die Geschichte mit Annas Barbie ein. Sie lag unter meinem Bett!
Es sah aus, als wollte die Barbie sich vor Anna verstecken.
Anna sah das natürlich ganz anders. „Was soll ich denn mit deiner Barbie?!“, hatte ich gefragt, als Anna schimpfend aus meinem Zimmer stapfte.
„Das würde ich auch gern wissen!“, rief sie aus dem Flur.
Vielleicht war Anna ja gar nicht Schuld? Aber wer dann? Solche Sachen passierten nämlich in der letzten Zeit öfter. Ich hatte auch schon mit Mama und Papa drüber gesprochen, aber aus der Richtung kam immer die gleiche Erklärung: „Haltet mehr Ordnung, dann passiert so etwas nicht.“
Ob es bei Nils genauso ist, überlegte ich. Nils hat einen großen Bruder, und ich weiß, dass sie sich oft streiten. Ich könnte ihn ja mal fragen und auch gleich die Sache mit der Feder und dem Kichern erzählen. Mit Nils kann man über so rätselhafte Sachen eigentlich sprechen. Mit Mama und Papa…. eher nicht. Und mit Anna…. erst recht nicht.
Am späten Nachmittag kam ich verdreckt und verschwitzt wieder nach Hause. Oh ja, wir hatten Spaß, aber jetzt mussten die Hausaufgaben wirklich erledigt werden. Am Vormittag hat es einfach nicht geklappt. Ich konnte mich nicht konzentrieren.
Nils hat sich meine Geschichte angehört und genickt. „Ständig passiert das bei uns“, meinte er. „Mein Bruder gibt immer mir die Schuld. Aber seine Sachen interessieren mich eigentlich überhaupt nicht. Na ja, außer seinem Handy natürlich. Da sind tolle Spiele drauf. Oder sein Gameboy. Aber das ist was anderes.
Manchmal denk ich, bei uns spukt es.… Glaubst du an Gespenster? Nicht? Na ja, ich auch nicht. Meine Eltern sagen immer: ‚Wenn ihr etwas ordentlicher wärt, hättet ihr dieses Problem nicht‘“.
Darüber haben wir herzhaft gelacht. Nils hatte also die gleichen Probleme wie ich.
Eine Erklärung für das alles hatte er aber leider auch nicht.
Ich ärgerte mich über mich selbst, als ich mit einem großen Glas Saft in mein Zimmer ging. Ich hatte die Hausaufgaben wieder mal bis zur letzten Minute nach hinten verschoben.
Meine Eltern sagen immer: „Das ist doch typisch unser Peter. Das kriegt nur er hin.“
Das stimmt natürlich nicht. In meiner Klasse gibt es genug andere, denen es genau so geht. Das weiß ich ganz sicher. Aber trotzdem, ich ärgerte mich. Es hätte so gemütlich sein können.
Meine Hefte lagen noch immer da, wo ich sie am Vormittag hingelegt hatte. Ich stellte das Glas auf den Tisch. Die Abendsonne blendete mich. Na ja, verschiebe ich die Hausaufgaben eben noch einmal, dachte ich. Bei dem Gedanken musste ich schmunzeln. „Das ist doch typisch unser Peter“, sagte ich im typischen Tonfall meiner Eltern.
„OK. vielleicht habt ihr ja doch Recht.“ Ich blinzelte aus dem Fenster und wartete, dass die Sonne hinter den Häusern auf der anderen Seite der Straße verschwinden würde. Als ich nach meinem Glas Saft greifen wollte, schreckte ich zurück.
Das Glas hatte so etwas Ähnliches wie einen Strahlenkranz. Dann aber erkannte ich, dass das helle Haare waren, von der Sonne beschienen. Hinter dem Glas musste also irgendetwas sein… da… der Strahlenkranz hatte sich bewegt.
Ohne lange zu überlegen griff ich in die Haare und hob etwas Zappelndes hoch. Ein Schrei erschreckte mich und ich ließ das zappelnde Haarbüschel auf den Tisch fallen.
„Auuuu… huhu… auuuuu.“
Als ich mich vom ersten Schreck erholt hatte, beäugte ich das Wesen auf meinem Schreibtisch etwas genauer. Natürlich mit einem gehörigen Abstand! Was, um Himmels Willen, ist das denn, dachte ich entsetzt.
Ein kleiner Kerl mit einem prächtigen Bauch und einem gut gepolsterten Hinterteil saß auf meiner Schreibunterlage und rieb sich laut jammernd den Po. Er trug eine braune Hose, die schon überall geflickt und gestopft war. Seine struppigen hellen Haare standen vom Kopf ab. Man hätte ihn wohl drollig nennen können, wenn nicht dieser finstere Blick gewesen wäre.
„Wer oder was bist du denn?“ fragte ich leise. „Hast du dir weh getan?“
„Weh getan?! Was glaubst du denn? Ich bin voll auf mein Hinterteil geknallt! Ja! Das tut weh! Huuuuu.“ Der kleine Knirps jammerte erneut.
„He, das tut mir leid.… Ehrlich.… Ich wollte das nicht“, antwortete ich voller Mitleid.
„Das ist doch typisch für euch. Ihr tut etwas und dann sagt ihr, dass es euch furchtbar schrecklich leid tut. Huhuuu.“ Das Jammern ging weiter.
„Na ja, du wirst dir schon nichts gebrochen haben. Dein Hintern ist ja gut gepolstert“, sagte ich unüberlegt.
Der Knirps hörte sofort auf zu jammern. Er stand auf und sah mich mit einem zornigen und einem fragenden Auge an. „Wie meinst du das? Gut gepolstert… also dick?“ fragte er mit einem drohenden Unterton.
„Tja also. Dein Hintern ist doch ziemlich… äh… na ja, groß. Und über deinen Bauch haben wir noch gar nicht gesprochen.“
„ICH BIN NICHT DICK!“ schrie er mich an.
„Psssst. Sei nicht so laut. Wenn meine Eltern das hören.“ Ich sah mich erschrocken um.
„Außerdem habe ich auch nicht gesagt, dass du dick bist. Du bist eher…“, ich überlegte einen Moment, „… vollschlank.“
‚Vollschlank‘ schien ihm zu gefallen. Nach kurzem Zögern nickte er jedenfalls zufrieden.
„Du hast mir noch immer nicht gesagt, wie du heißt und wer du bist. Wie soll ich dich denn ansprechen?“
„Ansprechen? Wieso willst du mich ansprechen? Ich hoffe, wir begegnen uns nie, nie wieder.“
„Ach komm. Ich heiße zum Beispiel Peter. Das ist kein so großes Geheimnis.“
„Kein Geheimnis“, äffte er mich nach. „Mein Name ist auch kein Geheimnis, man. Knöpfchen!“
„Was?“
„So heiße ich. Knöpfchen! Bist du taub?“
„Ah ja.… Und was bist du, Knöpfchen? Ein Gnom? Ein Zwerg? Ein Troll?“
Knöpfchen hielt sich die Ohren zu. „Hör auf“, jammerte er. „Warum beleidigst du mich? Ich bin ein Knokki! Einer der mutigsten und tapfersten obendrein. Bis heute. Aber jetzt ist alles anders! Alles ist vorbei! Huhuuuu. Das ist so eine Schande. Huhuuu. Das ist noch nie passiert. Noch nie wurde ein Knokki von einem Menschen gesehen… glaube ich. Alles ist nur deinetwegen passiert. Du bist Schuld!“ Zornige Augen starrten mich an.
„Moment!“ Das konnte ich nun nicht auf mir sitzen lassen. „Du hast dich einfach nicht besonders gut versteckt. Ähm… warum wollt ihr denn eigentlich nicht von uns gesehen werden?“
„Was für eine dumme Frage! Wir wollen unsere Ruhe haben. Wenn ihr von uns wisst, werdet ihr nach uns suchen.“ Plötzlich schwieg Knöpfchen. Er sah sich hektisch um. „Oh Gott! Jetzt ist es ja passiert.… Hoffentlich hat das kein anderer Knokki gesehen. Aber das ist nicht meine Schuld. Das habe ich nur dir zu verdanken!“
„Jetzt hör doch mal auf, mir die Schuld zu geben.“
Knöpfchen sah mich wieder mit einem zornigen und einem fragenden Auge an. „Was hat mich verraten?“
„Rate!“
„Ich denke nicht dran! Also, was war es?“
„Nicht deine Füße jedenfalls.“
Er sah irritiert auf seine Füße, fast so, als wäre er enttäuscht, dass es nicht die Füße waren.
„Deine Hände übrigens auch nicht. Weder dein Bauch noch dein dicker Po.“ Es machte mir eben Spaß, den Knirps zu ärgern.
Knöpfchen wurde rot vor Wut. „Hab ich vielleicht gefragt, was mich nicht verraten hat?! Idiot!“
„OK“, lachte ich, „es waren deine Haare. Du hättest sie zusammenbinden sollen.“
„Huhuuu, ich will nicht mehr leben. Ich werde Omma nie wieder in die Augen sehen können. Ich bin doch ihr ganzer Stolz, ihr Liebling.“ Knöpfchen verbarg sein Gesicht in den Händen und jammerte wirklich herzzerreißend.
Nun tat er mir schrecklich leid. Er hörte sich wirklich traurig an, aber ich wusste nicht, was ich machen sollte.
Klar konnte ich ihn verstehen. Wir wollen alles immer gleich gründlich erforschen, und das würde mir auch nicht gefallen, wenn ich ein Knokki wäre. „Du, pass auf. Meinetwegen musst du keine Angst haben. Wenn du nicht möchtest, dass ich jemandem von dir erzähle, werde ich das auch nicht tun.“
Nun sah mich der kleine Knokki überrascht an. „Ehrlich? Im Ernst? Wirklich?“
„Na ja,… sagen wir mal: Vielleicht. Mit manchen Menschen kann man sich auch über Geheimnisse unterhalten.“
„Och bitte, bitte! Keinem sagen!“ Knöpfchen klatschte bettelnd in die Hände, was mich zum Lachen brachte. Das bereute ich sofort. Seine Augen sprühten Funken. Er sah unbeschreiblich zornig aus und drehte sich hin und her, als suchte er nach etwas, an dem er sich abreagieren konnte. Und er fand es umgehend. Das Glas kippte und sein Inhalt ergoss sich auf meinen Schreibtisch. Dann war wieder ein boshaftes Kichern zu hören und schon war mein neuer ‚Freund‘ verschwunden.
Verschwunden wohin? Ich hatte keine Ahnung.
Plötzlich ging die Tür auf, Mama kam herein! „Hast du Besuch?“ Sie sah sich suchend um und mich dann fragend an.
„Nö.“
„Ich hab dich doch sprechen hören. Du hast dich doch mit jemandem unterhalten. Oder?… Ach Peter! Kannst du nicht aufpassen? Warte. Ich hole ein Tuch.“
Kurze Zeit später kam sie zurück und wischte meinen Schreibtisch sauber. Und bohrte natürlich weiter: „Wer war denn nun da? Mit wem hast du dich gerade unterhalten?“
„Mit Knöpfchen. Knöpfchen ist ein Knokki und…“, lautete meine wahrheitsgemäße Antwort.
Lachend und kopfschüttelnd unterbrach mich Mama. „Du bist ein Spinner, Peter.“ Dann verließ sie mein Zimmer wieder und ich atmete auf.
Ans Hausaufgaben machen war jetzt natürlich nicht mehr zu denken. Meine Gedanken drehten sich nur noch um Knöpfchen.
Wird er wiederkommen? Wer sind die Knokkis? Wo leben sie? Und, und, und…
Tja, und das war unsere erste Begegnung. Das klingt zwar alles so unwahrscheinlich, dass ich es selbst kaum glauben kann. Aber ehrlich, so war’s!
Oh, war das immer ein Spaß! Ich habe sein Leben manchmal ganz schön durcheinander gebracht. Nicht nur seines natürlich, nein, nein. Aber darum geht es hier ja nicht, oder? Na, Peter? Kannst du dich an das verschwundene Pausenbrot aus deiner Schulmappe erinnern. Hast du Hunger gehabt an dem Tag? Omma, Muttern, Vattern und ich haben drei Tage gefeiert.
An dieser Stelle hatte Peter laut gelacht, was Knöpfchen zu einem seiner Funkenregenblicke veranlasste. Ich stieß Peter den Ellenbogen in die Rippen und schüttelte den Kopf. Das brachte ihn wieder zur Besinnung.
Später sagte er mir, dass er sich tatsächlich gewundert hatte, wo das Pausenbrot abgeblieben war. „Ich hab es nicht gegessen, hatte keinen Hunger. Also habe ich es wieder mit nach Hause genommen. Das gibt wieder eine Standpauke von Mama, hab ich noch gedacht. Aber… es war ja weg.“
Und kannst du dich noch an das Problem mit diesen kleinen Autos erinnern? Du hast sie immer in einer bestimmten Reihenfolge stehen gehabt. Na, klingelt‘s? Ich hab sie fast jeden Tag durcheinander gebracht. Du hast dich richtig geärgert, das habe ich beobachtet. Aber als du anfingst, dafür deiner Mutter die Schuld zu geben, wurde es ziemlich langweilig. Hab dann damit aufgehört.
Jetzt hob Peter die Augenbrauen. Da schien Knöpfchen doch tatsächlich einen Nerv getroffen zu haben.
Aber wenn ich all meine Streiche aufschreiben soll, würde ich hundertdreiundsiebzig Bögen Papier klauen müssen.
Außerdem tut mir jetzt schon die Hand vom Schreiben weh, wenn ich nur daran denke. Es wird also Zeit, dass ich zur Sache komme.
Ja, er hat mich gesehen. Ja, ich war ziemlich leichtsinnig. Wie konnte ich nur so dusselig sein und mich hinter einem Glas verstecken. Einem Glas! Durchsichtiges Glas! OK, mit Saft drin.
Und das viele Kunststoffzeug auf dem Tisch hat dann noch irgendwie meine Haare elektrisiert. Sonst stehen sie nämlich nicht so ab. Mein Pech war auch, dass die Sonne so ungünstig stand. Und überhaupt, er hat sonst nie in meine Richtung gesehen, warum denn ausgerechnet an diesem Tag?
Oder bin ich gerade deswegen so leichtsinnig geworden? Ich meine, weil es vorher immer so gut geklappt hat. Egal, jedenfalls haben mehrere Sachen eine Rolle gespielt.
Nachdem Peter mich gesehen hat, fingen die Unverschämtheiten an. Er griff mir in die Haare, zog mich hoch und knallte mich auf die Tischplatte. Ich habe dabei eine Menge Haare verloren. Meine schönen, wertvollen, tollen Haare. Haare sind wichtig für uns. Unsere Haare haben magische Kräfte. Aber erst, wenn wir erwachsen sind. Ich hoffe, dass sie bis dahin alle wieder nachwachsen! Und ich hatte eine Woche lang ein blaues Hinterteil.
Jawoll, das alles hat sehr weh getan! Und überhaupt, ich habe weder geheult noch gejammert. Ein Knokki-Mann heult nicht. Und er jammert auch nicht. Ich habe die Schmerzen ohne einen Pieps wie ein Mann ertragen. Also ich nenne diesen Teil aus Peters Bericht mal die große ‚Huhu-Lüge‘.
Kommen wir zu den gemeinen Beleidigungen. Gnom, Troll, Zwerg! Gut, die Menschen sind nun mal dumm, wissen nicht allzu viel. Aber Peter müsste doch wenigstens wissen, wie Gnome, Trolle oder Zwerge aussehen. Wir sehen doch ganz, ganz anders aus. Oder?
Jedenfalls sind wir Knokkis ein normales kleines Volk, das immer in der Nähe der Menschen lebt. Wir ziehen öfter mal um. Aus ganz verschiedenen Gründen.
Einmal mussten wir umziehen, weil sich die Menschen dort plötzlich viele Hunde angeschafft haben: Wir hassen Hunde. Und Katzen! Und Schlangen! Kaninchen sind nicht so schlimm.
Die lassen uns in Ruhe. Kanarienvögel auch.
Aber am liebsten haben wir, wenn die Menschen ein Aquarium haben. Da gibt es bei uns manchmal Fisch zum Mittag. Schade, dass Peter kein Aquarium hat.… Oh, ich schweife ab.
Eigentlich wollte ich ja über die vielen Beleidigungen sprechen, die ich ertragen musste. Tja, Peter hat gesagt, dass ich dick bin. Nein, er hat eigentlich vollschlank gesagt. Zu Hause hab ich dann Muttern gefragt und sie hat gesagt, dass vollschlank dick bedeutet. Ich war ja soooo enttäuscht von Peter. Dabei bin ich gar nicht dick. Er ist viel dicker als ich. OK, er ist ein bisschen größer, aber… dicker als ich.
Peter blickte an dieser Stelle schuldbewusst auf und biss sich auf die Unterlippe. „Entschuldige, Knöpfchen. Ich meinte es nicht so“, sagte er. „Ich wusste ja nicht, dass dich das kränkt. Nein, so dick bist du doch gar nicht.“
Knöpfchen stand da, hatte die verschränkten Arme auf dem Bauch liegen. Für Peter hatte er nur einen finsteren Blick übrig.
Aber egal, Schmerzen hin, Beleidigungen her, dass ich entdeckt wurde, ist eine große Schande für mich. Ich bin leichtsinnig gewesen. Das kann ich leider nicht rückgängig machen. Keiner aus meinem Volk darf das je erfahren. Wir leben sehr gerne hier und wenn mein… meine Geschichte bekannt werden würde, müssten wir wieder umziehen. Meinetwegen!
Omma würde mich hassen. Auch Muttern und Vattern. Überhaupt alle. Jetzt läuft mir auch noch die Nase.… Nein ich heule nicht! Ein Knokki-Mann… ach das hatten wir ja schon.
Aber ich habe mich gerächt. Hab das Glas auf seinem Tisch umgekippt. Das hat mir gut getan, für eine Weile jedenfalls. Eigentlich hatte ich gehofft, dass er Ärger mit seiner Mutter kriegt, aber die ist wahrscheinlich nicht so streng wie Omma. Hat er jedenfalls erzählt. Aber auch das kann eine Lüge sein.
*
Am nächsten Tag hatte ich so richtig was zu tun. Ich musste die Hausaufgaben vom Wochenende nachholen, die neuen Hausaufgaben machen und auch noch eine Extraaufgabe lösen, weil ich am Wochenende keine Hausaufgaben gemacht hatte. Also, da musste ich durch, sonst hätte ich irgendwann wahrscheinlich einmal eine ganze Woche lang nur Hausaufgaben machen müssen.
Ich seufzte, ging aber an die Arbeit. Immer wieder wurde ich von den Gedanken an Knöpfchen abgelenkt. Bei jedem Geräusch im Zimmer sah ich auf. Wenn man genau drauf achtet, gibt es ständig irgendwo im Zimmer ein Knacken. Aber der kleine Knokki erschien nicht an diesem Tag. Auch gut. Ich hatte ja, wie bereits erwähnt, viel zu tun.
Nach den Hausaufgaben habe ich dann angefangen zu grübeln. Ist das alles wirklich passiert? Hab ich das ganze nicht vielleicht doch nur geträumt? Die Zweifel wurden immer stärker. So etwas gibt es doch eigentlich nicht. Vielleicht ist ja meine Phantasie mit mir durchgegangen? Aber andererseits weiß ich noch genau, wie sich Knöpfchens Haar angefühlt hat. Und ich sehe ihn noch deutlich vor mir.
An diesem Tag habe ich dir die ganze Geschichte erzählt, erinnerst du dich Sabine? Ich musste es einfach jemandem erzählen. Ich brauchte jemanden, der mir sagt, dass ich nicht verrückt bin. Dein skeptischer Blick hat mich erst ziemlich verunsichert. Also doch? Kann ich also doch nicht unterscheiden zwischen Traum und Wirklichkeit?
Aber je mehr ich erzählte, desto interessierter hast du zugehört. „Was meinst du, kann ich die Geschichte aufschreiben? Hört sich nämlich total verrückt an“, hast du gefragt.
Ich war begeistert. Auf die Idee war ich natürlich noch nicht gekommen. „Ich muss ihn aber erst fragen. Er ist komisch. Für ihn war es ja schon eine Katastrophe, dass gerade ich, ein dummer Mensch, ihn gesehen habe.
Wenn diese Begegnung nun auch noch aufgeschrieben werden soll, könnte es sein, dass er ‚nein‘ sagt.“
„Fragen kostet ja nichts.“
„Nee, natürlich nicht, aber ich bin mir nicht sicher, ob er mich noch mal besucht, weißt du. Aber wenn er kommt, frag ich ihn natürlich.“
Es geschah dann am Freitag. Ich kam ziemlich enttäuscht aus der Schule, weil Nils mir mitgeteilt hatte, dass er am Wochenende zu seinen Großeltern fahren würde. Ja toll, und was mache ich? Nach dem Mittagessen zog ich mich in mein Zimmer zurück und hoffte, dass Anna mich nicht nerven würde. Ich legte mich mit einem Buch aufs Bett und wäre beinahe eingeschlafen, als ein Geräusch zu hören war.
Knöpfchen, dachte ich sofort.
Es war nämlich kein Knacken, sondern ein Bleistift, der sich im Bücherregal selbständig zu bewegen schien.
Ich starrte gebannt auf das Regal. Da entdeckte ich ihn. Hinter einem Stapel Bücher guckte sein Hinterteil hervor, das kurz darauf wieder verschwand. Dafür erschienen seine Finger auf der anderen Seite des Bücherstapels. Sie griffen um die Kante und dann waren auch schon seine Haare zu sehen. Ich musste lachen, leise natürlich. Dann konnte ich mich aber nicht mehr zurückhalten.
„Kannst vorkommen, Knöpfchen! Ich habe dich längst entdeckt“, rief ich amüsiert.
Ein finster dreinschauendes Gesicht schob sich langsam hinter dem Stapel hervor. Dann erschien der ganze Kerl. Wütend stampfte er mit dem Fuß auf. Durch das Regal ging ein Beben.
„Was war es diesmal? Hä?!“ Knöpfchen war verständlicherweise verärgert.
„Zwei Sachen haben dich diesmal verraten.“
„Ja?!“
Schweigen.
„Was jetzt? Ich warte!“
„Erstens: Ein Geräusch.“
„Ein Geräusch? Was für ein Geräusch? Ich war doch leise.“
„Der Bleistift!“
„Verdammt! Du hast doch früher auch nicht auf so was geachtet.
Warum jetzt?“
„Stimmt. Aber ich bin ja jetzt auch aufmerksamer als früher. Jetzt wo ich dich kenne.“
„Huhuuu… es wird nie ein richtiger Knokki aus mir. Nie.“
„Komm. Das ist doch Wurscht. Du bist auch so ein netter Kerl“, versuchte ich ihn zu trösten und trat damit wieder mal voll ins Fettnäpfchen.
„ICH BIN NICHT NETT!“, schrie Knöpfchen zornig. „Ich bin hinterlistig, gemein, boshaft, fies, schadenfroh. aber… aber… NICHT NETT! Verstanden?“
„Ist ja gut, du böser, hinterlistiger Knokki“, sagte ich. Es fiel mir schwer, nicht zu lachen, aber Knöpfchen musste sich erst einmal wieder beruhigen. Er war beängstigend rot im Gesicht.
Prüfend sah er mich an. „Zweitens?“ Das klang nicht etwa wie eine Frage. Nein. Das war ein Befehl.
„Glaub mir, das willst du gar nicht wissen. Es ist ja auch nicht so wichtig.“ Jetzt wurde Knöpfchen plötzlich blass. Verlegen rieb er sich sein Hinterteil. Er wusste es also, oder ahnte es zumindest. Mitleidig sah ich ihn an.
„Was glotzt du so, hä? Ja, ja… ich weiß. Mein Hinterteil. Verdammt!“
Wir schwiegen uns an. Ich wagte nicht, etwas zu sagen. Hatte Angst, ihn wieder zu verärgern. Er hatte die Hände auf dem Rücken und zeichnete mit dem rechten Fuß Halbkreise auf den Regalboden. Dabei beobachtete er mich aus seinen Augenwinkeln. Eine Verlegenheitsgeste?… „Duhu?“
„Ja?“
„Wenn du mal einem anderen Knokki begegnest, wirst du ihm von mir erzählen? Ich meine, dass du mich an den Haaren… na du weißt schon.“ Knöpfchen machte ein säuerliches Gesicht.
Ich tat, als würde ich überlegen. Das half mir dabei, nicht zu grinsen.
„Tja also. Ich vermute ja, dass dieser Knokki dann genau wie du daran interessiert wäre, dass ich die Begegnung mit ihm nicht weitererzähle. Denkst du nicht?“
Knöpfchen schlug sich erleichtert mit der Hand an die Stirn.
„Na klar! Dass ich daran nicht gedacht habe. Logisch. Aber wenn… erzählst du mir dann davon?
Ich mein, ich könnte ihn ärgern, erpressen… ach das wäre herrlich.“ Bei den letzten Worten legte Knöpfchen die Hände vor der Brust zusammen und sah verträumt an die Decke seines Regalfaches. Dabei leuchteten seine Augen vor Begeisterung.
„Jetzt wirst du aber übermütig. Außerdem finde ich das ziemlich gemein, was du vorhast."
„Hast du es endlich kapiert? Wir sind gemein!“ Die Hände auf die Hüften gestützt, grinste er boshaft zu mir herunter.
„Ne, ist klar“, sagte ich amüsiert und drehte mich weg. „Da ich ja eigentlich nicht gemein bin, würde ich dir normalerweise natürlich nichts über einen anderen Knokki erzählen. Ich weiß nicht…“ Ich ging auf und ab und überlegte, wie ich es anstellen sollte, von dir zu erzählen. Und dass du über ihn schreiben wolltest. Nur ein einziges unüberlegtes Wort, und…
Knöpfchen hüpfte nun aufgeregt von einem Bein aufs andere.
„Voraussetzung ist natürlich, dass ich einen anderen Knokki erwische. Natürlich bin ich jetzt viel aufmerksamer als je zuvor. Es ist also gar nicht so unwahrscheinlich, dass das passiert. Tja, also ich überlege gerade, warum ich das tun sollte. Ich meine, was habe ich davon? Was bekomme ich dafür?“ Ich blieb vor dem Regal stehen und sah den Knirps fragend an.
Der hatte nachdenklich seinen Zeigefinger im Mund. „Einen Kreisel. Ich hab mal einen Kreisel geklaut. Den kannste haben.“
„Was soll ich mit einem Kreisel. Nee, nee, es muss etwas anderes sein.“ Ich dachte, jetzt oder nie. „Ich weiß schon, wie wir ins Geschäft kommen. Also, da gibt es jemanden, dem ich von dir erzählt habe.“
„Was?!“, war seine entsetzte Reaktion.
„Beruhige dich. Es ist nur eine Freundin. Sie schreibt manchmal lustige Sachen für Kinder. Als ich von dir erzählt habe, hat sie gefragt, ob sie über dich schreiben darf. Wenn du darauf eingehst, könnte ich dir versprechen, dass ich niemandem von dir erzählen würde.“
Knöpfchen hielt sich die Ohren zu. Panisch blickte er zu mir herunter. Dann wurde er zornig. Ich wusste es, dachte ich enttäuscht.
„Frag das nie wieder, hörst du?… Nie, nie wieder! Verstanden?“ Er ergriff den Bleistift und warf ihn in meine Richtung. Dann sprang er vom Regal auf den Schreibtisch. Dort schoss er alle Kleinigkeiten, die verstreut herumlagen mit dem Fuß auf den Boden. Ein Sprung vom Schreibtisch, schon war er hinter dem Regal verschwunden und mal wieder weg. Hoffentlich nicht für immer.
Also, meine Angst war umsonst. War ich froh! Schon am nächsten Tag war er wieder da. Ich saß am Schreibtisch und hab gelesen. Plötzlich… zwutsch… flog mir ein Radiergummi an den Kopf. Erschrocken sah ich auf, genau in die Richtung, aus der der Radiergummi gekommen war, also in Richtung Regal. Da stand er, im obersten Fach, die Hände in die Seiten gestützt.
„Na? Hast was mitgekriegt? Aber sei ehrlich!“
„Nee, diesmal nicht. Obwohl…“ Hier machte ich eine Pause, um ihn zu ärgern. An seinem Minenspiel erkannte ich jedoch, dass ich schnell fortfahren musste. „Obwohl ich mich gründlich umgesehen habe… na ja, vor einer Stunde ungefähr.“
Ein Strahlen ging über Knöpfchens Gesicht.
„Vielleicht wird ja doch noch ein anständiger Knokki aus mir. Vielleicht wirst du mich ja nie, nie wieder entdecken. Hm? Kann ja sein. Ich werde mich jedenfalls anstrengen.“ Überlegen sah er auf mich herab.
„Nein“, lachte er dann und winkte ab, „du wirst mich nie wieder entdecken, wenn ich es nicht will. Ich glaub, jetzt habe ich die Kurve gekriegt.“
Ich musste auch lachten. „Wir werden sehen.“
„Ich hab übrigens nachgedacht“, erzählte er dann mit ernstem Gesicht. „Die ganze Nacht habe ich nicht geschlafen. Ich kann mir einfach nicht leisten, dass du einem Knokki von mir erzählst. Weißt du, ich hätte die Hölle zu Hause. Keiner hätte mich mehr lieb.
Nicht dass ich scharf drauf wäre, aber ich hätte es sicher nicht leicht, wenn alle meinetwegen wieder umziehen müssten."
Er sah mich prüfend an. Da ich nicht lachte, fuhr er fort: „Es ist wirklich wichtig für mich, dass kein Knokki von unserer Bekanntschaft erfährt.“
Natürlich hatte ich gar nicht vor, irgendeinem anderen Knokki über Knöpfchens Missgeschick zu erzählen. Ich kannte ja auch gar keinen anderen Knokki und ich konnte mir auch nicht vorstellen, dass ich jemals einem anderen Knokki begegnen würde. Aber ich wollte ihn doch davon überzeugen, dass wir über ihn schreiben dürfen. Also zuckte ich mit den Schultern und sagte: „Versprechen kann ich dir das nicht, Knöpfchen.“
Er stampfte wütend mit dem Fuß auf, was das Regal mal wieder zum Beben brachte.
„Ich habe es gewusst. Du bist ja sooo gemein!“
„Ich… gemein. Das sagt der Richtige. Hör zu. Du kennst ja meine Bedingung. Wir wollen über dich schreiben. Wenn wir das dürften, hättest du mein Versprechen. So einfach ist das.“
Knöpfchen fuchtelte verärgert mit den Armen. „Das geht nicht. Denk dir was anderes aus. Ich kann doch nicht einfach über meine Leute erzählen. Geschweige denn, das auch noch aufschreiben lassen. Da können wir uns auch gleich auf den Markt stellen. Nein.“
„Keiner, aber auch wirklich keiner, würde diese Geschichten glauben. Wenn ich so etwas lesen würde, ich würde es auch nicht glauben“, gab ich zu bedenken.
Knöpfchen überlegte kurz, dann lachte er endlich mal. Er schlug sich auf die Schenkel und lachte. „Das habe ich doch für den Moment total vergessen. Ihr seid ja so schrecklich dumm. Ja, du hast vielleicht Recht. Ich werde drüber nachdenken.“
Er kratzte sich am Kopf, dann nickte er. „Sag dieser… dieser, na, du weißt schon…, dass sie morgen herkommen soll. Ich muss jetzt gehen.“
„Warte!… Ich glaube, sie ist zu Hause. Wir könnten sie anrufen. Vielleicht kommt sie gleich her? Hm? Ist nur so eine Idee. Was meinst du?“ Ich starrte den kleinen Kerl gebannt an.
„Ich bin noch gar nicht mit dem Nachdenken fertig….
Ist… sehr plötzlich. Aber…“, überlegte er, „andererseits hätte ich den Quatsch dann hinter mir. Tja, ich weiß nicht…“
„Du kannst ja selbst mit ihr sprechen. Soll ich sie anrufen? Sag ja! Bitte!“
„Hm, na gut.“
Und so kam es zu dem ersten Treffen. Du kamst in mein Zimmer und starrtest mindestens fünf Minuten mit offenem Mund Knöpfchen an, ehe du dich wieder gefangen hast. Mir war angst und bange. Wie mag er darauf nun wieder reagieren?
Als du dich dann endlich hingesetzt hast, war es an ihm, dich anzustarren. Dann sah er mich an, und dann wieder dich.
„Und? Schreibzeug mit?“, fragte er knapp.
Du hast genickt und zur Bekräftigung deine Tasche hochgehalten. „Hier drin.“
Sollte es jetzt endlich wahr werden?
„Also, na gut. Oder, nein! Halt! Das muss ich erst überschlafen. Das geht mir jetzt alles viiiiel zu schnell.“
Und schon war er wieder verschwunden. Na ja, ich muss gestehen, ich hatte schon damit gerechnet. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass er so schnell nachgeben würde. Aber jetzt hattest du ihn gesehen und musstest mir glauben. Auch wenn du eine ganze Weile kein Wort gesagt hast, jetzt hast du gewusst, dass es ihn gibt. Das war ein gutes Gefühl für mich.
Und irgendwann, da war ich sicher, würden wir auch über ihn schreiben dürfen.
Jawoll, ein Lügner. Ich glaube ihm einfach nicht, dass er mich gesehen hat. Kann gar nicht sein, da ich hinter den Büchern stand. Der Scheißbleistift war Schuld. Also war Peter Schuld. Überall lässt er was herumliegen. Er hätte mich nie gesehen, wenn der Bleistift nicht weitergekullert wäre. Ich bin nur gestolpert.
Verdammt!… Und dann, und das ist das wirklich Gemeine, hat er einfach behauptet, dass er meinen Po gesehen hat. Nicht etwa meine Haare, die Arme oder Füße, nein, mein Hinterteil hätte er gesehen. Jaha, und das nur, um mich zu verletzen. Nein, nein! Sagt was ihr wollt, aber er hat mich nicht gesehen! Er hat mich nur vermutet!
Und was meinte er mit ‚Verlegenheitsgeste‘? Ich war doch nicht verlegen. Ich doch nicht! Ich habe ihn auch um nichts gebeten. Bedroht habe ich ihn. Sollte er jemals einem anderen Knokki von mir erzählen, hätte er nichts mehr zu lachen. Meine Rache wäre furchtbar. Also, auch das stimmt nicht!
Fast hätte ich Lust, das ganze abzublasen. Was bildet ihr euch eigentlich ein, hä?
Niemals würde ich sein Schweigen erkaufen. Womit denn auch? Und überhaupt, wofür? Dass ihr über mich schreiben dürft, habt ihr einzig und allein meiner… äh… na ja, ich war halt neugierig. Ja genau, es war die Neugier.
Ich habe vor nichts und niemandem Angst. Also: Ich bin nicht erpressbar.
Wenn ihr so weitermacht, werd ich wohl nicht mehr kommen. Dann könnt ihr mir den Buckel runterrutschen. Außerdem habe ich sowieso keine Lust mehr zum Schreiben. Basta. Tja, und überhaupt, wir Knokkis lesen nicht so gerne. Zu so etwas haben wir einfach keine Lust. So, mehr habe ich dazu nicht zu sagen. Ihr könnt ja schreiben, was ihr wollt, denn in einem Punkt hatte Peter wirklich recht: Kein Mensch wird euch diesen ‚Unsinn’ glauben.
Die erste Begegnung mit Knöpfchen hatte mir buchstäblich die Sprache verschlagen. Erst jetzt konnte ich es wirklich glauben.
Peters Erzählungen habe ich schon ernst genommen, obwohl mein Verstand sich irgendwie dagegen gewehrt hat. Sogar noch, nachdem ich mit Knöpfchen am Telefon gesprochen hatte.
Aber als ich ihn dann sah, erschien mir alles total normal. Fast so, als hätte ich schon immer gewusst, dass es Knokkis gibt. Nach den vielen Anfangsschwierigkeiten und einer Wartezeit von fast drei Monaten, waren wir uns nun endlich einig: Knöpfchen wird aus seinem Leben erzählen.
An einem Ferientag waren wir mit ihm verabredet. Peters Eltern mussten arbeiten und Anna war bei den Großeltern. Peter sollte eigentlich auch mit aufs Land, damit er nicht den ganzen Tag allein zu Hause war. Er musste ziemlich viel Überzeugungskraft aufbringen, um zu Hause bleiben zu dürfen. Nun, er hat es geschafft und so konnten wir ganz ungestört mit dem Knirps plaudern.
Knöpfchen hatte sich mal wieder durch ein Geräusch verraten, aber Peter sah mich flehend an und schüttelte dabei fast unmerklich mit dem Kopf. Ich verstand ihn sofort und habe so getan, als würde ich etwas ganz Wichtiges in meinem Schreibzeug suchen. Wir wollten ihn ja nicht gleich verärgern. Man weiß ja nie, wie er auf die Enttäuschung einer erneuten Entdeckung reagieren würde.
Allerdings habe ich ihn heimlich aus den Augenwinkeln beobachtet. Das Regal schien ihm zu langweilig. Jetzt wurde er übermütig. Er schlich an der Wand entlang, hinterm Schreibtisch weiter, wo er zwischen Wand und Schreibtisch beinahe steckengeblieben wäre, weiter in Richtung Bett.
Erstaunlich geschickt kletterte er hinauf, und setzte sich mitten aufs Kopfkissen. Da thronte er nun mit verschränkten Armen und beobachtete uns mit hochmütiger Mine.
„Also ihr kriegt auch gar nichts mit. Ich hätte mich hier noch eine Stunde aufs Ohr hauen können, ohne dass ihr etwas gemerkt hättet“, tönte es kess vom Kopfkissen.
Wir spielten natürlich die völlig Überraschten, was Knöpfchen in beste Stimmung brachte. Und genau so wollten wir ihn ja haben.
„Habt ihr schon meine neuen Socken gesehen? Hat Omma mir gestrickt.“ Knöpfchen fiel nach hinten und hob seine Beine hoch.
„Eine rote und eine grüne Socke? Ist Oma die Wolle ausgegangen?“
Knöpfchen schnellte empört hoch.
„Für dich immer noch ‚Knöpfchens Großmutter‘, weil, es ist nämlich meine Omma, nicht deine!“
„Ist ja gut, tut mir leid“, sagte Peter schnell, um ihn zu beschwichtigen.
„Na gut. Jetzt weißt du Bescheid. Das mit der Farbe ist bei uns nicht so wichtig. Omma strickt einfach drauflos. Hauptsache warm. Und die sind warm.“ Knöpfchen fiel wieder nach hinten und hob seine Beine noch einmal hoch. Diesmal, um die Socken selbst zu bestaunen.
„Ich bin nämlich Ommas Liebling. Nicht dass ich scharf drauf wäre, aber es ist nun mal so. Kann ich nichts für. Von jetzt an werde ich immer, immer warme Füße haben.“
„Apropos deine O…, äh, Großmutter! Du wolltest uns heute doch einiges über die Knokkis erzählen.“
Knöpfchen schnellte wieder hoch. Er hatte eine tiefe Zornesfalte auf der Stirn. „Von ‚wollen‘ kann wohl kaum die Rede sein.“
Wir sahen uns erschrocken an. Nicht, dass er schon wieder verschwinden wollte!
„Reg‘ dich nicht auf, Knöpfchen“, versuchte ich ihn zu beruhigen. „Wir wollen ja nur ein bisschen über dein Leben plaudern. Peter hat sich vielleicht nicht sehr geschickt ausgedrückt.“
Er sah mich misstrauisch an. Schließlich hatte ich bis dahin noch nichts gesagt. Dann stand er auf und kletterte vom Bett herunter.
„Na gut“, sagte er schließlich. „Aber ich erzähle vom Regal aus. Das kann ich nämlich überhaupt nicht haben, wenn man mich von oben herab anglotzt.“
Peter und ich grinsten uns an.
