Kollisionen - Thomas Wehr - E-Book

Kollisionen E-Book

Thomas Wehr

4,8

Beschreibung

Eine Begegnung mit Gott, bei der es am Ende Pfefferminzeis gibt, ein heißer Sommer in der verzauberten Lagunenstadt Venedig, ein gelber Basketball, der eine lebensrettende Erinnerung zurückbringt, und ein frommer Patient, dem der Teufel Streiche spielt – in vier Erzählungen steht der seelisch hungernde Mensch im Vordergrund, der sich der Herausfor-derung einer unglaublichen Einladung durch den lebendigen Gott stellt, die immer unerwartet und auf ungewöhnliche Weise den Alltag durchbricht. Der Weg mit Gott bedeutet immer auch die Abnabelung von alten Gewohnheiten und Denkweisen. Viel Mut bringen die Menschen in den Erzählungen auf und gleichzeitig werden sie von ihrem himmlischen Gastgeber gestärkt und fürsorglich auf ihrem Weg begleitet. In jeder Erzählung greift Gott spürbar in den Alltag ein, in dem die Akteure über sich selbst hinauswachsen und sich von den Ketten einer isolierenden Gesellschaft befreien. Insofern sind die „Kollisionen“ eine Ermutigung für alle Suchenden und der Anstoß zu einer Veränderung, die – auf Gott gerichtet – immer zum Positiven wirkt. „Die Geschichten fesseln, sie ziehen in den Text hinein. Ich finde sie sprachlich großartig. ‚Der Anruf‘ ist eine wunderschöne Geschichte...“ Martin Gundlach - Chefredakteur der Zeitschrift family und Redaktionsleiter im Bundes-Verlag „‚Der letzte Schritt‘ ist die beste Beschreibung unserer Ängste und Hoffnungen, wenn wir an die Endlichkeit des Lebens denken, die ich je gelesen habe.“ Willi Quiering - Vorsitzender der evangelischen Allianz Kiel und Pastor der Freien evangelischen Gemeinde Kiel Vier Erzählungen: DER ANRUF Ein erfolgreicher Architekt. Ein undenkbarer Anruf. Eine unmögliche Verabredung. Und eine Begegnung mit Gott, bei der es am Ende Pfefferminzeis gibt. DIE SECHSTE ETAGE Ein gelangweilter Ehemann. Ein gelber Basketball. Eine erhellende Erinnerung an eine muffige Sporthalle. Und eine alte Schlangenhaut, die das Leben eines Ehepaars für immer verändert. EINE GREIFBARE FORM DER EWIGKEIT Ein heißer Sommer in der feuchten Lagunenstadt. Eine zweifelhafte Einladung. Ein totes Pferd im Kanal. Und ein weißer Ritter auf einer Treppe, die in den Himmel führt. DER LETZTE SCHRITT Ein frommer Patient, dem der Teufel Streiche spielt. Ein Arzt, der alle Zeit der Welt hat. Eine gemeinsame Reise in die Toskana. Und ein letzter Schritt, der keine Angst mehr macht.

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Seitenzahl: 177

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Inhaltsverzeichnis

Der Anruf

Die sechste Etage

Eine greifbare Form der Ewigkeit

Der letzte Schritt

Nachwort

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Der Anruf

Sebastian Ziegler hielt noch immer den Telefonhörer an sein Ohr gedrückt, obwohl das Freizeichen seit Minuten das Ende der Verbindung anzeigte. Der Plastikhörer knirschte unter seinem festen Händedruck und eine deutlich sichtbare Spannung verhärtete den Körper des fünfunddreißigjährigen Stararchitekten aus Trier. Man hatte den Eindruck, Herr Ziegler wolle sich vor einer einstürzenden Decke schützen, denn seine freie Hand war eben dorthin gestreckt und weit geöffnet. Schweißtropfen bildeten sich auf seiner Stirn. Der Blick war in den Raum gerichtet und verriet vollkommene Konzentration. Da begann plötzlich sein linkes Hosenbein zu beben, und seine Wade zuckte wie von einem Muskelkrampf befallen. Das war auch eigenartig: In seinem beige-gelben Hausanzug hob er sich, wenn man ihn aus frontaler Perspektive beobachtete, kaum von der Tapete ab, die hier im Esszimmer eine ganz ähnliche Färbung aufwies. Ginge man an ihm vorbei, entstünde die Illusion, dass Herr Ziegler langsam in der Wand verschwand, und das war es wohl auch, was er sich in jenem Augenblick wünschte: den Hörer loslassen und einfach verschwinden können, bevor die Decke einstürzte.

Aber es gelang ihm nicht, sich von dem Telefon zu lösen. Zu viele Jahre hatte er auf diesen Anruf gewartet, zu viele Hoffnungen in dieses Gespräch gesetzt. Und dann war es so schnell vorbei gewesen.

Nein, das kann nicht schon alles gewesen sein, vielleicht kommt ja doch noch etwas, dachte Herr Ziegler, und daher horchte er angestrengt in das monotone und reichlich Ohrenschmerzen verursachende Freizeichen hinein, ob ihm nicht eine Stimme doch noch etwas zuflüsterte. Aber das war schwierig, zumal er von dem Ton allmählich taub wurde. Die feinen Empfangsantennen in seinem Ohr wollten nicht länger derartig schlecht behandelt werden, und zu dem Freizeichen begann sich bald ein hoher Pfeifton hinzuzugesellen, der Herrn Ziegler noch bis in die Nacht hinein verfolgen sollte.

Der Vernunft zum Trotz wagte es Herr Ziegler, ein forsches „Hallo“ in den Hörer zu rufen, dabei kam es weniger forsch aus ihm heraus als geplant und klang mehr wie ein angstvolles Flüstern in der Nacht, wenn man ein Geräusch im Haus gehört hatte. Wahrhaftig, das war es: Er hatte Angst! Die Angst, dass ihm niemand antworten würde.

Herr Ziegler ließ den Hörer los, und da das Telefon auf einem mannshohen Regal stand, konnte die Schnur den Fall kurz vor den Fliesen abfedern. Der Hörer baumelte nutzlos in der Luft, wie auch jegliche Spannung aus Herrn Ziegler gewichen war, der sich auf den nächstgelegenen Stuhl sinken ließ. Plötzlich wirkte sein Hausanzug viel zu groß und sein Rücken krümmte sich, bis er mit dem Kinn die Kante seines Esstisches berührte. Die Illusion kippte, die Tapete rollte sich in Form von Herrn Ziegler von den Wänden und schlug Falten. Die zur Decke geöffnete Hand fiel ihm auf den Kopf und vergrub sich vergrämt in seinem Haar. Das hatte er heute noch gar nicht gekämmt, wie er auch das Rasieren vor sich her schob, obwohl es doch schon zwölf Uhr mittags war. Aber es war ja Wochenende. Und schließlich war er das, was Statistiker einen Einpersonenhaushalt nannten und Psychologen als die Folge einer fortschreitenden Deinstitutionalisierung der Familie beschrieben – kurzum, er lebte also allein, und das schon seit sechzehn Jahren, als er seine nordische Heimat verlassen hatte und im mittelwestlichen Deutschland sesshaft geworden war. Wen sollte es also kümmern, wie er an einem Samstag aussah.

Herr Ziegler mochte seinen Arbeitsalltag lieber. Dann arbeitete er oft bis zu zwölf Stunden am Tag. Am Wochenende machte er meistens den Eindruck, als warte er auf etwas. Er saß in seinem Esszimmer, starrte das Telefon an oder studierte das Fernsehprogramm, obwohl er gar keinen Fernseher besaß.

Dieses Wochenende schien ganz anders zu verlaufen. Und alles hatte mit dem Telefonanruf begonnen. Statt der gewöhnlichen Stille, die sein Telefon wie eine Schutzhülle umgab, hatte es das erste Mal seit einer Ewigkeit ein Lebenszeichen von sich gegeben. Herr Ziegler wollte gerade ein Ei für sein Frühstück in die Pfanne schlagen und hatte das Ei vor Schreck in seiner Hand zerquetscht. Er hatte die Hände voller Dotter, welches ihm vermengt mit Schalensplittern von den Fingern in die Pfanne tropfte und dort zu einem ungenießbaren Brei gerann. So war er nicht in der Lage gewesen, den Anruf entgegenzunehmen.

Das Telefon klingelte sieben Mal, dann verstummte es. Was für ein schöner Klang, dachte Herr Ziegler. Irritiert wusch er sich die Hände in der Spüle und schielte dabei immer wieder hinüber zu dem Telefon im Esszimmerregal. Wie schön, dachte er fasziniert.

Freilich bekam er Anrufe. Die dann aber nur auf seinem Arbeitshandy. Als prämierter Architekt musste man überall und zu jeder Zeit erreichbar sein. Die halbe Welt war im Besitz seiner Handynummer und nutzte diese auch rund um die Uhr. Die Nummer seines Hausanschlusses wollte er nur engen Freunden weitergeben. Während er sich die Hände abtrocknete, dachte er darüber nach, wer seine Privatnummer kannte. Ihm fiel lediglich sein Vermieter ein. Doch hatte der nicht erst vor einer Woche nach dem Rechten gesehen und die Wohnung sowie Herrn Ziegler in bester Verfassung vorgefunden? Ging es nun doch wieder um den Schimmelfleck im Bad? Aber sie hatten sich doch geeinigt, dass er, Herr Ziegler, sich um eine Reinigung und das Überstreichen der Stelle kümmerte. Wegen des unerwarteten Anrufs fühlte er sich nun wieder in übersteigerter Weise für den Schimmelfleck verantwortlich und das befeuerte sein schlechtes Gewissen, denn er hatte noch nicht einmal Farbe besorgt.

Und wenn es nicht der Vermieter gewesen war? Herr Ziegler musste lachen, und das klang irgendwie komisch, denn in seinem Esszimmer war noch nie so unvermittelt laut gelacht worden. Rasch unterbrach er sich und spürte eine Gänsehaut auf seinem Rücken, ohne genau sagen zu können, ob sie durch den Gedanken an den noch nicht behandelten Schimmelfleck ausgelöst worden war, oder ob ihn die Idee an einen unbekannten Anrufer diesen kurzen Moment wohligen Unbehagens beschert hatte.

Ein wenig hilflos stand er vor dem stummen Telefon. Das Handtuch, mit dem er sich die Hände abgetrocknet hatte, ruhte wie bei einem Kellner auf seinem Unterarm, und so überlegte er ernsthaft, ob es Sinn machte, den Hörer jetzt noch abzunehmen.

Ein anderes Geräusch unterbrach seine unentschlossene und recht wunderliche Grübelei, und Herr Ziegler zuckte abermals zusammen. Diesmal war es die Uhr im Wohnzimmer, die gerade zwölf schlug. Nun überstürzten sich die Ereignisse. Im Einklang mit der läutenden Uhr begann das Telefon erneut zu klingeln. Wer bist du, was willst du von mir, flüsterte er, während sich das Klingeln zum vierten Mal wiederholte. Herr Ziegler begriff, dass er jetzt zugreifen musste, wenn er seine zweite Chance nicht auch noch verpassen wollte.

Eine Chance? Herr Ziegler schüttelte den Kopf. Was bildete er sich da ein!

Das fünfte Klingeln ließ nicht auf sich warten, und auch das sechste Mal verstrich ungenutzt. In der Hälfte des siebten Klingelns gab sich Herr Ziegler einen Ruck. Vielleicht...

Er meldete sich knapp mit seinem Nachnamen und dann sah man ihn nur noch starr und blass werden. Nach einer unendlich langen Pause, man hatte den Eindruck, die Zeit sei stehen geblieben, und wäre dies die Szene eines Spielfilms gewesen, so hätte manch ein Kinobesucher diesen Moment genutzt, um ausgiebig zu gähnen – nach diesem unerträglich langwierigen Abwägen dessen, was wohl gesagt worden sei, wurden endlich auch ein paar Worte seitens Herrn Zieglers gesprochen, aber aus denen wurde man schwerlich schlau.

„Wer?“, fragte er einmal, und „was?“ ein anderes Mal.

Man wurde aber den Eindruck nicht los, dass trotz aller äußeren Umstände (Herr Ziegler war außerordentlich sprachlos und machte wenig Anstalten, seine krampfartige Haltung zu lockern), dass trotzdem zwischen dem Hörer und Herrn Ziegler ein Wirbelsturm tobte, ein Wasserfall in die Tiefe rauschte, ein Erdbeben die Gedanken erschütterte. Irgendetwas vibrierte in der Luft, das man nicht sehen konnte. Wie zur dramatischen Unterstreichung fuhr nun ein Arm in die Höhe, und seine Hand öffnete sich wie eine Blume. Dann erstarrte Herr Ziegler und das Freizeichen begann sich durch seinen Gehörgang zu bohren.

Herr Ziegler saß zusammengesunken am Esszimmertisch. Der Kopf erschien ihm so schwer wie eine Bowlingkugel, aber seine Hände, die nicht aufhören konnten zu zittern, waren nur bedingt in der Lage, ihn zu stützen. Bewegungslos und doch wie elektrisiert riss es ihn hin und her. Er atmete schwer und jedes Mal, wenn er ausatmete, entfuhr ihm ein seltsames Quieken. Er begann zu schaukeln. Jetzt fehlte nur noch, dass ihm weißer Schaum vor den Mund trat, und man hätte um Herrn Ziegler wegen eines Schlaganfalls gefürchtet.

Aber das war es ja alles gar nicht. Es war ganz anders, viel größer, viel mächtiger – und umwerfender! Wenn das alles wahr sein konnte, wenn er also den Anrufer richtig verstanden hatte, und warum sollte er nicht, dann hatte er, und das war eigentlich vollkommen unmöglich, dann hatte er, aber wie sollte das gehen, ja dann hatte Gott zu ihm gesprochen! Das heißt, er hatte nicht mit Herrn Zebaoth persönlich telefoniert (so wurde Gott im Konfirmationsunterricht genannt, erinnerte sich Herr Ziegler), aber doch mit dessen Sohn, wie der Mann am anderen Ende der Leitung, wo immer das auch gewesen sein mochte, es ihm, Herrn Ziegler, dem prämierten Stararchitekten aus Trier, derzeit auf Wolke Sieben, glaubwürdig, ja wirklich glaubwürdig versichert hatte.

Es vergingen nicht einmal zehn Minuten, da begann Herr Ziegler alles abzustreiten und denjenigen zu leugnen, der mit ihm gesprochen hatte. Erst einmal: Wie sollte das gehen? Und dann: Warum hatte er ausgerechnet ihn, Herrn Ziegler, angerufen? Das ergab überhaupt keinen Sinn. Er kam sich hoffnungslos kindisch vor zu glauben, Gott hätte ein Telefon neben seinem Thron stehen und nichts Besseres zu tun, als die Nummer von Sebastian Ziegler aus Trier zu wählen. Das ging nicht. Das ging einfach nicht.

Er musste sich ein Glas Wasser holen ohne Durst zu haben. Das beschäftigte ihn und lenkte seine Aufmerksamkeit erst einmal von dieser Merkwürdigkeit ab. So wankte er in die Küche, stand lange vor dem Geschirrschrank, starrte in das Innere, wo sich verschiedenfarbige Plastikbecher in schwindelerregenden Höhen stapelten, und überlegte, auf welche Farbe er gerade Lust hatte. Er entschied sich für einen Becher in grellem Orange. Den mochte er am wenigsten und benutzte ihn daher eigentlich nur zum Wässern von frischem Schnittlauch. Aber gerade diese Fragen, warum er sich den hässlichsten Becher ausgesucht hatte, und ob das Wasser nach Kräutern schmecken würde, weil dies der Schnittlauchbecher war, gerade diese Fragen kamen ihm gelegen und schienen ihm alles andere als banal. Ganz im Gegenteil, warum er noch nie Orange gemocht hatte, das war noch immer nicht entschieden und bedurfte endlich einer Antwort.

Aber er hatte seine Stimme gehört und sie erschien ihm die eines Messias zu sein: weich und vertraut. Das konnte er von der Farbe Orange nicht behaupten, die ihm zu hart vorkam und an die er sich einfach nicht gewöhnen konnte.

Er füllte den Becher mit Wasser und sprang in drei großen Schritten zurück an den Esstisch – sein Rettungsboot inmitten eines tobenden Ozeans. Seufzend ließ er sich auf den Stuhl fallen, der Becher knallte ein wenig unsanft auf den Tisch, es wurde Wasser verspritzt, und da war wieder das Telefon, weit über ihm lugte es verschmitzt über den Rand des Regals zu ihm herunter.

Er wusste seinen Namen. Sebastian Ziegler, hatte er gesagt. Dieser Sebastian Ziegler hatte einmal vor langer Zeit an ihn, den Messias, geglaubt und ihm sein kümmerliches Erdenleben übergeben. Sogar ganz fest und innig und voller Inbrunst hatte er an ihm gehangen.

Das war lange her, und Herr Ziegler hatte gewisse Schwierigkeiten, wenn ihm auch die Erinnerung an die eine oder andere Begebenheit in der heimatlichen Gemeinde gar nicht schwerfiel, so sich doch die Gefühle zu vergegenwärtigen, die mit diesen Ereignissen – er hatte sie damals etwas stürmisch und voreilig zu den wichtigsten seines Lebens erklärt – einhergegangen waren.

Herr Ziegler ließ, nicht ganz ohne eine zaghafte aber doch unbestimmte Hoffnung, die Jahre Revue passieren, denen er seine Glaubenszeit zuordnete, und befand, dass er ziemlich schnell mit seinen Überlegungen am Ende war. Ernüchtert drehte er den Becher zwischen seinen Händen und betrachtete das Wasser, wie es sich bei der Drehung verhielt. Es widersetzte sich der Drehung und blieb einfach stehen. Auch Herrn Ziegler brachte der Versuch, das Rad der Zeit zurückzudrehen, nichts ein. Da war nur eine Leere. Bilder ohne Geräusche, in falschen Farben und neutralen Gerüchen, ohne Bewegung und ohne Leben. Im Grunde genommen hätte Jesus ihn damals in seinen Glaubensjahren anrufen sollen. Dann wäre er bereit gewesen.

Wenn ich das wem erzähle, dachte Herr Ziegler plötzlich und winkte ab. Aber auf der anderen Seite, für Gott war nichts unmöglich, also möglich war das schon. Ganz am Anfang der Zeit hatte sich Gott durch Propheten offenbart oder war in den Gewändern der Naturgewalten aufgetreten. Ein Mensch war für immer verwandelt und gezeichnet, wenn Gott ihn berührte. Herr Ziegler erinnerte sich, wie Mose von einem Berg herabgestiegen war, auf dem er eine Begegnung mit Gott hatte, und sein Antlitz hatte derart geleuchtet, dass sich das Volk bei seiner Rückkehr voller Entsetzen von ihm abgewendet hatte. Er hatte wahrhaftig geleuchtet! Ein funkelnder Stern inmitten der Wüste. Und es ward Licht. Und Leben. Und heute soll dieser Gott Herrn Ziegler angerufen haben? Nebenbei bemerkt, Herr Ziegler hörte auf dem Ohr, mit dem er telefoniert hatte, noch immer nichts weiter als das beständige Rauschen eines Wildbaches, aber es schmerzte nicht mehr so sehr.

Ein Telefonstreich! Das war es gewesen. Herr Ziegler trommelte mit den Fingern einen kleinen Siegesmarsch auf der Tischplatte ob seines Einfalls. Der Körper nahm wieder Haltung an und beiseitegeschoben war all der Gram. Doch dann flüsterte ihm eine Stimme zu, dass niemand außer seinem Vermieter diese Telefonnummer kannte, und im Telefonbuch war sie auch nicht zu finden. Sollte er die Nummer doch einmal achtlos weggegeben haben?

Beunruhigt rutschte er auf dem Stuhl hin und her, bis er es nicht mehr aushielt und aufstand. Während er quer durch die Wohnung marschierte, ging er alle gesellschaftlichen Ereignisse der letzten Zeit durch: Empfänge, Einladungen, Partys, na ja, von denen nicht so viele. Ihm wollte keine Person einfallen, der er die Nummer gegeben hatte. Selbst seine Eltern besaßen lediglich die Nummer seines Arbeitshandys. Er wusste nicht genau zu sagen, warum das so war.

Also, wenn du dich vergewissern willst, dass es nicht der Vermieter gewesen ist, dann musst du ihn anrufen. Ein guter Gedanke. Ein vollkommen verrückter Gedanke. Was sollte er seinem Vermieter sagen? Etwa, dass er wissen wolle, weil die Möglichkeit bestand, dass es auch Jesus Christus gewesen sein könne, ob der Herr Vermieter versucht habe, ihn anzurufen?

Herr Ziegler wählte die Nummer, legte auf, wählte noch einmal, fand das unklug, legte wieder auf und wartete fünf Minuten, bevor er die Nummer ein drittes Mal eintippte und den Mut fand zu warten, bis der Anruf erwidert wurde.

Ja, er habe bloß mitteilen wollen, dass sich um den Schimmelfleck gekümmert worden sei, sogar einen durchsichtigen Schutzlack habe er nach gründlicher Reinigung doppelt aufgetragen. Der Vermieter schien erfreut, nur Hinweise auf einen Anruf gab er nicht. Als sich das Ende des Gesprächs abzuzeichnen begann, es war bereits der Fall, nachdem die Sache mit dem doppelten Schutzanstrich gesagt und durch zustimmende Worte gewürdigt worden war, musste Herr Ziegler den eigentlichen Grund seines Anrufs forcierter angehen. Umständlich fragte er, ob der Vermieter vor kurzem versucht habe, ihn, Herrn Ziegler, telefonisch zu erreichen. Der Vermieter verneinte und damit war das Gespräch beendet.

Wie in jedem pubertierenden Jungen brannte auch in dem jungen Sebastian eine schier unauslöschliche Sehnsucht, doch wonach, das war ihm nicht immer ganz klar gewesen. Der Konfirmationsunterricht war ein beliebter Termin, erinnerte er sich. Da hörte er von einem Vater, der einen liebte, auch wenn man eine Klausur schwänzte, von einem Menschensohn, der für deine Sünden gestorben war. Und das Sterben hat sich bisher noch jeder redlich verdient, argwöhnte Herr Ziegler, der ganz in Gedanken verhangen war und nicht mitbekam, wie, obwohl es eine gewöhnliche Januarwoche war, Sonnenlicht die dichte Wolkendecke durchbrach und dem Wochenendtreiben auf der Straße vor seinem Haus ein freundliches Aussehen gab. Er liebte die Geschichten, die im Konfirmationsunterricht erzählt wurden, aber er wusste nie genau, was Sünde bedeutete. Er meinte sie heute besser zu kennen, aber nun fehlte ihm die Liebe. All die Inbrunst war dahin, sie hatte von einem Tag auf den anderen nachgelassen.

Beobachtete man Herrn Zieglers Silhouette, musste sich der Eindruck einstellen, ein Mann sei am Armdrücken, so sehr verzerrte sich sein Gesicht und spannten die Muskeln. Dabei war Herr Ziegler zur gleichen Zeit überzeugt, er hätte die Glaubensjahre abgelegt und sei zu einem reiferen Menschen herangewachsen, der weder eine Sehnsucht besaß, noch einen anderen Vater als den, der ausschließlich im Besitz seiner Arbeitshandynummer war.

Niemals gab es einen Gott! Wo sollte der sich denn aufhalten? Etwa in dem Himmel, der heute von unzähligen Satelliten, Sonden, Raumfähren und Weltraummüll durchkreuzt, von Astronomen durchleuchtet und Mathematikern berechnet wurde?! Die Menschheit entwickelte sich weiter, und ein Gott, der sich für die Schöpfung verantwortlich erklären, dann aber nicht für sie sorgen wollte, wurde nicht gebraucht. Der Mensch war in der Lage, sich selbst zu versorgen. Herr Ziegler sah sich als lebendes Beispiel dafür, wie man es ohne Gott zu etwas bringen konnte. Er hatte eine große Wohnung im besten Vorort der Stadt, er hatte ein hohes Einkommen, und darüber hinaus, denn Materielles war ja nicht alles, hatte er sich Ruhm und Ehre, kurz gesagt, ein öffentliches Ansehen mit den von ihm entworfenen Einkaufshäusern verdient, und das war etwas für die Seele und wofür es sich zu leben lohnte. Bemerkte Herr Ziegler nicht, wie er bei diesen Gedanken den Kopf beschämt auf die Brust sinken ließ? Nein, das bemerkte er wohl nicht.

Aber angenommen, er hatte mit Jesus telefoniert – eine Frage hätte er ihm gern gestellt. Diese Frage lastete seit dem sechzehnten Lebensjahr auf seinem Herzen, seit dem Tag seiner Abkehr. Nur diese eine Frage. So lange trug er die unbeantworteten Klagen mit sich herum, sie hingen ihm an wie eine verschleppte Grippe. So lange hatte er sich zum Beten überwunden, um Gott nach seinen Beweggründen zu fragen, und so lange hatte er keine Antwort bekommen, so dass aus feuriger Liebe zunächst Enttäuschung, dann Hass auf den gehörlosen Vater erwuchs.

Zeit heilt alle Wunden, hieß es doch immer. Er hatte gedacht, mittlerweile sei ihm der Vater einfach egal geworden, aber, meine Güte, es wollte sich auch nach so vielen Jahren keine lindernde Gleichgültigkeit einstellen, wie er jetzt bemerkte, und wütend schlug er auf den Tisch. Da meinte er eine Stimme zu hören, die ihn rief, und bewegungslos lauschte er in die Leere des Tages hinein, ohne dass er die Stimme noch einmal hörte, und ohne das Bild aus dem Kopf zu bekommen, wie sich seine Mutter aus der Küchentür lehnt und ihn zum Mittagessen ruft. Er sah sogar die Dampfwolken der Kochtöpfe, wie sie durch die Türöffnung drängelten und dem kleinen Sebastian in die Nase stiegen.

Die Stimme am Telefon sagte: Sebastian Ziegler. Hallo. Hier ist Jesus. Du kennst mich und ich kenne dich. Ich sage dir, dein Name soll bald in meinem Buch stehen, und es ist Zeit, bevor du mich ganz vergisst, dass wir uns treffen. Ich bin schon einmal auf die Erde gekommen und hinweg genommen worden, und die Menschen werden seitdem nie müde, es immer wieder zu versuchen, mich zu töten. Sie wollen nicht begreifen, dass ich den Tod besiegt habe, und dass ich es für sie getan habe. Du wirst das verstehen, Sebastian. Du hast es einmal in deinem Herzen getragen. Nun ist die Zeit gekommen, dich zu erinnern. Daher wirst du dich heute in weniger als einer Stunde mit mir treffen, um dreizehn Uhr. Ich werde auf dem Domfreihof auf dich warten. Bis dann.

Herr Ziegler rasierte sich so schnell er konnte. Himmel noch mal, musste man sich für Jesus rasieren? Nun ja, so oft traf er ihn ja nicht, also durfte er sich ruhig ein wenig zurechtmachen, auch wenn die Minuten zu schnell dahinflogen und Herrn Zieglers dubiose Einfälle eine Verspätung immer wahrscheinlicher machten. So wollte er sich auch noch ein Hemd bügeln. Es war zum Verzweifeln. Er kam nicht voran, und dann spukte ihm auch noch der Gedanke an den Wochenendeinkauf im Kopf herum, den man bald organisieren musste. Aber so viel Zeit würde sich der Sohn Gottes ja wohl kaum für ihn nehmen.

Herr Ziegler hielt inne. Was tat er eigentlich! Das war ja nicht zu fassen. Er hatte doch eben entschieden, dass das Ganze auf eine wie auch immer geartete Halluzination zurückzuführen war. Was sollte die nachträgliche Versüßung von Jugendjahren, die heute nicht mehr viel gelten konnten, die unwiederbringlich überwunden und zu nichts mehr nutze waren. Das war zum Lachen und Herr Ziegler lachte einmal herzlich auf, während er aus dem Badezimmer geradewegs in das Schlafzimmer lief, und hastig hinter die Tür griff, wo das Bügelbrett an der Wand noch einen kurzen Moment lehnte, dann in Eile ausgeklappt und mit einem zerknitterten, weißen Hemd mit grauen Nadelstreifen bedeckt wurde.

Zwölf Uhr zwanzig. Die Zeit war ein sadistisches Monster. Entweder war es in ungemütlichen Situationen nicht zu vertreiben, dann wieder, wenn man es unbedingt brauchte, konnte es nirgends gefunden werden.