Komaamok - Raimund Böhr - E-Book

Komaamok E-Book

Raimund Böhr

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Beschreibung

Die Menschheit lebt im Wachkoma, sieht, was sie anrichtet und läuft weiterhin Amok gegen ihre Heimat, die Erde. Klimawandel, Luftverschmutzung, Vermüllung der Meere, Ausrottung von Pflanzen und Tieren sind die Folgen der Ausbeutung der Erde durch den Menschen. Es sind die äußeren Symptome. Sie sind ein Spiegelbild des Verhaltens der Menschen untereinander. Hier liegen die Ursachen. Mit Komaamok taucht Rai in die Tiefen menschlichen Seins ein und macht es in seiner Wirkung auf das Leben spürbar. Die sieben Todsünden des Christentums, die sieben Emotionen der chinesischen Medizin, westliche Naturwissenschaft und fernöstliche Spiritualität stehen nicht mehr nebeneinander. Sie sind in einer spannungsgeladenen und in seiner Entwicklung überraschenden Geschichte ineinander verwoben.

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Seitenzahl: 519

Veröffentlichungsjahr: 2020

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..... ist „Krise“ möglicherweise nicht die richtige Bezeichnung für unsere gegenwärtige Situation. Es ist eher so, dass wir im „Koma“ liegen. Dieses Wort stammt aus dem Griechischen. Es bedeutet „tiefer, traumloser Schlaf“.

Rutger Bregman

Den in den Kampongs, den malaiischen Dörfern, aufgewachsenen jungen Leuten fiel es nicht leicht, sich dem Stadtleben und der Fließbandarbeit anzupassen; sie reagierten, indem sie „Amok“ liefen – ein Wort aus dem Malaiischen, das in alle Sprachen Eingang gefunden hat und einen „plötzlich ausbrechenden Wahnsinn“ beschreibt.

Tiziano Terzani

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Nach dem Unfall

Jahr später

Jahr

Jahr

Jahr

Jahr

Jahr

Jahr

Epilog

Prolog

Am Sonntagmorgen des 2. Juni 2002 wacht Max gegen 5 Uhr auf. Die Blase drückt. Er will aufstehen, doch ein Schwindelgefühl lässt ihn innehalten. Mit der Kraft seines Willens schwankt er zur Toilette, setzt sich auf die Brille. Das Atmen fällt ihm schwerer als gewohnt und in der linken Brust spürt er einen leichten Druck. Eine innere Stimme führt ihn nach draußen, hinter das Haus. Irritiert von diesen körperlichen Symptomen, aber sorglos, legt Max sich auf die Wiese und atmet, so tief es geht, die morgendliche, frische Luft ein. Der erste Zug an der Zigarette ist widerlich. Er drückt sie in der Erde aus.

Wie so oft an den Wochenenden, ist seine Freundin zu Besuch. Als Verena erwacht, ist der Platz neben ihr im Bett leer. Es ist nicht ungewöhnlich, sie kennt das. Ihre Augen hält sie geschlossen. So liegt sie eine Weile ruhig auf dem Rücken. Die ersten Gedanken an ihren Freund sind verbunden mit einer sich ausdehnenden Anspannung. ´Etwas stimmt nicht!? ... Der Kaffeeduft aus der Küche fehlt`! „Max!?“ Der Ruf bleibt unbeantwortet. Ihre Stirn zieht sich in Falten. Voller Besorgnis, nur schnell ein Hemd übergeworfen, stürzt sie aus dem Schlafzimmer. Auf der Wiese findet sie ihn im Gras liegend: „Alles in Ordnung mit dir?“

„Alles okay. Mir war ein bisschen schwindelig. Geht aber schon wieder“, versucht er sie zu beruhigen. Verena schaut in sein kreidebleiches Gesicht, das ihre Sorge verstärkt.

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Nachdem Michael die Wohnung verlassen hat, legt Malena sich noch einmal hin. ´Später werde ich Heike in der Boutique besuchen`. Eine kurze Wehe unterbricht ihre Gedanken. Malena weiß, ihr Baby liegt schon in der Geburtsstellung, Kopf nach unten. Ihre Hände befühlen ihren prall gefüllten Bauch. ´Ob das Eröffnungswehen sind`? „Bist du schon bereit? Du weißt ja, dein Vater möchte dabei sein, wenn du kommst. Der ist aber vor heute Abend nicht zurück. Also kannst du dir noch Zeit lassen.“

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Ein halbes Brötchen und eine Tasse Kaffee ist alles, was Max an diesem Morgen frühstückt.

„Das ist sehr wenig, was du gegessen hast!“

„Es schmeckt mir heute nicht.“

„Max, du bist so blass im Gesicht, soll ich den Arzt anrufen?“

„Nicht nötig, eine vorübergehende Schwäche.“ Durch einen kurzen, schmerzhaften Stich in seiner linken Brust wird sein gleichzeitiges, aufgesetztes Lächeln jäh unterbunden. „Ich leg mich wieder ins Gras, das tut mir gut.“ Es ist später Vormittag. Die alte Eiche wirft einen tiefen Schatten, in den er sich bettet.

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Malena steht angezogen in der Tür, will sie abschließen, als ein intensiver Schmerz ihren Bauch erfüllt. Sich an der Klinke festkrallend, atmet sie tief durch. Eine halbe Minute später ist diese Wehe vorbei. Nachdenklich bleibt sie stehen und entscheidet sich dann gegen den Besuch bei Heike in ihrer Boutique. ´Soll ich Michael anrufen? Vielleicht erst einmal Bettina. Als Hebamme weiß sie am besten, in welchem Stadium ich mich befinde`.

„Es hört sich schon nach den Eröffnungswehen an, was du mir erzählst. Das leichte Bluten ist die Zeichnungsblutung, der Schleimpfropf hat sich gelöst. Ich werde in zwei Stunden bei dir sein. Ist Michael bei dir?“

„Nein, er hat heute seinen letzten Tag auf dem Notarztwagen und hat erst am späten Nachmittag Feierabend.“

„Sag ihm, dass er im Krankenhaus auf uns warten kann. Dann haben wir noch eine Zeitlang Ruhe vor ihm. Bis ich da bin, weißt du, was zu tun ist.“ Lachend verabschieden sie sich voneinander.

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Die Sonne hat ihren mittäglichen Zenit überschritten und brennt gnadenlos auf die Erde herab. Umgeben von kleineren Bäumen, spendet die alte Eiche etwas Kühlung. Das anfangs leichte Druckgefühl in der linken Brust kommt und geht, stärker werdend. Max ist auf seine Atmung konzentriert, tief ein- und ausatmen.

Verena schaut nach ihm: „Wie geht es dir?“

„Es geht. Lass mich ruhig liegen. Es fühlt sich gut an.“

Sein blasses Gesicht lässt sie zweifeln: „Soll ich nicht doch den Notarzt anrufen?“

„Nein, ich will keinen Arzt!“

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„Einwandfreie Herztöne. Der Muttermund öffnet sich. Das Kind liegt richtig. Malena, das macht ihr beiden gut.“

„Heißt das, du erwartest keinerlei Komplikationen?“

„Genau das heißt es.“

„Bettina, ich möchte hier, zu Hause bleiben! Geht das? Machst du mit?“

„Hmmm. Wenn Michael kommt? Ich möchte keinen Stress während der Geburt.“

„Es geht um mich, wie und wo ich mich sicher fühle. Ich habe vollstes Vertrauen zu dir.“

„Ich bin an deiner Seite!“

„Dann rufe ich Michael an und sage ihm, dass es bis zur Geburt nicht mehr lange dauert, es alles schneller ging als vorhersehbar. Bis er hier ist, wird es sicherlich eine ganze Weile dauern. Und dann ......!?“ Selbstbewusst schaut Malena Bettina an. In ihrem entschlossenen Blick erscheint Erleichterung, die Bettina zeigt, dass hier der richtige Ort ist. Hier und nirgendwo sonst.

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Der Druck in der Brust wird stärker, das Atmen schwieriger. Das sich einstellende lebensbedrohliche Gefühl versucht er durch seinen starken Willen zu überwinden.

„Ich halte das nicht mehr aus, was du hier mit dir und mit mir machst, Max. Ich habe große Angst um dich. Du brauchst einen Arzt!“

„Wenn du nicht hier wärest, würde ich einfach nur liegen bleiben. Alles okay, was passiert!“

„Ich bin aber hier!“

„Dann ruf an.“

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„Ein Mann, 50 Jahre alt, klagt seit mehreren Stunden über ein stärker werdendes Druckgefühl in der linken Brust. Außerhalb der Stadt. Hier die Adresse.“ Dr. Michael Fernow und Jürgen Polzuch der Rettungssanitäter übernehmen den Notfall. Mit eingeschaltetem Martinshorn fahren sie los.

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„Er geht nicht ans Telefon. Ist nur der AB. – Hallo Michael. Ruf bitte sobald wie möglich zurück. Deine beiden Schätze.“

„Deine beiden Schätze?“

„So hat er sich heute Morgen verabschiedet: Tschüss, ihr beiden Schätze, bis heute Abend.“

„Wenn das mal kein Omen ist!?“

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Die Straßen der Stadt sind frei. Sie kommen schnell voran und passieren die Stadtgrenze. Nach 2 km links abbiegen, doch da ist keine Straße. Selbst bis 3 km gibt es keine Abbiegung. Die Rückfrage bei der Zentrale ergibt, nein, es ist keine offizielle Straße, es ist ein Weg, der zu einer Kleingartenkolonie führt. Jürgen wendet. Da ist der Abzweig, ein mit Schlaglöchern übersäter Weg. Die Zeit rennt, doch sie müssen langsam, sehr langsam ein Schlagloch nach dem anderen umfahren. Zu ihrer linken Seite taucht die Kleingartenkolonie auf. Kurz danach soll es eine Weggabelung geben. Da ist sie. Rechts weiterfahren. Plötzlich ist der Weg geteert, keine Schlaglöcher mehr. Seit ihrer Abfahrt sind 30 Minuten vergangen, viel zu lange. Die Anspannung der beiden Notfallmediziner steigert sich. Jede gewonnene Minute kann lebensrettend sein, jede verlorene den Tod eines Menschen bedeuten. Sie erreichen das Ende des Waldes. Den kleinen Weg im Wald mit dem Schild „Durchfahrt verboten“, der zu dem Haus führt, haben sie übersehen.

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Malenas Wehen werden stärker, die Abstände kürzer. „Der Muttermund ist bei 8 Zentimetern. Herztöne sind wunderbar klar. Alles bestens. Wenn das so weiter geht, dauert es nicht mehr lange.“ Die örtlichen Geburtsvorbereitungen haben sie, so gut es für Malena ging, gemeinsam erledigt. Bettina schaut ihre strahlende Freundin an und denkt an eine chinesische Weisheit: ´Wenn der Glanz einer goldenen Blume in den Augen der schwangeren Frau erscheint, ist es Zeit, zur Geburtsschüssel zu schreiten`. Ja, Bettina weiß, die Zeit ist gekommen.

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Verena sitzt bei Max, dem es immer schlechter geht und befürchtet das Schlimmste. ´Wahrscheinlich finden sie den Weg nicht, ich ruf noch mal an`! ... „Verena Dohmke hier. Ich habe vor einer Dreiviertelstunde angerufen und um .....“

„Frau Dohmke, ich weiß Bescheid. Der Notarztwagen ist unterwegs. Bleiben sie ruhig und .....“

„Ich kann nicht mehr ruhig bleiben. Es wird immer kritischer.“

„Frau Dohmke, einen Augenblick, ich habe den Notarzt auf einer anderen Leitung. ... Frau Dohmke, er findet ihr Haus nicht.“

„Wo ist er jetzt?“

„Augenblick, ich frage nach. ... Er ist den geteerten Weg durch den Wald gefahren und befindet sich jetzt am Waldausgang.“

„Er soll wenden, etwa 500 Meter zurückfahren bis zu einem Weg an dem „Durchfahrt verboten“ steht, ich komme sofort dorthin.“

„Ich habe es weitergegeben.“

„Max, ich fahre schnell zum Weg, sie sind gleich da. Bleib wach, halte durch.“

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„Jürgen, wenden und 500 Meter zurück. Da werden wir abgeholt.“ Die Bäume rauschen vorbei. Mittlerweile sind beide in einem hochadrenalisierten Zustand, innerlich fixiert auf das, was sie erwartet. „Wir haben viel Zeit unnütz verloren!“

„Hoffentlich nicht zu viel Zeit!“

„Da vorne winkt jemand.“ Verena springt ins Auto. Hinter ihr schleicht Jürgen über den mit Furchen durchzogenen Waldweg. Wertvolle Zeit verrinnt.

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Kaum dass Verena gegangen ist, droht Max sein Bewusstsein zu verlieren. Für sie kämpft er dagegen an und spürt gleichzeitig einen inneren Ort, der es geschehen lassen will. Bei der nächsten Ausatmung passiert es. Seine Atemmuskulatur erschlafft. Die Begrenzung seines Körpers löst sich auf. Nur noch unendlich helle Weite.

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„Wo liegt er?“

„Dort, hinter dem Haus.“ Michael rennt los, Jürgen mit dem Erstversorgungsrucksack hinterher. Als sie ihn erreichen, ist Max bewusstlos, blau angelaufen.

„Kein Karotispuls! Kreislaufstillstand!“ Jürgen stürzt sich auf den regungslos daliegenden Körper. Die Hände flach übereinander auf dem Brustbein platziert, die Ellenbogen durchgestreckt und die Schultern senkrecht über den Händen, beginnt er sofort mit der Herzdruckmassage, die er kurz unterbricht, damit Michael einen Beatmungstubus in die Luftröhre einführen kann.

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´K.e..i...n....K.....a......r.......o........t.........i..........s...........p............u. ............ l..............s` Seine letzte, unendlich weit entfernte Wahrnehmung. Max ist erfüllt von grenzenloser Stille.

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Immer noch werden die Geburtswellen stärker und die Zeitabstände kürzer. Mit ihrer beruhigenden Stimme dirigiert die Hebamme Malenas Bewusstheit auf das Wesentliche: „Atme tief aus. ... Lass die frische Luft einfach wieder in dich einfließen. ... Der Schmerz in deinem Becken ist wie ein Vulkan, der sich füllt und dann ausbricht. Fühl mal hier.“

„Ein Kopf mit Haaren.“

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Beide wechseln sich ständig bei der Herzdruckmassage ab. Es ist Schwerstarbeit, je länger sie dauert. Jürgen schaut Michael an. Sein skeptischer Blick signalisiert: ´Wir sind zu spät`. Aber er sieht nur einen Mann, der mit all seiner Kraft einen Brustkorb rhythmisch, „Komm! ..... Komm! ..... Komm!“, hinunter drückt, sieht in ein glühendes Augenpaar, unerreichbar entrückt.

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Der Kopf des Kindes ist da. „Malena, alles bestens. Jetzt noch einmal schön entspannen und ganz ruhig durchatmen ..., ruhig atmen ..., ruhig atmen ... Das machst du sehr schön.“ Nach einer Pause setzen die Geburtswellen erneut ein. Das Kind dreht sich noch einmal und Malena spürt, wie ihre Bauchmuskeln aktiv werden. „Schieben! ..... Schieben! ..... Schieb kraftvoll mit! Das geht ja wie von selbst. Malena, du bist ein Phänomen.“ Es macht flutsch und Bettina hält das Baby in ihren Händen. „Es ist ein Mädchen!“

„Nora!“

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In der Tiefe der Unendlichkeit taucht ein Lichtpunkt auf. Wirbelnd ergreift das Licht den nicht mehr existenten Raum und füllt ihn immer mehr aus. In diesem Licht tauchen Bilder auf, die sich mit unvorstellbarer Geschwindigkeit zu einem Film verdichten. Ein Film, der in einem zeitlosen Augenblick sein ganzes Leben zurückspult, bis zu seiner Geburt. Oder darüber hinaus? Wieder Licht, das sich zu einem einzigen Bild kristallisiert. Olivia. Plötzlich erlischt es, gefolgt von einem seelischen Schmerz. Weit entfernt, wie aus einer anderen Welt, hört Max dieses „Komm! ..... Komm! ..... Komm!“

„´Warum?`“

„Wir haben ihn! Er ist zurück! Wir haben es geschafft!“

Michaels enthusiastischer Ausbruch trifft auf Jürgens immer noch skeptischen Blick.

´Wir werden sehen`.

„Hast du gesehen, wie sich seine Lippen bewegt haben? „Warum?“, hat er gefragt. Ist doch klar, um zu leben!“

„Nein, Michael, ich habe nichts gesehen und auch nichts gehört.“

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Während Malena Noras erstes Saugen an ihrer Brust genießt, untersucht die Hebamme die Plazenta. „Es ist alles da. Wenn ich euch so zuschaue, kommt ihr mir vor wie ein alteingespieltes Team.“

„Michael würde jetzt wohl sagen: „Ganz der Papa.“ Ich denke, er wird bald zurück sein.“ Bei dem Gedanken an Michael spürt Malena Unbehagen. „Bettina, bleibst du noch?“

Bettina bemerkt die aufkommende Unsicherheit ihrer Freundin: „Ich habe noch etwas Zeit für dich. Silke ruft an, wenn sie mich braucht.“

Malena liegt bequem ausgestreckt auf dem Sofa. Auf ihrer Brust, von ihren Armen sanft umschlungen, atmet Nora die erste Luft ihres Lebens. Bettina zündet eine Kerze an und stellt sie neben Mutter und Kind auf einen Tisch. „Ein neues Leben ist wie diese neu entzündete Kerze. Sie brennt eine Zeit lang und erlischt dann. Leben und Tod sind eins. Geburt ist Tod und Tod ist Geburt. Wenn wir dieses Wissen in unser Leben mitnehmen, wird dieses Leben mit weniger Sorgen belastet sein. Nora, dieses Wissen möchte ich dir mit auf deinen Weg geben.“ Ein langgezogener Schrei ertönt aus Noras Kehle, der die beiden Frauen einvernehmlich schmunzeln lässt.

„Bettina, während der Geburt geschah etwas Eigenartiges. Als die Schmerzen schier unerträglich wurden, traf mich ein Lichtstrahl für den Bruchteil einer Sekunde an einem Punkt an der Nasenwurzel. Ich weiß nicht, woher er kam und auch nicht, wohin er ging. Gleichzeitig war da ein tiefer Friede in mir, für einen kurzen Augenblick, aber durchdringend wahrnehmbar. Ein Einverständnis mit dem Schmerz. Eine Verbundenheit mit Allem. Eine unbeschreibbare Glückseligkeit.“

Die Hebamme nimmt Malenas linke Hand in ihre Hände und schaut in ihre glänzenden Augen. „Und jetzt möchtest du von mir eine Erklärung dafür!?“ Ein Lächeln erscheint auf ihrem Gesicht. „Ich habe keine. Frauen berichten mir immer wieder von kurzen, besonderen Erfahrungen auf dem Höhepunkt der Austreibung. Nimm es als ein Geschenk und erinnere dich in schweren Zeiten an diese tiefe, kraftvolle Erfahrung.“

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Das angelegte EKG zeigt eine zufriedenstellende Kurve. Sein Herz schlägt, doch Max bleibt bewusstlos. Über einen venösen Zugang stabilisiert Michael seinen Patienten mit Medikamenten für den Transport auf die Intensivstation des Krankenhauses.

Bewegungsunfähig, mit einem Gefühl der Entmachtung, stand Verena, während der Zeit der Wiederbelebung ihres Freundes, in einer fassungslosen Distanz. Fragen, die ihr durch den Kopf gehen, bleiben im Halse stecken. Ihre Stimmbänder streiken. So steht sie da und schaut dem sich entfernenden Notarztwagen hinterher.

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In der Klinik angekommen, übernimmt Dr. Kerstin Schöler den bewusstlosen Patienten zur Weiterbehandlung auf der Intensivstation. „Michael, Malena hat angerufen. Du sollst dich zu Hause melden!“

„Ich fahre gleich direkt zu ihr. Herr Fengler ist bei euch in guten Händen. Ich bin müde, Kerstin, es war sehr anstrengend.“

„Ich kümmere mich um alles Weitere.“

„Seine Freundin wird gleich kommen. Sie faselte etwas von Patientenverfügung, die sie noch suchen müsse.“

„Okay, ich weiß Bescheid.“ Schon im Gehen, hält sie ihn am Arm fest. „Michael, du siehst völlig fertig aus. Willst du dir nicht besser ein Taxi kommen lassen?“

„Nicht nötig, Kerstin, ist nicht weit. Ich schaffe das.“

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Ein paar Minuten lang steht Verena da, bewegungsstarr. Dann stellt sie ihre Füße, wie automatisiert, einen vor den anderen. „Es ist nicht wahr, es kann nicht wahr sein“, gefolgt von einem nicht enden wollenden Schrei, der ihre Verzweiflung in die Welt hinaus schmettert, „Neeeeeeein!“

Sie setzt sich in die Küche. Durch das Fenster dringt das Abendlicht und blendet ihre Augen, die sich zu Schlitzen zusammenziehen und sie vor äußerer Störung schützen. Tief atmet sie den Zigarettenrauch ein. „Verena, du musst jetzt klar werden, ganz klar! ... Wenn Max will, dann geht er. Aber ich will nicht, dass er geht!“ Ihre Stimme wird lauter: „Mein Ego, ja, ich weiß, mein Ego, Ego, Ego!“ Sie steckt die nächste Zigarette an, deren Rauch sie bis in die letzten Winkel ihrer Lunge spürt. Verena steht auf. Ihre Beine zittern. Gedankenleer stolpert sie durch den Raum. Vor dem alten Küchenschrank mit der großen Scheibe kommt sie zum Stehen. Mit beiden Händen hält sie sich an dem massiven Unterteil fest. Dann schaut sie hoch, sieht in ihr verzerrtes Gesicht und erschrickt. Was sie sieht ist Hilflosigkeit, Verzweiflung, Angst.

„Du musst zu ihm“, schreit sie sich an, „schnell, schnell!“ Sie stürmt zum Auto und rast los. „Pass auf!“ ... ´War das Rot`? ... „Bin gleich da, Max!“ Mit großen Schritten hastet sie über den Parkplatz. ´War das der Notarzt`? Sie springt die Stufen hoch, rennt keuchend auf die Eingangstür zu. ´Noch eine Zigarette!? Nein! Keine Zeit verlieren. Max`!

Außer Atem erreicht sie die Information. Niemand anwesend. Ein Hinweisschild: Notfallambulanz. Weiter um ein paar Ecken. Sie klingelt Sturm. Zeit, Zeit, Warten. ´Warum kommt niemand`? Klingeln. Warten. Endlich. Die Tür öffnet sich, eine Frau erscheint: „Ja, bitte?“ Den genervten Unterton hört Verena nicht.

„Verena Dohmke. Ich bin die Freundin von Max Fengler, der hier vor kurzem eingeliefert wurde.“

„Frau Dohmke, die Ärzte kümmern sich gerade im Herzlabor um ihn. Es wird noch etwas dauern. Bitte warten Sie.“

„Können Sie mir sagen, wie es ihm geht?“

„Nein, wie gesagt, die Ärzte kümmern sich um ihn.“

Die Tür schließt sich. Davor steht Verena. Allein.

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Nachdem Michael die notwendigen Schreibarbeiten erledigt hat, macht er sich auf den Heimweg. Mit einem langgezogenen Seufzer entlädt sich seine Anspannung.

´Warum? Warum fragt er Warum? Wieso sagt er nicht: Danke, dass du mir das Leben gerettet hast`! Den Parkplatz überquert er in einem tranceähnlichen Zustand. Die an ihm vorbeihastende Frau nimmt er nicht wahr. Im Auto ein letzter Gedanke, ´Malena`, dann schaltet sein Körper auf Notfallreserve. Schwer wie Blei senkt sich sein rechter Fuß auf das Gaspedal und bleibt dort haften. Er fährt schnell, und schneller ... und .....! Beim Aufprall öffnen sich seine Augen. Nur kurz. Stille.

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Von Schläuchen und Kabeln umgeben liegt Maxs Körper auf dem Operationstisch. Fiepende und surrende Maschinen. Behutsame Gummihände, von grün vermummten Gestalten bewegt, wissend, was sie tun.

´Ihr wollt mich gefangen halten, in diesem Körper. Macht damit, was ihr wollt. Niemand kann mich festhalten. Ich bin frei zu gehen, wenn ich will, wann ich will. Olivia, ich bin bei dir`.

„Elektroschock!“ ... „Achtung!“ ... „Noch mal.“ ..... „Nulllinie bleibt. Ende. Danke.“

Nach dem Unfall

Nachdem sie ein kleines Nickerchen gemacht hat, trinkt Nora wieder an Malenas Brust, als sich hörbar der Schlüssel im Schloss dreht. „Papa kommt.“ Leise flüsternd fügt Malena hinzu: „Der wird sicher ganz schön überrascht sein.“

Als Michael eintritt und Malena mit dem trinkenden Baby an der Brust auf der Couch liegen sieht, erfüllt ihn ein unvergleichbares Glücksgefühl.

„Hallo Michael.“

„Warum?“ er stutzt kurz, „Warum bist du nicht in der Klinik?“ Worte aus einem strahlenden Gesicht heraus gesprochen.

Den vorwurfsvollen Ton ignorierend, lädt sie ihn ein: „Hallo Michael. Darf ich dir vorstellen, Nora, unsere Tochter.“

Er hört ihre Stimme, die einzige, die es vermag, in sein Innerstes vorzudringen. Die sich lösenden Tränen aus den Augen wischend, „Verzeih mir, ich bin etwas überdreht“, setzt er sich vorsichtig zu den beiden auf die Couch.

Malena schaut ihre Freundin liebevoll an: „Danke, Bettina, vielen Dank.“

„Ich werde dann jetzt mal weiter ziehen. Silke erwartet mich.“ ´Nicht einfach, nicht einfach, dieser Mann`.

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Warten. ´Was machen sie mit ihm? Lebt er? Ist er tot`? Warten. Die Ungewissheit nagt an ihr. Selbstvorwürfe ´Hätte ich doch bloß eher angerufen`, überdecken auftauchende Bilder des ruhig im Gras liegenden Geliebten. Ihr quälendes Gedankenchaos hält Verena in Bewegung. Raus vor die Tür, wieder rein und ... raus. Sie fühlt sich wie in einem von den Halteseilen losgerissenen, abwärts rasenden Fahrstuhl, will sich irgendwo festkrallen, doch findet keinen Halt und fällt weiter in das Ungewisse. Minuten dehnen sich in die Unendlichkeit. Warten.

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„WARUM?“ Verschleierte Augen liegen ausdruckslos in Michaels eingesunkenem Gesicht. Jede seiner Anstrengungen zu seiner Freude durchzudringen enden in einer Sackgasse, wo in großen Buchstaben nur dieses eine Wort geschrieben steht.

Zärtlich ergreift Malena seine Hand: „Michael, das Leben geht seinen natürlichen Gang.“ Nach einer kurzen Pause fügt sie hinzu: „Wenn man es lässt!“

„Entschuldige Malena, ich meinte nicht dich. Ich möchte mich mit dir freuen. Aber mein Kopf ist leer und voll zugleich, gefangen in dieser Frage.“

Die Geburt hat Malena körperlich erschöpft, aber ihr Geist ist kraftvoll und empfindsam: „Was hast du erlebt?“

Michael erzählt ihr, wie sie lange nach Max Fengler gesucht haben, ihre Spannung dabei ins Unerträgliche anwuchs und dass nach erfolgter Reanimation diese eine Frage, die nach dem Warum, ihn nicht loslässt.

„Wie geht es Max? Wird er leben?“

„Ich weiß es nicht. Wir werden alles Mögliche für ihn tun.“

„Michael, ich bin müde. Ich möchte etwas schlafen.“

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Malena und Nora schlafen. Ein harmonisches Bild, das Michael aus seinem Sessel heraus betrachtet. Ruhelos, hin- und hergerissen von überwältigender Freude und das nicht enden wollende ´Warum` in seinem Kopf, greift er zum Telefon.

Nach mehrmaligem Klingeln schaltet der Anrufbeantworter ein: „Dr. Kerstin Schöler. Ich bin ..... Nachricht nach dem Signalton.“

„Hallo Kerstin. Bitte ruf mich an, Michael.“ ´Ich muss mal an die frische Luft! Den Kopf frei bekommen`! Die Straße ist leer, ein kühlender Wind weht. Michael läuft und läuft, einmal, zweimal und noch einmal um den Häuserblock. ´Nora, ein schöner Name`. Und wie aus dem Nichts ist sie wieder da, die Frage. Ein zweiter Versuch, Kerstin zu erreichen, endet wie der erste. Warten. Michael weiß, was das bedeutet: Sie ist im OP und je länger es dauert, desto schwerwiegender der Infarkt. Es ist ein Herzinfarkt, dessen ist er sicher.

Eine Stunde später kehrt er in die Wohnung zurück und tritt in die friedvolle Atmosphäre ein, die von der schlafenden Mutter mit ihrem Baby auf der Brust ausgeht. An seinem Sessel angekommen, streckt Michael die Beine aus und schläft bald übermüdet ein.

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„Dr. Schöler. Ich bin die behandelnde Ärztin von Herrn Fengler.“

Im Flur der Intensivstation stehen sie sich gegenüber.

„Wie geht es ihm?“

„Den Umständen entsprechend zufriedenstellend. Wir haben Herz und Kreislauf stabilisiert.“

„Was ist mit ihm passiert?“

„Er hatte einen Hinterwandinfarkt, ausgelöst durch einen 70prozentigen Verschluss der Herzkranzgefäße. Wir mussten ihm vier Stents einsetzen, damit das Blut wieder fließen kann. Dass er noch lebt, grenzt an ein Wunder.“ Auf die gute Arbeit ihres Kollegen Dr. Fernow hinzuweisen, verkneift sie sich im letzten Augenblick.

„Wird er wieder gesund werden?“

„Das kann ich Ihnen zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen. Wir müssen noch weitere Untersuchungen abwarten. Aber wir hoffen es doch, nicht wahr.“

´Diese Floskel kannst du dir sparen`! „Kann ich mit ihm sprechen?“

„Er ist noch nicht wieder bei Bewusstsein.“

„Ich möchte ihn sehen!“

Als Verena ins Krankenzimmer tritt, sieht sie einen von Kabeln und Schläuchen umgebenen Menschen im Bett liegen. ´Das ist nicht Max`! „Abschalten!“, flüstert sie vor sich hin.

„Was sagten sie?“ Dr. Schöler wird hellhörig.

„Nichts, ich habe nichts gesagt.“ Verena spürt, Vorsicht ist geboten. ´Alles abschalten`!

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Das Vibrieren des Handys in seiner Brusttasche beendet abrupt seinen Schlaf. Augenblicklich ist Michael hellwach, drückt auf Empfang und schleicht sich aus dem Zimmer. „Hallo Kerstin, wie geht es dem Patienten?“ sprudelt es aus ihm hinaus.

„Hallo Michael, du meinst Max Fengler?“

„Ja, das was passiert ist, lässt mich nicht los. Ich weiß, es war ein Infarkt, wie viele andere, die ich gerettet habe. Aber dieser hat etwas Einzigartiges, etwas ...“, fieberhaft sucht er nach einem Begriff, der das Geschehene auch ergründet. Da er nichts findet, begnügt er sich mit „eben etwas Besonderes. Doch was?“

„Michael!“ Kerstins Stimme hat einen bestimmenden Ton. „Du hast alles medizinisch Mögliche für ihn getan und hast Urlaub. Wir haben ihn gut versorgt und jetzt müssen wir abwarten. Die Geburt deines Kindes naht. Schalte ab und überlass alles Weitere uns. Wie geht es Malena?“

„Gut, gut. Sie schläft gerade mit Nora im Arm.“

„Oh, das heißt, euer Baby ist schon da?“

„Ja. Heute Nachmittag. Als ich draußen war.“

„Na dann, herzlichen Glückwunsch.“

„Danke. Und bitte, halte mich auf dem Laufenden.“

„Michael, du weißt, wenn du mich brauchst, ...!“

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Heute Nacht gibt es nichts mehr zu tun. Das Warten ist einer Schwere gewichen, die Verena in ihrem ganzen Körper spürt. Mit bleiernen Beinen steuert sie auf eine Bank zu und setzt sich. Sie schaut zum Himmel in eine undurchdringbare Wolkendecke. ´Keine funkelnden Sterne. Nur Düsternis. Unheimlich. Von einem Augenblick zum nächsten. Das Leben, radikal auf den Kopf gestellt. Ein Alptraum`!

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„Herr Professor, es kann Probleme geben.“ Professor Dr. Martin Richter wurde während der Operation hinzugezogen.

„Wie kommen Sie darauf?“

„Ich hörte die Freundin „Abschalten“ sagen. Auf Nachfrage verneinte sie es dann.“

„Niemals. Wir bleiben bei unserer Linie. Verabreden Sie doch möglichst bald einen Termin mit ihr und ich möchte, dass Sie zugegen sind.“

„Noch etwas, Michael hat eine Tochter bekommen. Die Geburt fand statt, als er draußen war. Ich habe mit ihm telefoniert. Er scheint etwas verwirrt zu sein.“

„Hat er nicht Urlaub? Den soll er jetzt genießen. Er hat eine gute Arbeit gemacht. Das sollte ihm klar sein. Unsere ärztlichen Herausforderungen sind grenzenlos. Wir müssen uns auf unsere handwerkliche Kunst besinnen, Frau Schöler. Gefühle können wir uns nicht leisten!“

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Langsam fährt Verena zu Maxs Wohnung zurück. Sie will die Patientenverfügung suchen, die er ausgefüllt hat. Es dauert lange, bis sie diese in seinen ungeordneten Unterlagen findet. Darin liest sie: „Wenn infolge einer Gehirnschädigung meine Fähigkeit, Einsichten zu gewinnen, Entscheidungen zu treffen und mit anderen Menschen in Kontakt zu treten, nach Einschätzung zweier erfahrener Ärztinnen oder Ärzte aller Wahrscheinlichkeit nach unwiederbringlich erloschen ist, selbst wenn der Todeszeitpunkt noch nicht absehbar ist. Dies gilt für direkte Gehirnschädigung z.B. durch Unfall, Schlaganfall oder Entzündung ebenso wie für indirekte Gehirnschädigung z.B. nach Wiederbelebung, Schock oder Lungenversagen.“ ´Das ist es`. „So lange, wie die gebraucht haben, um ihn wiederzubeleben! Und immer noch bewusstlos! Von Schläuchen umgeben. Das wollte Max nie, niemals. Sie müssen alles abschalten!“ Sie erschrickt bei der Konsequenz ihrer Worte. „Und wenn er doch wieder zu sich kommt, Sein Leben, so wie Er es will, weiterführen kann?“ Selbstgespräche. Gewissheit und Zweifel, die an ihr nagen, stundenlang. Gedankengänge, sich wiederholend. Sie fühlt sich wie ein Hamster in einem Rad, das sich dreht und dreht. Die Gedanken halten es in Schwung. Sie anhalten! Aber wie? Ihre Augen fallen zu, öffnen sich ..... und fallen zu.

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Michael nimmt Malena in den Arm: „Ist sie nicht schön, unsere Tochter?“

„Es ist ein Wunder. Gestern Morgen war dieses Kinderbett noch leer. Und jetzt schläft da ein kleiner Schatz.“

„Aber warum warst du so unvorsichtig? Wenn etwas unvorhergesehenes ...“

„Michael, bitte, lass uns in Ruhe frühstücken und dann können wir miteinander reden, okay?“ unterbricht sie ihn.

„Ich will es versuchen.“ Getrieben von seinem Gedankenstrom isst Michael hastig ein Brötchen. „Fertig. Ich bin satt.“

„Ich glaube, du lügst. Lass mal deinen kleinen Finger fühlen“, versucht Malena die Situation zu entspannen. Er streckt ihr seine Hand entgegen. Sie fühlt den kleinen Finger: „Oh, der sagt aber, dass da noch ein schmackhaftes Marmeladenbrötchen reinpasst.“

„Maleeena!“ Seine Spannungsgrenze ist erreicht, am Siedepunkt angekommen. Ihr Versuch einer Entkrampfung droht ins Gegenteil umzuschlagen.

„Michael.“ Malenas Stimme ist einfühlsam, fast zärtlich, aber auch entschieden und klar: „Eine Schwangerschaft ist keine Krankheit, sondern etwas ganz Natürliches. Bettina ist eine verantwortungsvolle Hebamme mit viel Erfahrung. Es gab nicht das geringste Anzeichen einer Gefährdung. Schade, dass du die Geburt von Nora nicht miterlebt hast.“ In dem Umschließen seiner linken Hand liegt Sicherheit und Geborgenheit. Ihre Hände strahlen Wärme aus: „Das, was gestern hier passiert ist, alles gut, wunderschön. Aber was ist mit dir passiert?“

Sein Herz lässt einen Schlag aus, stolpert und fährt dann im Rhythmus fort. Es ist ein kurzes Beben, das Michael erschüttert. Er spürt ein feines Vibrieren, das in seiner Schulter beginnt und sich in seiner linken Hand entlädt. Malena hört seinen inneren Schrei: ´Halt mich fest`! Die Wärme ihrer Hände intensiviert sich. Sein Vibrieren geht über in ein Zucken, stärker werdend. Als sich in Sekundenschnelle genügend Energie aufgebaut hat, zieht Michael seine Hand mit einer unwiderstehlichen Bewegung zurück. Malena weiß, was das bedeutet. All ihre Zuneigung, ihre Liebe hat ihn nicht davon abhalten können, sich zurückzuziehen, zurück in sein Gefängnis.

´Warum? Warum, warum, warum`? „Schwieriger Tag, gestern. Hab dir ja schon von der chaotischen Suche und der erfolgreichen Reanimation erzählt.“

„Ja, das hast du. Aber das ist nur die Oberfläche. Ich möchte wissen, was mit dem Michael, den ich liebe, passiert ist?“

Seine Finger kriechen vor, wollen zu ihr. Das schmiedeeiserne Gitter seines Kerkers scheint sich noch einmal zu öffnen. ´Warum hast du nicht auf mich gewartet`? Seine Hand ballt sich zur Faust. Mit einem leichten Schlag auf den Tisch steht Michael auf. „Malena, ich weiß es nicht. Ich kann das nur für mich alleine klären, wenn es denn überhaupt etwas zu klären gibt. Jedenfalls kannst du mir nicht dabei helfen!“

„Quält dich immer noch das Warum?“

Seine Augen wenden sich von ihr ab: „Ja!“ In seinem Ton hört sie einen Hauch von Feindseligkeit, die sie irritiert.

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Nach 4 Stunden wacht Verena aus ihrem unruhigen Schlaf auf. ´Die Patientenverfügung. Ich muss zu ihm. Er braucht mich`. Eine hinuntergeschlungene Tasse Kaffee und schon ist sie auf dem Weg zum Krankenhaus.

„Guten Morgen, Frau Schöler. Wie geht es Max heute?“

„Guten Morgen, Frau Dohmke. Sein Zustand ist unverändert. Kritisch, aber stabil.“

„Ich habe hier die Patientenverfügung von Herrn Fengler. Darin stellt er fest, dass er in dem Zustand, in dem er sich befindet, nicht weiter leben will!“ Mit aller Kraft versucht Verena ihrer Stimme einen bestimmenden und festen Ausdruck zu geben. Doch der in ihr rumorende Zweifel unterlegt sie mit einem schwirrenden, nasalen Klang.

Frau Dr. Schöler spürt diese Unsicherheit: „Aber wer sagt Ihnen, dass er in diesem Zustand bleibt? Ich sagte Ihnen schon, dass wir alles medizinisch Mögliche tun, damit er wieder gesund wird. Sie müssen Geduld haben. So ein Infarkt ist keine Kleinigkeit. Das braucht seine Zeit. Wenn er erst einmal wieder bei Bewusstsein ist, sehen Sie das ganz anders.“

Verenas Hoffnung ist angesprochen: „Und was meinen Sie, wie lange wird das dauern?“

„Das kann ich Ihnen nicht sagen. Wir müssen noch weitere Untersuchungen abwarten.“

Frau Dr. Schöler fasst Verena am Arm, zieht sie etwas zur Seite, damit ein Pfleger das mit Infusionsbehältern bestückte Bett vorbei schieben kann. „Professor Dr. Richter möchte gerne morgen mit Ihnen reden.“

„Hier auf dem Flur?“

Frau Dr. Schöler schluckt kurz und zwingt ein verschämtes Lächeln in ihr Gesicht: „Nein, entschuldigen Sie bitte. Wir haben viel zu tun. Morgen in seinem Zimmer.“

„Wann?“

„Geht es für Sie um 16 Uhr?“

„Ich werde es einrichten. Ich möchte noch zu Max.“

„Er ist nicht auf der Station. Wir lassen gerade ein MRT und ein EEG machen.“

„Warum?“

„Damit wir wissen, ob und inwieweit das Gehirn eventuell geschädigt ist.“

Verenas gerade aufgekeimte Hoffnung schlägt sofort wieder in Zweifel um. ´Dieses ständige Hin und Her. Das halte ich nicht aus`. „Ich bin müde. Kann ich hier warten?“

„Es wird länger dauern.“

„Dann werde ich später wiederkommen.“

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„Malena, ich muss kurz zur Klinik. Habe in der Hektik was Wichtiges vergessen.“ Ein sorgenvoller Blick Malenas folgt Michael. Nachdem sich die Tür hinter ihm geschlossen hat, bleiben ihre Augen ausdruckslos daran haften.

Das Auto stellt er auf dem Besucherparkplatz ab. Nachdem der Motor aus ist und er den Schlüssel abgezogen hat, umfasst Michael mit beiden Händen das Lenkrad. „Was will ich hier? Was will ich eigentlich hier?“ Er findet keine Antwort. Eine innere Kraft, zu der er keinen bewussten Zugang hat, treibt ihn. Er will, aber er kann nicht anders.

Auf dem Weg zur Eingangspforte sieht er eine Frau mit gesenktem Kopf herauskommen. Instinktiv dreht Michael sich um: ´Habe ich das Auto abgeschlossen`? Schnellen Schrittes geht er zurück. Mit nervöser Hand steckt er den Schlüssel ins Schloss, dreht ihn, in welche Richtung, er weiß es nicht. Erst das Ziehen an der Klinke bestätigt ihm, abgeschlossen.

„Hallo Michael, was willst du hier?“, wobei Kerstin das Du betont.

Michael trifft seine Kollegin vor ihrem Sprechzimmer am Anfang des Flures. Schnell zieht er sie hinein. „Hallo Kerstin.“ Er schaut sie an, durch sie hindurch.

„Na erst einmal, herzlichen Glückwunsch, Papa.“ Kerstin breitet ihre Arme aus. Als würde er aus einem Traum aufwachen, erscheint Freude in seinem Gesicht.

„Ich danke dir, Kerstin.“ Ihre Umarmung nimmt er wohltuend an, aber nur kurz. Im letzten Augenblick löst er sich daraus, bevor er sie brüsk zurückgestoßen hätte. „Wie geht es ihm? Ich möchte ihn sehen. Wo liegt er?“

Kerstins Miene wird ernst: „Er ist beim MRT, wird aber wohl bald zurück sein.“

„Ich will kein Aufsehen auf der Station. Bitte, Kerstin, kümmere dich um ihn!“

Viele Worte, selbst gut gemeinte Ratschläge sind jetzt nicht hilfreich, das sagt ihr ihre Menschenkenntnis. Nachdenklich schaut sie ihn an: „Michael“, ihre Stirn legt sich in Falten, „es ist alles gut!“

Die Türklinke schon in seiner Hand, hält Michael kurz inne und wendet sich noch einmal an Kerstin: „War seine Freundin heute schon hier?“

„Ja, sie ist vor ein paar Minuten gegangen, will später wiederkommen.“

„Aaah.“

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´Was ist in ihm passiert`? Auftauchende Antworten verwirft sie umgehend, weil bedeutungslos. Malena fühlt bei ihrem Mann einen Raum, den er vor ihr verschlossen hält. ´Da drinnen ist er nicht mit mir, nicht mit uns. Eine tiefe Wunde, die ihn ergreift und gefangen hält. ... Gestern, die Geburt von Nora, ein wunderbares Erlebnis. Für mich. Nicht für Michael`.

Das warme Wasser der Dusche fließt über ihren Körper und gibt Malena ein Gefühl, als würde eine Art Schleim, der sich auf ihre Haut gesetzt hat, abgespült. Der Spiegel des Bades ist vom Wasserdunst vernebelt. Nackt steht sie davor, doch sie sieht sich nicht. Ihre rechte Hand führt sie zum Spiegel, streckt den Zeigefinger aus und schreibt MaLena in den Schleier.

In dem vom Schriftzug ihres Namens klaren Teilen, spiegeln sich ihre Augen. Sie schaut sich an: „Ja, so ist es. Ich bin jetzt Mutter. Ma Lena. Das ist jetzt das einzig Wesentliche! Alles andere ist zweitrangig.“

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Wohin er fährt? Michael weiß es nicht. Ziellos, Kilometer um Kilometer. An der nächsten Kreuzung dort, sind sie gestern abgebogen, in den Wald. Einem unwiderstehlichen Drang folgend, steuert er hinein. Die Schlaglöcher. An dem Schild „Durchfahrt verboten“ fährt er vorbei. 300 Meter weiter stellt er das Auto in einer kleinen Waldnische ab. Auf dem Weg hierhin ist er niemandem begegnet. Außer dem Zwitschern der Vögel herrscht Stille. Die Strahlen der Sonne durchdringen fächerartig das Blätterwerk der Bäume. Geblendet kneift er die Augen zusammen, macht ein paar Schritte durch das Unterholz und bleibt stehen: ´Was mach ich hier? ..... Diese Richtung musst du gehen`! Seine Beine setzen sich in Bewegung. Dann sieht er das Haus.

Ein abgesägter Baumstamm bietet ihm einen Platz an. Von hier aus hat Michael einen guten Blick auf den Ort des Geschehens. ´Der Tatort. ... Komm.....komm.....komm. ... Warum? ... Wir haben ihn! ... Wir haben es geschafft`! „Was ist hier gestern passiert, mit mir passiert?“

Michael rutscht den Baumstamm hinunter und lehnt sich an. Viele Gedanken, die hin und her springen. Immer schwerer werdend, neigt sich sein Kopf zur Brust. Das laute Krächzen eines Raben lässt ihn kurz Hochschnellen, dann sinkt er wieder hinunter. Von emotionaler Müdigkeit überwältigt schläft er ein.

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In Freude strahlend umarmt MaLena ihre Freundin bei der Begrüßung. Arm in Arm gehen sie zum Kinderbett. „Für mich ist und bleibt es ein Mysterium, wie aus dem Nichts ein so wunderbares Wesen entsteht“, flüstert Heike beim Anblick des ruhig schlafenden Babys.

„Komm.“ In der Küche machen sie es sich bequem. MaLena erzählt Heike von der Geburt Noras.

„Wo ist denn der stolze Vater? Ich dachte, er hat sich extra Urlaub genommen.“

„Er sagte, er müsse kurz zur Klinik. Das ist schon ein paar Stunden her. Heike, ich mach mir Sorgen um ihn.“

„Dass ihm unterwegs etwas passiert ist?“

„Nein, nicht heute. Gestern.“

„War er bei der Geburt nicht dabei?“

„Nein, er hatte seinen letzten Arbeitstag. Ich rief ihn an, erreichte ihn aber nicht. Zur Geburtszeit war er außerhalb der Stadt. Eine Reanimation, die wohl nicht optimal verlaufen ist. Seitdem fragt er sich ständig: Warum?“

„Hat er sich denn nicht über Nora gefreut, als er nach Hause kam?“

„Doch, schon. Aber dann kam die Frage: Warum ich nicht in der Klinik sei? Sein Ton war vorwurfsvoll. Dabei war es nur schön, hier, zu Hause.“

„Für dich die richtige Entscheidung. Und für Michael?“

„Wir sprachen heute Morgen miteinander. Plötzlich zog er sich zurück. Unerreichbar, du kennst ihn. Als er ging, spürte ich sogar etwas Feindseliges in ihm.“

„Kompliziert. Die Situation und dieser Mann.“

Es klingelt an der Tür. „Michael?“

„Nein, der klingelt nicht. Bettina wollte heute noch vorbei schauen.“

Die erneute Untersuchung von Nora zeigt keine Auffälligkeiten. „Malena, alles bestens. Ein kerngesundes Baby.“ In dem erfreuten Lächeln MaLenas erkennt Bettina Beklemmung. Sie nimmt ihre Freundin in die Arme: „Wir haben gestern eine traumhafte Geburt erlebt. Ich übertreibe keineswegs. Was ist es, das dich belastet?“

„Michael.“

Während Heike frischen Kaffee kocht, erzählt Malena, was seit Bettinas gestrigem Abschied geschehen ist.

„Malena, eines kann ich dir versichern. Deine Entscheidung, hier zu Hause zu bleiben, war richtig und vernünftig. Wenn es damit ein Problem gibt, ist es nicht deines, sondern seines.“

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Er liegt unter einer jahrhundertealten Eiche, die im Zeitraffer durch die Jahreszeiten wechselt. Die Temperaturen unterschreiten den Gefrierpunkt. Rieselnde Blätter verwandeln sich in fallende Schneeflocken, die sich um die krakenartig ausgetriebenen Zweige legen. Die eisumhüllten Äste des Baumes flirren und reizen seine Augen. Ein bizarres Gebilde, das aussieht wie das Negativbild eines Films. Mit großer Anstrengung versucht er es in das Positiv, in seine Realität umzukehren.

Sein Unterbewusstsein schafft diesen Sprung. Mit Erleichterung nimmt er es wahr und öffnet seine Augen. Er schaut in einen Spiegel. Das Spiegelbild schaut an ihm vorbei.

Ein Schrei des Erschreckens, sein eigener, lässt ihn erwachen. Schweißgebadet, mit groß aufgerissenen Augen, steht Michael im Wald. ´Wo bin ich`?

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Heike und Bettina sind gegangen. Der Rückhalt ihrer Freundinnen hat Malena ermutigt. Ein Druckgefühl, das sich nach Michaels Aufbruch am Morgen im Bereich des Magens einstellte, ist verflogen.

´Wo bist du`? Ziffer für Ziffer tippt sie Michaels Telefonnummer. Einen Augenblick zögert sie noch, dann drückt sie auf Anruf. Kurz darauf erklingen die Töne seiner Erkennungsmelodie im Nebenzimmer. Er hat vergessen, sein Handy mitzunehmen.

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Professor Dr. Richter ist auf dem Weg, die Station zu verlassen. „Einen Augenblick, Herr Professor. MRT und EEG zeigen deutliche Schädigungen im Bereich der Großhirnrinde bei Herrn Fengler.“

„Ich habe selbst schon einen kurzen Blick auf die Bilder geworfen. Warten wir den Bericht des Radiologen ab. Der wird uns morgen früh vorliegen. Im Gespräch mit der Freundin müssen wir vorsichtig vorgehen.“

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„Hast du Zeit für mich?“

Vor Steffens geöffneter Wohnungstür steht sein nachdrücklich bittender Freund. „Michael. Komm rein.“

„Hast du einen Cognac?“

„Nein, du weißt, dass ich keine harten Sachen trinke!“

„Hatte ich vergessen.“

„Was ist los mit dir?“

Michaels aufgestautes Gedankenchaos versucht sich zu entlasten: „Als ich gestern von der Arbeit nach Hause kam, war Nora schon geboren, in der Wohnung. Malena hatte mir versprochen, in die Klinik zu gehen. Warum hat sie es nicht getan, warum missachtet sie mich?“

Steffen begreift sofort: Damals, nachdem Michaels Mutter ihre gemeinsamen Fluchtplanungen verraten hatte, tauchte die Frage nach dem Warum das erste Mal auf. Da drüben, auf der anderen Seite der Mauer, lag das erträumte Paradies. Der Verrat, eine erlittene Vertreibung. Verstanden hat Michael die Sorgen seiner Mutter, ihn zu verlieren, nie. Die äußere Mauer wurde zu seiner inneren, unüberwindbar. In großen Lettern darauf geschrieben: WARUM? Nach und nach verblasste diese Frage bis zu einem leeren Fleck. Jetzt ist es zurück, das Warum.

„Michael!“ Steffen schaut seinen Freund eindringlich an: „Herzlichen Glückwunsch. Ich freue mich. Nora ist da und die Geburt ist offensichtlich ohne Komplikationen verlaufen. Das ist das Wichtigste. Punkt. Und was das Warum betrifft, sprich mit Malena. Bevor es sich wieder verfestigt und sein Unwesen mit dir treibt. Verstehst du? Das musst du mir versprechen, Michael.“

Doch Steffens energische Stimme ruft Widerstand hervor: „Aber ...“

„Kein aber. Die Frage nach dem Warum hat eine Beziehung zerstört, die zu deiner Mutter. Ich möchte nicht erleben, dass sie auch die Liebe zu Malena untergräbt. Ist dir das klar?“

„Ja.“

„Also. Versprochen?“

„Versprochen.“

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Sein Brustkorb hebt und senkt sich, hervorgerufen durch das Beatmungsgerät. Es ist die einzige Bewegung, die Verena an Max ausmachen kann. Aus seinem bleichen Gesicht, mit geschlossenen Augen, ist jegliche Lebendigkeit verschwunden. Der Kopf liegt wie festgewachsen in einem Kissen. Durch einen venösen Zugang im Arm wird er mit Medikamenten und Nährstoffen versorgt. Kabel führen zu einem EKG, das seinen Herzschlag überwacht. Sein Körper ist unter einer weißen Bettdecke begraben.

Sanft nimmt sie seine Hand zwischen die ihren. ´Leblos, kalt`. Verena schließt ihre Augen, versucht Max zu erspüren. ´Wo bist du`? Erinnerungen an die Geschichte seines Erwachens aus tiefer Bewusstlosigkeit während seiner Indienreise, lassen ihre Hoffnung aufleben, die sie sofort wieder verwirft. ´Nein, damals warst du jung und ein Herzinfarkt ist nicht mit einer Infektion zu vergleichen. Max, ich möchte, dass du lebst, aber nicht so. Was soll ich tun? Was ist das Beste, was ich für dich tun kann`?

Zwei Stunden sitzt sie an seinem Bett. Hoffnung – Zweifel – Mut – Resignation. Dann steht sie auf und verlässt die Klinik. Draußen vor der Tür bleibt sie stehen: ´Wohin`?

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Die frischen Windeln tun ihr sichtlich gut. ´Bettina hat Recht, es fühlt sich so natürlich an, wie ein harmonisch eingespieltes Team`. Nora saugt an Malenas Brust und schläft nach dem Bäuerchen zufrieden ein.

Als Malena das Klicken des Schlüssels im Schloss vernimmt, geht sie zur Korridortür und bleibt stehen. Mit der linken Hand drückt er die Klinke hinunter, schiebt mit der rechten die Tür in den Rahmen und lässt das Schloss fast geräuschlos einschnappen. Michael dreht sich um und zuckt beim Anblick Malenas zusammen. Sie sieht seine Verunsicherung, breitet ihre Arme aus: „Du warst lange fort.“

Versteinert steht er da. ´Wie schafft sie das immer wieder, so zu reagieren`? Sein innerer Druck steigt bis zur Grenze der Unerträglichkeit. Da er sich nicht bewegt, geht sie auf ihn zu und umschließt ihn mit ihren Armen. Am ganzen Körper zitternd, zerbrechen die Mauern seines Kerkers und seine eingeschlossene Qual entlädt sich in einem nicht enden wollenden Schluchzen.

Seinen Kopf vergräbt er in ihrer Halskuhle. Ihre Hüften zieht er an seinen Körper, hält sich an ihnen fest. Intime Vertrautheit lässt sein Glied steif werden. Die sich zeigende Männlichkeit ist machtvoll, will. Erst Malenas Anmerkung „So kurz nach der Geburt geht das nicht“, lässt ihn in seinem anwachsenden Drang innehalten. Peinlich berührt, fällt er in seine Verzweiflung zurück, löst sich von Malena, geht mit hängenden Schultern ins Wohnzimmer und setzt sich in seinen Sessel.

Malena lässt sich schweigend auf der Couch nieder. ´Jetzt heißt es Geduld haben, ihm Zeit lassen`. Ab und an wirft sie einen flüchtigen Blick auf ihn, erkundet den Zustand seines inneren Kampfes.

„Ich war bei Steffen.“ Den Kopf gesenkt, nur die Augäpfel bewegend, schaut er kurz zu ihr hoch. Seine Finger spielen fahrig miteinander. Michael denkt an sein Versprechen, das er seinem Freund gegeben hat und spürt gleichzeitig einen heftigen Widerstand gegen dessen Einlösung. Plötzlich, als würde ein Staudamm brechen und den Fluss des Wassers freigeben, sprudelt es aus ihm hinaus: „Jahrelang gärte in mir die Frage: „Warum hat meine Mutter mich verraten?“ Für mich gab es nie eine Antwort, die ich akzeptieren konnte. Als dann die Mauer fiel, suchte sie mich, wollte sich erklären. Aber ich wollte nicht, konnte nicht, lehnte sie ab und das Warum verschwand aus meinem Leben. Gestern tauchte es mit aller Wucht wieder auf: „Warum hast du nicht auf mich gewartet? Warum bist du nicht in die Klinik gefahren?““ Seine leer gesprochenen Lungen saugen sich in einem hörbaren Zug wieder voll.

Malena spürt den Schmerz einer Mutter, die ihr Kind verloren hat und spürt gleichzeitig das trostlose Seufzen des sich von aller Welt verlassen gefühlten Kindes. ´Er braucht Hilfe, professionelle Hilfe. Doch wenn ich ihm das sage, geht er in Widerstand. Was kann ich tun? ... Abwarten. Nichts übereilen`. Sie lehnt sich an die weiche Polsterung der Couch und bleibt still sitzen. Keine Fragen, keine Vorwürfe, die das soeben gesprengte Tor wieder verschließen könnten. Entspannt lehnt Michael sich in seinem Sessel zurück. „Du tust mir gut, Malena“, flüstert es aus ihm hinaus.

´Er braucht viel Verständnis, Zuneigung, Liebe. Ich bin mir nicht sicher, ob ich ihm alles auf Dauer geben kann`.

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Frühzeitig fährt sie zur Klinik. Vor dem Gespräch mit dem Chefarzt will Verena eine ersehnte Entwicklung von Max erkunden. Als sie ins Krankenzimmer eintritt, sieht sie sofort, keine Veränderung. Wie am Tag zuvor, liegt da ein von Maschinen in Gang gehaltener Körper.

„Ich muss dann mal los, Max. Der Chefarzt will mich sprechen. Hoffentlich gibt’s gute Nachrichten.“

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„Hier haben wir es schriftlich, was wir schon wissen: Weite Teile des Vorderhirns sind geschädigt. Ob unwiederbringlich wird die Zeit zeigen. Unser Kollege hat eine grandiose Arbeit verrichtet. Aber vielleicht ist er dieses Mal etwas über das Ziel hinaus geschossen.“

„Es waren aber auch die schwierigsten Bedingungen: Der späte Anruf, die lange Fahrt, dann noch das Suchen des Hauses in der Pampa.“

„Ich weiß, Frau Schöler. Ich mache ihm keinen Vorwurf. Ich hoffe nur, dass das nicht sein erstes Koma wird.“

Über die Gegensprechanlage meldet sich die Sekretärin: „Frau Dohmke ist da.“

„Soll noch einen Augenblick warten. Wir bitten sie dann rein.“ Und zu Frau Dr. Schöler gewandt: „Es ist immer gut, sie noch warten zu lassen, damit sich ihre Erregung etwas legen kann.“

Auf ein Zeichen ihres Chefs öffnet die Assistenzärztin die Tür und bittet Verena herein.

„Guten Tag, Frau Dohmke. Mein Name ist Richter. Ich bin der Chefarzt der Station. Frau Dr. Schöler haben Sie schon kennengelernt. Bitte setzen Sie sich. Es geht um Herrn Fengler. In welchem Verhältnis stehen Sie zu ihm?“

„Ich bin seine Frau.“

„Sie sind verheiratet?“

„Nein.“

„Dann darf ich Ihnen eigentlich keine Auskunft geben. Hat er Verwandte?“

Verenas Gesicht beginnt sich zu verfärben. Im Hals ein Gefühl, als würde jemand eine Schlinge zusammenziehen. Mit Anstrengung versucht sie eine klare Stimme zu behalten: „Nein, seine Eltern sind tot. Keine Geschwister.“

„Nun, dann bitte ich Sie, sich eine amtliche Vollmacht zu besorgen. Das sollte unter den gegebenen Umständen kein großes Problem sein.“

„Das haben wir doch in der Patientenverfügung schon festgelegt.“

„Nein, tut mir Leid, darüber habe ich nichts gefunden.“

´Erst mal mich klein machen, damit ich besser zu händeln bin. Aber du vertust dich, nicht mit mir, so nicht`. „Dann muss das zu Hause noch irgendwo rumliegen. Ich kümmere mich darum.“

„Gut, dann gehe ich mal im Vertrauen von ihrer Vollmacht aus. Ihr Freund hatte einen Hinterwandinfarkt, ausgelöst durch einen 70prozentigen Verschluss der Herzkranzgefäße. Wir haben ihm vier Stents eingesetzt, so dass das Herz wieder arbeiten kann.“

„Das hat ihre Kollegin mir schon alles erzählt. Was haben die weiteren Untersuchungen ergeben?“

Professor Dr. Richter zieht den Stuhl mit dem Fuß näher an seinen massigen Schreibtisch heran, stützt seine Arme darauf und streckt seinen Kopf in die Höhe. Eine Haltung größerer Autorität. „MRT und EEG zeigen beide eine Beeinträchtigung bestimmter Hirnareale. Welche Auswirkungen das letztendlich haben wird, kann ich Ihnen noch nicht sagen. Die Heilungsverläufe können bei derartigen Schädigungen sehr unterschiedlich sein. Auf jeden Fall wird Herr Fengler das Eine oder Andere neu lernen müssen.“

„Heißt das, dass es möglich ist, dass er sein altes Leben weiter führen kann?“

„Vieles ist möglich in der heutigen Zeit. Vieles, was vor ein paar Jahren noch undenkbar schien.“

„Herr Professor Dr. Richter.“ Verenas Ton ist fordernd, aber ruhig. „Ich brauche keine ausweichenden Antworten. Ich brauche Klarheit, was mit Max los ist!“

Professor Richter spürt, dass da jemand ist, der an seiner Kompetenz zweifelt. Mit einem rausgeplatzten „Die gibt es nicht!“ versucht er sich diese zu beweisen.

„Dann weiß ich jetzt Bescheid. Ich danke Ihnen für das sehr informative Gespräch.“ Mit diesen sarkastisch dahin geworfenen Worten steht Verena auf und geht.

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„Frau Schöler, hier ist das vergessene Blatt mit meiner Vollmacht. Ich möchte Sie bitten, alle lebenserhaltenden Maßnahmen einzustellen, so wie es Herr Fengler für seinen jetzigen Zustand verfügt hat.“ Es hat Verena viel Konzentration gekostet, ihr Ersuchen ruhig und angemessen zu formulieren.

„Frau Dohmke, ich kann ihre Verzweiflung ja verstehen.“

„Sie verstehen nichts! Sein Leben verlief nicht nach den Ihnen bekannten Mustern und Gewohnheiten. Ohne seine elementaren Kräfte, seinem offenen Geist, an Maschinen angeschlossen, die nur seine körperlichen Funktionen erhalten, das will Max nicht. Das war nie sein Leben.“

Kerstin Schöler spürt Unbehagen. Ihr natürlicher Instinkt ist angesprochen, doch ihr ärztliches Selbstverständnis rebelliert: ´Du musst Leben erhalten`! „Wie ich Ihnen schon einmal sagte, wir brauchen Geduld, wir brauchen Zeit. So ein Infarkt heilt nicht von heute auf morgen.“

„Wie lange wollen Sie warten? Wenn es keine Veränderung gibt, wann schalten Sie die Maschinen ab?“

´Der Chef wird niemals abschalten` und Frau Dr. Schöler greift zu einer, ihrer vermeintlich stärksten Waffe: „Wenn wir jetzt sofort alles abschalten, sein Herz wird weiter schlagen, wissen Sie, was dann passiert?“ Frau Dr. Schöler macht eine bedeutungsvolle Pause, schaut Verena eindringlich in die Augen. „Er wird verhungern! Wollen Sie das?“

Der Flur der Intensivstation ist heute besonders lang. Die Zeit bis zur Tür dehnt sich in die Unendlichkeit. Automatisch öffnet sie sich und gibt Verena den Weg frei. Mit dem Gefühl innerer Vernichtung geht sie hindurch und bleibt stehen. Hinter ihr schließt sich die Tür. ´Wie kann man einer Frau unterstellen, dass sie ihren geliebten Mann verhungern lassen will? Dahinter steckt ein Geist der Macht. Menschlichkeit? Fehlanzeige`!

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Seitdem Michael sich Malena gegenüber offenbart hat, hält seine Entkrampfung an. Einkaufen gehen, Essen kochen, Windeln wechseln, nächtliches Aufwachen durch Noras Hungerschrei, alles kein Problem. Er unterstützt Malena, so gut er kann.

Doch das „Warum“ hat sich in seinen Gedanken eingenistet. Nach erfolglosen Versuchen des Verdrängens, greift Michael zum Telefon: „Hallo Kerstin. Wie geht es Max?“ Ein unbewusstes Gefühl der Nähe lässt ihn seinen Patienten mit Vornamen benennen. „Macht er Fortschritte?“

„Hallo Michael. Nein, tut mir Leid. Nicht den geringsten. Er verharrt in tiefer Bewusstlosigkeit.“

„Kerstin, ich würde gerne noch einmal vorbei kommen, um mit ihm alleine zu sein. Kannst du das einrichten?“

„Warum willst du das? Warum machst du nicht einfach Urlaub und entspannst dich?“

„Weil mich diese Warum-Frage beschäftigt und ich ihr auf den Grund gehen muss. Und das geht nur über Max. Also?“

„Gut. Wir haben uns entschlossen, von ihm heute Nacht ein Langzeit-EEG zu machen. Tagsüber ist seine Freundin ständig hier. Typ aufdringlich. Wenn du am späteren Abend vorbei kommst, werden wir Zeit finden.“

„Danke, Kerstin, bis später.“

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Wie jeden Tag, fährt sie auch heute Nachmittag ins Krankenhaus. Seit drei Tagen begrüßt sie der Pförtner mit „Guten Tag, Frau Dohmke“, seit vorgestern geht Verena als erstes zum Aufenthaltsraum, begrüßt das Stationspersonal und gestern fragte die junge Krankenschwesternschülerin, ob sie einen Tee möchte.

Ihr Tagesablauf ist zur Gewohnheit geworden. Die Fahrt, zwei Stunden am Bett sitzen und dabei mit den Gedanken von Hoffnung und Verzweiflung kämpfen, die Heimfahrt. Das sich ausdehnende, zwangsläufig unvermeidbare sich abfinden mit seinem Zustand, nimmt Verena nicht wahr. Unbewusst hat sie angefangen, sich selbst zu schützen, gegen die Macht der Autoritäten.

Als sie Max verlässt, kommt ihr auf dem Flur der Chefarzt mit Anhang entgegen. Noch einmal startet Verena einen Versuch: „Herr Professor, ich möchte ... .“

Mit den Worten „Wir töten hier nicht!“ und ohne sie eines Blickes zu würdigen, geht er mit festen Schritten an ihr vorbei.

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„Malena, ich fahre heute Abend zur Klinik. Die letzten Tage mit dir und Nora waren sehr schön. Ich habe sie genossen. Dein Handeln am Tage der Geburt kann ich jetzt besser verstehen. Aber dieses „Warum“ von Max will nicht gehen. Wie ein Phantom überfällt es mich in einer beliebigen Situation. Das ist ähnlich wie damals mit meiner Mutter. Doch in jener Zeit gelang es mir, vor der Auseinandersetzung zu fliehen. Das jetzige Warum scheint anders zu sein.“ Michael macht eine nachdenkliche Pause. „Es hat eine schwierig zu beschreibende Dimension, als wäre dieses Warum ich selbst, ausgelöst durch ihn, Max. Ich muss herausfinden, was es ist. Ich muss zu ihm.“ Um Einverständnis heischend, schaut er Malena an. „Ich kann nicht anders!“

Klare Worte ihres Mannes, die Hoffnung aufkeimen lassen. Gleichzeitig durchdringt sie ein ungekanntes Angstgefühl. ´Ich fühle mich wie eine Fallschirmspringerin, die auf die Erde zu stürzt und deren Fallschirm noch nicht geöffnet ist. Es liegt nicht an mir, ob er sich öffnet ... oder nicht`.

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In der Klinik angekommen, spürt Michael wieder dieses innere gehetzt sein, das sich in der letzten Woche zu Hause gelegt hatte. ´Reiß dich am Riemen, bleib auf Distanz`, versucht er sich selbst zu zügeln.

„Hallo Kerstin.“

„Hallo Michael. Wie geht es dir?“

„Alles okay. Die Urlaubstage haben mir gut getan.“

„Wie geht es deiner Frau und Nora?“

„Malena ist fantastisch. Wenn ich sie nicht hätte, ...!“ Michael sieht Kerstins abschätzige Miene, bricht ab, „und Nora ist ein wahrer Schatz.“

Kerstin wendet sich ab, geht zu ihrem Schreibtisch. „Nun gut, du willst dir bestimmt die Untersuchungsergebnisse anschauen.“ Sie reicht ihm den Bericht des Radiologen. Michael wirft einen kurzen Blick darauf, ohne ihn mit Interesse zu lesen.

„Kerstin, du bist jetzt seit einer Woche mit Max zusammen. Wie ist dein Eindruck?“

´Mit Max zusammen? Nein, Michael, das bin ich nicht. Er ist einer von vielen Patienten, für die ich da bin`. „Ehrlich gesagt, es sind keinerlei Veränderungen seines Zustands sichtbar. Optimismus ist nicht angesagt.“

Gemeinsam betreten sie das Krankenzimmer. „Du willst mit ihm allein sein?“

„Ja, bitte.“ Die Tür fällt ins Schloss. Die Luft schmeckt abgestanden, leblos. In dem fahl erleuchteten Raum erscheinen Michael die grün dahin laufenden Wellen des EEG-Monitors surreal. Doch das kennt er. Es ist etwas anderes, was die Unwirklichkeit des Raumes ausmacht. „Diese Stille, ... anziehend ... und unheimlich“, flüstert er. ´Eine unbelebte Stille. Die Stille des Todes`.

„´Michael.`“ Michael weicht erschrocken zurück. Die Tür hat er nicht gehört und als er sich umdreht, sieht er sie geschlossen. „´Michael.`“ Wieder dreht er sich um, schaut zu Max, der bewegungslos von Kabeln und Schläuchen umgeben im Bett liegt.

´Wer spricht da zu mir? Ich habe doch ganz deutlich eine Stimme gehört`.

Michael setzt sich auf einen Stuhl, von dem aus er Maxs Gesicht sehen kann. Die voranschreitende Nacht und die ihn umgebende, sein Bewusstsein eintrübende Atmosphäre, lassen ihn in einen Dämmerzustand fallen. Mit viel Anstrengung hält er seine Augen geöffnet. Nach wenigen Minuten werden sie feucht, blicken starr auf den Mund seines Patienten und sehen darin das „´Warum?`“

´Damit du lebst`.

„´Wer gibt dir das Recht, das zu bestimmen?`“

„Mein ärztliches Selbstverständnis.“

„Michael, führst du Selbstgespräche?“

Er hat sie nicht eintreten hören. Kerstins Stimme reißt ihn aus seinem Nebel zurück in die Realität. Mit einem verstörten Blick schaut er sie an: „Wie spät ist es?“

„Mitternacht.“

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Noras Hunger lässt MaLena erwachen. Der Platz neben ihr im Bett ist leer. Nachdem sie sich satt getrunken hat, schläft Nora wieder ruhig ein. „Du bist ein zufriedenes, ausgeglichenes Baby, Nora. Ich wünsche, dass das so bleibt. Was auch immer geschehen mag, ich werde immer für Dich da sein.“

Malena liegt im Halbschlaf, als sie durch Michaels Kommen geweckt wird. An seinem „Bitte frag nicht“-Blick erkennt sie sofort seine wieder aufgelebte innere Verwirrung. Im Bett liegend, ergreift er ihre Hand.

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Lange liegt Verena in dieser Nacht wach in ihrem Bett. Zukunftsgedanken. ´Was ist, wenn er aufwacht, aber nicht mehr alleine da draußen sein Leben weiterführen kann`? Mit keiner der möglichen Antworten kann sie sich anfreunden. ´Mein Leben hat sich schon und wird sich weiterhin in jedem Fall verändern. Aber wie weit kann ich es, muss ich es verändern, ohne mich selbst zu verlieren? ... Halte ich es aus, mich selbst aufzugeben`? Fragen über Fragen, die sich schier endlos in ihrem Kopf drehen. Im Morgengesang der Vögel verebben sie antwortlos.

Die Nacht war kurz, als sie am Dienstagmorgen zur gewohnten Zeit an seinem Bett sitzt und seine Hand hält. Die reizlose, gleichförmige Umgebung trübt ihre um Wachheit ringenden Sinne. Während sich ihre Augen schließen, ö.f.f.n.e.n, s..c..h..l..i..e..ß..e..n.., verlässt ihr Denken die Ebenen bewusster Wahrnehmung.

Das Bild einer nur mit ihren langen, schwarzen Haaren bekleideten Frau erscheint. Mit einem grobzahnig geschnitzten Kamm aus Elfenbein versucht sie die zerzausten Strähnen zu entwirren, als sie plötzlich bemerkt, dass sie einen langen, geflochtenen Zopf abgeschnitten in der Hand hält. Das Ende des Zopfes ist gegen das Aufdröseln durch einen Knoten gesichert. Wie in einer Überblendung entwickelt sich aus dem Knoten langsam ein Auge, in dessen Pupille sich der Knoten wiederum auflöst.

„Er hat die Augen geöffnet.“ Die Worte lassen Verena erwachen. Ungläubig schaut sie zuerst auf Max, dann erwartungsvoll auf die von ihr unbemerkt eingetretene Oberärztin. „Ein erstes Zeichen.“

„Max. Max, kannst du mich hören?“ Frisch aufflackernde Hoffnung liegt in ihrer Stimme. Doch die ersehnte Reaktion bleibt aus. Um Bestätigung flehend, wendet sich Verena an Frau Dr. Schelling: „Bitte, Frau Doktor, hört er mich?“

Die Ärztin sieht die nichts fixierenden, sich in ihrer Höhle unkoordiniert bewegenden Augäpfel: „Ich weiß es nicht, wahrscheinlich nicht.“

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Schweigend haben sie miteinander gefrühstückt. Ihren Blicken weicht er aus. „Michael, lass uns reden. Was bedrückt dich? Was hast du heute Nacht erlebt?“

„Nichts Neues. Ich saß bei ihm. In meinem Kopf nur diese Frage. Dann bin ich eingeschlafen, bis Kerstin mich geweckt hat.“

Malena schaut ihn skeptisch an: „Michael, sieh mich bitte mal an.“ Er blickt kurz auf und wendet sich sofort wieder ab. ´Malena, hab Geduld. Du musst Geduld mit ihm haben`, versucht sie sich einzuschwören. Doch gleichzeitig empfindet sie eine große, auslaugende Anstrengung. Ihr Ton wird schärfer: „Michael, ich sehe, dass du nicht ehrlich zu mir, vielleicht auch nicht zu dir bist. Ich verstehe, wenn du nicht offen zu mir sein kannst, aber dann hol dir professionelle Hilfe.“

„Brauch ich nicht. Das schaffe ich alleine.“

´Da ist er, dieser überhebliche, feindselige Ton`.

„Malena, komm, lass uns spazieren gehen. Frische Luft klärt das Denken.“

Innerlich widerstrebend, willigt sie ein.

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Der Spaziergang ist beendet. Michael nimmt sein Handy, zieht sich ins Bad zurück.

„Hallo Kerstin. Ich muss mich bei dir entschuldigen. Wegen letzter Nacht.“

„Hallo Michael. Nein, musst du nicht. Ist schon okay. Ich bin auf dem Weg zur Klinik. Heute wieder Nachtdienst. Aber sag mal, was ist passiert, als du bei ihm warst?“

„Nichts. Ich bin in dieser trostlosen Umgebung müde geworden und eingeschlafen. Wieso fragst du?“

„Nachdem du gegangen bist, blieb ich noch ein paar Minuten bei ihm. Plötzlich zuckte sein ganzer Körper einmal heftig zusammen. Mir war so, als würde er sich einer großen Last entledigen. Und dann lag er wieder bewegungslos da, als wäre nichts geschehen. Ich wusste nicht, ob ich es mir eingebildet habe oder ob es wirklich stattfand.“

´So ging es mir mit der Stimme, die ich plötzlich hörte. Seine Stimme? Traum oder Realität`? „Kerstin. So erging es mir letzte Nacht auch.“

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„Herr Fengler hat heute Morgen die Augen geöffnet. Frau Schelling war dabei.“

„Das ist ja eine positive Nachricht. Wacht er auf?“

„Nein. Ich habe ihn mir angeschaut, schwimmende Augenbewegungen. Anzeichen eines Wachkomas. Das mit Bestimmtheit zu diagnostizieren ist noch zu früh. Wir müssen es aber in Betracht ziehen. Die weitere Entwicklung wird es zeigen.“

Professor Dr. Richter wendet sich der Auswertung des EEG zu: „Frau Schöler, schauen Sie sich das mal an. Sagt Ihnen dieses Muster etwas?“ Das Standbild zeigt verschiedene Frequenzwellen, die übereinander gelagert sind.

„Nein. Habe ich noch nie gesehen. Zeigt das gesamte EEG diese Auffälligkeiten?“

„Nein. Es tritt nur in einem bestimmten Zeitabschnitt um Mitternacht auf.“

Eine Erinnerung an das Geschehen der letzten Nacht blitzt in Kerstin Schöler auf, die sie aber sofort verfliegen lässt.

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Durch das Urteil der Oberärztin verkehrt sich die anfängliche Euphorie über seine geöffneten Augen schnell in Ernüchterung. Ein verbliebener Funke Hoffnung treibt Verena an: „Max, wenn du mich hörst, mich verstehst, dann mach bitte irgendeine Bewegung mit den Augen, die mir das anzeigt.“ Sie wartet. Nichts geschieht. ´Verena, ein Wunschtraum`! Im nächsten Augenblick wird sie von Schwermut überwältigt, steht auf und geht.

Zu Hause angekommen, legt sie sich auf ihre Couch. ´Einfach gegangen. ... Bin einfach gegangen, ohne mich umzuschauen. Ohne Abschied. Typisch Rena, hätte Mutter gesagt. Ach Mutter, wenn du nur mal versucht hättest, mich zu sehen. Zu sehen, wer das ist, deine Tochter. Aber du konntest dich ja selbst nicht sehen. Deine Dauerwelle war dir wichtiger als dein Haar. Alles nur Fassade, eine hohle Maske. ... Und ich? Sehe ich mich? Sehe ich Max`? Ihre schwerer werdenden Lider fallen, die Augen entfliehen dem Licht. Aufgewühlt, entzieht sich ihr Geist weiteren Fragen.

Am späten Nachmittag wacht sie auf.