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Mila, eine beruflich erfolgreiche, junge Frau, gerät in die Wirren einer heimlichen Liebe mit einem nicht gerade Unbekannten, der ihr die Welt zu Füßen legt und ihr die Kraft gibt, mit der Drogensucht ihres Verlobten Leon sowie ihrer eigenen Co-Abhängigkeit umzugehen und ihr Leben aufrecht zu erhalten – ebenso wie ihre größten Ängste.
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Seitenzahl: 354
Veröffentlichungsjahr: 2022
Mila Ehlers
Koks oder Kokos
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Galaabend
Im Park
Geschichten
Chefsache
Titelseiten
Eheringe
Vertiefte Recherche
Gartenparty
Rundflug
Mädelsabend
Grillen
Sterne
Blinde Flecken
Meine Bühne
Spritztour
Südafrika
Verbotene Kontakte
Dunkle Geheimnisse
Offenbarung
Alan Cohen
Goldener Käfig
Bittere Wahrheit
Männer-Wochenende
Musik
Vergangenheit
Der Unbekannte
Razzia
Spurensuche
Konfrontation
Leuchtturm
Magendrehung
Beste Freundinnen
Ungeplante Überraschungen
Happy Birthday
Frohe Weihnachten
Traumprinz
Alles anders
Schneeflocke
Junggesellinnenabschied
Ja, ich will
Co-abhängig
Vergebene Mühe
Milliarden Fragezeichen
Kinderaugen
Beauty & Party Night
Vermisst
Augen zu und durch
Mein Paradies
Mut
Zeit zu verstehen
Tag am Meer
Genug ist genug
Tage, die anders sind
In flagranti
Nomadenleben
Noch nie
Neuanfang
Ent-Scheidung
Besondere Menschen
Lampenfieber
Weihnachten für mich
Feuerwerk
Einweihung
Eine letzte Nacht
Was wurde aus…?
Impressum neobooks
Liebes Tagebuch,
Heute ist der 14.9.2014. Ein Tag, der mir nicht nur wegen des Datums in Erinnerung bleibt, denn es ist endlich passiert: Nach über neun Jahren Beziehung mit allen erdenklichen Höhen und Tiefen hat Leon mir einen Heiratsantrag gemacht – im Hafen von Barcelona. Auch wenn sein Plan des perfekten Antrags mit romantischer Sonnenuntergangsfahrt auf dem Meer, privatem Skipper und Champagner nicht geklappt hat, hat er mich zur glücklichsten Frau der Welt gemacht, die es kaum erwarten kann, dem Mann, den sie über alles liebt, das JA-Wort zu geben.
Und dann? Dann werden wir das Leben leben, von dem wir immer geträumt haben: Eine Traumhochzeit mit all unseren Lieben, ein kleines Häuschen mit Garten, Kindern und einem Hund – glücklich vereint, bis der Tod uns scheidet.
In Liebe
Mila
Ein Jahr später…
„Leon wir müssen los, das Taxi wartet. Jetzt wach doch bitte endlich auf!“, ruft Mila zum wiederholten Mal genervt und verzweifelt zu Leon ins Schlafzimmer. Es ist ein eisigkalter, verschneiter Novemberabend 2015. Mila und Leon sind zu einer Benefizgala in der Stadt eingeladen, doch während Mila bereits perfekt gestylt im Vorzimmer steht, ist Leon nach einer durchgearbeiteten Nacht im Restaurant einfach nicht wach zu bekommen, obwohl er seit den frühen Morgenstunden schläft. Wütend und enttäuscht von Leons seltsamen Verhalten der letzten Wochen und irritiert von den komaähnlichen Schlafzuständen beschließt Mila, sich diesen Abend nicht vermiesen zu lassen und macht sich ohne Leon auf den Weg zur Gala.
Bis vor ein paar Wochen war Milas Welt noch in Ordnung, aber seit einiger Zeit beunruhigt sie Leons Verhalten: Er verliert kaum mehr ein Wort über die Hochzeit, ist nächtelang wach, um Nacht für Nacht aufs Neue die Wohnung auf den Kopf zu stellen oder in seinem vor Kurzem eröffneten Restaurant zu arbeiten und wenn er dann mal schläft, ist er mit keinem Mittel mehr wachzubekommen. In Mila steigen Ängste um die Beziehung sowie die Sorge um Leon hoch. Ist Leon krank? Betrügt er sie? Verheimlicht er ihr etwas? Steckt er in Schwierigkeiten? In ihren Gedanken kreisen tausend Fragen, auf die sie keine Antwort findet und Mila versucht, diese sie einnehmenden Gedanken beiseitezuschieben und sich auf den bevorstehenden Abend zu fokussieren.
Im Palais Schottenring angekommen, steuert sie durchgefroren, nach einigem Händeschütteln und dem üblichen Gala-Smalltalk mit bekannten und unbekannten Gesichtern, direkt auf die Bar zu, um sich mit einem heißen Cappuccino aufzuwärmen und sich endgültig von ihrer schlechten Laune zu verabschieden. Völlig in ihrem Kaffee und ihren Gedanken versunken, bemerkt sie nicht, dass sich ein gutaussehender, fremder Mann neben sie gesellt hat. Erst als dieser zwei doppelte Whiskey bestellt, erspäht Mila ihn aus dem Augenwinkel und ohne es zu wollen, bleibt ihr Blick unabbringlich an dem Unbekannten kleben. „Hallo. Ich hoffe es stört Sie nicht, dass ich mich hier zu Ihnen setze.“, sprudelt es aus dem höflichen Fremden. „Ich bin Elias.“, stellt er sich mit ausgestreckter Hand vor, während er Mila eines der beiden Whiskeygläser über die dunkle Vollholztheke zuschiebt und es sich dabei auf dem gepolsterten Barhocker neben ihr bequem macht. Mila sieht ihm für einen kurzen Augenblick in die Augen und streckt ihm widerwillig die Hand entgegen, um ihren Blick sofort wieder in die Kaffeetasse vor ihr zu vertiefen. „Mila. Danke, aber ich trinke keinen Whiskey.“, lehnt Mila genervt Elias´ Einladung ab, während sie das volle Whiskeyglas zurück in seine Richtung schiebt. „Und Sie sind der Meinung, dass Ihre miese Laune ohne Alkohol heute Abend noch besser wird?“, bohrt Elias nach und bestellt im selben Moment zwei Gläser Champagner. „Ich trinke auch keinen Champagner.“, erwidert Mila mit ernster Miene und erhobener Stimme. „…und zwei Gläser des besten Rotweins, den Sie haben.“, ergänzt Elias seine Bestellung beim Barkeeper, der das Gespräch gespannt mitverfolgt. Mila sieht Elias für einen Moment erstaunt an und kann nicht anders, als zu lachen. „Vielleicht versuche ich es am besten nochmal: Ich bin Mila, trinke sowohl Whiskey als auch Champagner und Rotwein, aber nur, wenn ich glücklich bin. An Tagen, an denen mir die Welt wie eine düstere Gewitterwolke vorkommt, da greife ich lieber zu etwas wirklich Wohltuendem wie Kaffee.“, lenkt Mila ein. „Und was macht Sie an einem so wundervollen Abend wie heute unglücklich?“, fragt Elias nach, während er versucht, Milas Blick aus ihrer inzwischen leeren Kaffeetasse zu erheben. „Das ist eine lange Geschichte.“, gibt Mila seufzend zu bedenken. „Wie ich sehe, haben wir beide nun reichlich zu trinken und eine ganze Nacht Zeit. Also schießen Sie los.“, entkräftet Elias Milas Worte und sie beginnt, ihm von dem heutigen Vorfall mit Leon, ihren Zweifeln an den Hochzeitsplänen sowie ihren Sorgen um ihn zu erzählen.
Ohne es zu wollen, sprudelt alles, was sie gerade beschäftigt, unkontrolliert aus ihr heraus. Warum, kann sie sich selbst nicht erklären, denn eigentlich ist Mila sehr zurückhaltend und verschlossen und macht Dinge lieber mit sich selbst aus, als mit anderen darüber zu reden, geschweige denn mit einem Fremden. Dennoch fühlt es sich in diesem Moment richtig an. Die beiden unterhalten sich stundenlang angeregt über das Leben und die Liebe, ihre Ängste und längst verlorengegangenen Träume.
Die Morgendämmerung bricht langsam über den Dächern der Stadt herein und Elias bemerkt, dass Mila den Tränen nahe ist. Er bittet sie, ihn an die frische Luft zu begleiten, was die beiden auf das Dach des Palais Schottenring zu einem atemberaubenden Sonnenaufgang führt. Schweigend betrachten Mila und Elias die faszinierend leuchtende, aufgehende Sonne und die erwachende Stadt, die ihnen zu Füßen liegt. Elias legt sein Sakko um Milas bibbernde, nackte Schultern und ein intensiver Blick in ihre Augen lässt sie erschaudern. „Ich muss jetzt gehen.“, platzt Mila erschrocken heraus. „Warten Sie doch. Wer bringt Sie denn nach Hause? Sie können den ganzen Weg ja wohl kaum in diesen Schuhen laufen.“, versucht Elias sie aufzuhalten. „Na Sie natürlich. Schließlich haben Sie uns das Schlammassel eingebrockt.“, entgegnet Mila frech in angeheiterter Verfassung. „Das hatte ich ohnehin vor. Allerdings denke ich, dass es die klügere Entscheidung wäre, wenn wir meinem Chauffeur das Fahren überlassen.“, entgegnet Elias, während er versucht, Mila wieder einzuholen.
Die beiden machen sich auf den Weg hinunter zum Ausgang, wo sie bereits von Elias´ Chauffeur erwartet werden. „Sie haben ja tatsächlich einen Chauffeur. Und eine Limousine. Hätte ich Ihnen gar nicht zugetraut“, ist Mila überrascht, als ein höflicher Herr ihr die Wagentür aufhält, da sie Elias´ Aussage eher für einen Scherz als für die Wahrheit gehalten hat. „Ich danke Ihnen für den tollen Abend, Elias.“, verabschiedet sich Mila, als sie – zu Hause angekommen - aus der Limousine steigt. „Ich danke dir, Mila. Wollen wir uns nicht duzen?“, greift Elias ein. „Wie Sie – ähm – wie du möchtest. Gute Nacht.“, wirft Mila dem verdutzten Elias, dem dieser Abschied sichtlich zu abrupt geschehen ist, noch ein letztes Lächeln zu. „Mila, warte doch mal. Kann ich… Ich muss dir etwas sagen… Mila!“, ruft er ihr verzweifelt hinterher, doch Mila öffnet die Haustür, ohne sich noch einmal umzudrehen oder Elias etwas zu hinterlassen.
Auf Zehenspitzen betritt sie die Wohnung, um Leon nicht zu wecken und muss feststellen, dass dieser noch wach ist und, wie so oft, ihr zu Hause in eine Baustelle verwandelt hat. Überall stehen Einkaufswägen mit Schallsteinen und Holzbrettern herum, die Tische sind mit Werkzeug und Kabeln übersät, die Böden bedeckt mit einer Staubschicht, in der sich gelegentlich Leons Fußabdrücke wiederfinden und der einzige, unangetastete Raum ist das Schlafzimmer. Erneut mit ihrer Traurigkeit konfrontiert, wirft Mila Leon, der ihr Nach-Hause-kommen noch nicht einmal registriert hat, einen ratlosen, kopfschüttelnden, letzten Blick zu, bevor sie ins Bett geht und versucht, zu schlafen. Trotz eines unerwartet unterhaltsamen Abends auf der Paten-Benefizgala fühlt Mila sich leer und verzweifelt. Gleichsam laufen ihr Tränen übers Gesicht und Verwirrung macht sich breit. Sie ist fest davon überzeugt, dass sie Elias nicht wiedersieht und hart an ihrer Beziehung zu Leon arbeiten muss, auch, um herauszufinden, was mit ihm nicht stimmt und die geplante Hochzeit nicht zu gefährden.
Kurz darauf erhält Mila eine SMS ihrer besten Freundin Fiona: „Hey Schnucki, geiler Typ, den du dir da geangelt hast. Und geiles Auto. Du solltest in Erwägung ziehen, ihn zu behalten, denn ich habe dich heute Morgen, als ihr aus der fetten Limo gestiegen seid, strahlen sehen wie ein Honigkuchenpferd. Hab´ dich lieb.“
Die folgenden Tage und Milas anschließendes freies Wochenende vergingen wie im Flug und immer noch vergeht kein Tag, an dem sie nicht an Elias denkt.
„Wie siehst du denn aus, Mila? Hast du die letzten Tage durchgemacht?“, spricht Nora, Milas Kollegin und Freundin, sie am nächsten Morgen im Ritz Carlton Hotel auf ihren sichtlich verwirrten Zustand an. „Nein, nein. Es ist alles in Ordnung.“, entgegnet Mila, während sie angestrengt versucht, sich auf ihre Arbeit als Guest Relation Managerin zu konzentrieren. „Das ist Blödsinn, Mila. Ich merke doch, dass da etwas nicht stimmt mit dir. Mir kannst du sowieso nichts vormachen.“, unterbricht Nora ihr Online-Mystery Rätsel und lenkt neugierig ihre Aufmerksamkeit auf Mila. Nachgiebig berichtet Mila ihr vom Abend der Benefizgala – und von Elias. Aber auch davon, dass Leon und sie am Wochenende eine Paartherapeutin aufgesucht haben, die ihr nahelegte, gut auf Leon aufzupassen und gelegentlich etwas Caritatives gemeinsam zu unternehmen, um die Qualität der Beziehung aufzufrischen. „Dann pass mal gut auf deinen Leon auf oder zweifelst du ernsthaft nach einem einzigen Abend mit einem scheinbar reichen Fremden an deiner jahrelangen Beziehung?“, hält Nora Leon die Stange. „Lass dich doch nicht von irgend so einem Kerl, der für ein paar Stunden den Gentleman spielt, blenden. Wahrscheinlich wollte er dich sowieso nur ins Bett kriegen.“, fährt Nora nüchtern und direkt fort. Mila fühlt sich, als würde sie mit dem Rücken zur Wand stehen und beschließt, das Gespräch zu beenden und sich zurückzuziehen: „Ja. Wahrscheinlich hast du Recht.“
Einige Tage später haben Milas KollegInnen nach Dienstschluss einen kleinen Umtrunk anlässlich ihres 27. Geburtstags für sie organisiert. Obwohl Mila absolut nicht in Feierlaune ist, freut sie sich doch über die kleine Überraschung, da sie sich in großen Menschenansammlungen und unter feierwütigen Leuten ohnehin nicht sehr wohlfühlt. Nach einem amüsanten Abend im Kreis ihrer KollegInnen begibt Mila sich mit einem Lächeln im Gesicht auf den Heimweg, in der Hoffnung, dass Leon zu Hause auf sie wartet und ihren Geburtstag vielleicht doch nicht vergessen hat. Plötzlich hört sie auf dem Weg zur U-Bahn eine herzerwärmende, sich ihr von hinten nähernde Stimme und bleibt wie erstarrt stehen. „Happy birthday to you, happy birthday to you, happy birthday dear Mila, happy birthday to you!“ Langsam dreht Mila sich nach der bezaubernden Stimme um und will ihren Augen nicht trauen: „Alles Liebe zum Geburtstag, Mila.“, bricht Elias die anhaltende Stille zwischen ihnen. „Elias! Was machst du hier? Wie hast du mich gefunden? Woher weißt du überhaupt, dass ich heute Geburtstag habe? Stalkst du mich etwa?“, bombardiert Mila Elias äußerst misstrauisch, begleitet von einem ungewollten Hauch Euphorie mit Fragen. „Naja ich dachte, dass du vielleicht an deinem winterlichen Ehrentag Lust auf etwas Wohltuendes wie Kaffee hast.“, reagiert Elias zögerlich auf Milas Fragen, während er die nahegelegene Parkbank in eine kuschelige Decke kleidet, ringsum Kerzen anzündet und Mila den Muffin überreicht, den eine brennende Geburtstagskerze schmückt, ebenso wie einen heißen Karamell-Cappuccino von Mc Donald´s. „Danke.“, flüstert Mila leise, schlürft ihren Becherkaffee und lächelt. „Nun, da wir hier schon mal sitzen und ich so gut wie nichts über dich weiß, ist es an der Zeit, heute zur Abwechslung mal über dich zu reden.“, stellt Mila gespielt selbstsicher fest, während sie an ihren geheimen Wunsch denkt und die Kerze auspustet. „Also gut, Madame. Da heute Ihr Geburtstag ist, kann ich Ihnen diesen Wunsch wohl kaum abschlagen.“, scherzt Elias und beginnt nach einem tiefen Atemzug seine Erzählung: „Ich bin Elias, bin junge 39 Jahre alt und wohne in einer idyllischen Stadt namens Heidelberg in Deutschland. Meine Mutter hat ihre Wurzeln in Südafrika, wo sie auch meinen deutschen Vater auf einer seiner unzähligen Reisen kennenlernte. Ich habe keine Geschwister, keine Kinder und keine Frau, dafür aber einen liebenswerten Labrador namens Elmo und die Musik. In meiner Freizeit…“, „und wer bist du abseits deiner auswendig gelernten Biografie, Elias?“, wird er von Mila in seinen oberflächlichen Aufzählungen unterbrochen. „Ich… ehrlich gesagt bin ich grottenschlecht darin, mich anderen Personen zu öffnen und über mehr als eine oberflächliche Biografie und meinen Job zu sprechen.“, stottert er. Ohne Elias wahre Identität zu kennen, fährt Mila fort: „Elias, du bist von einem Moment auf den nächsten plötzlich in mein Leben getreten und hast es seither nicht verlassen – zumindest in meinen Gedanken nicht. Ich kenne weder dich noch deine Absichten und – wie ich bereits sagte – werde ich in wenigen Monaten heiraten. Also wer bist du und was willst du?“, gibt Mila auffordernd von sich und sieht Elias fragend und sich nach einer Antwort sehnend in die Augen. „Liebe Mila, wenn ich dir dies verraten würde, müsste ich dich töten.“, versucht er der unangenehmen Situation ein humorvolles Ende zu setzen und schafft es erneut nicht, ihr die Wahrheit zu gestehen. Nach Minuten des abwartenden Schweigens ist auch Milas Hoffnung, eine Antwort zu bekommen, erloschen. „Mach´s gut, Elias.“, verabschiedet Mila sich enttäuscht von ihm und setzt ihren Weg nach Hause fort.
Dort angekommen erwartet sie ein Haufen Schutt im Vorzimmer und eine Plastikbox Spaghetti Carbonara in der Küche mit einer Notiz: „Alles Gute zum Geburtstag, Maus. Lass es dir schmecken. Hab dich lieb. Leon“
Die kommenden zwei Wochen vergehen wie im Zeitraffer. In Milas Kopf geistern immer wieder Gedanken an Elias umher und auch Leons Undurchsichtigkeit macht ihr schwer zu schaffen. Ehe ruhige, besinnliche Adventsstimmung aufkommen kann, steht Weihnachten bereits vor der Tür und Mila zweifelt keine Sekunde mehr daran, dass Elias ihr etwas verheimlicht. Andererseits hofft sie, dass er so zufällig, wie er in ihr Leben gestolpert ist, es auch wieder verlassen hat, obwohl in ihr insgeheim der Wusch schlummert, ihn wiederzusehen. Das Karussell in ihrem Kopf scheint einfach kein Ende nehmen zu wollen.
Am Heiligen Abend setzen Mila und Leon das mit der Paartherapeutin besprochene caritative Projekt um und verbringen ihn vorlesend, mitsingend und zuhörend in einem Altersheim nahe Schönbrunn. Bereits bei ihrer Ankunft wirkt Leon niedergeschlagen und energielos. Während er ergriffen den Geschichten und Schicksalen der BewohnerInnen lauscht, hat er schwer damit zu kämpfen, nicht einzuschlafen. Immer wieder fallen ihm die Augen zu und es kostet ihn eine Menge Kraft, sie offen zu halten. Mila ist zutiefst berührt von den Erzählungen dieser alternden Menschen und spürt, dass sie an diesem Heiligen Abend reicher beschenkt wurde, denn je.
„Leon, darf ich dich etwas fragen?“, sucht Mila vorsichtig während der Heimfahrt das Gespräch. Leon sieht sie einen Moment lang an und schweigt. „Ich mach´ mir Sorgen um dich. Ich bemerke, dass du seit Monaten ständig in Extremen lebst: Mal schläfst du 24 Stunden am Tag, mal schläfst du zwei Tage gar nicht. Unsere Wohnung verwandelt sich von Tag zu Tag mehr in eine unüberblickbare Baustelle, die keinen Sinn ergibt - von unserer Beziehung ganz zu schweigen… Ich will dir helfen, doch um das zu können, musst du mit mir reden. Ich bitte dich darum.“, fleht Mila ihn verzweifelt an. Nach längerem Schweigen versucht Leon, sich aus seiner Erklärungsnot zu retten: „Du weißt doch, Mila, seit ich das Restaurant eröffnet habe, läuft es wie durch einen Segen von Monat zu Monat besser und wir sind bereits jetzt zwei Monate im Voraus ausgebucht. In ein paar Wochen erscheint die neue Gault Millau-Bewertung und es geht um unsere dritte Haube. Das wollten wir doch beide immer. Jetzt müssen wir unsere Bedürfnisse eben für einige Zeit hintanhalten.“ „Ja vielleicht hast du Recht.“, reagiert Mila traurig und nachdenklich auf Leons Aussage. Sie spürt, dass weiter nachzubohren keinen Sinn hätte und belässt es dabei.
Zu Hause angekommen, zieht Mila sich ins Schlafzimmer zurück und versucht, Leons Worte zu verarbeiten.
Um ihre kreisenden Gedanken zu unterbinden und all die Emotionen, die sie gerade durchströmen, zu ordnen, hat Mila schon als Kind oftmals niedergeschrieben, was sie innerlich beschäftigt und nicht loslässt. Dies tut sie immer noch und so greift sie auch an diesem Abend zu ihrem Tagebuch.
Liebes Tagebuch,
Glaubst du, Leon hat Recht und ich verhalte mich zu egoistisch? So einleuchtend das auch klingen mag, mein Bauchgefühl sagt mir, dass da mehr hinter seinem seltsamen Verhalten steckt als nur die Arbeit, denn hinter der hat er sich immer schon gerne versteckt und sie als tarnende Ausrede und Erklärung für sämtliche Probleme benutzt. Mittlerweile bin ich mir nicht einmal mehr sicher, ob dieses Restaurant für uns nicht doch mehr Fluch als Segen bedeutet. Aber wie soll ich nur näher an Leon herankommen, wenn er mir permanent ausweicht? Vielleicht bilde ich mir das alles auch nur ein, denn schließlich hat er mich mit einem Termin bei einer Goldschmiedin überrascht, mit der wir gemeinsam unsere Eheringe entwerfen und modellieren – sein nachträgliches Geburtstagsgeschenk sozusagen.
Ja und dann ist da noch Elias. Weißt du, eine Hälfte von mir freut sich sehr darüber, endlich von diesem undurchsichtigen Typen in Ruhe gelassen zu werden und sich auf Leon zu konzentrieren, aber die andere Hälfte weiß ihr Interesse und die Neugierde an diesem fremden Mann kaum zu bändigen. Gestern Nacht habe ich sogar von ihm geträumt. Man sagt, dass man von einer Person träumt, wenn diese an dich denkt. Was ist das nur für eine verwirrende Welt?
Deine Mila
Die Weihnachtsfeiertage, die gefüllt waren mit Familienbesuchen und einer Menge Arbeit in Leons Restaurant, sind vorüber.
Milas Chef, der Hoteldirektor, bittet sie direkt am ersten Morgen nach ihrem Weihnachtsurlaub zu sich ins Büro. Zaghaft klopft sie und wartet darauf, hereingebeten zu werden. Als sie die Tür öffnet, erblickt sie ihren Chef summend hinter seinem Schreibtisch sitzend. Mit unsicheren Schritten betritt sie den Raum und sieht ihn ein wenig irritiert an. „Mila, kommen Sie ruhig herein. Bitte setzen Sie sich doch. Möchten Sie etwas trinken?“, wird sie freundlich von ihm empfangen. „Nein, danke.“, lehnt sie höflich lächelnd ab und nimmt ihm gegenüber Platz. „Sie wissen, wie sehr ich Ihre hochwertige Arbeit und die Qualität Ihres kundenorientierten Handelns schätze. Ich merke aber auch, dass in Ihnen mehr steckt als eine hochkarätige Guest Relation Managerin. Sie sind eine Frau mit Visionen und dem Talent, diese umzusetzen und dabei stets einen realistischen Blick auf die Dinge zu behalten. Und unsere ranghohen Gäste lieben Ihre diskrete Art, ihnen jeden Wunsch von den Augen abzulesen. Genau aus diesem Grund möchte ich Ihnen die Stelle der stellvertretenden Hoteldirektorin des Hauses Ritz Carlton Wien anbieten.“, unterbreitet der Hoteldirektor Mila freudig seinen Wunsch. „Mir?“, stammelt Mila mit aufgerissenen Augen. „Ja genau. Ihnen.“, bekräftigt er sein Angebot. „Aber ich habe mich doch gar nicht auf die Ausschreibung beworben, da ich überhaupt keine Ahnung davon habe, wie man ein Hotel wie dieses führt.“, geht Mila immer noch davon aus, sie hätte sich verhört. „Trauen Sie sich, Mila. Ich glaube an Sie. Jetzt müssen Sie es nur selbst auch tun.“, fährt er fort und sieht Mila erwartungsvoll an. Nach den ersten Momenten des Schocks fühlt Mila sich geehrt von den wertschätzenden Worten ihres Chefs und ist entschlossen, die sich ihr bietende Chance zu ergreifen und das Angebot anzunehmen, denn zielstrebig und ehrgeizig ist sie wohl schon, seit sie denken kann.
Nach dem Gespräch eilt Mila aufgeregt zur Rezeption, um Nora die frohe Botschaft zu überbringen. „Ich gratuliere dir, Mila. Das hast du dir mehr als verdient. Ich bin mir sicher, dass du auch als Direktorin großartige Arbeit leisten wirst. Und ich freue mich, ab August eine neue Chefin zu haben: Dich!“, grinst sie stolz und umarmt Mila fest. „Du wirst nicht glauben, wer gerade ohne Reservierung bei uns eingecheckt hat.“, platzt Nora plötzlich heraus, „Elias Engelsen.“, strahlt sie übers ganze Gesicht. „Aha. Und wer ist das nun wieder? Erneut ein weltberühmter Online-Gamer oder wieder einer deiner unzähligen Youtuber?“, nimmt Mila Nora gut gelaunt auf die Schaufel. „Du kennst Elias Engelsen nicht? DEN deutschsprachigen Sänger überhaupt?“, hinterfragt Nora ungläubig Milas Aussage. „Offensichtlich nicht, aber den recherchiere ich später. Schließlich sollte ich ja über unsere Gäste Bescheid wissen. Zuvor will ich den anderen noch die Top News berichten, bevor sie es von jemand anderem erfahren.“, lässt Mila Nora, ohne ihre Antwort abzuwarten, an der Rezeption zurück.
Nach einem abwechslungsreichen Arbeitstag, unzähligen Glückwünschen und Umarmungen zu ihrer frisch ergatterten Stelle sowie einer Menge neuer Hotelgäste verlässt Mila abends in bester Laune das Hotel. In schnellen Schritten geht sie Richtung U-Bahn, während sie ungeduldig versucht, ihre Kopfhörer zu entwirren. „Kann ich dir dabei vielleicht helfen?“, wird Mila durch eine vertraute Stimme schlagartig aus ihrem Vorhaben gerissen. Sie wagt es kaum ihren Blick zu heben und erstarrt für einen Moment. „Oh. Dieses Kabel-Wirrwarr sieht ganz schön übel aus. Weißt du was? Hier. Nimm einfach meine.“, streckt ihr eine bekannte Hand Kopfhörer unter die Nase. Langsam wandert Milas Blick entlang des ausgestreckten Arms zu einem sie strahlend anlächelndem Gesicht. „Nein danke, Elias. Und noch etwas: Könntest du es liebenswürdigerweise unterlassen, mir überfallsartig an allen Ecken aufzulauern? Da bekommt man ja regelrecht Angst.“, weist sie ihn in strengem Ton zurecht. „Das tut mir wirklich leid. Ich wollte dir keine Angst einjagen. Ich hatte nur den Eindruck, dass dich unsere „zufälligen“ Begegnungen aufheitern würden.“, rechtfertigt Elias sein Erscheinen. Geschockt vom Wahrheitsgehalt dieses Satzes und gleichzeitig bemüht, sich nichts davon anmerken zu lassen, erwidert Mila: „Vielen Dank, aber ich bin heiter, sehr heiter sogar.“. „Also im Moment merke ich davon nicht gerade sehr viel.“, gibt Elias zweifelnd mit Blick auf die verknoteten Kopfhörer zu bedenken. Um ihre Heiterkeit zu belegen, erzählt sie ihm beiläufig auf dem Weg zur U-Bahn von ihrer Beförderung. „Ich gratuliere dir, Frau Hoteldirektorin. Dein Chef hat damit die wohl beste Entscheidung seines Lebens getroffen.“, befürwortet Elias Milas neue Stelle, während er sie überraschend in eine sanfte Umarmung verwickelt, „Herzlichen Glückwunsch, Mila.“ „Danke sehr. Ich muss jetzt gehen.“, versucht sie der Situation zu entkommen und Elias erlebt ein Deja vu. „Jetzt warte doch mal. Ich bringe noch rasch deine Kopfhörer wieder in einen gebrauchsfähigen Zustand.“, hindert Elias sie am Gehen, „Nur um kein Risiko einzugehen, dass Madame Mila ohne musikalische Begleitung nach Hause fährt.“ „Die sind so im Kuddelmuddel, die kriegt man auf die Schnelle eh nicht entwirrt.“, versucht Mila sein Offert auszuschlagen. „Wollen wir wetten?“, fordert er sie auf, „Wenn ich dieses Kabelchaos in weniger als zwei Minuten aufgelöst habe, darf ich dich zum Essen einladen.“ „Eine Minute. Nur um kein Risiko einzugehen, dass Monsieur Elias mich zum Dinner ausführt.“, verschärft Mila die Wette siegessicher. „Und…da…haben…wir…es…auch…schon… geschafft.“, nach nicht einmal 30 Sekunden überreicht Elias ihr heldenhaft mit stolzem Gewinnerblick die entwirrten Kopfhörer. „Morgen Abend?“, will er seine gewonnene Wette dingfest machen. „Nächste Woche. Und danke für die Kopfhörer.“, vertröstet Mila ihn und läuft die Treppen zur U-Bahn hinunter.
„Sag mal, willst du mich verarschen, Mila?“, schießt Nora am nächsten Morgen energisch in Milas Büro, die gerade ihren Mantel ablegt und die Kaffeemaschine einschaltet. „Guten Morgen erstmal. Was ist denn passiert?“, regiert Mila verdutzt. „Elias Engelsen. Das ist passiert. Gestern Morgen sagst du mir, du kennst diesen Mann nicht und ein paar Stunden später spazierst du mit ihm seelenruhig durch die Stadt. Mann, ich check das grad überhaupt nicht.“, konfrontiert Nora Mila mit ihren Beobachtungen. „Jetzt beruhige dich erstmal, Nora. Da muss ein Missverständnis vorliegen. Der Mann, der mit mir gestern zur U-Bahn gegangen ist, ist der Mann, den ich auf der Gala kennengelernt habe. Keine Ahnung, wer dieser Elias Engelsen ist, von dem du die ganze Zeit sprichst.“, versucht Mila die Sache aufzuklären und Nora zu beruhigen, während sie den PC startet. Auch wenn Mila insgeheim bereits ahnt, das hinter Elias mehr steckt, als ein unbekannter Fremder, so gelingt es ihr immer noch, dieses Gefühl unbewusst zu leugnen, ihre Zweifel zu unterdrücken und das Thema Elias beiseitezuschieben. „Der Mann, den du auf der Gala kennengelernt hast, IST Elias Engelsen, Mila!“, stellt Nora bestimmend fest. „So ein Blödsinn. Mir lauert doch kein „Star“ auf. Ich bitte dich, Nora.“, zieht Mila Noras Feststellung ins Lächerliche, auch wenn sie sich dessen gar nicht mehr so sicher ist. „Offensichtlich schon.“, widerspricht Nora ihr vehement, während sie ihr einen Zeitungsartikel über Elias Engelsen, der mit einem Echo in der Hand auf dem roten Teppich posiert, vors Gesicht hält. Mila wird kreidebleich vor Schreck, der auch die Kaffeetasse in ihren Händen zu Boden fallen lässt. „Scheiße, was?“, ist Mila entsetzt, als Nora ihr unausweichlich die Realität schwarz auf weiß vor Augen führt.
Durchströmt von Verwirrung, Wut und Verwunderung berichtet Mila Nora von ihrem Geburtstagsabend mit Elias auf der Parkbank und dem gestrigen Aufeinandertreffen mit ihm. „Ich werde den Kontakt mit Elias abbrechen und ihm klarmachen, dass er aus meinem Leben zu verschwinden hat. Das ist das Beste für uns alle. …Übrigens: Leon und ich verbringen den Tag morgen bei einer Goldschmiedin. Wir machen unsere Eheringe selbst.“, wechselt Mila hastig das Thema und weckt damit Noras Misstrauen.
Liebes Tagebuch,
Leon und ich waren heute bei einer ganz lieben Goldschmiedin im ersten Bezirk, um unsere Eheringe zu designen. Der Tag hat uns beiden gutgetan, obwohl Leon anfangs noch zu müde war, um ganz bei der Sache zu sein. Das hat sich dann aber bald ins Gegenteil verkehrt. Er ist für einige Minuten nach draußen an die frische Luft gegangen, meinte, er müsse sich kurz die Füße vertreten und als er zurückkam, war seine Müdigkeit wie weggeblasen. Das ist schon irgendwie seltsam, findest du nicht?
Jedenfalls hat Leon einen wunderschönen Ring für mich kreiert und mich einmal mehr mit einem seiner außergewöhnlichen, kreativen Talente überrascht.
Und dann ist da noch etwas: Nora hat heute das Geheimnis um Elias gelüftet: Elias, der Mann von der Gala ist Elias Engelsen, ein angeblich sehr erfolgreicher Musiker. Kannst du dir das vorstellen? Naja, vielleicht übertreibt Nora ja maßlos mit dem Grad seiner Prominenz. Immerhin haben es auch schon weniger bekannte Künstler zu einem Echo geschafft. Ich werde diesen Typen mal googeln – darum komm´ ich ohnehin nicht herum, da er blöderweise obendrauf noch unser Hotelgast ist und ich meinen Job ernst nehme und mich professionell verhalten werde. Nicht mehr und nicht weniger. Und was unseren Kontakt außerhalb meines beruflichen Bereichs betrifft: Der wird unwiderruflich eingestellt. Was soll ich denn mit einem Menschen anfangen, der mir nicht mal ins Gesicht sagen kann, wer er wirklich ist? Und das Dinner aus der verlorenen Kopfhörerwette? Das sage ich unter diesen Umständen selbstverständlich ab. Vielleicht sollte ich auch damit aufhören, irgendjemandem von Elias und unseren „zufälligen“ Begegnungen zu erzählen – das würde mir 161cm kleinen, grauen Maus sowieso niemand glauben, geschweige denn würde mich jemand ernst nehmen.
Deine Mila
Ungewollt neugierig setzt Mila sich abends mit einem Glas Rotwein an den Laptop, öffnet Google, sucht nach „Elias Engelsen“ und so beginnt die Entdeckungstour einer ihr bisher unbekannten Musiklegende: „25 mal Gold und 20 mal Platin – Was macht Elias Engelsen so erfolgreich?“, „Fünf Echos, drei MTV Music Awards und acht soziale Projekte - Elias Engelsen ist nicht zu bremsen“, „Die goldene Stimme des deutschsprachigen Raums – wie Elias Engelsen das Publikum in seinen Bann zieht“.
Mila liest sich wissbegierig durch unzählige Zeitungsartikel, Reportagen und Interviews und sieht sich hunderte Bilder an, die von Elias im Netz zu finden sind, während sie genüsslich an ihrem südafrikanischen Rotwein nippt und Elias Liedern lauscht, der ihre spannende Entdeckungsreise musikalisch untermalt.
„Hallo Maus. Was machst du denn um diese Uhrzeit noch auf?“, unterbricht Leon, der gegen zwei Uhr morgens vom Restaurant nach Hause kommt, Milas vertiefte Recherche. „Ich? Ähm… ich arbeite.“, erwidert Mila wie aus der Pistole geschossen und knallt den Laptop zu. „Meinst du nicht, du hast genug gearbeitet für heute?“, fragt Leon und hebt Mila dabei aus dem Schaukelstuhl, um sie ins Schlafzimmer zu tragen.
Er küsst sie sanft und leidenschaftlich zugleich, während er sie lustvoll entkleidet. Mila ist erfreut über Leons Initiative und wünscht sich gerade nichts mehr, als dass ihre Gedanken, die um Elias kreisen, für ein paar Augenblicke verstummen. „Ist alles in Ordnung, Maus?“, unterbricht Leon das gewohnt liebevolle Vorspiel. „Natürlich. Alles okay, Schatz.“, antwortet Mila aus ihrem Denken gerissen und knöpft Leons Jeans auf. Sie genießt den Sex mit ihm in vollen Zügen und dennoch fällt es hier schwer, sich voll und ganz darauf einzulassen. Zum ersten Mal in ihrem Leben empfindet Mila das anschließende Kuscheln mit ihrem Verlobten als unangenehm und versucht, sich aus der sie umschlingenden Umarmung zu lösen, als Leon nach wenigen Minuten eingeschlafen ist. Erleichtert und gleichzeitig von einem schlechten Gewissen Leon gegenüber geplagt, liegt Mila noch lange wach. Schwindelig von ihren Gefühlen und Gedanken, all den Unklarheiten und Fragezeichen findet sie keinen Schlaf. Es ist bereits weit nach drei Uhr morgens, da erhält Mila eine Nachricht von Nora: „Hey Mila. Deine Recherchen um Elias Engelsen kannst du dir sparen. Er hat soeben kommentarlos ausgecheckt.“
Die Wochen vergehen und der Frühling erblüht langsam auch in Wien. Und doch heilt die Zeit nicht alle Wunden: Leon verhält sich nach wie vor unerklärlich, schläft mal gar nicht, mal 24 Stunden. Von Elias hat Mila nach seinem überraschenden Check-out nichts mehr gehört, aber vergessen kann sie ihn trotzdem nicht. Obwohl sie sich fest vorgenommen hat, den Kontakt zu ihm abzubrechen, ist es ihr dennoch ein brennendes Bedürfnis, die Situation, in welcher sie auseinander gegangen sind, mit ihm zu bereden und herauszufinden, wer er wirklich ist und was hinter der Star-Maske und seinem wortlosen Verschwinden steckt.
All das muss warten, denn heute ist Rosas großer Tag: Ihr 60. Geburtstag ist gekommen. Rosa, Milas Mutter, hat gemeinsam mit Mila und ihrer vier Jahre jüngeren Schwester Sophia eine perfekte Gartenparty auf die Beine gestellt, die keine Wünsche offenlässt: Ein gelb-weißer, mit Blumen und Girlanden geschmückter Pavillon steht bei strahlendem Sonnenschein inmitten von Rosas Garten, unter seinem Dach füllen gemütlich arrangierte, mit Sonnenblumen verzierte Tische den Raum. Mit Sektflöten bestückte Stehtische bilden das Entree auf der Terrasse, ein gebuchter Sänger hat bereits seinen Platz hinter dem Keyboard eingenommen und die ersten Gäste trudeln ein und werden herzlich von Mama Rosa willkommen geheißen und von Mila und ihrer Schwester Sophia mit Sekt und Häppchen begrüßt, während im Hintergrund leise, heitere Musik zu hören ist. Mila und Sophia haben sich einige Überraschungen für Rosa ausgedacht und wollen diesen Tag zu Rosas schönstem machen.
„Mila, wo bleibt denn der Wein? Und die Eiswürfel sind auch aus.“, reißt Sophia die verloren in der Küche stehende Mila aus ihren Gedanken. „Sorry. Die habe ich vergessen. Ich bringe beides sofort raus.“, entschuldigt Mila sich sofort. „Was ist denn los mit dir? Ist alles in Ordnung? Geht es dir gut, Mila?“, fragt Sophia besorgt nach. „Ja, mir geht’s wirklich gut. Alles bestens.“, entgegnet Mila. „Bist du dir sicher? Ist es wegen Leon? Weil er sich an Mamas Geburtstag für sein Restaurant und nicht für das hier entschieden hat?“, hakt Sophia nach. Mila zögert einen Augenblick mit ihrer Antwort. Ihr ist bewusst geworden, dass sie seit Monaten kein vertrautes Gespräch mit ihrer Schwester hatte und - trotz des Vorhabens alles für sich zu behalten - das Bedürfnis verspürt, sie in die Ereignisse der letzten Wochen einzuweihen, aber nicht jetzt. „Ja, das auch. Aber Sophia, lass uns in den nächsten Tagen mal in Ruhe drüber reden. Jetzt wollen wir erstmal die Gäste und natürlich Mama glücklich machen. Ist schließlich ihr großer Tag heute.“, zwinkert Mila Sophia zu und die beiden machen sich wieder daran, die Bar aufzufüllen.
Während der Sänger die Gäste unterhält und zum Tanzen bewegt, stellen Mila und Sophia einen bequemen Stuhl vor der Bühne auf, denn es warten ein paar wunderbare Überraschungen auf Rosa: Mila hat das Leben und Wesen ihrer Mutter in ein Gedicht verwandelt, für sie ein Lied auf die Melodie ihres Lieblingshits geschrieben und dies dem Sänger vorab zum Einstudieren geschickt, denn selbst auf der Bühne zu stehen wusste Mila um jeden Preis zu verhindern.
Rosa ist tief berührt und überglücklich, während sie den Zeilen des Gedichts und ihrem persönlichen Lied „Eine Mama wie du“ lauscht. Dennoch schweift ihr Blick immer wieder zu Mila ab und auch sie stellt sich langsam die Frage, was mit ihrer ältesten Tochter los ist, beschließt jedoch, dies erstmal unkommentiert stehen zu lassen und Mila Zeit zu geben, von selbst auf sie zukommen zu können.
Ein prächtig farbenfrohes Feuerwerk krönt die Feier zum Abschluss. Während die Gäste begeistert in den Himmel schauen und sich daran erfreuen, sitzt Mila in der Wiese, den Blick nach oben gerichtet und denkt an Elias.
Nach dem Fest kehrt allmählich wieder Alltag in Milas Leben ein: Sie bereitet sich auf ihre neue Stelle im Hotel vor, versucht Leon, so gut sie kann, im Restaurant zu unterstützen und auch die Gedanken an Elias nehmen langsam ab.
Ein vollgefüllter Arbeitstag ist zu Ende und Mila beschließt, sich an diesem frühen, kühlen Maiabend ein Bad einzulassen, um ein wenig zu entspannen und sich auf ihren bevorstehenden freien Tag einzustimmen. Gerade als sie im heißen Wasser versunken ist, läutet es an der Tür. Ein wenig verwundert steigt Mila aus der Wanne und betätigt - ohne nachzufragen - den Türöffner. Sie vermutet, dass Leon es ist, der seinen Schlüssel mal wieder vergessen hat. Er hatte ohnehin vor, heute etwas früher nach Hause zu kommen.
Rasch wickelt sie ihre langen, dunkelbraunen Haare in ein Handtuch und zieht den Bademantel über. Es klopft an der Wohnungstür und Mila öffnet, in der Erwartung, Leon davor vorzufinden. „Guten Abend, Madame Mila.“ Vor der Tür steht ein gut gebauter, durchtrainierter, knapp zwei Meter großer Mann im Anzug, der eine große, edle Schachtel mit einer roten Schleife, einen Becher Kaffee und einen gelb blühenden Kaktus in den Händen hält. Nein, dieser Mann ist definitiv nicht Leon. „Ähm… guten Abend?!“, stammelt Mila verwirrt, während sie das Gefühl nicht loswird, dem Besucher irgendwo schon einmal über den Weg gelaufen zu sein.
„Vielleicht können Sie sich noch an mich erinnern. Ich habe Sie nach der Benefizgala vor ein paar Monaten nach Hause gefahren.“ Mila erstarrt. „Sie sind Elias´ Chauffeur, richtig?“, dämmert es ihr. „So ist es, Madame.“, bestätigt er Milas Vermutung. „Was wollen Sie hier? Schickt Elias Sie her?“, versucht Mila aufgebracht Licht in die Situation zu bringen. „In der Tat, Madame. Er hat mich gebeten, Ihnen das hier zu überreichen.“, erklärt der Chauffeur höflich und drückt Mila die edle Schachtel samt Kaffee und Kaktus in die Hand. „Ich warte dann hier vor der Tür auf Sie, bis Sie sich umgezogen haben.“, fährt er fort. „Oh nein, ganz bestimmt nicht! Vielen Dank, aber die Mühe hätten Sie sich sparen können. Und Elias auch. Ich werde nirgendwo hingehen und richten Sie Elias aus, dass er mich in Ruhe lassen soll. Er soll endlich aus meinem Leben verschwinden. Für immer!“, fährt Mila Elias´ Chauffeur an und knallt ihm die Tür vor der Nase zu.
Wütend und irritiert lässt Mila Kaktus und Kaffee im Vorzimmer stehen und wirft die Schachtel auf die Wohnzimmer-Couch. Hin- und hergerissen, ob sie sie öffnen soll oder nicht, läuft sie ihre Runden durch die Wohnung und nimmt widerwillig einen Schluck aus dem Becher. Der Geschmack des Karamell-Cappuccinos erinnert sie an ihren Geburtstagsabend mit Elias auf der Parkbank und an das Gefühl, das sie damals hatte, als sie ihn dort mit hunderten Fragen, die ihr auf der Seele brannten, zurückließ. Kopfschüttelnd läuft sie in die Küche und schüttet den noch heißen Kaffee in den Abfluss. Minutenlang steht sie mit verschränkten Armen vor der Couch, auf der sich die Schachtel befindet, starrt sie an, starrt ins Leere, starrt sie an, starrt ins Leere, läuft auf und ab, immer wieder aufs Neue, … Ihre Neugierde wächst ins Unermessliche und Mila beschließt, die Schachtel zu öffnen.
Obenauf liegt eine handgeschriebene Karte, auf der steht: „Wettschulden sind Ehrenschulden. Bitte komm mit und lass uns über alles reden. Elias“ Darunter liegt ein fein säuberlich gefaltetes Kleidungsstück. Als Mila es herausnimmt, kommt eine sonnengelbe, bodenlange Seidenrobe zum Vorschein, die an Eleganz und Außergewöhnlichkeit kaum zu übertreffen ist: Der obere Teil des Kleides ist zart bestickt und dazwischen finden sich kleine, funkelnde Steinchen. Der tiefe Rücken verleiht ihm einen unschlagbaren Wow-Effekt und zum Boden hin ist es mit fließendem Chiffon bedeckt. Als Mila die Schachtel zur Seite stellen will, entdeckt sie noch eine weitere, kleine Schachtel, die sie vorsichtig öffnet. In dieser befindet sich ein diamantbesetztes Collier. Wie aus einem Traum erwacht, packt sie das Kleid samt Collier wieder in die Schachtel zurück und schließt für einen Moment die Augen, denn ihre Gedanken überschlagen sich:
Was passiert denn hier gerade? Spinnt der Typ nun komplett? Was bildet der sich eigentlich ein? Schickt hier mal eben aus dem Nichts seinen Chauffeur vorbei und meint, dass wir mal so nebenbei einen netten Abend miteinander verbringen könnten, um zu reden?! Pfff… Der hat sie doch nicht mehr alle. Gerade jetzt, wo ich endlich anfange ihn zu vergessen, taucht er wieder auf. Und wozu das alles? Um dann ein paar Tage später wieder wortlos zu verschwinden und irgendwann einfach wiederaufzutauchen, wenn es ihm passt. Ganz zu schweigen davon, was passiert wäre, wenn Leon daheim gewesen wäre. Das muss ein Ende haben. Ich muss mit Elias reden und ihm ein für alle Mal klar machen, dass ich ihn nicht mehr sehen will. Nie wieder.
Entschlossen schlüpft Mila in Jeans, Kapuzenpulli und Sneakers, schnappt ihre Handtasche und die Schachtel und verlässt mit noch feuchten Haaren die Wohnung, in der Hoffnung, dass Elias´ Chauffeur doch gewartet hat und noch da ist. „Sie sehen wunderschön aus, Miss Mila. Auch wenn Sie es ablehnen, das Kleid von Herrn Engelsen zu tragen. Wollen wir?“, hält er ihr charmant die Limousinentür auf. Mila verdreht – belustigt von der Aussage des Chauffeurs – die Augen. „Danke, aber ich kann die Autotür allein öffnen. Außerdem sitze ich viel lieber vorne.“, weist Mila den Chauffeur zurück. „Ich bedauere Madame, aber dies ist aus Sicherheitsgründen leider nicht möglich. Ich muss Sie also bitten, im hinteren Teil der Limousine Platz zu nehmen.“, setzt der Chauffeur entgegen und lässt sich nicht davon abbringen, ihr weiterhin die Hintertür aufzuhalten. Mila atmet tief durch, steigt kapitulierend hinten ein und die beiden fahren in Richtung Autobahn.
„Nur dass Sie es wissen: Das hier wird kein romantischer Abend und auch kein Date. Es ist eine Aussprache, die notwendig ist, um dem Ganzen ein Ende zu setzen.“, versucht Mila ihre Einwilligung zum Treffen mit Elias vor seinem Chauffeur zu rechtfertigen. „Ich verstehe.“, antwortet dieser neutral. „Sagen Sie mal, wohin fahren wir eigentlich?“, will Mila letztendlich wissen. „Zum Flughafen, Madame.“
Am Flughafen Wien-Schwechat angekommen, erblickt Mila die Aufschrift: „VIP Aviation Terminal“. Sie steigt aus der Limousine und der Chauffeur begleitet sie durch die Sicherheitskontrolle bis zu dem Ausgang, wo ein roter Teppich auf sie wartet, an dessen Ende Elias im Anzug steht und sie strahlend empfängt. „Mila, ich freue mich wahnsinnig, dass du gekommen bist. Dafür bin ich dir sehr dankbar.“, begrüßt er sie und möchte sie umarmen, doch Mila verweigert die Umarmung. „Elias, was soll das alles? Warum steht in deinem Rücken ein Privatjet inklusive Crew? Und der rote Teppich? Wieso bist du einfach verschwunden und wieso tauchst du ausgerechnet jetzt wie aus dem Nichts wieder auf? Was…“ „Mila, ich verstehe vollkommen, dass du wütend und sauer auf mich bist und das absolut zu Recht. Komm, lass uns einsteigen und ich verspreche, dir all deine Fragen zu beantworten. So genau und so lange du willst.“, unterbricht Elias Mila, um sie ein wenig zu besänftigen. „Du bist ja vollkommen verrückt. Denkst du ernsthaft, dass ich mit dir in ein Flugzeug steige und wohin auch immer fliege? Ich bin nicht hier, um eine Wette einzulösen, Elias. Ich bin hier um das, was auch immer da zwischen uns ist, zu beenden. Ein für alle Mal.“, erklärt Mila ihr Erscheinen. „In Ordnung. Das kannst du auch im Flugzeug tun, aber nicht, bevor wir nicht alle Missverständnisse aus der Welt geschafft haben. Darf ich bitten?“, bleibt Elias hartnäckig und bietet ihr mit ruhiger Stimme seinen Arm zum Einhängen an. „Danke, ich kann allein gehen.“, erwidert Mila ein wenig fassungslos und bewegt sich zögerlich und kopfschüttelnd über den roten Teppich in Richtung Flugzeug, „Warum ich das tue, weiß ich gerade selbst nicht so genau.“
Mit einem mulmigen und zugleich aufregenden Gefühl steigt Mila langsam die Treppen ins Innere des Flugzeugs hoch und lässt sich in einen der bequem wirkenden, großzügigen, braunen Sitze fallen. Elias setzt sich ihr gegenüber und die beiden beobachten durch die winzig wirkenden Fenster, wie Wien unter ihnen immer kleiner wird und sie die Wolkendecke durchfliegen. Ein Crewmitglied bringt eine Karaffe mit Saft, eine zweite mit Milch und eine dritte mit Wasser.
