Kolonie der Nomaden - Bernd Lichtenberg - E-Book

Kolonie der Nomaden E-Book

Bernd Lichtenberg

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Beschreibung

Morgen soll Großvater Stelzer beerdigt werden. Am Vortag der Trauerfeier kommen die engsten Angehörigen zusammen: Sohn Johannes, dessen Frau Marianne und Paul, der einzige Enkel. Innerhalb eines Tages und einer Nacht werden sie sich ihren Ausflüchten stellen müssen: Paul, der seinen Eltern nur vormacht, dass er noch studiert, Marianne, die sich auf eine Affäre mit dem Pfleger des Verstorbenen eingelassen hat, und Johannes, dessen Erinnerungen so stark sind, dass sie ihn die Gegenwart fast vergessen lassen. Und dann ist da noch ein vierter Trauergast, der Haus und Garten umschleicht ... Ein toter Großvater, ein verschollener Bruder, eine alte Liebe und ein Attentat – in «Kolonie der Nomaden» erzählt Bernd Lichtenberg von einer Familie im Ausnahmezustand und von den traurig-komischen Versuchen, das Vergangene in die Gegenwart zu retten.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 258

Veröffentlichungsjahr: 2010

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Bernd Lichtenberg

Kolonie der Nomaden

Roman

Als würden die Augenränder ausbrennen, diese Weite war unglaublich. Die flirrenden Strahlen der Sonne, wie sie in den geöffneten Koffer prasselten, der neben ihm durch die Luft flog. Vögel, die weitentfernt über den Himmel glitten. Dort unten blaues, wirbelndes Licht, von den Feuerwehrwagen auf die Wiese mit den Apfelbäumen geworfen. Buchstaben aus der Tastatur eines Notebooks gerissen. Der unerträgliche Schmerz, der schon angefangen hatte, bevor der Pappbecher in seiner Hand geschmolzen war, ein Riss am Fenster, der sich in die Scheibe fraß, und die Hitze, aus der er hinausgeschleudert wurde in die erfrischende Luft des Abends. Eine Brille ohne Gläser, Scherben, die glänzten wie Juwelen, verwehende Asche von Illustrierten und dort vor ihm der Reisewecker und wie die Zeiger sich bogen und wegschmolzen. Stille, nur leises Glockenläuten. Unten auf der Landstraße ein Milchwagen, der silberne Tank blitzte im Sonnenlicht. Ein Klingelton. Die zirpende Melodie von Lucy in the Sky with Diamonds.

1

Ein blechernes Geräusch durchschnitt den Morgen und weckte Johannes eine Stunde, bevor sein Wecker klingeln sollte. Marianne, seine Frau, lag wie ein Stein neben ihm im Bett, sie hatte wieder Schlaftabletten genommen. Johannes sah durch den Vorhangspalt auf die alte Kastanie im Garten, ihn fröstelte ein wenig, weil seine Decke weggestrampelt war. Leise stand er auf, streifte sich den Bademantel über, der auf einem Stuhl neben dem Bett lag, und ging barfuß die kalte Steintreppe hinunter in die Küche. Mit einem Glas Leitungswasser in der Hand öffnete er die Schiebetür nach draußen und trat auf die Terrasse. Es war ganz still, im ersten Morgenlicht sah der Garten aus wie ein lange verlassenes Paradies, der Gärtner hatte eine fast zu perfekte Arbeit geleistet. Nur das Baumhaus, schon ein wenig verrottet, war übrig von seiner Kindheit, und als der Gärtner im letzten Herbst vorgeschlagen hatte, die hölzerne Burg zu entfernen, waren er und seine Frau sich sofort einig gewesen. Die morschen Bretter sollten bleiben.

Er trank mit wenigen Schlucken sein Glas aus und suchte nach der Ursache des Geräuschs, das ihn aus dem Schlaf gerissen hatte. Nichts zu sehen, zudem blies kein Wind, da konnte also nichts umgefallen sein. Und doch war das Geräusch aus dem Garten gekommen, wenn er es nicht geträumt hatte.

Johannes fühlte sich plötzlich hellwach. Er ging zurück ins Schlafzimmer, zog Turnschuhe, Freizeitjeans und einen Pullover an, nahm die angebrochene Packung Zigaretten vom Küchentisch und trat wieder nach draußen, um zu schauen, ob im Gartenhaus alles in Ordnung war. Auch hier fiel ihm nichts auf, die Spaten, Besen und Laubrechen hingen nebeneinander an der Wand, der fahrbare Rasenmäher wirkte überdimensional neben den alten Geräten, ein gewiefter Angestellter in einem Gartengeschäft hatte ihm das Modell angedreht, vollkommen übertrieben trotz des wirklich günstigen Sonderpreises, der ihn damals zum Kauf bewogen hatte. Kurz schoss wieder der Gedanke durch seinen Kopf, dass eigentlich alles zu groß war in ihrem Leben, jedenfalls größer, als sie es brauchten, aber dann sah er, strahlend in der aufgehenden Sonne, die Buche auf dem Hügel am Ende des Grundstücks und beschloss, dort seine Morgenzigarette zu rauchen.

Er war ein wenig aus der Puste, als er oben ankam, und ihm wurde bewusst, wie lange er zu dieser Stunde nicht mehr hier gestanden hatte: ungefähr einundzwanzig Jahre. Da war es einen Sommer lang beinahe Alltag gewesen. Wenn seine Frau Paul gestillt hatte oder der Kleine nicht aufhören wollte zu schreien, hatte er ihn auf den Arm genommen, war hier hochgelaufen, um ihn zu beruhigen, und immer war Paul eingeschlafen gewesen, wenn sie die Spitze des Hügels erreichten. Johannes aber hatte dann noch ein paar Minuten auf die Stadt geblickt, seinen Sohn fest an sich gedrückt, hatte er die Atembewegungen des Kleinen gespürt, den warmen Hauch an seiner Brust und das Pochen des winzigen Herzens.

Johannes setzte sich auf einen Baumstumpf, zündete die Zigarette an und blickte auf den Strom von Autoscheinwerfern und Rücklichtern, der durch die Adern der Stadt spülte. Er würde unweigerlich in den Berufsverkehr kommen, wenn er Paul um halb zehn vom Flughafen abholte.

Das Bellen eines Hundes war zu hören. Auf dem Weg, der sich am Zaun des Grundstücks entlang tiefer in den Wald schlängelte, stand eine Joggerin. Sie zerrte an der Leine, um ihren Schäferhund davon abzuhalten, ins Gehölz zu rennen, wo er vermutlich einen Hasen oder ein Reh gerochen hatte. Dabei drehte sie sich um, und Johannes sah, dass es Julia war, Pauls Exfreundin, die Tochter der Nachbarn. Er hob die Hand zu einem kurzen Gruß, die junge Frau winkte zurück und lief weiter.

Er schnippte seine Zigarette ins Gras und drückte sie mit der Spitze seines Turnschuhs aus. Etwas Rotes schimmerte auf dem Rasen, und als er sich bückte, entdeckte er eine Schachtel Pallmall. Sein Vater hatte Pallmall geraucht, aber der kam aus gegebenem Anlass natürlich nicht in Frage. Drei Zigaretten steckten noch in der Packung und ein kleines rotes Feuerzeug, das auf den Boden gerutscht war. Er fröstelte, als er sie nun festumschlossen in seiner Hand hielt. Der Zaun, der das Grundstück von dem Waldweg trennte, war zu weit weg, als dass jemand sie bis hierher hätte werfen können.

Drei Flugzeuge zerschnitten den Himmel, sie flogen in verschiedene Richtungen. Im Schlafzimmerfenster blitzte die Sonne auf. Johannes spürte plötzlich eine Unbehaglichkeit in seinem Körper, er fühlte sich fremd, teilnahmslos, als wäre er ein unbekannter Besucher in diesem Haus und diesem Garten. Er steckte die Zigarettenschachtel in seine Hosentasche, und, wie um sich selbst wieder einzuholen, ging er schnellen Schrittes auf das Haus zu. Erst als er die Terrasse erreichte, beruhigte er sich – es war alles in Ordnung.

Johannes betrat die Küche und sah überrascht, dass der Frühstückstisch schon gedeckt war, die Kaffeemaschine gluckerte, und aus dem Wohnzimmer heulte der Staubsauger. Betriebsamkeit schien Marianne in den letzten Tagen zu helfen. Er nestelte die Pallmallpackung aus der Hose und legte sie auf die Küchenanrichte, während er mit der anderen Hand nach den beiden Brotscheiben fischte, die mit einem lauten Klacken aus den Schlitzen des Toasters gesprungen waren. Er warf sie auf die Teller und wartete, die beunruhigenden Schlagzeilen der Zeitung überfliegend, die neben der Maschine lag, bis der letzte Rest Kaffee in die Kanne tröpfelte. Der Staubsauger im Wohnzimmer wurde ausgeschaltet, Johannes nahm Zeitung und Kaffee, ging zum Tisch und schenkte zwei Tassen ein. Er seufzte, eigentlich grundlos, und wollte sich in den Leitartikel vertiefen, als er die Stimme seiner Frau hörte.

«Wir sollten den Pflegern etwas Geld geben.» Marianne kam in die Küche, stellte den Staubsauger in den Schrank und rückte auf der Anrichte irgendetwas zurecht, das gehörte zu ihren Lieblingsbeschäftigungen. Ihr morgendlicher Aktionismus war ihm schon immer fremd gewesen. Johannes holte Luft und fragte: «Wie hast du geschlafen?»

«Gut. Was hältst du von fünfhundert Euro für alle?»

Sie griff zu der Pallmallpackung, ohne zu bemerken, dass es nicht ihre war. Seit drei Monaten rauchte sie wieder, und meistens rote Gauloises. Sie rauchte wieder, nach sechs Jahren militanter Nichtraucherzeit, in der er selbst nur auf der Terrasse hatte rauchen dürfen und sie auch den armen Paul immer wieder hatte versprechen lassen, dass er gar nicht erst damit anfangen würde.

«Fünfhundert. Ist mir recht.» Johannes gefiel es nicht, dass Marianne an der Zigarette eines Unbekannten zog, das hatte etwas Widerwärtiges, aber er war zu müde für Erklärungen und schwieg.

Sie setzte sich zu ihm an den Küchentisch. «Schön, dass du dir für Paul freigenommen hast.»

Jedes Lob verdeckt einen Vorwurf, dachte Johannes und überlegte, wie er es verhindern könnte, dass sie ein paar «gute Vorschläge» machte. Marianne wusste ganz unbewusst zu treffen, wenn es um die Defizite ging, die ihn daran hinderten, der Vater zu sein, den er sich für seinen Sohn erträumt hatte. Eigentlich lobte sie ihn nur, für seine Geduld zum Beispiel oder für seine Gelassenheit, machte aber trotzdem diese Vorschläge, und die waren der subtilere und schmerzhaftere Angriff, weil sie ihn stets darauf hinwiesen, dass er sich selbst nicht genügte.

Sie drückte die Zigarette aus, belegte ihr Vollkornbrot und tupfte mit der Messerspitze mehrere Kleckse Marmelade auf den Käse, das hatte Paul sich von ihr abgeguckt.

«Was habt ihr vor?»

«Nichts Besonderes», sagte Johannes leise und wich ihrem Blick aus. Genau diese Fragen machten ihn wahnsinnig. Er hatte überhaupt nichts vor, und das aus gutem Grund. Als er sich das letzte Mal mit Paul alleine getroffen und vorher alles ganz genau überlegt hatte – Essen beim Italiener, Minigolfspielen, Karten für ein klassisches Open-Air-Konzert–, war’s gründlich schiefgegangen. Diesmal wollte er seinen Sohn aus der Reserve locken. Paul sollte selbst vorschlagen, wie sie den Tag verbrachten.

Marianne blätterte in der Zeitung und zeigte ihm die Anzeige: achtelseitig, ein schlichtes, schwarzes Kreuz, nur das Nötigste an Text, kein Sinnspruch, kein Gedicht. Denn obwohl sein Vater es geliebt hatte, jedes Thema mit einer humoristischen Lebensweisheit zu kommentieren, wäre es Johannes absurd vorgekommen, sein Leben und seinen Abgang in einem Dreizeiler zusammenzufassen.

Marianne war aufgestanden und zur Spüle gegangen. Als er von der Zeitung aufsah, merkte er, dass sie ihn anschaute. In dem kurzen Moment, bevor sie den Blick abwandte, sah er darin etwas Fragendes und Radikales, etwas, das ihn einschüchterte und ihm gefiel – es war ein Blick, den er von früher kannte.

Sie drehte das Wasser auf und spritzte die Teller und Tassen ab, bevor sie das Geschirr in die Spülmaschine räumte. Es klang halb genuschelt, als sie sagte: «Wir könnten im Oktober mal ein paar Tage verreisen.»

«Gute Idee.» Johannes blickte auf die Uhr, es war eigentlich noch zu früh, um zum Flughafen zu fahren, aber etwas drängte ihn, und er stand auf, um sich seine Jacke zu holen. Zurück in der Küche, drückte er Marianne einen Kuss auf die Wange. «Rufst du noch beim Café Siegler an?»

«Ich fahre vorbei, nach der Arbeit. Sag Paul bitte, dass ich mich auf heute Abend freue.»

Das elektrische Garagentor öffnete sich, Johannes fuhr nach draußen, doch ein bis oben mit Werbezeitschriften bepackter Einkaufswagen blockierte die Einfahrt. Vor dem Haus stand ein Punkmädchen, das gerade eine Zeitung in den Briefkasten neben der Tür presste. Sie grüßte linkisch, lief zum Wagen und versuchte, ihn weiterzuschieben. Eines der kleinen Rädchen aber hatte sich zwischen den Pflastersteinen verhakt, und so ruckelte sie einige Sekunden, ohne dass sich der Wagen bewegen ließ. Dann aber stemmte sie sich mit aller Kraft gegen die Lenkstange, und mit lautem Scheppern rollte der Wagen weiter. Johannes war sich sicher: Dies war nicht das Geräusch, das ihn am Morgen geweckt hatte.

Die Fahrt durch den Wald bis zur Bundesstraße war wie immer angenehm, Johannes liebte es, im Grünen zu wohnen. Ihm machte die tägliche Fahrerei nichts aus, im Gegenteil, dies war seine Ruhezone, die einzige Zeit des Tages, in der er mit sich allein sein konnte. Er konzentrierte sich auf die vorbeiziehenden Bäume, und doch wollte ihm nicht aus dem Kopf gehen, wie Marianne ihn eben in der Küche angeguckt hatte. Er dachte daran, wie er sie das erste Mal gesehen hatte, vor über dreißig Jahren, aus der dritten Reihe, vom fünften Platz rechts, wie sie in einem blauen Trainingsanzug barfuß als Käthchen von Heilbronn auf die Bühne des Hyperiontheaters gesprungen war, «Mein Hoher Herr, vor meinen Richter hat man mich gerufen» gezirpt hatte und wie es um ihn geschehen gewesen war. Wie sie mit einer katzenhaften Beweglichkeit über die Bühne getänzelt war, wie sie geschrien, gespuckt und sich in eine tonlose Traurigkeit verkrochen hatte, gefährlich durch ihre Anmut, unausweichlich durch ihren Blick. Wie er gebannt dieses konzentrierte Bündel Wildheit verfolgt hatte, bis sie sich dann nicht mehr bewegte, wie es im Zuschauerraum ganz still geworden war und sie ausgeatmet, geflüstert und alle aus großen Augen angesehen hatte: «Ich sagte, den Zeisig littest du, den zwitschernden, in den süßduftenden Holunderbüschen, möchtst denn das Käthchen von Heilbronn auch leiden.»

Sein Bruder neben ihm aber schnarchte so laut, dass sie in den nächsten Minuten immer wieder zur dritten Reihe schaute, fordernd, einschüchternd, ein Blick wie ein Auftrag, bis er Andreas endlich in die Seite stieß. Der aber, selig lächelnd, hatte sich umgewandt, auf Marianne gezeigt und ihm ins Ohr geflüstert: «Ich habe geträumt. Vom Käthchen…»

Johannes musste bremsen, kurz vor dem Abzweig zur Bundesstraße war hinter einem Traktor ein Stau entstanden. Vom Rücksitz des Passatkombis vor ihm winkte ein kleiner Junge, der Terrier auf der Gepäckfläche bellte ihn durch das Heckfenster stumm an. Er schaltete das Radio ein, der Anschlag in Belgien auf fast allen Kanälen. Ein Experte sprach davon, dass der Sprengsatz vermutlich ferngesteuert auf der Strecke explodiert war. Ein belgischer Bauer redete von einem verdächtigen blauen Kastenwagen nicht weit von den Gleisen beim Unglücksort. Johannes drehte auf den Klassiksender, er wollte nichts davon hören. Nicht heute, nicht an seinem freien Tag, nicht vor der Beerdigung seines Vaters.

Die Bundesstraße war frei, er würde viel zu früh am Flughafen ankommen. Er ging vom Gas, fuhr auf die rechte Spur, die großformatigen Werbeplakate vor den Gewerbeparks schwebten an ihm vorbei. Als er das Schild einer Baumarktkette sah, entschied er sich, die Zeit zu nutzen und noch etwas Brennholz für den Kamin zu kaufen. Er bog rechts ab, auf den fast leeren Parkplatz, wo Arbeiter damit beschäftigt waren, ein Zirkuszelt aufzubauen. Johannes ging zu den großen Körben am Eingang, warf die in Netzen gebündelten Holzscheite in den Einkaufswagen und schob ihn in den Laden. Die Frau an der Kasse beschwerte sich, dass er so früh am Morgen mit einem Hundert-Euro-Schein zahlte, auf sein entschuldigendes Achselzuckeln blickte sie ihn nur an und zählte schweigend das Wechselgeld aus der Kasse. Johannes lud das Brennholz in den Kofferraum seines Wagens, da wurde ihm bewusst, wie unsinnig die Aktion war. Heute Morgen hatte er doch im Gartenhäuschen noch einen ganzen Stapel Holz gesehen. Wahrscheinlich wollte er nichts anderes, als später am Tag noch einmal gemeinsam mit Paul das Holz aus dem Kofferraum ins Gartenhaus zu tragen, wie sie es früher so oft gemacht hatten. Johannes lächelte bei dem Gedanken, wie albern das alles war. Holzscheite. Vorräte. Massenkäufe. All der Kram, all die nutzlosen Dinge. Symbole für die Verpflichtung gegenüber einer Zukunft, die man sich ohnehin nicht anders vorstellen konnte und wollte. Einmal im Keller, in den Vorratsräumen oder auf dem Speicher eingelagert, waren sie doch nur Erinnerung an den Wunsch von früher, der im besten Fall noch der von heute war: dass alles für immer beim Alten bliebe.

Dreißig Meter weiter auf dem Parkplatz standen die Zirkusarbeiter jetzt um das Zeltgerüst herum und zerrten an den Planen, die im Wind flatterten. Johannes zündete sich eine Zigarette an, um das Geschehen noch ein wenig zu verfolgen. Es war kein großer Zirkus, fünf Wagen, und außer dem Esel, mit dem ein Clown vor dem Baumarkt um «Futter für unsere Tiere» bettelte, sah Johannes nur ein Pferd und ein kleines Äffchen, das am Hals eines älteren Mannes hing, der aufgeregt um die Arbeiter herumlief. Es kam ihm alles erbärmlich und traurig vor, aber er wartete doch ab, bis die Zeltplanen einigermaßen straff auf dem Gestell lagen und provisorisch festgebunden waren. Auf der Kopfseite des Zeltes stand in altmodischen Lettern der Schriftzug Kinderzirkus Lollipop. Erste Vorführung 16Uhr.

«Haben die auch Elefanten?», fragte der kleine Junge, der ihn plötzlich am Ärmel zupfte. Es war das Kind aus dem Passatkombi, das ihm vorhin gewunken hatte. Seine ältere Schwester stand fünf Meter weiter. Sie hörte Musik aus dem iPod und war auf ihrem eigenen Planeten.

«Nein, ich fürchte, die haben keine Elefanten.»

Der Junge blickte Johannes an. «Schade. Im Fernsehen haben die immer welche.»

«Die haben einen Esel», sagte Johannes und zeigte auf den Eingang des Baumarktes.

«Ein Esel ist nicht dasselbe», entgegnete der Junge und lief weg. Johannes fühlte sich plötzlich schuldig, dass er dem kleinen Mann nichts anderes hatte sagen können. Erbärmlich und traurig waren doch nicht die Zirkusleute, die mit vollem Einsatz daran arbeiteten, dass um vier die erste Vorstellung beginnen konnte. Erbärmlich und traurig waren seine Erwartungen und die des kleinen Jungen, die ihnen schon jetzt keine Chance mehr ließen. Aber vermutlich hatten sich die Zirkusleute längst damit abgefunden, nicht mehr alle Wünsche erfüllen zu können, ihre Vorstellungen waren routiniert und auf eine brutale Weise ohne Zauber.

Die Mutter der beiden Kinder kam mit einem Einkaufswagen voller Topfpflanzen auf den Passat zugefahren. Das Mädchen, die Stöpsel in den Ohren, hielt sein Gesicht mit geschlossenen Augen in die Sonne, der Junge war verschwunden. Als die Mutter zu schimpfen anfing, öffnete ihre Tochter die Augen und sah plötzlich irritiert und ängstlich aus, mit beunruhigtem Blick suchte sie den Parkplatz ab. Doch dann entdeckte sie den Kleinen, der am Rand des Zirkuszeltes bei dem alten Mann mit dem Affen stand. Johannes konnte es nicht genau erkennen, aber es schien, als ob der Junge das Äffchen mit irgendetwas fütterte. Er wirkte sehr aufgeregt, und Johannes wünschte sich auf einmal in die Zeit zurück, in der man auf so einfache Weise belogen werden konnte. Er stieg in seinen Wagen. Als er an dem Zirkuszelt vorbei auf die Bundesstraße fuhr, hatte das Mädchen den Bruder erreicht. Johannes konnte noch im Rückspiegel sehen, wie der Junge sich weigerte, mit ihr zu kommen. Dann musste er sich darauf konzentrieren, in den laufenden Verkehr einzufädeln.

Er öffnete das Seitenfenster. Warme Luft strömte um sein Gesicht. Als er beschleunigte, strich ihm der Fahrtwind eine Träne über die Wange. Er wischte sie weg, stützte seine Hände fest auf das Lenkrad, gab Gas und wechselte auf die linke Spur.

2

Paul wurde durch das Piepen seines Weckers aus einem sonderbaren Traum gerissen. Neben zwei asiatischen Schönheiten hatte er in diesem Traum gelegen, am palmenbeschatteten Strand eines fernöstlichen Landes, als ihm beim Anblick einer vielleicht vierzigjährigen Frau, die in winterlicher Kleidung einen Kinderwagen durch den Sand zu schieben versuchte, plötzlich siedend heiß bewusst wurde, dass er total spontan in Urlaub gefahren war und das Baby zu Hause vergessen hatte. Es lag seit zwei Wochen allein im Kinderbettchen seiner Berliner Wohnung und müsste mittlerweile verhungert und verdurstet sein. Mit klopfendem Herzen sah sich Paul nach Hause zurückkommen: sah sich in seinem Zimmer zu dem Bettchen rennen, wegen des Gestanks die Nase rümpfend, eine mit kleinen Eisbären bemalte Decke wegreißen und darunter ein ausgetrocknetes und verledertes Häufchen finden, das ihn mit mumifizierter Affenfratze anblickte. Nur der hohe Piepston im Hintergrund passte nicht, ihm fiel ein, dass er in einer WG wohnte, einer seiner Mitbewohner, vielleicht sogar Kobetzki, hatte sich bestimmt um das Kind gekümmert. Und als Paul wenige Sekunden später die Augen öffnete, stellte er fest, dass das Morgenlicht, das ihn durchs schräge Dachfenster blendete, nicht die Kraft der äquatorialen Sonne in seinem Traum besaß. Verwirrt blickte er sich um. Er lag in seinem Zimmer in Berlin, schweißgebadet zwar, aber erleichtert. Er hatte gar kein Baby und auch nie eins gehabt.

Noch waberten die Bilder des Traums durch seine schläfrigen Gedanken, das erloschene Lagerfeuer, die seltsam im Wind tanzenden Palmenblätter, die grellgeschminkten Schönheiten, aber Paul gab auf, all das deuten zu wollen, als er auf den Wecker sah. Es war schon halb sieben, das erste Signal musste er überhört haben. Plötzlich wusste er, dass das ungute Gefühl in seinem Innern nicht nur das Überbleibsel seines Traums war, dass es nicht einfach so verschwinden würde: Großvater war gestorben, und er musste zur Beerdigung nach Hause fahren. Paul sah durchs offene Dachfenster auf die Schornsteine des Altbaus gegenüber, die grau und hart gegen den blauen Himmel mit den wie auf Butterpapier gemalten Wolken standen, und atmete die klare Luft des Spätsommers ein.

Nach einer Katzenwäsche saß er am Frühstückstisch. Natürlich hatte er sich perfekt vorbereitet, um die vier Tage bei seinen Eltern zu überstehen. Er schlürfte einen viel zu starken Kaffee, blätterte schnell noch einmal im kommentierten Vorlesungsverzeichnis der philosophischen Fakultät und pickte sich drei Hauptseminare heraus, um seinen Eltern auf die unausweichliche Frage etwas entgegnen zu können. Zuletzt steckte er ein philosophisches Lexikon ins Handgepäck, die Lektüre der entsprechenden Artikel im Flieger müsste ihm genügend Material liefern, selbst wenn Vater nachhakte. Die Strategie hatte sich bewährt: zehn Minuten am ersten Tag offensiv über das Studium reden, dann wurde er im Allgemeinen in Ruhe gelassen. Niemand, mit dem er sprach, nicht einmal sein Vater, wollte mehr wissen.

Aus Kobetzkis Zimmer piepte ein Handy, was darauf schließen ließ, dass er im Sage Club wieder einmal eine Arzthelferin, eine Yogalehrerin oder sonstiges frühaufstehendes Gemüse aufgelesen hatte, das sich in wenigen Minuten mit erschreckend guter Laune fettarmen Frischkäse aufs Körnerbrot schmieren würde. Hastig sammelte Paul sein Zeug zusammen – den Rucksack hatte er zum Glück schon am Abend gepackt – und verließ einigermaßen geräuschfrei die Wohnung. Auf der Straße schlug ihm die Morgensonne angenehm ins Gesicht, Wärme reaktivierte die Tetrawellen in seinem Gehirn und ließ ihn in einen wohlig trägen Zustand versinken, bei dem sein Körper, außer dem motorisch Notwendigen, auf einen Standbymodus heruntergefahren wurde. So traumwandelnd hatte er schon die Hälfte des Weges zur S-Bahn zurückgelegt, als ihm der rauchende Zwanzigerjahre-Vamp aus dem letzte Nacht heruntergeladenen russischen Porno einfiel – und dass er möglicherweise die Nikotinpflaster vergessen hatte. Der böse Fetzen Realität verhedderte sich im Traumgetriebe und stieß ihn schlagartig auf die Straße zurück. In seiner Jacke waren sie nicht. Er kramte in Hose und Tasche, aber er fand nur die Pfefferminzbonbons, die seinen Atem neutralisieren sollten, nachdem er im Garten, bei einem Spaziergang im Wald oder sonstwo abseits der Eltern (vor allem fern seiner hysterisch ex-und-nicht-rauchenden Mutter) die Gelegenheit gefunden hätte, ein Zigarettchen zu dampfen. Er durchsuchte ein zweites Mal alle Taschen, durchwühlte den Rucksack und seinen Kulturbeutel. Nichts, die Pflaster mussten im Badezimmer liegen. Wie aber sollte er seine Eltern und die ganze deprimierende Beerdigungsshow ohne eine angemessene Nikotingrundversorgung überstehen? Paul stopfte die Sachen in den Rucksack und blickte auf die Uhr: Wenn er sich beeilte, müsste er es schaffen. Auf dem Weg zurück, gegen den Strom der Angestellten und Schulkinder mit ihrer aufgeregten Energie, fühlte er sich seltsam haltlos, bis er die Haustür öffnete und die vier Treppen zur WG hochhastete. Kobetzki saß mittlerweile am Küchentisch und kaute an einem Wurstbrötchen, grußlos hetzte Paul zum Badezimmer. Die Tür war abgeschlossen, von drinnen hörte man das Rauschen der Dusche. Die nächtlichen Geräusche aus dem Nebenzimmer hatte er also nicht geträumt. Kobetzki grinste ihn an und kreierte mit seinen Wurstfingern eifrig Zeichen von Wohlbefinden und sexueller Befriedigung. Paul wurde sich spontan der erotischen Leere seines Lebens bewusst, klopfte heftig an die Badezimmertür und beschloss, sich nach dem Einchecken in der Toilette des Abfluggates erst einmal ordentlich einen abzuwedeln. Es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis das Mädchen auf sein immer drängenderes Rufen hin endlich die Tür aufmachte und ihm die Schachtel mit den Pflastern reichte. Sie hatte rote Haare, ein Handtuch um Oberkörper und Hüfte, der Ansatz ihrer Brüste war gut zu sehen. Paul stammelte ein paar unverständliche Worte, schlug die Badezimmertür zu und floh an dem leicht irritiert blickenden Kobetzki vorbei aus der Wohnung.

Als er, völlig außer Atem, auf dem Bahnsteig ankam, war die S-Bahn bereits angefahren. Er blickte auf den Fahrplan: Wenn er die nächste in zehn Minuten nahm, bestand noch eine Chance, dass er rechtzeitig zum Flughafen kam.

Beruhigt setzte sich Paul auf eine Bank und fand ein wenig Zeit, sich auf drei Wäschemodels eines Hennes-und-Mauritz-Plakats zu konzentrieren, das die ganze Fassade des Altbaus gegenüber dem Bahnsteig verdeckte. Mit ihrem offensiv verächtlichen Blick und wie sie sich so gegenseitig umarmten, sahen sie fast wie Lesbierinnen aus, dachte Paul, während er Po und Brüste verglich und dann den kleinen Jungen bemerkte, der mit seiner Mutter und einem überdimensionalen Schulranzen auf der Nachbarbank saß und ihn beobachtete. Jetzt stierte auch der Junge auf das Plakat, um dort das Faszinierende zu finden, dessen Abglanz er wohl in Pauls Augen gesehen hatte. Er starrte es an wie ein Vexierbild, den Kopf auf beide Hände gestützt, vermutlich in der Hoffnung, dass sich ihm das Geheimnis offenbarte. Doch so sehr der Kleine sich anstrengte, er fand nichts Interessantes, und Paul lächelte und dachte, wie schön es war, erwachsen zu sein, aber auch wie frustrierend. Er seufzte, blickte dem ICE hinterher, der durch den Bahnhof schoss, und fischte sein Notizbuch aus der Tasche, um den Gedanken aufzuschreiben. Doch irgendwie verlor er die Lust, blätterte ein wenig und blieb bei der Kurzgeschichte hängen, die er im letzten Monat über Großvater geschrieben hatte. Sie war fünf Seiten lang und beschrieb eigentlich nur, wie Großvater zu Hause den Rasen mähte, lachend, in seltsam gezogenen Kreisen, die sich spiralförmig von der Mitte des Gartens wegbewegten, wie er ihm dabei auffordernd zuwinkte, mit schräggeneigtem Kopf, bis Paul auf seinen Großvater zulief, sie sich beide auf die noch ungemähte Wiese legten und Paul sich plötzlich so glücklich fühlte, vielleicht nur, weil er glaubte, Ameisen zu spüren, die kitzelnd über seine Beine krochen. Er mochte dieses Bild aus seiner Kindheit, aber Kobetzki hatte nach dem Vorlesen nur gegähnt, die Stirn gerunzelt und nicht verstanden, was das Ganze sollte.

Eine tiefe, berlinernde Stimme dröhnte durch die Lautsprecher: Wegen einer Betriebsstörung fielen die nächsten beiden Züge der Flughafenlinie aus. Paul fühlte sich von einem Augenblick auf den anderen unter puren Stress gesetzt. Das für 79Euro von seinem Vater erworbene Flugticket (nicht umbuchbar, da Billiglinie) war extrem gefährdet. Er hetzte zum Taxistand und bestieg den Wagen eines griechischen Taxifahrers, der ihm die nächsten zwanzig Minuten von seiner hypnotischen Wirkung auf das andere Geschlecht erzählte, die sich so wunderbar entfaltet hätte, seit er das erste Mal als Sänger in einer Folkloreband aufgetreten sei, mit dem Künstlernamen Orpheus, letzten Samstag erst, bei der bewegenden Hochzeitsfeier seines durch einen Badeunfall querschnittsgelähmten Cousins, der nach dreijährigem Werben seine ehemalige Krankengymnastin vor den Altar geführt hätte, was Paul zwar nicht sonderlich interessierte, aber immerhin eine Zeit lang von der Tatsache ablenkte, dass sich der Wagen im Stau auf der Frankfurter Allee erst vierhundert Meter weit wegbewegt hatte.

Der Taxifahrer wirkte ein wenig beleidigt, als Paul plötzlich seine Lektüre aus dem Rucksack holte und ihm erklärte, er müsse für eine Klausur lernen. Das war natürlich gelogen, Paul hatte seit zwei Jahren keinen Seminarraum mehr betreten. Aber es verschaffte ihm Ruhe, bis sich das Taxi in den Schrittverkehr der nächsten Querstraße einfädelte. Die Stadt war dicht, den Flieger konnte er vergessen. Nach weiteren fünf Minuten änderte er seinen Plan und ließ sich schweigend und missgelaunt zum Ostbahnhof fahren.

Paul fand einen Platz im Großraumabteil, direkt gegenüber einer dicklichen Dame, die Karamellbonbons naschte. Er schrieb eine SMS an Vater, der womöglich schon auf dem Weg zum Flughafen war, was sich denkbar negativ auf den Versuch auswirken würde, durch eine noch zu überlegende Ausrede von brillanter Plausibilität das Fahrgeld zurückerstattet zu bekommen.

Das Zugticket hatte fünfzig Euro gekostet, ein Betrag, der eigentlich für ein Wiedersehen mit Julia eingeplant war, sei es als Investition in ein Geschenk oder für eine Einladung zum Essen, je nachdem, wie sich das Treffen gestaltete und wie und ob sich dabei eine gewisse Chemie zwischen ihnen auffrischen ließ. Schließlich musste er sich eingestehen, dass er in den letzten Tagen wieder und wieder darüber fantasiert hatte, mit seiner Ex noch einmal in die Kiste zu springen, der guten alten Zeiten wegen. Immerhin hatten sie sich in den vergangenen zwei Monaten einige versöhnliche E-Mails geschrieben. Und in ihrer letzten Nachricht hatte sie durchblicken lassen, dass Lothar, ihr neuer Freund, der als Erdkunde- und Sportlehrer arbeitete, am Wochenende zu einem Trainingscamp an die Ostsee ausflöge, eine Information, die man gerade aufgrund ihrer Beiläufigkeit im günstigsten Fall als einen Wink mit dem Zaunpfahl interpretieren konnte. Doch Paul fühlte sich auch schäbig dabei. Julia war seine erste und einzige große Liebe gewesen, und eine temporäre Rückkehr in ihren Schoß kam ihm wie das endgültige Eingeständnis seines Versagens vor, eine glanzlose, traurige Triebabfuhr, der Verrat an allem, was zwischen ihnen gewesen war. Andererseits sollte er pragmatisch sein, denn wenn er sich auch in der hinterletzten Besenkammer eines sowieso auf reiner Spekulation beruhenden Gebäudes eine spärliche Hoffnung bewahrt hatte, Julia in zähem, langwierigem Kampf zurückzugewinnen, so schien es ihm in seiner momentanen Lage unangebracht, durch romantische Verbissenheit die Aussicht auf ein kleines, wenn auch flüchtiges Glück zu gefährden.

Paul blickte aus dem Fenster. Draußen schwebte ein eingerüsteter Altbau vorbei, Maler mit gelben Schutzhelmen, Farbeimern und Rollpinseln bewegten sich todesmutig über die Holzbretter. Er mochte die Zugfahrt vom Ostbahnhof zur Friedrichstraße und raus aus der Stadt, über die Spree an der Museumsinsel vorbei und dem Schiffbauerdamm, hier konzentrierte sich Berlin in seiner Hässlichkeit und Schönheit. Mietshäuser, Brachen, Baustellen und Prunkbauten wechselten sich ab, bis die Reichstagskuppel in der Sonne blinkte, die Vergangenheit verabschiedete und den Platz freigab für den nüchternen Glanz des Regierungsviertels.

Die dicke Frau war eingeschlafen. Sie sah der Kindergärtnerin ähnlich, die ihn bei einem Fluchtversuch vor etlichen Jahren erwischt und in den Spielraum zu den anderen Kindern zurückgetragen hatte, während seine Beine hilflos in der Luft strampelten und er das erste Mal die Ohnmacht erlebte, nicht mehr da sein zu dürfen, wo er eigentlich sein wollte: zu Hause, bei seiner geliebten Mutter.

Der Zug fuhr nach einem kurzen Aufenthalt auf dem Hauptbahnhof weiter, das gleichmäßige Schnarchen der Doppelgängerin und das Sirren des ICE machten Paul schläfrig. Er kniff abrupt die Augen zusammen und entspannte dann langsam die Muskulatur, um zu prüfen, welche Bilder sich auf dem Inneren seiner Netzhaut abzeichnen würden – ob Reste des zuvor Gesehenen oder etwas vom Schimmern hinter den geschlossenen Augen. Zunächst versuchte er, sie noch zu identifizieren. Neben dem starken hellen Fleck, der vom direkten Sonnenkörper kam und sich in Farbe und Form pulsierend veränderte, gab es Linien, Kanten und andere geometrische Figuren. Schattenreste, die über die Netzhaut trieben wie leichte Hölzer auf einem spiegelglatten See, nur dass sie viel schneller waren und häufig die Richtung änderten. Nachdem der Sonnenfleck langsam ausbrannte und es für einen Moment ganz dunkel schien, schwamm ein Tannenwäldchen ins Bild, und dann die Lichtung mit den Ginsterbüschen und all das andere Mobiliar seiner ersten Nacht mit Julia, der Mond, kurz nach Sonnenuntergang im kleinen Teich gespiegelt, die Schornsteine der stillgelegten Fabrik und ein verrosteter Traktor. Und dann sah er Julia, halbnackt im Moos, lächelnd, mit diesen tiefbraunen, traurigen Augen, die ihn erwartungsvoll anschauten, während oben ein Schwarm Zugvögel über den gerade noch blauen Himmel glitt und er mit einem Kuss jene Grenze überschritt, über die sie beide in den Wochen ihrer vorsichtigen Annäherung nur staunend geschaut hatten.

Als der ICE am Wolfsburger Hauptbahnhof hielt, wunderte sich Paul, dass so viele Reisende auf dem Bahnsteig waren. Einige liefen mit ihren Handys herum, in absurden Zickzacklinien, andere saßen reglos wie abgelegte Marionetten auf den Bänken, wieder andere spielten, an ihre Koffer gelehnt, Skat. Eine Gruppe Jugendlicher hatte es sich auf einer Decke neben einem Haufen Rucksäcke bequem gemacht, mit zwei Flaschen Rotwein ausgerüstet, schienen sie nicht das geringste Interesse daran zu haben, wann die Reise weiterging.

«Das hat sicher mit Limbourg zu tun. Mit dem Thalys», meinte die Doppelgängerin, die aufgewacht war und aus ihrer Tasche einen Beutel mit Mirabellen kramte. Für einen Moment schossen Paul die Fernsehbilder vom gestrigen Abend durch den Kopf, dann entdeckte er draußen auf dem Bahnsteig ein Mädchen in schwarzem T-Shirt und dunkelrotem