Knowing Enough - John C. Bogle - E-Book

Knowing Enough E-Book

John C. Bogle

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Beschreibung

In "Knowing Enough" plaudern zwei erfahrene Investment-Profis über intelligente Geldanlage und die Kunst, ein sinnvolles Leben zu führen. Das Buch kombiniert tiefgreifende Einblicke in das Investieren und die Vita von John C. Bogle, dem Gründer von ­Vanguard und Pionier des Index­Investierens, mit den wertvollen praktischen Ratschlägen von Bestsellerautor und Markthistoriker William J. Bernstein. Ein inspirierendes Buch, das seine Leser animiert, ihre Beziehung zu Geld, Wirtschaft und Gesellschaft zu überdenken.

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Seitenzahl: 397

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Knowing Enough

John C. Bogle, William J. Bernstein

JOHN C. BOGLE

Knowing Enough

Weisheiten über Geld und das Leben

WILLIAM J. BERNSTEIN

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel Knowing Enough: A Conversation About Money and Life – and FiguringOut What to Do with Yours

ISBN 978-1-394-27803-9

Copyright der Originalausgabe 2025:

© 2025 by John C. Bogle and William J. Bernstein. All rights reserved.

Published by John Wiley & Sons, Inc., Hoboken, New Jersey.

Cover Design: Paul McCarthy

All Rights Reserved. This translation published under license with the original publisher John Wiley & Sons, Inc.

Copyright der deutschen Ausgabe 2026:

© Börsenmedien AG, Kulmbach

Übersetzung: Börsenmedien AG, Jarek Piwowarski

Gestaltung Cover: Anna Lena Schramm

Gestaltung, Satz und Herstellung: Anna Lena Schramm

Lektorat: Merle Gailing

Druck: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 978-3-68932-057-7

eISBN 978-3-68932-058-4

Alle Rechte der Verbreitung, auch die des auszugsweisen Nachdrucks, der fotomechanischen Wiedergabe und der Verwertung durch Datenbanken oder ähnliche Einrichtungen vorbehalten.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über <http://dnb.d-nb.de> abrufbar.

Postfach 1449 • 95305 Kulmbach

Tel: +49 9221 9051-0 • Fax: +49 9221 9051-4444

E-Mail: [email protected]

www.plassen.de

www.facebook.com/plassenverlag

www.instagram.com/plassen_buchverlage

Inhalt

Geleitwort zu Knowing Enough

Original-Vorwort zu Enough

Original-Prolog zu Enough

John C. Bogles Anmerkung zu Enough: Eine Krise ethischen Ausmaßes

Ursachen des Zusammenbruchs

„Das Versagen des Kapitalismus“

Die Geschichte von Enough

Was ist also zu tun?

Eine ethische Krise

Öffentliche Resonanz

Die große Verführung

Original-Einleitung zu Enough

Kindheit und Herkunft

Kein Müßiggang

Blair Academy: „Komm, studiere, lerne“

Äcker voller Diamanten

Ankunft in Philadelphia

In Princeton, eine Entdeckung

Eine Tür schlägt zu, ein Fenster öffnet sich

Komplikationen

Ein Unternehmen nimmt Gestalt an

Eine überwältigende Bestätigung in der letzten Instanz

Ein neues Herz

Falscher Glanz und echter Reichtum

Sokrates’ Herausforderung

GELD

KAPITEL 1 Zu viele Kosten, zu wenig Gegenwert

Eine prophetische Prognose

Vom Finanzsektor leben

Reichtümer aus Pleiten

Gewinne für mich, Verluste für dich

Brain Drain

Kosten und Steuern: Der stille Kapitalverlust

Die falsche Art von Zauberei

Wenn die Kosten ihr hässliches Gesicht zeigen

Anleger erhalten genau das nicht, wofür sie bezahlen

Fragen von größter Bedeutung

KAPITEL 2 Zu viel Spekulation, zu wenig Investition

Eine riesige Ablenkung

Ein Spiel, das man nur verlieren kann

Spekulation lenkt den Markt

Schwarze Schwäne und Marktrenditen

Schwarze Schwäne und Anlagerenditen

Die Schildkröten gewinnen

Die Hasen gewinnen (Wie kann das sein?)

Die Gefahren des Market Timing

Das richtige Maß fínden

KAPITEL 3 Zu viel Komplexität, zu wenig Einfachheit

Derivate: Im Takt der Musik

Die Verkäufer gewinnen, die Anleger verlieren

„Stehen Sie nicht nur da. Tun Sie etwas!“

Investmentfonds: Die Messlatte tiefer legen

Selten gut, meist schlecht

Die Innovations-Donnerbüchse

Zurück zum Wesentlichen

Ein allzu vorhersehbares Ergebnis

BUSINESS

KAPITEL 4 Zu viel Kontrolle, zu wenig Vertrauen

Regierungszahlen: Wie man sich die Welt zurechtrechnet

Finanzwelt: Wenn man der Geschichte Gewissheit andichtet

Die Experten irren sich … mal wieder

Die Wirtschaft und die Optimismusverzerrung

Die realen Folgen des blinden Zahlenglaubens

Die Finanzmärkte geben den Takt vor

„Schere, Stein, Papier“

Dem Urteil eine Chance geben

Der Geist des Vertrauens

Erst messen, dann urteilen?

Ein sinnentleertes Unterfangen

KAPITEL 5 Zu viel Geschäftsgebaren, zu wenig Berufsethos

Die Zeiten haben sich geändert

Hammer und Nagel

Der Wandel kapitalistischer Werte

Prinzipal statt Agent

CEO-Gehälter: Wie viel ist genug?

Mangel an Verantwortlichkeit

Innerer Wert, nicht Aktienkurs

Leistung statt Peergroups

Prinzipale und Prinzipien

„Nur Kapitalisten können den Kapitalismus zerstören“

KAPITEL 6 Zu viel Verkaufsrhetorik, zu wenig Verantwortung

Anleger ändern ihr Verhalten – Fondsmanager auch

Gut für Manager, schlecht für Aktionäre

Auf dem Weg zu einer besseren Welt

Lassen Sie uns gemeinsam träumen

Von den Anlegern, durch die Anleger, für die Anleger

KAPITEL 7 Zu viel Management, zu wenig Führung

Eine großartige Organisation aufbauen

Das überlegene Unternehmen

Werte und Gewinne

Der Sturm der schöpferischen Zerstörung

LEBEN

KAPITEL 8 Zu viel Fokus auf das Materielle, zu wenig auf innere Haltung

Mut, Hingabe und Fügung

Hingabe an Familie und Gemeinschaft

Das Bekenntnis zur Staatsbürgerschaft

KAPITEL 9 Zu viel Heute, zu wenig Prinzipien

Das Zeitalter der Vernunft

Der prototypische Mensch des 18. Jahrhunderts

Unternehmer und Kapitalisten

Der unparteiische Beobachter

„Die moralische Geschichte der US-Wirtschaft“

Ein Kaufmann – und ein Mensch

Kapitalismus in die Verantwortung zurückführen

Über die Tugend

KAPITEL 10 Zu viel „Erfolg“, zu wenig Charakter

Fragwürdige Maßstäbe für Wohlstand …

… und für Ruhm und Macht

Das Mittel, nicht der Zweck

Eine besondere Verantwortung

Wettbewerb – wofür eigentlich?

„Ohne Charakter und Mut hält nichts Bestand“

Ist das Kaninchen, das wir jagen, überhaupt echt?

KNOWING ENOUGH (WENN SIE ES KÖNNEN)

Was ist genug – für mich? Für Sie? Für Amerika?

Genug – für mich?

Genug – für Sie?

Genug – für Amerika?

Meine eigene aufregende Odyssee

Bonusinhalt aus If You Can

Wie Millennials langsam reich werden können

Aber Sie sind trotzdem im Nachteil

Wie Sie diesen Leitfaden lesen sollten

Hürde Nummer 1: Investieren reicht nicht – ohne Sparen hilft auch kein Warren Buffett

Hürde Nummer 2: Finanzwissen ist keine Raketenwissenschaft – aber Sie sollten es trotzdem genau verstehen

Hürde Nummer 3 (mit einer Entschuldigung an George Santayana): Wer die Geschichte der Finanzmärkte nicht kennt, wird sie wiederholen

Hürde Nummer 4 (mit einer Entschuldigung an Walt Kelly, den Schöpfer der Pogo-Cartoons): Wir haben den Feind getroffen – und er ist wir selbst

Hürde Nummer 5: Die Finanzbranche will, dass Sie arm und dumm bleiben

Was ist mit der praktischen Umsetzung?

Bonusinhalt aus Stay the Course

Was wirklich wichtig ist

Kurs halten

John C. Bogles Nachwort zu Enough

Eine persönliche Rückschau auf meine Laufbahn

Danksagung des Autors

Endnoten

Geleitwort zu Knowing Enough

Wirklich niemand hat mehr für Anleger getan als Jack Bogle. Mein Mitstreiter Taylor Larimore – ein ebenso eingefleischter Bogle-Fan wie ich – sagt gern, er lebe in einem „Haus, das Jack gebaut hat“. Ich zähle mich ebenfalls dazu, zusammen mit Tausenden anderen. Und Millionen weiterer Menschen – ob sie es wissen oder nicht – verdanken ein gutes, sorgenfreies Leben der Tatsache, dass Jack bei Vanguard kostengünstige Investmentfonds ins Leben rief.

Vor 25 Jahren trafen sich ein paar Dutzend Leute in Taylors „Haus, das Jack gebaut hat“ – genauer gesagt: in seiner Eigentumswohnung mit Blick auf die Biscayne Bay –, um Jack zu begegnen. Er war damals in der Stadt wegen des Miami Herald-Seminars „Making Money“, das im März 2000 stattfand. Dort war keine Fragerunde vorgesehen. Also kam Jack kurzerhand zu Taylor, um sich mit dieser kleinen Gruppe zu treffen. Der Herald erkannte bald, dass dieses Treffen wichtiger war als das eigentliche Seminar – und schickte einen Reporter und einen Fotografen. Am Ende wurde es zur Titelgeschichte im Wirtschaftsteil der Sonntagsausgabe.

Die meisten in dieser Runde kannten sich bereits aus dem Morningstar-Forum über Vanguard-Fonds. Seitdem treffen sich die Bogleheads jedes Jahr im Herbst – nur während der Pandemie nicht. Ein Teilnehmer des Treffens 2001 in Chicago sagte: „Ich habe meinen Kindern

erklärt, dass ich das Wochenende mit 50 Leuten verbringe, die ich nur aus dem Internet kenne.“ Als der Journalist Jason Zweig fragte, wie Freunde und Familie darauf reagieren, meinten die meisten: „Die halten mich für verrückt.“ Ich war erstmals 2002 dabei – und als ich im Jahr darauf wieder ins Flugzeug stieg, fragte ich mich ernsthaft, warum. Doch kaum angekommen, wusste ich es wieder: Die Bogleheads sind die freundlichsten, klügsten und angenehmsten Menschen, mit denen man sich umgeben kann.

So spannend und lehrreich die Jahrestreffen auch sind – mehr als ein paar Hundert Menschen passen nicht in die Konferenzräume. Ganz anders das Forum bogleheads.com: 120.000 registrierte Nutzer und noch weit mehr stille Mitleser. Zunächst wurde es großzügig von Morningstar gehostet, dann entwickelte es sich zu einer eigenen Plattform. Für mich ist es die beste Quelle für allgemeine wie auch individuelle Finanzberatung im Netz.

Noch bevor es bogleheads.com gab, schrieb ein Teilnehmer im Morningstar-Forum, er habe eine rasch fortschreitende Krebserkrankung mit tödlicher Prognose – und brauche finanzielle Hilfe, um seine Frau und seine kleinen Kinder abzusichern. Schon nach wenigen Tagen bekam er von den Bogleheads konkrete Ratschläge: zur staatlichen Alters- und Hinterbliebenenversicherung (Social Security), zur Nachlassabwicklung und zur Übertragung seines Vorsorgevermögens. Und während ich diese Zeilen schreibe, finde ich auf der Startseite von bogleheads.org Beiträge über das erste Investmentkonto eines Teenagers, über den Erlass von Studienkrediten, die Rückzahlung einer Hypothek, ein Dutzend Diskussionen zur Vermögensaufteilung – und sogar einen Thread darüber, ob nun ein ¼-Zoll- oder ein ⅜-Zoll-Steckschlüsselsatz die bessere Wahl ist.

Am bekanntesten sind die Bogleheads dafür, dass sie Jacks Prinzip der „Majestät der Einfachheit“ leben. Ihr berühmtes 3-Fonds-Portfolio besteht aus einer verblüffend schlichten Mischung: dem gesamten US-Aktienmarkt, dem internationalen Aktienmarkt und dem Anleihenmarkt. Ein Portfolio, das sich heute für jährliche Kosten von nur wenigen hundertstel Prozent aufbauen lässt.

Jack Bogles großer Rivale, Edward C. Johnson III von Fidelity, spottete einst über Vanguards Indexfonds: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich die breite Masse der Anleger mit bloß durchschnittlichen Renditen zufriedengeben wird.“ Doch er irrte gewaltig. Immer mehr Anleger erkannten die einfache Logik: Dank ihrer geringen Kosten schlugen Indexfonds regelmäßig aktiv gemanagte Produkte. Johnson hätte nicht falscher liegen können – Anleger waren sehr wohl zufrieden mit „durchschnittlichen“ Renditen. Und während Vanguards Vermögen rasant wuchsen, verstärkte der Skaleneffekt den Vorsprung immer weiter – ein sich selbst verstärkender Kreislauf, der Fidelity so viele Kunden kostete, dass das Unternehmen schließlich eigene Indexfonds auflegte und – man staune – sogar eine Fondsfamilie mit null Gebühren. Natürlich ist auch hier nichts umsonst: Wer in einen dieser gebührenfreien Fidelity-Fonds investiert, kann die Anteile nicht auf eine andere Plattform übertragen.

***

2007 bat mich Jack, mit ihm auf die Bühne zu gehen – für ein knapp einstündiges „Kamingespräch“, das schon bald zu einem festen Jahreshöhepunkt für mich wurde. Ich stellte die Fragen und erklärte ihm hin und wieder jiddische Ausdrücke. Unser letztes Gespräch führten wir im Oktober 2018, kurz vor seinem Tod.

2023 kam Bill Falloon von John Wiley & Sons mit der Idee eines „letzten Kamingesprächs“ auf mich zu: einem Gedenkband, der Jacks Enough und mein If You Can vereint; sämtliche Tantiemen sollten der Bogleheads-Stiftung John C. Bogle for Financial Literacy zugutekommen. Die beiden Bücher passen perfekt zusammen: Enoughist eine tiefgründige Meditation über die Bedeutung von Geld und die Ethik des Umgangs damit – zentrale Themen für jeden Privatanleger.

Eine der zentralen Passagen des Buches – und die Inspiration für seinen Titel – geht auf ein Gespräch zwischen Joseph Heller und Kurt Vonnegut zurück, bei einer Party eines reichen Finanziers. Vonnegut meinte, ihr Gastgeber habe an einem einzigen Tag vermutlich mehr verdient, als Hellers Bestseller Catch-22 je eingebracht habe. „Schon möglich“, antwortete Heller, „aber ich habe etwas, das er nie haben wird … genug.“

Eine weitere zentrale Passage in Enough erzählt eine Parabel: Ein Prediger spricht mit einem Greyhound, der gerade seine Rennkarriere beendet hat.

Läufst du noch Rennen?

Nein.

Bist du zu alt geworden?

Nein, ich hätte weitermachen können.

Dann hast du wohl nicht gewonnen?

Doch, ich habe über eine Million Dollar für meinen Besitzer erlaufen.

Wurdest du schlecht behandelt?

Im Gegenteil – während meiner aktiven Zeit wurden wir wie Könige behandelt.

Hast du dich verletzt?

Nein.

Warum also hast du aufgehört?

Weil ich irgendwann gemerkt habe: Das Kaninchen, dem ich hinterhergejagt bin, war gar nicht echt.

If You Can trägt denselben Geist in sich. 2014 habe ich beschlossen – ganz im Sinne der Bogleheads –, es als kostenlosen Download ins Netz zu stellen (geben Sie einfach „if you can“ und meinen Namen bei Google ein). Fast alle meine Publikationen richten sich an ältere Menschen, die meist schon wohlhabend sind oder es bald sein werden. Das Schreiben über Finanzen – und die praktische Anwendung meines Wissens – hat mir reichlich eingebracht; If You Can war für mich ein Weg, etwas davon an junge Menschen weiterzugeben, die gerade erst in die Finanzwelt einsteigen.

Die beiden Bücher ergänzen sich perfekt: Jacks Werk zeigt die Essenz der privaten Finanzwelt, meines erklärt die 3-Fonds-Strategie der Bogleheads bis ins Detail. Enough erschien 2009 bei Wiley; beide Bücher sind inzwischen über zehn Jahre alt – und beim Wiederlesen freut es mich, wie frisch sie noch immer wirken.

Der einzige Teil von Enough, der ein kleines Update brauchte, waren die Seiten über ETFs. Weil sie sich so leicht für Spekulation nutzen lassen, war Jack nie ein Freund davon – und Gus Sauter, ihr Fürsprecher bei Vanguard, musste praktisch über Jacks sprichwörtliche Leiche gehen, um sie überhaupt auf den Weg zu bringen.

Jacks Kritik an ETFs trifft heute noch mehr zu als damals: Fast täglich bringt irgendeine Investmentgesellschaft neuen spekulativen Giftmüll in ETF-Verpackung auf den Markt – gehebelte, inverse oder hyperspezialisierte Branchenfonds und Ähnliches.

Aber man kann auch nicht leugnen: ETFs haben den Zugang der breiten Öffentlichkeit zu günstigen Anlagen enorm erweitert – weil man sie heute fast überall kaufen kann, selbst bei den berüchtigten Full-Service-Brokern.

Gus Sauter erkannte früher als Jack, dass ETFs Anleger fairer behandeln als klassische Fonds. Denn bei Fonds tragen die langfristigen Buy-and-Hold-Anleger die Kosten der Spekulanten: Jeder Kauf oder Rückkauf zwingt den Fonds, große Mengen an Aktien oder Anleihen zu handeln – mit hohen Transaktionskosten. ETFs lagern diese Kosten dagegen aus: Beim Handel fallen nur kleine Spreads an, sodass die Hauptlast bei den Spekulanten landet – und die langfristigen Anleger fast verschont bleiben.

Die Verbesserungen bei ETFs und die leichtere Handelbarkeit haben auch eine meiner zentralen Empfehlungen aus If You Can hinfällig gemacht – nämlich, möglichst nur mit Vanguard zu arbeiten. Zwei Entwicklungen haben diesen Rat überholt. Erstens: 2013 brachte Robinhood Bewegung in den Markt, als die Plattform ihre provisionsfreie Trading-App für Aktien und ETFs startete. In den Jahren danach zogen die großen Discount-Broker nach – Fidelity, Schwab, TD Ameritrade und E*Trade. Heute lassen sich Vanguard-ETFs bei all diesen Anbietern ohne Gebühren handeln – sogar bei den altbekannten Full-Service-Banken, wenn auch widerwillig. Und in den letzten zehn Jahren haben Schwab und Fidelity ihre Fonds- und ETF-Kosten auf Vanguards Niveau gesenkt. Anleger können also inzwischen sogar einen Schwab-ETF über die Vanguard-Plattform kaufen.

Zweitens: Seit Jacks Tod hat der Kundenservice bei Vanguard spürbar gelitten – lange Warteschleifen, eine veraltete Website und Callcenter im Ausland, die oft wenig helfen. Trotzdem hat Vanguard zwei große Vorteile gegenüber der Konkurrenz. Erstens: Die Geldmarktfonds sind günstiger, sodass selbst Barbestände höhere Erträge bringen. Zweitens: Weil Vanguard seinen Anlegern gehört, ist die gesamte Anreizstruktur klar auf deren Interessen ausgerichtet. Das reicht für mich aus, um trotz des schwachen Service dortzubleiben. (Bei Schwab etwa ist die mickrige Verzinsung von Guthaben ein ständiges Ärgernis: Man muss überschüssiges Geld ständig selbst in Schatzwechsel oder Geldmarktfonds umschichten – das wird schnell lästig.)

***

Jeder andere Gründer eines großen Investmenthauses hätte die Gelegenheit genutzt, um mit dem Abkassieren weniger Basispunkte Milliarden zu verdienen. Jack aber verbrachte sein Leben nicht damit, dem mechanischen Kaninchen des Reichtums hinterherzujagen – ein Beweis für seinen Scharfsinn und seinen Charakter. Ich hoffe, dass Ihnen dieses kleine Buch auf Ihrem eigenen Weg zu Enough weiterhilft.

Original-Vorwort zu Enough

Mein Professor für Alte Kulturen an der Georgetown University lehrte uns, dass die Vereinigten Staaten zur größten Nation der Geschichte wurden, weil ihr Volk stets an zwei Hauptpfeiler der westlichen Zivilisation geglaubt hat: dass das Morgen besser sein kann als das Heute – und dass wir alle eine persönliche moralische Verpflichtung haben, genau das zu ermöglichen. Er nannte das „Zukunftspräferenz“.

In den vergangenen Jahren haben sich einige führende Köpfe der amerikanischen Finanzwelt von diesen Überzeugungen entfernt und großen Reichtum im Hier und Jetzt angehäuft – ohne Rücksicht auf die Folgen für die Zukunft. Sowohl in den USA als auch weltweit leiden wir noch immer unter den Konsequenzen dieses Geschäftsgebarens: teils illegal, durchweg jedoch unfruchtbar. Wir können nicht auf demselben Weg weitermachen wie vor den jüngsten Finanzkrisen – nicht, wenn wir eine bessere Zukunft gestalten wollen.

In Enough liefert John C. Bogle eine eindrucksvolle Analyse dessen, was schiefgelaufen ist, und gibt klare Hinweise darauf, wie wir unser Finanzsystem wieder ins Gleichgewicht bringen und eine wohlhabendere, gerechtere und stabilere Welt schaffen können. Sein Buch ist ein eindringlicher Aufruf, moralische Prinzipien und Integrität wieder in unser wirtschaftliches Handeln einzubringen – auf eine Weise, die langfristiges Wachstum stützt, statt es zu untergraben.

Mit seinen unbestrittenen Verdiensten im Finanzwesen erinnert uns Bogle daran, dass die Vereinigten Staaten auf den Werten harter Arbeit, Maßhalten und Pflichterfüllung gegründet wurden – und dass deren Vernachlässigung früher oder später zu Zerstörung führt, die viele Unschuldige mitreißt. In seiner Reflexion über Ehrgeiz und Gesellschaft argumentiert Bogle, dass sich der Sinn unseres Lebens nicht in schnellen Gewinnen bemisst. Wahrer Wert liegt darin, langfristige Beiträge für das Gemeinwohl zu leisten – Beiträge für jene Gemeinschaften, in denen selbst die mächtigsten Finanzakteure letztlich nur Treuhänder sind, mit der Verpflichtung, anderen beim Verwirklichen ihrer Träume zu helfen.

In unserem rasanten digitalen Zeitalter, in dem bereits vor der jüngsten Krise täglich mehr als zwei Billionen Dollar Grenzen überschritten, erscheinen Bogles Analyse und Argumentation auf den ersten Blick beinahe altmodisch. Doch gerade unsere allgegenwärtige wechselseitige Abhängigkeit macht Enough heute relevanter denn je. Unser Handeln hat tiefgreifende Auswirkungen – innerhalb wie außerhalb unserer Grenzen. Es ist nicht hinnehmbar, diese im Streben nach reinem Eigennutz zu ignorieren. Zukunftspräferenz bleibt entscheidend. Und wir müssen sie zurückgewinnen.

John Bogle ist ein kluger und integrer Mensch, und jede und jeder verantwortungsbewusste Bürger kann aus den wichtigen Lektionen, die er in Enough vermittelt, lernen und Nutzen ziehen. Das Buch erinnert daran, dass das, was Alexis de Tocqueville einst über Amerika sagte, bis heute gilt: Amerika ist groß, weil es gut ist – und wenn es aufhört, gut zu sein, wird es auch aufhören, groß zu sein. Enough handelt davon, beides zurückzugewinnen.

William Jefferson „Bill“ Clinton

März 2010

Original-Prolog zu Enough

Ende der 1970er-Jahre machte ich mich mit Bob Waterman auf den Weg. Wir wollten herausfinden, wie gute Unternehmen wirklich geführt werden. Daraus wurde schließlich In Search of Excellence (dt. Auf der Suche nach Spitzenleistungen, 1983). Auf dieser Reise begegneten wir außergewöhnlichen Menschen – etwa Jim Burke, dem CEO von Johnson & Johnson. Während der berüchtigten Tylenol-Krise 1982 griff er auf das fast heilige „Credo“ seines Unternehmens zurück – und führte J&J mit einer Integrität und Offenheit durch die Krise, die bis heute als Musterbeispiel für die Kraft wertebasierter Führung gilt.

Und dann war da Delta Airlines, das Anfang der 1980er in der Rezession schwer ins Straucheln geriet – bis die eigenen Mitarbeiter ihrem Unternehmen buchstäblich ein Flugzeug kauften! Da war McDonald’s, das sich in dieser Zeit streng an das Fundament hielt, das Gründer Ray Kroc gelegt hatte: QSC&V – Quality, Service, Cleanliness, Value. Und John Young von Hewlett-Packard, der „Management by Wandering Around“ praktizierte – er lief herum, sprach direkt mit den Leuten und diskutierte die Details ihrer Projekte.

Der Kerngedanke ließ sich in sechs Worte fassen: „Hart ist weich. Weich ist hart.“ Wir – Ingenieure, MBAs, McKinsey-Leute – waren fixiert auf Zahlen, auf Messbarkeit. Und wussten zugleich genau, wie leicht man Zahlen frisieren kann! Die angeblich „harten“ Zahlen? Weicher als Pudding. Enron um 2000 – geführt von einem Harvard-MBA mit McKinsey-Vergangenheit. Die Derivate, Super-Derivate und Credit Default Swaps der 2000er – entworfen von promovierten Finanzgurus. Alles Zahlengebilde, so weich, dass sie bei der kleinsten Erschütterung in sich zusammenfielen.

Was zählt wirklich? Was ist wirklich „hart“? Integrität. Vertrauen. Werte mit Bestand – wie das Credo von J&J. Tiefe Beziehungen. Verantwortungsvolles Unternehmertum. Zuhören – den Kunden, den Leuten an der Basis – und danach handeln. Unvergleichliche Qualität, das große Defizit der frühen 1980er. Und ja: Exzellenz. Das sind die Dinge, die man an den meisten Wirtschaftsschulen kaum lernt – die aber das Fundament erfolgreicher Unternehmen bilden.

Es waren diese Erinnerungen an unsere Reise, die erklärten, warum ich mitten in der Finanzkrise 2007 – ohne besonderen Anlass – Jack Bogles Enough in die Hand nahm. Schon im Buchladen konnte ich es nicht mehr weglegen. Seitdem habe ich es viermal gelesen. Ich habe die Ecken von 57 Seiten umgeknickt. Über 50 Exemplare an Freunde verschenkt. Und, fast peinlich zuzugeben: Ich nehme es auf jede Reise mit – von Angola bis Abu Dhabi, von China bis Chicago. Enough ist für mich zu einem persönlichen Totem geworden. Wenn ich etwa ein Seminar in Nowosibirsk vorbereite, schlage ich es auf und frage mich, ob ich mich gerade in eine abstruse Theorie verrenne – und ob ich dabei nicht die Lektion von Bill Hewletts scheinbar altmodischem „Management by Wandering Around“ (MBWA), so wie John Young es praktizierte, vergessen habe.

Der australische Autor Peter Temple erhielt für seinen Thriller The Broken Shore eine ganze Reihe internationaler Preise. Kritiker sagten: „Das ist kein großer Thriller – das ist ein großer Roman.“ Genau so sehe ich Enough. Es ist kein Finanzbuch. Kein Wirtschaftsbuch. Es ist ein großartiges Buch. Punkt.

Jack Bogle schreibt klar und einfach. Seine Argumentation ist schnörkellos – und voller eindrucksvoller Beobachtungen. Obwohl er Finanzprofi ist, kommt er ganz ohne Formeln aus, während er uns durch Finanzen, Wirtschaft und das Leben selbst führt. Mit 67 Jahren sage ich ohne Übertreibung: Das ist das beste Wirtschaftsbuch, das ich je gelesen habe – und zugleich eines der besten Bücher über das Leben überhaupt. Vielleicht mit Ausnahme der Werke von Bogles weisem Mitbürger aus Philadelphia – dem alten Ben Franklin!

Jack Bogle und die von ihm 1974 gegründete Vanguard Group wurden immer wieder für genau jene Exzellenz gewürdigt, die Bob Waterman und mir in den 1980ern als leuchtendes Beispiel diente. Jack Bogle ist einer der großen Finanzpioniere unserer Zeit – vielleicht aller Zeiten. Er und Vanguard haben Millionen Menschen Wohlstand und Sicherheit verschafft. Sein Erfolgsgeheimnis: der feste Glaube, dass man den Markt langfristig nicht schlagen kann – und dass deshalb Indexfonds die besten Ergebnisse liefern, weil sie ihre Erträge fast vollständig an die Anleger zurückgeben. Sein Leben und Werk standen für Integrität, Transparenz, Einfachheit und Wert.

Ich habe Jack nie persönlich getroffen – und leider auch nie bei Vanguard investiert. Das heißt: Ich habe keinerlei persönliches Interesse daran, diese Worte zu schreiben. Ich nenne dieses Buch ein unvergleichliches, vielleicht sogar lebensveränderndes Juwel – weil ich es so empfinde. Mein Berufsleben habe ich damit verbracht, Menschen dabei zu helfen, Organisationen wirksam zu führen. Und wie Jack Bogle habe ich dabei gelernt: Am Ende zählt Geradlinigkeit. Charakter. Integrität. Gesunder Menschenverstand. Anstand. Das sind die Grundlagen erfolgreicher Führung – und eines guten Lebens im Dienst an anderen.

Ich werde hier nicht versuchen, die besten Stellen dieses Buches nachzuerzählen. Ich habe es einmal probiert – und bin kläglich gescheitert. Nicht zuletzt wegen der 57 Eselsohren, die ich mir ins Buch geknickt habe: Jede dieser Seiten bedeutet mir etwas. Jacks klare, schnörkellose Sprache macht mich demütig. Aber ich kann Ihnen einen Vorgeschmack geben – ganz einfach, indem ich die Kapitelüberschriften aufliste. (Schon beim ersten Blick ins Inhaltsverzeichnis war ich diesem Buch rettungslos verfallen.)

„Zu viele Kosten, zu wenig Gegenwert“

„Zu viel Spekulation, zu wenig Investition“

„Zu viel Komplexität, zu wenig Einfachheit“

„Zu viel Kontrolle, zu wenig Vertrauen“

„Zu viel Geschäftsgebaren, zu wenig Berufsethos“

„Zu viel Verkaufsrhetorik, zu wenig Verantwortung“

„Zu viel Management, zu wenig Führung“

„Zu viel Fokus auf das Materielle, zu wenig auf innere Haltung“

„Zu viel Heute, zu wenig Prinzipien“

„Zu viel ‚Erfolg‘, zu wenig Charakter“

Diese Kapitelüberschriften sind für mich fast wie Zehn Gebote. Sie bringen besser als alles andere auf den Punkt, welches Leben ich führen möchte – und welche Dinge ich mir wünsche, die man einmal über mein Wirken sagen soll, wenn ich nicht mehr da bin.

***

Heute beginne ich meine Vorträge mit zwei PowerPoint-Folien. Die erste zeigt eine Feier zu Ehren des großen Hoteliers Conrad Hilton. Nach der Laudatio bittet man ihn auf die Bühne, das Geheimnis seines Erfolges zu verraten. Hilton tritt ans Rednerpult, wartet einen Moment – und sagt: „Vergessen Sie nicht: Der Duschvorhang gehört in die Badewanne!“ Dann geht er zurück auf seinen Platz.

Die zweite Folie: eine Konferenz bei Monterey, Kalifornien, vor rund 20 Jahren. Ich sprach dort mit dem Vorstand einer erfolgreichen Regionalbank aus dem Mittleren Westen. Als die Finanzkrise 2007 kam, erinnerte ich mich genau an seine Worte: „Tom, ein guter Kreditvermittler macht am Sonntag nach dem Gottesdienst mit seiner Familie einen Umweg – vorbei an einer Fabrik oder einem Lagerhaus, das er finanziert hat. Er steigt nicht aus, geht nicht hinein. Er fährt nur vorbei, wirft einen Blick darauf – und fährt nach Hause.“

Der Duschvorhang.

Ein Blick auf den Kreditnehmer.

Das reicht.

Tom Peters

Golden Bay, Neuseeland

April 2010

John C. Bogles Anmerkung zu Enough: Eine Krise ethischen Ausmaßes

Anfang September 2008, genau zu dem Zeitpunkt, als das Manuskript von Enough fertiggestellt wurde, entschied die US-Administration, die Investmentbank Lehman Brothers Holdings nicht zu retten. Die Firma war, ob sie es wusste oder nicht, insolvent. Der damalige Finanzminister Henry Paulson beschrieb später eine Reihe von Lehmans sogenannten „toxischen“ Investitionen, die in der Bilanz mit 52 Milliarden Dollar ausgewiesen waren, deren geschätzter Marktwert jedoch nur bei (wenigen) 27 Milliarden Dollar lag – ein Teil einer enormen Kapitallücke, die unweigerlich zum Untergang des Unternehmens führte.

Starke Nachwirkungen aus der Entscheidung der US-Administration, Lehman scheitern zu lassen, zeigten sich umgehend. Der Börseneinbruch, der Mitte 2007 begann, als der Dow Jones Industrial Average ein Hoch von 14.160 Punkten erreicht hatte, beschleunigte sich, wobei der Dow nach der Wiedereröffnung des Marktes nach dem Lehman-Zusammenbruch um 510 Punkte auf 10.910 fiel. Das war erst der Anfang. In den folgenden sechs Wochen sank der Dow auf 7.550 Punkte. Nach einigen Monaten der Konsolidierung stürzte er im März 2009 erneut auf ein Tief von 6.550 Punkten – ein schockierender Rückgang von 54 Prozent vom Hoch, was einem Verlust von 9 Billionen Dollar an Börsenwerten entspricht, dem größten Einbruch seit den 1930er-Jahren.

Der Aktienmarkt reagierte natürlich lediglich vorwegnehmend und spiegelte anschließend die Realität der folgenden Wirtschaftskrise wider. Banken schrieben Billionen von Dollar an Buchwerten für die toxischen Vermögenswerte in ihren Bilanzen ab. Die wirtschaftliche Aktivität ging stark zurück, und die Wirtschaftsleistung der USA brach deutlich ein. Die Arbeitslosigkeit stieg sprunghaft an, Kredite wurden knapp und oft unzugänglich, und wir gerieten in den tiefsten wirtschaftlichen Abgrund seit der Großen Depression.

Ursachen des Zusammenbruchs

Die Ursachen dieses Zusammenbruchs sind kein Geheimnis. Während oft gesagt wird, „Der Erfolg hat viele Väter, aber die Niederlage ist ein Waisenkind“, scheint die Niederlage der Anleger in unserer verheerenden Finanzkrise sprichwörtlich Tausende „Väter“ zu haben. Nach dem Börsencrash zwischen 2000 und 2002 hielt die US-Notenbank (Federal Reserve) die Zinssätze zu lange auf einem zu niedrigen Niveau und versäumte es, disziplinierende Maßnahmen gegenüber den Hypothekenbanken durchzusetzen. Unsere Geschäfts- und Investmentbanken entwarfen und verkauften nicht nur Anleihen im Wert von Billionen Dollar, die auf hochkomplexen und riskanten hypothekenbesicherten Wertpapieren basierten, sowie Derivate im Wert von mehreren Billionen Dollar (vor allem Credit Default Swaps), sondern blieben auch auf diesen toxischen Derivaten sitzen, die häufig in stark fremdfinanzierten Bilanzen – teilweise mit Hebelwirkungen von bis zu 33 zu 1 oder mehr – gehalten wurden. Rechnen Sie selbst nach: Ein bloßer Wertverlust von 3 Prozent bei den Vermögenswerten vernichtet 100 Prozent des Eigenkapitals der Aktionäre.

Diese Finanzakteure führten auch die Verbriefung ein – also die Praxis, Kredite zu bündeln und als Grundlage für ungetestete Finanzprodukte zu verkaufen. Damit wurde die herkömmliche Verbindung zwischen Kreditgeber und Kreditnehmer gekappt. Mit dieser Veränderung verschwand fast vollständig der Anreiz, auf die Kreditwürdigkeit der Kreditnehmenden zu achten, denn die Banken verliehen das Geld nur, um die Kredite anschließend an die Schöpfer dieser neuen Finanzprodukte weiterzuverkaufen. Im Bankwesen haben wir uns meilenweit von der Gemeinwohlorientierung entfernt, die einst auf finanzieller Solidität und dem Charakter der Kreditnehmenden beruhte – genau jener Form von Bankwesen, die wir in dem Filmklassiker Ist das Leben nicht schön? (Originaltitel: It’s a Wonderful Life) sehen konnten. (Erinnern Sie sich an Jimmy Stewart als George Bailey und Lionel Barrymore als den grantigen Mr. Potter?)

Auch unsere Marktaufsichtsbehörden haben sich viel vorzuwerfen: Die US-Börsenaufsicht (Securities and Exchange Commission, SEC) zeigte sich nahezu apathisch in ihrem Versäumnis, das Geschehen an den Kapitalmärkten rechtzeitig zu erkennen. Die Commodity Futures Trading Commission (CFTC), zuständig für die Regulierung der Derivatemärkte, ließ den Handel und die Bewertung von Derivaten hinter verschlossenen Türen stattfinden – ohne eine vollständige Offenlegung zu verlangen und ohne Rücksicht darauf, ob die beteiligten Vertragsparteien ihre finanziellen Verpflichtungen im Fall verlustreicher Geschäfte überhaupt erfüllen konnten.

Und vergessen wir nicht den US-Kongress, der die Verantwortung für die Regulierung des Derivatemarktes nahezu beiläufig der CFTC übertragen hat. Außerdem erlaubte und förderte der US-Kongress das riskante Verhalten unserer staatlich geförderten (mittlerweile im Wesentlichen staatseigenen) Institute Fannie Mae und Freddie Mac, indem er ihnen ermöglichte, weit über ihre Kapitalausstattung hinaus zu wachsen und dabei ihre Kreditvergabestandards zu senken. Außerdem schwächte der Kongress den Glass-Steagall Act von 1933 ab, ein Gesetz, das über 60 Jahre lang das traditionelle Einlagenbankgeschäft von den riskanteren Investmentbankaktivitäten trennte – eine Trennung, die unserem nationalen Interesse bis dahin gut gedient hatte.

Auch unsere Wertpapieranalysten müssen sich viel vorwerfen lassen, insbesondere ihr fast kollektives Versagen, die enormen Kreditrisiken zu erkennen, die von einer neuen Sorte von Bankern und Investmentbankern eingegangen wurden – die sich viel mehr für das Gewinnwachstum ihrer Institute interessierten als für die Solidität ihrer Bilanzen. Gleiches gilt für unsere Ratingagenturen, die gegen enorme Gebühren AAA-Ratings für verbriefte Kredite vergaben – großzügig bezahlt von den Emittenten selbst, die diese Ratings verlangten, sodass sich letztlich weitgehend wertlose „Schrottanleihen“ als hochwertige Wertpapiere vermarkten ließen. (Ja, das nennt man Interessenkonflikt.)

„Das Versagen des Kapitalismus“

Aber es geschah noch etwas Grundlegenderes: das Versagen des Kapitalismus. Der Kapitalismus hat einfach nicht so funktioniert, wie er es sollte. Wir haben auf Adam Smiths „unsichtbare Hand“ vertraut, nach der das Verfolgen des eigenen Nutzens letztlich dem Gemeinwohl dient. Doch diese marktwirtschaftlich geprägte Philosophie ist gescheitert. In einer Zeit riesiger globaler Konzerne und großer (und unabhängiger) Finanzinstitute haben Prinzipien, die einst in einer Welt kleinerer Unternehmen und überschaubarer Gemeinschaften galten, ihre Wirksamkeit schlicht eingebüßt.

Das ist nicht nur meine persönliche Sichtweise. Sie wird auch von einigen der klügsten und angesehensten Köpfe des Landes geteilt. So etwa von Richard Posner, Richter in Chicago und führender Vertreter der konservativen „Chicago School“ der Ökonomie, der seinem Buch zur Finanzkrise bezeichnenderweise den Titel A Failure of Capitalism gab. Noch bemerkenswerter ist, dass diese Einschätzung auch der ehemalige Vorsitzende der US-Notenbank, Alan Greenspan, teilt – jener Mann, der maßgeblich an der Entstehung der Finanzblase und ihrem unvermeidlichen Platzen beteiligt war. Er setzte sich erfolgreich dafür ein, dass die Federal Reserve weiterhin großzügig Kredite bereitstellte (obwohl längst Zeit gewesen wäre, die Geldpolitik zu straffen) und dabei die Risiken ignorierte, die durch die wachsende Verbriefungspraxis entstanden: eine Entwicklung, die die essenzielle Verbindung zwischen Kreditgebern und Kreditnehmern kappte. Greenspan stützte seine Analysen und seine marktbeeinflussende Macht letztlich auf eine falsche Grundannahme.

Zu seiner Ehrenrettung muss man sagen, dass Greenspan seinen Fehler bei einer Anhörung vor dem US-Kongress im Oktober 2008 einräumte. Der britische Schriftsteller und The New Yorker-Kolumnist John Lanchester schrieb dazu:

Greenspan räumte ein, dass die Krise durch einen „Jahrhunderttsunami auf dem Kreditmarkt“ ausgelöst worden sei, der aus demZusammenbruch eines „ganzen intellektuellen Gebäudes“ resultierte. „Diejenigen von uns, die darauf vertraut haben, dass dasEigeninteresse der Kreditinstitute das Eigenkapital der Aktionäreschützt – insbesondere ich selbst – befinden sich in einem Zustand schockierter Ungläubigkeit“, sagte er. Dieses Versagen des Eigeninteresses, als Mechanismus zur Selbstregulierung zu funktionieren, sei, so Greenspan, „ein Fehler in dem Modell, das ich als die entscheidende Funktionsstruktur betrachtete, welche bestimmt, wie dieWelt funktioniert“.

Man sollte bei diesem Satz einen Moment verweilen: „die entscheidende Funktionsstruktur, welche bestimmt, wie die Welt funktioniert“. Das ist ein gewaltiger Grundpfeiler, in dem sich ein Fehler gezeigthat. Oder anders gesagt: Diejenigen an den Schalthebeln der Machthielten sich für klüger, als sie waren. Die Banker kannten offenbarzu viel Mathematik und zu wenig Geschichte – oder vielleicht kannten sie von beidem zu wenig.

Dem ist nur noch eines hinzuzufügen: wahrlich genug!

Die Geschichte von Enough

Zahlreiche dieser Entwicklungen wurden bereits in Enough angedeutet – was im Rückblick geradezu unheimlich vorausschauend, ja fast prophetisch wirkt. Die Grundidee hinter Enough habe ich erstmals in einer Abschlussrede im Mai 2007 vor MBA-Absolventen der Georgetown University formuliert. Später im Buch wird noch ausführlicher auf diese Rede eingegangen, doch zunächst ist es wichtig, den Kontext meiner damaligen Ausführungen zu verstehen:

„Geld“ hat in unserer auf das Endergebnis fixierten Gesellschaftzunehmend an Bedeutung gewonnen – als großer Gott des Prestiges, als der ultimative Maßstab für den Menschen. Deshalb erlaube ichmir heute Morgen die Kühnheit, Sie – die bald ihren MBA in derTasche haben und von denen die meisten ins Wirtschaftsleben eintreten werden – einzuladen, gemeinsam mit mir über die Rolle desGenug nachzudenken: über das Genug im Geschäftsleben und imUnternehmertum unserer Gesellschaft; über das Genug angesichtsder dominierenden Rolle des Finanzsystems in unserer Wirtschaftund über das Genug in jenen Werten, die Sie in die Berufsfeldereinbringen werden, für die Sie sich entscheiden.

Einst ein Berufsfeld, in dem das Geschäft dem Berufsethos untergeordnet war, ist das Vermögensmanagement – sprich: „Wall Street“ – heute ein Geschäft, in dem sich der Beruf dem Geschäft unterordnet. Harvard-Professor Rakesh Khurana hat das Verhalten einesechten Professionals so definiert: „Ich werde Werte für die Gesellschaftschaffen, statt sie ihr zu entziehen.“ Doch genau das tut das Vermögensmanagement: Es entzieht per Definition Werte, und zwar ausden Erträgen, die unsere Unternehmen erwirtschaften.

Wenn Sie in die Finanzwelt eintreten, dann tun Sie es mit offenenAugen – und mit dem Bewusstsein, dass jedes Geschäft, das seinenKunden Werte entzieht, in unruhigen Zeiten mit seiner eignen Petarde in die Luft fliegen kann. An der Wall Street heißt es zu Recht:„Geld hat kein Gewissen.“ Doch lassen Sie nicht zu, dass Sie dieseBinsenweisheit dazu verführt, Ihr eigenes Gewissen zu missachtenoder Ihr Verhalten und Ihren Charakter zu verändern.

Nun, drei Jahre nach jener Abschlussrede ist der Finanzsektor tatsächlich „mit seiner eignen Petarde in die Luft geflogen“. (Dies ist eine berühmte Wendung aus Shakespeares Hamlet und bedeutet, durch die eigenen Machenschaften zu Fall zu kommen.) Die Wirtschaft folgte diesem Beispiel. Die Gewinne der Finanzunternehmen, die ich in meiner Rede an der Georgetown University für 2006 mit 215 Milliarden Dollar angab, schrumpften bis 2008 auf 233 Milliarden Dollar Verluste – eine Differenz von fast einer halben Billion Dollar. (Bis 2009 erreichten sie erneut die Gewinnzone, aber nur in bescheidenem Umfang von 29 Milliarden Dollar.)

Was ist also zu tun?

Wir müssen nicht nur die spezifischen Probleme lösen, die durch die Finanzkrise ins Blickfeld gerückt sind, sondern auch Maßnahmen ergreifen, um künftige Krisen zu verhindern – manche davon könnten ähnliche Ursachen haben, andere werden zwangsläufig neue Formen annehmen. Hier eine Zusammenfassung meiner Ideen:

Dem Prinzip „Too big to fail“ entgegentreten, indem man die moralische Verantwortung dorthin zurückführt, wo sie hingehört: ins Bankensystem. Ja, es sollte eine staatliche Aufsichtsbehörde zur Überwachung finanzieller Risiken geben – aber der erste Schritt könnte sehr wohl lauten: „Lasst die Bank pleitegehen!“

Das Geheimnis um Derivate lüften, indem man offene und transparente Märkte vorschreibt.

Die Eigenkapitalanforderungen für Banken deutlich erhöhen (d. h. die Verschuldung reduzieren) und zugleich die Qualität der Bilanzanlagen verbessern (d. h. das Risiko senken).

Eine unabhängige Verbraucherschutzbehörde einrichten.

Das Glass-Steagall-Gesetz von 1933 wieder einführen, das das Einlagen- und Kreditgeschäft (Commercial Banking) klar vom Investmentbanking (Emissionsgeschäft, Überbrückungskredite etc.) trennt.

Marktbasierte Anreize schaffen, um die Verschuldung von Finanzinstituten, Unternehmen und Privathaushalten zu verringern – etwa durch die schrittweise Abschaffung des Zinsabzugs als Betriebsausgabe.

Einen gültigen Treuhandstandard auf US-Bundesebene für institutionelle Fondsmanager etablieren, die heute rund 70 Prozent aller Aktien börsennotierter US-Unternehmen halten. Indem man diese Akteure verpflichtet, ausschließlich im Interesse ihrer Auftraggeber zu handeln, würde man sie dazu bringen, bei der Auswahl von Wertpapieren mit der gebotenen Sorgfalt vorzugehen – und ihre Rechte und Pflichten bei der Unternehmensführung derjenigen Firmen wahrzunehmen, an denen sie beteiligt sind.

Eine ethische Krise

Doch es gibt noch einen weiteren, übergeordneten Faktor, der dieser Krise zugrunde liegt – einen, der heute weite Teile unserer Gesellschaft durchdringt. Das wurde in einem Brief eines Vanguard-Aktionärs prägnant formuliert, der die globale Finanzkrise als „eine Krise ethischer Ausmaße“ bezeichnete. Das brillante Wortspiel, „episch“ durch „ethisch“ zu ersetzen, bringt dabei die Hauptverantwortung für den Kollaps treffend auf den Punkt: den umfassenden Verfall traditioneller ethischer Standards in unserer Gesellschaft.

Handel, Wirtschaft und Finanzwesen blieben von diesem Trend kaum verschont. Auf Adam Smiths „unsichtbare Hand“ vertrauend, verließen wir uns auf Markt und Wettbewerb, um Wohlstand und gesellschaftliches Wohlergehen zu schaffen. Doch das Eigeninteresse geriet außer Kontrolle und führte zu einer rein profitorientierten Gesellschaft, in der Erfolg ausschließlich in Geldwert gemessen wird. Der Dollar wurde zur Währung dieser neuen Ordnung. Ungebremste Marktkräfte überrollten die über Jahrhunderte gewachsenen berufsethischen Standards.

Das Ergebnis war eine Verschiebung vom moralischen Absolutismus hin zum moralischen Relativismus. Wie später im Buch noch einmal nachzulesen sein wird, haben wir uns von einer Gesellschaft entfernt, in der galt: „Es gibt Dinge, die man einfach nicht tut“, hin zu einer Gesellschaft, in der zählt: „Alle anderen machen es doch auch – also darf ich es auch.“ Geschäftsethik und professionelle Standards sind dabei weitgehend unter die Räder gekommen. Was einen Beruf im eigentlichen Sinne ausmacht, sind nicht nur das besondere Fachwissen, die Fertigkeiten und Standards, die er verlangt, sondern ebenso die Pflicht, verantwortungsvoll, uneigennützig und mit Bedacht zu handeln – und eine grundlegend ethische Beziehung zwischen Fachleuten und Gesellschaft zu etablieren. Das alte Ideal, Vertrauen zu schenken und Vertrauen zu verdienen – das einst nicht nur als Maßstab unternehmerischen Handelns galt, sondern auch als Schlüssel zum Erfolg –, wird heute oft nur noch als nostalgisches Relikt einer längst vergangenen Zeit belächelt. Irgendwie muss es uns gelingen, unsere Gesellschaft wieder zu diesem Maßstab zurückzuführen.

Öffentliche Resonanz

Seit der Erstveröffentlichung von Enough habe ich mit Freude einige erste Anzeichen eines wachsenden Verständnisses für die tieferliegenden Ursachen der Krise beobachtet. Zahlreiche angesehene und unabhängige Stimmen haben die Themen dieses Buches inzwischen aufgegriffen und bekräftigt. Anfang 2010 schrieb etwa Thomas L. Friedman, Bestsellerautor und Kolumnist der New York Times: „Unsere Finanzkrise war das Ergebnis eines umfassenden ethischen Zusammenbruchs auf nationaler Ebene.“ Eine ähnliche Einschätzung äußerte auch Jeffrey Immelt, Vorstandsvorsitzender von General Electric, in einem Interview mit der Financial Times: „Am Ende einer schwierigen Generation unternehmerischer Führung wurde aus Durchsetzungsstärke – einer guten Eigenschaft – Härte und Gier – beides schlechte Eigenschaften. [...] Belohnungssysteme wurden pervertiert.“ Und: „Die Reichsten machten die meisten Fehler – bei der geringsten Verantwortung.“ Der Artikel schloss mit dem Hinweis, Immelt habe es als Fehler bezeichnet, dass sich die US-Wirtschaft „zu stark auf die kurzfristigen Gewinne im Finanzsektor ausgerichtet“ und dabei die Industrie, Forschung und die technologische Entwicklung vernachlässigt habe.

Der Journalist und Ökonom Edward Hadas griff dieses Thema in der New York Times auf und führte es weiter aus:

Ein erschreckend großer Teil der Aktivitäten in der Finanzwelt istkaum mehr als Glücksspiel. Wenn Aktien und Anleihen oder davonabgeleitete Derivate gehandelt werden, heben sich Gewinne undVerluste nahezu gegenseitig auf. Solcher Handel mag zwar Spaßmachen – Portfoliomanagement ist ein beliebtes Hobby –, doch fürdie Realwirtschaft bringt er so gut wie keinen Nutzen.

Wie beim organisierten Glücksspiel übersteigen auch beim Finanzhandel die Verluste insgesamt die Gewinne – denn das „Haus“ kassiertmit. In den vergangenen Jahren konnte dieses „Finanzhaus“ – also Makler, Börsen, Fondsmanager – seine Gewinne zusätzlich steigern, indem es mit Insiderwissen agierte. Bis zum Ausbruch der Krise zahlte sich dieser Handel häufig großzügig aus.

Doch im Finanzwesen liegt ein psychologisches, ja, moralischesProblem. Ein Land wird reich, indem es Dinge herstellt – nicht dadurch, dass es scheinbar Geld mit Geld verdient. Doch wenn Menschenhohe Finanzgewinne sehen – ob an der Wall Street oder allein durchden Besitz eines Hauses –, dann wollen sie ebenfalls davon profitieren. Diese wirtschaftlich trügerischen Gewinne lenken von Tätigkeiten ab, die einen echten gesellschaftlichen Wert haben.

Werden sich also die USA, wird sich die Welt eingestehen, dass sie genugvon dieser nicht besonders guten Sache hat? Nicht unbedingt – dennein vier Jahrzehnte währender Trend hat die Wucht eines dahinrasenden Zugs. Doch der derzeit tobende Hurrikan finanzieller Zerstörung könnte stark genug sein, ihn zum Entgleisen zu bringen.

Dabei geht es um mehr als nur Geld. Seit mindestens einer Generation zieht das Finanzwesen einen überproportional großen Anteilder talentiertesten Köpfe der Welt an. Würden mehr dieser Bestenund Klügsten ihre Karriere in der Industrie, im Bildungswesen oderin der Kunst einschlagen, wäre das ein Gewinn für uns alle.

Und diese Worte stammen aus der Buttonwood-Kolumne im britischen Magazin The Economist: „Wenn jemand unter dem kurzfristigen Denken von Fondsmanagern leidet, dann sind es ihre Kunden. Ausgerechnet Fonds mit den höchsten Kosten erzielen die niedrigsten Renditen – das Geld der Anleger wird durch Gebühren und die Spannen zwischen An- und Verkauf aufgezehrt. (…) Wenn Regierungen wirklich einen Skandal anprangern wollen, dann den, wie sich der Finanzsektor auf Kosten privater Anleger systemisch bereichert.“

Natürlich freut es mich sehr, dass so viele prominente Experten die Themen von Enough aufgreifen. Doch vielleicht war der bemerkenswerteste Kommentar überhaupt in einer New York Times-Besprechung eines neuen Buches des begnadeten britischen Journalisten John Lanchester zu lesen, dessen New Yorker-Artikel ich weiter oben bereits erwähnt habe: „Also: ein riesiger, unregulierter Boom, bei dem fast sämtliche Vorteile in private Hände flossen, gefolgt von einem gigantischen Einbruch, bei dem die Verluste vergesellschaftet wurden. So sollte die Welt nun wirklich nicht funktionieren – da sind sich alle einig. … Zu diesen Reformen gehören auch persönliche, die an mich und an Sie gerichtet sind. Brauchen wir wirklich so viele Dinge in unserem Leben?“, fragt Lanchester. „In einer Welt, der die Ressourcen ausgehen, lässt sich die wichtigste ethische, politische und ökologische Idee mit einem einzigen Wort zusammenfassen: Genug.“

Und das ist – nun ja – fürs Erste „genug“. Viel Vergnügen beim Vorwort des ehemaligen Präsidenten Clinton, beim Prolog von Management-Vordenker Tom Peters – und dann beim Buch selbst.

Lassen Sie sich inspirieren. Lernen Sie. Teilen Sie Ihr Wissen. Und machen Sie mit.

John C. Bogle

April 2010

Die große Verführung1

Die Menschen, die dieses Land gründeten, errichteten ein moralisches Gefüge rund ums Geld. Das puritanische Erbe hemmte Luxus und Genusssucht. Benjamin Franklin verbreitete ein praktisches Evangelium, das Fleiß, Mäßigung und Sparsamkeit betonte. Millionen von Eltern, Predigern, Zeitungsredakteuren und Lehrern verkündeten diese Botschaft. Das Ergebnis war bemerkenswert.

Die Vereinigten Staaten waren seit ihrer Gründung ein wohlhabendes Land. Doch der Reichtum verdarb das Land nicht. Über Jahrhunderte blieb es arbeitsam, ehrgeizig und genügsam.

In den vergangenen 30 Jahren ist vieles davon zerschlagen worden. Die gesellschaftlichen Normen und Institutionen, die zur Sparsamkeit und zum Leben nach dem eigenen Einkommen ermutigten, wurden untergraben. Die Kräfte hingegen, die zum Schuldenmachen und zum Leben im Augenblick verleiten, wurden gestärkt. Die moralischen Wächter der Nation richten ihren Blick unermüdlich auf Ausschweifungen aus Hollywood und Reality-TV – dabei ist die heute grassierende Dekadenz vor allem finanzieller Natur: ein rücksichtsloses Übertreten jener vernünftigen Maßstäbe, wie mit Geld umzugehen und es sinnvoll einzusetzen ist.

David Brooks

The New York Times

10. Juni 2008

Original-Einleitung zu Enough

Auf einer Party, die ein Milliardär auf Shelter Island gab, erzählt Kurt Vonnegut seinem Freund Joseph Heller, dass der Gastgeber – ein Hedgefonds-Manager – an einem einzigen Tag mehr Geld verdient habe, als Heller mit seinem weltberühmten Roman Catch-22 insgesamt eingenommen hat. Heller entgegnet: „Mag sein. Aber ich habe etwas, was er nie haben wird … genug.“

Genug. Ich war von der schlichten Eindringlichkeit dieses Wortes regelrecht überwältigt – und das aus zwei Gründen: zum einen, weil mir selbst im Leben so viel gegeben wurde, zum anderen, weil Joseph Heller mit seiner Wortwahl nicht treffender hätte formulieren können. Für einen entscheidenden Teil unserer Gesellschaft, darunter viele der Wohlhabendsten und Mächtigsten, scheint es heute keinerlei Vorstellung davon zu geben, was „genug“ eigentlich bedeutet.

Wir leben in wunderbaren und zugleich traurigen Zeiten: wunderbar, weil sich die Segnungen des demokratischen Kapitalismus rund um den Globus so breit entfaltet haben wie nie zuvor; traurig, weil die Exzesse eben dieses demokratischen Kapitalismus selten so deutlich zutage traten wie heute. Am deutlichsten zeigen sich diese Auswüchse in der andauernden Krise (und das ist keineswegs übertrieben)2 unserer überschuldeten, übermäßig spekulativen Geschäfts- und Investmentbanken – und sogar bei den beiden großen, staatlich geförderten, inzwischen aber öffentlich kontrollierten Hypothekenfinanzierern Fannie Mae und Freddie Mac. Ganz zu schweigen von den Milliardengehältern, die Hedgefonds-Spitzenmanager jährlich beziehen, oder den obszönen (es gibt kein treffenderes Wort) Vergütungen für die Vorstandsvorsitzenden börsennotierter US-Konzerne – einschließlich gescheiterter CEOs, oft sogar noch im Moment ihres unfreiwilligen Abgangs.

Doch die hemmungslose Gier, die unser Finanzsystem und die Unternehmenswelt zu überwältigen droht, reicht tiefer als Geld allein. Nicht zu wissen, was „genug“ bedeutet, untergräbt unsere beruflichen Werte. Es macht aus Menschen, die eigentlich treuhänderische Verantwortung für anvertraute Anlagen tragen sollten, bloße Verkäufer. Ein System, das auf Vertrauen gebaut sein sollte, wird dadurch zu einem System, das allein auf Zahlen gründet. Noch schlimmer: Diese Unklarheit darüber, was „genug“ ist, führt uns auch im Leben insgesamt in die Irre. Wir jagen den falschen Hasen des Erfolges hinterher, verneigen uns allzu oft vor dem Vergänglichen und letztlich Bedeutungslosen – und verkennen dabei das, was sich nicht bemessen lässt, was überdauernd und von bleibendem Wert ist.

Diese Botschaft – so meine ich – hat Joseph Heller mit diesem einen kraftvollen Wort „genug“ eingefangen: nicht nur unsere Vergötterung des Reichtums und die zunehmende Aushöhlung berufsethischer Maßstäbe, sondern letztlich auch die Unterwanderung unseres Charakters und unserer Werte. Und genau dort möchte ich ansetzen – bei dem, was ich am besten kenne: wie mein eigenes Leben meinen Charakter und meine Werte geprägt hat und wie mein Charakter und meine Werte wiederum mein Leben geformt haben. Wie Sie sehen werden, wurde mir auf unzählige Weise genug zuteil.

Kindheit und Herkunft

Vielleicht beginne ich am besten mit meiner Herkunft: Sie ist stark schottisch geprägt – was möglicherweise schon ausreicht, um meine angeblich legendäre Sparsamkeit zu erklären. Die Armstrongs – Vorfahren meiner Großmutter mütterlicherseits – kamen Anfang des 18. Jahrhunderts aus Schottland nach Amerika, um hier als Farmer zu arbeiten (eine schöne Erinnerung daran, dass fast alle von uns Nachfahren von Einwanderern sind). Ich habe meinen Urgroßvater – Philander Banister Armstrong – immer als meinen geistigen Vorfahren betrachtet. Er war eine Führungspersönlichkeit in der Versicherungsbranche, setzte sich aber zunächst mit großem Engagement für Reformen in der Feuerversicherung ein (in einer Rede 1868 in St. Louis appellierte er: „Meine Herren, senken Sie Ihre Kosten“) und später in der Lebensversicherung. Seine kämpferische Abrechnung aus dem Jahr 1917 – 258 Seiten stark – trug den Titel A License to Steal: How the Life Insurance Industry RobsOur Own People of Billions. Der letzte Satz lautete: „Der Patient [die Versicherungsbranche] hat Krebs. Das Virus ist im Blut. Er ist nicht nur dem Tode geweiht, sondern auch eine Gefahr für die Allgemeinheit. Holt den Bestatter.“

Die Familie Hipkins – die Familie meiner Mutter – stammte aus Virginia und kam ebenfalls Anfang des 18. Jahrhunderts nach Amerika; einige ihrer Nachkommen dienten später in der Armee der Konföderierten Staaten. Meine Großeltern mütterlicherseits, John Clifton Hipkins („The Skipper“) und Effie Armstrong Hipkins („Chick“), waren lebhafte Persönlichkeiten, die von ihren drei Kindern und sechs Enkeln erwarteten, gute Bürger zu sein und das Beste aus sich zu machen.

William Brooks Bogle und seine Frau Elizabeth kamen ebenfalls aus Schottland nach Amerika, allerdings deutlich später, nämlich Anfang der 1870er-Jahre. Obwohl Ellis Island damals noch nicht der Haupteinreisehafen war, stehen ihre Namen dort auf einer Gedenktafel. Ihr Sohn – mein Großvater – William Yates Bogle war ein erfolgreicher Kaufmann in Montclair, New Jersey, hoch angesehen in der Gemeinde und Gründer eines Unternehmens, das später Teil der American Can Company wurde (die 1987 in die Primerica Corporation überging) – ein Unternehmen, das groß genug war, um 75 Jahre lang zu den 30 Aktien des Dow Jones Industrial Average zu zählen.

Sein Sohn, William Yates Bogle Jr., war mein Vater. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs – noch bevor die Vereinigten Staaten in den Krieg eintraten – meldete er sich freiwillig beim Royal Flying Corps und flog eine Sopwith Camel