Komm mit über die Grenzen der Zeitenwelt - Betty van Birnhelm - E-Book
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Komm mit über die Grenzen der Zeitenwelt E-Book

Betty van Birnhelm

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Beschreibung

Im Frauenland ist man entsetzt. Die Gute Menschin von Anderswo wurde entführt. Was tun? Wo nach ihr suchen? Soll sie doch in Natorien sein, das weit, weit weg vom Frauenland liegt. Und dabei hatte man es sich so schön eingerichtet im eigenen Land. Und jetzt soll jemand eine Landesgrenze überqueren? Betty van Birnhelm nimmt uns mit auf eine skurrile Reise in eine Fantasiewelt voller merkwürdiger Geschöpfe und skurriler Begebenheiten. Was macht man, wenn die Flugbegleiter der Fliegenden Teppiche streiken? Wie kommt man unbeschadet durch das Land der Schwerhaber? Und was hat es eigentlich mit dem Großen Nator auf sich, der die Gute Menschin von Anderswo entführt haben soll? Auch wenn Betty van Birnhelm diese Fragen – und noch viele mehr – mit sehr viel Sinn für Humor beantwortet, weht doch eine ernste Botschaft aus der Zeitenwelt zu uns herüber. - Erstauflage in 2019 -

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Veröffentlichungsjahr: 2021

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Buchbeschreibung

Frauenland

Die Entführung

Entscheidung zum Aufbruch

Der Aufbruch

Haltestelle Fernflugkuss

Unterwegs im Fernflugkuss

Ankunft in Salamien

In Salamien

Weiter von Salamien

Ankunft im Land der Schwerhaber

Bei den Schwerhabern

Weiter von den Schwerhabern

Ankunft in Rabenau

In Rabenau

Immer noch in Rabenau

Weiter von Rabenau

Ankunft in Natorien

In Natorien

Der Große Nator

Weiter von Natorien

Wieder in Rabenau

Nochmals im Lande der Schwerhaber

Erneut in Salamien

Zurück im Frauenland

Nachzeit

Nachnachzeit

Erläuterungszeit

Über die Autorin

Auf ein Wort – von der Autorin

 

 

Komm mit über die Grenzen der Zeitenwelt

 

 

Betty van Birnhelm

 

 

 

 

 

 

 

Bettys Reisemärchen – Episode 1

 

3. überarbeitete Auflage, 2022

 

© Betty van Birnhelm Alle Rechte vorbehalten. Bettina Ittermann, Idastr. 5, 44628 [email protected]://www.betty-van-birnhelm.de

 

Covergestaltung: Renee Rott/Dream Design – Cover and Art Coverbild: shutterstock.comLektorat: Stefan Lutterbüse/text und geschick Korrektorat: Jutta Handel

 

Dieses Buch ist auch als Taschenbuch erhältlich (ISBN 9783750430051) und Inhalt des E-Book Bundles Bettys Reisemärchen (ISBN 9783754687352).

 

Lebewesen und Handlungen sind frei erfunden, etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Froschköniginnen, gestiefelten Wesen oder anderen merkwürdigen Gestalten sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

 

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über dnb.dnb.de abrufbar.

 

Buchbeschreibung

 

Im Frauenland ist man entsetzt. Die Gute Menschin von Anderswo wurde entführt. Was tun? Wo nach ihr suchen? Soll sie doch in Natorien sein, das weit, weit weg vom Frauenland liegt. Und dabei hatte man es sich so schön eingerichtet im eigenen Land. Und jetzt soll jemand eine Landesgrenze überqueren?

 

Betty van Birnhelm nimmt uns mit auf eine skurrile Reise in eine Fantasiewelt voller merkwürdiger Geschöpfe und skurriler Begebenheiten. Was macht man, wenn die Flugbegleiter der fliegenden Teppiche streiken? Wie kommt man unbeschadet durch das Land der Schwerhaber? Und was hat es eigentlich mit dem Großen Nator auf sich, der die Gute Menschin von Anderswo entführt haben soll?

 

Auch wenn Betty van Birnhelm diese Fragen – und noch viele mehr – mit sehr viel Sinn für Humor beantwortet, weht doch eine ernste Botschaft aus der Zeitenwelt zu uns herüber.

1. Zeit

 

Frauenland

 

»Sei still!«

»Nein! Hör auf! Ich will nicht mehr!« Das Lieschen schüttelte sich.

»Sei jetzt still!« Die Prinzessin wurde lauter.

»Genug! Ich stehe ja schon mit den Füßen im Wasser!«

»Sei endlich still und lass deine Köpfe nicht so hängen!«

»Prinzessin, ich bin ein Hängendes Lieschen.«

»Das ist mir egal. Heb endlich deine Köpfe!«

So oder so ähnlich müsst ihr euch die Gespräche im Gartencenter vorstellen, wenn die Prinzessin Gießdienst hatte. Fast immer gab das Hängende Lieschen nach und reckte seine zarten Blütenköpfchen weit nach oben. Dies entsprach natürlich überhaupt nicht seiner Natur, aber manchmal war es die einzige Möglichkeit, einer weiteren Dusche zu entgehen.

Die Prinzessin, das war keine normale Prinzessin, sie war die Prinzessin mit dem Kürbis. Und auch das Gartencenter war etwas Besonderes, ganz anders, als ihr es kennt. Denn alles, was ich euch nun erzähle, hat sich in einer anderen Welt – der Zeitenwelt – ereignet.

Irgendwann einmal hat es Kontakt und eine Verbindung zwischen unserer Welt – der Erde – und der Zeitenwelt gegeben. Wie es genau dazu kam, das ist eine längere Geschichte und wird von der Autorin später einmal erzählt. Obwohl sie – zeitlich betrachtet – natürlich zuerst erzählt werden müsste. Doch leider hat die etwas schusselige Autorin die Unterlagen mit den Rechercheergebnissen verlegt. Dafür muss ich mich entschuldigen, denn ihr seid sicherlich schon dahintergekommen, weshalb ich auch nicht um den heißen Brei herumreden werde: Ich selbst bin die Autorin. Und entschuldigt bitte, ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Van Birnhelm – Betty van Birnhelm – ist mein Name. Ich werde natürlich weitersuchen – nach den Unterlagen. Und spätestens beim nächsten Umzug wird sich alles wieder einfinden. In der Zwischenzeit erzähle ich euch von einer besonderen Reise, einer Reise, die in einem Gartencenter in der Zeitenwelt begann.

 

 

Das Land, in dem sich dieses Gartencenter befand, wurde überall Frauenland genannt. Es bestand aus einigen bewohnten Siedlungen und wenigen – dafür aber umso größeren – Mooren. Das waren die Männermoore. Die Frauen lebten in den Siedlungen und die Männer hatten sich in die Moore zurückgezogen. Dieses Arrangement bestand schon sehr lange und alle hatten es irgendwann akzeptiert. Manchmal, aber wirklich nur manchmal, gab es Unruhen, so wie zu der Zeit, als es darum ging einen neuen Namen für das Land zu finden. Denn früher hieß es ...

Ach, das ist schon so lange her. Ein Besucher aus der Zeitenwelt hat es mir irgendwann einmal erzählt, aber ich kann mich nicht mehr daran erinnern. Zu der Zeit unserer Geschichte hieß es auf jeden Fall Frauenland.

Die Prinzessin mit dem Kürbis arbeitete nicht allein im Gartencenter, sondern gemeinsam mit der Froschkönigin. Das Gartencenter hieß eigentlich »Zu densprechenden Blumen«, wurde aber von manchen Bewohnern des Landes etwas spöttisch »Blablablumencenter«genannt.

»Grmngrmngrmn«, so hörte sich die Spezialität des Gartencenters für ungeübte Ohren an. Es waren die Grummelnden Gräser. Doch sie wurden gerne von den Kunden gekauft. Einmal in einen Garten gepflanzt, grummelten sie ständig vor sich hin und waren somit ein sehr guter Schutz gegen Einbrecher. Hörte man länger hin, dann klang das Grummeln der Gräser eher wie eine Diskussionsrunde über die aktuelle Politik im Frauenland oder wie eine Krankheitsgeschichte eines Besuchers aus den Männermooren.

Die Prinzessin mit dem Kürbis stand direkt am Ende der Schlafzeit auf und fuhr mit dem Kuss zur Arbeit. Der Kuss, das war so etwas ähnliches wie ein Bus. Das Bezahlen war eine Besonderheit. Wenn du mitfahren wolltest, stiegst du vorne ein, gabst dem Kussfahrer einen Kuss und deine Fahrt konnte beginnen. Manchmal versuchte jemand, sich kusslos am Fahrer vorbeizuschleichen. Aber das war bisher immer noch aufgefallen, denn Kussfahrer waren sehr aufmerksame und sensible Personen und daher auch zutiefst gekränkt, wenn man sie nicht küssen wollte.

Die Froschkönigin schlief liebend gerne länger, stand erst spät auf und ging dann zu Fuß zum Gartencenter. Das hatte seine Gründe, aber dazu ein andermal. Das Gartencenter war nicht nur der gemeinsame Arbeitsplatz der Froschkönigin und der Prinzessin mit dem Kürbis, sondern auch so etwas wie ihr Zuhause. Beide arbeiteten dort schon sehr lange. Es müssen mindestens 88.045 Zeitenwechsel gewesen sein. Das ist wirklich ein langer Zeitraum, allerdings ist Zeit in der Zeitenwelt auch im Überfluss vorhanden. Das könnte daran liegen, dass die Bewohner der Zeitenwelt per se schon ziemlich alt werden oder dass es dort für nichts, also für rein gar nichts, eine feste Zeit gibt. Manchmal bekommt man den Eindruck, dass die Zeit sich dort ins Unendliche ausdehnen würde.

Außerdem kommt noch hinzu, dass die Bewohner der Zeitenwelt eine genauere Zeiteinteilung von je her für überflüssig hielten. Daher gibt es keine Tageszeiten, auch nicht Tag und Nacht, sondern nur Wach- und Schlafzeit. So sagt man in der Zeitenwelt auch nicht »letzte Woche hat es mittags heftig geregnet«, sondern »vor einigen Wach- und Schlafzeiten hat der Himmel seine Pforten weit geöffnet (und ein paar übereilige Elfen, die mal wieder ohne Regenzeug aus dem Haus gegangen sind, waren schon zur halben Wachzeit pitschnass)«. Ach ja, die Wachzeit wird noch in der Mitte geteilt. Das ist dann die halbe Wachzeit, manchmal auch Halbzeit genannt.

So hatten die beiden Kolleginnen die 88.045 Zeitenwechsel auch nicht als lange Zeit empfunden, vielmehr waren sie ihnen wie im Fluge vergangen und jetzt arbeiteten sie immer noch glücklich und zufrieden gemeinsam im Gartencenter. Sie konnten sich keine schönere Beschäftigung vorstellen. Eigentlich sahen sie es gar nicht als Arbeit an, sondern eher als ihre Lebensaufgabe. Sie liebten es, mit den Trällernden Tulpen um die Wette zu singen, auch wenn sie im Wettstreit »Starke Stimmen strunzen« gegen die Tulpen regelmäßig verloren.

Und immer wenn die Zeit es zuließ, diskutierten sie mit den Radikalen Rosen. Ihr Lieblingsthema war das System der verschiedenen Transportarten in den an das Frauenland angrenzenden Ländern: Eine neue Erfindung waren die Zeitmaschinen. Allerdings funktionierten sie nur in eine Richtung, nämlich in die Zukunft und an der Geschwindigkeit musste auch noch gearbeitet werden. Zur damaligen Zeit wurden die Zeitmaschinen noch regelmäßig von Fußgängern überholt. Darüber, warum die Entwicklung dieser neuartigen Maschinen so schleppend voranging, gab es unterschiedliche Meinungen. Die einen sagten, es fehle an Zeit, was in der Zeitenwelt quasi eine Unmöglichkeit war (und damit nur eine Umschreibung für »Die-können-es-einfach-nicht«), und die anderen meinten, es wäre sowieso ein zeitloses Projekt. Am wahrscheinlichsten war jedoch die Beeinflussung durch die Arbeitsgemeinschaft Flughafen Zeitlupe, die verschleiern wollte, dass der für die Zeitmaschine benötigte Flughafen nur auf dem Papier existierte. Des Weiteren redete man über fliegende Büros, deren Stationen sich in Hochhäusern befanden. Gerüchte erzählten sogar von ganzen Personengruppen, die sich mit einem Stau fortbewegen konnten.

Doch die meisten Bewohner in der Zeitenwelt kannten diese Transportmethoden nur vom Hörensagen, denn es war zu der Zeit nicht üblich, von einem Land in das andere zu reisen. Nur die ganz Verwegenen und Mutigen überquerten eine Landesgrenze. Und eine Reise über verschiedene Länder hinweg, das war damals schon ziemlich ungewöhnlich. Ihr fragt euch vielleicht, woran lag das? Die Bewohner der Zeitenwelt waren daran gewöhnt, in ihrem eigenen Land zu bleiben. Kannten sie sich dort doch aus und wussten, was sie zu erwarten hatten. Allerdings gab es Stimmen, die behaupteten, dass es irgendwann einmal anders gewesen war. Ganz von der Hand zu weisen war das nicht. Musste es doch einen Grund dafür geben, dass es – bis auf wenige Ausnahmen – in der ganzen Zeitenwelt nur eine einzige Sprache gab.

Zu der Zeit unserer Geschichte war es jedoch so, dass die Bewohner der Zeitenwelt darauf bedacht waren, möglichst immer in ihrem eigenen Land zu bleiben. Wagte sich aber doch jemand über die eigene Landesgrenze, war ihm schon etwas mulmig zumute, weil er dort alles immer und überall mit seinem Heimatland verglich, denn Hand aufs Herz: Sich so richtig auf etwas anderes, auf etwas Neues einlassen, nein, das war damals nicht ihr Ding.

 

 

»Ich entscheide selbst, ob ich küssen oder zahlen will.«

Mit diesen Worten beendete die Froschkönigin regelmäßig das Gespräch über das Kussfahren, wenn sie bei der Diskussion um das passende Bezahlsystem angelangt waren.

Die Prinzessin schüttelte daraufhin ihren hochroten Kopf: »Mit dir kann man ja nicht reden!« Dabei wirbelte sie herum und ging schlecht gelaunt davon.

Bei diesem Thema waren die beiden sich noch nie einig geworden. So fand die Prinzessin mit dem Kürbis, das Kussfahren sollte auch weiterhin ohne Bezahlung möglich sein. Schließlich müsste man ja schon den Kussfahrer küssen. Und das war manchmal, je nachdem welcher Fahrer hinter dem Lenkrad saß, eine echte Überwindung. Die Froschkönigin war aber der Meinung, man sollte für das Kussfahren genauso bezahlen wie für alle anderen Transportarten auch. Dann würden nämlich auch viel mehr Bewohner zu Fuß gehen, so wie sie es machte.

Manchmal vergaßen die beiden alles um sich herum, während sie darüber diskutierten, und bemerkten nicht, dass sie so laut wurden, dass man sie auch außerhalb des Gartencenters hören konnte. Der Arglose Ahorn im Garten hinter dem Gartencenter schüttelte dann meist völlig verständnislos seine Blätter, bevor er merkte, dass sie ihm vor Schreck abfielen. So kam es, dass er manchmal völlig kahl dastandund vom Spiel des Windes mit den Blättern der Bäume ausgeschlossen war. Aber dafür hatten die beiden Damen bei ihren Diskussionen natürlich kein Ohr bzw. kein Auge. Wenn allerdings das sonst so vornehm und blass wirkende Gesicht derPrinzessin mit dem Kürbis vor lauter Eifer die Farbe wechselte, erkannte die Froschkönigin, dass es Zeit war, das Gespräch zu beenden. Oder es zumindest für eine Weile ruhen zu lassen. Und das war auch in Ordnung so, denn Zeit stand in der Zeitenwelt ja ausreichend zur Verfügung.

2. Zeit

 

Die Entführung

 

Zu der Zeit, in der diese Geschichte beginnt, war irgendetwas anders als sonst. Die Froschkönigin war während der gesamten Schlafzeit wach geblieben und stand mit dem ersten Licht auf. Normalerweise wurde sie von den Liebesliedern der Lauten Lerchen geweckt, doch diesmal drang kein einziger Ton in ihr Schlafzimmer. Ja, es war irgendwie anders, aber so in aller Frühe und völlig unausgeschlafen stellte sie sich einfach nicht die Frage, woran das lag. Aber ein komisches Gefühl, das hatte sie schon.

Also machte die Froschkönigin sich früher auf als sonst. Sie verließ ihr Froschhaus und betrat den Weg-mit-der-Kugel. Jetzt fiel ihr auf, dass alles um sie herum bodenstill war.

Bodenstille, das war etwas, was noch stiller als Totenstille war. Jedes Geräusch, nein, jeder Atemzug verschwand im Boden und war danach nicht mehr zu hören. Aber dieser Zustand dauerte normalerweise nicht sehr lange an. Warum das so war, das ist eine andere Geschichte.[Fußnote 1]

Unsere Froschkönigin hatte allerdings kein Ohr für solche Feinheiten und bemerkte somit auch nicht, dass die Bodenstille ungewöhnlich lange anhielt. So kam sie an den Biberbaracken und den Einfamilienhäusern der Eifrigen Elfen vorbei, ohne auch nur irgendjemanden zu hören, zu sehen oder gar zu treffen.

Auf Höhe der Hausnummer 11 fiel ihr immerhin auf, dass weder die Eifrigen noch die Eiligen unter den Elfen zu sehen waren. Noch während sie darüber nachdachte, erreichte sie das Gartencenter. Es war absolut ruhig. Das war schon sehr ungewöhnlich, weil es bedeutete, dass die Prinzessin mit dem Kürbis noch nicht da war. So blieb ihr nichts anderes übrig, als zu warten, denn sie hatte keinen Schlüssel für das Gartencenter. Es war normalerweise auch nicht notwendig, denn dass sie als Allererste da war, das war noch nie vorgekommen. Und seit sie damals den Schlüssel zum Gartencenter verloren hatte, verzichtete sie auf einen Ersatz. Aber das ist eine besondere Geschichte, die der Froschkönigin so peinlich ist, dass sie diese bis heute nicht preisgegeben hat.

Während sie auf die Prinzessin wartete, dachte sie an Kurt, den Kussfahrer, der an der Kusshaltestelle vor dem Gartencenter regelmäßig seine Zeit bis zum nächsten Einsatz verbrachte. Häufig kam er dann ins Gartencenter und stimmte in ein Liedchen ein, das gemeinsam mit den Trällernden Tulpen und den Säuselnden Stiefmütterchen gesungen wurde. Sie lächelte.

Dann sah sie, wie die Prinzessin mit dem Kürbis die Straße heraufkam. Zu Fuß! Und jetzt fiel der Froschkönigin auch auf, dass der Kuss schon längst hätte da sein müssen. Aber von dem war weit und breit nichts zu sehen. Als die Prinzessin völlig erschöpft am Gartencenter angekommen war, hatte ihr Gesicht nichts mehr von seiner sonst so vornehmen Blässe. Nein, es schien eher rot zu sein, wie nach einer hitzigen Debatte über das Kussfahren. Oder orange?

»Du siehst ja heute wie dein Kürbis aus«, begrüßte die Froschkönigin ihre Kollegin.

»Es war kein Frühkuss verfügbar«, schnaufte diese ärgerlich, »und ich habe Kurt, die Elfen und die Biberfamilie gesehen. Sie waren auf dem Weg zum Marktplatz. Was da wieder los ist?«

»Wenn der Kurt dabei ist ...«, die Froschkönigin brach ihren Satz ab und sah nachdenklich aus.

»Du meinst, sie demonstrieren schon wieder wegen der Bezahlung für das Kussfahren? Ja, wenn du mich fragst ...«

»Deine Meinung ist aber nicht gefragt!« Die Froschkönigin fiel der Prinzessin brüsk ins Wort, während diese die Tür zum Gartencenter aufschloss. Auf eine Unterhaltung über das Kussfahren hatte sie nach dieser schlaflosen Schlafzeit wirklich keine Lust.

Die Trällernden Tulpen, welche direkt am Eingang des Gartencenters standen, hatten den Wortwechsel mitbekommen und stimmten freudig ein Lied an: »Kissless in the morning, kissless ...« Sie brachen jedoch sofort mit ihrem Gesang ab, als Froschkönigin und Prinzessin gleichzeitig ziemlich grimmig in ihre Richtung schauten.

Niemand wusste, wo sie dieses Lied aufgeschnappt hatten, und vor allem wusste niemand, was dieses morning bedeuten sollte. Wie bereits erwähnt, kannte man in der Zeitenwelt nur die Wach- und die Schlafzeit. Ansonsten machte sich hier niemand Gedanken über irgendeine Zeit.

Nachdem die Trällernden Tulpen verstummt waren, platzte plötzlich das Wolfsfräulein herein.

Das Wolfsfräulein, müsst ihr wissen, gehörte zum Stamm der Wartenden Wölfe. Ursprünglich lebten sie im alten Wartesaal, der sich am großen Kussbahnhof befand. Man sagt, dass sie daher auch ihren Namen hätten. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Tatsächlich liegt das Warten in der Natur der Wartenden Wölfe. Es gibt sie auch bei uns auf der Erde. Sie tragen vielleicht nicht den gleichen Namen, aber wenn ihr genau hinseht, werdet ihr sie finden. Ihr erkennt sie daran, dass sie sich – völlig unentschlossen etwas zu tun oder nicht zu tun – immer nur für das Letztere entscheiden und abwarten. Leider macht diese Angewohnheit die Wartenden Wölfe bisweilen völlig lebensuntüchtig, weswegen sie recht häufig in Gemeinschaft mit Bestimmenden Bären leben.

Unser Wolfsfräulein nun war Kundin im Gartencenter, allerdings eine sehr spezielle. Sie war immer etwas knurrig. Außerdem haarte sie und konnte sich naturgemäß für nichts entscheiden. So war es nicht verwunderlich, dass sie das Gartencenter meist verließ, ohne etwas zu kaufen. Hierüber mokierte sich ganz besonders die Prinzessin mit dem Kürbis, die überhaupt kein Verständnis für die verschiedenen Schwächen der Bewohner des Frauenlandes hatte. Gemeinsam mit den Radikalen Rosen war sie der Meinung, dass unser Wolfsfräulein doch ein Verhältnis mit einem Bestimmenden Bären eingehen sollte. Doch davon wollte diese nichts wissen, und beendete jede Diskussion darüber mit einem »Ja, ihr könntet wohl recht haben, aber ...«, um dann ganz unterschiedliche, aber immer wiederkehrende Gründe, anzuführen: »Was ist, wenn ich einen von den faulen Bären erwische?« oder »Ein Bär kann mir doch nicht sagen, was ich machen soll!« Manchmal wurde sie ziemlich ungehalten und rief beim Verlassen des Gartencenters: »Ich lasse mir von euch doch keinen Bären aufschwatzen!«

 

 

In der besagten frühen Wachzeit stürzte nun das Wolfsfräulein haarend herein und knurrte: »Habt ihr das gehört? Die Gute Menschin von Anderswo wurde entführt.«

Kaum hatte sie das heraus geknurrt, wurde es im Gartencenter augenblicklich bodenstill. Allerdings hielt diese Stille diesmal nicht so lange an, denn prompt vernahm man die Nörgelnden Narzissen: »Das konnte ja nicht gut gehen. Das konnte ja nicht gut gehen.«

»Seid still!« Die Froschkönigin wurde sauer. Die ewige Schwarzmalerei der Narzissen war ihr schon lange ein Dorn im Auge. Und ein Dorn im Auge, das tat weh. Und es war auch keine Entschuldigung, dass die Nörgelnden Narzissen schon von Natur aus zu der Gattung der Schwarzseher gehörten.

Das Wolfsfräulein fuchtelte jetzt aufgeregt mit den Pfoten: »Ja, was sollen wir jetzt bloß machen?« Ihre Stimme wechselte von Knurren ins Quietschen. Das passierte ihr immer, wenn sie aufgeregt war. Und dafür gab ja Grund genug, schließlich ging es um dieGute Menschin von Anderswo.

»Aber sag doch, was genau ist passiert?«, ergriff die Froschkönigin das Wort, so wie immer, wenn die Situation aus dem Ruder lief.

»Der Nator«, knurrte das Wolfsfräulein wieder, »der Nator hat die Gute Menschin von Anderswo entführt. Heute vor Sonnenaufgang. Es soll sehr laut geworden sein und später fand man eine Pflanze auf dem Boden.«

»Ja und? Was sagt sie?«, mischte sich jetzt die Prinzessin mit dem Kürbis ungeduldig ein.

»Sie ist wohl vom Tisch auf den Boden gefallen. Man fand sie inmitten ihrer schönen roten Blütenblätter. Sie hat sehr viele davon verloren und macht einen ziemlich verstörten Eindruck. Und von der Guten Menschin keine Spur.«

»Das konnte ja nicht gut – gumpf.« Die Froschkönigin hielt den Narzissen die Blütenkelche zu.

»Ach, der Nator, der Nator«, mischte sich die Prinzessin mit dem Kürbis sichtlich aufgebracht ein, »wo kommt bloß immer dieses Gerede vom Nator her?«

Die Froschkönigin ließ abrupt die Narzissen wieder los: »Geeeehen, nicht gut geh...!«

Doch ein strenger Blick der Froschkönigin reichte diesmal aus, um die Narzissen mitten im Wort verstummen zu lassen.

»Das weißt du sehr wohl«, sagte die Froschkönigin mit eisigem Unterton, der keinen Widerspruch duldete. »Der Große Nator war lange verschollen und ist nun wieder im Lande. Niemand will sich mit ihm anlegen. Ihr kennt doch diese grausigen Geschichten, die über ihn erzählt werden.«

Bevor die Froschkönigin weiter darüber berichten konnte, was man sich seit einiger Zeit im ganzen Frauenland hinter verschlossener Tür zuraunte, wurde es der Prinzessin zu bunt.

---ENDE DER LESEPROBE---