Kommissar Stein und der Inder aus Potsdam - Peter W Klose - E-Book

Kommissar Stein und der Inder aus Potsdam E-Book

Peter W Klose

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Beschreibung

In einer privaten Hochschule in Köln blüht der geheime Handel mit Diplomarbeiten. Als die ganze Angelegenheit aufzufliegen droht, kommt es zu einem Todesfall. Ein Student indischer Abstammung aus Potsdam ist das übel zugerichtete Opfer. Wie hängen einige seiner Kommilitonen und der eine oder andere Dozent in dieser Sache mit drin? Kommissar Armin Stein und sein Assistent Roman Forisch schicken Urszula Lewandowska, die neue EU-geförderte Polizistin aus Gdansk/Danzig kurzerhand als verdeckte Ermittlerin in die Hochschule. Die Soko "Curry" des EU-Durchschnittskommissars Armin Stein muss manche harte Nuss knacken. Doch wie schon der indische Wahlspruch sagt: "Allein die Wahrheit siegt". Spannung pur bis zur letzten Seite.

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Seitenzahl: 363

Veröffentlichungsjahr: 2012

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KOMMISSAR STEIN UND DER INDER AUS POTSDAM

 

VON PETER-WOLFGANG KLOSE

 

 

EIN KRIMINALROMAN AUS DER REGION KÖLN

Copyright © 2008 by Peter-Wolfgang Klose, Köln

 

Herstellung:

PublikationsService® – Produktion & Verlag Armin Zupan, München

www.publikations-service.de

 

 

ISBN: 978-3-936904-73-4

 

 

 

Alle Personen und Geschehnisse dieses Romans

sind frei erfunden. Ähnlichkeit mit lebenden Personen und

tatsächlichen Geschehnissen wären rein zufällig.

Die Unternehmen, Namen und Daten in den hierin befindlichen Beispielen sind frei

erfunden, soweit dies nicht anders angegeben ist oder der besseren Orientierung gilt.

 

Gaby S. gewidmet

Regen

 

Es war draußen drückend schwül. Eigentlich hätte es nach dem Gewitter gestern Abend abkühlen müssen, aber nicht ein einziges Grad kühler war es geworden. Das Thermometer war immerhin schon wieder bis zur Zahl 26 hinauf geklettert und das um zehn Uhr morgens. Und in der Innenstadt von Köln würde es auch nicht weniger warm sein.

 

Armin Stein machte sich dennoch auf den Weg in die feuchte Hitze der Stadt. Etwas über ein Jahr war er nun schon im Polizeipräsidium der rheinischen Großstadt tätig. Nur, weil er sich an der Ausschreibung als EU-Kommissar beteiligt hatte, war er überhaupt in diese Situation gekommen. Auf der gewohnten Fahrt über die Landstraße von Pulheim nach Bocklemünd dachte er über die letzten Monate nach.

 

Die Zeit mit Wienus van der Schoer kam ihm vor, als sei sie erst gestern vorüber gewesen. Zusammen mit Wienus, seinem ersten EU-Assistenten, hatte er den Fall in Sinthern gelöst und darauf folgte dann dieser titelsüchtige Österreicher Johannes Jonas Ill, den er nun seit einer Woche los war. Er hatte ihn gemocht, aber nachdem die Soko Flönz aufgelöst worden war, gab es für Römisch Drei, wie er genannt wurde, auch nicht mehr genug zu tun. Nach seinem dreimonatigen Austausch war er nun wieder nach Österreich abgereist.

 

Armin Stein war eben EU-Durchschnittskommissar. Das hatte nun einmal zur Folge, dass er immer wieder irgendeinen Neuling aus einem der EU-Länder zugeteilt bekam. Und der nächste stand schon parat. Gestern bereits hatte ihn der Polizeipräsident darauf vorbereitet, dass heute wieder jemand in seine Abteilung versetzt werden würde. Er war gespannt.

 

Armin leitete ein Sonderkommissariat, dem man die Fälle zuordnete, von denen man nicht genau wusste, welchem Bereich die Bearbeitung der Fälle zugeordnet werden konnten und ob sie nach Köln oder in das Umland gehörten.

 

Das Wetter machte ihm genauso zu schaffen, wie der Gedanke an einen weiteren ‚Quälgeist’ im Schlepptau. Es war schwül und niederdrückend. Armin fuhr die Landstraße schon fast wie blind. Worauf sollte er auch achten? Die Kurven kannte er, sogar viele der Autos schienen ihm bekannt vorzukommen, als wären sie jeden Tag um dieselbe Uhrzeit unterwegs wie er.

 

Schließlich erreichte er die Autobahnauffahrt in Bocklemünd. Er bog auf die dicht befahrene Autobahn und zwanzig Minuten später fuhr er auf den Parkplatz des Polizeipräsidiums. Er stellte seinen alten Audi ab und fuhr mit dem Fahrstuhl nach oben.

 

Der Flur war erstaunlich ruhig. Seine Kollegen waren wohl noch in einem Meeting. Er selbst hatte mit der Begründung abgesagt, er wolle noch die Personalakte des neuen Mitarbeiters lesen, bevor er sich ihm persönlich widmen würde. Mit deutlich sichtbaren Schweißrändern rund um die Achseln betrat er das Büro.

 

„Ich muss unbedingt abnehmen, mindestens zwanzig Kilo“, sagte er stumm zu sich selbst. Seine alte Aktentasche stellte er wie an jedem Arbeitstag unter den Kleiderständer. Andere Menschen mochten ihre Tasche für gewöhnlich neben ihren Schreibtisch stellen oder sie in den Schrank legen, aber der Platz unter dem Kleiderständer in dem Büro im Polizeipräsidium gehörte einzig und allein Armins Tasche. Das war eine seiner Eigenarten. Er hatte sich gerade auf seinen Stuhl gesetzt, als es an der Tür klopfte.

 

„Ja“, brummte er, denn Störungen vor der ersten Tasse Kaffee mochte er nun einmal überhaupt nicht.

 

Die Tür öffnete sich und eine junge Frau trat ein.

 

“Kommissar Stein?“, fragte sie mit einer tiefen Stimme, die eigentlich gar nicht zu ihrem zarten Aussehen passte.

 

„Ja, was kann ich für Sie tun?“

 

„Ich bin Urszula Lewandowska, aus Gdansk. Ich soll mich bei Ihnen melden. Ich bin Ihre neue Mitarbeiterin für die nächsten Monate.“

 

„Ein Jahr“, verbesserte Armin unbewusst sofort. „Aber Polen ist doch noch gar nicht so lange in der EU, dass die schon auf Polizeiebene so eng mitarbeiten, oder?“

 

„Polen ist ja volles Mitglied der EU und in Brüssel wird man sich schon etwas dabei gedacht haben, mich hierher zu schicken.“

 

Die junge Frau gab ein gutes Bild ab. Verdammt selbstbewusst, dachte sich Armin. Für eine Frau ganz schön selbstbewusst.

 

„Na ja, dann werden wir mal sehen, was wir heute miteinander machen können. Haben Sie denn schon eine Unterkunft gefunden? Das ist gar nicht so einfach hier in Köln.“ Armin versuchte seinen Fauxpas wieder gut zu machen, indem er besonders freundlich wurde.

 

„Ja, ich wohne bei einer Tante von mir. Sie ist meine Patentante und wohnt in Weiden. Die Wohnung ist groß genug für uns beide. Wir in Polen haben da nicht so große Ansprüche wie Sie hier in Deutschland.“ Sie konnte sich den kleinen Seitenhieb nicht verkneifen.

 

Armin betrachtete während dieses kurzen Gespräches die Frau genau. Sie mochte so Mitte bis Ende Zwanzig sein. Mit ungefähr 185 cm fand er sie recht groß, aber die Jugend war halt heute größer, dachte er. Der Köperbau war makellos, damit hätte sie glatt als Modell durchgehen können. Sie wirkte fast zu zart für eine Polizeibeamtin. Die dunkelbraunen Haare hatte sie hinten zu einem Zopf zusammengeflochten und ihr dunkelblauer Hosenanzug stand ihr ausgezeichnet. Markant war aber die lange Narbe quer über der linken Gesichtshälfte. Diese Narbe entstellte das Gesicht aber nicht, sondern machte es eher interessanter.

 

„Bitte nehmen Sie doch Platz. Unterhalten wir uns doch erst einmal über Ihren Werdegang bis jetzt und über ihre Zukunft hier. Sie stammen also aus Danzig.“ Er hatte bewusst den deutschen Namen der Stadt gewählt.

 

„Richtig, ich komme aus Gdansk.“ Sie benutzte ebenso bewusst den polnischen Namen der großen alten Hansestadt an der Ostsee. Meine Eltern haben dort im Stadtzentrum ein Restaurant, direkt am Neptunbrunnen. Ich bin seit vier Jahren bei der Polizei und habe mich zu diesem Austauschprogramm gemeldet. Man hat mich ausgewählt, weil ich fließend Deutsch spreche. Das liegt daran, dass ich so viel Verwandtschaft in Deutschland habe. Ich war früher fast jedes Jahr einmal hier. Meist unten am Bodensee, wo ein Onkel von mir lebt. Ich habe nach der Schule Kriminologie und Psychologie studiert und jetzt bin ich hier.“ Ihre Stimme faszinierte Armin.

 

„Klingt recht viel versprechend. Und wie lange haben Sie bei der Polizei gearbeitet?“

 

„Wenn Sie es so wollen, mein ganzes Leben lang. Mein Opa war bei der Polizei und ich fand das immer sehr spannend. Aber mit der Ausbildung und dem Studium sind es jetzt acht Jahre.“

 

Armin stutzte und das sah ihm Urszula an. „Ich bin 29 Jahre alt, wenn Sie das meinen.“ Sie klang sehr sicher und zeigte Armin damit, dass sie sich nicht irgendwie unterdrücken ließ.

 

„Nein, nein, ich hatte gerade an etwas anderes gedacht.“ Armin war immer noch etwas verwirrt und musste sich zusammenzunehmen, um ihr nicht gleich allzu deutlich zu erkennen zu geben, dass er sich auf die Zusammenarbeit freute.

 

„Zuletzt war ich in der Abteilung für Bandenkriminalität. Sie wissen ja Autoschiebereien, Zigaretten und Geldschmuggel. Wir haben ja nun mal unsere Erfahrung damit. Und die Deutschen haben so ihre Vorurteile uns gegenüber. Bei uns werden die Autos, die wir hier gestohlen haben sollen, ja von den Russen und Ukrainern weitergestohlen. ‚Wir nennen das dann Second-Hand-Diebstahl.“

 

Armin lachte laut auf. „Weitergestohlen klingt nett, den Ausdruck kannte ich auch noch nicht.“ Es dauerte eine Weile, bis er aufhören konnte zu lachen.

 

Plötzlich klopfte es an die Glastüre zum Konferenzraum. Armin schaute auf und erkannte seinen obersten Vorgesetzten. Ohne eine Antwort abzuwarten, öffnete der Polizeipräsident die Türe.

 

„Aha, ich sehe, Sie haben sich schon kennen gelernt. Frau Lewandowska ist uns zugeteilt worden, weil Polen ja mit zur EU gehört und wir die Fehler von früher nicht wiederholen wollen. Da bauen wir jetzt lieber vor“, sagte er zu beiden.

„Bevor ich es vergesse, Frau Lewandowska, hier ist Ihr Ausweis für die deutsche Polizei, damit sich niemand beschweren kann. Im Übrigen sind Sie bei dem Kollegen Stein in besten Händen. In ganz Nordrhein-Westfalen ist er der typische EU-Durchschnittkommissar. Der Innenminister hat deshalb seine Versetzung auf Zeit hier ins Präsidium festgemacht. Er ist jetzt praktisch für Köln und den Rhein- Erftkreis oder den Rheinisch-Bergischen Kreis tätig, mit Sitz hier in Köln.

 

Und wie es der Zufall so will, ich habe Ihnen auch gleich einen neuen Fall mitgebracht.

 

In Junkersdorf, eigentlich einem recht ruhigen Stadtteil von Köln, hat man einen Mann anscheinend von indischer Abstammung tot aufgefunden. Ein Spaziergänger hat ihn in der Nacht entdeckt. Da war der Mann aber noch am Leben, wenn man das noch so nennen konnte. Jemand hatte ihn in der Salierstraße an einen Baum gelehnt. Doch erst, nachdem man ihm beide Hände amputiert hatte. Die beiden Stumpen waren sauber vernäht und ordentlich verbunden. So genau hätte wohl kaum ein Amateur gearbeitet, vermutete die Gerichtsmedizin.

 

Außerdem hatte man dem Opfer fein säuberlich die Zunge herausgeschnitten. Die Ärzte in der Uniklinik versuchten alles, aber sie konnten den Mann nicht mehr retten. Er starb noch auf dem Operationstisch. Er hatte noch so einen computergeschriebenen Zettel bei sich, auf dem stand: ‚Ich bin aus Indien und dahin soll auch meine Asche. Bitte verbrennen Sie mich und schicken Sie meine Urne nach Delhi.’ Eigentlich schon recht merkwürdig, dass ein lebendiger Mensch solch einen Zettel bei sich trägt.

 

Herr Stein, ich möchte, dass Sie und Ihr Team sich um diesen Fall kümmern. Die Spurensicherung ist noch vor Ort. Nehmen Sie Frau Lewandowska mit und fahren sie raus nach Junkersdorf. Und erstatten Sie mir über den Verlauf der Untersuchungen Bericht.“

 

Dann wendete sich der Polizeipräsident wieder der Polin zu. „Viel Erfolg und Spaß hier in Köln. Schönen Tag noch.“ Er grüßte noch einmal und verließ dann das Büro mit einem freundlichen Nicken.

 

Als Armin und seine neue EU-Geförderte zwei Stunden später in die Tiefgarage gingen, hatte er das Gefühl, dass die Luft noch stickiger geworden war. Seinem Kollegen Roman Forisch hatte er eine Nachricht hinterlassen, wo er zu finden sei.

 

Auf dem Weg durch die Innenstadt fielen auf einmal dicke Regentropfen auf die Fensterscheiben. „Ich liebe Regen“, meinte Urszula und öffnete einen weiteren Knopf ihrer Bluse, den sie bis jetzt sittsam geschlossen gehalten hatte.

 

„Ich auch, aber die Spurensicherung nicht.“ Armin musste schmunzeln, denn im Rückspiegel konnte er alles genau sehen. Auch wie sich Urszula, die schräg hinter ihm saß, die Lippen nachzog und die Haare neu herrichtete.

 

„Richtig.“, meinte sie nur kurz und widmete sich weiter ihrem an sich schon guten Aussehen.

 

„Aber vielleicht regnet es ja in Junkersdorf nicht“, sagte Armin. „Das kommt schon mal vor, da muss irgendwie eine Wetterscheide sein. Das fällt mir jedenfalls immer wieder auf, wenn ich die Aachener Straße entlang fahre.“

 

Armin sollte Recht behalten. In der Salierstraße war es tatsächlich trocken geblieben und dennoch hatte sich die Luft merklich abgekühlt, als sei ein Gewitter gerade erst vorüber gezogen. Schon von weitem sah er die Absperrung der Polizei. Armin suchte seinen Ausweis, der sich wieder einmal in den Tiefen der Jacke versteckt hatte, einen Ort, den der Ausweis immer nur dann aufzusuchen schien, wenn er dringend benötigt wurde. Doch er hatte Glück, der Polizist an der Absperrung erkannte ihn frühzeitig und ließ Armin passieren.

 

Auf den ersten Blick sah alles nach einem normalen Tatort aus, viele Menschen, die in der Nähe aus den Fenstern schauten oder um die Absperrung herum standen und andere, die wiederum den Boden untersuchten und in Mülltonnen wühlten. „Polizeialltag“ meinte Armin trocken.

 

„Hallo Kollegen, schon etwas gefunden?“, begrüßte er die anwesenden Beamten und stellte ihnen dann seine Begleitung vor. „Das ist Frau Lewandowska, eine neue Kollegin aus Danzig. EU-Austauschprogramm, Sie wissen schon.“

 

„Nein, nichts was uns weiterhelfen könnte“, kam nach der Begrüßungsrunde als Antwort. „Wahrscheinlich hat man das Opfer hierher gebracht und dort an den Baum gestellt. Wir sind noch dabei, die Anwohner zu befragen. Vielleicht bekommen wir darüber etwas heraus. Bis jetzt sieht es allerdings noch mau aus.“ Der Kollege von der Spurensicherung wirkte nicht gerade glücklich. Diese Routinebefragungen machten keinem Spaß und nahmen viel Zeit in Anspruch. Das lag daran, dass die meisten Zeugen sich widersprachen, Dinge erzählten, die nicht stimmten oder sich selbst in den Mittelpunkt stellen wollten.

 

„Na dann viel Erfolg. Wisst Ihr denn schon, um wen es sich bei dem Toten handelt? Hatte der Mann einen Ausweis bei sich oder andere Papiere dabei, wie Führerschein oder so?“ Mit einem Achselzucken drehte sich der Kollege zu einem anderen Beamten um.

 

„Wissen wir noch nicht genau. Wir hielten es für angebrachter, ihn erst einmal ins Krankenhaus bringen zu lassen. Schließlich war er bei unserem Eintreffen noch am Leben. In der Klinik werden die Kollegen seine Kleidung durchsuchen. Hoffen wir, dass uns das ein Stück weiter bringt“, schloss der Beamte seinen Bericht ab.

 

„Kommen Sie Frau Lewandowska“, sagte Armin, „wir schauen uns einmal die Umgebung an. Manchmal bekomme ich dabei schon meine erste Eingebung. Außerdem können Sie sich so auch einen guten Eindruck von der Gegend hier verschaffen, damit Sie sich zurechtfinden, wenn ich Sie einmal losschicke, um Nachforschungen anzustellen.“ Armin drehte sich zu seiner Kollegin um, die sich gerade die Spuren an der Baumrinde genau ansah und mit dem Kollegen dort sprach.

 

Urszula Lewandowska warf einem jungen Polizisten einen feurigen Blick zu und lächelte dabei.

 

Viel war hier nicht mehr zu erreichen, deshalb fuhren Armin und sein Team zurück ins Büro.

 

Im Präsidium nahm Armin seine EU-geförderte Kollegin mit ins Büro. Er hatte die Räume der Soko „Flönz“ übernommen und Roman Forisch als Kriminalkommissar fest zugeteilt bekommen. Roman kannte sich in Köln bestens aus und er, Armin Stein, kannte den umliegenden Rhein-Erft-Kreis in- und auswendig. Sie hatten zusammen den Fall des betrogenen und ermordeten Betrügers geklärt und so zueinander gefunden. Roman war, wie Armin, unverheiratet, aber bei beiden hatte es jeweils andere Gründe. Armin war verwitwet und wollte nicht wieder heiraten. Er war inzwischen fast zum eingefleischten Junggesellen mutiert und liebte das Alleinsein. Roman hingegen war ein Partymensch, der sich erst im Kreise seiner Freunde richtig wohl fühlte. Er war in Köln zu Hause und das war auch gut so für ihn, denn er hatte zwar eine Freundin, aber es war die beste Freundin eines homosexuellen Mannes. Sie wusste, dass er nichts von ihr wollte, sich aber hin und wieder auch einmal aussprechen wollte, ohne dass es gleich in der Szene herumging. Ansonsten ging er gerne in seine Stammlokale, in denen der Frauenanteil meist weit unter der Zehnprozentquote lag.

 

Roman sortierte gerade alte Unterlagen, als Armin mit Urszula das Büro betrat. Er schaute auf und pfiff leicht durch die Zähne. Wenn er auch nicht viel von Frauen hielt, aber hier musste selbst der eingefleischteste Homosexuelle zugeben, dass diese Frau sehr gut aussah.

 

„Roman, darf ich dir die Nachfolgerin von Römisch Drei vorstellen: Urszula Lewandowska aus Danzig. Frau Lewandowska, das ist Roman Forisch, Kriminalkommissar in unserer Soko. Ich hoffe wir arbeiten gut zusammen.“ Dabei zwinkert Armin Roman mit dem Auge zu, um ihm mitzuteilen, dass er mit Urszula Lewandowska einverstanden war.

 

„Das werden wir bestimmt“, meinte Roman ehrlich und strahlte die junge Frau an.

 

„Roman sei doch bitte so gut und zeige Frau Lewandowska mehr vom Präsidium, ich rufe inzwischen im Krankenhaus an, ob sie dort etwas in der Kleidung des Mannes gefunden haben. Und denkt Euch einen guten Namen für unsere Soko aus. Urszula kann Dir schon ein paar Details über den Fall geben, damit Du im Bilde bist.“

 

„Na, dann lassen Sie uns mal gehen. Darf ich Urszula sagen? Ich bin der Roman.“ Er streckte ihr die Hand hin und bemerkte sofort, wie weich ihre Haut war.

 

„Ja, Urschula spricht man das aus. Sie sagen Ursula und wir Urschula.“ Beide verließen das Büro.

Singh

 

Das Telefonat war eines von der kurzen Sorte. Vom Krankenhaus aus hatte man den Leichnam inzwischen an die Rechtsmedizin weitergeleitet. Dort waren auch die Kleidung und die Papiere des Mannes hingebracht worden. Man war im Krankenhaus dankbar, wenn man mit diesen Dingen nicht auch noch belastet wurde. In der Rechtsmedizin war man dagegen schon bei der Arbeit.

 

Die Rechtsmedizin war für Papiere und Kleidung nur Durchgangsstation gewesen. Sie waren bereits an die Spurensicherung weitergegeben worden. Also musste Armin noch einmal telefonieren. Bei der Spurensicherung meldete sich eine junge Beamtin, die Armin versprach, sofort Kopien von den Papieren zu machen und sie ihm vorbei zu bringen. Sie versprach auch, möglichst schnell zu arbeiten, da sie wusste, dass gerade die ersten Stunden und Tage wichtig waren, wenn man einen Täter zu fassen kriegen wollte.

 

Aus dem Schreibtisch nahm sich Armin seinen Walkman heraus und hörte sich, gewissermaßen als Ouvertüre für die anstehenden Ermittlungen, erst einmal seine Lieblingskassette an. Mozarts Jupitersinfonie. Er brauchte diese Musik immer dann, wenn er sich konzentrieren wollte. Dann durfte ihn auch niemand stören.

 

Armin machte sich seine Gedanken. Wer schneidet einem Menschen die Hände ab, vernäht sie dann anständig und verbindet sie auch noch? Und warum schneidet man diesem Menschen dann auch noch die Zunge heraus? Das sah sehr nach einer Bestrafung aus, mit der man ein Exempel statuieren wollte. Und warum bringt man diesen Mann dann zu einem Baum in einer der besten Wohngegenden von Köln, lehnt ihn lediglich an und bindet ihn nicht fest? Wenn er noch Kraft gehabt hätte, hätte er zum Taxistand wanken können. Und dann? Es gab viele Fragen, die es zu klären galt. Armin hatte viel Arbeit vor sich.

 

Die Sinfonie war gerade verklungen, als eine junge Frau an die Tür klopfte und, ohne ein „Herein“ abzuwarten, eintrat. Es war die Kollegin von der Spurensicherung. Sie hatte einen Stapel Papiere in ihren Händen.

 

„Hier die ersten Ergebnisse, Herr Stein. Wir haben einen Studentenausweis gefunden, ausgestellt von einer privaten Hochschule hier in Köln. Das Bild stimmt mit dem Gesicht des Toten überein. Der Ausweis ist auf den Namen Bertram Joseph Singh ausgestellt. Geboren in Castrop-Rauxel, nicht in Indien. Ist gerade mal 22 Jahre alt geworden. Mehr wissen wir auch noch nicht. Ich lasse ihnen die Kopien hier. Sie können sich ja mit der Hochschule in Verbindung setzen, vielleicht kann man Ihnen da mehr sagen. Aber das müssen Sie selbst entscheiden, schließlich sind Sie ja der Kommissar. Sollte nur eine Hilfe sein. Das andere sind Listen mit einer Aufzählung der Kleidung und der Dinge, die er bei sich hatte. Wenn wir alles untersucht haben, können wir es Ihnen gerne zur Verfügung stellen. Wie heißt denn die Soko?“

 

„Wir haben noch keinen Namen, fällt Ihnen denn etwas ein?“, fragte Armin die nette Kollegin, die sich so viel Mühe gegeben und so schnell gearbeitet hatte.

 

„Wie wäre es mit Curry? Ich mag nämlich keinen Curry. Erst Flönz, dann Curry, Sie werden wohl die Lebensmittelsoko.“ Beide grinsten.

 

„Curry ist nicht schlecht. Das ist kurz und knapp. Na mal sehen, was meine Kollegen dazu sagen. Vielen Dank und, wenn es geht, die Ergebnisse bitte bis gestern“, sagte Armin in nicht ganz ernstem Ton.

 

Der Campus der privaten Hochschule lag am Ring, dem Promenadenboulevard von Köln. Es war nicht der übliche Universitätscampus. Nein, es handelte sich um eine der wenigen privaten Eliteuniversitäten im Theaterbereich. Teuer genug, um nicht jeden Studenten aufzunehmen, aber immer noch so erschwinglich, dass es sich genug Eltern leisten konnten, ihre Söhne und Töchter dort unterzubringen.

 

Hermann Mühle, Chef der European Theatre School saß in seinem Büro. Seine rechte Hand, Frau Sofia Naseer, saß ihm gegenüber am großen Arbeitstisch. Das Konferenzzimmer war modern eingerichtet. Es hatte alle technischen Raffinessen vorzuweisen, die man in einem Konferenzraum im 21. Jahrhundert erwartete. Sogar eine Videokonferenz wäre möglich gewesen. Sie hatten die Ergebnisse der letzten Diplomarbeiten vor sich liegen.

 

„Sofia, wenn ich das so sehe, dann werden die Ergebnisse der Diplomarbeiten immer besser. Ich weiß zwar auch nicht warum, aber wenn ich die Listen mal so durchgehe, dann bekommt man den Eindruck einen besonders tollen Jahrgang vor sich zu haben.“ Hermann Mühle war vor Stolz richtig aufgebläht.

 

„Du Hermann“, sagte Sofia nach einer Weile, die geprägt war von lautem Blätterrascheln, „ich werde das Gefühl nicht los, dass da einige Plagiat begangen haben.“ Sofias Stirn legte ihre Stirn in Falten.

 

„Wieso?“ Hermann sah auf.

 

„Ich habe ja nur ein paar von den Diplomarbeiten zur Kontrolle gelesen, mir ist aber aufgefallen, dass manche Formulierungen nicht mit dem anderen Text konform gehen. Und diese Stellen sind nicht als Zitat ausgewiesen. Es ist schade, dass wir dieses sündhaft teure Plagiatsprogramm nicht haben, es würde uns sehr helfen. Na ja, wir sollten die Arbeiten noch einmal den Dozenten vorlegen, die das Fach unterrichtet haben.“ Sofia Naseer sah die ganze Angelegenheit kritischer als alle anderen an der Schule.

 

„Meinst Du wirklich, dass wir wieder so eine Plagiatwelle haben? Es kommt ja immer wieder vor, dass der eine oder andere eine Stelle nicht angibt, aber wenn sich das häuft, dann müssen wir unbedingt etwas unternehmen. Was soll denn dieses Programm kosten?“ Hermann Mühle wusste zwar, was die Software zur Plagiatskontrolle kostete, er wollte aber Sofias Einschätzung dazu hören. Es hieß oft, er säße auf dem Geld und würde nicht investieren. Das stimmte nicht ganz, aber es war doch irgendwo etwas Wahres dran.

 

„Du, das ist so teuer, das können wir uns nicht leisten“, antwortete Sofia, was Hermann mit Genugtuung zur Kenntnis nahm. „Selbst die anderen Schulen haben sich das ja noch nicht gekauft, mit einer Ausnahme. Du kannst Dir ja sicher denken, wer das ist. Die haben ja schließlich auch eine Bank im Rücken.“ Hermann nickte. „Wir müssen die Betreuer der Diplomarbeiten mehr anhalten, die Arbeiten besonders auf solche Stellen zu kontrollieren, die ihnen nicht koscher vorkommen. Ich habe die betreffenden Arbeiten herausgelegt. Es sind die von Michael von Soltow, Medienstudent, Jasmin Mbecki, auch Medienbereich, Bertram Singh, Medien, Caro Stipanic, Regie, Günther Winter, Regie, Henry Bach, Theaterbereich, Kai-Kevin Heisterbach, Theater, Lars Görres, Theater, Florian Trier, Theater. Es ist schon erstaunlich. Ich habe mir nur fünfzig Arbeiten vorgenommen und dabei habe ich dann neun gefunden, die mir aufgefallen sind. Für eine Stichprobe ist das ein sehr hoher Prozentsatz. Was machen wir, wenn wir herausfinden, dass es sich wirklich um Plagiate handelt?“ Sofia machte sich schon seit Tagen Gedanken, wie sie es den Dozenten beibringen konnte, dass sie nicht genug auf die Plagiatsseuche achteten. Sie wollte die Kollegen nicht verärgern, musste aber etwas unternehmen.

 

„Gute Frage, einerseits ist es nicht gut für unseren Ruf, wenn wir die Leute schassen, andererseits müssen wir etwas machen, damit die ganze Sache nicht Überhand nimmt. Es darf ja auch nicht heißen, dass man sich bei uns den Abschluss kaufen kann.“ Hermann Mühle goss sich einen Kaffee ein.

 

„Ich hole mir die Dozenten, und dann sollten diese Kandidaten in die mündliche Verteidigung ihrer Arbeit. Das ist meine Meinung. Da können wir dann sehen, ob sie sich in ihrer Materie auskennen oder nicht. Vielleicht haben wir ja wirklich nur einen verdammt guten Jahrgang dabei, der bei der Suche nach den Quellen eine Arbeitsgruppe oder so gebildet hat. Ich weiß es wirklich nicht. Es ist ja auch nur so ein Bauchgefühl.“

 

Sofia hatte sich dabei auch einen Kaffee eingegossen und tat sich gedankenverloren drei Stück Zucker in die Tasse.

 

„Gute Idee.“ Hermann pflichtete ihr bei. „Und wir überprüfen die Arbeiten noch mal. Frag mal unseren Computerfreak, der weiß sicher einen Weg, wie man so eine Überprüfung auch ohne dieses beschissen teure Programm durchführen kann.“ Hermann Mühle schob die Diplomarbeiten fast angewidert von sich weg.

 

„Mach ich. Der Corres ist nur leider heute nicht da. Aber morgen hole ich mir den direkt ran.“ Sofia rührte den Kaffee um und trank ihn in einem Zug aus. Er war sowieso schon recht kalt geworden, da die Thermoskanne nicht mehr richtig schloss.

 

Hermann Mühle und Sofia Naseer saßen noch im Büro, als im Sekretariat das Telefon klingelte.

 

„Willkommen in der European Theatre School in Köln, ich bin Julia Dürer, wie kann ich Ihnen weiterhelfen?“ Die Sekretärin hatte eine sehr angenehme Telefonstimme, was zu ihrem hübschen Äußeren passte, auch wenn das der Anrufer nicht sehen konnte.

 

„Stein hier, Kriminalpolizei Köln, ich hätte gerne jemanden von Ihrer Geschäftsleitung gesprochen.“ Armin sprach in seinem Businesston, den er immer dann einsetzte, wenn er das erste Mal mit jemandem telefonierte.

 

„Herr Mühle und Frau Naseer sind in einem Meeting, da kann ich leider nicht stören. Kann ich etwas ausrichten?“ Julia Dürer war ganz Profi.

 

„Nein, bitte seien Sie doch so nett und versuchen Sie trotzdem mich mit einem der beiden zu verbinden, ja? Es geht um einen Mord an einem Ihrer Studenten.“ Armin versuchte dabei seine Stimme so nüchtern, wie es ging, klingen zu lassen, aber einen Mord teilte man auch nicht jeden Tag jemandem mit.

 

„Oh“, der Frau am anderen Ende stockte einen Moment lang der Atem, dann fand sie wieder in die Spur zurück. „Ich glaube, in dem Fall kann ich durchaus stören. Ich verbinde Sie mit Herrn Mühle. Bleiben Sie bitte am Apparat.“ Julia Dürer drückte zwei Tasten und wartete.

 

„Mühle, ich wollte doch nicht gestört werden Frau Dürer, was ist denn?“ Hermann Mühle klang aufgewühlt und gereizt. Die Sache mit den Plagiaten wurmte ihn. Immer wieder das gleiche Spiel, jedes Jahr, und jedes Jahr wurde es schlimmer.

 

„Herr Mühle, da ist ein Herr von der Kriminalpolizei am Telefon. Er sagt, es gehe um einen Mord an einem unserer Studenten.“ Julia Dürer flüsterte fast, sie wollte nicht, dass irgendwer mithören konnte. Sie war eben Profi.

 

„Verbinden Sie mich.“ Hermann Mühle stellte das Telefon auf Mithören und gab Sofia Naseer ein Zeichen.

 

„Stein hier, Armin Stein, Kriminalhauptkommissar bei der Kripo in Köln. Herr Mühle?“ Armin behielt seine Businessstimme.

 

„Ja.“ Hermann Mühle war ganz wortkarg, nach dem was seine Sekretärin ihm angedeutet hatte.

 

„Herr Mühle, haben Sie einen Studenten mit dem Namen Bertram Joseph Singh auf Ihrer Hochschule?“, fragte Armin.

 

„Ja, um was geht es denn?“ Hermann schaute Sofia fragend an, die seinen Blick ebenso unwissend erwiderte.

 

„Herr Mühle, dieser Herr Singh, wir gehen jedenfalls davon aus, dass er es auch ist, wurde heute Morgen verstümmelt, aber noch lebend in der Salierstraße in Junkersdorf gefunden. Er ist leider noch auf dem Operationstisch im Krankenhaus verstorben. Wir möchten Sie bitten, zu uns ins Polizeipräsidium zu kommen, um den Toten zu identifizieren. Außerdem müssen wir Ihnen ein paar Fragen stellen. Wenn Sie die Möglichkeit haben, bringen Sie uns doch bitte alles das an Unterlagen mit, was Sie über den Herrn Singh haben, das hilft uns dann sicher viel weiter.“ Zu Armins Programm gehörte es, Bitten immer freundlich vorzutragen, dann wirkten sie besser und hatten meist auch mehr Erfolg als gestellte Forderungen.

 

„Das ist ja schrecklich“, antwortete Hermann Mühle bestürzt. Dann gewann er seine Fassung wieder. „Herr Stein, ich bringe noch meine Kollegin Frau Naseer mit, außerdem lasse ich mir die Studienmappe geben, dann haben wir alle Unterlagen über Herr Singh. Ich schätze, dass wir so in einer halben bis einer Stunde bei Ihnen sein können. Was ist denn genau passiert?“ Hermann Mühle versuchte schon etwas über den Fall zu erfahren, damit er nicht so ganz unvorbereitet zur Polizei musste.

 

„Das erzähle ich Ihnen hier im Präsidium. Ich mache so etwas ungern am Telefon.“ Seine Stimmlage bat um Verständnis.

 

„Ich verstehe. Wo finde ich Sie im Präsidium?“ Der Chef der Hochschule war äußerlich wieder die Ruhe selbst. Er war eben der Chef.

 

„Melden Sie sich doch bitte beim Pförtner, ich lasse Sie dann abholen. Vielen Dank und bis später.“ Beide Teilnehmer legten auf und schauten ihre Gegenüber an. Hermann Mühle seine Kollegin Sofia Naseer und Armins Team.

 

„Sofia, hast Du das mitbekommen, der Singh ist tot! Und hat der nicht eben auch gesagt, dass der verstümmelt worden ist? Ich hoffe, der sieht nicht zu schlimm aus, ich habe noch nicht gefrühstückt.“ Hermann schluckte.

 

„Ich aber, und ich weiß nicht, was schlimmer ist. Ich lasse mir sofort die Unterlagen geben. Sag Du im Sekretariat Bescheid, dass wir weg sind. Ich kann mir denken, dass wir den ganzen Vormittag unterwegs sein werden.“ Sie wollte gerade aufstehen, als ihr anscheinend noch etwas anderes in den Sinn kam. „Hat der eben nicht gesagt, dass man den Singh in der Salierstraße in Junkersdorf gefunden hat? Sagt Dir das denn nichts?“ Sofia schaute Hermann eindringlich an.

 

„Nein, sollte es?“ Hermann schüttelte dabei den Kopf, legte aber mit der rechten Hand gleich wieder seine Haare richtig.

 

„Der Keiler wohnt doch in der Salierstraße.“ Sofias Stimme zitterte ein wenig, als ob sie einem Geheimnis auf der Spur war.

 

„Ach Du Scheiße, das hat uns gerade noch gefehlt. Meinst Du, wir sollten den anrufen?“ Jetzt wurde auch Hermann leicht nervös.

 

„Nein warte mal lieber, der erfährt das noch früh genug. Das ist bestimmt Zufall.“ Sie stellten die Tassen auf ein Tablett und gingen in Richtung der Tür.

 

„Gut, sag im Sekretariat Bescheid und dann können wir fahren. Ich glaube diese Sache hat Vorrang vor den Diplomarbeiten. Wir müssen nur zusehen, dass unsere Schule nicht mit dem Fall in die Presse kommt. Diese Art Reklame können wir nicht gebrauchen.“ Hermann dachte immer an das Wohl der Schule. Jedenfalls gingen alle davon aus.

 

Der Jaguar wirkte im Parkhaus des Polizeipräsidiums etwas deplaziert. Aber Hermann Mühle war kein Beamter im Polizeidienst und fuhr nun mal diesen Wagen. Sein Verdienst lag sicher wesentlich höher, als der eines Beamten im gehobenen Dienst. Er legte viel Wert auf seine Erscheinung. Das galt für die Kleidung, die Haare und das Auto. Sofia mochte es dagegen schlichter. Sie fuhr lieber mit der Bahn. Seit die Schule vor über zehn Jahren gegründet wurde, war auch sie mit dabei. Die Arbeit an der Privatschule machte ihr Freude, obwohl es manchmal Momente gab, an denen sie ihr stank. Nämlich immer dann, wenn unangenehme Aufgaben zu erledigen waren. Sie hatte sich daran gewöhnt, dass das Leben nun einmal nicht nur aus Sonnenschein bestand. An so einer Schule erlebte man sehr viel im Laufe der Jahre, aber ein Mord war bisher nicht unter den Vorfällen gewesen. Sie fand es ausgesprochen überflüssig, sich auch noch mit einem Mord herumärgern zu müssen. Und dass ein Mord Ärger bedeutete, war ihr in dem Augenblick klar geworden, als das Wort

„Mord“ im Telefon das erste Mal gefallen war.

 

Über das Treppenhaus gingen sie hinauf zum Pförtner.

 

„Guten Tag, wir sollen uns bei einem Kommissar Stein melden“, sagte Sofia, die zuerst an das Fenster herangetreten war. Hermann hielt sich diskret im Hintergrund. „Sind Sie bitte so freundlich und rufen Sie ihn an? Mühle und Naseer.“

 

„Stein haben wir drei hier, welchen wollen Sie denn bitte? Den von der Sitte, den Leiter der Soko oder den Mitarbeiter aus dem Zentralarchiv?“

 

„Ich weiß nicht genau, aber ich nehme an den von der Soko.“ Sofia tippte einfach mal, nachdem sie nach dem Wahrscheinlicheitsprinzip die anderen beiden Steins ausgeschlossen hatte.

 

„Achim hieß er, glaube ich, oder so ähnlich.“ Sie sah den Pförtner fragend an.

 

„Armin Stein, Soko, haben wir hier. Einen Augenblick bitte.“ Der ältere Pförtner lächelte Sofia so freundlich an, dass sie ganz verlegen wurde. Das hätte sie in einer Behörde nie erwartet. Und „Einen Augenblick bitte“ hatte er auch noch gesagt. Mit dem Zusatz „bitte“. Völlig ungewöhnlich für ein Amt.

 

Hermann Mühle und Sofia Naseer nahmen auf den Stühlen Platz, die in der Eingangshalle standen. Hermann bemerkte wenige Minuten später die junge, gut aussehende Frau, die aus dem Aufzug kam und beim Pförtner nachfragte. Sie kam auf die beiden Besucher zu.

 

„Ich bin Urszula Lewandowska, Soko Curry. Ich bringe Sie zu Herrn Stein, wenn Sie bitte mitkommen würden.“ Urszula reichte ihnen die Hand zum Gruß. Dabei hielt sie die Hand so, dass sie die Oberhand hatte und damit die anderen im Griff.

 

Sofia fiel sofort der leichte Akzent auf, mit dem Urszula sprach. Sie fuhren mit dem Aufzug hoch. Urszula ging vor und öffnete, ohne zu klopfen, eine Bürotür.

 

Armin stand hinter seinem Schreibtisch auf und kam ihnen entgegen.

 

„Stein, Armin Stein. Ich bin der Leiter einer Sonderkommission. Frau Lewandowska haben Sie ja bereits kennen gelernt. Sie ist eine mit EU-Mittel geförderte Mitarbeiterin der Danziger Polizei, die hier ein EU-Förder- Programm durchläuft. Und das ist Kollege Forisch, meine rechte Hand.“ Roman stand am Fenster und nickte.

 

„Vielen Dank, dass Sie so schnell kommen konnten.“ Armin schüttelte den beiden Besuchern die Hand.

 

„Mühle.“ Knapper ging es kaum. Hermann schaute mit kühlem Blick und registrierte das nüchterne Büro von Armin.

 

„Naseer.“ Auch Sofia war nicht viel wortreicher.

 

Armin bot ihnen mit einer Handbewegung Platz an. Roman setzte sich an einen Schreibtisch und begann, ein Protokoll anzufertigen.

 

„Können Sie uns jetzt sagen, was eigentlich passiert ist?“, fragte Hermann Mühle etwas ungeduldig, nachdem sich alle gesetzt hatten.

 

„Natürlich, aber viel wissen wir leider auch noch nicht. Heute in der Nacht, na eher in den frühen Morgenstunden, fand ein Spaziergänger in der Salierstraße in Junkersdorf einen jungen

 

Mann, angelehnt an einen Baum. Der junge Mann lebte zwar noch, konnte sich aber nicht artikulieren. Ihm waren die Hände abgeschnitten, ordentlich vernäht und dann verbunden worden. Aber daran ist er später nicht gestorben. Man hatte dem jungen Mann auch noch die Zunge herausgeschnitten und daran ist er schließlich verblutet. Er hat das Blut anscheinend heruntergeschluckt, denn es war nicht viel auf der Kleidung zu finden. Er ist einfach verblutet. Bis jetzt haben wir nur einen Studentenausweis bei ihm gefunden. Er ist von Ihrem Institut und auf den Namen Bertram Joseph Singh ausgestellt. Der Ausweis war durch ein Loch in der Jackentasche in den Saum der Jacke gerutscht. Da der Mann sonst keinerlei Papiere bei sich hatte, nehmen wir an, dass man ihm alles abgenommen, diesen Ausweis aber übersehen hat. Nur noch mal fürs Protokoll, haben Sie einen Studenten mit dem Namen?“

 

„Ja, und wir haben auch die Studienmappe mitgebracht, dort sind alle Unterlagen des Herrn Singh gesammelt.“ Sofia zog die Mappe aus ihrer Aktentasche. Es war eine dieser üblichen Hängeregister, wie sie auch in den Behörden üblich sind.

 

„Darf ich die Unterlagen kopieren lassen?“, fragte Armin freundlich und blickte in unbewegte Gesichter. „Mein Assistent wird das gerne machen, wenn wir später zur Identifizierung hinüber in die Rechtsmedizin gehen.“ Sofia Naseer reichte die Mappe wortlos rüber, was Armin als „Ja“ wertete. Armin sah Besorgnis in ihren Augen aufflackern.

 

„Ich verspreche Ihnen, dass wir die ganze Sache so diskret wie möglich behandeln werden. Bevor wir weitermachen, würde ich Ihnen aber gerne erst mal einen Kaffee anbieten.“

 

Armin versuchte, den perfekten Gastgeber zu spielen. Er wollte den Beiden so die Angst vor der Behörde nehmen, die jeder hatte, wenn er ins Polizeipräsidium musste und unschuldig war.

 

„Nein, danke, ich nicht“, antwortete Sofia sofort.

 

„Danke, gerne“, meinte dagegen Hermann Mühle.

 

Roman nahm die Thermoskanne und stellte sie zusammen mit vier Tassen auf den Tisch. Den Kaffee hatte er heute am Morgen gekocht, während Armin und Urszula in der Rechtsmedizin waren.

 

„Also was können Sie uns denn über den Herrn Singh erzählen?“, führte Armin das Gespräch fort.

 

„Nun“, begann Hermann Mühle, „Herr Singh ist Student im Bereich Medienbetriebswirtschaft. Er ist im sechsten Semester und hat gerade seine Diplomarbeit geschrieben. In zwei Monaten ist er ... wäre er fertig. Er ist, Entschuldigung, er war einer der eher ruhigen, unauffälligen Studenten mit mittelguten Noten. Sein Auslandssemester hat er in den USA gemacht. Wie viele andere auch in der Medienbranche in Kalifornien. Das scheint so etwas wie das Traumland für alle Medienstudenten zu sein.“ Herrmann Mühle rührte gedankenlos in seinem Kaffee herum, obwohl er sich keinen Zucker hineingetan hatte. Vielleicht aus Gewohnheit.

 

Armin wollte nicht, dass das Gespräch ins Stocken geriet und schaute deshalb auffordernd zu Sofia Naseer hinüber.

 

„Also ich kann auch nicht viel mehr zu ihm sagen. Ich habe ja mit den Studenten nicht so wahnsinnig viel zu tun. Aber ich kenne ihn natürlich. Wenn einer drei Jahre bei einem ist, dann läuft man sich schon immer mal wieder über den Weg. Herr Singh war eigentlich immer sehr freundlich, sehr ruhig, eher mehr der Einzelgänger, was bei den Medienleuten ja eher selten ist. Ja, man kann fast sagen, er war introvertiert. Die Anderen sind da eher manchmal etwas ausgeflipptere Typen.“

 

„Hatte er Freunde an Ihrer Schule?“ fragte Roman.

 

„Hatte er bestimmt, aber fragen Sie mich bitte nicht nach Namen. Ich weiß nur, dass er öfters mal mit der Jasmin Mbecki und dem Michael von Soltow zusammenstand, aber ob die befreundet waren, das kann ich Ihnen beim besten Willen nicht sagen. So gut kennen wir die Studenten meist nicht. Er kam nur dann zu mir ins Büro, wenn es wirklich erforderlich war. Ansonsten eher unauffällig würde ich sagen.“ Sofia Naseer wirkte sehr gefasst, aber nicht ganz gelassen. Man konnte ihr die Nervosität anmerken.

 

„Wissen Sie vielleicht, was er in der Salierstraße zu tun gehabt haben könnte, so weit weg von seinem zu Hause? Die Lessingstraße in Weiden, wo er gewohnt hatte ist schließlich ein ganzes Stück weit weg.“ Armin trank endlich auch einen Schluck von seinem Kaffee und schaute Roman anerkennend an. Der hatte den Kaffee nach einem Rezept von Römisch Drei, dem ehemaligen EU-Geförderten aus Österreich zubereitet. Mit Muskatnuss.

 

„Nein, aber sagen Sie mal, wo in der Salierstraße haben Sie ihn denn gefunden?“ Hermann Mühle war die Neugierde anzumerken. „Das war ziemlich am Anfang der Straße, wenn man von der Aachener Straße aus herkommt.“ Armin hatte diese Neugierde bemerkt und beobachtete den Schulleiter jetzt genauer. Es war ungewöhnlich, dass man solche Fragen gestellt bekam. In den meisten Fällen steckte irgendetwas dahinter. Dieses Mal brauchte Armin jedoch nicht zu bohren.

 

„Das ist allerdings schon merkwürdig. In dieser Straße wohnt nämlich der Inhaber unserer Schule, Herr Bernd Keiler. Aber das ist doch wohl eher ein Zufall.“

 

„Ach wissen Sie, den Zufall kenne ich nur als Kollegen“, sagte Armin lächelnd. „Wir nennen ihn Kommissar Zufall. Was uns so oft als nebensächlich oder zufällig erscheint, ist häufig ein Zeichen, welches wir nur nicht direkt erkennen.“

 

Armin gab damit sowohl Roman, als auch Urszula eine kleine Lektion mit ins Leben eines Kriminalbeamten. „Mag sein, ich dachte ja nur“, brummte Hermann vor sich hin.

 

„Danke, das ist nett, haben Sie denn zufällig“, Armin grinste bei dem Wort, „die Adresse oder Telefonnummer Ihres Chefs dabei?“

 

„Nicht zufällig, absichtlich“, konterte Hermann Mühle.

 

„Die haben wir im Kopf“, meinte jetzt auch Sofia.

 

Hermann nahm eine Visitenkarte aus seiner Tasche und reichte Sie Armin über den Tisch. „Hier haben Sie seine Karte.“

 

„Danke.“ Armin nahm die Karte entgegen und legte sie sorgfältig vor sich auf den Tisch. „Tja, dann bleibt uns jetzt nur noch der Gang zur Rechtsmedizin übrig. Es wäre schön, wenn

Sie beide mitkämen.“

 

Alle standen auf. Während Roman die erforderlichen Kopien der Studienmappe anfertigte, machten sich die anderen auf den Weg. Hermann Mühle und Sofia Naseer kam es irgendwie vor wie der Gang zum Schafott.

 

Es fiel ihnen nicht leicht, denn weder Hermann Mühle noch Sofia Naseer hatten bis jetzt einen Toten in einer pathologischen Abteilung gesehen. Jedenfalls nicht außerhalb eines TV-Geräts. Fernsehen war da doch etwas anderes als die Wirklichkeit. Sofia drehte sich in dem Moment, als das Laken vom Gesicht des leblosen Körpers entfernt wurde, schnell wieder um, während Hermann wie gebannt auf den Toten starrte.

 

„Ja, das ist Bertram Joseph Singh“, sagte er mit trocknem Hals.

 

„Wer macht so etwas nur?“, schluchzte Sofia, bevor sie schnellen Schrittes den Raum wieder verließ. Hermann Mühle stand immer noch wie versteinert da. Er kam erst wieder zu sich, als Urszula ihn am Arm nahm und ihn hinausführte.

Versprechen

 

Das „Team“, wie sie sich nannten, traf sich in der Wohnung von Lars Görres. Außer ihm selbst waren noch Günther Winter und Michael von Soltow anwesend. Sie saßen um einen kleinen Tisch herum und tranken grünen Tee, den Lars aufgegossen hatte.

 

„Ich hoffe, die haben den Kerl noch gefunden. Der soll noch lange wissen, dass man so nicht mit uns umgehen kann.“ Günther Winter war blass und machte seinem Namen alle Ehre.

 

„Meinst Du nicht, dass wir einen Schritt zu weit gegangen sind? Was ist, wenn der doch irgendwie aussagen kann, wer es war, dann sind wir für den Rest unseres Lebens im Knast!“ Lars Görres trank aus einem Becher mit dem Logo der Hochschule und die Angst stand ihm ins Gesicht geschrieben.

 

„Wie sollte der etwas aussagen?“, fragte Michael von Soltow, während er in der Wohnung auf und ab ging. „Erstens kann er nicht mehr sprechen und zweitens nicht mehr schreiben. Und wenn er nicht mehr lebt, dann findet die Polizei auch nur schwer heraus, wer es war. Aber ich finde immer noch, dass wir richtig gehandelt haben.“ Er schaute in verständnislose Mienen.

 

„Seht mal: Der Kerl wollte uns seine Diplomarbeit nicht bezahlen. Und verraten wollte er uns auch noch. Wir mussten ein Exempel statuieren. Stellt Euch mal vor, das spricht sich rum, dass wir nichts machen, wenn jemand nicht zahlen will. Dann ist unsere Firma am Ende.“ Michael von Soltow schaute seine Kollegen nacheinander eindringlich an. Seine Aussage ließ eigentlich keinen weiteren Einspruch mehr zu.

 

„Aber wenn der gestorben ist, dann ist das nicht nur Körperverletzung, dann ist das Mord Michael!“, rief Lars aufgebracht.

 

„Lass uns erst einmal abwarten, was wir morgen in der Zeitung lesen“, beschwichtigte von Soltow seine Kommilitonen. „Der liegt sicher im Krankenhaus und wird von einer netten Krankenschwester gefüttert.“ Michael drehte sich eine Zigarette und steckte sie sich mit einem Dupontfeuerzeug an, auf dem seine Initialen eingraviert waren.

 

„Und selbst wenn nicht, Lars, wie sollen die auf uns kommen?“ Michael nahm einen tiefen Zug.

 

„Und Du bist sicher, dass man keine Spuren im Keller findet?“ Lars Görres fragte immer alles mehrmals nach, auch im Unterricht.

 

„Klar, die Hände sind im Rhein verschwunden und die Zunge im Gully. Hast Du die Folie vergessen, mit der wir den Boden abgedeckt haben? Die habe ich danach zerschnitten und in verschiedene Container geworfen.“ Michael nahm den nächsten tiefen Zug. Dieses Mal einen Lungenzug, den er dann den beiden Freunden entgegen blies.

 

„Kommt“, sagte Lars Görres und erhob sich. „Wir müssen gehen, wir dürfen jetzt in der Uni nicht auffallen, ich habe heute Vormittag noch Vorlesungen. Und Ihr?“

 

Beide nickten zustimmend und machten sich zum Aufbruch bereit.

 

„Lasst uns aber mit der Bahn fahren. Ich habe meinen Wagen an der Tankstelle zur Innen- und Außenwäsche abgegeben. Und kein Sterbenswörtchen zu anderen. Versprochen?“ Michael zog sich seine Jacke über, nachdem er die Zigarette ausgedrückt hatte.

 

„Versprochen.“ Lars Görres hatte wieder Mut gefasst.

 

„Versprochen“, antwortete auch Günther Winter, dessen Gesicht immer noch eine ungesunde Farbe hatte.

 

Sie tranken alle drei schnell noch ihren Tee aus, nahmen ihre Taschen und gingen die Treppe runter.

 

Die Moltkestraße in Weiden war um diese Zeit sehr belebt. Gemeinsam gingen sie bis zur Haltestelle Weiden Mitte der Linie 1 und stiegen in die Bahn, die gerade dort Halt gemacht hatte. In der Bahn nahmen sie ihre Bücher heraus und lasen, wie viele andere Studenten auch auf ihren Bahnfahrten. Niemand ahnte, wer da neben ihnen saß.