Kohlenstaub und Blütenduft - Annette Süß - E-Book

Kohlenstaub und Blütenduft E-Book

Annette Süß

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Beschreibung

Träum nicht Johanna, so ermahnt Eva ihre kleine Tochter ständig. Doch Johanna ist ein fantasievolles, verträumtes Kind, das für viele Überraschungen und Aufregung sorgt. Sie wächst auf im Ruhrgebiet, als auf den Blütenblätter noch Kohestaub lag. Und Blüten gab es viele in der Gärtnerei ihrer Großfamile. Drei Generationen unter einem Dach vereinen in sich die Geschichten des 20.Jahrhunderts. Da ist die Oma, deren Hungererfahrungen im ersten Weltkrieg sie zu einer unermüdlichen Köchin machte, der Opa der im Gefängnis war, und die Urgroßmutter, von der es hieß, dass sie eine Hexe gewesen sei. Der Urgroßvater, der desertierte, das schönste Mädchen aus Sachsen heiratete und ihr jedes Jahr ein Kind machte... Es gibt Geschichten von den Kriegen und der Not, die diese mit sich brachten, von der Solidarität der Bergleute und von der Liebe, der Johanna ihre Existenz verdankt. Johanna wird älter und muss lernen, mit alle diesen Geschichten zu leben, denn sie sind ein Teil von ihr. Wir erleben sie im Kindergarten, in der Schule und als jüngstes Mitglied der Großfamilie. Wir erleben, wie sie von den unterschiedlichen Personen beeinflusst wird und welche Stärken sie dadurch entwickelt.

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EPUB
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Seitenzahl: 462

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Annette Süß

Geboren und aufgewachsen in Wanne-Eickel.

Nach dem Studium in Dortmund, arbeitete sie als Leiterin einer Einrichtung der Erwachsenenbildung. Dort war sie u.a. als Moderatorin in der Fortbildung von Kunstlehrer*innen und Museumspädagog*innen tätig.

Seit 2017 lebt sie als freiberufliche Malerin und Autorin in Dortmund.

„Kohlenstaub und Blütenduft“ ist ihr Debüt Roman.

www.annette-suess.com

Annette Süß

Kohlenstaub und Blütenduft

Roman

© 2022 Annette Süß

Umschlaggestaltung: Annette Süß

Autorinnenportrait: KD Fotografie Karin Datsis

ISBN Softcover:

978-3-347-63712-2

ISBN Hardcover:

978-3-347-63713-9

ISBN E-Book:

978-3-347-63714-6

ISBN Großschrift

978-3-347-64086-3

Druck und Distribution im Auftrag der Autorin:

tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Germany

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist die Autorin verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne ihre Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag der Autorin, zu erreichen unter:

tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland.

Für meine Tochter Katharina

Inhaltsverzeichnis

Ein Frühlingstag im Winter   1960

Das merkwürdige Kind   1960 bis 1962

Der Kaiser wollte es so   Januar 1917

Das kleine Haus   1960 bis 1965

Maiglöckchen-Duft   1963

Das furchtbare Kind   1963 bis 1964

Dahlien, Schmetterlinge und Kartoffeln   1962 bis 1965

Evas Odyssee   1941 bis 1947

Obstgut Schwalbenstein   1945 bis 1947

Das Blumenhaus wächst   1947 bis 1950

Graupensuppe   1964 bis 1966

Der Herr im Haus – Großvater   1960 bis 1978

Tulpen-Theo   November 1944

Erste kleine Dramen   1965

Herbstfreuden und Kätzchen pellen   1966

Die Hexe   1965

Fleischfetzen   10. November 1938

Weihnachten im Blumenhaus   1967

In der Schule   1966 bis 1978

Blaustrumpf   1972 bis 1978

Lesen lernen   1966

Ein heißer Tag   1967

Der Duft von frischem Brot   1967

Ernst muss weg   1941 bis 1948

Friede – eine Liebe fürs Leben   1971

Selma und Hermann   1915 bis 1958

Alfred – mein Opa, der Hauer   1967 bis 1974

Funkelndes Wasser   1966

Pony, oder wenn die Liebe Boot fährt   1950 bis 1955

Kindersorgen und Nöte   1968 bis 1970

Der Juniorchef   1970 bis 1971

Das neue Haus   1970 bis 1972

Aufbruch ins Ungewisse   1972

Danksagung:

Ein Frühlingstag im Winter

1960

Der Mond schien hell durch die entlaubten Kronen der Linden, in deren Schatten sich das kleine schwarz-weiße Fachwerkhaus duckte. Er trug einen Strahlenkranz aus Kälte. Noch hielt der Frost die Nächte fest in seinem Griff. Ende Februar 1960 gab es nur wenige Straßenlaternen, die der Helle des Mondes ihren Zauber hätten nehmen können. Es war nicht irgendein Mond, es war der viel besungene Mond von Wanne-Eickel. Jetzt in den frühen Morgenstunden war er seiner orangenen Färbung beraubt. Er stand hoch, strahlend weiß, jenseits der Dunstglocke, die die Stadt zu jeder Zeit bedeckte.

Als Eva erwachte, war es noch dunkel vor dem Fenster, doch das schon bald einsetzende zaghafte Gezwitscher der Vögel verhieß den frühen Morgen eines Frühlingstages. Dieses Jahr kommt der Frühling zeitig, dachte Eva. Gestern hatte sie die ersten blühenden Krokusse gesehen, leuchtend gelb neben den schon langen blühenden, weißen Schneeglöckchen. Schläfrig streckte sie sich unter dem warmen Federbett aus, noch war es nicht Zeit, um aufzustehen.

Ein heftiger Schmerz durchfuhr ihren Leib. Erschrocken fuhr sie wieder hoch. Das also hatte sie geweckt, heute wollte das Kind kommen – an diesem verfrühten Frühlingstag im Winter. Langsam klang der Schmerz wieder ab. Wehen, ja, das kannte sie, und mit der Erinnerung an die letzte, so furchtbare Geburt breitete sich die Angst in all ihren Gliedern aus. Sie hatte das Kind, das jetzt geboren werden wollte, mit Sehnsucht erwartet. Dennoch war die Angst vor der Geburt während der gesamten Schwangerschaft ihre ständige Begleiterin. Nun ergriff sie diese mit ihrer ganzen Macht. Sie begann zu zittern, und es bedurfte ihrer gesamten Willenskraft, um nicht in Tränen auszubrechen.

Nach der nächsten heftigen Wehe weckte sie Friede, die neben ihr im Ehebett schlief.

„Friede, wach auf. Bitte Friede, das Kind will kommen. Du musst der Mutter Bescheid sagen, damit sie die Hebamme ruft.“

Friede war schon seit einer Woche bei Eva und Ernst zu Gast, um Eva nicht in den Nächten allein zu lassen. Denn zu dieser frühen Morgenstunde war Ernst in der Brotfabrik. Er würde erst gegen Mittag wieder zurück sein. Doch das Kind konnte zu jeder Stunde kommen.

Ernst und Friede kannten sich schon seit ihrer frühesten Kindheit, aber sie mochten sich nicht. Obwohl nur fünf Jahre älter als er, war sie seine Tante. Als Kinder waren sie Konkurrenten um die Zuneigung von Selma gewesen, Friede, Selmas letztgeborenes von dreizehn Kindern und Ernst, das erste Enkelkind. Das machte ihre Beziehung nicht einfach. Ernst duldete Friede in seinem Haus wegen der Zuneigung, die seine Frau mit ihr verband. Doch wenn er zornig auf sie war, nannte er sie krumme Hexe.

Ja, krumm war sie auch trotz ihrer erst 34 Jahre, und schon damals konnte sie nur mit Hilfe eines Stockes sehr langsam gehen. Sie war in ihrer Jugend nach einem Fahrradunfall schwer an Rheuma erkrankt. Wenn sie mitbekam, dass er sie krumme Hexe schimpfte, sagte sie zu ihm:

„Halt die Klappe, oller Ülm, ich bin deine Tante!“

Doch diese kalte Nacht Ende Februar sollte ihre Beziehung von Grund auf verändern. Denn das, was sie in den kommenden Stunden gemeinsam erleben und durchleiden würden, brachte sie auf ungeahnte Art einander näher.

„Ist es jetzt also so weit, Eva?“

Eva hatte das Nachtlicht an ihrem Bett eingeschaltet und sah Friede mit ihren großen grünen, nun vor Schmerz und Angst weit aufgerissenen Augen an. Sie jammerte kläglich, und ein paar Tränen liefen ihr über ihr sommersprossiges Gesicht. Merkwürdig, wie bleich Evas Haut unter den Sommersprossen werden kann, dachte Friede. Dann rief sie sich zur Ordnung. Jetzt war nicht die Zeit, in der sie ihre Gedanken spazieren gehen lassen konnte.

Mühsam erhob sie sich aus dem Bett und griff nach ihrem Stock. Noch niemals war sie bei einer Geburt dabei gewesen, aber sie wusste, dass es immer eine ganze Weile dauerte, bis nach den ersten Wehen das Kind tatsächlich kam. Es würde auch dauern, bis sie sich angekleidet hatte. Noch auf der Bettkante sitzend angelte sie mit dem Gehstock nach ihren langen Strümpfen. Die Strümpfe anzuziehen, würde am längsten dauern. Von einer neuerlichen Wehe erfasst, stöhnte Eva auf. Das hörte sich schon recht jämmerlich an. Friede ließ die Strümpfe fallen und zog sich eilig das Kleid über den Kopf. Würde sie halt ohne Strümpfe hinausgehen, der warme Mantel über dem Kleid musste genügen.

„Ich laufe hinüber zu Ursel. Sie wird der Hebamme Bescheid sagen. Ich kann dich doch alleine lassen, Eva?“

Eva nickte nur. Sie schien weit fort zu sein in einer Welt des Schmerzes und der Angst.

Also machte sich Friede auf den Weg zum Elternhaus von Eva. Sie musste nur ein kleines Stück die Straße hinunter. Vorsichtig ging sie die zwei Stufen, die aus dem Haus führten, hinab. Das Mondlicht war so hell, dass die Äste der großen Linden dunkle Schatten auf das Ziegelpflaster warfen. Doch Friede hatte keinen Blick dafür. Für ihre Gangart erstaunlich schnell erreichte sie das kleine Tor, durch das sie hinaus auf die Straße gelangte.

Für ihre Möglichkeiten bewältigte sie die kurze Strecke zum hinteren Tor der Gärtnerei sehr schnell. Doch wieder verfluchte sie leise ihre Krankheit, die ihr diese mühselige, langsame Gangart aufzwang. Kaum hatte sie das Grundstück betreten, schlug der Hund an. Das Gebell wurde immer lauter und aggressiver, je näher sie dem Zwinger der Hündin kam.

„Ach, gib doch Ruhe, Carla. Ich bin es doch nur. Du weckst ja die ganze Nachbarschaft auf.“

Aber das Tier beruhigte sich nicht. Wütend sprang die Hündin gegen die Gitterstäbe ihres Zwingers. Na gut, dann wachen halt alle auf, dachte Friede. Sollen sie ja auch, jetzt will das Kind kommen, das ist sowieso nicht die Zeit für einen friedlichen Schlaf. Vom Gebell des Hundes begleitet, näherte sie sich dem Hintereingang des Wohnhauses. Die Hintertür des Hauses war vorsorglich unverschlossen geblieben, so konnte Friede direkt hinein, um Ursel, die werdende Oma, aus dem Bett zu holen. Sie tastete nach dem Schalter, der sich irgendwo über dem Arbeitstisch befinden musste. Es gelang ihr nicht sofort, doch dann erstrahlte der Arbeitsraum im hellen Licht. Auch im Laden hatte sie das Licht versehentlich eingeschaltet. Na, die Leute werden sich wundern. Wer kauft schon so früh am Morgen Blumen? Egal, den Blumen wird es nicht schaden und wenn schon, jetzt braucht Eva Hilfe. Mühsam bewältigte sie die drei Treppenstufen, die vom Arbeitsraum in die Wohnküche führten. Hier fand sie den Lichtschalter sofort. Am liebsten hätte sie sich erschöpft von diesem anstrengenden Gang auf den nächsten Stuhl gesetzt. Doch tapfer durchquerte sie die große Küche und die Diele und gelangte so ins Schlafzimmer von Ursula und ihrem Mann Theo.

„Ursel, wach auf. Die Hebamme muss gerufen werden. Das Kind will kommen.“

Ursel hatte noch tief und fest geschlafen. Anscheinend hatte sie das laute Gebell nicht wecken können, das doch auch hier im Schlafzimmer gut zu hören war. Mit zerzaustem, wirrem Haar mühte sie sich verschlafen in ihrem langen weißen Nachthemd aus dem Bett.

„Meine Güte, Friede, hast du mich erschreckt. Es ist doch noch mitten in der Nacht. Was ist denn nur los?“

„Na ja, es ist kurz nach sechs, aber Eva hat schon seit bald einer Stunde Wehen. Jemand muss die Hebamme holen.“

Ursel lief hinüber in das Zimmer ihres 15-jährigen Sohnes Toni und schüttelte ihn heftig an den Schultern. Auch er erschrak sich sehr. Aber als er hörte, dass seine große Schwester in den Wehen lag, sprang er rasch aus dem Bett.

Wie stolz war er gewesen, als vor fünf Jahren seine Schwester den kleinen Dirk zur Welt gebracht hatte. Wie stolz war er, dass er, obwohl selbst erst zehn Jahre alt, nun der Onkel dieses süßen, rothaarigen Babys war. Und dann war alles ganz schrecklich geworden, und sie hatten den kleinen Dirk schon acht Monate später beerdigen müssen. Wie furchtbar war die Erinnerung an diesen Tag mit dem kleinen, weißen Sarg. Ernst hatte über den Tod seines Sohnes so sehr geweint, dass auch Toni seine männliche Tapferkeit verlor und seine Tränen nicht mehr zurückhalten konnte. Eva stand am Grab wie eine Steinstatur. Ihr Gesicht aschgrau. Sie hatte keine Tränen mehr. Kalt und erstarrt wirkte sie auf Toni. Und so erstarrt in ihrem Schmerz sollte sie für lange Zeit bleiben.

„Nie wieder“, hatte Vater damals gesagt, „nie wieder wird eines meiner Enkelkinder im Krankenhaus zur Welt kommen. Dieser verfluchte Arzt ist schuld an diesem ganzen Elend. Hätte der nicht so einen Mist gebaut, würde mein Enkelsohn noch leben. Und meine Tochter hätte er bald auch noch umgebracht. Ab jetzt holt Frau Windbusch die Kinder in dieser Familie, so wie sie das schon immer getan hat.“

Niemand widersprach ihm. Denn er hatte ja recht. Noch immer waren die Kinder von Frau Windbusch gesund in diese Welt geholt worden. In Windeseile zog sich Toni an. Hastete auf Socken in den Arbeitsraum, griff sich seine Jacke und sprang in seine Schuhe. Als er losstürmen wollte, erreichte Theo ihn.

„Nun mal langsam, ich muss doch erst noch das vordere Tor aufschließen.“

Toni ließ seinen Vater vorbei. An dem schnellen Gang des Vaters sah er, dass der ansonsten immer ruhige Theo jetzt keineswegs ruhig war. Bestimmt dachte auch er an das Unglück, das der Geburt von Dirk gefolgt war. Er hastete die Straße herunter und hörte, wie sein Vater die Hündin zur Ordnung rief. Das klang keineswegs ruhig, nein, auch der Vater hatte Angst, denn warum sollte er sonst seine geliebte Carla derart anbrüllen. Diese pechschwarze, große Schäferhündin war doch sein ganzer Stolz und wurde immer liebevoll von ihm gehätschelt. Schnell erstarb das wütende Gebell und in der plötzlichen Stille fiel Toni erst auf, wie verlassen die Straßen waren. Hier auf der großen Straße wurden die graubraunen Fassaden der Häuser von dem fahlen Licht der Straßenlaternen beschienen. Mit ihren lang gestreckten „Tränen“ aus Aschestaub, sahen sie gespenstisch aus. Aber all das sah er nicht. Er rannte, und schon bald stand er vor dem Haus von Frau Windbusch. In ihrer Küche brannte das Deckenlicht. Als er bei ihr anschellte, öffnete sie das Küchenfenster.

„Ach Toni, du bist es. Ist es bei Eva jetzt soweit?“

Er war so außer Atem, dass er nur nicken konnte.

„Kein Problem. Ich muss eh in die Gartenstraße zu Frau Schuster. Ihr Mann war gerade hier, auch bei ihr haben die Wehen eingesetzt. Vorher schaue ich rasch bei Eva vorbei. Geh du mal nach Hause und beruhige dich. Das kriegen wir schon hin.“

Noch bevor Toni wieder am Blumenhaus ankam, sauste Frau Windbusch auf ihrem Fahrrad an ihm vorbei. Sie war eine großgewachsene Frau in ihren frühen Fünfzigern und dafür bekannt, dass sie energisch und sicher bei jeder Geburt den werdenden Müttern beistand. Sie holte die Kinder zur Welt, und wenn es nötig war, machte sie auch Engel. Die Frauen hatten großes Vertrauen zu ihr, auch Eva war beruhigt, dass es diesmal Frau Windbusch sein würde, die ihr beistand.

Unter ihrem warmen, langen Mantel blitzte ihre weiße Schürze hervor, und auf dem Gepäckträger ihres schwarzen, schweren Fahrrades hatte sie ihre Tasche mit den Dingen, die für eine Geburt gebraucht wurden.

Mit roten Wangen und leicht zerzaustem Haarknoten kam sie in das Schlafzimmer des kleinen Fachwerkhäuschens und untersuchte Eva. Beruhigend sprach sie auf Eva ein.

„Es wird noch eine Weile dauern bei dir. Jetzt gehe ich erst mal rüber zu Frau Schuster. Sie liegt auch in den Wehen. Das wird aber schnell gehen. Die anderen neun kamen auch sehr rasch und ohne Komplikationen. Mach dir keine Sorgen, Eva, ich bin bald zurück. Wenn es doch schneller gehen sollte bei dir, dann schick die Friede vorbei.“

Es ging nicht schneller. Um die Mittagszeit kam Ernst von der Arbeit. Nun erst war es an der Zeit, dass auch die Hebamme zurückkam, denn die Wehen waren jetzt heftig und es konnte nicht mehr lange dauern. Doch die Hebamme kam nicht wieder.

Eva schrie und wand sich vor Schmerzen. Ständig wechselte ihre Gesichtsfarbe von leuchtend rot zu einer weißen Blässe, die erschreckend war, die Tränen rannen ihr über das verschwitzte Gesicht. Selber bleich vor Angst saß Ernst auf der Bettkante und versuchte ihre Hand zu halten. Aber sie ließ es nicht zu, sondern schrie immerzu nach der Hebamme. Ernst hatte große Angst, sie zu verlieren, denn bei der letzten Geburt wäre seine Frau fast verblutet. Niemals würde er die Nacht vergessen, als er an ihrem Bett saß und sie anflehte, ihn nicht zu verlassen. Die Ärzte konnten ihr nicht mehr helfen, sie hofften auf ein Wunder. Das Wunder geschah, und Eva überlebte. Für diese Rettung dankte Ernst seinem Schöpfer auf den Knien. Niemandem hatte er davon erzählt, denn sein Unglaube war legendär. Doch in den Stunden der höchsten Not, begann auch er zu beten, auch wenn er nicht wusste zu welchem Gott. Aber der kleine Dirk, sein Söhnchen, sollte die Verletzungen, die ihm bei seiner Geburt zugefügt worden waren, nicht überleben. Monatelang hatten sie um das Leben des Kindes gekämpft, aber es war vergeblich. Jahre voller Trauer und Angst sollten folgen, bis sie sich wieder trauten, nochmals ein Kind zu zeugen. Jetzt sollte dieses zweite Kind geboren werden, und er saß dort, unfähig zu helfen und gelähmt von seiner eigenen Angst.

„Reiß dich mal zusammen, Ernst. Deine Eva wird nicht sterben. Sie bekommt nur ein Kind, das jetzt herauswill. Geh endlich los und schau, wo die Hebamme abgeblieben ist“.

Friede war ebenfalls sehr aufgeregt, und Ernst beeilte sich zur Hebamme zu kommen. Sie hatte ja recht, die krumme Hexe, und zum ersten Mal war er wirklich dankbar, dass es sie gab und dass sie ihn aus seiner Lähmung herausgeholt hatte.

Es war nur ein ganz kurzer Weg die Straße herunter zum Nachbarhaus. Aber Ernst kam er endlos vor. Als er auf den Klingelknopf drückte, hörte er die Gebärende schreien. Ein Schauer durchfuhr ihn, und seine Angst nahm ihm den Atem. Der älteste der neun Schuster Kinder und der werdende Vater öffneten. Bleich und ängstlich schauten sie Ernst an und sagten, dass es der Mutter nicht gut gehe und die Hebamme nicht weggehen könne.

Ernst kam rasch und verstört zurück – ohne die Hebamme. Die zehnte Geburt der Nachbarin verlief also nicht gut, doch was sollten sie nur tun, wenn die Hebamme nicht bald kam.

Die weinenden Kinder, der leichenblasse Vater und die Schreie der Frau dort waren nicht dazu angetan gewesen, ihn zu beruhigen. Eine halbe Stunde später lief er wieder zum Nachbarhaus. Dieses Mal öffnete ihm Frau Windbusch. Energisch schickte die Hebamme ihn wieder weg, auch sie schien am Rande ihrer Kräfte zu sein. Ein Arzt war gerufen worden, doch der ließ auf sich warten.

Nun war auch Friede ratlos und ängstlich. Was sollten sie tun, das Baby wollte auf die Welt, und irgendetwas hielt es fest.

Mittlerweile hatte Eva wieder zu weinen begonnen. Sie wurde von der Furcht geschüttelt, dass auch dieses Kind nicht gesund zur Welt kommen würde. Schluchzen und Wehenschreie wechselten sich ab. Friede und Ernst standen hilflos dabei. Ihre Ohnmacht ließ sie verstummen, und mit jeder Minute wuchs ihre Verzweiflung.

Erst eine gute Stunde später kam die Hebamme zu ihnen. Blutverschmiert war ihre Schürze, ihre Haare wirr und sie sichtlich sehr erschöpft. Die Nachbarin war verblutet, das Kind konnte gerettet werden. Jetzt hatten sie einen verwitweten Nachbarn mit zehn Kindern. Die Nachricht war nicht dazu angetan, Ernst und Friede zu beruhigen.

Als die Hebamme ins Schlafzimmer kam, rief Eva energisch:

„Ich muss geschnitten werden, sonst kommt das Kind wieder nicht ohne Verletzungen raus.“

Die Hebamme hatte keine saubere Schere mehr. Aber es eilte sehr, das wusste sie auch. Friede behielt die Nerven und holte die Schneiderschere aus Evas Nähkorb. Die Hebamme griff zu, und Ernst hielt Eva fest.

Ein beherzter Schnitt, und das Kind kam schnell und unbeschadet zur Welt. Während die Hebamme Eva weiter versorgte und die Schnittwunde zunähte, hielt Ernst weiter seine schreiende Frau fest.

Friede wusch das Neugeborene in der kleinen Emaillewanne auf dem Kohleofen im Wohnzimmer. Verwundert schaute sie dieses rosige, noch mit Blut verschmierte Baby an. Nach der Aufregung der vergangenen Stunden konnte sie es kaum fassen, dass diesem Kind kein Schaden zugefügt worden war. Erst jetzt merkte sie, wie hungrig und durstig sie war. Sie waren doch alle schon seit Stunden auf den Beinen und hatten weder getrunken noch gegessen. Es erschien ihr so, als wäre die Zeit einfach stehen geblieben. War sie nicht eben noch durch die mondbeschienene Nacht gelaufen, und jetzt stand eine strahlende Sonne an einem ungewöhnlich blauen Himmel. Diese vielen Stunden der Angst und am Ende das Wunder des neuen Lebens würde sie niemals vergessen, da war sie ganz sicher.

„Hör mal, du kleines Wunder von Leben. Ich bin nur deine Tante, aber ich werde dich beschützen und behüten, als wärest du mein eigenes Kind. Das verspreche ich dir.“

Das Baby schaute sie mit großen Augen an, als hätte es diese ersten Worte, die an es gerichtet wurden, verstanden. Verblüfft erwiderte Friede diesen Blick. Jetzt spinnst du völlig, dachte sie, und beeilte sich, die Kleine zu wickeln und anzuziehen. Es war gar nicht so einfach, wie sie gedacht hatte, die großen Stofftücher um den kleinen Po zu legen. Frau Windbusch kam und ging ihr zur Hand. Trotz der furchtbaren Stunden, die hinter ihr lagen, lächelte sie das Neugeborene an, versorgte den Bauchnabel und zeigte Friede, wie das Windeltuch gelegt werden musste. Zum Schluss wickelte sie das Baby in eine kleine Baumwolldecke und legte es Friede in den Arm. In der einen Hand ihr Stock und auf dem anderen Arm das Baby, so schritt Friede stolz wie eine Königin ins Schlafzimmer zurück. Eva sollte doch sehen, was für ein wunderbares Baby sie nun hatte. Doch als sie den Raum betrat, hörte sie, wie Eva sagte:

„Es ist nur ein Mädchen, es tut mir leid, Ernst.“

Verärgert runzelte Friede die Stirn, wie konnte sie so etwas Grunddummes sagen! Doch Ernst gab seiner Frau die richtige Antwort.

„Mädchen oder Junge, das ist doch egal. Hauptsache, es ist gesund und du auch.“

„Ich habe mir immer sieben Jungen gewünscht. Doch nun ist es halt nur ein Mädchen geworden. Aber versprich mir trotzdem, dass ich nie wieder schwanger werde. Noch eine Geburt überlebe ich nicht.“

Nach diesem neuerlichen Geburtsdrama gab Ernst ihr gerne das Versprechen, und er hielt sich auch daran. So kam es, dass das Mädchen ein Einzelkind blieb.

Als Friede Eva das Baby reichen wollte, schüttelte sie den Kopf und wendete sich ab. Mit dem Baby auf dem Arm ging Friede vorsichtig die drei Treppenstufen zur Küche hinauf und legte das Kind in den Weidenkorb, der als Wiege diente. Seufzend setzte sie sich auf einen der Küchenstühle neben die Wiege.

Ernst war am Morgen um 3.00 Uhr zur Arbeit gegangen, nun war es fünf Uhr am Nachmittag, er war sehr müde. Dennoch zog er los, um seinen Schwiegereltern und den Nachbarn die glückliche Geburt seiner Tochter zu verkünden. Am frühen Abend kam er zurück, von den vielen Glückwünschen und den dazu gehörigen Schnäpsen sichtlich noch mehr angeschlagen.

Eva, von der Geburt erschöpft, brauchte ebenfalls dringend Schlaf. Auch Ernst hielt es nicht mehr auf den Beinen. Er hatte Toni zur Brotfabrik geschickt, um dort mitzuteilen, dass seine Tochter geboren worden war, und er am nächsten Tag nicht zur Arbeit kommen würde. Er legte sich zu Eva ins Bett und schlief auf der Stelle ein.

Friede übernahm es, über das Kind zu wachen. Die Küche war sehr klein. Friede rückte sich einen Stuhl so zurecht, dass sie direkt neben dem Körbchen saß. Sie, die niemals eigene Kinder würde haben können, wachte über dieses Neugeborene mit der Hingabe einer Mutter.

Das Baby schlief, irgendwann in der Nacht schlief auch Friede auf ihrem Stuhl ein. Sie erwachte am frühen Morgen um kurz vor vier von dem leisen Wimmern des Babys. Es hatte offensichtlich Hunger oder Durst. Friede mühte sich hinüber ins Schlafzimmer, weckte Eva und sagte ihr, sie müsse jetzt das Baby stillen.

Evas große, grüne Augen füllten sich mit Tränen. Hilflos sah sie in das liebe Gesicht von Friede, deren dunkelbraune Augen sie ratlos anschauten. Sie hatten gemeinsam dieses Drama der Geburt überstanden, und jetzt, wo doch alles vorüber war, brach Eva in bitterliches Weinen aus und schüttelte den Kopf. Nein, Eva konnte und wollte nicht stillen. Sie wollte das Kind, das sie in großer Not geboren hatte, auch nicht sehen. Sie wollte nur noch schlafen und alle Not und Angst vergessen.

„Ernst, komm wach auf, das Kind braucht etwas zu trinken.“

Erschrocken und vor Müdigkeit taumelnd stand er auf, um gleich danach zu fragen, warum denn Eva nicht einfach stillen würde, er könnte das ja schließlich nicht.

Friede hatte intuitiv erfasst, was mit Eva los war. Sie wusste, dass Eva nicht würde stillen können, nicht jetzt und vielleicht auch niemals. Ohne weitere Erklärungen wies sie ihn an, sich anzuziehen und den Apotheker aus dem Bett zu klingeln.

„Sag ihm, es ist ein Notfall. Wir brauchen ein Babyfläschchen und Babynahrung, das Kind ist neugeboren, und die Mutter hat keine Milch. Nun lauf schon – oder willst du, dass deine Tochter gleich am Tag nach ihrer Geburt verdurstet.“

Die Vorstellung, auch sein zweites Kind zu verlieren, war zu furchtbar. Wie sehr hatte er doch unter dem Tod seines kleinen Jungen gelitten. Schnell war er angezogen und lief los.

In dieser Nacht war es bewölkt. Die Gartenstraße lag in totaler Finsternis. Aber Ernst merkte nichts davon. So schnell er konnte, lief er zur Apotheke und drückte die Notfallklingel. Als daraufhin nichts geschah, klingelte er an der über dem Geschäft liegenden Wohnung des Apothekers. Die Erleichterung und die damit einhergehende große Freude über sein Töchterchen waren verflogen. Jetzt kam es darauf an, dass er bekommen würde, was sein Kind brauchte. Mühsam unterdrückte er die Tränen, denn was sollte er tun, wenn der Apotheker nicht öffnen würde?

Endlich reagierte der Apotheker auf sein Dauerklingeln. Im Bademantel, mit breitgetretenen Pantoffeln an den Füßen und zerzaustem Haar öffnete er die Tür zum Verkaufsraum.

„Mann, Ernst, wo brennt es denn?“

„Unser Kind ist da, und Eva kann es nicht stillen.“

„Na, dafür gibt es ja heute Babynahrung, dann brauchst du ja auch ein Fläschchen. Was ist es denn geworden?“

„Ein Mädchen“, stieß Ernst atemlos hervor.

„Glückwunsch. Warte hier, ich hole die Sachen“, der Apotheker merkte sehr wohl, wie aufgeregt der junge Vater war.

“So schnell verhungert auch kein Neugeborenes, beruhige dich mal.“

Aber Ernst beruhigte sich nicht, rasch packte er die Babynahrung und das Fläschchen ein.

„Glückwunsch auch an den alten Theo. Jetzt hat er ja schon drei Enkeltöchter. Na, das mit dem Stammhalter, das klappt auch noch.“

Das hörte Ernst schon gar nicht mehr, er rannte über die Straße, angetrieben von der Angst, das Baby könnte bereits verdurstet sein. Der Apotheker schrieb auf, was er Ernst gegeben hatte. Der verängstigte Vater hatte vergessen zu bezahlen. Aber Theo kam ja regelmäßig vorbei, der würde die Rechnung schon begleichen, da war er ganz sicher.

Friede hatte dafür gesorgt, dass der Kohleherd in der Küche nicht ausging. Der Wasserkessel summte schon, als Ernst mit dem Fläschchen kam. Ernst war Bäcker, mit pulvrigen Zutaten kannte er sich aus, und gemeinsam gelang es ihnen, die erste Fläschchennahrung zuzubereiten.

Friede setzte sich und nahm das Baby auf dem Arm. Sie war es, von der es die erste Nahrung erhielt. Es trank gierig, und Ernst schaute erleichtert und gerührt zu. Draußen war es noch vollkommen dunkel, und diese beiden Menschen saßen gemeinsam in der kleinen Küche und beobachteten, wie das Baby willig sein erstes Milchfläschchen trank. Es war ein eigentümlich intimer Moment für beide. Sie, die sich schon ein Leben lang kannten, aber nie wirklich mochten. Doch diese frühen Morgenstunden führten dazu, dass sie sich soweit miteinander aussöhnten, dass eine zaghafte Zuneigung zwischen ihnen möglich wurde.

Auf jeden Fall hatte Ernst in der Folge nichts dagegen, dass Friede nach der Geburt noch für ein paar Wochen bei ihnen blieb. Eva brauchte diese Zeit, um ihre Angst um das Kind und vor dem Kind zu überwinden. In dieser Zeit konnte sie das Baby weder stillen noch berühren. Ernst fand das alles sehr schwer verständlich, aber Friede begriff, in welcher Not Eva war.

Das merkwürdige Kind

1960 bis 1962

So, nun war ich also in der Welt. Und dem Drama meiner Geburt hatte ich zu verdanken, dass ich den schönen Namen Johanna erhielt. Mein Vater wollte eine Heidi haben. Aber mal ehrlich, Heidi aus Wanne-Eickel – das geht doch nicht. Nach der ganzen Aufregung der vergangenen Tage und seiner Erleichterung, als klar war, dass Kind und Mutter wohlauf waren, erfüllte er meiner Mutter ihren Wunsch und ließ mich auf dem Namen Johanna ins Familienbuch eintragen. Johanna Sommer – dass ist doch wirklich ein schöner Name. Damit ließ es sich doch gut leben, auch wenn es noch ein paar Jahre dauern sollte, bis ich aktiv mein Leben gestalten konnte.

Drei Monate nach meiner Geburt ging Eva wieder zur Arbeit ins Blumenhaus. Es war mittlerweile Juni geworden, und in den Treibhäusern und auf dem Freiland gab es viel für sie zu tun. Die hundert Dahlienknollen mussten ausgepflanzt werden und die Frühbeete, in denen noch die abgeernteten Zwiebeln der Tulpen und Narzissen standen, mussten mit den Stecklingen der Sommerblumen besetzt werden.

Mama liebte ihren Beruf. Sie war Gärtnerin geworden, weil ihr Vater nach dem Krieg das Blumenhaus aufgebaut hatte. Theo war Bergmann, aber sein Traumberuf war immer der eines Gärtners geblieben. Als sich die Gelegenheit ergab, seinen Traum zu verwirklichen, gründete er das Blumenhaus. Seine älteste Tochter schickte er zur Gartenbauschule und die Zweitgeborene Ulla machte eine Ausbildung zur Floristin. Der so viel jüngere Sohn Toni sollte ebenfalls Gärtner werden und so, wie Theo nun mal die Welt sah, irgendwann den Betrieb übernehmen.

Das Blumenhaus, das als kleiner Familienbetrieb begonnen hatte, war zu einem ansehnlichen Geschäft mit vielen Mitarbeiterinnen gewachsen. Eva war die Chefin in den Gewächshäusern, dem Freiland und für die Arbeit auf dem nahegelegenen Friedhof zuständig. Ulla führte das Blumengeschäft.

„So, mein kleiner Schatz, heute ist ein großer Tag für uns. Ab heute wird Mama wieder zur Arbeit gehen, und du kommst in Omas Küche.“

Eva hob mich aus dem Weidenkorb und wickelte mich fest in eine warme Decke. Ich lächelte ihr zu und bekam von meiner bezauberten Mutter einen zärtlichen Kuss auf die rosige Wange.

„Weißt du, mein kleiner Schatz, deine Mutter ist eine Gärtnerin, und ich kann meine Pflanzen nicht länger alleine lassen. In Omas Küche sind ja auch schon die Zwillinge, Simone und Silke, dort wird es dir gefallen. Und ihre Mama Ulla ist auch ganz lieb. Ulla ist nämlich meine Schwester.“

Was rede ich da nur, dachte Eva, als sie die kurze Strecke die Straße lang zum Blumenhaus fuhr. Ulla arbeitet ja auch längst wieder, und ihre Zwillinge entwickeln sich doch gut. Ich würde einfach nicht froh, wenn ich nur Mutter sein dürfte. All das Gerede um Einzelkinder und arbeitende Mütter soll uns doch nur ein schlechtes Gewissen machen. Ernst’ Oma mit ihren dreizehn Kindern musste doch auch arbeiten, sonst wären die Kinder doch gar nicht satt geworden. Und jetzt heißt es auf einmal, wir seien Rabenmütter, wenn wir arbeiten wollen. Wir sollen zuhause bleiben und uns an der Hausarbeit und unseren Kindern erfreuen. Will ich aber nicht, ich liebe meinen Beruf. Und außerdem werde ich im Blumenhaus gebraucht.

Die Straße war nicht asphaltiert, und der Kinderwagen rumpelte über den staubigen und steinigen Untergrund. Mir schien das nichts auszumachen, und als wir unter den großen Birken langfuhren, die das Grundstück des Blumenhauses zur Straße begrenzten, riss ich die Augen weit auf und schaute staunend in die großen, zartgrünen Kronen der Bäume.

„Ja, diese Bäume sind schön. Finde ich auch, mein Kleines. Die hat mein Opa als ganz junger Mann gepflanzt. Wenn du groß bist, wirst du darunter spielen können, das habe ich auch schon als Kind getan.“

Wir überquerten den Hof und betraten den Arbeitsraum. Der Geruch von den vielen Blüten und Vasen mit Blumenwasser umfing mich. Das sollte der Geruch werden, der für mich auf immer mit dem Begriff Zuhause verbunden sein würde.

Doch jetzt erst einmal wurde ich kräftig herumgeschüttelt, als Eva und Ulla gemeinsam den Kinderwagen die drei Stufen zur Küche hinauftrugen. Noch bevor ich ein Unbehagen darüber äußern konnte, fand ich mich umgeben von dem kräftigen Geruch nach Kaffee und frischem Brot. Und dann kam die Oma, schaute in den Wagen und machte merkwürdige Geräusche. Tante Ulla stupste mir mit dem Finger auf die Nase. Ich verzog das Gesicht und versuchte es mit einem Lächeln.

„Ach, ist sie nicht süß.“ Ulla lächelte freundlich zurück in den Kinderwagen. Oma machte kein so freundliches Gesicht.

„In dem Alter sind sie alle süß, aber man darf sich nicht zu sehr davon einnehmen lassen. Wenn man ihnen zu viel Aufmerksamkeit schenkt, werden sie nur lästig. Dabei sollte man sie im ersten Lebensjahr eigentlich kaum bemerken. Füttern und Wickeln genügt.“

In solcher Art ermahnt, setzten sich die beiden Schwestern zu ihrer Mutter an den großen Küchentisch, um gemeinsam zu frühstücken. Die Zwillinge, die bislang beinah unbemerkt auf dem Fußboden herumgepusselt hatten, machten durch lautes Quengeln auf sich aufmerksam. Eva und Ulla nahmen jeweils ein Kind auf dem Schoß und fütterten sie mit kleinen Stücken ihrer Marmeladenbrote.

„Hast du mit den Schwestern gesprochen. Sie müssen jetzt bald in den Kindergarten. Auf drei Kleine aufpassen und dann noch für den ganzen Betrieb kochen, das wird auf Dauer nicht gehen.“

„Ja, Mutti, sie haben gesagt, sie nehmen die Zwillinge auf, sobald sie sauber sind. Sie sind ja eigentlich noch zu klein, aber für uns würden sie eine Ausnahme machen.“

„Sauber kriegen wir sie jetzt schnell. Du musst sie nur so lange auf den Töpfchen sitzen lassen, bis sie ihr Geschäft gemacht haben. Vorher darfst du sie nicht hochnehmen oder aufstehen lassen. So habe ich das mit euch beiden auch gemacht, und ihr ward ruckzuck sauber. Wer soll denn die vielen Windeln waschen, jetzt wo wir drei Kleine haben?“

Die beiden Schwestern wagten nicht zu widersprechen. Ursula war die Köchin der Großfamilie und würde nicht viel Zeit für die Betreuung der Kinder haben. Täglich hatte sie für zehn Personen zu kochen, und sehr häufig waren es noch viel mehr. Sie war ein durchaus gutmütiger Mensch und kam ihrer Arbeit nach mit der Ruhe und Gelassenheit, wie es nur Menschen tun können, die ihre Aufgabe im Leben gefunden hatten. Aber drei Kleine in ihrer Küche, das war ihr dann doch zu viel. Zumal die Zwillinge mit ihren fast zweieinhalb Jahren schon längst laufen konnten und heftig weinten, wenn sie in ihren Laufstall kamen.

Zum Glück war ich ein zufriedenes, ruhiges Baby. Meine ersten beiden Lebensjahre verbrachte ich hauptsächlich in der Küche des Blumenhauses. Dort herrschte ein munteres Kommen und Gehen. Denn Ursel war ein sehr geselliger Mensch, und obwohl sie so gut wie nie das Haus verließ, mangelte es ihr nicht an Gesellschaft. Für ihre Gäste brühte sie in einer riesigen Porzellankanne auf dem Kohleherd beständig Kaffee auf, den sie bereitwillig an die vielen Besucher, die sie immer in der Küche empfing, auszuschenken pflegte.

Dieser Kaffee war berüchtigt, und die Gäste, die mit seiner Stärke vertraut waren, tranken ihn niemals ohne gleichzeitig um etwas Wasser zu bitten, das sie heimlich in den Kaffee gaben. Ursel hatte wenig Verständnis dafür, ein Kaffee musste möglichst schwarz und bitter sein: “… denn wir sind doch hier nicht bei armen Leuten!“

Zu ihren täglichen Angewohnheiten gehörte auch, ausführlich die Todesanzeigen in der Tageszeitung zu studieren. Sie war über anstehende Beerdigungen immer informiert und konnte, mit Gebäck und Kaffee ausgestattet, die Trauernden in ihrer Küche empfanden.

Bestellten die Angehörigen Trauerbinderei im Laden, so schickte Ulla sie sogleich in die Küche zu ihrer Mutter. Dort bekamen sie von dem besagten Kaffee zu trinken bis ihre Lebensgeister wieder auf Hochtouren liefen, und Ursel über alle Umstände des Todesfalls bestens informiert war. Es grenzt an ein Wunder, dass niemals jemand von den häufig hochbetagten Trauernden von Ursels Kaffee zu Tode kam, offensichtlich verfügten sie alle noch über ein starkes Herz. Bei anstehenden Hochzeiten oder anderen Familienfeierlichkeiten, für die Blumen bestellt wurden, verhielt es sich genauso.

Niemand kam auf die Idee, ihr übertriebene Neugier zu unterstellen, denn ihr Mitgefühl war aufrichtig und für die Trauernden ein kleiner Trost. Von der Statur eher klein und zart, war sie mit den Jahren fülliger geworden, ohne dick zu sein. Ihr dichtes, schwarzes Haar trug sie seit dem Ende des Krieges nicht mehr in einem straffen Knoten, sondern in einem dauergewellten Pagenkopf, dessen gefällige Locken, zusammen mit ihren rehbraunen Augen und dem freundlichen Lächeln einen Vertrauen erweckenden Eindruck vermittelten. Stets trug sie einen weißen, ärmellosen Kittel über ihrer Alltagskleidung. Blütenweiß und gestärkt bestätigte er nicht nur ihren Status als Köchin der Familie, sondern auch ihre Stellung als weibliches Oberhaupt des Blumenhauses. Denn alle anderen Frauen trugen dunkel gemusterte Kittel, was für die Art ihrer Tätigkeit auch passender war. Auch residierte sie stets am Kopfende des großen Küchentisches und verteilte von dort das Essen der Mahlzeiten. Als Kind beeindruckte mich sehr, wie sie für uns alle die Scheiben von den großen Broten schnitt. Denn sie klemmte sich das Brot zwischen ihre vollen Brüste und setzte völlig furchtlos das große scharfe Messer an. Immer befürchtete ich, dass sie sich in die Brüste schneiden könnte, aber das geschah niemals. Wir aßen ständig Brote, die den typischen Wellenschnitt ihres Busens hatten. Noch mit dem Messer in der Hand, informierte sie uns alle über die Ereignisse des Tages. Schließlich kannte man die Menschen aus der Nachbarschaft schon sehr lange und wusste über deren Familiengeschichte auch so einiges. Dieses täglich sich wiederholende Ritual war immer der Auftakt zu einer gesprächigen Mahlzeit.

Am Nachmittag kam regelmäßig das „örtliche Tageblatt“ zu Besuch. Auch sie hieß Ursel und war die achtbare Witwe eines Metzgers aus dem Stadtteil.

„Na, was gibt es Neues, Ursel“, war ihr beinah täglicher Begrüßungskanon.

Dann kam es zu einem lebhaften Austausch aller Neuigkeiten aus dem Stadtteil. Ursel, die Witwe, rauchte dabei ununterbrochen ihre parfümierten Mentholzigaretten, niemand wäre auf die Idee gekommen, das könnte uns Kindern schaden. Damals waren Zigaretten noch nicht tödlich, und es wurde viel und überall geraucht. Unterbrochen wurde ihr lebhafter Austausch nur, wenn der Kaffee ausging. Dann stand Ursel am Herd und schüttete aus der Kaffeetüte so lange Kaffeepulver in den großen weißen Porzellanfilter, bis dieser fast bis zum Rand gefüllt war. Nun wurde geduldig aus dem ewig summenden Wasserkessel behutsam Wasser in den Filter gegossen. Das Geheimnis von Ursels Kaffee war also, dass sich das Wasser nur mühsam durch das Kaffeepulver hindurchwinden konnte und sehr langsam in die große Porzellankanne tröpfelte. Der Duft von frisch gebrühtem Kaffee gehört ebenso zu meinen frühen Erinnerungen wie der Geruch von Mentholzigaretten.

Die Blumenhändler, die regelmäßig das Geschäft anfuhren, kamen gerne zu den Mahlzeiten vorbei, und auch sie wurden zu einem Teller Eintopf oder am Nachmittag zu einem guten Kaffee mit Stuten eingeladen.

Die meisten kamen so häufig und waren so vertraut mit den Gepflogenheiten des Hauses, dass sie gleich nach der Abwicklung ihrer Geschäfte in die Küche gingen, die direkt neben dem Arbeitsraum lag. Dort begrüßte sie Ursel immer ausgesprochen freundlich und forderte sie auf, sich schon mal eine Tasse aus dem großen Küchenschrank zu holen. Zu Omas Eigenarten gehörte es, dass sie alle kleinen Dinge wie Knöpfe, Stecknadeln oder Reißzwecken in den Kaffeetassen verwahrte. Niemals gab sie diese Dinge in dieselbe Tasse, sondern sie verteilte sie zufällig in die vorderen Tassen. Wie alle Mitglieder der Familie waren auch die Blumenhändler damit vertraut und drehten erst einmal die Tasse um, bevor sie sich Kaffee einschenken ließen. So kam es, dass sich niemals dramatische Unfälle abspielten, wenn Ursel zum Kaffee lud.

Auch die zahlreichen Verwandten, die im Stadtteil oder weiter weg lebten, waren oft zu Gast in Ursels Küche. Sie war berühmt für ihre herzliche Gastlichkeit, und von dem Eintopf des Tages stand bis zum Abend immer noch ein Rest auf dem Kohleherd, der sich für einen hungrigen, späten Gast noch schnell aufwärmen ließ. Jeder und jede wurde von ihr mit Nahrung versorgt, und die meisten liebten sie dafür.

Ein ganz besonderer Gast in Ursels Küche war Herr Selig. Jeden Freitagnachmittag kam er in den Laden, um sich, in Vorbereitung auf das Wochenende, frische Blumen auszusuchen.

„Ach Ulla, was gibt es denn in dieser Woche für Herrlichkeiten bei dir?“

Und Ulla stellte ihm einen besonders schönen, üppigen Strauß zusammen. Er fragte nie nach dem Preis der einzelnen Blumen. Häufig suchte er sie sich auch selber aus. Große, sehr schöne, ausgefallene Sträuße waren es immer. Wenn Ulla sich daran machte, den Strauß zu binden, ging er in die Küche zu Ursel. Nach einer herzlichen Begrüßung gab es den obligatorischen Kaffee, nur dass er sich niemals selbst eine Tasse aus dem Schrank nahm, sondern von Oma immer eine „Gute“ mit Untertasse gereicht bekam.

Alle Frauen, die im Blumenhaus arbeiteten, mochten Herrn Selig sehr gerne, und wann immer es ihre Zeit erlaubte, setzten sie sich dazu. Für uns Kinder hatte er meist etwas Süßes in der Tasche. Er war so fein und vornehm, dass wir ganz automatisch einen Knicks machten, wenn er uns beschenkte.

Merkwürdig verhielten sich nur die Männer der Familie. Sobald Herr Selig auftauchte, verließen sie fluchtartig die Küche. Das war so auffällig, dass ich, als ich älter war, eines Tages meine Mutter fragte, warum sie sich vor dem netten Mann fürchteten.

„Ja, weißt du mein Schatz, der Herr Selig ist ein 165-er.“

Als sie meinen ratlosen Blick sah, ergänzte sie:

„Er lebt halt mit einem Mann zusammen, nicht mit einer Frau.“

Nun, das wusste ich ja. Lebten sie doch nur zwei Häuser weiter entfernt. Ich konnte nicht verstehen, was daran falsch sein sollte. Und warum behauptet Opa immer, Oma hätte merkwürdige Freunde. Mamas Antwort beließ mich in meiner Ratlosigkeit. Aber irgendwie hatte ich das Gefühl, besser nicht noch einmal nachzufragen, denn Mama schien sehr verlegen zu sein.

Ja, Freunde waren Oma und Herr Selig wirklich. Vielleicht sollte ich besser Freundinnen dazu sagen. Denn als nach vielen Jahren, beide verwitwet waren, verbrachten sie viel Zeit miteinander, so wie es sonst nur Freundinnen tun. Häufig trafen sie sich zum Kaffee oder fuhren gemeinsam mit Herrn Seligs Käfer aus. Oma sagte dann, sie machten eine Landpartie. Angetan mit ihren besten Kleidern und dem Persianer Pelzmantel, den sie besaß, stieg sie in den Käfer. Niemals nahm sie dabei ihren Hut ab. Dieses Kunststück würdevoll zu vollbringen, war nicht einfach bei der geringen Größe des Autos. Aber ohne Hut verließ sie zu solchen Anlässen das Haus nicht. Schließlich war sie ja eine Geschäftsfrau gewesen, und als solche musste man ja einen gepflegten Eindruck machen.

Zum Weihnachtsfest strickte sie Socken für die ganze Familie - auch für Herrn Selig. Und er brachte ihr etwas von seinem Aufgesetzten. Irgendwie gehörte er mit zur Familie – jedenfalls für den weiblichen Teil. So wurde es auch geduldet, dass er nach Ursels Tod, jedes Jahr zu Allerheiligen, ein ewiges Licht auf ihr Grab stellte. Denn Herr Selig war katholisch. Und er trauerte sehr um Ursel – seine beste Freundin, wie er sagte.

Ich bekam also schon früh im Leben einiges von der Menschheit mit, auch wenn ich sicherlich nicht verstand, worüber beständig geredet wurde.

Als meine Cousinen kurz nach meiner Geburt den benachbarten Kindergarten besuchten, blieb ich also nicht einsam in dieser Küche zurück. Das gesellige, lebhafte Leben ging munter weiter.

Still und zufrieden saß ich in meinem Kinderwagen und später im Laufstall und beobachtete das muntere Treiben. Ich galt als pflegeleichtes Kind, das niemals lästig wurde. Doch wie groß war die Aufregung, als ich im Alter von nur 15 Monaten anfing zu sprechen. Zum Entsetzen aller gleich in vollständigen Sätzen. Mit Ausnahme meiner Eltern und meines Großvaters fanden das alle anderen erschreckend. Wie konnte es sein, dass ich früher und besser sprach als die Zwillinge, die ja schon den Kindergarten besuchten. Ich war ihnen unheimlich, und bei der Suche nach einer Erklärung für diese Merkwürdigkeit verfielen sie auf den Gedanken, dass mich meine Eltern zu sehr verwöhnten, da sie ja ihr erstes Kind verloren hatten.

Von nun an war ich das altkluge, merkwürdige Kind, dessen Entwicklung man argwöhnisch beobachtete. Das tat meiner Mitteilsamkeit keinen Abbruch. Gesprächspartner fanden sich genug in der Küche ein, und nicht wenige waren von der Kleinen, die schon so gut sprach, recht angetan.

Ich verstand den Sinn der Worte „altklug“ und „verwöhnt“ nicht und auch nicht, warum meine Cousinen meinen Namen nicht aussprechen konnten. Hartnäckig versuchte ich ihnen beizubringen, dass ich Johanna hieß und nicht Janna. Auch die Aussprache ihrer eigenen Namen versuchte ich ihnen vergeblich beizubringen, Simone und Silke, nicht Mone und Ilke. Das wurde von meiner Tante Ulla nicht gerade wohlwollend aufgenommen und belastete unsere Beziehung nachhaltig. Na ja, da waren noch ein paar andere Dinge, die ich in aller kindlichen Unschuld getan habe und die unsere Beziehung belasteten. Aber dazu später mehr.

Denn noch war ich klein und nahm alles so, wie es war, als selbstverständlich hin. Erst später im Leben fragte ich Oma, wie sie so ein Wunder an Gelassenheit sein konnte, wo sie doch täglich die riesigen Kartoffel- und Gemüseberge bewältigen musste, um ihre Familie und alle, die irgendwie dazugehörten, satt zu bekommen.

Der Kaiser wollte es so

Januar 1917

Die Mutter ist schon lange fort, ich habe Hunger und mir ist kalt. Der Herd ist seit heute Mittag nicht mehr warm. Jetzt ist es auch hier in der Küche kalt. In unserem zweiten Zimmer ist es aber noch kälter, da ist überhaupt kein Ofen. Wir schlafen nur noch in der Küche. Mama und ich auf dem Küchensofa und das Baby, Elisabeth, in der Wiege daneben.

Mama versucht, etwas Holz und Kohle zu bekommen, sie will die Milch wärmen – nicht für mich – sondern für Elisabeth. Ich hätte auch so gerne etwas von der Milch. Aber Mama hat es mir streng verboten, die Milch ist für das Baby da, denn Mama hat keine Muttermilch mehr für Elisabeth.

Ich bin schon groß, 6 Jahre alt, ich komme Ostern in die Schule. Mein Name ist Ursula, aber alle nennen mich nur Ursel. Obwohl ich schon groß bin, fürchte ich mich hier alleine mit Elisabeth, denn es ist dunkel und sehr still im Haus.

Ich soll auf das Baby aufpassen, aber ich weiß nicht, was das heißt. Seit zwei Tagen schreit das Baby nicht einmal mehr. Es liegt nur in der Wiege, schläft oder blickt mich mit großen, dunklen Augen an. Mama sagt, es ist zwei Wochen zu früh geboren worden und deshalb so klein und dünn. Aber Mama ist auch sehr dünn, das Baby in ihrem Bauch hat sie fast ganz aufgefressen.

Meine Mama, meine schöne Mama mit den schwarzen Haaren und den braunen Augen. Sie heißt Eleonore, das ist ein sehr schöner Name, finde ich. Alle sagen, dass Mama schön ist, und ich habe auch so schwarze Haare und braune Augen wie sie. Ich werde auch mal so schön sein wie meine Mama.

Aber jetzt sieht Mama nicht mehr schön aus. Ihre Haare sind struppig und glänzen nicht mehr, meines auch nicht. Mama sagt, das kommt davon, weil wir es nur mit kaltem Wasser und billiger Kernseife waschen können. Mama sagt, es ist Krieg, der Kaiser will es so. Deshalb gibt es auch nichts anderes mehr zu essen, als Steckrüben und Kartoffeln und manchmal etwas Brot.

Die Milch steht in einem Topf auf dem Herd, sie riecht so lecker. Ich würde so gerne nur einen kleinen Schluck davon trinken! Aber Mama würde das bestimmt merken. Sie war heute ganz lange unterwegs, um Milch zu bekommen. Mama ist jetzt immer so traurig und kümmert sich nur um das Baby.

Erst habe ich mich auf das Baby gefreut. Ich sollte eine kleine Schwester oder einen kleinen Bruder bekommen. Aber jetzt macht mir das Baby Angst, weil Mama soviel Angst um Elisabeth hat.

Ich höre Schritte auf der Treppe – Mama? Aber die Schritte gehen vorbei, es ist sicher Frau Schmidt, sie wohnt über uns. Zu ihr musste ich, als das Baby geboren wurde. Ich habe Mama schreien hören, obwohl doch die Hebamme ganz schnell da war. Ich hatte große Angst um Mama, aber niemand hat sich um mich gekümmert.

Wir wohnen in einem großen Haus in der Stadt, nicht in einer Arbeitersiedlung. Wir haben zwei Zimmer nur für uns und im Treppenhaus gleich bei unserer Tür gibt es einen großen Spülstein. Mama sagt, wir haben fließendes Wasser im Haus, nicht wie die Siedlungsleute, die im Garten nur eine Pumpe haben. Wir sind ein vornehmeres Haus. Wir haben im Hof sogar ein kleines Blumenbeet, da pflanzt Mama jedes Jahr im Frühling ihre gelbe Pompon Dahlie. Sie ist sehr stolz auf diese Blume. Ich finde sie auch sehr schön. Wenn ich mal groß bin, heirate ich einen Mann mit einem großen Garten, und dann werde ich auch Dahlien pflanzen. Ganz viele Dahlien, auf die Mama dann auch stolz sein kann.

Aber jetzt ist Winter, und die Knolle der Blume liegt in einem Karton unter dem Bett von Mama und Papa.

Alles wäre sicher ganz anders, wenn Papa da wäre. Mein Papa heißt Otto, ich weiß nicht, ob das ein schöner Name ist. Ich war immer seine Prinzessin, sein einziges Kind. Aber Papa ist schon lange an einem Ort, der Verdun heißt. Er ist jetzt Soldat und nicht mehr Schrankenwärter.

Ich möchte, dass er zurückkommt und mich wieder mitnimmt in sein Häuschen, und wir zusammen die großen Züge sehen, die da vorbeifahren.

Da, wo er jetzt ist, soll es ganz schlimm sein, und ich glaube, Mama hat Angst, dass er nicht mehr zurückkommt. Als er nach Ostern zuhause war, war er ganz dünn und traurig. Er hat erzählt, dass so viele schon gefallen sind. Ich weiß nicht, was das bedeutet, aber die Großen, die dabei waren, waren sehr still, und die Frauen haben geweint. Ich hoffe, Papa fällt nicht auch. Das muss was Schlimmes sein. Wenn ich hinfalle, tut es auch weh, aber die Soldaten, die fallen, kommen nicht wieder nach Hause.

Es ist langweilig hier allein mit dem Baby. Ich habe Hunger und mir ist sehr kalt. Auch Elisabeth wird frieren. Mama, bitte, komm doch nach Hause!

Ursel rollt sich unter dem Federbett zusammen und weint sich in den Schlaf. Als sie wach wird, ist die Mutter wieder da. Sie kniet vor dem Küchenherd und macht ein Feuer an. Verschlafen beobachtet Ursel ihre Mutter.

In einem kleinen Milchtopf wärmt die Mutter die Milch. Ursel ist ganz still, die Mutter sieht traurig und müde aus. Mit einem kleinen Löffel versucht sie, Elisabeth die Milch zu füttern. Die kostbare Milch rinnt dem Baby über das schrumpelige Gesichtchen, es schluckt nicht. Eva versucht es weiter. Sie sitzt auf dem Boden neben der Wiege, schließlich nimmt sie das Baby auf den Arm und versucht es jetzt so zu füttern.

Ursel schläft wieder ein. Sie ist froh, dass ihre Mama wieder da ist. Sie wird sich um das Baby kümmern, alles wird wieder gut.

Als Ursel am anderen Morgen erwacht, sitzt ihre Mutter immer noch auf dem Boden neben der Wiege. Sie hat nicht geschlafen, ihr Gesicht ist ganz grau und eingefallen. Die müden Augen sind leer und blicklos. Das Baby in ihren Armen ist tot.

Es war Krieg, der Kaiser wollte es so.

Das kleine Haus

1960 bis 1965

Noch war ich ein kleines Kind und wusste noch nichts von Krieg und Hunger. Die Vormittage verbrachte ich in der Küche der Oma und den Nachmittag, wenn mein Vater seinen Mittagsschlaf beendet hatte, verbrachte ich mit ihm in unserm kleinen Haus unter den großen Linden.

Das kleine Haus, in dem ich geboren wurde, stand in direkter Nachbarschaft zum Blumenhaus. Ich musste nur ein kleines Stück die Straße heruntergehen, an dem Freilandfeld der Gärtnerei vorbei, und schon war ich auf dem Grundstück der Großeltern.

Die Straße war im Sommer staubig, und die Aschedecke hatte viele Schlaglöcher, in denen nach einem Regen wunderbare kleine Seen entstanden. Dort ließen wir Kinder unsere Schiffchen schwimmen. Sie endete in einem Feld, Autos gab es so gut wie keine. Diese Straße gehörte uns Kindern, genauso wie die großen Gärten hinter den kleinen Häusern. Gartenstraße hieß sie zu Recht, denn obwohl in einer Industriestadt gelegen, gab es hier mehr Gartenland als Häuser – alle Häuser waren alt und klein.

Wir Kinder liefen überall herum zwischen Gemüsebeeten, Sträuchern und Obstbäumen. Hinter den Häusern gab es mit alten, rötlichen Ziegeln gepflasterte Höfe. Dort trafen sich die Menschen am Abend, saßen auf den Bänken und erzählten von ihrem Tag. Die Männer tranken ihr Abendbier und spielten Skat. Die jungen Männer mussten den Alten das Bier gekühlt von der Bude holen – Kühlschränke gab es nicht. Wenn der Aschestaub wie Regen vom Himmel fiel, beeilten sich die Frauen, die so mühsam auf dem Waschbrett gewaschene Wäsche von der Leine zu nehmen.

Niemand hatte einen Rasen, die Erde war da, um Frucht zu tragen – hier und dort gab es dennoch ein paar Blumen. In kleinen Holzverschlägen regten sich die Kaninchen. Wenn ihnen das Fell über die Ohren gezogen wurde, waren das Tage des Schreckens für mich, an denen ich die Höfe mied.

Die Menschen kannten sich seit vielen Generationen. Zu allen sagte ich Tante oder Onkel, mit wem wir wirklich verwandt waren, blieb mir lange ein Rätsel.

Hinter einem Lattenzaun unter zwei großen Linden duckte sich unser Haus. Es war das älteste Haus der Straße, klein, schwarz-weißes Fachwerk, dunkelgrüne Fensterläden mit zwei Eingängen. Der Hof vor dem Haus, auch hier mit alten, rötlichen Ziegeln gepflastert und immer reinlich gefegt und geschrubbt. Die Frauen wehrten sich gegen den beständigen Schmutz, den die Kokerei regelmäßig als Asche vom Himmel regnen ließ.

Hinter dem Haus ein großer Garten. Die Wege zwischen den Erdbeer- und Gemüsebeeten mit Ziegeln ordentlich gesäumt.

Im Garten eine große Laube einfach aus Holz gezimmert und nah beim Haus ein Ziegenstall. Schmutzig rote Ziegel, eine Holztür, ein winziges Fenster und aus dem Dach ein Ofenrohr. Laube und Stall – besondere Orte meiner Kindheit.

Einer Kindheit in diesem von der Kokerei, der Zeche und dem Chemiewerk durchwachsenen Stadtteil. So schwarz waren die Blätter der Ligusterhecken schon im August und so rot leuchtete der Mond von Wanne-Eickel im Dunst des Chemiewerkes. Eine glückliche Kindheit mit Kohlestaub und immer schmutzigen Händen.

In dem Fachwerkhäuschen lebte - rechter Eingang - Erich Winter mit seiner Frau Anna, seinen drei Töchtern und seiner Mutter. 1909 ist Erich in diesem Haus geboren worden, war dann als Kind fort in Amerika, kam zurück mit 17 Jahren und arbeitete lange als Bergmann wie so viele in der Gartenstraße. Nach dem zweiten Krieg, das war seit dem Krieg die Zeitrechnung der Menschen dort, wurde er als Dolmetscher gebraucht, befreit vom Kohlestaub durch seine Englischkenntnisse.

Beim linken Eingang ging es in die Wohnung meiner Familie. Ernst Sommer, ehemals Bergmann und seit seiner Heirat mit Eva, Bäcker in der Brotfabrik. Eva wollte keinen Bergmann heiraten, zu viele sind nicht wieder aus der Grube nach Hause gekommen. Die furchtbare Angst der Frauen, wenn die Zechensirene heulte, war ihr sehr vertraut. Und Ernst hatte doch Bäcker gelernt, also warum sollte er dann unter Tage arbeiten?

Klein war das Haus, winzig, ohne Bäder … und das gewisse Häuschen im Garten wurde peinlichst sauber gehalten. Es hatte sogar ein kleines Loch für uns Kinder. Winter und Sommer, das waren glückliche Nachbarn, und auch ich war glücklich in dem kleinen Haus, als ich alt genug war, um mein Leben als freilaufendes Kind zu beginnen.

Ich war etwas mehr als 2 Jahre alt, als ich die Gartenlaube entdeckte, aus der ein sonderbarer, aber anziehender Geruch kam: Terpentin und Leinöl – ein Geruch, den ich nicht mehr vergessen sollte.

Erich Winter war nicht nur mein „Onkel Erich“ von nebenan. Er war Maler – im Sommer in der Laube und im Winter im Ziegenstall – denn dort gab es sogar einen Ofen.

Romantische Landschaften und träumerische Blumenstillleben entstanden wie durch Zauber auf den Holzgründen und Leinwänden, die er bemalte. Stunden habe ich ihm zugeschaut, verzaubert von dem, was dort entstand.

Er war immer still bei der Arbeit und hatte diese Bilder im Kopf, die ihn weit wegführten von unserer Straße. Es waren Bilder einer schönen, fernen Welt, die ich damals noch nicht kannte. Aber es waren nicht allein die Bilder, die mich faszinierten, sondern das ruhige, beständige Auftragen von Farben auf den Malgrund.

Ich saß still in meiner immer gleichen Ecke der Laube, zwischen uns gab es ein glückliches Einverständnis. Viele Jahre ging das so.

„Die wird mal Malerin“ sagte Onkel Erich zu meinen Eltern, als ich fünf Jahre alt war.

Ich besaß kein Papier, keine Farben und Pinsel. Niemand kam auf die Idee, mir so etwas zu schenken. Aber ich besaß das Gartenland mit vielen trockenen, staubigen Flächen unter den großen Rhododendronbüschen. Dort habe ich Stunden verbracht und mit Ästen und Steinchen im Staub gezeichnet und gemalt. Graubraun waren also meine frühen Bilder, aber manchmal träume ich noch heute von ihnen, und sie gehören nicht zum Schlechtesten, was ich je gemalt habe. Nein, sie sind mir sehr kostbar, diese Bilderinnerungen aus meiner frühen Kindheit.

Maiglöckchen-Duft

1963

Ich stand im Garten hinter unserem kleinen Fachwerkhaus auf dem Weg zwischen den Erdbeer- und Gemüsebeeten. Das Licht an diesem Tag war gleißend hell und der Himmel von einem Blau der reinen Freude. Der Duft des blühenden Flieders erfüllte die Luft so sehr, dass der sonst übliche fahle Geruch vom Chemiewerk nicht mehr wahrzunehmen war. In der Nacht hatte es geregnet. Jetzt sah alles so herrlich glänzend und frisch gewaschen aus – ich war drei Jahre alt, als ich dieses Wunder von einem Tag bestaunte – ein Sonntag im Mai 1963.