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Gehören Sie zu den Menschen, die in ihrer Freizeit am liebsten lesen oder handarbeiten, handwerken und basteln? Lieben Sie DIY und schöne handgemachte Dinge? Dann ist der Kreativ-Roman der Autorin Steffi Hochfellner genau das richtige für Sie. Denn Sie können nicht nur in die liebevoll-turbulente Geschichte von Franzi und dem Kurzwarenladen in Ostfriesland eintauchen, sondern die beigefügten 15 Kreativ-Ideen zum Selbermachen nachbasteln, nachhäkeln, nachstricken. Die 34-jährige Franzi ist begeistert, als sie das Haus ihrer Großtante Gerlinde erbt, nebst dazugehörigem Kurzwarenladen und einem vorlauten Entenpaar. Mit Sack und Pack zieht sie von Nürnberg nach Ostfriesland – und stellt fest, dass erstmal gründlich saniert werden muss. Zum Glück kann sie auf die Hilfe einer patenten Rentner-Truppe und ihrer neuen Freunde Rieke und Joost zählen. Schnell rückt der Termin zur Neueröffnung der "Wunderkiste" näher, doch immer wieder kommt es zu gemeinen Sabotageakten. Missgönnt jemand Franzi ihren Traum? Eins ist jedoch klar: Aufgeben gilt nicht! Steffi Hochfellner arbeitet als Werbetexterin und Designerin in Hamburg. Neben dem Schreiben von Romanen ist ihre große Leidenschaft die Handarbeit. Sie hat bereits drei erfolgreiche Bücher über das Stricken von Kuscheltieren veröffentlicht. In ihrem Kreativ-Roman vereint sie ihre Lieblingsbeschäftigungen Schreiben und Bastelarbeiten. Sie interessieren sich für das Thema DIY und Work-Life-Balance? Auf unserem Portal einfachganzleben.de finden Sie Tipps rund um das Thema "Do it Yourself", sowie Anregungen für eigene kreative Projekte, um vom Alltag zu entspannen und das Leben bunter zu gestalten.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 495
Veröffentlichungsjahr: 2019
Steffi Hochfellner
Roman
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Gehören Sie zu den Menschen, die in ihrer Freizeit am liebsten lesen oder handarbeiten, handwerken und basteln? Lieben Sie DIY und schöne handgemachte Dinge? Dann ist der Kreativ-Roman der Autorin Steffi Hochfellner genau das Richtige für Sie.
Denn Sie können nicht nur in die liebevoll-turbulente Geschichte von Franzi und dem Kurzwarenladen in Ostfriesland eintauchen, sondern die beigefügten 15 Kreativ-Ideen zum Selbermachen nachbasteln, nachhäkeln, nachstricken.
Die 34-jährige Franzi ist begeistert, als sie das Haus ihrer Großtante Gerlinde erbt, nebst dazugehörigem Kurzwarenladen und einem vorlauten Entenpaar. Mit Sack und Pack zieht sie von Nürnberg nach Ostfriesland – und stellt fest, dass erstmal gründlich saniert werden muss. Zum Glück kann sie auf die Hilfe einer patenten Rentner-Truppe und ihrer neuen Freunde Rieke und Joost zählen. Schnell rückt der Termin zur Neueröffnung der »Wunderkiste« näher, doch immer wieder kommt es zu gemeinen Sabotageakten. Missgönnt jemand Franzi ihren Traum? Eins ist jedoch klar: Aufgeben gilt nicht!
Für alle, die davon [...]
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Epilog
Glossar
Basteln macht lustig
Futterhäuschen
Batik-Kissen
Seemannsmütze
Ostertiere
Umfilzte Seife
Buchstützen »Schaf«
Upcycling-Loop zum Wenden
Topflappen- Fische
Sockenbär
Sitzunterlage
Treibgut-Mobile
Zehensandalen
Smartphone- Hülle
Türstopper
Piñata
Bildnachweis
Für alle, die davon träumen, sich mal über Nacht im Wollgeschäft einschließen zu lassen.
Für alle, die sich zum Geburtstag einen Akkuschrauber mit Wumms wünschen.
Für alle, die mindestens fünf Sorten Klebstoff ihr Eigen nennen.
Und ganz besonders für Petra.
Süßer Kuchenduft zog aus der Küche, suchte sich seinen Weg durch die verwinkelte kleine Wohnung, drang durch Flur und Türritzen und legte sich schließlich schmeichelnd wie eine Decke auf die junge Frau, die auf der Wohnzimmercouch schlief. Das Bild wirkte friedlich, doch dies war ein Trugschluss. Mit ganzer Kraft umklammerte die Frau ein arg abgeliebtes Stoffeselchen, und ihre halblangen Haare, dunkelbraun und gelockt, waren völlig zerwühlt. Sie schlief offenbar unruhig.
Jetzt zog die Frau die Nase kraus, roch den Duft des Gebäcks. Ein kleines Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus, ihre Züge entspannten sich …
… bis sie plötzlich wie von der Tarantel gestochen aufsprang. Das Eselchen flog in hohem Bogen zur einen Seite, die Decke, in die sie sich gekuschelt hatte, zur anderen und räumte dabei eine Schüssel mit Äpfeln vom Couchtisch. Die Äpfel kullerten über den alten türkischen Kelim und suchten sich Verstecke unter Kommoden und hinter an den Wänden lehnenden Bildern, doch die junge Frau hatte keinen Blick für die Flüchtigen.
Auf Socken schlitterte sie über die Flurdielen und stolperte fast in die Küche, denn in den Kuchenduft mischte sich jetzt schon eine brandige Note. Sich zwei Topflappen zu schnappen, den Ofen aufzureißen, das Blech mit den Cupcakes aus dem Ofen zu ziehen und auf die Küchenplatte zu knallen war nur eine Sache von Sekunden.
Franzi inspizierte die Küchlein und stellte erleichtert fest, dass sich der Schaden in Grenzen hielt und mit ordentlich Zuckerguss kaschieren lassen würde.
Sie streckte sich gähnend. Es roch wieder wunderbar in ihrer gemütlichen kleinen Küche, die für sie eigentlich ein Rückzugsort war, ein Ort, zu dem die Welt mit ihren Problemen keinen Zutritt hatte. Doch heute wollte sich das Glücksgefühl, das sie sonst beim Backen empfand, nicht einstellen, denn die Party, zu der sie ihre Cupcakes mitbringen würde, war eine Abschiedsparty. Mit einem halbherzigen Lachen versuchte sie, die Traurigkeit, die sie umschlich wie ein samtpfotiger Puma, auf Abstand zu halten. Um sich abzulenken, durchwühlte sie Schränke und Schubladen und förderte nach und nach einen stattlichen Vorrat an bunten Schätzen zutage: pastellfarbige Nonpareille, Rollfondant in Rosenrot und Buttergelb, Marzipan und Zuckerherzen. Sie arrangierte alles auf dem Küchentisch und begann, Lebensmittelfarbe in das Marzipan zu kneten. Bald war der Tisch mit bunten Blumen und Schmetterlingen, Käfern und vielem mehr übersät. Franzi rührte Zuckerguss an, färbte ihn mit ein paar Tropfen grüner Farbe und überzog damit die mittlerweile erkalteten Kuchen.
Die Dekoration der Cupcakes forderte so viel Konzentration, dass sie darüber ihren Kummer vergaß. Behutsam stellte sie schließlich die bunten Kunstwerke in eine Schachtel. So nebeneinander platziert, bildeten die Törtchen eine fröhlich-bunte Frühlingswiese, die Tanjas Gäste mit Sicherheit entzücken würde. Franzi runzelte die Stirn, dann klappte sie seufzend den Deckel der Kuchenschachtel zu.
Auf dem Tisch stand noch ein letzter undekorierter Kuchen. Franzi starrte ihn wie hypnotisiert an, und plötzlich hatte sie einen Kloß im Hals. Eine Träne kullerte ihre Wange hinunter, dann eine zweite. Sie wischte sie fort und zog das Törtchen zu sich heran. Behutsam bohrte sie ein Loch in die Decke und höhlte es aus. Dann kramte sie eine kleine Schmuckschachtel aus ihrer Handtasche. Vorsichtig ließ sie die filigrane Silberkette mit dem runden Anhänger durch ihre Hand in die Kuchenhöhle gleiten. Mit Tränen in den Augen verzierte sie nun auch das letzte Törtchen, rot und rosa, mit Herzen, Herzen, Herzen, bis wirklich keines mehr Platz fand.
Drei Stunden später klingelte Franzi, bewaffnet mit ihrer Tortenschachtel, an der Tür ihrer besten Freundin Tanja. Als sie das fröhliche Stimmengewirr in der Wohnung hörte, hätte sie am liebsten auf dem Absatz kehrtgemacht. Sie wusste einfach nicht, ob sie einer lauten Party gewachsen war, doch bevor sie die Flucht ergreifen konnte, wurde die Tür aufgerissen. Tanja begrüßte Franzi mit einer stürmischen Umarmung und zerrte sie durch den leeren Flur ins Wohnzimmer.
Mehrere Pärchen saßen in der leeren Wohnung auf Klappstühlen um einen Tapeziertisch, der sich unter Salaten und Quiches, einem großen Suppentopf, Sekt- und Weinflaschen, Papptellern und Plastikbechern bog. Auch hier wurde Franzi enthusiastisch begrüßt. Tanjas Mann Maximilian gab ihr einen Kuss auf die Stirn und öffnete dann neugierig Franzis Mitbringsel. Ihre Kuchenkreationen waren im Freundeskreis legendär. Schnell suchte sich jeder Gast einen Cupcake aus.
»Du hast dich selbst übertroffen!« Geli drehte bewundernd ein grün glasiertes Törtchen in der Hand, auf dem ein Marzipangrashüpfer zwischen Zuckermargeriten thronte. »Essen kann man die jedenfalls nicht. Viel zu schade.«
»Ach was.« Gelis Freund Tobias biss genüsslich in seinen Cupcake, wobei er gnadenlos einen Marzipankäfer halbierte.
»Du Rohling«, sagte Tanja lachend und knuffte ihn in die Seite. Dann umarmte sie Franzi erneut. »Du wirst mir so fehlen«, flüsterte sie.
»Du mir auch.« Franzi war schon wieder den Tränen nahe, schluckte sie aber tapfer hinunter. Um sich nicht zu verraten, wand sie sich aus Tanjas Armen, beugte sich zu ihrer Tasche hinab und kramte ein kleines Päckchen hervor. Mit beiden Händen überreichte sie es Tanja.
»Ich habe noch etwas für dich. Aber pack es erst im Flugzeug aus.« Sie lachte. »Beiß vorsichtig hinein. Sehr vorsichtig.«
Tanja zog die Augenbrauen hoch. »Kuchen surprise?«
»Hm.«
»Ach, Franzi! Was werde ich nur ohne dich machen?«
Franzi sah zu Boden. Die Frage war wohl eher, was sie ohne Tanja machen sollte. Ohne ihre beste, ihre allerbeste Freundin, mit der sie fast ihr ganzes bisheriges vierunddreißigjähriges Leben geteilt hatte. Ohne Tanja, die schon in wenigen Tagen mit ihrem zugegebenermaßen wundervollen frisch Angetrauten in ein Flugzeug nach Singapur steigen würde, wo auf Maximilian ein hoch dotierter Job wartete.
Sie blickte sich um. Die Leere der Wohnung hatte etwas Beklemmendes. Mindestens drei Jahre würden Tanja und Maximilian fort sein. Es lohnte nicht, die Wohnung zu halten, weshalb sie ihre gesamte Habe eingelagert hatten.
»Nun guck nicht so traurig. Singapur ist nicht aus der Welt. Du kommst uns bestimmt bald besuchen.«
»Bestimmt«, krächzte Franzi. »Ganz sicher.«
Franzi genoss die Party im Freundeskreis trotz ihres Kummers am Ende doch. Ein Toast nach dem anderen wurde auf die Auswanderer ausgesprochen und getrunken, bis alle beschwipst waren. Tanja behielt den Überblick, und bevor die Stimmung ins Wehmütige kippte, schob sie alle aus der Wohnungstür. Alle bis auf Franzi. Während Maximilian schon das ehemalige Wohnzimmer aufräumte, standen Franzi und Tanja im Flur und sahen sich lange schweigend an.
»In ein paar Jahren sind wir wieder zurück«, sagte Tanja schließlich mit belegter Stimme. »Zwischen uns ändert sich gar nichts.«
Franzi schüttelte den Kopf. Tanja riss die Augen auf, dann verstand sie. Wortlos fielen sich die Freundinnen in die Arme. Sie würden sich immer lieb haben. Sich vertrauen.
Aber sie wussten beide, dass es nie mehr so sein würde wie früher.
Eine knappe Woche später kam Franzi abends erschöpft nach Hause und stieß die Wohnungstür mit dem Fuß hinter sich zu, während sie gleichzeitig mit dem Ellbogen den Lichtschalter betätigte. Sanftes, von einem auf dem Flohmarkt gekauften Stofflampenschirm gedämpftes Licht umfing sie, und sie stieß einen erleichterten Seufzer aus. Als letzte Patientin vor dem Wochenende hatte sie eine alte Dame dazu bewegen müssen, sich nach einem Sturz wieder auf die eigenen Füße zu stellen. Ein schwieriges Unterfangen, denn die bezaubernde Dame mit den Silberlöckchen hatte sich offensichtlich in ihrem ganzen Leben nie viel zugetraut. Eigentlich, dachte Franzi, brauchte diese Dame nicht nur eine Physio-, sondern auch eine Psychotherapeutin, die ihr Selbstbewusstsein aufbaute. Es war ein anstrengender Tag gewesen, und zu allem Überfluss hatte Franzis Chefin Margret ihr eröffnet, dass sie sich in absehbarer Zeit zur Ruhe setzen würde. Sie suche bereits nach jemandem, der die Praxis übernehmen wolle, hatte sie gesagt und Franzi dabei fragend angesehen.
Franzi verstaute ihre Einkäufe in der Küche und schnappte sich das Vogelfutter. Der Balkon war eingeschneit, ihr Vogelhäuschen hatte eine weiße Kappe. Selbst im winterlichen Dämmerlicht waren überall zierliche Spuren von Vogelfüßchen zu erkennen, und auf dem Ast im nächsten Baum saßen eine Amsel und eine Meise in trauter Eintracht und beobachteten aufmerksam ihr Tun. Sie winkte den Vögeln zu, die sich davon keineswegs irritieren ließen. Kein Wunder, dachte Franzi mit einem Anflug von Stolz. Bei ihr bekamen die Vögel nicht nur das beste Futter, sondern sie hatten auch das schönste Häuschen weit und breit. Es war ein einfaches Teil aus dem Baumarkt, das sie jedoch in frischen Farben bemalt und mit Holzperlen und Quasten verziert hatte.
Nachdem sie Futter nachgeschüttet und einen neuen Meisenknödel aufgehängt hatte, ging sie zurück ins Wohnzimmer, wo die Heizung bollerte. Kaum hatte sie die Balkontür hinter sich zugezogen, hüpften die Meise und die Amsel schon auf dem Vogelhäuschen herum. Franzi verengte die Augen. Hatte sie es sich nur eingebildet, oder blickten die Vögel sie direkt an, als wollten sie sich bedanken? Wer wusste schon, was in diesen Köpfchen vor sich ging?
Sie bemerkte das Blinken des Anrufbeantworters, und Freude durchzuckte sie. Tanja? Es konnte gar nicht anders sein, die Freundin war schließlich schon seit vierundzwanzig Stunden in Singapur. Franzi beschloss, die Vorfreude noch ein wenig zu verlängern, und kochte sich erst einen Tee, bevor sie die Nachricht abhörte.
Während sie darauf wartete, dass der altmodische Wasserkessel zu pfeifen begann, dachte sie über Margrets unausgesprochenes Angebot nach. Abgesehen davon, dass sie kaum Ersparnisse besaß, machte ihr die Vorstellung, eine Praxis zu leiten, Angst. Sie war eine gute Physiotherapeutin und hatte vor einem Jahr auch eine Zusatzausbildung zur Osteopathin mit Bravour abgeschlossen, aber ob ihr das ganze Drum und Dran lag, das zur Selbstständigkeit gehörte, bezweifelte sie. Buchhaltung? Puh. Andererseits spürte sie, dass sie irgendetwas unternehmen musste. Ihr Leben war zum Stillstand gekommen – mit vierunddreißig! War die Übernahme der Praxis vielleicht die Lösung? Oder war die Praxis eher ein Teil des Problems? Franzi liebte ihren Beruf, aber sie lebte nicht für ihn. Ihr war klar, dass sie sich genau darauf einlassen musste, sollte sie sich selbstständig machen.
Nachdenklich goss sie sich einen Tee ein und nahm ihn mit ins Wohnzimmer, um zu hören, was Tanja zu berichten hatte. Leider würde sie die Freundin erst am Morgen zurückrufen können, um die Neuigkeiten zu besprechen, denn in Singapur herrschte jetzt tiefe Nacht.
Voller Freude drückte sie die Abhörtaste.
»Guten Tag, Frau Wolff, hier spricht Frau Müller von der Anwalts- und Notariatskanzlei Weinold & Leipold. In der Erbschaftsangelegenheit Ihrer verstorbenen Tante Gerlinde Oberlechner habe ich am kommenden Montag um 10 Uhr 30 einen Termin für Sie reserviert. Bitte benachrichtigen Sie mich, sollte Ihnen die Zeit nicht passen, damit wir einen neuen Termin absprechen können. Unsere Nummer ist …«
Franzi hätte beinahe vor Überraschung die Teetasse fallen lassen. Ein Missverständnis? Sie spielte die Nachricht ein zweites Mal ab, nur um festzustellen, dass zweifellos sie gemeint war. Dabei hatte sie die Tante, nein, Großtante, eigentlich gar nicht gekannt – wenn sie ehrlich war, hatte sie seit Jahren nicht mehr an sie gedacht. Und nun war sie gestorben und hatte ihre Großnichte sogar in ihrem Testament bedacht? Seltsam. Sehr seltsam. Franzi beschloss, einen langen Spaziergang durchs winterliche Nürnberg zu machen, um Ordnung in ihre Gedanken zu bringen.
Am Montag stand sie mit klopfendem Herzen um 9:15 Uhr vor dem Büro des Notars. Sie hatte, nachdem sie die Nachricht verdaut hatte, ihre Mutter auf Teneriffa angerufen, um zu erfahren, warum sie nicht über Tante Gerlindes Ableben informiert worden war. Franzis Mutter war genauso erstaunt gewesen, aber dann stellte sich heraus, dass sie durchaus eine Mitteilung bekommen hatte, die aber in einem Stapel ungeöffneter Post lag.
»Warum öffnest du deine Post nicht?«
»Klaus und ich waren auf Gomera wandern, Liebes. Zwei Wochen. Es war toll.«
Ja, und Klaus ist toll, dachte Franzi, und die Kanaren sind toll, und das Wetter ist toll, und warum kommst du uns nicht –
»– endlich besuchen? Du brauchst mal Tapetenwechsel.«
»Weil …« Franzi stockte. Sie wusste selbst nicht, warum sie nicht schon längst nach Teneriffa geflogen war. Oder doch? Lag es an Klaus, dessentwegen ihre Mutter vor zwei Jahren Knall auf Fall den Vater verlassen hatte und in Klaus’ Häuschen auf die Insel gezogen war? Klaus, den Franzi nicht so toll fand, und schon gar nicht so toll wie ihren Vater.
Sie beendete das Gespräch und rief daraufhin ihren Vater an. Er bestätigte, dass er Tante Gerlinde, die Schwester seiner Mutter, tatsächlich unter die Erde gebracht hatte. Franzi zu benachrichtigen hatte er nicht für nötig erachtet, sie habe Gerlinde ja ohnehin seit zwanzig Jahren nicht gesehen, sagte er. Franzi seufzte innerlich. Sosehr sie ihren Vater auch liebte, manchmal war seine bestimmende Art zum Verrücktwerden. Sie hätte schon gern selbst entschieden, ob sie zur Beerdigung gehen wollte oder nicht. Dann hörte sie ein Frauenlachen im Hintergrund, und diesmal war es ihr Vater, der das Gespräch hastig beendete. Perplex starrte Franzi auf den Hörer. Aha. Ihr Papa war also auch wieder liiert. Und sie kein bisschen schlauer in Bezug auf die Frage, was Tante Gerlinde ihr vermacht hatte. Aber was viel interessanter war: warum? Warum ausgerechnet ihr?
Der Notar begrüßte sie mit einem einnehmenden Lächeln. Überrascht drückte Franzi die ihr entgegengestreckte Hand. In ihrer Vorstellung waren Notare alt und distinguiert, saßen in dunkel getäfelten Büros und rauchten Zigarren. Nun, dieser hier war höchstens vierzig, charmant und vor allem: Er war weiblich. Moderne, helle Möbel, eine exotische Pflanze mit spektakulären Blüten sowie zahllose Bücher schafften eine behagliche Atmosphäre, zu der die sympathische Unordnung ihren Teil beitrug.
»Setzen Sie sich doch, Frau Wolff. Was halten Sie von grünem Tee direkt aus China?«
Franzi lächelte. »Besser geht’s nicht.«
»Das erzählen Sie mal meiner wunderbaren Assistentin. Sie lebt von Kaffee«, sagte sie und stand auf. »Entschuldigen Sie mich bitte kurz. Die Zubereitung kann ich Frau Müller unmöglich überlassen.« Weg war sie.
Verdutzt sah Franzi ihr nach. Sie lernte gerade, dass Klischees dem echten Leben nur selten standhielten.
Der Tee schmeckte köstlich. Franzi hielt sich an der heißen Tasse fest, während Frau Leipold den Inhalt der vor ihr liegenden Papiere zusammenfasste. Gerlinde Oberlechner hatte keine eigenen Kinder, ihre Eltern und ihre Schwester, also Franzis Großmutter, lebten nicht mehr, somit gab es niemanden, dem ein Pflichtteil zufiel. Gerlinde konnte ihr Vermögen vermachen, wem sie wollte. Und das sei eben sie, ihre Großnichte Franziska Wolff, schloss Frau Leipold.
»Sagten Sie ›Vermögen‹?«
Frau Leipold warf einen kurzen Blick auf die Papiere, dann zuckte sie mit den Schultern. »Na ja, ein bescheidenes Vermögen. Etwas über 65000 Euro.«
Franzi schnappte angesichts der enormen Zahl unwillkürlich nach Luft. »Für mich ist das sehr viel Geld, Frau Leipold.«
»Entschuldigen Sie. Aber etwa die Hälfte des Geldes ist ohnehin weg, wenn Sie das Erbe annehmen, denn sowohl für das Barvermögen als auch für das Haus müssen Sie Erbschaftssteuer zahlen.«
»Haus?« Franzi verschluckte sich am Tee und stellte die Tasse ab.
»Ja, ein Haus. Komplett abbezahlt, in einer mir unbekannten Kleinstadt irgendwo im Norden von Niedersachsen.«
»Ich kenne es«, flüsterte Franzi, mehr zu sich selbst als zu Frau Leipold. Die Erinnerung kam zurück. Ihr Vater hatte sich geirrt, es war nicht zwanzig, sondern sogar dreiundzwanzig Jahre her, seit sie Tante Gerlinde zum letzten Mal gesehen hatte. Franzi war elf gewesen, als sie mit ihren Eltern in den Urlaub an die Nordsee fuhr. Sie hatte aufgeregt auf dem Rücksitz herumgezappelt, denn bald würde sie zum ersten Mal in ihrem Leben das Meer sehen! Die Fahrt aus dem tiefen Süden Deutschlands in den Norden hatte sich endlos gezogen, aber vor dem Meer stand noch ein Besuch bei ebenjener Tante Gerlinde an, die Franzi bisher nur wenige Male bei Familienfeiern gesehen hatte. Undeutlich erinnerte sie sich an eine kleine Stadt mit hübschen Friesenhäusern, und in einem dieser Häuser hatte die Tante im oberen Stockwerk gelebt, während sie im Erdgeschoss einen Kurzwarenladen betrieb. Franzi musste unwillkürlich lächeln, als die Bilder des Ladens aus den Tiefen ihres Gedächtnisses nach oben gespült wurden. Es war ein herrlicher, sonniger Sommertag gewesen, und all die bunten Stoffe und Bänder, die Wollknäuel und glitzernden Knöpfe hatten geleuchtet. Ein seltsamer Zauber hatte über allem gelegen. Obwohl Franzi die Unterbrechung der Fahrt zuerst überhaupt nicht gutgeheißen hatte, wollte sie schließlich gar nicht mehr fort von dem Zauberhaus und der Tante. Tante Gerlinde … war sie dick gewesen oder dünn? Groß oder klein? Sie wusste es nicht mehr, konnte sich nur an ihr lustiges Lachen erinnern. Was ja so ziemlich das Wichtigste war, oder nicht?
»Frau Wolff?«
Die Stimme der Notarin holte sie in das Büro zurück. »Entschuldigung. Ich habe gerade eine Zeitreise weit zurück in meine Kindheit gemacht.«
»Es muss eine schöne Reise gewesen sein. Sie sahen glücklich aus. Wollen Sie das Erbe annehmen?« Frau Leipold hob die Hände. »Sie haben natürlich Bedenkzeit.«
»Spricht etwas dagegen?«
»Ich weiß nicht, in welchem Zustand sich das Haus befindet«, sagte die Notarin. »Vielleicht wartet eine böse Überraschung auf Sie«, fügte sie zögernd hinzu.
Franzi ließ sich die Worte durch den Kopf gehen. Das Risiko hielt sich in Grenzen; wenn ihr das Haus nicht gefiel, konnte sie es schließlich verkaufen. Hatte sie nicht in den letzten Tagen immer wieder gegrübelt, in welche Richtung sie ihr Leben lenken sollte? Hier lag die Antwort, nur eine Unterschrift entfernt. Tante Gerlinde muss meine Nöte geahnt haben, dachte sie. Danke, liebe Tante. Dabei habe ich dich nie wieder besucht.
Sie straffte sich. »Frau Leipold, ich nehme das Erbe an.«
»Sie machen es bestimmt richtig. Sollte trotzdem etwas schieflaufen, können Sie sich jederzeit an mich wenden.« Sie machte eine Kunstpause. »Allerdings ist da noch etwas.«
Misstrauisch geworden, zog Franzi die Augenbrauen hoch. Die Notarin blieb ihr eine Erklärung schuldig, schien sich das Lachen aber nur schwer verbeißen zu können. Stattdessen verschwand sie durch eine Verbindungstür, die Franzi bisher nicht bemerkt hatte. Nach kaum einer Minute ging die Tür wieder auf. Frau Leipold machte lockende Geräusche. Neugierig reckte Franzi den Hals.
»Darf ich vorstellen?« Die Notarin deutete eine Verbeugung an. »Das ist euer neues Frauchen. Und das«, sagte sie mit einem breiten Grinsen an Franzi gewandt, »sind Janis und Jim.«
Franzi blieb der Mund offen stehen. Durch die Tür watschelten eine Ente und ein Erpel.
»Du hast was?« Selbst aus zwölftausend Kilometer Entfernung war Tanjas Stimme anzuhören, dass sie am Geisteszustand ihrer Freundin zweifelte. Nach über einer Woche Funkstille hatte sie sich endlich gemeldet; es hatte irgendwelche Probleme mit dem Telefonanschluss gegeben. Überhaupt schien alles recht problematisch zu sein, angefangen bei der Hitze, dem ungewohnten Essen und den undurchsichtigen Chinesen bis hin zu den seltsamen Verhaltensweisen der anderen Auswanderer im Klub. Franzi hatte sich Tanjas Bericht mehr oder weniger kommentarlos angehört – was sollte sie auch dazu sagen? Die Welt, mit der Tanja sich auseinandersetzen musste, war ihr vollkommen fremd. Nachdem die Freundin sich alles von der Seele geredet hatte, holte sie tief Luft und fragte, wie es Franzi ging.
»Ich habe ein Haus geerbt«, antwortete sie. »Und zwei Enten.«
»Du hast was?«
»Ein Haus geerbt.«
»Ich meine den zweiten Teil.«
»Die Enten?«, fragte Franzi, während sie mit dem Fuß nach dem Badewannenhahn angelte, um heißes Wasser nachzulassen.
»Allerdings.«
»Nun ja.« Sie sah zur Toilette hinüber. Janis und Jim hockten auf dem Deckel und warfen ihr vorwurfsvolle Blicke zu. Die Enten und sie hatten sich schnell aneinander gewöhnt, lediglich über die Benutzung der Wanne herrschte Uneinigkeit. Janis und Jim hatten versucht, Franzi beim Baden Gesellschaft zu leisten, aber weder das heiße Wasser noch der Badeschaum waren nach ihrem Geschmack. Jetzt versuchten sie, ihr neues Frauchen durch konsequentes Anstarren dazu zu bewegen, die Wanne zu räumen und mit klarem, kaltem Wasser zu füllen. Bisher hatte Franzi die stärkeren Nerven bewiesen, aber die Enten übten sich in Geduld.
Der von der Notarin engagierte Verwalter in Westersum hatte die beiden Vögel halb verhungert in dem Haus vorgefunden, und da sie offensichtlich zu zahm für ein Leben in der Wildnis waren und er weder Zeit noch Lust hatte, sich um ihr Wohlergehen zu kümmern, hatte er sie kurzerhand per Flugzeug nach Nürnberg geschickt. Natürlich ohne das Einverständnis von Frau Leipold einzuholen. Die hatte nicht schlecht gestaunt, als ihr das Entenpaar ins Büro gewatschelt kam, sich aber mit dem ihr eigenen Pragmatismus der ungewöhnlichen Herausforderung gestellt und über Entenhaltung in Wohnungen schlaugemacht. Ihr neues Wissen sowie das bereits gekaufte Entenspezialfutter hatte sie dann an Franzi weitergegeben, die dafür sehr dankbar war. Janis und Jim hatten ihre Odyssee gut überstanden, aber bei Tante Gerlinde fand sich bestimmt eine angemessenere Umgebung, vielleicht gab es sogar einen Ententeich voller Artgenossen.
Übermütig schnippte Franzi ein wenig Schaum in Richtung der Vögel. Janis quakte ungehalten.
»O Gott, war das tatsächlich ein Quaken?«
»Jep.«
»Ich dachte, du machst einen Scherz«, stöhnte Tanja. »Was sagt dein Vermieter?«
»Er ist nicht amüsiert. Ich habe schon gekündigt.«
Tanja blieb die Luft weg. Sie brauchte einige Sekunden, bis sie sich einigermaßen gefangen hatte. »Lass mich kurz zusammenfassen«, sagte sie schließlich. »Du hast ein Haus und zwei Enten geerbt, und du hast deine Wohnung gekündigt. Ich schließe daraus, dass ein Umzug bevorsteht.«
»Richtig, Watson.«
»Gibt es noch mehr, das ich wissen sollte? Überhaupt, wo steht dieses ominöse Haus eigentlich?«
»In Westersum, einer Kleinstadt in Ostfriesland. Ich werde im Frühling übersiedeln, nachdem Margret die Praxis geschlossen hat.«
»Respekt.« Tanjas Verblüffung amüsierte Franzi. Es kam selten genug vor, dass sie ihre Freundin sprachlos machen konnte. »Was willst du dort tun?«
»Ich weiß es noch nicht. Vielleicht eröffne ich eine Praxis, vielleicht führe ich den Kurzwarenladen fort. Die Notarin sagte, Tante Gerlinde habe ihn bis zu ihrem Tod betrieben. Da sie keine Schulden hatte, wird der Laden wohl gelaufen sein.«
»Hm. An die Vorstellung, dass du Ladenbesitzerin bist, muss ich mich erst gewöhnen.« Kurz herrschte Schweigen, dann hörte Franzi das für Tanja so typische glucksende Kichern. »Das ist großartig«, sagte die Freundin fröhlich. »Es wurde auch Zeit, dass du mal was Verrücktes machst.«
»Findest du?«
»Allerdings. Du warst auf dem besten Weg zu versauern.«
Franzi schluckte. Natürlich hatte sie Zweifel gehabt, und nicht zu knapp, doch mit einem einzigen Satz hatte Tanja sie beiseitegefegt. Das Leben war spannend, wenn man es nur zuließ. Sie lachte so laut und befreit heraus, dass Jim vor Schreck vom Klodeckel fiel.
Sie möchten den Gartenvögeln ebenfalls ein hübsches Futterhäuschen bieten? Hinten im Buch erklärt Franzi, wie Sie im Handumdrehen aus einem einfachen Holzrohling einen kleinen Vogelpalast zaubern.
Neun Wochen später, an einem kühlen Tag Mitte März, ratterte Franzi in ihrem vollgepackten alten Passat Kombi, der auf den Namen Leopold hörte, gen Norden. Sie ließ Nürnberg ohne Wehmut hinter sich. Wirklich wohlgefühlt hatte sie sich dort nie; sie war einfach keine Stadtpflanze. Natürlich tat es ihr leid, dass sie ihre Freunde nun nicht mehr spontan sehen konnte, aber alle hatten versprochen, sie bald zu besuchen. Die Aussicht, Urlaub an der Nordsee zu machen, war für Süddeutsche unwiderstehlich.
Franzi trödelte, mied die Autobahnen und ließ sich stattdessen über Landstraßen durch das aus dem Winterschlaf erwachende Deutschland treiben. Sie hatte es nicht eilig, und Janis und Jim hatten auch nichts gegen das Autofahren einzuwenden. Unbeeindruckt vom Gerumpel, schliefen sie selig mit unters Gefieder gesteckten Köpfen. Franzi warf einen Blick zur Rückbank, wo die Entenkiste eingezwängt zwischen Koffern und Taschen stand. Ob sie ahnten, dass es nach Hause ging?
Irgendwo in der Nähe von Kassel stieg sie in einem hübschen Landgasthof ab, in dem auch Janis und Jim willkommen waren. Nach einem üppigen Abendbrot fiel sie ins Bett und schlief sofort ein. Schon um sieben Uhr am nächsten Morgen war sie wieder unterwegs und erreichte Westersum gegen Mittag. Am Anfang der Mühlenstraße, in der ihr neues Haus lag, fand sie einen Parkplatz. Janis und Jim wurden unruhig. Franzi ließ sie aus dem Wagen. Die Enten schüttelten sich, sahen sich um, und noch bevor Franzi das Auto abgeschlossen hatte, watschelten sie zielstrebig die Straße hinunter. Franzi hatte ihre liebe Mühe, die beiden einzuholen; kaum nahm sie ihre Umgebung wahr. Laut quakend strebten Janis und Jim nach ein paar Minuten auf ein eher kleines Haus zu. Sie flatterten aufgeregt mit den Flügeln und postierten sich schließlich vor der geschlossenen Ladentür.
Franzi blieb in der Mitte der Straße stehen, unfähig, sich zu rühren. Fassungslos starrte sie auf das Haus. Das sollte es sein? Sie blinzelte. Hatten die Enten sich geirrt? Aber nein, da war das Ladenschild, verblasst und kaum leserlich baumelte das bemalte Holzbrett an einem schmiedeeisernen Galgen: Gerlindes Wunderkiste.
Eine Wunderkiste war es tatsächlich. Eine charmante und ziemlich heruntergekommene Wunderkiste. Die Farbe blätterte von den ehemals weiß gestrichenen Fächern des Fachwerks ab, und auch die eigentlich hübschen Sprossenfenster benötigten dringend einen Anstrich. In der Vorderfront befanden sich zwei Türen; eine führte vermutlich in den Laden, die andere, an der ein vertrockneter Blumenkranz hing, in die Wohnung.
Kahle Clematiszweige umrankten das Gebäude. Und bewahrten es damit wahrscheinlich vorm Einsturz, dachte Franzi mit sinkendem Herzen, während sie das an einigen Stellen bemooste Dach betrachtete. Sie verstand nichts von Reetdächern, hatte aber die Befürchtung, dass Moos zwar malerisch, dem Haus aber nicht zuträglich war. Dafür besaß es eine halbrunde, von einem Reetpelz beschützte Dachgaube, die ihr zuzuzwinkern schien. Bevor Franzi wusste, was sie tat, hatte sie schon die Hand gehoben und zu dem Fenster hochgewinkt. Eine Erinnerung schoss durch ihren Kopf; dort oben hatte sie schon mal gestanden, in einer hübschen, blau und weiß gekachelten Küche mit altmodischen Möbeln und Armaturen. Ob die Küche noch immer so aussah?
Seufzend ging sie die letzten Schritte auf das Haus zu und ließ sich auf der Bank nieder, die zwischen den beiden Türen stand und prompt ein gequältes Knarzen von sich gab. Franzi musste erst ihren Mut sammeln, bevor sie das Haus betrat. Neugierig inspizierte sie die Nachbarschaft.
Die Mühlenstraße lag am Rande der Altstadt und wirkte ein wenig vernachlässigt. Die Häuser entlang der mit Kopfsteinen gepflasterten Straße bildeten kein einheitliches Bild, sondern bestanden aus einem Sammelsurium von unterschiedlichen Stilen. Gerlindes Haus gehörte zu den ältesten; Franzi konnte von ihrem Platz aus nur noch zwei weitere Fachwerkhäuser erspähen, eines davon in ähnlich schlechtem Zustand wie die Wunderkiste. Einige Häuser waren aus dem für Ostfriesland typischen roten Backstein erbaut, wieder andere stammten aus den 1960ern oder 1970ern, mit hässlichen Verkleidungen und großen Ladenfenstern, die selbst aus der Entfernung talentlos dekoriert wirkten. Die Mühlenstraße war definitiv nicht der Prachtboulevard von Westersum, auch wenn sich in fast jedem Haus ein Geschäft befand.
Franzi erhob sich. Einen gewissen Charme besaß die Straße trotzdem. Es musste ja nicht immer alles auf Hochglanz poliert sein. Ihr Blick blieb an einem riesigen SUV hängen, der schräg gegenüber parkte. Die Autos störten allerdings kolossal, verdeckten sogar die Schaufenster. Alle Geschäfte waren geschlossen, die Straße war menschenleer, dafür zog der Geruch von Sonntagsbraten durch die Luft. Westersum war also nicht evakuiert worden. Am morgigen Montag würde es hier bestimmt ganz anders aussehen, dachte sie hoffnungsfroh.
Im nächsten Moment zog eine Bewegung Franzis Aufmerksamkeit auf sich. Aus einer Seitengasse tauchte eine bunt gefleckte Katze auf und witterte aufmerksam in alle Richtungen. Dann hob sie den Kopf, ihre Ohren zuckten, ehe sie sich in Bewegung setzte und direkt auf Janis und Jim zusprintete. Franzi stieß einen Schreckensruf aus. Die Katze schaute irritiert auf, rannte aber trotzdem weiter. Mit einem Satz stürzte sie sich auf die Enten. Franzi machte eine hektische Bewegung, bereit, Janis und Jim zu verteidigen, dann blieb sie wie angewurzelt stehen. Sie traute ihren Augen nicht: Laut quakend begrüßten ihre Schützlinge die Katze, die ihrerseits ihre Nase am Gefieder der Vögel rieb. Alle drei waren offensichtlich ziemlich aus dem Häuschen über das unerwartete Wiedersehen.
Leise in sich hineinlachend, überließ Franzi die Tiere ihrer Freude und schlenderte hinüber zum Herrenausstatter Hinrichsen. Ein kurzer Blick in das bisher von dem Monster-SUV verdeckte Schaufenster belehrte sie, dass man in Westersum für modische Experimente nicht zu haben war. Dann drehte sie sich um und nahm die Häuserzeile auf ihrer Seite in Augenschein.
Links von Gerlindes Wunderkiste befand sich ein Fachwerkhaus, nicht unähnlich ihrem eigenen, aber in einem wesentlich besseren Zustand, das einen Friseursalon namens Haarige Zeiten beherbergte. Die beiden Häuser lagen etwa drei Meter von der Straße zurückgesetzt, die Flächen vor den Häusern waren mit alten Kopfsteinen gepflastert. Zur Rechten stand ein kombiniertes Laden- und Wohnhaus aus den Fünfzigern. Allerdings schien der Miederwarenladen, auf den die verblichenen Buchstabenschatten an der Hauswand hinwiesen, wohl schon vor vielen Jahren aufgegeben worden zu sein; das Schaufenster gähnte leer und dunkel. Franzi schauderte. Plötzlich hatte sie das unangenehme Gefühl, beobachtet zu werden, und tatsächlich wurde einen Augenblick später im oberen Stock eine Gardine zugezogen. Sie lachte unsicher, um die Beklemmung loszuwerden. Daran war nun wirklich nichts Ungewöhnliches. Ihre neuen Nachbarn hatten zufällig gesehen, wie sie das Haus anstarrte, und ihrerseits zurückgestarrt. Trotzdem, das Haus gefiel ihr ganz und gar nicht.
Während sie noch hinübersah, stahl sich ein Sonnenstrahl durch die wattige Wolkendecke und tauchte die Mühlenstraße in goldenes Licht. Es gelang der Sonne zwar nicht, das ehemalige Miederwarengeschäft schöner zu machen, aber die düstere Atmosphäre war schlagartig verschwunden. Gerlindes Wunderkiste und Haarige Zeiten wirkten sogar heimelig und einladend. Jetzt bemerkte sie auch, dass der Friseur als Einziger seinen Laden herausgeputzt hatte. Seine Kunstfertigkeit mit der Schere bewies er mit zwei Buchsbäumen, die in die Form von springenden Fischen geschnitten waren und, in großen Kübeln stehend, den Eingang flankierten. Das Ladenschild war ähnlich wie das der Wunderkiste handgemalt, und über dem Eingang baumelte ein bezauberndes Mobile aus Treibholz, geschnitzten Holzfischen, Strandgut und Muscheln. Franzi schüttelte unwillkürlich ihre Locken. Ihr siebter Sinn sagte ihr, dass man jemandem, der so viel Sinn für Schönes hatte, auch seine Haare anvertrauen durfte. Der Friseursalon zeigte ihr außerdem, wie viel Potenzial in ihrem eigenen Haus steckte. Sie musste nur die Ärmel hochkrempeln.
Beschwingt überquerte sie erneut die Straße. Die Enten blickten ihr erwartungsvoll entgegen und watschelten, kaum stand die Haustür eine Handbreit auf, ins Innere. Die Katze folgte wie der Blitz. Nun habe ich schon drei Mitbewohner, dachte Franzi. Ob noch mehr Überraschungen warteten? Ein Pferd im Flur? Eine Kuh im Schlafzimmer? Sie stieß die Haustür weit auf und trat in die dämmrige Diele. Rechts befand sich eine Tür, wahrscheinlich der direkte Zugang zum Laden, am Ende eine steile Treppe. Gerade noch erhaschte sie einen Blick auf den Katzenschwanz auf dem oberen Treppenabsatz. Janis und Jim schnatterten aufgeregt. Sie suchte den Lichtschalter, fand ihn nicht und tastete sich vorsichtig ins obere Stockwerk. Dort schloss sie die Tür auf und betrat die Wohnung im Kielwasser der Tiere, die zielstrebig in den Raum gleich rechts vom Eingang abbogen. Franzi spähte hinein. Natürlich, es handelte sich um die Küche.
Es hatte sich nichts verändert – oder zumindest nur so wenig, dass sie es nicht wahrnahm. Noch immer zierten wunderschöne Kacheln mit handgemalten blau-weißen Friesland-Motiven die Wände, das Mobiliar wirkte abgenutzt, aber handfest. Eine altmodische Küchenanrichte, der lediglich ein wenig Farbe fehlte, nahm die rechte Wand ein, während an der gegenüberliegenden Seite ein Herd und eine Spüle auf eine Köchin warteten. Auf einem langen Bord überm Herd standen Kochbücher, Backschüsseln und allerlei hübsche Dosen, darunter baumelte an Haken alles vom Teigschaber über einen Fleischklopfer bis hin zum Schaumlöffel. Franzi öffnete die Anrichte. Handgetöpfertes und ein Sammelsurium von unterschiedlichen Porzellantellern und Tassen stapelten sich in dem Aufsatz, während sich im Unterbau blitzblanke, hochmoderne Töpfe und Pfannen fanden. Ein Stabmixer, ein Granitmörser und einige interessante Küchengeräte mehr ließen darauf schließen, dass Tante Gerlinde eine engagierte Köchin gewesen war.
Unter dem aus der Dachschräge ragenden Erkerfenster standen ein weißer Tisch und zwei ebenfalls weiß gestrichene Küchenstühle. Die Fensterbank war von Töpfen mit vertrockneten Kräutern okkupiert. Franzi schluckte. Alles hier atmete noch die Anwesenheit der Tante, die sie im Grunde gar nicht gekannt hatte. Einmal mehr fragte sie sich, warum Tante Gerlinde ausgerechnet sie als Erbin gewählt hatte, doch diese Frage würde wohl unbeantwortet bleiben; auch die Notarin hatte dazu nichts sagen können.
Franzi verließ hastig die Küche, bevor sie allzu rührselig wurde, und warf nur kurze Blicke in die anderen Zimmer. Es ging schnell, das Haus war klein: Sie entdeckte ein Schlafzimmer, eine heimelige gute Stube, ein winziges Duschbad und, zu ihrer besonderen Freude, im größten Zimmer ein Schneideratelier, komplett ausgestattet mit einem riesigen Zuschneidetisch, einer Nähmaschine und hellem Arbeitslicht. Der Kniestock unter der Dachschräge – alle Zimmer im oberen Stockwerk hatten Schrägen – war mit Regalen ausgebaut, in denen einige Stoffballen lagen. Es roch ein wenig muffig.
Franzi ging zum Gaubenfenster, um frische Luft hereinzulassen. Entzückt realisierte sie, dass zum Haus ein Garten gehörte. Er war natürlich völlig verwildert, aber da konnte sie Abhilfe schaffen. Als sie sich aus dem Fenster lehnte, entdeckte sie dicht an der Hauswand eine alte, verbeulte Badewanne. Zumindest das Rätsel, warum Janis und Jim sofort um die Funktion einer Badewanne gewusst hatten, als sie in Franzis Stadtwohnung eingezogen waren, war gelöst.
Den Rest des Tages verbrachte Franzi mit Putzen und Einräumen. Sie hatte ihren Kombi dafür direkt vors Haus gefahren und in zweiter Reihe geparkt. Niemand störte sich daran, dass sie die Hälfte der Straße blockierte, während sie ihre Sachen zur Wunderkiste trug. Tatsächlich kamen nur wenige Autos vorbei; Westersum wirkte nach wie vor wie ausgestorben.
Franzi fütterte Janis und Jim mit ihrem Spezialfutter und gab der Katze mangels Alternative eine Scheibe Wurst aus ihrem Reiseproviant. Die Katze schien damit zufrieden und leckte sich das Mäulchen.
Nachdem sie alles ins Haus geräumt hatte und Leopold wieder auf einem legalen Parkplatz stand, fühlte Franzi sich hundemüde. Sie kramte Zahnbürste, Zahnpasta und Pyjama aus einer Sporttasche, machte sich in dem winzigen Bad bettfertig und schlurfte ins Schlafzimmer. Als das Licht aufflackerte, musste sie laut auflachen. Vom frisch bezogenen Bett aus – sie hatte ihr eigenes selbst gebatiktes Bettzeug mitgebracht – blinzelten Janis, Jim und die Katze ihr träge entgegen. Noch immer lachend, quetschte sie sich neben ihre protestierenden Hausgenossen. Angst vor Einsamkeit brauche ich jedenfalls nicht zu haben, dachte sie. Dann fiel ihr siedend heiß etwas ein. Schnell zog sie sich wieder an, eilte durch die menschenleere Straße zu Leopold und schnappte sich das Stoffeselchen, das während der ganzen Fahrt auf der Beifahrerablage gethront hatte. Liebevoll drückte sie es an sich. Ihre Großmutter hatte es ihr zur Einschulung genäht, und seitdem begleitete sie das mittlerweile stark abgewetzte Kuscheltier überallhin und wachte nachts über ihren Schlaf. Franzi hatte schon als Kind ihr Herz an Esel verloren. Abgesehen von ihrem hübschen Äußeren mochte sie ihre Bockigkeit. Vielleicht, weil sie selbst so gar nicht widerspenstig war.
Zurück im Schlafzimmer, stellte sie ihrem Kleintier-Zoo das Eselchen vor. »Wehe, ihr tut ihm etwas«, sagte sie. Die Tiere lauschten so aufmerksam, dass es Franzi ein wenig mulmig wurde. Als ob sie jedes Wort verstanden hätten. Schnell löschte sie das Licht und war Sekunden später eingeschlafen.
Der Tag war noch nicht richtig angebrochen, als Franzi am nächsten Morgen aufwachte. Sie reckte sich, knipste die Nachttischlampe an und fischte nach dem Wecker. Erstaunt stellte sie fest, dass es erst kurz vor sechs war, sie sich aber trotzdem frisch und unternehmungslustig fühlte. Seltsam. Vor acht Uhr morgens und drei Tassen Tee war sie normalerweise kaum ansprechbar. Sie machte das Licht wieder aus und kuschelte sich unter die Decke, aber der Schlaf wollte nicht mehr kommen. Dafür rangelten die Katze und die Enten um den Platz auf ihrem Bauch.
»Guten Morgen«, murmelte sie. »Habt ihr Hunger?« Seufzend schob sie Janis von ihrem Körper und schwang die Beine aus dem Bett. Dann würde der Tag heute eben früher beginnen. Es gab schließlich genug zu tun.
Wenig später saß sie mit einem frisch gebrühten grünen Tee in der Küche und genoss die zum Fenster hereinwehende kühle Luft, aus der sie einen Hauch von Salz herausschnuppern konnte. Das Meer war nur fünfzehn Kilometer entfernt. Weit im Osten färbte sich der Himmel rosa, durchsetzt von dunkelblauen Wolkenschlieren. Langsam wurde es heller, und die hoch am Himmel schwebenden Schäfchenwolken erstrahlten golden. Vor dem in allen Pastelltönen gestrichenen Himmel hob sich die Silhouette von Westersum ab: der gedrungene Kirchturm, die ineinandergeschachtelten Hausdächer und, ganz hinten am Ortsausgang, sogar Windmühlenflügel. Ein Vogelschwarm erhob sich und drehte eine Ehrenrunde über der kleinen Stadt, bevor es die Tiere nach Norden zur Küste zog.
Franzi atmete tief durch. Die ganze Szenerie war so friedlich, so idyllisch, dass es an Kitsch grenzte. Aber wer bestimmte eigentlich, was Kitsch war und was nicht? Und überhaupt, was war eigentlich so schlimm an Kitsch? Franzi schüttelte unbewusst den Kopf, ein Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht. Es war lange her, dass sie sich in ihrer Haut so wohlgefühlt hatte.
Helles Klappern zog ihre Aufmerksamkeit vom Himmel zur Erde hinunter. Ein Mann radelte durch die noch schlummernde Straße. In seinem Fahrradkorb lag eine prall gefüllte Papiertüte: Weggla! Franzi beugte sich aus dem Fenster. Ganz am Ende der Straße, auf der Seite, die sie noch nicht erkundet hatte, leuchtete es einladend. Das war sicherlich die Bäckerei. Wie auf Kommando meldete sich ihr Frühstückshunger. Schnell streifte sie eine Strickjacke über die Bluse und schlüpfte in ihre Sneakers. Mit der Katze im Kielwasser sprang sie die Treppe hinunter und folgte dem verheißungsvoll durch die Straße wabernden süß-warmen Duft von Gebäck und Brot. Drei Minuten später stand sie in einer kurzen Schlange vorm Bäckertresen.
»Sind Sie die neue Besitzerin von Gerlindes Haus?«
Franzi schaute überrascht auf, als sie den Namen ihrer Tante hörte. Sie hatte gar nicht bemerkt, dass sie an der Reihe war, zu tief war sie in die Betrachtung der Auslage versunken gewesen. Backwaren waren nicht gleich Backwaren; es gab eine Menge überaus lecker aussehende Stücke, die sie aus dem Süden nicht kannte. Andere wiederum fehlten. Köichla zum Beispiel.
»Ja …«, stotterte sie, »äh, grüß Gott.«
Die Frau hinterm Tresen musterte sie interessiert. Franzi hielt ihrem Blick stand. Die andere mochte Mitte fünfzig sein und hatte eine überaus sportliche Figur. Überhaupt wirkte sie sehr flott. Ein Namensschild wies sie als Frau Oltmanns aus, wobei Franzi sich fragte, wozu dieses Schild gut sein sollte. Mit Sicherheit kannte jedermann die Bäckerin. Und umgekehrt.
»Sie kommen aus Bayern«, stellte Frau Oltmanns fest. Franzi zuckte zusammen. War das jetzt gut oder schlecht?
»Eigentlich aus Franken«, antwortete sie. Sie bemerkte, dass die Menschen in der Schlange hinter ihr die Ohren spitzten. »Woran haben Sie gemerkt, dass ich zu Tante Gerlinde gehöre?«
»Bob«, sagte Frau Oltmanns.
»Bob?«
»Bob Dylan. Er steht direkt neben Ihnen und wartet darauf, dass etwas herunterfällt.«
Verwirrt drehte Franzi sich um. Der Mann hinter ihr wies nach unten. Die Katze blickte erwartungsvoll zu ihr hoch.
»Die Katze ist ein Kater?«, fragte Franzi. »Ich dachte, die Dreifarbigen sind grundsätzlich Katzen.«
Eine Frau weiter hinten in der Schlange meldete sich zu Wort: »Meistens sind es Katzen, hin und wieder gibt es jedoch ein Männchen. Bob ist ein Glückskater.«
»Wir haben ihn in den letzten Monaten durchgefüttert«, erklärte Frau Oltmanns, »er geht überall ein und aus.«
»Danke …« Franzi war um Worte verlegen. »Wie kann ich das wiedergutmachen?«
»Unsinn«, schnitt Frau Oltmanns ihr das Wort ab. »Sie wussten doch nichts von seiner Existenz. Übernehmen Sie ihn denn jetzt?«
Franzi nickte.
»Gut.« Sie hob die Stimme. »Alle mal herhören! Bob wird ab jetzt nur noch von Frau … Frau …«
»Wolff«, soufflierte Franzi. »Franziska Wolff.«
»Danke. Also, Bob wird nur noch von Frau Wolff gefüttert. Sonst verlieren wir den Überblick, und er wird fett.«
»Aye, Sir«, ertönte eine Stimme von hinten. Der Laden hatte sich mittlerweile gut gefüllt. Ein junger Mann lächelte Franzi aufmunternd zu, wohl der mit dem seemännischen Ausruf. Die anderen taxierten sie neugierig, mit ernsten, distanzierten Mienen. Franzi fühlte sich wie auf dem Präsentierteller. Daran würde sie sich wohl gewöhnen müssen; auch wenn sie sich Mühe gab, Hochdeutsch zu sprechen, verriet die fränkische Färbung ihrer Aussprache mit dem rollenden »R« sie sofort als Fremde. Sie lächelte in die Runde – ohne nennenswerten Effekt. Verunsichert wandte sie sich wieder zum Tresen.
»Nachdem das geklärt ist, sollte ich mich wohl endlich um mein Frühstück kümmern«, murmelte sie. »Ich nehme ein Weggla und ein Bambergerla.«
Frau Oltmanns sah etwas hilflos aus. »Unter Weggla kann ich mir gerade noch etwas vorstellen, aber was ist ein Bambergerla?«
Franzi zeigte auf das, was sie für ein Bambergerla hielt. »Ein Hörnchen?«, fragte sie kleinlaut.
»Ah! Sagen Sie es doch gleich!« Frau Oltmanns versenkte die Stücke in eine Tüte, nahm das Geld entgegen und verabschiedete sich mit einem Augenzwinkern. »Lassen Sie sich Ihr erstes Ostfriesen-Frühstück schmecken. Bis morgen.«
Franzi stand schon in der Tür, als ihr noch etwas einfiel. Sie ging zurück zum Tresen.
»Frau Oltmanns«, sagte sie und wies auf Bob. »Das ist also Bob Dylan. Gehe ich recht in der Annahme, dass ich mein Haus zusätzlich mit Janis Joplin und Jim Morrison teile?«
Die Bäckerin nickte lachend. »Gerlinde war eine ziemliche Marke«, sagte sie. »Als sie nach Westersum kam, war sie ein richtiger Hippie. Eigentlich ist sie das auch immer geblieben.«
Die Tante ein Hippie? Schau mal einer an, dachte Franzi. Als sie den Laden verlassen wollte, verstellte eine sauertöpfische, ziemlich hagere alte Dame ihr den Ausgang. »Noch ein Bazi«, zischte sie, als Franzi sich an ihr vorbeiquetschte. »Das hat uns gerade noch gefehlt.« Franzi starrte sie sprachlos an. Auch wenn die Bäckerin offensichtlich nichts gegen sie hatte, einfach würde es nicht werden, hier Fuß zu fassen.
Sie verspeiste ihr Frühstück in der Küche, in die jetzt die Morgensonne schien. Das vermeintliche Bambergerla schmeckte ganz anders als die Hörnchen zu Hause, war aber lecker. Im Handumdrehen hatte sie es verputzt und stand auf. Der Dämpfer, den die Sauertöpfische ihrer Laune verpasst hatte, war verflogen, und ihr Tatendrang vom frühen Morgen meldete sich zurück: Es wurde Zeit, sich das Haus gründlich anzusehen.
Am Vormittag ihres zweiten Tages in Westersum hatte Franzi alle Räume, den Garten und den Schuppen gründlich inspiziert. Den Laden hatte sie immer nur kurz betreten, weil sie angesichts des Durcheinanders jedes Mal zurückgeschreckt war. Nun aber musste sie sich endlich einen Überblick verschaffen. Entschlossen trat sie ein und verbrachte die nächsten zwei Stunden damit, das Chaos zu sichten. Knopfrollen lagen überall herum, wo sie nicht hingehörten, Stoffballen mit unmodernen Mustern stapelten sich unordentlich an den Wänden, die Displays mit den Reißverschlüssen und Garnen waren fast leer; viele Farben fehlten. Auch die Wollregale wirkten zerfleddert. Alles erschien ihr trostlos und abgenutzt. Tante Gerlinde hatte aufgrund ihrer Krankheit offensichtlich kaum noch Energie in das Geschäft gesteckt. Franzi schaute sich ratlos um. Es gab nichts, was Kunden zum Stöbern und Verweilen einlud. Wer sich in Gerlindes Wunderkiste verirrte, wusste wahrscheinlich ganz genau, was er brauchte, und ergriff danach eilends die Flucht.
Franzi strich über einen Regalboden. Staubflocken regneten herab. Hier musste dringend geputzt werden. Geputzt, aufgeräumt, gestrichen. Langsam schritt sie von Regal zu Regal, öffnete alle Schubladen, schaute in alle Schränke und Kisten. Den Laden wiederzubeleben war vermutlich möglich. Zusätzlich zu ihren eigenen Ersparnissen war von Tante Gerlindes Barschaft nach der Zahlung der Erbschaftssteuer noch genug übrig geblieben, um das Warensortiment ein wenig aufzupeppen und die dringendsten Renovierungsarbeiten vorzunehmen. Vorausgesetzt, sie machte alles selbst. Aber wollte sie das? Konnte sie es überhaupt? Sie war nicht ungeschickt, aber ihre Expertise beschränkte sich mehr auf Kunsthandwerk als auf handfeste Maler-, Tischler- und Maurerarbeiten. Hinzu kam, dass sie hier in Norddeutschland niemanden kannte, den sie um Hilfe bitten konnte. Sie stieß einen Seufzer aus. Es war ein schöner Traum, aber, wie so viele Träume, leider undurchführbar.
Es war Zeit, sich der Realität zu stellen. Mit dem Laden würde es nichts werden. Da wäre es schon besser, ihn aufzugeben und eine Physiotherapie-Praxis zu eröffnen. So etwas wurde überall gebraucht – vorausgesetzt, dass es in Westersum nicht schon eine Praxis gab. Was allerdings wahrscheinlich war.
Während sie noch grübelte, ertönte das über der Ladentür angebrachte Glöckchen. Franzi sah auf. Ein großer, schlanker Mann betrat den Laden und blieb dann stehen, darauf wartend, dass sich seine Augen an das schlechte Licht im Inneren gewöhnten. Er hatte Franzi noch nicht entdeckt, sodass sie ihn ausgiebig mustern konnte. Der Mann mochte um die vierzig sein, wirkte sportlich und trug einen gut sitzenden Anzug. Unter einem Arm klemmte eine seriös aussehende Ledertasche, die wahrscheinlich einen Laptop und Akten beherbergte. Ein dynamischer Geschäftsmann, der die Wunderkiste mit Sicherheit noch nie von innen gesehen hatte, sondern von seiner Frau dazu verdonnert worden war, auf dem Heimweg einen Reißverschluss in Dunkelblau von zwölf Zentimeter Länge zu besorgen.
Franzi trat auf ihn zu. »Kann ich Ihnen helfen?«
Der Mann zuckte kaum merklich zusammen, dann breitete sich ein einnehmendes Lächeln auf seinem Gesicht aus. Franzi fand ihn spontan sympathisch, trotz seines Geschäftsmann-Outfits. »Möglicherweise«, sagte er.
»Sehr gern. Welcher Bereich interessiert Sie denn? Wenn meine Menschenkenntnis mich nicht täuscht, haben Sie es nicht so mit der Nähmaschine. Lassen Sie mich raten, Sie –«
»Also, ich wollte eigentlich –«
»Nein, warten Sie!« Franzi unterbrach ihn mit einem mühsam unterdrückten Grinsen. Eigentlich war sie eher zurückhaltend, aber der schicke Mann wirkte in ihrer altbackenen Hausfrauenhöhle so fehl am Platz wie Fred Astaire auf einem Mittelalterfest. Sie musste ihn einfach ein wenig hochnehmen. »Ich hab’s: Sie sind ein Häkler. Topflappen? Wir führen Baumwollgarn in vielen schönen Farben und natürlich auch die passenden Häkelnadeln.«
Dem Mann verschlug es die Sprache. Verblüfft starrte er sie an. Franzi unterbrach ihren Redefluss und fühlte sich plötzlich albern und überaus unprofessionell. Wenn sie schon den ersten Kunden verprellte, dann sollte sie den Gedanken an einen eigenen Laden definitiv fallen lassen. »Entschuldigen Sie«, sagte sie zerknirscht. »Ich wollte mich nicht über Sie lustig machen. Es ist nur so« – sie zuckte hilflos die Achseln – »Sie sehen einfach nicht so aus wie jemand, der Kurzwaren kauft. Außer vielleicht einen Reißverschluss«, fügte sie hinzu.
Der Mann fing sich wieder, sein Lächeln kehrte zurück. »Es gibt keinen Grund für eine Entschuldigung«, sagte er aufgeräumt. »Sie haben tatsächlich ins Schwarze getroffen. Ich häkle leidenschaftlich gern. Als nächste Arbeit schwebt mir eine Spitzendecke in Fliedertönen vor. Haben Sie diese Farbe vorrätig?«
Jetzt fehlten Franzi die Worte. Verblüfft wandte sie sich zu dem geplünderten Wollregal um. Flieder? Der Mann häkelte violette Spitzendeckchen?
Ein glucksendes Geräusch ließ sie herumfahren. Der ungewöhnliche Kunde konnte nicht mehr an sich halten und lachte laut heraus. »Gleichstand«, sagte er und prustete erneut los. Franzi stimmte mit ein.
»Also ein Reißverschluss«, sagte sie, als sie sich beide wieder beruhigt hatten. »Welche Farbe und Länge?«
»Lila«, antwortete er, »und außerdem würde ich gern etwas mit Ihnen besprechen.« Er streckte ihr die Hand entgegen. »Sönke Lauberg.«
Überrumpelt ergriff Franzi sie. Er zuckte leicht. »Sie haben einen festen Händedruck.«
»Ich bin Physiotherapeutin und Osteopathin, und manchmal massiere ich auch. Dazu braucht man Kraft.«
»Interessant. Aber ich irre mich doch nicht – Sie sind die neue Besitzerin dieses Hauses, oder?«
Sie nickte. »Franziska Wolff«, stellte sie sich vor. »Gerlinde Oberlechners Großnichte.«
»Gut. Also, wie sieht es aus? Können Sie ein wenig Zeit für mich erübrigen? Oder wollen wir einen Termin ausmachen?«
»Worum geht es überhaupt?«
»Ich interessiere mich für Ihr Haus.« Er blickte sich um. »Wirklich gemütlich ist es hier nicht. Was halten Sie davon, wenn ich Sie in das Café am Marktplatz einlade und Ihnen meinen Vorschlag unterbreite? Es sind nur ein paar Schritte, und der Kuchen dort ist ausgezeichnet. Ich warte auch gern, bis der Andrang abgeklungen ist.«
»Andrang?« Franzi seufzte angesichts des leeren Ladens.
»Jetzt bitte ich um Entschuldigung, das war nicht nett.«
»Ach, Sie haben ja recht. Die Kundschaft steht sich nicht gerade gegenseitig auf den Füßen. Ein Stück Kuchen ist genau das, was ich jetzt brauche, außerdem wüsste ich gern, warum Sie sich für die Wunderkiste interessieren«, sagte Franzi und ging zur Ladentür.
Als sie nach draußen trat, blies ihr ein unerwartet heftiger Wind ins Gesicht. Die Sonne war hinter grauen Wolken verschwunden, es regnete leicht.
»Bitte warten Sie einen Moment.« Ohne Herrn Laubergs Antwort abzuwarten, durchquerte sie den Laden, stieß die Seitentür auf, die ihn mit der Diele vom Wohnungseingang verband, und hastete die Treppe hinauf.
»Was ist das?«, fragte Herr Lauberg stirnrunzelnd, als sie wieder herunterkam.
»Na, ein Schirm«, sagte sie, trat nach draußen und öffnete ihn. »Es regnet schließlich.«
Er sah sie befremdet an. »Das ist doch nur erhöhte Luftfeuchtigkeit. Aber kommen Sie.«
Das Café lag tatsächlich nur wenige Hundert Meter entfernt, aber der Weg dorthin führte Franzi mit nur drei Abbiegungen vom Rande der Altstadt zum Altstadtkern und in eine andere Welt. Je dichter sie zum Rathaus und der Kirche kamen, desto hübscher erstrahlten die Häuser in saniertem Glanz.
Viele der aus den roten Ziegeln gebauten Häuser waren mit üppig geschwungenen Barockgiebeln verziert; die Fensterrahmen leuchteten in strahlendem Weiß. Es gab Boutiquen, eine Buchhandlung und diverse Souvenirshops, die darauf schließen ließen, dass Westersum in den Sommermonaten ein beliebtes Ferienziel war. Franzi hätte gern einen genaueren Blick in die ansprechenden Schaufenster und Auslagen geworfen, aber der Kampf mit ihrem Schirm, der bei dem herrschenden Wind ein erstaunliches Temperament entwickelte, forderte den Großteil ihrer Aufmerksamkeit. Erleichtert faltete sie ihn zusammen, als Herr Lauberg zielstrebig auf ein weiß gestrichenes Haus am Marktplatz zustrebte: das Café Up’n Tass Tee, wie ein sorgfältig handgemaltes Schild verriet.
Herr Lauberg hielt Franzi höflich die Tür auf. Sie schüttelte ihren Schirm aus, suchte vergeblich einen Schirmständer und nahm ihn dann tropfend mit zum Tisch.
Neugierig sah sie sich um. Der niedrige Raum entsprach bis ins Detail der süddeutschen Vorstellung eines ostfriesischen Cafés: weißes Mobiliar, weiße Tischdecken mit blauer Stickerei, das Geschirr blau-weiß gemustert, dazu Holzmöwen und Salzstreuer in Leuchtturmform. Die Wände waren ebenfalls weiß getüncht, und vor den Butzenfenstern hingen adrett geraffte, hellblau-weiß gestreifte Gardinen. Franzi fand es überaus behaglich, eine Behaglichkeit, zu der der verführerische Kuchenduft noch beitrug.
Eine Kellnerin trat an ihren Tisch. Lauberg bestellte zweimal Ostfriesentee und Nusstorte, für die das Café berühmt war.
»Des is fei schee.«
»Wie bitte?«
»Es ist schön hier. Gemütlich«, erklärte Franzi. »So sagt man in Nürnberg.«
»Ah! Hätte ich mir gleich denken können.«
»Es wird noch echte Kommunikationsprobleme geben, schätze ich. Mein erstes Waterloo habe ich gestern erlebt, als ich in der Bäckerei nach einem Bambergerla fragte. Und Köichla scheinen hier leider unbekannt zu sein.«
»Davon habe ich tatsächlich noch nie gehört.«
»Dann vermute ich, dass ich auch keine Sauren Zipfel oder Schäuferla bekomme, oder?«, fragte Franzi schelmisch. Sie erkannte sich selbst kaum wieder. Flirtete sie etwa mit dem Mann?
»Ich kenne nur Nürnberger Rostbratwürstchen.« Der Schalk sprang aus seinen Augen, deren helles Blau in einem interessanten Kontrast zu den dunkelbraunen Haaren stand. Sie musste schon wieder lachen, und er stimmte ein.
»Das heißt Broudwerschd, und man bestellt drei im Weggla. Und Schäuferla – na, das ist Schweineschulter mit Kümmel und Biersoße, natürlich mit dem Schulterknochen noch daran, und dazu gibt’s Gniedla.«
»Gniedla?«
»Klöße.«
Ihr leichtes Geplänkel wurde von der Kellnerin unterbrochen, die Kuchen und Teekanne auf dem Tisch arrangierte. Franzi schenkte sich gerade ein, als Lauberg einen lauten Ruf ausstieß.
Erschrocken zuckte sie zurück; rötlicher Tee schwappte auf das weiße Tischtuch. »Habe ich etwas falsch gemacht?«
»Allerdings!« Bevor sie ihn daran hindern konnte, kippte Lauberg den Tee zurück in die Kanne, platzierte mit einer Zange zwei riesige Zuckerkristalle in ihre Tasse und schenkte erneut ein. »So geht das«, murmelte er und löffelte zu allem Überfluss auch noch Sahne dazu.
Franzi starrte entgeistert auf das aufsteigende Sahnewölkchen. »Ich mag keine gesüßten Getränke«, protestierte sie, »und Sahne im Tee schon gar nicht.«
»So gehört es sich aber.«
»Aber diese gigantischen Zuckerwürfel –«
»Das sind Kluntjes, keine Zuckerwürfel«, belehrte er sie, nahm die Tasse und hielt sie neben ihr Ohr. »Lauschen Sie mal.«
Franzi kam sich mit der Tasse am Ohr ziemlich blöd vor, aber dann hörte sie tatsächlich ein leises Knistern. Faszinierend. Sie nahm einen ersten Schluck.
»Allmächd, ist der stark!«
»So, wie er sein muss. Schmeckt er Ihnen?«
»Na ja.«
Herr Lauberg lachte. »Dann werden Sie wohl nach anderen Souvenirs Ausschau halten müssen, sobald Sie hier alles geregelt haben und nach Bayern zurückkehren.«
»Nach Franken, um genau zu sein«, korrigierte sie, »aber ich fahre nicht zurück.«
Lauberg zog erstaunt die Augenbrauen hoch. »Nicht?«
»Nein, ich habe dort alles aufgegeben. Der Umzugswagen kommt morgen Nachmittag. Ich bleibe.«
Lauberg setzte seine Tasse mit einem lauten Klirren auf der Untertasse ab. »Sie bleiben?«, fragte er ungläubig. Franzi war von der heftigen Reaktion überrascht, seine Enttäuschung stand ihm deutlich ins Gesicht geschrieben.
»Allerdings. Ich habe meine Zelte in Nürnberg abgebrochen, eine Rückfahrkarte besitze ich nicht«, antwortete sie leichthin, obwohl ihr die Zuversicht unter seinem abwägenden Blick gerade abhandenkam. Verunsichert runzelte sie die Stirn. »Spricht etwas dagegen?«
»Hm. Es ist jedenfalls ein mutiger Schritt. Ihnen als Bayerin, Entschuldigung, Fränkin, dürfte es schwerfallen, hier Fuß zu fassen. Sind Sie denn ganz sicher?«
»Was heißt sicher? Ich habe mich spontan entschieden, und nun werde ich sehen, was passiert. Einfach wird’s nicht, das ist mir klar, vor allem wegen des Hauses. Es ist nicht gerade im besten Zustand.«
»Das ist es allerdings nicht. Die Sanierung dürfte Unsummen verschlingen, ganz abgesehen von der Sicherheit. Das Dach sackt ja schon durch.«
»Sicherheit?«, fragte Franzi alarmiert. »Meinen Sie etwa, das Dach kann über mir zusammenkrachen?«
»So schlimm wird es wohl nicht sein, aber …« Der Satz blieb unvollendet und unheilschwanger im Raum stehen.
Franzi rutschte das Herz in die Hose. Unsummen? Kaputtes Dach? Das hörte sich nicht gut an. Gar nicht gut.
Doch plötzlich regte sich Misstrauen in ihr. »Woher wissen Sie das eigentlich? Und überhaupt, woher wussten Sie, dass ich in Westersum bin? Ich bin vor kaum zweiundsiebzig Stunden angekommen.«
»Ich hatte keine Ahnung. Aber da ich ohnehin in Westersum zu tun hatte, habe ich auf gut Glück nachgesehen, ob jemand zu Hause ist. Irgendwann musste der neue Besitzer ja kommen.« Er lächelte entschuldigend. »Ich glaube, ich sollte endlich die Karten auf den Tisch legen«, sagte er dann. »Ich weiß vom Zustand Ihres Hauses, weil ich daran interessiert bin, es zu kaufen. Die Firma, für die ich arbeite, ist auf die Sanierung alter Häuser spezialisiert. Wenn es wieder in Schuss ist, wird es zum Verkauf angeboten.«
»Das hört sich nach einer guten Investition an«, sagte Franzi schnippisch. »Bringt bestimmt eine hohe Rendite.«
Lauberg nickte.
»Und was hindert mich dann daran, Ihr Geschäftsmodell zu übernehmen?«
Lauberg hob beschwichtigend die Hände. »Ich will Ihnen nicht zu nahe treten, aber« – er zögerte kurz – »ich vermute, dass Ihnen dazu die Mittel fehlen.«
Franzi winkte versöhnlich ab. »Es geht Sie zwar nichts an, aber Ihre Annahme kommt der Wahrheit recht nahe. Ich verfüge nur über begrenzte Mittel, eine Dachreparatur käme mir mehr als ungelegen.« Sie unterbrach sich, weil ihr ein anderer Gedanke durch den Kopf schoss. »Warum haben Sie das Angebot eigentlich nicht meiner Tante unterbreitet?«
»Das habe ich getan, aber sie wollte nicht verkaufen, wofür ich natürlich Verständnis hatte. Ihre Tante hat mehr als ihr halbes Leben in dem Haus gelebt und hing sehr daran. Ehrlich gesagt hatte ich gehofft, dass ihr Erbe beziehungsweise ihre Erbin nicht diese emotionale Bindung verspürt und das Haus als das sieht, was es ist: charmant, alt und sehr pflegeintensiv. Um es auf den Punkt zu bringen: Da müssen Profis ran.«
Franzi wurde erneut bang zumute. Zwar hatte die erste Sichtung des Hauses ihr klargemacht, dass viel zu tun sein würde, aber Laubergs Einschätzung machte jede Hoffnung zunichte, dass sie es allein schaffen könnte. Sie dachte an das Hochgefühl, mit dem sie vor wenigen Tagen in Nürnberg aufgebrochen war, voller Freude auf einen Neuanfang. Und jetzt das. Unwillkürlich stieß sie einen tiefen Seufzer aus.
Lauberg hatte ihn gehört. Er räusperte sich. »Wie gesagt, das Kaufangebot steht«, sagte er leise.
»Und wie viel wären Sie bereit zu zahlen?«
Er machte ein feierliches Gesicht. »140000 Euro.«
Franzi liebt Farbe, sie hat sogar alte weiße Bettwäsche mit Abbindebatik bunt gefärbt. Wie modern das aussehen kann, beweisen die Kissenhüllen, für die es hinten im Buch eine Anleitung gibt. Die beschriebene Abbindetechnik lässt sich natürlich auch für Bettwäsche, Tischdecken und vieles mehr anwenden.
So viel Geld! Seit Stunden wälzte Franzi sich schlaflos im Bett, sehr zum Unmut der Enten, die sich beleidigt aus dem Schlafzimmer zurückgezogen hatten. Laubergs Angebot ging ihr nicht aus dem Kopf, die Summe lag weit über dem Verkehrswert des Hauses, den sie wegen der Erbschaftssteuer kannte. Klar, in Nürnberg hätte man dafür kaum eine Einzimmerwohnung am Stadtrand kaufen können, aber Westersum war plattes Land, und die Firma, für die Lauberg arbeitete, würde eine Menge investieren müssen, bevor sie das Haus weiterverkaufen konnte. Sie trug ein enormes Risiko, aber das war nun wirklich nicht ihr, Franzis, Problem. Eine Baufirma war nicht die Heilsarmee; die Verantwortlichen würden sich schon genau ausgerechnet haben, was es ihnen brachte.
Sie befand sich in einem Dilemma. Franzi mochte die Wunderkiste mit all ihren Mängeln und erkannte das dem Haus innewohnende Potenzial. Nichtsdestotrotz hatte sie in kürzester Zeit feststellen müssen, dass sie sich mit dem Projekt höchstwahrscheinlich übernehmen würde. Ein Scheitern war vorprogrammiert, denn ihr fehlten ausreichende finanzielle Mittel, um auch wirklich große Reparaturen stemmen zu können, ihr fehlten zudem spezielles handwerkliches Können und ein stabiles Freundesnetz vor Ort. Wie sie es auch drehte und wendete, es war vernünftig, das Haus zu verkaufen und mit dem Geld ein etwas weniger ambitioniertes Projekt in Angriff zu nehmen, eines, mit dem sie sich auskannte. Eine eigene kleine Physiotherapie-Praxis in einem pflegeleichten Neubau zum Beispiel. Ob in Westersum, Nürnberg oder Taka-Tuka-Land – Rückenschmerzen plagten die Menschheit überall. Vielleicht hatte sie Margrets Angebot voreilig abgelehnt, aber das war nun nicht mehr zu ändern.
Und doch ging es ihr nicht gut mit der Entscheidung. Sie war nie eine Kämpfernatur gewesen, aber diesmal war sie kurz davor, ihren persönlichen Negativrekord aufzustellen: Sie gab auf, bevor sie überhaupt angefangen hatte. Ihre Freunde und die Familie würden sie wahrscheinlich zu dem Entschluss beglückwünschen und mit Freuden wieder in Nürnberg willkommen heißen; außer Tanja hatte ohnehin niemand das Ostfriesland-Abenteuer für eine gute Idee gehalten. Trotzdem war es eine fürchterliche Niederlage.
Während sie ins Dunkel starrte, kehrten die Bilder aus der Kindheit zurück, Bilder vom Zauberladen. Franzi hatte ein schlechtes Gewissen ihrer Tante gegenüber. Bestimmt hatte sie der Großnichte das Haus in der Hoffnung vermacht, dass sie den Laden weiterführte, und nun erwies sie sich dieses Erbes als nicht würdig.
