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Immer, wenn Jette die Ferien bei ihrer Oma Charlotte in der Wassergasse verbringt, zieht sie kleine „Kriminalfälle“ scheinbar magisch an. So geschehen auch in diesem Sommer wieder rätselhafte Dinge. Als sie mit ihren Freunden Claus und Kurti beim Angeln ist, raubt ihnen ein finsterer Geselle ihren gesamten Fang und obendrein noch den Rucksack mit dem Proviant. Als dann auch noch Tienchens Zwergkaninchen Hasi verschwindet, ist das Chaos perfekt. Wer ist eigentlich Kalle Schröder? Wo steckt er und hat er etwas damit zu tun? Ist Herr Sievers, der Hauptverdächtige, wirklich der Täter? Wo ist Hasi? Fragen über Fragen! Aber keine Sorge, unsere Helden greifen dem leicht überforderten Wachtmeister Horn auch in dieser Folge von „Abenteuer in der Wassergasse“ unter die Arme, wenn auch gegen dessen Willen.
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Seitenzahl: 145
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Beteiligte Personen
Jette (Schülerin, 10 Jahre)
Susanne Jakobs (Jettes Mutter)
Bernd Jakobs (Jettes Vater)
Charlotte Neumann, auch Lotti genannt (Jettes Oma)
Kurt Tidemann, genannt Kurti (Jettes Freund)
Tina, genannt Tienchen (Kurtis Schwester, 4 Jahre)
Herr und Frau Tidemann (ihre Eltern)
Hasi (Tienchens weißes Zwergkaninchen)
Schimanski (Kurtis Hund)
Claus Hagen (ebenfalls Jettes Freund)
Herr und Frau Hagen (die Eltern von Claus)
Henning Hinz (Spielzeugmacher, Freund der Kinder,
Besitzer der „Spielzeugkiste“)
Moppel (Hennings Kater)
Karl-Heinz Schröder, Kalle (Stadtstreicher)
Wachtmeister Horn
Roswitha Horn (seine Ehefrau)
Herr Stanislaus Sievers (Löwenapotheker)
Herr Westgrün (älterer Herr, der Oma Charlotte verehrt)
Frau Fransen (eine freundliche Witwe)
Familie Johansen (Inhaber der Bäckerei)
Familie Sonntag (Inhaber der Metzgerei)
Ehepaar Kowalski (Inhaber des Posthotels)
Zwei Gäste des Posthotels (Vater und Sohn?)
Briefträger Kurz (2 Meter groß)
Herr Kaminski (ein Kaninchenzüchter)
Endlich Ferien
Ein Sonntag im alten Baumhaus
Eine unheimliche Begegnung
Hasi bleibt verschwunden
Kalle Schröder ist sauer
Wer ist eigentlich Kalle Schröder?
Wachtmeister Horn greift ein
Unerwartete Hilfe
Kalle Schröders Geständnis
Enttäuschung
Kalle Schröder ist nicht allein
In der Wassergasse tut sich was
Endlich Ferien
Jette steht am Fenster. Nun regnet es schon den ganzen Tag und kein Ende in Sicht. Ausgerechnet heute! Am ersten Ferientag! Ob es morgen auch noch regnet?, denkt sie.
Morgen wird Jette nach Waldberg reisen, zu Oma Charlotte in die Wassergasse. Wie sie sich auf Oma freut! Und auf die Jungs. Auf Tienchen, Kurtis kleine Schwester, natürlich auch.
Ob diesmal wieder etwas passiert? Meist passiert irgendetwas Verrücktes, wenn sie bei Oma ist. Jette denkt an die verschwundenen Weihnachtsbäume und muss grinsen.
Auf jeden Fall gibt es das Baumhaus. Außerdem kann man im Flüsschen angeln, in dem es viele Forellen gibt. Mit Schimanski ist es auch immer lustig. Schimanski ist Kurtis Hund. Ein lustiger, kleiner, schwarz-weiß-gefleckter Hund. Ob er sie wiedererkennen wird?
Was mag wohl im Moment Omas Lieblingsfarbe sein? Orange? Grün? In den letzten Ferien war’s pink. Pink! Pinkfarbenes Kleid mit passenden Schuhen, Tasche und breitkrempigem Hut! Papa sagt immer: ‚Dieses verrückte Huhn’. Dann schüttelt er den Kopf und schmunzelt. Jette gefällt es, dass Oma Charlotte eine so farbenfrohe Oma ist.
Klar, sie fällt auf. Viele Menschen drehen sich nach ihr um. Na und? … Wem es nicht gefällt, ... der soll wegsehen.
Dafür ist Oma Charlotte die netteste Oma der Welt. Sie drückt immer ein Auge zu, wenn Jette mal keine Lust hat, abzuwaschen.
„Hast du wirklich nichts vergessen? Deinen Regenmantel zum Beispiel?“
„Jaaa“, antwortet Jette gequält. Der Gedanke an verregnete Ferien behagt ihr ganz und gar nicht.
„Gummistiefel?“
„Gummistiefel brauch ich nicht!“, sagt Jette bestimmt.
„Brauchst du wohl, wenn du partout nicht bei Henning basteln willst.“ Jettes Mutter lächelt verständnisvoll.
Jette stöhnt. „Die Sonne wird noch denken: Die Jette hat Regenmantel und Gummistiefel dabei, dann brauche ich mir ja nicht so viel Mühe geben.“
Jettes Mutter muss gegen ihren Willen lachen. „Du wirst mir vielleicht dankbar sein, wenn die Jungs bei Regenwetter durch den Wald ziehen oder Angeln gehen, und du nicht dabei sein kannst, weil deine Gummistiefel zu Hause stehen.“
„Ist ja gut. Also Gummistiefel.“
„Beeil dich. In zehn Minuten müssen wir los.“
Auf dem Bahnsteig ist ein ziemliches Gedränge. Alle wollen endlich in die Ferien fahren. Jette hat natürlich Verständnis für das ganze Gestoße und Geschubse, schließlich will sie ja auch in die Ferien fahren. Ihre Gedanken sind ohnehin bereits in der Wassergasse.
Hoffentlich ist Oma auch pünktlich. Obwohl, … Oma ist eigentlich immer pünktlich. Und wenn nicht, weiß ich ja, wo sie wohnt. Ob die Jungs auch auf dem Bahnhof sind? Beim letzten Mal waren sie da. Das war total peinlich, weil Oma ständig so blöde Bemerkungen gemacht hat.
Claus hat gegrinst, aber Kurti war fast so rot wie sein Haar. Ich wahrscheinlich auch. Oma und ihre Kombinationsgabe. Sie kann nicht verstehen, dass auch Jungs und Mädchen befreundet sein können, ohne ... ja ... ohne diesen Verliebt-sein-Schmus.
„Also Jette, sei lieb zu deiner Oma. Ärgere sie nicht. Hilf ihr in der Küche und beim Saubermachen ... ja und im Garten.“
„Mach ich doch immer, … ich meine helfen. Und ärgern, wer wohl. Du sagst doch immer Lotti zu ihr, obwohl du genau weißt, dass sie das nicht leiden kann.“
Jettes Mutter lächelt. „Mein Kind, ich heiße Charlotte. Wann merkst du dir das endlich einmal“, imitiert sie Omas Stimme. „Das macht solchen Spaß. Aber es ist nicht richtig, das gebe ich zu. Wir haben übrigens noch gar nicht gewettet. Omas Outfit in diesem Jahr ist ...“ Jettes Mutter überlegt einen Augenblick. „... pink? Ja, ich sage pink.“
Jette schüttelt den Kopf.
„Da hast du aber nicht richtig nachgedacht. Pink war voriges Jahr. Ist längst auf Reisen mit der Kleidersammlung. Hellgrün sage ich.“
Jettes Mutter lacht. „Na gut. Die Wette gilt. Du wirst sie ohnehin gewinnen, wie immer.“
„Der Zug kommt! Der Zug kommt! Mama, gib Papa einen Kuss von mir. Machs gut. Und ärgere Papa nicht immer. Und hilf ihm schön in der Küche und im Garten.“
Mama nimmt Jette lachend in die Arme. „Viel Spaß bei Oma. Und grüße sie von uns. Und ruf gleich an, wenn du angekommen bist. Du wirst uns fehlen.“
Jette steigt in den Zug ein, dreht sich in der Tür noch einmal um, um zu winken. Das gelingt angesichts des Gedränges nicht. Sie wird von den Nachkommenden einfach weitergeschoben. Als sie dann endlich einen Platz gefunden hat, hat der Zug längst den Bahnhof verlassen.
Da ist sie, denkt Jette begeistert. Sie leuchtet aus den Wartenden heraus ... in hellgrün. Ein Jubelschrei rutscht ihr heraus.
Die Leute starren sie irritiert an. Wie peinlich, aber die Wette habe ich gewonnen, denkt sie. Tja Mama, lass dir was einfallen.
Jette stürzt auf ihre Oma zu und fällt ihr um den Hals. Oma hält erschrocken ihren Hut fest.
„Nicht so stürmisch, junges Frollein. Mein Hut wäre beinahe ...“
„Oma. Endlich! Ich habe schon gedacht, dass die letzten Schultage nie vergehen werden.“
„Dafür werden die Ferien um so schneller vergehen“, lacht Oma Charlotte. „Aber erst einmal ein herzliches Willkommen, Jette. Jetzt kommt endlich mal wieder etwas Abwechslung in mein Leben.“
„Und in meins.“
„Aber erst machen wir es uns so richtig gemütlich zu Hause. Was wäre denn dein Wunsch zum Abendbrot?“
Jette drückt mit dem Zeigefinger die Nase platt und verdreht die Augen. Oma soll denken, dass sie angestrengt nachdenkt. Sie kennt schließlich ihr Lieblingsgericht: Senfeier. Also steht schon das bereits fertige Essen bereit.
„Also ... also, Senfeier. … Ja, ich wünsche mir Senfeier.“
Oma Charlotte sieht ihre Enkelin zufrieden an.
„Wie geht’s dir überhaupt? Wie unhöflich von mir, diese Frage zu vergessen“, sagt Jette, während die zwei den Bahnsteig verlassen.
„Wunderbar.“ Oma Charlotte zwinkert Jette zu. „Jetzt, wo meine Enkelin mal wieder da ist. Übrigens, ich bin nicht die einzige, die dich erwartet. Wie heißt doch noch dieser Junge mit der kleinen Schwester ... du weißt schon, der Sohn von Tidemanns.“
„Kurt.“
„Nee, das war was mit ‚i‘ am Ende.“
„Alle nennen ihn Kurti. Was ist mit ihm?“
„Er hat nach dir gefragt. Ah, wenn man vom Teufel spricht. Da drüben steht er mit Claus und dem kleinen Mädchen.“
„Oh, Oma darf ich den dreien mal ganz schnell guten Tag sagen?“
„Ja, ja. Kaum ist sie da, ist sie auch schon wieder weg.“ Oma sieht Jette dabei vielsagend an.
Jette versucht es mit einem Schmollmund.
„Geh schon“, sagt Oma Charlotte lachend.
Als Jette auf die drei zugeht, fängt Tienchen vor Freude an zu hüpfen.
Die Jungs grinsen ihr blöd entgegen. Claus formt seine Hände zu einem Trichter und ruft, allerdings ziemlich leise: „Achtung, Achtung! … Bringen sie sich in Sicherheit! Jette ist wieder mal in Waldberg!“ Dafür jagt Kurti ihm den Ellenbogen in die Seite.
„Autsch!“
„Ha, ha! Witzige Begrüßung!“ Jette klatscht ironisch Beifall.
„Tschuldigung. War ja nur Spaß“, sagt Claus und tut, als wäre er zerknirscht.
„Habt ihr irgendwelche Pläne für die nächste Zeit? Was immer es ist, ich bin dabei. Wart ihr denn schon mal in eurem Baumhaus? Ich hoffe, da ist alles sauber und aufgeräumt!“
„Jaaa, im Baumhaus!“, ruft das hüpfende Tienchen.
„Quatsch Tienchen. Wir waren doch schon lange nicht mehr da“, sagt Kurti gutmütig.
„Doch, morgen!“, widerspricht Tienchen und verschränkt die Arme vor der Brust.
Jette lacht. „Tienchen, wir können ja gestern zum Baumhaus gehen.“
Tienchen ist begeistert.
„Und außerdem, was soll’n wir denn allein im Baumhaus? Keiner, der belegte Brote und Limo mitbringt. Keiner, der da oben mal den Besen schwingt. Keiner, der ... “
„Ja, ja. Du Armer“, unterbricht Jette Claus. „Das ist ja jetzt vorbei. Ich will gern Proviant mitbringen. Aber die Sache mit dem Besen kannst du vergessen. Entweder alle oder keiner. Sagt lieber, was ihr heute Abend macht.“
„Also, wir haben uns gedacht, dass wir heute mal Henning überraschen. Was denkst du?“ fragt Kurti vorsichtig.
Das gefällt auch Tienchen. Zu Henning geht sie gern. Welches Kind geht nicht gern in ein Haus voller Spielzeug.
„Super Idee, falls Oma mich gehen lässt“, sagt Jette.
„Du kannst sie ja gleich mal fragen. Guten Tag Frau Neumann.“ Claus mit ausgesuchter Höflichkeit, man glaubt es kaum.
„Hallo Kinder. Wie geht es euch? Habt ihr schon einen Plan für die Ferien?“
„Wir haben doch wohl immer einen Plan, Frau Neumann.“
„Ja, Oma. Wir wollen heute Abend Henning überraschen. Kann ich mit?“
„Jetzt gleich?“ fragt Oma Charlotte enttäuscht.
„Nein. Natürlich etwas später.“
„Das muss ich mir erst noch überlegen. Jetzt gehen wir erst einmal deinen Rucksack auspacken. Ja, und etwas essen, dann sehen wir weiter. Jungs, man sieht sich“, fügt Oma betont lässig hinzu.
„Ja, man sieht sich“, flüstert Jette an die Jungs gewandt. Die drei grinsen sich an.
Als Jette und ihre Oma schon ein Stückchen weg sind, dreht Jette sich noch einmal um und ruft: „Falls ich darf, würde ich mich freuen, wenn Schimanski, der größte Polizeihund aller Zeiten, dabei wäre.“
„Und Hasi!“, ruft Tienchen.
Haaasi? überlegt Jette. Vielleicht ein Stofftier?
„So, Oma. Auf zum ‚Gemütlichmachen‘!“
„Also, genießen wir den Abend, äh, den halben Abend.“
„Juhu! Danke Oma.“
Kurti, Claus und Tienchen schlendern langsam in Richtung Wassergasse.
„Also, ich bringe erst einmal Tienchen nach Hause. Dann gibt’s Abendbrot. Soll ich dich abholen?“
„Wir können doch gleich zu Henning. Meine Eltern kommen heute später. Ich hätte Zeit.“
„Nee. Geht nicht. Tienchen muss ins Bett und ohne Abendbrot lässt mich meine Mutter bestimmt nicht gehen. Komm doch mit.“
„Ich will nicht ins Bett.“ Tienchen heult wie eine Sirene. „Will zu Henning.“
Claus hält sich die Ohren zu, während Kurti versucht, Tienchen zu beruhigen.
„Pass auf Tienchen. Morgen früh, bevor du mit Mama und Papa zu Opa fährst, gehen wir zwei ganz allein zu Henning. Was denkst du? Ist das ein Angebot?“
„Wilklich waah? Versplochen, Kurti?“ Tienchen schluchzt noch ein wenig. Sie weiß, wenn Kurti etwas verspricht, hält er es auch.
„Ja. Versprochen.“
Claus atmet auf. Dann sieht er zu Tienchen hinunter. „Tienchen, sag doch mal ‚rrrrrrrrr‘.“
„Rrrrrrrrrr“, pariert sie.
„Jetzt sag mal ‚rrosarrrot‘“, versucht es Claus weiter.
„Losalot.“
Kurti winkt ab. „Hoffnungsloser Fall. Haben wir alles schon versucht. Lass ihr Zeit. Das lernt sie schon noch.“
Claus sieht Kurti an. „Das Los noch eine so kleine Schwester zu haben, ist wohl manchmal ein hartes Los.“
„Ach komm. So schlimm ist es mit ihr doch gar nicht.“ Kurti verteidigt Tienchen immer.
„Stimmt. Was gibt’s denn bei euch zum Abendblot?“
Kurti lacht. „Keine Ahnung. Lass uns einfach nachsehen.“
„Das wird aber auch allerhöchste Zeit. Tienchen muss doch ins Bett.“
„Aber ich bin ga nicht müde, so.“
„Was machen wir denn da, hm? Wenn du so spät zu Bett gehst, verschläfst du morgen vielleicht. Ja und da müssen Papa, Kurti und ich dann ganz allein zu Opa fahren.“
„Dann muss ich ja weinen.“
„Also, das wollen wir doch nicht, oder? Jetzt essen wir erst Abendbrot, dann Zähne putzen und waschen und ab in die Falle.“
Claus und Kurti lassen sich in der Zwischenzeit das Abendbrot schmecken. Als Kurtis Eltern sich mit Tienchen dazusetzen, sind sie bereits fertig. „Wir wollten heute noch Henning einen Besuch abstatten. Was sagt ihr?“ Kurti ist unbehaglich zumute. Schließlich ist es schon ziemlich spät.
„Jetzt noch?“ Kurtis Mutter ist erstaunt.
„Es sind doch Ferien, Frau Tidemann“, unterstützt Claus das Unternehmen ‚Henning‘.
„Na ja“, mischt sich Herr Tidemann ein. „Das bedeutet ja nicht, dass ihr euch unbegrenzt abends draußen herumtreiben könnt. Zurzeit geht in dieser Gegend ein ... ein ... wie kann man ihn nennen? Ja, ein Landstreicher um.“
„Ich bitte dich“, lacht Frau Tidemann, „der Herr Hinz hat seinen Laden gleich nebenan.“
Jetzt lacht auch Herr Tidemann. „Das hatte ich für den Moment ganz vergessen. Na gut. Haut ab.“
Die Jungs springen auf, pfeifen Schimanski herbei und stürzen in den Flur.
„Kommt nicht so spät, Kurti!“, ruft ihnen Herr Tidemann noch hinterher.
„Nahein!“, ruft Kurti.
„Auf Wiedersehen!“, ruft Claus.
Und schon stehen sie ganz außer Atem auf der Straße. „He“, flüstert Kurti, „kennst du den? Hab ich noch nie hier gesehen.“
Auf der anderen Straßenseite geht ein etwa fünfzehnjähriger Junge in Lederjacke und Markenjeans.
„Den hat die Mama aber rausgeputzt. Nee, den kenne ich nicht. Hat der sich verlaufen?“
Die beiden sehen ihm hinterher, bis er im ‚Posthotel‘ verschwunden ist.
„Aha“, sagt Claus, „ein Tourist.“ Die Jungs sehen sich an und lachen, dann gehen sie zu Henning.
Im Laden ist es schon dunkel. Als die Türglocke ertönt, ruft Henning aus der Werkstatt: „Es ist schon geschlossen!“
„Prima, dann hast du ja Zeit für uns!“ rufen Claus und Kurti zurück.
„Hallo Jungs! Kommt rein. Ich bin hier hinten, in der Werkstatt.“
Schimanski stürzt durch den Laden nach hinten, auf Moppels Fressnapf zu. Dort hat er zwar noch nie etwas gefunden, weil Moppel, Hennings verfressener Kater, nie etwas übrig lässt, aber der Geruch zieht ihn immer wieder magisch an. Moppel erhebt sich empört. Das geschieht nicht so oft, aber hier geht es immerhin um seinen Fressnapf. Als der Kater Schimanski erkennt, lässt er sich gelangweilt wieder auf die Fensterbank plumpsen. Die Jungs grinsen Henning an.
„Tja, die Zeit der Auseinandersetzungen zwischen den beiden ist wohl vorbei“, stellt dieser fest. „Schade eigentlich. Moppel wird immer fetter. Er könnte etwas mehr Aufregung gut vertragen.“
Jetzt kichern die Jungs. „Wie der Herr, so ... “
Ein Stofftier kommt geflogen.
„Sooo dick bin ich nun auch nicht. Kräftig ... ja. Aber nicht dick!“
„Hast du diesen Fummel hier etwa selbst genäht? Was ist das?“
„Ist das etwa nicht zu erkennen?“ fragt Henning enttäuscht.
„Könnte ein Schwein sein“, orakelt Kurti. „Tienchen würde sich freuen“, fügt er herablassend hinzu.
„Auch dreijährige brauchen Spielzeug, ihr Ignoranten. Mal sehen ob das gekauft wird. Dann mache ich vielleicht noch welche. Aber ehrlich gesagt, tüftle ich auch lieber an mechanischem Spielzeug.
Na ja, man muss alles mal versuchen.“
„Hat Moppel heute schon gefressen? Wir haben nämlich sein Leckerli vergessen.“
„Typisch! Wie soll ich ihm das jetzt wieder erklären?“
Aus dem Laden ertönt erneut die Türglocke. „Wir sind hinten!“, ruft Kurti. Kurz darauf steckt Jette den Kopf um die Ecke.
Schimanski stürzt bellend auf sie zu. Als er sie erkennt, lässt er sich schwanzwedelnd von ihr kraulen.
„Ja Jette, bist du auch mal wieder im Lande? Hab ganz vergessen, dass jetzt Ferien sind. Also: Willkommen in ‚Henning´s Spielkiste‘.“
„Hallo Henning. Bin ich froh, dass endlich Ferien sind. Keine Schule, und so viel frische Landluft ...!“
„He, he“, begehrt Kurti auf. „Waldberg ist eine Stadt.“
Jette lacht. „Ach ja, grüß dich Moppel. Magst du auch Leberkäse? Oma hatte leider nichts anderes im Kühlschrank.“
Moppel mag immer.
„Und damit auch keine Eifersüchteleien entstehen ... auch für dich ein Stückchen, Schimanski.“
„Und an Henning hast du mal wieder nicht gedacht“, sagt Claus ernst.
„Ihr könnt nur rumblödeln“, empört sich Henning. „Sagt lieber, was ihr so geplant habt. Sicher habt ihr doch einiges vor?“, will er wissen.
Jette sieht die Jungs genauso erwartungsvoll an wie Henning.
„Och“, sagt Claus unentschlossen, „so richtig geplant haben wir eigentlich noch nichts. Baumhaus? Angeln? Bei uns ergeben sich die Abenteuer meist so auf halber Strecke von ganz allein. Kennst uns ja.“
„So kann man das sagen. Wie oft habe ich euch eigentlich schon aus der Patsche geholfen?“
Die Jungs grinsen sich vielsagend an. „Jetzt übertreibst du aber“, findet Kurti.
„Egal, ich mache zur Feier des Tages erst einmal einen Eimer Kakao. Was haltet ihr davon?“
„Der reine Wahnsinn! Kakao!“ sagt Claus mit einem ironischen Unterton.
Henning lacht. „Nee, ein männliches Getränk ist das nicht gerade, aber aus sicherer Quelle weiß ich, dass alle Anwesenden Kakao lieben. Außer den beiden Anwesenden mit Fell natürlich.“
Die Kinder müssen nun auch lachen, dann verschwindet Henning zum Kakaokochen.
So beginnt für Jette ein fröhlicher erster Abend in der Wassergasse. Um halb neun verabschieden sich die Freunde von Henning und gehen nach Hause.
Natürlich nicht, ohne sich für den nächsten Tag zu verabreden. „Gehen wir morgen zum Baumhaus? … Bitte!“ bettelt Jette.
„OK, morgen Baumhaus, aber übermorgen dann Angeln.“ Kurti und Jette sehen fragend Claus an.
„Also um neun an der Brücke?“, fragt dieser.
„Neun ist zu früh. Hab Tienchen doch was versprochen“, erinnert Kurti seinen Freund. „Um elf wäre mir lieber.“
„Ist mir Recht. Oma will ja auch was von mir haben. Also um elf an der Brücke.“
*
Kurti dreht sich noch einmal um, so richtig munter ist er noch nicht. Plötzlich zieht irgendetwas an seiner Decke. Er öffnet die Augen und sieht in Tienchens Gesicht, ganz nah und schrecklich frisch und munter.
