Kohrynea: Der Bruch des Chaos - Marius Czernetzki - E-Book

Kohrynea: Der Bruch des Chaos E-Book

Marius Czernetzki

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Beschreibung

»Wir sind ein Himmelfahrtskommando, du und ich. Wir sterben für eine Sache, die uns zu groß ist.« Der kalte Wind, der vom Meer kommend durch die schroffen Bergspitzen fegte, sah das seltsame Schiff im Himmel lange vor den schlafenden Einwohnern Kanohrns. Und mit ihm auch den schweigsamen Fremden, der über die Reling in die Finsternis blickte und eine Bürde mit sich trug, die den Kontinent in ein neues Zeitalter aus Albtraum und Chaos führen sollte. Gynh sucht nach überlebenden Formern, um dem ausbreitenden Chaos Einhalt zu gebieten. Dabei wird der eigene Plan zu seinem größten Feind. Während sich ein uralter Daimon den Weg in seine Welt bahnt, zieht seine Bürde den Kontinent in immer tiefere Albträume. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt, in dem sich der Magier nicht nur besagten Schattenkreaturen stellen muss, sondern auch seiner eigenen Dunkelheit.

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Seitenzahl: 660

Veröffentlichungsjahr: 2025

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DER BRUCH DES CHAOS

Die entscheidende Lehre ziehen wir meist dann, wenn die Folgen unabwendbar sind. Die Unruhe des Südens hätte uns ebenso ein Zeichen sein sollen wie die Stille des Nordens. Ab und an sollten wir auf unsere Kinder hören, wenn sie von den Unholden der Nacht erzählen, und nicht jedes ihrer Worte als fantastische Träumerei in Vergessenheit geraten lassen.

Nun erblüht, was unsere Urväter einst säten, nun reift und sprießt, was niemand je ernten wollte.

– Kasfraya Lyonola Verblichene Notiz

Daimon

Begriff aus der alten Sprache der Menschen, in Sagen und Märchen auch Daemon oder Dämon; in der alten Sprache der Urkhmaahn: Daimon; in der alten Sprache der Dryaden: Rynea

Mythisches Wesen, Nachtmahr, Albdruck, Vermittler zwischen Wunsch und Wirklichkeit, Traumgott

Inhaltsverzeichnis

Daimon

Vorwort

Prolog: Fehlschlag

Kapitel 1: Die Stadt der Schuldigen

Kapitel 2: Geächtete Kinder

Kapitel 3: Schlechte Nachrichten

Kapitel 4: Wunden

Kapitel 5: Geleitschutz

Kapitel 6: Chaos, Geist & Materie

Kapitel 7: Dunkle Vorboten

Kapitel 8: Schattenkind

Kapitel 9: Der Fährmann

Kapitel 10: Die schwarze Insel

Kapitel 11: Schuld

Kapitel 12: Rauchzeichen

Kapitel 13: Der Hirsch und das Kind

Kapitel 14: Ein Jahr der Federn

Kapitel 15: Ayila

Kapitel 16: Kohrynea

Kapitel 17: Yasmyala

Kapitel 18: Auf den Fersen

Kapitel 19: Ekhdrazyl

Kapitel 20: Ein Jahr der Jagd

Kapitel 21: Parsth

Kapitel 22: Schatten über Ismin

Kapitel 23: Blutmond

Kapitel 24: Atempause

Kapitel 25: Vorurteile

Kapitel 26: Ein Jahr des Kummers

Kapitel 27: Ein Jahr der Risse

Kapitel 28: Der klagende Wald

Kapitel 29: Zahlen

Kapitel 30: Der letzte Former

Kapitel 31: Ein Geschenk

Kapitel 32: Labyrinth des Wissens

Kapitel 33: Der sichere Ort

Kapitel 34: Die Vollendung des Plans

Kapitel 35: Urzmohk

Epilog: Ein neues Zeitalter

Anhang: Verzeichnis

DAIMONARIUM

Nachwort

Die Reise geht weiter

Vorwort

03:31 – In mir tobt ein Gefühl der Unruhe, das sich schwer beschreiben lässt. Rastlosigkeit, die mich nachts aus dem Schlaf reißt und dafür sorgt, dass ich Gedankenfetzen in mein Handy tippe. Einzelne Wortgruppen, Ideen für ein Kapitel oder Namen für Charaktere. Das Bedürfnis, etwas zu erschaffen, erschlägt den Drang nach Schlaf und erlaubt mir, über Stunden in die Nacht hinein eine Welt entstehen zu lassen, die lange schon nach mir gerufen hat.

Einige mögen das für hochtrabenden Unsinn halten, andere werden den Konflikt gut kennen. Wachsende Ideen, die sich in Labyrinthen aus Träumen überschlagen, die jede Nacht zu einem zähen Durcheinander aus Szenen formen. Ein Cocktail aus Antrieb und Stress raubt mir den Schlaf und lässt mich diese Zeilen schreiben.

Aufgeregt stelle ich meinen Wecker früher, um vor der Arbeit noch ein paar Seiten zu tippen. Ein Gefühl des Aufbruchs breitet sich in mir aus, denn ich stehe kurz vor der Verwirklichung eines lange in mir brodelnden Wunsches: Meine Geschichte in eine greifbare Form bringen.

»Du musst mal lernen, zu chillen«, meint Léo, einer meiner längsten und engsten Freunde.

Da hat er wohl recht. Dann lacht er, weil er mir die Rastlosigkeit ansieht, die ich nur schwer verbergen kann.

Ich bin ein Bauchmensch. Und das hier fühlt sich genau richtig an. Es gab nie ein Projekt, das stärker nach mir gerufen und mir mehr Zeit und Liebe abverlangt hat als dieses. Wenn du je auf der Suche nach einer Welt warst, in der sich Dunkelheit, Träume und komplexe Intrigen durch die schattigen Pfade weben, dann könnte diese Geschichte ein Teil deiner Reise werden.

Prolog

Fehlschlag

D er andauernde Sturm der letzten Nächte hatte nachgelassen, tosendes Unwetter wich leichter Bewölkung und vom blendenden Blitz und grollenden Donner blieb kaum mehr als seichter Niesel übrig. Wetter, bei dem man sich nur zu gern mit einer heißen Tasse zwischen Kissen und Decken schmiegen und die Gemütlichkeit eines knisternden Kaminfeuers genießen wollte.

Eine Vorstellung, von der die junge Krähe weiter entfernt war als jedes andere Geschöpf. Der Sturm der letzten Tage hatte sie wie der Faustschlag eines Riesen erwischt und mit vernichtender Wucht durch den Himmel getrieben. Ihr rasendes Herz entkam nur um Federbreite den Blitzen der Wolkendecke, ihre Flügel tanzten in unkontrollierter Grausamkeit durch die finstere Himmelsweite.

Etwas Derartiges hatte sie in ihrem kurzen Leben noch nie durchstehen müssen. Dabei war sie kein schwacher Vogel. Im Gegenteil! Ihre stolzen, pechschwarzen Flügel waren breit und kräftig. Sie war ein ausgezeichneter Flieger, groß gewachsen, gut genährt und hatte sogar einmal einen leibhaftigen Wyvern überlisten können.

Die Gegend, in die sie nun aber abgetrieben war, schien von einer einschüchternden Präsenz berührt. Das Gefühl schob sich bleiern durch ihre kalten Glieder und erfüllte sie mit einer vergiftenden Schwere. Der Instinkt, umzukehren, der Instinkt, besser einen anderen Weg einzuschlagen, pulsierte fieberhafter als ihr hämmernder Herzschlag. Ihr war, als streckte der dichte Nebel, der seit dem Morgen wie ein Schleier über der Landschaft lag, seine langen, weißen Finger nach ihr aus.

Eine stolze Königin der Lüfte brachte das nicht aus der Fassung, doch der Flug durch die Undurchdringlichkeit dauerte bereits Stunden. Ihr Blick schwirrte umher, auf der Suche nach einer Orientierung, einem Baumwipfel, einer Felsspitze oder einem ähnlich verirrten Flugkameraden.

Doch da war nichts.

Kein Lebenszeichen, kein Funken Wärme.

Ohne Vorwarnung tauchte etwas Gewaltiges aus dem grauen Dunst auf, kaum zwanzig Meter entfernt. Die kleine Krähe bremste abrupt und stob die Flügel vor sich auf, eine spätere Reaktion hätte sie gewiss ihre Flugfähigkeit gekostet. Nur um Schnabelbreite gelang das halsbrecherische Manöver.

Klackernd landete sie mit ihren knochigen Krallen und empörtem Krächzen auf einem schmalen Fenstersims, auf dem ihr ein trübes Spiegelbild entrüstet entgegenstarrte.

Über mehrere Etagen erstreckten sich Türmchen und Balkone des plötzlich erschienenen Gebäudes. Bauart und Witterung hüllten die verwinkelte Villa in Stolz und Alter, mit leisem Knarzen antwortete sie den umschmiegenden Böen des Windes. Von einem ungepflegten Garten umgeben und auf felsigen Untergrund erbaut, wirkte sie vollkommen deplatziert.

Das gesamte Konstrukt schien fernab jeglichen Umlandes zu schweben, als hätte ein Riese ein Haus samt Boden entwurzelt, zum Himmel hinaufgeworfen und es dort für die Ewigkeit verankert.

Die kleine Krähe zuckte einige Male mit dem Kopf und begutachtete die Umgebung. Häuser wie diese waren von Menschen bewohnt, laute und angriffslustige Geschöpfe. Hier aber war die Luft von einer solchen Ruhe erfüllt, dass sich kaum sagen ließ, ob das nicht ein noch gefährlicheres Zeichen war.

Das schwebende Konstrukt wirkte, als wäre es in Zeit und Raum versiegelt und vergessen worden. An einem derart seltsamen Ort gab es für eine Krähe nichts zu holen, das war schnell klar. Die Flügel zum Weiterziehen aufgespannt, ließ ein Knarzen sie zusammenzucken. Hinter der Scheibe bewegte sich etwas.

Das milchige Glas erlaubte kaum mehr als Schemen zu erkennen, doch im Inneren entflammte Licht und erleuchtete schwach glimmend einen dürftig eingerichteten Raum.

Wobei Raum noch eine Beschönigung für das karge Kämmerlein war. Nicht mehr als einige Bücherregale und ein Tisch waren zu sehen, auf dem eine grünliche Klinge den warmen Schimmer reflektierte.

Neugierig hüpfte die kleine Krähe auf das benachbarte Fensterbrett, dessen Winkel ihr eine neue Perspektive gestattete. Der tanzende Schein der Kerze schlängelte sich hungrig durch das Zimmer und formte den Umriss eines Körpers.

Sie neigte den Kopf, um etwas mehr erkennen zu können, wobei ihr Schnabel versehentlich das Glas berührte und ein stumpfes Klirren durch den Nebel hallte.

Das Fenster riss auf, die kleine Krähe stob vor Schreck davon, da erfasste sie ein unnatürlicher Ruck und zog sie zurück. Durch unsichtbare Hand gefangen schwebte sie vor einem kalten Augenpaar, das sie unter einer Kapuze hervor musterte.

»Es tut mir leid, aber dieser Ort muss für jeden fremden Verstand ein Geheimnis bleiben«, flüsterte die Gestalt mit ehrlichem Bedauern, ehe ein gequältes Kreischen durch die Stille schnitt.

Kapitel 1

Die Stadt der Schuldigen

Gynh [dschinn] aus der Sprache der Urkhmaahn: »Wanderer im Schatten«

D as leise Knarren der Planken wirkte beruhigend und erweckte den Anschein, als wäre unter ihnen nichts von Bedeutung. Auch für ihn, einen Mann vor dem dreißigsten Lebensjahr, mit mehr Narben als die meisten an ihrem letzten Lebenstag. Sein weißes Haar hing ihm in Strähnen wie ein Schleier ins Gesicht und verdeckte so stellenweise seine von tiefen Ringen getragenen, stahlgrauen Augen, durch deren Inneres ein tiefblauer Schimmer blitzte. Jene Augen, denen man Unberechenbarkeit und fehlende Menschlichkeit zusprach.

Das mochte an der Farbe liegen, vielleicht aber auch an dem meist ausdruckslosen, unterkühlten Blick, den er für die Menschen übrighatte. Wobei er seinesgleichen nur noch selten zu Gesicht bekam, seit die Fahndungsplakate des Monsters von Pahel nach seinem Kopf verlangten.

Unter dem schwarzen Reisemantel, der leicht im Wind wehte und ihm ein gespenstisches Äußeres verlieh, glänzte sein lederner Kampfanzug in den fahlen Strahlen des Mondlichts. Wenn der Wind mit der langen Kapuze des Mantels spielte, blitzten die Umrisse einer Kette auf.

Der einzige Schmuck, den er trug.

Sein Name war Gynh – ein mythischer Name, passend zu Donner und Sturm der Nacht seiner Geburt. Eine Anspielung auf die Bezeichnung eines Dschinns, eines Geistwesens mit übernatürlichen Fähigkeiten.

Der Zufall wollte, dass der gleiche Name in der Sprache der Urkhmaahn einen Wanderer im Schatten beschrieb, was er selbst als unangenehm passend empfand.

Gynh stand an der Reling und starrte hinab in den undurchdringlichen Nebel, während das knapp vierzig Meter lange Schiff durch den Himmel glitt. Niemand würde mit ihm rechnen. In diesen Gefilden erwartete kein Mensch ein Luftschiff, die fliegenden Kolosse galten als altertümlicher Mythos.

Eine riesige Hand legte sich mit der Schwere eines Sandsacks auf seine Schulter.

»Wir werden auf dein Signal warten«, knurrte die gepanzerte Kreatur hinter ihm. »Mach nur nicht zu viel Trubel, für ein Kreuzfeuer sind wir zu wenige.«

Ein bissiges Lächeln schlich sich auf Gynhs Züge, eine Mischung aus Anspannung und Vorfreude. »Du kennst den Plan. Solltet ihr wider Erwarten in den nächsten zwei Stunden kein Zeichen von mir sehen, treffen wir uns an der Küste.

Ich werde einen Weg zu euch finden.«

Die Kreatur nickte, wobei ihre vier mächtigen Hörner bedrohlich durch die Luft schwangen, und noch ehe sie antworten konnte, war Gynh schon auf die Reling gestiegen und vornüber in die Tiefe gesprungen.

Der Wind peitschte ihm ins Gesicht, während er zunehmend schneller dem Grund entgegen fiel. Kälte und Nässe trieben ihm Tränen in die Augen und ließen ihn noch weniger erkennen, als der dickwulstige Nebel ohnehin schon verbarg. Die Arme ausgebreitet, fixierte er einen schemenhaften Umriss inmitten des Dunstes.

Einige Sekunden verharrte er in der Position, weiter fallend, bis er sich plötzlich aufrichtete.

Leichtfüßig und völlig lautlos, wie von Geisterhand in der Luft ausgebremst, landete er auf einem hölzernen Dach.

Sofort ging er in die Hocke. Die Augen geschlossen ließ er seine Sinne die Umgebung abtasten.

Stille.

Niemand schien ihn bemerkt zu haben.

Er war auf einem der drei riesigen Militärtürme der Stadt Kanohrn gelandet, Hauptstadt des gleichnamigen Fürstentums. Sie waren die stolzen und gefürchteten Wahrzeichen der Hafenstadt und ragten wie kolossale Wächter hinter der massiven Stadtmauer empor.

Reihen finsterer Schießscharten ummantelten jede der über zwanzig Etagen, die für Unterkunft und Ausbildung der Soldaten genutzt wurden. Im Falle eines Angriffs auf die Stadt bildete jeder Turm eine Festung, die ihresgleichen suchte und innerhalb von Minuten mit einem Schwall Elitesoldaten antwortete.

Der letzte Krieg lag jedoch weit zurück, zudem war Kanohrn keine Stadt, mit der irgendjemand einen gewaltsamen Konflikt austragen wollte. Für die Menschen stellte sie die wichtigste Hafenstadt des Kontinents dar. Sie war nicht nur die größte, sondern auch die militärisch weitaus mächtigste und der Umschlagplatz aller Häftlinge zu ihrer Überfahrt auf die Gefängnisinsel Mondion. Außerdem lag in Kanohrn der Hauptsitz der Rostigen Kette, einem organisierten Sklaventreiberring, der, offiziell verboten und inoffiziell geduldet, dem herrschenden Fürsten eine beträchtliche Welle Gold in die Kassen spülte.

Von Kanohrn aus regierte Fürst Sebastyan Erodir, ein gieriger Stratege und würdeloser Haufen Grausamkeit, wie Gynh ihn beschrieb. Andere sahen in Sebastyan den gutaussehenden Händlersohn, der schon früh seine erfolgreiche politische Karriere begonnen hatte.

Dass der enorme wirtschaftliche Aufschwung des Landes durch ihn auf Kosten der Ärmsten der Bevölkerung ging, war ein offenes Geheimnis.

Die vielen Händler und Soldaten in Kanohrn schenkten der Stadt hohes Ansehen, Sicherheit und Reichtum.

Gleichermaßen verursachten letztere aber auch unzählige Probleme. Sie nutzten ihre Position und den Ruf der Armee, um ihren Sold durch Bestechungen für zugedrückte Augen oder gezielte Attentate lukrativ aufzustocken. Kanohrns Hand des Gesetzes machte Ausnahmen, wenn Gold und Beziehungen im Spiel waren, das war kein Geheimnis. Für Durchtriebene bedeutete die Stadt eine offene Schatzkammer, für ehrliche Arbeiter aber war sie der Untergang. Dabei spielte Fürst Sebastyan Erodir seine Rolle als nichtsahnender Herrscher durchaus überzeugend.

Kanohrn sah man das Spiel aus Gold und Einfluss in jedem Winkel an. Von den gierigen Augen der teuer Gekleideten bis hin zu den eingefallenen Gesichtern der Bettler. Beides gab es in Massen. Für Gynh war diese Stadt der Inbegriff von allem, was er verabscheute – doch er war auch nicht hier, um das zu ändern.

Leiser Regen tröpfelte auf das hölzerne Dach und bildete ein sanftes Rauschen im nebligen Grau der Nacht. Auf jedes Geräusch bedacht, schlich er zum Rand des Daches, von wo aus er sich leichtfüßig auf einen der hoch gelegenen Schützenbalkone fallen ließ. Vorsichtig schob er die Schiebetür auf und betrat einen nur spärlich von Fackeln beschienen Gang, der sich lang und leer vor ihm erstreckte.

Auf den ersten Schritten ins Innere der Festung umhüllte ihn Stille, bis er an einer Biegung hitzige Stimmen hörte.

Zwei Soldaten trotteten in seine Richtung, ihre Panzerrüstungen hallten rhythmisch klirrend durch die Etage. Der Gang bot ihm keine Möglichkeit, sich in eine dunkle Nische zurückzuziehen. Auch war eine Flucht in einen der abgehenden Räume zu riskant, ohne zu wissen, ob dort nicht mehr ihrer Kameraden warteten.

Gynh ließ die beiden Ahnungslosen näherkommen. Als sie nur noch wenige Meter von ihm entfernt waren, trat er zwei Schritte um die Ecke. Sie erstarrten mitten im Satz und brauchten einen Atemzug zu lange, um zu erfassen, was vor sich ging. Einer der beiden setzte zu einem erschrockenen Laut an, doch der Ruf erstarb, bevor er seine Kehle verlassen konnte. Mit einer fließenden Bewegung seiner Hand durch die Luft zog Gynh den Mund der beiden Soldaten unnatürlich zusammen, als hätte ihn jemand mit Nadel und Faden verschlossen.

Sichtlich schockiert wich der eine zurück, der andere zog panisch sein glänzendes Kurzschwert. Gynh machte einen Satz nach vorn und tippte dem ersten der Männer mit Zeige und Mittelfinger auf die Stirn. Augenblicklich sackte der in sich zusammen und blieb reglos am Boden liegen. Der Zweite hieb mit dem Schwert, doch Gynh parierte ihn mühelos, ehe er den Soldaten auf die gleiche Weise bewusstlos werden ließ.

Stille kehrte in den Gang zurück.

»Dass man euch finden wird, macht es mir nicht einfacher«, flüsterte Gynh zu den beiden Körpern. Jetzt durfte er keine Zeit mehr verlieren.

Leise setzte er den Weg fort, sein Ziel lag nur noch wenige Korridore entfernt. Der Gang führte ihn zur Mitte des Turmes, in der eine Treppe kreisförmig im unteren Dunkel endete und auf jeder Etage einen schmalen Absatz bot, auf dem Flure in die jeweiligen Irrwege wiesen. Wie ein Schatten glitt Gynh über die Stufen, bis er zu jener gesuchten Abzweigung gelangte, an der ein prunkvoll verzierter Gang ihn zu einer schweren Flügeltür führte.

Er warf einen letzten verstohlenen Blick die Treppe hinauf und hinab. Niemand war zu sehen, der Großteil der Soldaten schlief offensichtlich oder hatte feste Posten.

Die massive Tür am Ende des Ganges drückte ihm einen unangenehmen Kloß in den Hals. Uralte Schnitzereien waren in die Türflügel des Statthalterbüros gearbeitet und erzählten die Geschichte von grausamen Wesen, die als mordende Monster keulenschwingend Frauen und Kinder jagten, während die Menschen ihnen heldenhaft entgegentraten.

Der Ritter auf der linken Tür hielt stolz eine fahnenbesetzte Pike empor, auf der der Kopf eines der vierhörnigen Ungeheuer steckte. Der auf der rechten stand mit einem Fuß auf dem Körper eines der Monster und senkte sein Schwert, bereit für den endgültigen Stoß.

Gynhs Augen glitten aufmerksam über die kunstvolle Arbeit, wobei er mit jeder Sekunde zorniger wurde. Diese Türen zeigten alles, was er hasste. Dieser abgebildeten Gesinnung wegen tat er, was er tat, verabscheute, was er verabscheute, und stand, wo er stand.

Anschwellende Stimmen irgendwo aus einem Winkel des verzweigten Korridorsystems rissen ihn aus seiner Starre.

Eilig zog er einen Dolch aus seinem Mantel, in dessen Klinge feingliedrige Verzierungen gearbeitet waren, und legte die Spitze an den Türschlitz.

Die verschlungenen Runen des kupferfarbenen Blattes glommen sanft. Lautlos glitt die Schneide durch die Verriegelung als wäre sie aus Butter. Am unteren Ende angekommen, drückte Gynh behutsam eine Seite der schweren Flügel auf, schlich hindurch und schloss die Tür hinter sich.

Vor ihm lag ein großer Raum, umringt von überquellenden Bücherregalen aus Generationen und getragen von einem Boden, der so edel und teuer erschien, dass er gewiss einem Palast angemessen war. Bogenförmige Fenster zierten den hinteren Bereich und gewährten bei Tag sicher einen beeindruckenden Blick auf die Stadt bis über die Mauern zum Horizont.

In der Mitte des Raumes stand ein massiver Tisch, in dessen geschlossene Front ein ähnliches Bild geschnitzt war wie an den Türen. Dahinter saß ein Mann mittleren Alters, gehüllt in einen hellbraunen Ledermantel, über den ein dunkler Vollbart bis fast auf den Tisch ragte. Er war so vertieft in Dokumente, dass er Gynh nicht bemerkte. Energisch kratzte der Statthalter Brouno Aldersmann mit einer Feder die letzten Zeilen auf einen Bogen Papier. Seine Miene war steinern, die tiefen Falten in seinem Gesicht strahlten grausame Gleichgültigkeit aus.

Schwungvoll setzte der Mann eine Unterschrift und begutachtete das Ergebnis, wobei er sich zufrieden seinen langen Bart strich. Gerade wollte er das Papier in einer der Schubladen verschwinden lassen, da fiel sein Blick auf Gynh.

»Wegtreten Soldat, ich bin beschäftigt«, brummte der Statthalter erbost und unter seine buschigen Brauen trat ein feindseliges Funkeln. »Und wage es kein zweites Mal, ohne Uniform durch meine Tür zu treten. Andernfalls wird der Strafdienst der Kanalisation dir Manier und Gehorsam lehren.«

Brouno Aldersmann zählte nicht zu den Menschen, die Respekt einflößten. Viel mehr verursachte er blanke Angst.

Seine Launen entschieden über Leben und Tod, sein Einfluss bestimmte die Richtung, in die das Gold floss. In Kanohrn fügte sich jeder seinem Wort oder hoffte, nie seinen Weg zu kreuzen.

Für Gynh hatte all die Macht, die Brouno besaß, wenig Bedeutung. Für ihn war er einfach ein Mann, den er verabscheute. Das dafür in großem Maße.

»Bist du taub?«, keifte Brouno über den Tisch hinweg, wobei ein erster Schwall Wut sein Gesicht zu röten begann.

»Wer ist dein Vorgesetzter?«

Gynh musterte den alten Statthalter, ehe er sprach.

»Dein Wort wird von heute an kein Gewicht mehr haben.

Aber davor wirst du mir helfen, jemanden zu finden.«

Die Untergeschosse des Turmes bestanden zum Großteil aus Waffenkammern und Vorratsräumen und führten weit unter die Erde. Allerdings waren Klingen, Pfeile und Proviant nicht das, was Gynh zu finden hoffte. Tief verborgen in der untersten der stickigen Etagen, deren Luft von einem warmen, modrigen Dunst erfüllt war, verbarg sich ein einzelnes, gut behütetes Tor. Das eine, das er suchte.

Die von gestrecktem Alkohol eingefallenen Gesichter der vier postierten Wachen hingen müde über einem Würfelspiel, als er sie überraschte. Bevor sie reagieren konnten, lagen sie schon am Boden. Ab und zu entglitt einem der vier ein kurzes Murmeln, während ihre Blicke glasig ins Leere starrten.

Gynh vergewisserte sich, dass keine weiteren Soldaten in Sichtweite waren, dann wandte er sich dem vor ihm aufragenden Eisentor zu, das derart enorme Ausmaße besaß, dass ohne Probleme zwei Pferdewagen nebeneinander durchgepasst hätten. Der Gang in die Untergeschosse war ähnlich breit gewesen und hatte ihn spiralförmig bis zu jenem Punkt geführt. Spuren im Boden deuteten auf Lasttransporte hin, in welche Richtung konnte Gynh nur vermuten.

Er strich mit einem Finger an den vier unförmigen Schlössern entlang, hielt einen Moment inne und drückte leicht mit beiden Händen gegen die wuchtigen Türen. Erst geschah nichts. Dann ertönten einige schnelle Klicklaute und, als würde jemand von der Innenseite des Tores ziehen, schwangen die Flügel mit einem schweren, durch die Korridore hallenden Knarren auf.

Der dahinterliegende Gang war finster und führte weiter abwärts, aus dem geöffneten Tor kroch warmer Modergeruch hinauf. Entfernte Rufe aus den oberen Etagen hallten kaum verständlich den spiralförmigen Aufgang hinab. Offensichtlich hatte jemand eine der Soldatengruppen gefunden, die Gynh auf seinem Weg ausgeschaltet hatte.

Sie würden einige Minuten brauchen, um seine Spur zu verfolgen. Dass ein Eindringling den Weg hier herunter suchte, war zu ungewöhnlich. Niemand stieg freiwillig in diesen Abgrund hinab, aus dem nie zuvor ein Ausbruch geglückt war.

Gynh zog seinen Mantel enger und ging voran der Dunkelheit entgegen. Eine Weile schritt er zügig, eine Hand zur Orientierung an der Wand, deren feuchte Oberfläche sich wie eine Mischung aus Moos und Schimmel anfühlte. Furchen unzähliger Wagen verliehen dem gepflasterten Boden ein narbenähnliches Relief.

Dieser Luftzug ... als würde es atmen.

Etwas Beißendes stieg ihm in die Nase und seine Sinne beschlich ein Gefühl unmittelbarer Gefahr.

Der Geruch nahm härtere Züge an, als ihm plötzlich ein dumpfes Schnaufen durch die modrigen Wände entgegenhallte. Vorsichtig tastete er sich einige Meter voran, bis er schlagartig stehen blieb. Selbst im Dunkeln konnte er das Wesen vor sich deutlich wahrnehmen, der hörbare Atem dröhnte laut und schien die Quelle des beißenden Gestanks von Abfall und Tod zu sein.

Das Geschöpf stieß ihm feuchtwarme Luft entgegen, wobei ein leises Grollen seine Kehle emporkroch. Es witterte ihn in der Dunkelheit.

Die Menschen nannten diese Kreaturen Höhlenwölfe. Sie waren ein gutes Stück größer als Bären und mit ihren wolfsähnlichen Hinterbeinen und den vier knochigen Vorderbeinen optisch eine Mischung aus Riesenwolf und Spinne.

Aus ihrem augenlosen Kopf schnauften Nüstern, zwischen daumenlangen Zähnen quoll jener aasgleiche Gestank.

Höhlenwölfe lebten ausschließlich unter der Erde und galten als kaum erforscht. Die wenigen Begegnungen in der Vergangenheit zogen unzählige Märchen über furchterregende Bestien nach sich, die durch die Untiefen der Minen schlichen und verirrte Bergarbeiter aus purer Blutgier in Stücke rissen.

Soll dieser hier eine Art Wachhund sein?

Gynh hatte sich immer gefragt, wozu diese Kreaturen brutaler ausgestattet waren als normale Wölfe oder Bären.

Was gab es in den Tiefen der Gebirge, dass ein Wesen sich so entwickeln musste?

Der Höhlenwolf ließ seine schweren Ketten, die ihn an einem Angriff hinderten, laut den Gang hinaufklirren. Sein Grollen schallte durch den Korridor wie ein heranziehendes Gewitter.

Eine Kreatur wie diese war keines der Wesen, denen Gynh in der Wildnis begegnen wollte, auch wenn sie ihn faszinierte. In seinen Augen war es nichts als herzlose Quälerei, ein Tier derart zu versklaven. Allein, in der kalten Tristesse des Korridors. Die Soldaten mussten in der Lage sein, das Geschöpf gefügig zu machen, durch pure Schmerzen oder anerzogene Angst. Anders konnte er sich nicht erklären, wie Pferdewagen diese Stelle unbeschadet passierten.

Gynh hob seinen Arm und malte eine kreisförmige Bewegung in die Luft. Ein dumpfes Licht erglomm, das ihn und das riesige Geschöpf schwach beleuchtete. Die Lichtquelle schien kein Zentrum zu haben, geisterhaft tauchte sie die Szenerie in einen schaurigen Schimmer. Er erkannte, dass die im Boden verankerten Ketten in eisernen Ringen um Hals und Rumpf des Tieres mündeten.

Mitleid legte sich bleiern in Gynhs Magengrube. Der Höhlenwolf war abgemagert, an den Seiten und Gliedmaßen klafften tiefe Fleischwunden. Wundschorf und Eiter verschafften dem malträtierten Körper eine hässliche Musterung, Folter hatte das Äußere des Wesens geprägt wie nichts anderes. Aus dem schaurigen Maul patschte Speichel auf den Steinboden.

»Wie viele Unschuldige wirst du wohl reißen, wenn ich dich gehen lasse?«, flüsterte Gynh.

Erneut begann die Kreatur zu wittern und zog mit dem armlangen Kopf in seine Richtung, wobei die Ketten ihr sofort Einhalt geboten.

»Sie sind nicht weit, oder?«, murmelte Gynh mehr zu sich selbst. Einen Moment lauschte er dem unablässigen Gewitter des Tieres, dessen Körper vor Unruhe bebte.

Langsam näherte er sich dem Höhlenwolf, bis sein Kopf fast die nasse Schnauze berührte. Einen Schritt mehr und er würde den Bewegungsradius der Bestie betreten. Das tropfende Maul nur noch eine Handbreit vor sich, holte der Wolf plötzlich aus und stieß erneut vor, schnappte nach seinem Kopf.

Das Kettenklirren hallte durch den trostlosen Korridor wie ein einsamer Ruf nach Freiheit. Gynh zuckte nicht. Er sah dem Tier einen langen Moment zu, wie es sich in den Ketten wand und krampfhaft versuchte, seinen Hals zwischen die gefletschten Zähne zu bekommen.

In einer Sekunde des abschwellenden Bellens stieß Gynh vorwärts, drückte die dicke Schnauze mit einer Hand nach unten, um mit der anderen dem riesigen Tier mit Zeige- und Mittelfinger auf die Stirn zu tippen.

Ein magischer Impuls jagte durch den Verstand des Wolfes, ehe ein Jaulen aus seiner Kehle glitt und er schlaff in sich zusammensackte.

Auf das ruhige Atmen des Tieres bedacht schlich Gynh um den reglosen Körper und packte mit beiden Händen die fesselnden Ringe um Hals und Korpus. Bei jeder Berührung sprangen tiefe Risse in das alte Metall.

»Wenn du aufwachst, wird deine Kraft reichen, um dich aus diesem Elend zu befreien. Ich hoffe, du findest einen Weg nach draußen.«

Die Unruhe der Kreatur konnte nicht unbemerkt geblieben sein, da war er sich sicher. Er durfte sich nicht länger aufhalten, nur wenige Meter trennten ihn vom Ende des Ganges.

Das fahle, heraufbeschworene Licht glitt vorwärts und zeichnete mit seinem kargen Schimmer eine Reihe dicker Gitterstäbe, die zwei hintereinanderliegende Türen formten.

Sie wirkten so massiv, als sollte verhindert werden, dass eine Horde Stiere durch den Tunnel stürmte. Jedes Tor war mit drei unterschiedlichen Schlössern ausgestattet und es würde großes Werkzeug benötigen, um diese zu öffnen.

Doch das brauchte er nicht.

Sorgfältig untersuchte er das erste Schloss, umfasste es einige Sekunden, woraufhin es unheilvoll glühte und in kleine Splitter zersprang. Gleiches tat er nacheinander mit den anderen beiden des ersten Tores und schob es auf. Er wiederholte die Prozedur beim zweiten. Obwohl er dabei deutlich schneller als ein geübter Dieb war, kostete es Zeit und jeder Funken angewandter Magie, so nebensächlich er auch sein mochte, beachtliche Mengen seiner Energie.

Er hielt einen Moment inne und gab seinem Körper Zeit, den angestiegenen Herzschlag zu normalisieren. Schmerz pulsierte durch seine Glieder, als wollte er aus seinem Inneren heraus nach ihm greifen, doch er ignorierte das unheimliche Gefühl und konzentrierte sich vollends auf seine ruhiger werdende Atmung.

Keine Schritte waren zu hören, kein Knurren, keine Rufe.

Gynh stand vor der Schwelle, die ihn an einen Ort führte, der nicht nur gut behütet, sondern auch äußerst gefürchtet war. Unter der Stadt der Armen und Reichen, der Händler und Sklaven, der Stadt des Goldes und des Elends, lag das größte Gefängnis des Kontinents.

Im Friedensvertrag, den die Fürstentümer nach der großen Zeit der Kriege schlossen, besiegelten sie eine Strafmaßregelung, mit der sie kontinentübergreifend der hohen Kriminalität Einhalt gebieten wollten. Die dazu verfassten Gesetze waren simpel: Jegliches Verbrechen ab Diebstahl aufwärts wurde mit lebenslanger Haft vergolten, wodurch sich strenge Führung und Ordnung erhofft wurde. Jedes Dorf und jede Stadt besaß zwar eigene Kerker, diese dienten aber nur der temporären Unterbringung. Alle Häftlinge landeten schlussendlich an einem von zwei Orten.

Kleinkriminelle bis mittelschwere Straftäter wurden auf Mondion überführt, eine Insel südöstlich des Kontinents, die als lebensfeindliches Exil galt. Häftlinge wurden dort, sofern sie die Überfahrt überlebten, Hunger und Anarchie überlassen, was für die meisten den sicheren Tod bedeutete.

Schwere Verbrecher kamen in den Untergrund von Kanohrn.

Ihnen sollte kein Strahl Sonnenlicht vergönnt sein, sie erwartete ein Exil der Finsternis.

In unbekannter Vergangenheit zwangen raue Launen der Natur eine vergessene Zivilisation, ihre Gebäude unter die Oberfläche zu bauen, teilweise mehrere Stockwerke tief. Als die Menschen Jahrhunderte später das Land eroberten, war eine derartige Bauweise nicht länger notwendig. Während Kanohrn wuchs und große, unterirdische Lagerräume erbaut wurden, stießen die Menschen zufällig auf das uralte und verlassene Tunnelsystem.

Gänge, verzweigt wie die einer Ameisenkolonie und doch hoch genug, um darin aufrecht zu stehen, führten in Behausungen, kapellenartige Kammern und schließlich in eine ganze unterirdische Stadt.

Das Mysterium, wer einst diesen Ort errichtet hatte und aus welchem Grund jegliche Spuren dieser verschwundenen Zivilisation fehlten, konnte nie gelöst werden. Die unterirdische Stadt war nicht groß genug für die rasant anwachsende Population Kanohrns und ohnehin in verwahrlostem Zustand. Zu lange waren die Ruinen sich selbst überlassen gewesen, einige zeigten Beschädigungen, die auf Spuren eines Kampfes hindeuteten. Dem damaligen Statthalter schenkte diese neue Entdeckung die Idee einer Grube für all jene, die als nicht gesellschaftsfähig galten.

Die Menschen versiegelten alle bis auf drei Eingänge, zu denen sie später nur über die großen Wachtürme gelangten. Das bis dato existierende Gefängnis wurde aufgelöst und jeder Insasse in die unterirdische Ruine verfrachtet. Ein Konzept, das über die Jahrhunderte auch die anderen Fürsten überzeugte und zum gemeinsamen Strafgesetz führte.

Ein im Untergrund wuchernder Pilz, der leicht grünlich schimmerndes Licht spendete, hielt den Sauerstoffgehalt der Luft gerade so hoch, dass die untergebrachten Häftlinge atmen konnten. Kein Vergleich zur Oberfläche, doch ein Leben war in diesem Maße möglich.

Einmal wöchentlich gab es Nahrungslieferungen durch jeden der drei Eingänge, die für etwa drei Viertel der Verurteilten reichten. Wie sie es sich untereinander aufteilten, blieb ihnen überlassen.

Wenn nicht modrige Luft und fehlendes Sonnenlicht die Menschen in den Wahnsinn trieben, dann war es die zu knapp bemessene Nahrung. Es gab keine Zellen, keine Wärter, keine Regeln. Einzig und alleine die Dunkelheit, in der die Häftlinge sich selbst überlassen wurden. Ein grausames Konzept, in dem Hunger, Einsamkeit und Verzweiflung die Verurteilten für immer brechen sollten.

Für die Herrschenden funktionierte das sehr gut. Ein System, das diejenigen, die den Regeln der Gesellschaft nicht folgten, verbannte, ohne dabei große Kosten zu verursachen, stieß bei den Bürgern auf Zuspruch. Vor allem waren die Verbrecher außer Sicht und damit scheinbar nicht existent.

Gynh sog die modrige Luft ein. Das Gemisch aus Fäulnis und Verwesung war hier anders als in der Nähe des Höhlenwolfes. Drückender, elendiger, wärmer. Vor ihm hing ein Seilzug, der in den Abgrund führte. Ein paar Stufenabsätze deuteten an, dass es mal eine Treppe gegeben hatte.

Der Seilzug war groß genug, um einige Menschen und eine Handvoll Vorräte zu transportieren. Die unter ihm liegende Schlucht lag in völliger Finsternis, mit Ausnahme weniger grünlich schimmernder, nebliger Punkte. Grüne Kleckse in einem Meer unendlicher Schwärze.

Gynh schloss die Augen. Seine Lider zuckten und ein bitterer Ausdruck schoss über sein Gesicht. Dann öffnete er sie wieder. Geweitete Pupillen, wie die einer Katze auf der nächtlichen Jagd, erforschten die finstere Kluft.

»Schon besser«, murmelte er. »Nun sollte ich mindestens so gut sehen wie die armen Seelen, die ihren Alltag an diesem trostlosen Ort bestreiten.«

Dann machte er einen Satz nach vorn und sprang hinab in die Finsternis.

Den Fischer find’ man ungeschickt, wenn er nicht genug Fische gibt. Den Ritter einen Trunkenbold, verschleudert er erkämpften Sold. Es braucht so manch’ Versuche, bis man gibt Verständnis mit. Doch niemand fragt die Hure, wieso sie eine Hure ist.

– Barnabhas EhrunortÜberfluss und Armut

Kapitel 2

Geächtete Kinder

Lautlos landete Gynh zwischen einigen zersplitterten Kisten und Fässern, aus denen ein unangenehm saurer Geruch aufstieg. Er war auf einen Vorplatz gesprungen, der einen der ursprünglichen Eingänge zur unterirdischen Stadt bildete. Vor ihm ragte ein aus dem Fels geschlagener Torbogen empor, in den Zeichen einer fremden Sprache gearbeitet waren. Er markierte den Anfang einer Straße, die durch ein grünlich schimmerndes Konstrukt aus Holz- und Steinhütten führte. Bögen und Brücken verbanden die uralten Behausungen zu einem Geflecht, dessen Ende nicht zu erkennen war. Verwinkelte Wege und Gassen schlängelten sich auf schmalen Stufen weit nach oben in die Dunkelheit, während in Schatten liegende Pforten tiefer unter die Erde lockten.

Der Ort faszinierte Gynh. Zwar waren die einzelnen Gebäude nicht sonderlich groß, doch schienen sie vollkommen chaotisch angeordnet und ineinander verschachtelt, sodass es für ihn unmöglich war, zu sagen, wo ein Haus oder eine Gasse begann oder endete. Alles erweckte den Anschein, als wäre es ein in sich geschlossenes Kunstwerk, als bestünde die gesamte Stadt aus einem einzigen, flechtenartigen Schloss.

Ein monotones Summen, das von den wuchernden Pilzen ausging, schwebte in der warmen Luft. Schwach pulsierend verbreiteten sie ihr sanftes Licht, das ihnen ein anmutiges und zugleich unheimliches Äußeres verlieh.

Gynh streckte seinen rechten Unterarm aus. Am Handgelenk trug er ein Band, an dem eine Metallscheibe mit einer Glasfläche befestigt war. In dem kleinen Gefäß wirbelte blauer Sand, der sich schwach leuchtend innerhalb des Objektes in Richtung seiner Hand bewegte.

Er ist hier, es kann nicht mehr weit sein.

Zufrieden ließ er den Ärmel zurückfallen und schritt geradewegs in die Stadt hinein. Er würde einige Zeit brauchen, um jene Person zu finden, die er suchte, und die anschwellenden Rufe aus dem über ihm liegenden Tunnel unterstrichen, dass er genau die nicht hatte.

Ob sie mir bis hierher folgen?

Soweit er wusste, wagte sich Militär ausschließlich als Geleitschutz für Nahrungslieferungen in den Untergrund.

Sich im Labyrinth der vergessenen Stadt zu verlieren, war zu gefährlich.

Sie werden an den drei Eingängen warten, bis ich zurückkehre. Entweder das oder sie stürmen diesen Ort.

Einen letzten prüfenden Blick auf sein Armband werfend schlich er los. Die in sich verschlungene Stadt der Tiefe strahlte neben uralter Geschichte auch ein Gefühl drückenden Unbehagens aus. Schon nach wenigen Schritten durch das Tor einer vergangenen Ära spürte Gynh, was genau diese Empfindung in ihm auslöste. Augenpaare, deren Ursprung er nicht ausmachen konnte, beobachteten jede seiner Bewegungen. Die umgebende Präsenz war menschlich und doch von einer Fremdartigkeit, die ihn in angespannte Wachsamkeit versetzte. Gefahr an sich beunruhigte ihn nicht, aber was er hasste, war genau diese Art von Unberechenbarkeit.

Bemüht, seine Unruhe zu verbergen, verlor er sich immer tiefer in den Irrwegen der krummen Gebäude. Auf jedes Geräusch und jede Regung bedacht, schlich er Stufe für Stufe voran, bis er hinter sich das leise Tippeln einer Person hörte.

Die Präsenz war nicht allein, irgendwo in den Schatten verbargen sich weitere, doch diese eine war unangenehm nahe gekommen. Er verlangsamte seinen Schritt und blieb stehen.

Stille.

Zum Zeichen, dass er unbewaffnet war, hob er beide Arme und offenbarte die leeren Handflächen.

»Ich komme in friedlicher Absicht«, sprach er laut und ruhig, bevor er sich langsam umdrehte. Als er sah, wie nah ihm die Person bereits gekommen war, verfluchte er sich für seine Unaufmerksamkeit.

Wie kann sie ihre Präsenz derart verschleiern?

Wenige Meter vor ihm stand eine kleine Frau. Sie war eindeutig menschlich und doch wirkte etwas an ihr befremdlich.

Ihre bleiche Haut schimmerte stumpf wie die einer Toten und ihre milchig trüben Augen lagen in tiefen Höhlen. Dreckige Lumpen waren um ihren Körper geschlungen, darüber spannten sich panzerartige Platten, ähnlich denen einer Rüstung. Mit ihren kurzen Beinen stand sie leicht in der Hocke, ihre Arme unproportional lang mit knochendünnen Fingern, die in abgeschnittenen Handschuhen besetzt mit Scherben steckten. Ein bizarres Lächeln auf den Lippen starrte sie zu ihm hinauf.

Langsam hob sie einen langen Zeigefinger.

»Ich erkenne Lügner«, krächzte sie. »Ich erkenne Menschen, die Unheil mit sich bringen. Ersteres lässt sich bei dir noch nicht sagen, nach dem Zweiten stinkst du abartig.«

Ihre Stimme schlängelte sich dünn und heimtückisch durch die Luft, sodass sich Gynh augenblicklich die Nackenhaare aufstellten.

»Auf deine Worte, die mich abhalten sollen, dieses Unheil direkt auszuschalten, bin ich gespannt. Sprich, Fremder, was führt dich aus freien Stücken in dieses Elend?«

»Ich suche eine Person«, antwortete Gynh geradeheraus.

»Wenn ich sie gefunden habe, werde ich wieder verschwinden.

Ich möchte euch keinen Ärger machen.«

Die trüben Augen der Frau verengten sich. »Eine Person?

Du möchtest sie aus diesem Loch befreien?«

»So ist es.«

»Wen genau suchst du? Eine mordende Schwester? Einen langfingrigen Bruder? Eine verfolgte Geliebte? Ich kenne jede verlorene Seele, die ihre letzten, elendigen Jahre hier verbringt. Wer es auch sein mag, ich kann dich zu ihr oder ihren Knochen führen.«

Die Ruhe ihres Gesprächs fühlte sich trügerisch an. Etwas an dieser Frau stimmte nicht.

»An diesem Ort lebt eine Person, die sich durch eine seltene Fähigkeit auszeichnet«, fuhr Gynh fort. »Eine Person, die die verbotene Kunst der Magie beherrscht. Ein Former.

Sollte Fürst Sebastyan davon erfahren, wird er den Untergrund stürmen lassen. So weit muss es nicht kommen. Ich möchte diese Person finden und in Sicherheit bringen. «

Die Frau starrte ihn an, als versuchte sie, aus ihm etwas zu lesen, was nur sie lesen konnte.

»Ein Former?«, krächzte sie belustigt. »Dem Fürsten ist das bei der Inhaftierung entgangen?«

Gynh zuckte mit den Achseln, ein ehrliches Zeichen seiner Unwissenheit. »Womöglich haben sie ihn nachts überfallen, ohne Kenntnis seiner Fähigkeiten, oder er war geschwächt.

Former sind mächtig, aber nicht unfehlbar.«

»Durchaus«, flüsterte sie und grinste hämisch.

Jeder seiner Muskeln spannte sich zu einer blitzschnellen Reaktion an, während sich die Buckelige in unnatürlich ruckartigen Schritten auf ihn zubewegte.

Kurz vor ihm, sie trennte keine Armlänge mehr, neigte sie sich ein wenig zur Seite und stapfte an ihm vorbei. Mit dem Wink einer ihrer knochigen Finger bedeutete sie ihm, ihr zu folgen.

»Wie der Zufall will, weiß ich, von wem du sprichst«, krächzte sie. »Ich führe dich zu ihm, diesem geheimnisvollen Talent.«

Gynh starrte ihr hinterher. Das war zu einfach, alles an diesem Ort stank nach einer Falle. Verstohlen warf er einen Blick über die brüchigen Dächer, auf denen irgendwo eine ihm unbekannte Zahl stummer Beobachter lauerte. Etwas an dieser Frau fühlte sich falsch an. Doch sie war eine Spur, der es sich zu folgen lohnen konnte.

»Wieso sollte er mit dir gehen?« Ihre beißende Stimme riss ihn aus seinen Gedanken.

»Er?« Gynh hatte nicht gewusst, dass es sich um einen Mann handelte.

»Was kannst du ihm bieten?« Neugier schwang in ihrem Ton.

»Sicherheit«, antwortete er knapp.

Sie blieb stehen, wandte sich zu ihm um und schenkte ihm einen bemitleidenden Blick. »An der Oberfläche ist sein Kopf mehr wert als eine ganze Stadt. Wie willst du so jemanden beschützen?«

Gynh gefiel der Gedanke nicht, dass ihre unbekannten Verfolger womöglich jedes Wort belauschten. »Ich kenne einen sicheren Ort. Weit entfernt, niemand wird ihn dort finden.«

»Ein sicherer Ort, ja?« Sie entblößte zwei Reihen fauliger Zähne, als sich ein abfälliges Grinsen auf ihre Lippen stahl.

»Ein Ort, der ein besseres Versteck bietet als dieser hier?

Und ein dürrer Kerl wie du wird ihn verteidigen, wenn die Attentäter an seiner Tür stehen?« Sie lachte stockend, was sie nur noch wahnsinniger erscheinen ließ.

»Das muss nicht deine Sorge sein. Ich weiß, was ich tue.«

Ihr Grinsen wurde breiter. »Du bist sehr überzeugt von dir. Ein geheimer Ort also, schön schön, da wird sich der alte Kauz aber freuen.«

Sie wandte sich ab und schritt wieder voraus, tiefer ins Zentrum der uralten Stadt hinein. Während Gynh ihr folgte, überlegte er fieberhaft, was genau an ihr nicht stimmte. Sie war keine Formerin, da war er sich sicher. Sie war auch kein veränderter Buschwicht, Grottengnom oder gar ein Ghul.

Dennoch ließ ihn das Gefühl nicht los, dass ihre menschliche Natur eine starke Veränderung erfahren hatte.

Sie passierten zwei Statuen, die krumme Geschöpfe mit Schilden darstellten und wie Wächter zur linken und rechten Seite der Straße postiert waren. Gynh versuchte noch immer erfolglos zu erfassen, wie viele Personen sie im Verborgenen beobachteten. Der Vorteil ihrer Verfolger lag klar auf der Hand. Das war ihr Gebiet, ihr Hinterhalt und ihre Überzahl.

Dazu waren sie diese Dunkelheit so gewohnt, dass sie die Gassen wahrscheinlich blind auswendig kannten.

Zwei weitere Statuen zogen an ihnen vorbei und plötzlich blieb die Frau stehen. Sie erreichten einen kreisförmigen Platz, der umringt war von summenden, glimmenden Pilzen, die die beeindruckende Szene in schauriges Grün tauchten. Präzise angeordnete Pflastersteine ergaben ein gewaltiges Bild, das die Silhouette einer ihm unbekannten Kreatur zeichnete. Inmitten des Mosaiks fielen Gynh kleine vergitterte Schächte ins Auge.

Einer Mauer gleich schlossen die umliegenden Häuser den Ort vollkommen ein, bis auf den von Statuen flankierten Zugang, von dem aus der Former und die Buckelige den Platz betraten. Das Zentrum bildeten vier massive Felssäulen, aus denen jeweils eine eiserne Kette in die gemeinsame Mitte zu einer kauernden Gestalt führte.

Das schummrige Grün ließ wenig Details zu, doch Gynh glaubte, einen Mann in zerschlissenen Kleidern zu erkennen.

Er hatte den Blick auf den Boden gerichtet, sodass nicht viel mehr als sein kahler Hinterkopf und ein grauer Bart sichtbar waren. Zwischen den summenden Pilzen am Rand des Platzes tauchten nacheinander vermummte Personen auf, die etwas bei sich trugen, das Bögen oder sogar Armbrüsten ähnelte.

Selbstgebaute Waffen.

Das machte sie nur gefährlicher. Eine bekannte Waffe war berechenbar, diese aber hatten unvorhersehbare Flugbahnen und Durchschlagskraft.

Rasch zählte er durch. Zehn. Hinzu kamen die Verfolger im Verborgenen. Wenn es zum Kampf kommen sollte, könnte er ein blutiges Durcheinander nicht vermeiden.

»Nimm ihn mit«, flüsterte die Buckelige mit einer ausladenden Bewegung in Richtung des Angeketteten.

Das ist absurd. Offensichtlicher kann eine Falle nicht sein.

Wortlos glitt er an der Frau vorbei, sein Blick fixierte den Alten, doch seine Aufmerksamkeit lag auf allem anderen. In einer unauffälligen Bewegung, als würde er sich am Handgelenk kratzen, kontrolliere er den blauen Sand an seinem Armband.

Die sonderbare Frau hatte nicht gelogen, der Angekettete war jener Former, nach dem Gynh gesucht hatte. Einer der letzten fünf Magiefähigen des Kontinents, mit deren Hilfe es ihm gelingen würde, das ausbreitende Chaos endgültig zu verbannen.

Nur noch wenige Meter vom Zentrum entfernt, hallte plötzlich die Stimme der Buckeligen über die gepflasterte Ebene. »Sei so gut und knie dich neben ihn! Versuch erst gar nicht, dich zu wehren. Du bist allein. Niemand wird dir zu Hilfe kommen.« Siegesgewissheit schenkte ihrem Ton einen sauren Beigeschmack.

Gynh ging noch zwei Schritte und drehte sich dann langsam zu ihr um. »Du bist so etwas wie eine Anführerin, nehme ich an?«

Die Frau entblößte erneut ihre fauligen Zähne. »So etwas, aber auch nicht ganz. Wir sind hier eine Familie.«

Sie breitete ihre bleichen Arme aus, wobei weitere Schützen ihre Tarnung auf den Dächern aufgaben.

»Zieh deine Jagdhunde zurück«, entgegnete Gynh. »Wir müssen nicht unnötig Blut vergießen.«

»Oho? Ist das eine Drohung?« Die Freude in ihrer Stimme unterstrich, wie viel Vergnügen ihr der Hinterhalt bereitete.

»Ist es. Solltest du dich mir in den Weg stellen, werde ich zu jedem Mittel greifen, das nötig ist, um dich auszuschalten.«

Auf das bleiche Gesicht der Frau trat Verachtung. »Sieh sich einer die große Fresse an«, zischte sie einer Schlange gleich, die kurz davor war, hervorzuschnellen und zu töten.

»Hat dem Alten etwa seine Zauberei geholfen? Er kniet im Dreck und winselt. Dieser Former, den du suchst, ist nur noch ein atmender Kadaver.«

»Tu dir einen Gefallen und verschwinde«, erwiderte Gynh. »Wenn du nicht aus dem Weg gehst, schwöre ich bei meiner Heimat, dass dieser Tag zu deinem längsten Albtraum wird.«

Die Buckelige lachte. »Ich werd’ dir persönlich die Zunge aus deinem frechen Maul schneiden, nachdem du um dein Leben gebettelt hast.« Sie machte eine ausholende Bewegung und die Schützen am Rand des Platzes und auf den Dächern zielten mit blitzenden Pfeilen.

Gynh ignorierte die auf ihn gerichteten Geschosse und hielt dem Blick der Frau stand. »Wenn du dich dazu entscheidest, das Feuer zu eröffnen, gibt es kein Zurück mehr.«

Zur Antwort spuckte sie auf den Boden. Dann gab sie das Zeichen zum Angriff.

Zischen hallte als grausamer Vorbote über die gemusterten Pflastersteine. Der dunkle Pfeilhagel schob sich auf den Former zu, einer schließenden Blüte gleich, in deren Zentrum er das Ziel jeder der tödlichen Spitzen war.

Nur wenige Meter vor ihm zerschellten die Geschosse an einer unsichtbaren Wand und fielen klackernd zu Boden.

Eilig wandte sich Gynh ab und schritt das letzte Stück auf den angeketteten Alten zu, der seinen kahlen Kopf gehoben hatte. Sehen konnte dieser nichts, eine blutdurchtränkte Augenbinde verdeckte sein halbes Gesicht.

Vorsichtig durchschnitt Gynh den durchweichten Stoff, unter dem eingefallene, grüne Augen zum Vorschein kamen.

»Wir werden gehen«, sagte er ruhig.

Der Alte kniff die Lider zusammen, selbst das kläglich schimmernde Licht der Pilze schien ihn zu blenden. Sein zotteliger Bart ließ ihn dabei nur noch verlorener aussehen, auch wenn in seinen Augen ein kluger Ausdruck blitzte.

Hohe Wangenknochen und eine hakenförmige Nase gaben ihm eine markante Erscheinung, die der Beschreibung alter Märchen-Zauberer alle Ehre machte.

»Ich werde dich von deinen Ketten befreien«, fuhr Gynh fort. »Wir verschwinden von diesem Ort. Du bist ab jetzt in Sicherheit. Mein Name ist Gynh, ich bin wie du ein Former.«

Der Alte starrte ihn wortlos an und einige Sekunden geschah nichts, bis die Eisenringe um seine Knöchel zu glühen begannen und in winzige Splitter zersprangen.

»Befreien kann ich mich alleine«, murrte der Alte. »Mein Problem sind die hier«, er deutete auf die Schützen.

Seine Stimme hatte etwas Beruhigendes und erinnerte Gynh an Abende mit Geschichtenerzählern, die ein ums andere Mal seine Heimat besucht hatten.

Ein weiterer Pfeilhagel zischte, ehe er an der unsichtbaren Kuppel zerschellte und klackernd zu Boden rieselte. Zornige Rufe der Buckeligen fegten über den Platz. Gynh ignorierte sie und packte den Alten an beiden Schultern.

»Die interessieren uns nicht.« Er lächelte verschwörerisch. »Wir nehmen einen anderen Weg.«

In diesem Moment fing der Boden unter ihnen an, zu brodeln. Die penibel platzierten Steine verloren ihre feste Struktur, schmolzen wie Wachs und flossen ineinander.

Mit einem schmatzenden Geräusch sackte der Untergrund ab und die beiden Former glitten durch das Pflaster, dessen Oberfläche sich in Sekundenschnelle wieder festigte. Einzig das nun nicht mehr ganz perfekte Muster der Steine bezeugte das Geschehene.

Gynh und der Alte fielen nicht weit. Sie landeten auf glitschigem Boden in einem niedrigen Gang, umgeben von vollkommener Finsternis. Der matschige Untergrund verströmte einen beißenden Gestank, der unangenehm in der Nase juckte. Erneut ließ Gynh ein Licht erscheinen, dessen Schimmer die steinernen Wände erhellte.

»Das ist –«, begann der Alte staunend.

»– eine Kanalisation.« Gynh nickte. »Die gesamte Stadt besitzt ein Kanalsystem. Ich konnte mir Pläne vergangener Erkundungen anschauen, außerdem sind mir auf dem Weg hierher immer wieder vergitterte Schächte aufgefallen. Die einstige Zivilisation war fortschrittlicher als unsere heutige.«

Der Alte runzelte die Stirn, er wirkte beeindruckt und zerstreut zugleich. Dumpfe Laute und aufgeregte Rufe ertönten über ihnen, doch sie klangen weit entfernt.

»Das hier …«, fuhr Gynh fort, »… ist unser Weg nach draußen. Aber wir sollten keine Zeit verlieren, sie werden diese Kanäle mit Sicherheit kennen. Und weit besser als wir.«

Er wollte sich zum Gehen wenden, als er innehielt und dem Alten in die müden Augen sah. »Sag mir, wie ist dein Name?«

»Laohnon«, murrte dieser und beäugte ihn misstrauisch.

»Lao reicht. Hör mal, Junge, es ist nobel von dir, dass du mich retten willst … und mir brennen ein paar Fragen auf der Zunge, etwa woher du von mir weißt und wie du mich gefunden hast, aber das alles ist unwichtig. Für mich gibt es keine sichere Zukunft. Nicht hier unten und nicht außerhalb dieses Abgrunds. Meinen Kopf wollen zu viele und deinen mit Sicherheit auch.«

»Zwei Dinge«, antwortete der junge Former bestimmt.

»Erstens entscheidet kein Fürst da draußen, ob du eine Zukunft hast oder nicht. Und zweitens haben wir es eilig.

Komm!«

Gynh wandte sich um und wischte durch die Luft, als wollte er eine Fliege fangen. Das schimmernde Licht verstärkte sich und erhellte nun den Gang vor ihnen so weit, dass sie problemlos einige Meter sehen konnten.

Lao aber bewegte sich nicht.

»Wo willst du hin?«, raunte der Alte und Erschöpfung breitete sich in seiner Stimme aus. »In Kanohrn warten eine Armee und riesige Mauern. Wir sitzen in einem gewaltigen Käfig, das ist selbst für Leute wie uns unmöglich.«

Gynh lächelte spöttisch. »Sich angekettet von einer Irren foltern zu lassen, ist kaum besser, meinst du nicht? Sammel deine Kraft, Lao, wir verschwinden von hier!« Er nickte ihm entschlossen zu, als wäre damit alles gesagt, und marschierte voran.

Lao leckte sich unruhig über die blutigen Lippen und murmelte etwas Unverständliches, folgte aber schließlich.

Sie gingen einige Schritte durch das schlammige Gewölbe, während das sanfte Licht sie lautlos begleitete, bis Gynh ruckartig stoppte. »Warte kurz!«, zischte er.

Erschrocken duckte sich Lao, kniff die Augen zusammen und suchte die potenzielle Gefahr in der Dunkelheit des Kanals.

Doch da war nichts.

Gynh hob schweigend seinen rechten Arm und blickte an die Decke. Erst blieb alles ruhig, dann schob sich mit einem Schmatzen ein Fuß durch das Gewölbe. Gynh packte zu und zog den Rest des Körpers durch die Kanaldecke, die sich sofort wieder verschloss und erneut fest und unberührt wirkte.

Mit einem Platschen fiel eine dürre Gestalt vor ihre Füße.

Lao keuchte auf.

Vor ihnen lag die buckelige Frau mit den bleichen Augen, selbige weit aufgerissen und bemüht, zu begreifen, was gerade geschehen war. Mit einem kräftigen, unsichtbaren Ruck zog es sie auf ihre kurzen Beine und sie taumelte rückwärts.

Von dem Licht geblendet hielt sie eine Hand schützend vor die Augen, während sie sich mit der anderen an der Wand stützte.

»Ich stehe zu meinem Wort«, sagte Gynh mit bösem Grinsen. »Du wirst uns den schnellsten Weg nach draußen zeigen.«

»Was für ein Weg nach draußen?«, fauchte die Frau und versuchte vergeblich, ihren Hohn zurückzugewinnen. »Ich wäre längst verschwunden, wenn es einen solchen Weg gäbe.«

»Hier unten gibt es Dinge, die sonderbar im Besitz von Leuten wirken, die nicht mehr als etwas Brot und Wasser bekommen. Ich bin sicher, ihr habt Kontakte nach draußen.

Vielleicht sogar einen Weg. Tu dir einen Gefallen und erspar uns eine mühselige Diskussion oder dass wir diese Informationen auf andere Weise aus dir pressen.«

Sie funkelte ihn hasserfüllt an. »Es gibt keinen Geheimweg oder ähnliches, ich –« Ihre zittrige Stimme erstarb, als Gynh eine Hand öffnete und eine blaue Flamme erglomm.

»Gut«, entgegnete er gelassen. »Dann eben so.«

»Ah!«, keuchte sie erstickt, die Augen von plötzlicher Panik erfüllt auf das stetig höher lodernde Feuer gerichtet.

»Gut, ja gut! Ein Weg nach draußen und dann? Glaubst du, die Soldaten lassen euch Missgeburten hier rausspazieren, als wäre nichts gewesen? Oder gehörst du zu diesem Pack –«

Weiter kam sie nicht.

Gynh wischte mit seinem Daumen über ihren Mund und verschloss ihn vollständig, als hätte sie nie einen besessen.

Entsetzt tastete sie über die glatte Haut.

»Du gehst vor und führst uns raus«, sagte er kalt. »Wenn du das tust, bekommst du deinen Mund zurück und behältst dein Leben. Wenn nicht, gebe ich dir mein Wort, wirst du diese Kanäle nicht lebendig verlassen.«

Die Frau blickte abwechselnd mit einer Mischung aus Panik und Hass zwischen Gynh und Lao hin und her. Der alte Former runzelte nur die faltige Stirn, unbeholfen der Situation gegenüber. Zornig kniff sie ihre milchigen Augen zusammen, wandte sich ab und stapfte in die Dunkelheit davon.

»Es gibt also einen Weg«, sagte Gynh munter und folgte.

Sie bewegten sich mit einer Mischung aus Gehen und Waten. Das kaum erträgliche Gemisch des Kanals stieg mit einer Wucht ihre Nasen empor, dass es den Formern Tränen in die Augen trieb. Die bleiche Frau schien damit kein Problem zu haben, zielsicher leitete sie durch niedrige Passagen und steile Abzweigungen. Einige Abschnitte hatten die Epochen unbeschadet überdauert, während andere durch Einstürze kaum passierbar waren. Gynh konnte nicht mit Bestimmtheit sagen, ob die Buckelige wusste, was sie tat, oder nur Zeit schinden wollte.

Das Platschen ihrer Schritte hallte durch die Gänge, in denen ansonsten völlige Stille herrschte. Ab und an passierten sie Schächte, die zu den darüberliegenden Gassen führten, wo gelegentlich Fußgetrappel, Gespräche oder sogar Schreie zu hören waren. In jenen Momenten dimmte Gynh das sie begleitende Licht auf ein Minimum.

Inmitten eines Ganges, der so niedrig war, dass sie fast in der Kloake hockten, blieb die Frau stehen. Sie richtete ihren trüben Blick erst auf Lao, dann auf Gynh. Einen Moment zögerte sie, ihre Fäuste in den scherbenbesetzten Handschuhen ballten sich bedrohlich.

Gynh schüttelte den Kopf. Ihre Miene verfinsterte sich, sie wandte sich ab und deutete in eine unauffällige Nische, in der eine unscheinbare, hölzerne Tür in das Gemäuer eingearbeitet war. Schriftzeichen, die denen des Torbogens zum Eingang der Stadt glichen, zierten den Türrahmen. Trotz ihrer kleinen Größe schien die Tür aus massivem Holz gearbeitet. Zwei metallene Schlösser mit sonderbar geformten Schlüssellöchern verriegelten sie.

Die Frau stapfte auf sie zu, tippte zweimal auf die Tür, wie um ihnen zu verdeutlichen, dass sie hindurch mussten, bevor sie eine Tasche an ihren Lumpen öffnete und zwei Metallgegenstände hervorzog. Sie steckte je einen in die Schlösser und drehte beide, woraufhin ein Klicken mehrerer Zylinder durch den Gang hallte. Ihre ganze Kraft war nötig, um die schwere Tür aufzuziehen.

Neugierig starrte Gynh durch die Öffnung, wobei er die Buckelige und ihre scherbenbesetzten Handschuhe nicht aus den Augen ließ. Eine steile Wendeltreppe führte nach oben ins Ungewisse.

»Na sowas«, raunte Gynh zufrieden. »Geh vor.«

Sie schüttelte ihren blassen Kopf und tippte auf die glatte Stelle, an der vor Kurzem noch ihr Mund gewesen war.

»Wenn wir draußen sind.«

Sie warf ihm eine weitere Salve hasserfüllter Blicke zu, kam dann aber der Anweisung nach und betrat die ersten Stufen.

Gynh folgte ihr ohne eine Ahnung, wo der Schacht sie ausspucken würde. Hinter sich hörte er Lao keuchen. Hunger, Peinigung und der Marsch durch die Kanäle hatten seinen alten Gliedern viel Kraft gekostet.

Um sie herum war es noch stiller als zuvor. Kein Plätschern, keine Stimmen, keine weit entfernt hallenden Schritte. Nur das gleichförmige, dumpfe Trommeln ihrer nassen Stiefel, das unangenehm durch den röhrenförmigen Treppenaufgang hallte.

Die Stufen endeten auf einem kurzen Absatz vor einer Wand.

Eine Falle!

Die Frau aber tippte zweimal auf den Stein, drehte ihren blassen Kopf zu ihm und deutete erneut auf ihren verschwundenen Mund. Diesmal verneinte er nicht. Er hob einen Arm, streifte über die glatte Stelle und, als würde er den Bund einer Tasche öffnen, kam ihr Mund samt fauligen Zähnen wieder zum Vorschein.

Sie lächelte grausam, leckte sich über die dünnen Lippen und krächzte ein kurzes Kichern. »Du kannst für Sicherheit sorgen, hast du gesagt?« Ihre unangenehme Stimme wehte durch den Treppenaufgang wie ein Kratzen auf rauem Fels.

»Kann ich.«

»An dieser Stelle«, fuhr sie fort »gibt es eine Möglichkeit, auf eine Straße der oberen Stadt zu kommen. Aber nur, wenn man weiß wie. Und ich weiß wie.«

»Diesen Weg hast du bisher nicht genommen, weil du im Untergrund so etwas wie eine Herrscherin bist?«

Ihr Lächeln verzog sich zu einem Fletschen ihrer stumpfen Zähne. »Nein, ich habe diesen Weg schon oft genommen.

Die Fürsten denken, sie sperren ihre Probleme unter die Erde und löschen sie dadurch aus. Aber wir sind eine Stadt, ein eigener, atmender Organismus. Menschen hören nicht auf, zu existieren, nur weil man sie wegsperrt. Wir haben Familien, Gesetze und Ränge, Kinder und Tote.« Sie hob stolz das kantige Kinn. »Kinder des Untergrunds sind verdammt.

Ich bin eine Geächtete, so wie auch meine Eltern und etliche Generationen vor ihnen. Allesamt verdammt durch einen Fehler von einem unserer Vorfahren. Seit Jahrhunderten besteht meine Familie fort und kontrolliert den Untergrund.

Auch wenn wir im Unrat und zwischen den Leichen unserer Väter und Mütter leben, haben wir uns ein Leben aufgebaut, von dem der Adel der oberen Welt nichts ahnt. Wir sind die Abgestoßenen und die Ungeliebten, doch auch für uns wird irgendwann der Tag des Glanzes kommen.«

»Ich würde die Regeln dieser Welt ändern, wenn ich könnte. Was dir und tausenden deiner Gefährten widerfährt, ist nicht gerecht.«

Sie bleckte die Zähne. »Gerechtigkeit ist für die Reichen.

Meine Eltern zeigten mir diesen Gang, als ich noch sehr klein war. Manchmal gehen wir raus und holen uns ein paar nette Dinge aus der oberen Welt, aber wir kehren jedes Mal zurück.

Auch wenn es ein Elend ist, dieses Elend ist unser Zuhause.

Die Zeit hat uns verändert, wir sind an der Oberfläche zu leicht von normalen Menschen zu unterscheiden. Über der Erde sind wir Gejagte, offensichtliche Fremde, Brennholz für die Scheiterhaufen der Reichen. Diese Passage ist nur ein kurzer Atemzug, der uns fühlen lässt, wie ein Leben sein könnte. Zumindest für diejenigen, die davon wissen.«

»Ein gut gehüteter Atemzug also.«

Sie zuckte die Achseln. »Es ist nur Profit, wenn es nicht geteilt wird.«

Gynhs Ausdruck wurde kühler. »Herrschende sind sich sehr ähnlich, egal ob auf oder unter der Erde.«

Die Frau lächelte böse. »Was weißt du schon davon?

Wenn du einen sicheren Ort kennst, wie du sagst, dann will ich ihn sehen. Das ist mein Preis für eure Freiheit.«

»Ich soll dir helfen, aus deinem Königreich zu entkommen?«

»Ich will diese Welt hinter mir lassen.«

»Gut«, antwortete Gynh gleichgültig.

»Gut?«, stieß Lao fassungslos hervor. »Diese Frau ist eine Wahnsinnige!«

Über die Lippen der Buckeligen huschte ein kurzes Lächeln. »Dein Wort in meinem Ohr.«

Sie wandte sich ab, holte erneut einen metallenen Gegenstand aus ihrer Tasche und steckte ihn in ein unauffälliges Loch zwischen zwei Steinen inmitten der Mauer.

Ein Klicken war zu hören und sie drückte mit aller Kraft gegen die Wand. Das Mauerwerk schwang knarrend wie eine Tür auf und offenbarte einen kleinen Raum, durch dessen hohe Decke fahles Mondlicht drang. Eine eiserne Leiter führte den Schacht nach oben. Gynh folgte der Frau durch die Tür und ihrem Blick die Treppe hinauf. Sie trennten nur noch wenige Meter von der Freiheit der oberen Stadt.

»Die erleuchtete Welt«, flüsterte sie gedankenversunken und etwas Undeutbares lag in ihrer Stimme. »Wir befinden uns in einem Außenviertel Kanohrns.«

Gynh nickte ihr zu. »Du gehst vor.«

Sie folgte der Aufforderung und begann, den Schacht hinaufzuklettern.

»Bald warten ein Kamin und ein weiches Bett auf dich«, ermunterte Gynh den schnaufenden Lao. »Es ist nicht mehr weit.«

Der Anblick der Stufen entlockte dem Alten ein erschöpftes Stöhnen, doch die Aussicht auf Freiheit schien ihm Kraft zu spenden. In seine Augen trat ein Glitzern, das wohl schon lange nicht mehr dort zu sehen gewesen war. Ohne ein weiteres Wort zu wechseln, erklommen sie Stufe um Stufe.

Als Gynh schließlich über den Rand des Ausgangs kletterte, ließ er das begleitende Licht erlöschen und sah sich um. Sie standen in einer engen Gasse zwischen kaputten Kisten, Fässern und einigem anderen Abfall. In den Häuserwänden fehlten Steine, aus dem Mauerwerk ragten modrige Holzbalken und die wenigen Fenster waren entweder eingeschlagen oder gestohlen worden. Ihr Fluchtweg hatte sie in eines der ärmsten Stadtviertel geführt und glich von außen einem Kellereingang, dessen Innerem man besser nicht nachging.

Weißes Mondlicht tauchte die Szene in einsame Tristesse.

Die Luft stank noch immer, doch anders, weniger beißend und die zarten Spuren frischer Nachtluft fühlten sich unsagbar wohltuend an. Gierig sog Gynh die Kälte in seine Lungen. Die Gasse endete zur einen Seite an einer weiteren Häuserwand, sodass es für sie nur einen Weg gab.

Lao schnaufte zufrieden, als er den ersten Schritt in die neu gewonnene Freiheit setzte. Seine eingefallenen Gesichtszüge warfen in dem fahlen Mondlicht furchterregende Schatten. Das Alter des Mannes ließ sich schwer schätzen, doch er musste über sechzig Jahre alt sein. Seine Vergangenheit hatte tiefe Spuren hinterlassen.

Etwas zog an Gynhs Ärmel und holte ihn zurück aus seinen Gedanken. Die bleiche Frau lächelte ihn verstohlen an.

Er erwiderte ihren Blick nicht, sondern richtete seine Augen auf die Dunkelheit am Ende der Gasse.

»Wo werden wir jetzt hingehen?« Etwas Gieriges lag in ihrer Stimme. »Wo ist dein sicherer Ort?«

Noch immer starrte Gynh in die Finsternis. Er hatte eine Bewegung gesehen, da war er sich sicher. Schnelle Schatten endend in beobachtender Starre.

Jemand hatte sie entdeckt.

Zunehmend ungeduldig zog die buckelige Frau erneut an seinem Ärmel. »Wohin gehen wir?«, zischte sie gespannt.

»Sicher hast du geplant, wie wir aus der Stadt entkommen, ja?«

»Eine Frage«, flüsterte Gynh beiläufig. »Als ich in den Untergrund kam, warst du bereits in der Nähe. Woher wusstest du, dass jemand kommt?«

Die Frau lächelte spöttisch. »Alles wirst du so leicht nicht erfahren, später erzähle ich dir vielleicht mehr, wenn du mich sicher hier rausgebracht hast.«

»Du wirst nicht mitkommen«, antwortete Gynh knapp.

In einer geübten Bewegung tippte er der Frau schnell mit zwei Fingern gegen die Schläfe. Eine lange Sekunde starrte sie ihn an, plötzliches Entsetzen in ihren trüben Augen, dann sackte sie reglos in sich zusammen.

»Was –«, begann Lao.

»Keine Moralvorträge«, unterbrach ihn Gynh.

Er streckte einen Arm aus und öffnete die Hand.

Aus dem Nichts manifestierte sich ein kunstvoll verzierter Bogen, während gleichzeitig ein mit Pfeilen gespickter Köcher auf seinem Rücken erschien. Kaum hatte die Waffe ihre geschwungene Form vollendet, zog Gynh einen Pfeil, spannte den Bogen, visierte die blanke Finsternis an und schoss. Gleich darauf noch einmal.

Die Geschosse zischten durch die Stille. Stöhnen ertönte, dann ein dumpfes Geräusch.

Lao fluchte, doch Gynh hob die Hand zum Zeichen, er solle still sein. »Patrouillen durchsuchen die Bezirke. Wir müssen uns beeilen.«

Er schlich voran in die Dunkelheit.

Lao zögerte einen Moment, warf einen letzten Blick auf den gekrümmten Körper der sonderbaren Frau und folgte schließlich.