Kolonisten - Lydia Kupi - E-Book

Kolonisten E-Book

Lydia Kupi

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Beschreibung

Eine geschiedene Frau um die 50, deren Sohn in den USA studiert, begegnet einem neuen Mann in ihrem Leben und davon angeregt, beginnt sie sich an ihre Herkunft und die ihrer Familie zu erinnern und recherchiert in diesem Zusammenhang alles, was ihr zur Geschichte der Auswanderer und Kolonisten weltweit einfällt. Ausführlich erzählt, mit spannenden kurzen Geschichten von Kolonisten rund um die Welt vor allem aber eine Wiedergabe der Geschichte von mehreren Generationen einer donauschwäbischen Familie, die, wie so viele andere auch, heute verstreut in aller Welt leben.

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Seitenzahl: 195

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Lydia Kupi

Kolonisten

Roman

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

I.

II.

III.

IV.

V.

VII.

VIII.

IX.

Impressum neobooks

I.

„Meine Vorfahren fielen immer der Vergessenheit anheim, kein Berühmter in unserer Familie. Wir erinnern uns gerade noch an unsere Urgroßeltern, und diese leben in unserer Erinnerung weiter, aber dann ist auch schon Schluss“, erzähle ich. „Unseren Stammbaum können wir drei, vier Generationen zurückverfolgen, dann verlieren sich alle Spuren.“ Christoph und ich sind über die Geschichte der Alten Griechen auf unsere eigenen Familien zu sprechen gekommen, während wir nach dem Altgriechischkurs an der Volkshochschule in Richtung Marktplatz schlendern.

„Und deine Vorfahren, sind sie alle aus Bayern?“ frage ich ihn. „Franken, eigentlich Franken, aus einem kleinen Nest in der Gegend bei Bayreuth, “ gibt er mir zu Antwort. Er ist Pendler, kommt seit einigen Jahren jeden Montag aus Bayern zur Arbeit in das Softwarezentrum hier im Württembergischen, wo er programmiert, maßgeschneiderte Programme für die Steuerung diverser Industriemaschinen vor allem für die Automobilbranche schreibt.

Es ist kurz nach halb Zehn, die Schaufenster der Läden rund um den Marktplatz meiner kleinen Stadt sind alle hell erleuchtet, die weihnachtlichen Lichterketten von den Ahornbäumen aber schon entfernt und die große Holzkrippe steht auch schon leer da, die lebensgroßen Figuren, Maria und Josef, den Ochs und den Esel, die Heiligen Drei Könige und das Christkind in der Krippe hat man schon wieder weggeräumt. Vom städtischen Depot auf den Marktplatz, vom Marktplatz aufs Depot, das ist jetzt der Weg der Heiligen Familie, der Weg der berühmtesten Flüchtlinge der Welt.

Wir treten in die „Marktklause“ ein, eine urgemütliche kleine Gastwirtschaft, und finden in einer Ecke noch einen rustikalen kleinen Holztisch für zwei Personen. Wir bestellen uns Trollinger und Elsässer Flammkuchen und nehmen unser Gespräch wieder auf.

„Die Mutter meiner Urgroßmutter stammte aus dem Bayerischen Wald und hieß Gerstenmüller“, sage ich und lächle. Das ist auch schon alles, was ich über diesen Zweig der Familie weiß. Ich vermute, dass sich der Name von Vorfahren herleitet, die eine Getreidemühle im Wald oder am Waldrand betrieben haben und deren Nachfahren dann Mitte des 19. Jahrhunderts die Donau hinab fuhren, aussiedelten und ein neues Leben in der Fremde begannen.

„Habt ihr keine Aufzeichnungen, Dokumente darüber?“ fragt mich Christoph.

„Nein“, muss ich eingestehen. „Ahnenforschung ist erst in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts populär geworden, bis dahin war ihr Stammbaum meist nur den Adeligen bekannt. Geschriebenes war zwar immer kostbar, aber niemand von den kleinen Leuten wäre auf die Idee gekommen, alte Reisepässe oder andere Dokumente für die Nachkommen aufzubewahren. Einträge in Kirchenbüchern hatten rein praktischen Nutzen, waren ein Verwaltungsvorgang.

Heute sind alte Kirchenbücher sehr gesucht, dienen Ahnenforschern auf der ganzen Welt als wertvolles Forschungsmittel beim Aufstellen von Stammbäumen auch für den Normalbürger.

Hier in Westeuropa ist das kein Problem, die Menschen waren meist jahrhundertelang am selben Ort ansässig, aber bei den Donauschwaben waren die Ortschaften über Rumänien, Ungarn, Kroatien, Serbien, Slawonien verstreut. Dazu kam, dass auch eine große Wanderung innerhalb dieser Länder stattfand, die Deutschen, die einmal ihr Heimatland, Bayern oder Baden, verlassen hatten, blieben nicht immer am neuen Ort, sondern es wurden oft noch neue Siedlungen andernorts gegründet oder man heiratete in eine Nachbargemeinde ein.

Auch ist es für Ahnenforscher oft sehr kostspielig, weil mit viel Reisen verbunden, die Kirchenbücher vor Ort aufzusuchen. Im Haus der Donauschwaben gibt es Mikrofilme, aber diese umfassen nur einen Teil der genannten Länder, die meisten Kirchenbücher sind noch nicht verfilmt.“

Ich kann mich noch an meine gelegentlichen Besuche in der Bibliothek und der Abteilung für Ahnenforschung des Hauses der Donauschwaben erinnern. Ich wollte sehen, was es an Literatur und Unterlagen zu Kroatien und zu der Gegend, in der ich geboren worden war, gibt, aber auch diese Kirchenbücher sind noch nicht filmtechnisch erfasst und ein Namensbuch unseres Dorfes hat noch niemand herausgegeben.

Solche Namensbücher, Familienbücher, sind übrigens die reinste Fleißarbeit. Dicke Wälzer, die akribisch alle Familien einer Ortschaft zu einem bestimmten Zeitpunkt erfassen, so dass man feststellen kann, zu welchem Zeitpunkt welche Vorfahren in welcher Ortschaft siedelten. Hunderte von Seiten mit Seidels und Roths, Bruckners und Müllers, und den Vornamen, wie sie im 19. Jahrhundert weit verbreitet waren, Hans, Jakob und Peter, Anna und Marie.

Anna hieß auch meine Ur-Urgroßmutter aus dem Bayrischen Wald, die als kleines Kind mit ihren Eltern in den Süden zog, weil der Vater das sechste von sieben Kindern war und der Hof seines Vaters ihn nicht mehr ernähren konnte. Also legte er sein Erspartes hin, besorgte sich einen Pass, nahm Frau und seine drei Kinder und seine Habseligkeiten und schiffte sich in Regensburg auf einer Ulmer Schachtel ein, ein aus Holzplanken zusammengezimmertes Schiff, das ihn die Donau abwärts trug bis zum Bestimmungsort in Ungarn, wo er siedeln sollte. Das Schiff wurde dann dort in seine Bestandteile zerlegt, die verkauft oder zum Bau verwendet wurden.

„Das war hundert Jahre nach den drei großen Schwabenzügen, also ziemlich spät in der Geschichte der deutschen Siedlungen des Südostens“, erzähle ich Christoph.

Mein Wissen über diese Besiedlungen habe ich mir im Lauf der Jahre erworben. Mitte der 80er Jahre habe ich mir in Stuttgart die große Ausstellung zu den deutschen Siedlungen in Südosteuropa angeschaut, die unter Federführung des Innenministeriums stattgefunden hat. Ministerpräsident Dr. Gebhard Müller hatte 1954 für das Land die Patenschaftsurkunde für die Donauschwaben unterschrieben, drei Jahre zuvor war in Backnang eine erste Plattenwaldsiedlung nur für Bessarabiendeutsche und Deutsche aus Ungarn und Kroatien entstanden, eine von vielen Siedlungen hier in der Gegend, die bestimmt waren, den vielen Umsiedlern aus dem Osten eine neue Heimat zu schaffen.

„Na ja, “ sagt Christoph und nippt an seinem Trollinger, „wir auf dem Land in Bayern sind ja heute auch in einer strukturschwachen Region und müssen schauen, dass wir andernorts eine qualifizierte Beschäftigung finden. Das wird vor 150 Jahren auch nicht anders gewesen sein.“

„Das ist eigentlich immer so gewesen“, antworte ich. „Als vor 3000 Jahren die Siedlungen der Griechen in ihrem Mutterland aus allen Nähten platzten, wanderten diese auch aus und gründeten Tochterkolonien in Nordafrika und Süditalien, in Spanien, Frankreich und an der türkischen Ägäisküste. Neapel ist ‚Nea-polis‘, der ganz simple Name ‚Neustadt‘ für eine der zahlreichen griechischen Stadtgründungen im Altertum und auch das dalmatische Split in Kroatien ist aus dem antiken Aspalatos entstanden.

Ab dem 9. Jahrhundert gründeten dann die Wikinger Kolonien in Europa, die in der heutigen Ukraine und in Russland sind wohl die bekanntesten.

Wohin ich in der Geschichte auch schaue, überall entdecke ich Kolonisatoren. Heinrich der Löwe kolonisierte 300 Jahre später Land an der Ostsee, das von Slawen bewohnt war, dann folgten die deutschen Ordensritter, die das Baltikum mit deutscher Sprache, Kultur und mit ihren Stadtgründungen überzogen. 1496 wurden die Gebiete in Südamerika vertraglich zwischen den Kolonialmächten Portugal und Spanien aufgeteilt, um weitere Streitigkeiten bei der Kolonisierung des Subkontinents zu vermeiden.

Als die Türken im 18. Jahrhundert von den Österreichern aus Westeuropa zurückgeschlagen wurden, hatten sie verwüstete Landstriche hinterlassen, und um diese wieder fruchtbar zu machen, lockten die Habsburger in Wien mit Land und Steuervergünstigungen deutsche Siedler in diese Gebiete. Das waren die drei Schwabenzüge im 18. Jahrhundert, unter Kaiser Karl IV., Kaiserin Maria Theresia, Joseph II. und das war im Prinzip nichts anderes als eine Binnenwanderung innerhalb des riesigen Vielvölkerreiches.

Das Ansiedlungspatent von Kaiser Joseph II. etwas beginnt mit der Aufzählung seiner Titel, erwählter Römischer Kaiser, Mehrer des Reichs usw. und tut dann kund‚ ‚dass Wir in unsern Königreichen Ungarn, Galizien und Lodomerien viele unbesetzte, leere und öde Gründe besitzen, welche Wir gesonnen mit Deutschen Reichsgliedern, besonders aus dem Ober-Rheinischen Kreise, anzusiedeln.‘

Er verspricht den Siedlern vollkommenen Gewissens- und Religionsfreiheit, für den ältesten Sohn Befreiung vom Militärdienst, freier Transport von Wien zum Ort der Ansiedlung und vieles mehr. Das hat natürlich sehr viele Siedler aus dem Reich angelockt.

Aber die Besiedlung des europäischen Südostens hat insgesamt eine tausendjährige Tradition. Die Siebenbürger Sachsen sitzen ja schon seit dem Mittelalter im heutigen Rumänien und erst das Ende des II. Weltkrieges hat das Ende ihrer Kultur und auch das Ende der Kultur aller im Südosten angesiedelten Deutschen gebracht.“

„Und wir, die wir seit Jahrhunderten bei Bayreuth sitzen, wandern jetzt auch aus. In den letzten Jahren sind aus unserem Ort die Hälfte aller Jugendlichen zwischen 16 und 24 Jahren abgewandert. Die Kommunen, denen das Geld für Wirtschaftsanreize und neue Arbeitsplätze fehlt, verlieren damit wieder Arbeitskräfte und Geld und finden sich damit in einem Teufelskreis wieder, aus dem es kein Entkommen zu geben scheint. Ich bin auch am überlegen, ob ich das Pendeln aufgeben und mich dauerhaft in Baden-Württemberg ansiedeln soll.“

Christoph seufzt und ich merke, dass ihm dieser Entschluss schwerfallen würde. Er würde nicht nur das große, neue Haus, das er sich erst vor ein paar Jahren gebaut hat, verlassen müssen, sondern auch das vertraute Städtchen und die Freunde und Verwandten, mit denen er aufgewachsen ist.

Früher hat er Klarinette in einem Trio gespielt, sie haben Heimat- und Volksmusik gemacht, altes bayerisch-deutsches Liedergut am Leben gehalten und sind durch die Gemeinden in Franken und ganz Bayern gezogen, wo sie vor allem in den ländlichen urigen Wirtshäusern immer ein großes meist einheimisches Publikum gefunden haben. Seitdem er pendelt, hat er dieses Hobby aufgegeben, da er die Wochenenden nun zum Ausruhen und Kräftetanken benötigt.

„Da geht auch bei dir ein Stück Kultur verloren, wenn du keine Musik mehr machst“, sage ich.

„Ja, leider“, nickt Christoph. „Aber meinen beiden Kameraden vom Trio geht es auch nicht besser. Einer pendelt wie ich, der andere zieht nächstes Jahr nach München. Und die Tradition der bayerischen Wirtshausmusik gibt es leider nur bei uns, auch das wird mir fehlen, sollte ich wirklich umziehen.“

Die Lieder, die er mit seinem Trio gespielt hat, umfassen auch solche, die mir seit Kindesbeinen an vertraut sind, da sie bei uns zu Hause gesungen worden sind, wie „Mariechen saß weinend im Garten“, „Wenn alle Brünnlein fließen“, „Im schönsten Wiesengrunde“, auch die schönen alten Weihnachtslieder.

Auch der Klang der Klarinette ist mir sehr lieb, da ein Onkel von mir dieses Instrument in einer unserer beiden Dorfkapellen gespielt hat.

Vorbild war den Kapellen die k.u.k.-Militärmusik gewesen, die Mitte des 19. Jahrhunderts groß in Blüte stand und bei den Siedlern in ganz Österreich-Ungarn sehr beliebt war. Die beiden Kapellen spielten auf Hochzeiten und bei Kirchweihfesten und Sonntags im Dorfwirtshaus beim Rantzinger oben auf der Hauptstraße, beide Kapellmeister bestellten ihre Noten in Österreich oder „im Reich“, in Deutschland, oder schrieben die Stücke auch selbst, Ländler, Walzer, Polkas.

Slavko Arsenik mit seiner Böhmischen Blaskapelle dürfte dieser Musik wohl noch am nächsten kommen: gemütvoll, breit, melodienreich, ans Gefühl appellierend. Diese Herz-Schmerz-Musik kam unseren Dorfbewohnern sehr entgegen und drückte ihr Gemüt, ihre Stimmungslage am besten aus. Später ist Toni Nemet, der eine der beiden Kapellmeister, in die USA emigriert und hat auch dort wieder eine Kapelle gegründet, die in deutschen Clubs für die Landsleuten aufgespielt hat, und er hat sogar eine Schallplatte aufgenommen, die in überraschend großer Stückzahl verkauft wurde.

Hansi Rosenberg, der andere Dirigent, ist gleich nach dem Krieg nach Deutschland gegangen, wo es ihm gelang, sich wieder eine Dorfkapelle aufzubauen, hier draußen im Strohgäu, in einer kleinen Gemeinde, und wo er von seiner Musik und seinem kleinen Musikalienverlag leben konnte. Wir haben noch einige Platten seiner selbst verlegten Blasmusik.

Durch Christophs Erzählung von seiner bayerischen Wirtshausmusik kommt meine Erinnerung an einen Abend in meiner Kindheit, ich werde wohl so an die 5 Jahre alt gewesen sein, als ich von meinem Vater zu einem Dorfabend beim Rantzinger, unserem einzigen noch verbliebenen Wirtshaus oben auf der Hauptstraße, mitgenommen wurde und eine kleine Weile bleiben durfte.

Alles, was mir noch in der Erinnerung verblieben ist, ist ein großer, weiter Raum mit dunklen Holzstühlen und Tischen, mit Menschen, die sich überall drängen, die schwätzen, ein Gemurmel, das im Raum wogt, der Duft nach Bier, nach Hefe, tiefhängende Rauchschwaden im Raum, Geruch von Tabak.

Es tritt eine Sängerin auf, ich habe noch niemals eine Frau so auffallend und bunt, schwarz-rot gekleidet gesehen, mit großen Ausschnitt und Fransen, Glitzersteine am Kleid. Sie hat lange, schwarze Haare und dunkle Haut, ihre Lippen sind knallrot geschminkt, die Augen schwarz umrandet. Sie singt kroatisch, sie ist eine Zigeunerin, und die Männer sind begeistert. Ich erhalte sogar eine Autogrammkarte, die erste und einzige in meinem Leben. Frauen sind wenige anwesend, ich bin mit meinem Vater da, wir bleiben nicht lange, aber wir haben die Sängerin gesehen, haben ihre sehnsuchtsvollen Weisen gehört. Das war ein Höhenpunkt im Dorfleben, so etwas gab es nur sehr selten.

Das Wirtshaus mit seinem kleinen Podest für Auftritte wurde sonst auch für Versammlungen und für Schul- und Theaterauftritte benutzt. Mit sechs habe ich selbst dort meinen ersten öffentlichen Auftritt vor größerem Publikum gehabt, als Marienkäfer.

Es ist still in der Marktklause, außer Christoph und mit sind nur noch einige wenige Besucher an diesem gewöhnlichen Werktagabend in dem kleinen Restaurant versammelt. Da wir in einer Ecke abseits von den anderen sitzen und ich mich in etwas sentimentaler Stimmung befinde, in „zuckriger“ Stimmung, beginne ich leise, aber noch gut hörbar, zu singen: „Kennst du die Strophen?

Im schönsten Wiesengrunde ist meinen Heimat Haus,da zog ich manche Stunde ins Tal hinaus.

Dich, mein stilles Tal, grüß ich tausendmal!Da zog ich manche Stunde ins Tal hinaus.“

„Aber sicher!“ lacht Christoph und singt ebenso leise die zweite Strophe:

„Muss aus dem Tal jetzt scheiden, wo alles Lust und Klang;das ist mein herbstes Leiden, mein letzten Gang.Dich, mein stilles Tal, grüß ich tausendmal!Das ist mein herbstes Leiden, mein letzter Gang.“

Wir schauen uns an und stimmen gemeinsam die dritte und letzte Strophe an:

„Sterb' ich, in Tales Grunde will ich begraben sein;

singt mir zum letzten Stunde beim Abendschein:

Dich, mein stilles Tal, grüß ich tausendmal!Singt mir zur letzten Stunde beim Abendschein!“

II.

Nach dem langen Abend gestern mit Christoph in der Marktklause fällt es mir heute Morgen schwer, aufzustehen und wie gewohnt in den Rhythmus des Alltags zu fallen. Traumumwoben drücke ich den Knopf am Wecker, als er um halb sieben läutet, und bleibe noch eine Weile im warmen Bett liegen, das dicke Kissen im Rücken, die Arme hinterm Kopf verschränkt und denke an den vorigen Abend. So viel über meine Herkunft und Familiengeschichte habe ich schon lange niemanden mehr erzählt, mir ist’s, als läge das Thema seit meiner Kindheit in der Luft und dränge nun mit Macht in mein Leben.

Ist das ein Zeichen des Älterwerdens? Mit 50, wie ich es heute bin, waren die Menschen früher alt, viele von der Lebensarbeit ausgemergelt, auch die 40-Jährigen zählte man schon nicht mehr zur Jugend.

Ich habe mir über mein Alter nur Gedanken gemacht, als ich 30 wurde, das empfand ich als Einschnitt, vielleicht auch, weil damals mein Kind geboren wurde, mein Alexander. Damals dachte ich, jetzt bist du wirklich erwachsen, die Jahre davor, die Schule, das Studium, meine ersten Berufsjahre im Verlag, das hatte alles noch etwas Spielerisches, etwas Leichtes, auch die ersten Jahre meiner Ehe, in der noch eine fraglose Verliebtheit zwischen mir und meinem Mann vorherrschte.

Auch diese Zeit gehört nun schon lange der Vergangenheit an; den ersten 11 Jahren der Ehe mit Sebastian sind mittlerweile schon 12 Jahre des Getrenntseins gefolgt.

Vielleicht aber ist jetzt die Zeit für mich gekommen, vielleicht bin ich jetzt reif dafür, mich an meine früheste Zeit zu erinnern, vielleicht habe ich jetzt den Menschen getroffen, mit dem ich über all das Reden kann, worüber ich jahrzehntelang geschwiegen habe, auch während meiner Ehe. Mit Sebastian habe ich mich über diese Dinge niemals ausführlich ausgelassen. Vielleicht bin ich jetzt auch soweit, dass ich das tief Zurückliegende innerlich loslassen kann, frei darüber sprechen kann, über meine Herkunft, das versunkene Dorf meiner frühen Kindheit, mein späteres gefühltes Fremdsein in der Welt, ich habe ja schon gestern Abend damit angefangen.

Ich habe auf eine eigentümliche Weise immer funktioniert, habe getan, was getan werden musste, war ehrgeizig in der Schule und im Beruf, habe meine kleine Familie tief geliebt und liebe meinen Sohn immer noch. Aber mir ist, als müsste ich mich nun zurückwenden und nachdenken, als müsste ich eine Pause einlegen in meinem Leben und es quasi zusammenfassen, aufzeichnen, mir Rechenschaft abliefern. Aber nicht nur mir selbst Rechenschaft ablegen, mir ist, als sei ich dies auch meinen Verwandten und Landsleuten schuldig, da sich sonst keiner mehr finden wird, der die Geschichte unseres Dorfes aufzeichnet.

Ein kleines Dorf, eines von Hunderten, auf dem Reißbrett in einer Wiener Staatskanzlei entworfen, von österreichischen Hofarchitekten mit leichter Hand hin skizziert, nach strengen Regeln und Vorgaben, Routinearbeit, die ehemaligen Bewohner und ihre Nachkommen, genauso wie die der anderen unzähligen Kolonistendörfer in Südosteuropa, heute in alle Welt verstreut. Der letzte Deutsche, ein gewisser Gerstenmüller, ist voriges Jahr mit über 80 Jahren gestorben, seine Frau lebt jetzt allein in dem Kolonistenhaus aus dem vor-vorigen Jahrhundert, in dem die Zeit, bis auf einen Fernseher, ihren Stillstand gefunden hat.

In ihrem Hof laufen noch das Dutzend gescheckter Hühner und der stolze Hahn, die weißen Enten und das Handvoll Gänse frei umher ebenso wie der Haushund und die beiden schwarzweißen Katzen, ihr frisches Wasser holt sie sich aus dem ummauerten Ziehbrunnen am Zaun beim Hausgatter, die alten Holzdielen in Wohnküche, Schlafzimmer und Kammer hält sie peinlichst sauber, die weißen Wände innen und außen am Haus werden jährlich geweiselt, das alte Plumpsklo, ein kleines Holzhäuschen mit einem Herzen als Guckloch in der Tür, steht immer noch in der hintersten Ecke des Hofes, dessen staubiger Erdboden nur hie und da von Gras bewachsen ist und der außer dem Wohnhaus noch Stall, Scheune und Sommerküche einschließt.

Die anderen Kolonistenhäuser in dem Dorf sind aber schon seit Jahrzehnten dem Verfall preisgegeben, die Kroaten und Serben, die seit Ende des Zweiten Weltkrieges das Dorf mehr und mehr besiedelt haben, bauten sich mit Geldern, die sie in Deutschland, Frankreich, der Schweiz, verdient hatten, schöne, moderne Häuser, mit Bädern und Einbauküchen. Kanalisation und Abwasserversorgung haben längst ihren Einzug im Dorf gehalten, zwei der drei Straßen sind asphaltiert, nur die Häuser der Deutschen verfallen, keiner kümmert sich um sie, die neuen Bewohner lassen sie einfach einrumpeln.

Vor einigen Jahren waren wir mit unserer Verwandten Helli aus den USA durch diese Gegend gefahren, hatten versucht, unsere alten Häuser und die von unseren Verwandten und Bekannten zu identifizieren und waren teilweise kläglich gescheitert.

Es schrumpft alles so sehr mit den Jahren, es verfällt, wird fremd, wird nicht wiedererkennbar und geht endgültig und unwiderruflich verloren.

Nur die zwei Stunden bei Gerstenmüllers waren noch anheimelnd gewesen, über ihrem Küchenbuffet hing ein ausgebleichtes weißes Leinentuch mit geknüpften Fransen an beiden Enden, das ein über einem rotgestickten Herzen schwebendes Taubenpaar zeigte und darunter den Spruch: „Das Sehnen und das Meiden bringt inniglich Herzleiden“, in schnörkeligen rosa Buchstaben gestickt.

In jungen Jahren waren die beiden Alten gezwungen gewesen, sich auf längere Zeit zu trennen und sie hätten sich wohl auch nicht mehr wiedergefunden, wenn der junge Gerstenmüller nicht beschlossen hätte, eine vielversprechende Zukunft in Deutschland aufzugeben und zu seiner geliebten Braut ins ferne Dorf zurückzukehren. Ihre beiden Kinder sind schon lange verheiratet, haben selbst schon Kinder und leben in der nahen Provinzhauptstadt, der Sohn Tankwart und die Tochter Verkäuferin, beide des Deutschen nur noch gebrochen mächtig, mit kroatischen Partnern verheiratet, die Enkel nur kroatisch sprechend und sich als Kroaten fühlend.

Meine eigene Ehe hat nicht den Erwartungen standgehalten, die ich in sie gesetzt habe, als sie geschlossen wurde. Sebastian und ich hatten uns in dem renommierten Stuttgarter Schulbuchverlag, in dem wir beide arbeiteten, kennengelernt und zwei Jahre später geheiratet. Im Jahr darauf wurde unser Sohn Alexander geboren, ich hörte auf zu arbeiten, blieb zu Hause, widmete mich meinem Sohn, meinem Mann, las, versuchte mich im Kochen, im Backen, die Jahre verflogen, die Verliebtheit verflog, eine gewisse Routine kehrte ein und ehe ich mich versah, war unsere Ehe dahin, im Sand verlaufen, aufgelöst, ein Jahrzehnt aufgehoben und ich wusste nicht, wie mir und meiner kleinen Welt geschehen war.

Ich habe zwei, drei Jahre gebraucht, um darüber hinwegzukommen, habe zunächst wieder bei meinen Eltern gewohnt, mir dann eine eigene Wohnung gesucht. Alexander war bei seinem Vater geblieben, ich habe mir eine neue Anstellung gefunden, als Sprachlehrerin in einem privaten Sprachinstitut, ich habe mich eingerichtet, so gut ich es konnte, in einem neuen Single-Leben, das ich immer noch führe, auch jetzt, am Morgen, im Bett, die Arme hinterm Kopf verschränkt.

Alexander ist inzwischen erwachsen, er besucht mich oft, wir unternehmen dann immer kleine Wanderungen, besuchen Museen, besuchen meine Eltern. Mit meinem Vater bastelt er an den Wochenenden oft stundenlang im Hobbykeller, sie schneiden und bohren und hobeln und meine Mutter kocht wie eine Weltmeisterin, gefüllte Paprika und Gulasch, panierte Schnitzel und Bohnensuppe mit Krautpogatscheln, und bäckt Apfelstrudel und Buchteln und Strutz.

Sebastian hat schon lange eine neue Partnerin gefunden, zehn Jahre jünger als ich, sie hat nichts mit dem Verlag oder mit Büchern zu tun, sie kommt aus der Modebranche, ist bedeutend attraktiver als ich, extrovertierter, und die beiden leben schon seit einigen Jahren zusammen in unserer alten Wohnung, die Sebastian behalten hatte.

Mit ihm telefoniere ich gelegentlich, vor allem, wenn es um Alexander geht, wir haben ein distanziertes, freundliches Verhältnis, sehen uns aber kaum mehr. Alexander ist zurzeit in den USA, er macht ein Studienjahr drüben, legt zwei Auslandssemester ein. Er ist ein großer Fan der USA, hat schon als Schulkind alles über das Land gelesen, was ihm unter die Finger kam, über die Rocky Mountains und die Großen Prärien, über die Zeit der Kolonisierung des Wilden Westens und über die Golden-Gate-Bridge in San Francisco.

„What starts here, changes the world“: „Was hier beginnt, ändert die Welt”, mit diesem Slogan wirbt die Universität von Austin im Bundesstaat Texas für sich. Dort ist er jetzt also, Alexander, und studiert an der Cockrell School of Engineering Architektur und Umweltingenieurswesen. Sein Vater bezahlt ihm den teuren Studienaufenthalt, denn Studieren in den USA ist recht teuer. Aber Alexander ist fleißig, ist ein guter Student wie er schon ein guter Schüler war und die ganze Familie ist stolz auf ihn. Er schreibt mir häufig Emails, ist in seiner Freizeit sportlich engagiert und fühlt sich auf dem Campus in Austin sehr wohl.

Die Rocky Mountains sind nicht weit entfernt, er hat sie schon besucht und hat mir ein begeistertes Mail geschickt, die Great Plains, die Prärie, reichen bis fast vor seine Haustüre, die Gegend, durch die einst die ersten amerikanischen Siedler zogen, um den Westen zu erobern.

Austin ist die Hauptstadt dieses riesigen Staates, aber in Deutschland ist vor allem die andere große Stadt, Dallas, ein Begriff, seit die gleichnamige Serie über eine Ölmillionärsfamilie hier lief und sich Millionen von Deutschen allwöchentlich vor dem Fernseher versammelten, um ihren Intrigen zu folgen.

Texas ist immer noch vor allem eine Ölnation, hat aber auch eine bedeutende Landwirtschaft mit Baumwolle, Reis, Gemüse und auch Viehzucht. Unsere Verwandten und die anderen Landsleute im nördlich gelegenen Bundesstaat Michigan hingegen, in Detroit, haben fast alle mit der Autoindustrie zu tun, die dort vorherrscht und die ihnen nach ihrer Einwanderung nach 1945 Arbeit gegeben hat.

Texas hat zwei Gründungsväter vorzuweisen, wie mir Alexander gemailt hat und auf deren Spuren er überall in Texas trifft: der eine ist der Gründer des Staates, der „Father of Texas“, Stephen F. Austin, der es für kurze Zeit auch zum Außenminister gebracht hat und dem zu Ehren die texanische Hauptstadt seinen Namen trägt. Austin hat den Traum seines Vaters verwirklicht und als Erster um 1830 das riesige, noch menschenleere Land besiedelt.