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Bei einem Golf-Schnupperkurs entdecken einige der Teilnehmerinnen, dass sie auf denselben Charmeur hereingefallen sind. Kurze Zeit später wird das Team um Kommissar Stein in die Nähe des Rhein-Centers in Köln-Welden gerufen. Nicht nur der Fundort der männlichen Leiche gibt Rätsel auf, auch der blaue Frosch im Mund des Toten. In mühsamer Kleinarbeit ermittelt das Team unter Mithilfe des schwedischen EU-Austauschpolizisten Alf-Göran Nisser eine lange Liste von betrogenen Frauen, die zu dem Opfer Kontakt hatten. Nur welche der Frauen ist tatsächlich eine Mörderin?
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Seitenzahl: 316
Veröffentlichungsjahr: 2013
KOMMISSAR STEIN UND DER
BLAUE FROSCH
VON PETER WOLFGANG KLOSE
Ein Krimi aus dem Umfeld von Köln
Copyright © 2007 by Peter-Wolfgang Klose, Köln
Herstellung:
PublikationsService® – Produktion & Verlag
Armin Zupan, München
www.publikations-service.de
Dieses Buch wurde auf chlor- und säurefreiem
Papier gedruckt
Printed in Germany
ISBN: 978-3-936904-74-1
Alle Personen und Geschehnisse dieses Romans
sind frei erfunden. Ähnlichkeit mit lebenden Personen und
tatsächlichen Geschehnissen wären rein zufällig.
Die Unternehmen, Namen und Daten in den hierin befindlichen Beispielen sind
frei erfunden,
soweit dies nicht anders angegeben ist oder der besseren Orientierung gilt.
Meinem Bruder Christian F.M. gewidmet
Wo immer sie auch war, sie war nicht dort, wo sie liegen sollte. Armin Stein kratzte sich am Kopf und schaute sich noch einmal im ganzen Büro um.
“Wer hat meine Jupitersinfonie verlegt?“, brüllte Armin durch den Flur.
Roman zuckte mit den Schultern und schaute intensiv in seinen Computer, um Armins schlechter Stimmung zu entgehen. Die CD war nicht auffindbar und dann war da auch noch der Anruf seiner älteren Schwester, mit der er sonst kaum Kontakt hatte. Er war schlecht gelaunt. Es kam selten vor, aber heute war so ein Tag. Diese CD mit dem alten Mozart. Auf der Vorderseite schon leicht zerkratzt.
Roman Forisch war der Assistent von Kriminalhauptkommissar Armin Stein, dem Leiter der Soko in Köln, die immer dann ran musste, wenn es einen Fall gab, der die Stadtgrenzen von Köln überschritt und in die Nachbarkreise wirkte. Roman hatte sich vor einiger Zeit geoutet, wirkte aber nicht schwul. Aber eben diese Tatsache half ihm in der Szene zu ermitteln und das Vertrauen der Männer zu erhalten. Außerdem war er damit nicht mehr erpressbar. Armin hatte damit auch kein Problem. Aber das Fehlen der Jupitersinfonie, das war ein Problem.
Seinen Neffen hatte Armin Stein schon lange nicht mehr gesehen. Wohl hatte er öfters mit ihm telefoniert, aber zu Besuch war er schon eine ganze Weile nicht mehr bei seiner älteren Schwester gewesen.
Armin kam mit seinem Schwager nicht zurecht, der ihm immer vorhielt, nur Polizist zu sein. Warum er das machte, wusste Armin auch nicht, denn sein Schwager war selbst Beamter, beim Finanzamt in Konstanz am Bodensee, wie er immer betonte.
Doch jetzt war es so weit. Bruno war sechzehn Jahre alt und wollte unbedingt seinen Onkel in Köln besuchen. Köln war ja auch etwas anderes als Dingelsdorf am Bodensee. Der Ort lag romantisch zwischen Litzelstetten und Wallhausen. Sicher war es dort landschaftlich schöner, aber für einen sechzehn Lenze zählenden Jungen gab es dort nicht gerade „high life“. Also hatte er so lange mit Armin am Telefon verhandelt, bis er in den Osterferien für zwei Wochen zu Besuch kommen durfte.
Was sollte Armin auch machen, schließlich war er nicht nur der Onkel, sondern obendrein auch noch der Patenonkel. Sein schlechtes Gewissen hatte ihn genötigt, seine Zustimmung dann doch dazu geben.
Glücklicherweise hatte er im Augenblick keinen neuen Fall und arbeitete ein paar alte Akten durch, die ihm keine Ruhe ließen. Armin mochte keine Fälle, die unaufgeklärt waren.
Armins Haus, es war eines der Reiheneckhäuser zwischen Nordring und Randkanal in Pulheim, ließ den Besuch auch zu, ohne dass sich die beiden in die Quere kamen und mit sechzehn Jahren war der junge Mann auch alt genug, um sich selbst zu beschäftigen. Sein Schlafzimmer war Armin heilig, deshalb hatte er ein aufblasbares Bett gekauft, welches mit Hilfe eines Motors innerhalb weniger Minuten bereit war, dem Jungen eine gemütliche Schlafstatt zu bieten. Damit konnte er im Musikzimmer gut nächtigen. Angeblich sollte man mit dem gleichen Motor das Bett auch wieder leer saugen können, um es dann in einem Beutel irgendwo verstauen zu können. Dieses Bett wollte er in seinem Musikzimmer aufstellen, damit das Wohnzimmer auch weiterhin ein Wohnzimmer blieb. In dieses Zimmer zog sich Armin immer zurück, wenn er auf seiner Luxusanlage Mozart und andere Klassiker hörte. Armin war richtig glücklich, dass er eine Decke und ein Kopfkissen gerade im Angebot seines Supermarktes gefunden hatte, denn so blieben die Ausgaben im annehmbaren Bereich. Das Bett wollte er später dann in das Büro mitnehmen, falls er mal nicht nach Hause kam, oder sich einfach einmal hinlegen wollte.
Zusammen mit seinem Freund und Assistenten Roman Forisch wollte er einen Plan erstellen, was er mit dem Jungen alles anfangen konnte. Seine Überstunden würden ihm genug Zeit geben, ohne dass er Urlaub würde nehmen müssen. Auch Roman hatte sich angeboten, hin und wieder für den Jungen da zu sein.
Armin war froh über diesen Vorschlag, denn Roman war im Alter seinem Neffen wesentlich näher als er selbst.
Nach einem skeptischen Blick in seine wenigen, aber dafür praktischen Vorräte ging er auch noch einkaufen.
Roman ging mit und suchte allerhand Dinge aus, die er selbst nie gekauft hätte. Wenigstens für die ersten zwei Tage wollte Armin gerüstet sein. Sie gingen zusammen in einen Supermarkt, um genug Vorräte zu besorgen.
„Was hältst Du von Spaghetti? Oder Ravioli, das mögen alle Jungen. Oder sollen wir lieber was Tiefgefrorenes kaufen? Pizza oder so. Mensch, Roman, du bist doch jünger als ich!“ Armin war verzweifelt. Er hatte Orangenmarmelade, Cornflakes, Schokoladencreme und Butter gekauft. Beim Brot hatte ihm Roman eines aus Vollkorn in den Wagen gelegt.
„Geh doch einfach heute mit ihm in ’ne Pizzeria oder zum Chinesen. Dann kannst Du morgen einkaufen. Für das Frühstück reicht es. Hast Du Tee? Die Jungen trinken heute lieber Tee als Kaffee.“ Roman nahm Frühstückstee und einen Früchtetee.
„Sag mal, was weißt Du eigentlich von deinem Neffen?“, fragte er, während er Kiwis im Wagen legte ablegte.
„So gut wie nichts. Ich weiß nur von meiner Schwester, dass er derzeit in einer etwas schwierigen Phase sei. Aber das kann auch an meinem Schwager liegen, der ist in seiner Erziehung noch Jahrzehnte zurück.“ Armin verdrehte die Augen, als er an seinen Schwager dachte.
„Wann hast Du ihn denn zuletzt gesehen?“ Roman stellte ein Sixpack Kölsch in den Einkaufswagen.
„Ich hab schon nachgedacht, das ist gut fünf Jahre her, da war er also elf und ein netter, kleiner, blonder Junge mit etwas abstehenden Ohren. Wozu das Kölsch?“
„Der Junge mag es vielleicht. Er ist immerhin sechzehn.“ Zum Trost für Armin legte er noch zwei Flaschen Orangensaft dazu. Roman hielt Armin manchmal doch für etwas antiquiert, obgleich er es nun wirklich nicht war. Vielleicht bei der Musik, sonst aber nicht.
In Armins Brusttasche summte es. Sein Handy war lautlos gestellt und er hatte nur die Vibration aktiviert. Immer noch bekam er einen Schreck, wenn das Gerät vibrierte. Armin hatte immer das Gefühl, dass er einen leichten elektrischen Schlag bekam. Er mochte diese Handys nicht.
„Hi, Onkel Armin, Bruno hier. Ich komme heute um 16.05 Uhr in Köln am Hauptbahnhof an. Kannst Du mich abholen?“ Die Stimme klang tief und etwas rau, genau wie bei seinem Vater, dachte sich Armin.
„Klar doch, ich hole dich unten in der Halle an der Auskunft ab. Ist das O.K.? Ich sehe zu, dass ich pünktlich bin.“
„Jau, ich freu mich auf Dich, ach ja, noch schöne Grüße von Mama und Paps.“ Bruno legte auf, ohne eine Antwort seines Onkels abzuwarten.
„Grüß zurück, bis nachher.“ Armin atmete tief durch.
„Jetzt wird es ernst, Roman. Ich bin es doch gar nicht mehr gewohnt, jemanden in meiner Wohnung zu haben.“ Sie standen an der Kasse und Roman legte die Teile auf das Band.
„Mir geht es da anders.“ Roman grinste breit und zeigte seine tadellosen Zähne. „Etwas zum Essen hast Du, ein Bett ist da, lass uns im Internet nachsehen, was heute in Köln los ist. Oder geh mit ihm ins Früh, da kann er gleich richtig Köln schnuppern.“ Armin bezahlte und sie gingen mit den Waren in Richtung Auto. „Keine schlechte Idee.“
Auf der Rückfahrt machte Roman noch einige Vorschläge, was man alles in Köln anstellen konnte, doch Armin wollte gar nicht alles hören. Er war in Gedanken bei all den Dingen, die sein wohlgeordnetes Leben wohl durcheinander bringen würden.
Armin wollte gerade das Büro verlassen, um seinen Neffen abzuholen, als das Handy wieder einmal vibrierte.
„Hier ist Euer Quälgeist vom Dienst, Schartmeyer. Ihr habt einen neuen Fall. In der Bunzlauer Straße gibt’s einen Toten im Müllcontainer eines Hochhauses. Die Spurensicherung habe ich schon benachrichtigt. Der Chef will, dass Ihr den Fall übernehmt. Viel Spaß mit dem Müllmenschen. Daten gehen gerade als Mail an Euch durch.“ Der Einsatzleiter wollte gerade auflegen, als Armin seinen Einwand noch vorbringen konnte.
„Aber ich muss gleich weg, jemandem vom Bahnhof abholen“, warf er ein.
„Der wird wohl warten müssen, oder die Bahn hierher nehmen und hier warten. Der Chef hat darauf bestanden, dass ihr den Fall übernehmt. Er hat auch einen neuen EU-Geförderten für Euch. Einen Schweden. Der Herr Präsident kommt gleich zu Euch und bringt ihn. Viel Spaß.“ Dann legte er auf.
„Roman, so ein Mist, muss ausgerechnet jetzt was Neues anliegen? Wie krieg ich denn jetzt den Bruno?“ Armin stand der Schweiß auf der Stirn.
„Lass mal, ich schicke ne nette Kollegin hin, die holt ihn ab und bringt ihn her. Der Junge weiß doch, was Du machst, also wird er das schon verstehen.“
„Ist trotzdem doof. Na ja, ich ruf ihn an.“
Armin wählte die Nummer, die ihm sein Neffe per SMS geschickt hatte. Es meldete sich der Anrufbeantworter. „Hi, hier ist der Toaster von Bruno. Meine Box hat Urlaub. Quatsch trotzdem drauf – ich toaste es weiter.“
Armin sprach nicht, sondern legte gleich wieder auf.
„Der ist anscheinend in einem Funkloch. Ich spreche ihm doch besser eine Nachricht auf Band.“
Er wählte erneut.
„Hallo Bruno. Ich muss leider noch schnell zu einem Fall. Ich beeile mich aber. Eine Kollegin holt dich ab und bringt dich hier in mein Büro im Präsidium. Wir gehen hinterher in die Stadt essen. Ich freu mich auf Dich. Bis nachher. Onkel Armin.“ Armin legte wieder auf.
Er war eigentlich sogar froh, dass sein Neffe nicht am Apparat war, so brauchte er nichts zu begründen.
„Roman, hol den Wagen. Du Darfst auch fahren. Ich ärger mich zu sehr. Außerdem kennst Du dich besser in Köln aus. Wo ist denn die Bunzlauer Straße eigentlich?“ Armin griff zu seiner Jacke und zog sie sich an.
„Hab schon nachgesehen, die ist in Weiden. Aber wir müssen noch auf den Chef und den Neuen warten. Hier ist die Mail.“
Im gleichen Augenblick ging die Bürotür auf und der Polizeichef trat zusammen mit einem jungen Mann ein.
„Hallo, Herr Stein, Hallo, Herr Forisch. Ich bringe ihnen hier Herrn Nisser aus Schweden. Herr Nisser ist Ihr neuer Mitarbeiter für die nächsten sechs Monate. Wie ich gehört habe, gibt es auch einen neuen Fall. Na dann viel Erfolg dabei. Hier ist auch Ihr Ausweis der deutschen Polizei. Wo hab ich den denn? Ach ja, den habe ich Ihnen ja schon gegeben. Herr Stein ist ein ausgezeichneter Kollege. Sie werden sich sicher wohl fühlen. So und jetzt ran an den Fall, Verbrecher warten nicht!“
Mit einem freundlichen Lächeln drehte er sich um und überließ den jungen Mann seinen beiden neuen Kollegen.
„Na gut, dann stelle ich mich erst einmal vor.“ Er sprach ein fast reines Hochdeutsch. „Ich bin der Alf-Göran Nisser aus Gagnef-Djuras in Mittelschweden. Da, wo die roten Häuser aus Holz sind und die Elche rumlaufen. Ich habe meine Ausbildung in Schweden gemacht und habe mich auf diese Stelle hier beworben, weil ich deutsche Verwandte habe. Ich bin übrigens 27 Jahre alt, verheiratet und habe zwei Jungen. Pontus und Sven. Hier ist auch mein Dienstausweis. Den habe ich eben von unserem Chef bekommen.“
Alf-Göran streckte Armin und Roman die Hand entgegen. Er sah so aus, wie man sich einen Schweden vorstellte. Groß, blond und irgendwie gesund. Knäckebrotgesundheit mit Buttermilch und Blaubeeren, schoss es Roman durch den Kopf. Ansonsten wirkte er eher gemütlich als sportlich.
Gemeinsam gingen sie in die Garage und fuhren durch die Stadt nach Weiden. Auf dem Weg erklärte Roman dem Gast aus Schweden ein wenig die Stadt, während Armin immer wieder nervös auf die Uhr sah. Hinter dem Rhein-Center in Köln-Weiden bogen sie in Richtung Bunzlauer Straße ab. An der nächsten Ampel folgten sie der Straße nach links und sahen schon das Blaulicht einiger Polizeifahrzeuge.
Roman hielt vor dem letzten Fahrzeug an und alle drei Kollegen stiegen aus.
„Stein von der Soko und meine Kollegen Forisch und Nisser“, sagte Armin zu einem Streifenbeamten und ging in den abgesperrten Eingangsbereich einer Tiefgarage. Der Raum war hell erleuchtet und im hinteren Teil waren die Beamten der Spurensicherung beschäftigt.
„Hallo, Armin, hier bitte“, sagte eine Stimme, die Stein als die der Rechtsmedizinerin Frau Dr. Elisabeth Kirchner identifizierte.
„Hallo, Frau Dr. Kirchner, was haben wir denn da?“
Armin hatte den Toten noch nicht entdeckt, konnte aber schon ahnen, wo er sich befinden würde. Denn neben Frau Dr. Kirchner standen noch andere Mitarbeiter der Spurensicherung um einen Müllcontainer herum. Als er sich der Gruppe näherte, machten ihm zwei Beamte Platz, damit er hineinsehen konnte. Auf einer Decke lag ordentlich ein Mann, um die fünfzig Jahre alt, gut gekleidet in eben diesem Container. Das Merkwürdige aber war an ihm eine kleine Keramikfigur, die er im offenen Mund hatte, und die ihm ein etwas kurioses Aussehen gab. Es war die Figur eines blauen Froschs.
„Schon herausgefunden, wie er umgekommen ist?“, fragte Armin vorsichtig bei der Rechtsmedizinerin nach.
„Nein, auf den ersten Blick kann man nichts sehen, dazu müssen wir ihn erst herausnehmen, aber von hier aus ist nichts erkennbar. Wenn die Kollegen alles fotografiert haben und die Spuren gesichert sind, heben wir den Mann heraus. Einverstanden?“ Die Rechtsmedizinerin schaute sich den Mann im Container von oben herab an.
Armin winkte Roman und Alf-Göran heran und alle drei betrachteten sich ebenfalls den Mann in seinem Bett aus Müll. Jeder von einer anderen Seite.
„Sieht so aus, als wäre er hier abgelegt worden. So, als ob er sich selbst in den Container gelegt hätte, sieht es jedenfalls nicht aus. Also meine Herren, wenn Sie wollen, heben Sie den Mann bitte aus dem Container. Aber mit Vorsicht bitte, damit keine Spuren verwischt werden.“ Armin hatte die Rolle des Chefs übernommen. Der Leiter der Spurensicherung war im Augenblick nicht zu sehen.
Die Männer der Spurensicherung schauten Armin an, als wären sie erst neu dabei. Eigentlich wollten sie lieber auf ihren Chef warten, aber da alle Respekt vor Armin hatten, traute sich niemand zu widersprechen.
Mit geübten Griffen hoben sie den leblosen Körper aus dem Müllcontainer und legten ihn auf eine Plastikfolie, die neben dem Container lag. Diese Folie hatten die Männer der Spurensicherung vorher auf dem Boden sorgfältig ausgebreitet. Vorsichtig drehten sie den Mann herum. Auch auf dem Rücken war keine Verletzung zu erkennen. Jedenfalls nicht auf den ersten Blick. Als sie den Mann wieder auf den Rücken legten, fiel der Keramikfrosch auf den Boden. Der Mund des Mannes blieb weit offen stehen. Es sah aus, als ob er einen stummen Schrei ausstieße.
„Wer kommt auf die Idee, einem Toten einen blauen Keramikfrosch in den Mund zu stecken? Und was soll das bedeuten?“, fragte Roman und blickte seinen Chef an.
„Das weiß ich auch noch nicht, aber eines weiß ich, jetzt gerade kommt mein Neffe am Bahnhof an.“ Armin war die Verärgerung anzusehen. Hätte der Tote nicht damit warten können, gefunden zu werden, bis er seinen Neffen vom Bahnhof abgeholt hatte?
„Oh, Mist, ich habe vergessen die Kollegin zu informieren“, sagte Roman. „Wir müssen Deinen Neffen anrufen. Ich glaube, wir können hier nicht mehr viel machen. Den Rest muss die Spusi erledigen. Wir stören hier nur noch. Armin, ich fahr Euch zum Bahnhof, Du holst Deinen Neffen ab und ich mache mit Alf-Göran einen Abend in Köln. Wo wohnst Du eigentlich?“
„Noch im Hotel, aber ich habe einen Onkel und einen Vetter hier wohnen. Die haben mir angeboten, bei ihnen zu bleiben. Sie wohnen nicht weit von hier auf dem Frechener Weg. Ich kann praktisch zu Fuß von hier aus dort hingehen. Ich war gestern nämlich schon mal in diesem Einkaufcenter hier. Fahrt Ihr mal schnell zum Bahnhof.“
„Gut, dann sehen wir uns morgen früh um 09.00 Uhr im Büro.“ Armin wusste, dass er jetzt nicht viel machen konnte. Bis morgen.“ Roman ging mit Armin zum Wagen und fuhr schneller als erlaubt zum Bahnhof.
Eigentlich mochte Chantal keinen Eierlikör, aber sie hatte nun einmal zugesagt und dann wollte sie auch nicht vor den anderen als Spielverderberin dastehen. Chantal Goldman-Romanowa war als junge Goldschmiedin in der Branche positiv aufgefallen und galt als sehr begabt. Sie hatte das gewagt, was viele junge Frauen in ihrem Alter sich nie erträumt hätten. Sie hatte sich nach ihrer Ausbildung gleich an den Meisterkurs gewagt und nach bestandener Prüfung direkt selbstständig gemacht. Ihr Juweliergeschäft lief ausgezeichnet, denn sie hatte einen wirklich extrem guten Geschmack. Eine solide Mischung aus altem Stil und neuem Pfiff machten ihren Schmuck bald schon zum Muss nicht nur in der Kölner Gesellschaft.
Heute war sie mit einigen anderen Bekannten eingeladen. Sie wollten sich noch einmal treffen, um alles durchzusprechen. Und da gab es eben Eierlikör, wie immer, wenn die Frauen privat zusammenkamen. Denn ansonsten ging man gewöhnlich ins ‚La Barra’ am Barbarossaplatz in Köln Cava trinken, den guten spanischen Sekt, den sie alle so mochten. Chantal hatte die anderen Frauen bei einem exklusiven Golfschnupperkurs kennen gelernt. Sie hatten sich auf Anhieb alle richtig gut verstanden. Obgleich sie alle ganz andere Interessen und Berufe hatten, hatte man sich bei diesem Schnupperkurs unter der Leitung eines jungen, attraktiven, sonnengebräunten Golflehrers schnell zusammengefunden und hinterher war man im Golfclub zu einem Glas Champagner oder dem einen oder anderen Cocktail zusammengekommen.
Winfriede Holthausen war eine sehr erfolgreiche Immobilienmaklerin, doch leider schon früh verwitwet. Sie brauchte einen Ausgleich und hatte sich deshalb zu diesem Golfschnupperkurs angemeldet. Freunde hatten ihr diesen Sport empfohlen, bei dem sie sicher auch gute Geschäfte machen würde. Und vielleicht lief ja auch ein attraktiver Witwer oder älterer Herr dort herum, der, wie sie, auch ein wenig Zerstreuung suchte.
Die dritte Frau war Mareen R. Al Kantaury, die von ihrem Mann ein Vermögen geerbt hatte. Dieser Mann war Ölhändler gewesen und hatte sein Geld gut angelegt, nicht nur in Öl. Leider hatte er sich seinerzeit an einem winzig kleinen Hühnerknochen verschluckt und war daran erstickt. Der Wert des Knochens war unbedeutend, der des Erbes eher nicht. Mareen trauerte dem Verblichenen zwar wirklich nach, freute sich aber umso mehr über das Vermögen, welches sie selbst bei gutem Willen nicht aufbrauchen konnte.
Die Vierte im Quintett der Frauen war Patricia von Finkenstein, die in der vierten Generation in der Bank des Schwiegervaters arbeitete. Als Schwiegertochter des Inhabers und Frau des einzigen Sohns war sie selbstverständlich mit am Gewinn beteiligt, den die Bank abwarf. Und sie warf reichlich ab. Dass sie noch nicht von ihrem Mann geschieden war, lag daran, dass ihr Mann keinen Ehevertrag mit ihr gemacht hatte und man dem Vater lieber ein Ehepaar vorspielte, als dass man sich scheiden ließ. Fassade bewahren war das Motto.
Last but not least vervollständigte Hermine Flock die Gruppe. Sie war approbierte Apothekerin und leitete eine der wirklich großen Apotheken in der Stadt, während ihr Bruder die zwei anderen Apotheken managte, welche die Eltern ihnen hinterlassen hatten.
Und eben diese Frauen hatten sich bei dem Golfschnupperkurs kennen gelernt und mochten sich auch. Eines hatten die Frauen aber doch gemeinsam. Sie waren allein stehend und tranken gerne Cava beim schönen Olaf.
Hermine kannte Mareen schon seit mindestens zehn Jahren. Damals war sie Dauerkundin in ihrer Apotheke. Sie kaufte keine Medikamente, sondern extrem teure Schönheitsmittel und schon alleine deshalb mochte Hermine sie. Später kam dann Chantal hinzu. Mareen hatte Hermine zu einer kleinen Party mitgenommen, auf der Chantal ihre neuen Schmuckstücke vorgestellt hatte. Die anderen Frauen waren dann beim Golfschnupperkurs zu ihnen gestoßen.
Angefangen hatte alles mit dem Champagner nach dem Kurs und später hatte man sich auch am Abend getroffen. Zuletzt ging man immer ins ‚La Barra’ am Barbarossaplatz. Der Cava, ein spanischer Sekt, schmeckte den Damen, denn trotz des Geldes fanden sie es auch schick, für eine Flasche Cava unter zehn Euro zu bezahlen. Zwei Flaschen davon und die Damen hatten ihren Spaß. Vor zwei Wochen waren sie dann das erste Mal zu Patricia gegangen. Ihr Haus in der Frankenstraße in Junkersdorf war eigentlich viel zu groß für eine einzelne Frau. Aber eine fleißige Haushaltshilfe hielt den Haushalt in Ordnung und sorgte auch dafür, dass der Kühlschrank immer richtig gefüllt war und am Abend ein gutes Essen auf dem Tisch stand. Wenn Patricia schon mal Besuch hatte, blieb sie auch da und servierte. Je nach Wichtigkeit der Gäste. Dafür wurde sie gut entlohnt, bekam Urlaubsgeld und zu Weihnachten immer einen gut gefüllten Umschlag und einen Gutschein für einen Einkauf bei Sauer. Dort bekam man beste Mode verkauft. Man konnte fast sagen: Dort wurde einem Geschmack verkauft.
Patricia hatte ihre Bekannten heute zu einem kleinen Abendessen eingeladen und alle Damen hatten zugesagt. Da sie wussten, dass Patricia Geburtstag hatte, brachten alle ein kleines Geschenk mit. Zu ihrer aller Überraschung hatte Chantal aber noch ein weiteres Päckchen bei sich. Als die Frauen es gemeinsam öffneten, fanden sie fünf kleine Schmuckkästchen vor, auf denen alle ihre Vornamen lesen konnten.
„Wir machen sie gemeinsam auf. Ich zähle bis drei und dann klappt Ihr sie auf!“, schlug Chantal vor.
„Wauuuuu, das ist ja Wahnsinn“, hauchte Hermine recht damenhaft.
In den Päckchen lag jeweils ein silberner Golfschläger, in Form einer Brosche, mit einem Mondstein als Golfball.
„Ich dachte, Ihr habt da vielleicht Spaß dran.“ Chantal freute sich über die Gesichter ihrer Freundinnen.
„Und ob, darauf einen Schluck Cava. Halbtrocken, wie Ihr ihn mögt. Und wieso vielleicht. An Schmuck hat jede Frau immer Spaß.“
Die Haushälterin hatte indes verstanden, brachte die Flasche in einem silbernen Sektkühler und öffnete vorsichtig den Cava.
„Machen Sie ruhig Feierabend. Wir sind fünf Frauen und wissen uns schon zu helfen. Aber vielen Dank für das, was sie uns sicher wieder gut gekocht haben. Steht doch alles in der Küche, oder?“
Die Haushälterin nickte taktvoll und ging dann leicht errötend leise aus dem Raum. Fröhlich lachend steckten sich die fünf Frauen die Broschen an und bewunderten sich gegenseitig.
„Was meint Ihr, wie die anderen schauen, wenn wir in der nächsten Stunde so kommen. Hör mal, Chantal, damit kannst Du im Golfclub sicher ein gutes Geschäft machen. Aber für die anderen solltest Du eine kleine Veränderung vornehmen, damit wir unter uns bleiben.“ Hermine grinste.
Es gab mit Hummer gefüllte Wachteln, dann ein superzartes Filet vom Rentier und als Dessert eine Papaya-Himbeer-Creme auf Vanilleeis. Die Creme war mit einem Hauch Himbeergeist zubereitet worden, was dem ganzen einen ganz besonderen Geschmack gab.
Nach dem Essen gingen die Frauen in das Nachbarzimmer, in dem sie vorher noch nie gewesen waren. Dort standen ein großer weißer Flügel, sowie eine Gruppe moderner, aber bequem aussehender Ledersessel die einen Halbkreis um den guten Steinway & Sons bildeten.
„Bitte nehmt doch Platz, wir werden jetzt noch ein Konzert genießen.“ Patricia musste lachen, als sie das sagte.
Die Frauen setzten sich in die Sessel, Patricia goss noch einmal Sekt nach und setzte sich dann ebenfalls hin. Mit einer Fernbedienung zielte sie auf den Flügel. Wie von Geisterhand dämmte sich das Licht und dann begann das Instrument zu spielen. Ein lautes Lachen ging durch die Gruppe.
„Herrlich, eine Privatvorstellung.“ Winfriedes kräftiger Busen wippte auf und nieder.
Plötzlich meinte Mareen mitten in die Musik hinein: „Sag mal Patricia, wer ist denn der Mann da auf dem Bild, hinten auf dem Chippendale Tischchen?“
„Das ist mein Verlobter. Ich wollte Euch damit eigentlich überraschen und ihn das nächste Mal mitbringen. Aber jetzt hast Du das Bild ja entdeckt.“ Patricia errötete leicht.
„Zeig mal her.“ Hermine und Chantal zogen sich ihre Brillen auf.
„Sag mal, wie heißt der denn?“ fragte Mareen und schaute dabei genau zu Patricia.
„Das ist Paul von Haag. Er ist Salesmanager bei einem der großen Industrieunternehmen.“ Patricia wunderte sich über die Gesichter ihrer Freundinnen.
„Ach was, bei mir nennt er sich Peter Heegen und ist Reiseleiter. Ich habe ihn vor zwei Monaten kennen gelernt. Sag mal, hat er ein Muttermal an der linken Wade?“ Mareen wirkte nervös.
„Ja, hat er. Es sieht aus wie ein Seepferdchen.“ Patricias Röte ging in mehr als vornehme Blässe über.
„Richtig, dann ist das ein und derselbe Mann.“ Mareen war sich ganz sicher.
Hermine sah sich das Bild nun auch genauer an. „Den kenn ich auch. Der liebe Jung war so nett und hat mich um knappe 50.000 Euro erleichtert. Ich glaube da sind wir wohl dem gleichen Kerl auf den Leim gegangen.“
Jetzt erst meldete sich Winfriede zu Wort.
„Wenn ich nicht blind bin, dann kenne ich ihn auch, nur hatte er damals längere Haare und hieß Pawel Horowitz. Von mir wollte er sich auch Geld leihen, für eine todsichere Anlage in einer Wohnanlage. Doch diese Geschäfte verstehe ich besser. Als er das Geld nicht bekam, hat er sich nie wieder gemeldet. Das ist jetzt sicher schon acht Jahre her.“ Winfriede blieb erstaunlich ruhig dabei.
„Sag mal, hat er auch eine Narbe an der rechten Hand, so direkt unter dem kleinen Finger?“, mischte sich jetzt auch Chantal ein.
„Hat er“, sagten Hermine und Patricia gleichzeitig. „Dann haben wir, da bin ich sicher, wohl einen Heiratsschwindler erwischt. Wir sollten dem Kerl zeigen, dass er mit uns nicht sein dummes Spiel spielen kann. Wir sollten ihm einen Denkzettel verpassen. Ich wäre dafür, ihn anzuzeigen.“ Hermine war rot angelaufen.
„Nee, da kriegt er dann höchstens fünf Jahre, lacht sich im Knast eine Tussi von Sozialarbeiterin an und ist nach der halben Zeit draußen. Nee, der braucht eine andere Strafe.“ Patricia hatte nach dem Schock wieder zu sich selbst gefunden.
Der Abend verlief noch zwei Stunden mit langen Beratungen. Dann waren sich die Damen einig.
Das war jetzt ziemlich genau fünf Wochen her. Fünf Wochen mit Golfstunden. Fünf Wochen mit Cava après im ‚La Barra’ am Barbarossaplatz und fünf Wochen, in denen Patricia weiter Kontakt mit Peter von Haag hielt. Nicht mehr so eng wie vorher, aber auch nicht zu locker, damit Peter, alias Paul, Per und Pawel oder wie immer er hieß, keinen Verdacht schöpfte.
Heute nun traf man sich wieder beim Eierlikör. Es gab viel zu besprechen.
Armin versuchte seinen Neffen auf dem Handy zu erreichen. Es dauerte nicht lange und der Junge war am Apparat. „Hi, Bruno hier, wer da?“ Der Junge klang aufgekratzt.
„Hallo, hier ist Armin. Sorry, aber ich hatte einen plötzlichen Einsatz. Ich kann Dich jetzt erst abholen. Wo bist Du denn?“
„Ich bin grad bei Mäckes. Gleich am Bahnhof. Aber lass Dir Zeit. Ich hab grad ne geile Unterhaltung hier.“ Bruno wusste sich klar und unmissverständlich aufzudrücken.
„O.K., ich bin in einer halben Stunde da. Wir treffen uns vor dem Eingang von McDonalds. Findest Du das?“
„Da bin ich doch gerade.“
„Ich dachte, Du bist bei Mäckes?“
„Ach, Onkel Armin, das ist doch das McDonalds.“
„O.K., dann in ungefähr einer halben Stunde. Dann machen wir uns einen supernetten Abend. Wir können uns ja noch ein Video holen oder etwas in der Stadt unternehmen. Überleg dir mal, was wir machen sollen. Ich hab meinem Kollegen gesagt, dass ich heute nicht mehr zu erreichen bin.“
„O.K., Armin, dann bis gleich. See you.“
Armin war klar, dass er sich erst einmal an die Jugendsprache seines Neffen gewöhnen musste. Aber so alt fühlte er sich auch nicht, als dass er das nicht schaffen würde. Außerdem hatte er ja noch Roman, der ihn sicher gerne unterstützen würde, wenn es um Übersetzungen ging.
Es dauerte noch vierzig Minuten, bis er am Bahnhof war, seinen Wagen geparkt hatte und dann vor dem Fast-Food- Restaurant ankam, vor dem er sich mit seinem Neffen verabredet hatte.
Er war nicht schlecht überrascht, als er seinen Neffen aus einer Gruppe junger Menschen herausgefunden hatte.
Bruno war nicht nur sehr groß, er war sogar größer als Armin. Er war auch superschlank, mit sehr engem T-Shirt bekleidet, dem man ansah, dass es kein Markenprodukt war. Dazu eine Designerjeans und – das überraschte am meisten, denn seine Schwester hatte ihm nichts davon gesagt, neongrünen Haaren, die im modischen Kurz-Irokesenschnitt gestylt waren. Sein Rucksack war das Produkt eines bekannten Herstellers von Sportartikeln.
„Hi, Armin, hier bin ich!“ Er winkte seinem Onkel fröhlich zu und ging ihm entgegen.
„Hallo, Bruno, ich hätte Dich fast nicht erkannt. Steht Dir aber gut.“ Armin grinste verlegen.
„Hab ich mir machen lassen, als ich hier ankam. Da Du Dich nicht gemeldet hast, dachte ich mir, ich verbringe die Zeit sinnvoll. Und außerdem war es ein Sonderangebot. Sag aber nichts der Mama oder dem Paps, die fallen sonst tot um. Ich finde es einfach geil. Die Farbe ist nach dem Urlaub wieder weg. Da rasiere ich mir einfach den Kopf. Geil was?“ Bruno hakte sich bei seinem Onkel unter. Dem war das peinlicher, als dem Jungen.
„Geil. Und was machen wir jetzt?“, fragte Armin seinen Neffen.
„Wir könnten ja noch was essen gehen. So richtig voll fett, verstehst Du?“ Während Bruno ging, wusste er nicht so recht wohin mit Armen und Beinen. Sie schlenkerten mehr, als dass sie sich kontrolliert bewegten. Eben typisch für sein Alter.
„Eisbein mit Sauerkraut bei Früh?“ Armin war erstaunt, dass sein Neffe so etwas essen wollte.
„Nein, fett meint supergeil, klasse, prima, krass, übelst oder so. Aber Früh ist gut, davon hat Mama erzählt. Also, wir können.“
Armin war erstaunt, wie schnell er sich in ein paar Minuten an die Farbe Grün gewöhnt hatte.
Einen ganzen Abend mit einem Jugendlichen zusammen zu sein, dessen Sprache kaum noch etwas mit der eigenen zu tun hatte, war schon ziemlich anstrengend. Aber dann noch die halbe Nacht Videos zu sehen, war für Armin eine echte Mutprobe. Er hatte gerade einmal drei Stunden geschlafen, als er am Morgen aufstand, um in das Polizeipräsidium zu fahren. Er hatte seinen Neffen dabei, denn der wollte gerne einmal sehen, was der Onkel bei der Soko so machte. Dem Chef würde er es schon erklären und sicher auch dessen Verständnis bekommen, denn der war selbst leidgeprüfter Vater dreier Töchter im gleichen Alter.
Bruno brauchte eine gute Stunde im Bad, bis er schließlich gestylt war. Drei Mal hatte er sich umgezogen, auch wenn die Kleidung irgendwie immer gleich aussah. Aber warum nicht?
„Bruno, wenn wir nachher im Präsidium sind, musst Du Dich selbst beschäftigen. Ich habe einen neuen Fall und muss da viel Routinearbeit machen. Nimm doch Dein Notebook mit, dann kannst Du ja irgendwas machen. Wenn wir Zeit haben, dann werden Roman, das ist mein Mitarbeiter, und der Neue, der Alf-Göran, zusammen mit Dir essen gehen und Dir dann mal zeigen, was bei uns so langweilige Routine ist. Du musst Dich nur zurückhalten, wenn wir die Leute befragen. Ich gebe Dich gerne als Schülerpraktikanten aus.
Einverstanden?“
„Eh, geil Alder. Ich muss ja sowieso ein Praktikum machen.
Das passt ja übelst krass ins Konzept.“ Bruno war Feuer und Flamme.
Die Fahrt ging dieses Mal ohne Stau. Kein Müllwagen hielt Armin auf und alle Baustellen waren passierbar. Er war schon fast verwirrt. So schnell war er noch nie von Pulheim nach Köln gekommen. So kam er dann mit seinem Neffen pünktlich im Präsidium an. Der Pförtner ließ sie passieren und Armin parkte seinen Wagen auf dem für die Soko reservierten Platz.
Auf dem Weg zum Büro gingen Sie vorher noch in der Kantine vorbei, um belegte Brötchen für sich und die beiden Kollegen mitzubringen.
„Für jeden von uns zwei Brötchen, meinst Du, das reicht? Ich esse auch drei“, meinte Bruno schmunzelnd.
„O.K., dann nehmen wir halt drei mehr. Ich esse nur zwei Stück.“ Armin zahlte und drückte seinem Neffen die Tüte in die Hand.
„So hier ist die Soko.“ Armin öffnete die Tür und trat ein. Im Büro waren schon Roman und Alf-Göran bei der Arbeit. Sie hatten die Skizzen des Fundortes auf das Flipchart gemalt. Von der Küchenzeile her hörte man die Kaffeemaschine kochen.
Beide Kollegen lachten, als sie Bruno mit der großen Tüte Brötchen sahen. Bruno lief rot an, denn er schämte sich ein wenig wegen seiner Haare, auch wenn er den starken Mann spielte und versuchte grimmig auszuschauen. Aber Roman und Alf-Göran lachten aus einem anderen Grund. Jeder von ihnen hatte Brötchen besorgt. Roman, weil er vermutete, dass Armin nicht an das Frühstück denken würde, obgleich er an der Reihe war, aber er kannte seinen Chef eben und Alf-Göran, weil er mit den Brötchen seinen Einstand geben wollte.
„Na dann, guten Appetit! Gibt es schon was Neues?“ Auch Armin musste herzlich lachen.
„Ja, ein neues Kaffeerezept, welches uns Römisch Drei durchgefaxt hat. Er ist jetzt in Klagenfurt bei der Kripo und bestellt schöne Grüße.“ Roman war, neben dem Chef der Einzige, der wusste, wer Römisch Drei war.
„Das ist nett. Ich meinte aber eigentlich Fakten zum Toten im Müllcontainer. Übrigens, das ist mein Neffe Bruno Gensle vom Bodensee. Er braucht noch eine Praktikumsstelle und da frag ich mal den Chef, ob er was dagegen hat, wenn der Bruno die hier bekommt. Habt Ihr denn was dagegen?“ Armin klappte dabei zwei Brötchen auf und verglich den Schinken darauf.
„Nein, wieso sollten wir?“ Roman schüttelte dem Jungen die Hand.
„Hey, ich bin der Alf-Göran.“ Der Schwede stand etwas verlegen zwischen all den anderen.
„Hi!“ Bruno grinste breit, als er den Brötchenberg sah.
„Ich habe mein Notebook mit, falls ich was recherchieren soll. Ihr habt doch Wireless hier, oder?“ Schon hatte er sich einen Platz am Konferenztisch ausgesucht, von dem aus er das Büro seines Onkels sehen konnte.
„Klar, haben wir.“ Roman nickte mit dem Kopf nach oben, wo ein Sender hing.
„Also, ich mag gerne Camembert auf dem Brötchen.“ Bruno griff in die Tüte und holte mit sicherem Griff das richtige Brötchen heraus.
Armin ergriff das Wort. „Roman und Alf-Göran, wir setzen uns jetzt zusammen und schreiben uns das auf, was wir bisher wissen.“ Roman räumte noch ein paar Papiere vom Konferenztisch und setzte sich dann an die rechte Längsseite. Armin setzte sich vor Kopf und zeigte Alf-Göran seinen Platz auf der linken Seite.
„Also, was hat die Spurensicherung bis jetzt festgestellt?“, fragte Armin in die Runde.
Roman begann in seinen Unterlagen zu blättern. „Eines steht bisher fest, der Tote ist nicht erstochen, erschossen oder erwürgt worden. Es sind keine äußeren Verletzungen zu erkennen. Außerdem haben wir Schleifspuren auf dem Kellerbogen gefunden. Bei den Spuren handelt es sich um Absatzspuren und Spuren von typischen blauen Müllsäcken. Ob die mit dem Toten zu tun haben, kann die Spusi bis jetzt auch noch nicht sagen. In dem Anzug des Toten waren keine Ausweispapiere, nur ein Fahrschein der Linie 1. Er wurde am Neumarkt gezogen und ist zwei Wochen alt. Der Arzt schätzt den Mann auf Anfang fünfzig. Er ist 1,86 Meter groß und hat gefärbte Haare. Ursprünglich war er mal blond, hat die Haare aber mittelbraun gefärbt. Vielleicht war er eitel, weil er grau wurde. Weiß ich aber noch nicht. Ein Muttermal an der linken Wade und eine kleine Narbe an der rechten Hand direkt unter dem kleinen Finger. Gebiss ist größtenteils echt, nur drei Zähne sind eingesetzt. Scheint wohl im Ausland gemacht worden zu sein, meint der Arzt, die haben eine andere Technik dort.
Leichte Druckstellen am Nasenrücken deuten darauf hin, dass er Brillenträger war, aber die Brille war nicht in seinem Anzug und er hatte sie auch nicht auf. Die Schuhe sind bei einer Kette gekauft worden und der Anzug ist in jedem guten Kaufhaus zu bekommen. Die Unterwäsche ist auch normale Ware. Also nichts, was uns weiterhelfen kann. Er hatte ein Taschentuch bei sich mit dem Monogram PH. Hoffentlich ist es sein Taschentuch. Socken schwarz und neu. Mehr erfahren wir noch heute Vormittag. Im Container lag er auf einer Decke, so als sei sie extra für ihn hinein gelegt worden. Er war aber nicht abgedeckt, als der Hausmeister ihn fand. Lediglich eine Tüte Müll lag neben seinen Füßen, so, als ob jemand den Deckel nur ein Stück aufgemacht und dann die Tüte durch den Schlitz gesteckt hat. Der Hausmeister hat uns mitgeteilt, dass der Container gestern um zehn Uhr noch leer war. Da hat er die Container zum letzten Mal kontrolliert. Ach ja, da ist noch etwas, die Haut roch angenehm nach Massageöl, so, als sei er vorher noch bei einer Massage gewesen.“
„Gut, das ist ja schon etwas.“ Armin schrieb alles in Stichpunkten auf das Flipchart. Wir sollten aber auch noch einmal nach Weiden fahren und die Bewohner befragen, ob sie etwas bemerkt haben. Hast Du das Bild von dem Mann mal durch unsere Kartei laufen lassen?“, fragte Armin an Roman gewandt.
„Hör mal, wir wollten gestern Abend nichts mehr machen, sondern erst heute damit anfangen. Aber da könnte mir vielleicht Dein Neffe helfen, dann hat er auch was zu tun. Ich zeig ihm, wie man sucht und er kann uns dann die ähnlichsten Personen heraussuchen. Mal sehen, ob er was von seinem Onkel geerbt hat. Außer den Haaren meine ich.“ Roman grinste sein bekanntes Lausbubengrinsen.
„Sehr lustig.“ Armin grinste nicht.
„Und ich könnte nach den Fingerabdrücken suchen.“, Vielleicht helfen die uns weiter, oder nachfragen ob jemand vermisst wird.“, schaltete sich jetzt auch Alf-Göran ein.
„Kennst Du denn unser System?“ staunte Armin.
„Ja, ich habe mich vorher schon erkundigt, damit ich nicht so dumm hier anfange.“ Alf-Göran nahm an dem Schreibtisch Platz, den Roman ihm vorher zugewiesen hatte.
„Sehr gut. Dann gehe ich mal zur Spusi rüber und zur Rechtsmedizin. Mal sehen, ob die uns schon mehr sagen können. Am Nachmittag fahren wir dann nach Weiden und beginnen mit der Befragung.“ Armin war wieder beruhigt.
Roman setzte sich an seinen Computer und winkte Bruno zu sich rüber. „Komm her, dann können wir loslegen.“
„Geil. Sehe ich da echte Ganoven drin?“ Bruno beugte sich zum Bildschirm vor.
