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Als die Arbeiter bei Rhein-Rohr in Frechen eine Palette Abflussrohre aus dem Tunnelofen räumen, finden Sie eine künstliche Hüfte und wenig Asche, die vom Winde verweht wird. Krematorium Steinzugrohr? Die Geschäftsleitung ist entsetzt und ruft die Polizei. Da der Hauptsitz der Firma in Köln ist, wird Kommissar Stein mit seiner Soko „Stadtgrenze“ zur Klärung des Falles herangezogen. Ihm zur Seite steht sein Assistent Roman Forisch und der EU-Austauschpolizist Aad van der Muilen aus Belgien. Dass es sich um einen Mord handelt – und nicht um einen Unfall – steht schnell fest. Doch wem gehört diese Hüfte? Über eine Nummer auf der Prothese und Aads internationalen Beziehungen ermittelt das Team den Namen des Opfers. Damit fangen die Verstrickungen in diesem Fall jedoch erst an. Armin findet sich schnell in einem Netz aus Industriespionage und anderen dunklen Machenschaften wieder, das er mühsam entwirren muss. Ein typischer Klose, gespickt mit Humor, kölscher Lebensart und dem unverwechselbaren Stil von Kommissar Armin Stein.
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Seitenzahl: 294
Veröffentlichungsjahr: 2013
KOMMISSAR STEIN UND DER
TUNNELOFEN
PETER WOLFGANG KLOSE
EIN KRIMINALROMAN AUS DER REGION KÖLN
Karl-Heinz Flick gewidmet
Copyright © 2008 by Peter-Wolfgang Klose, Köln
Herstellung:
PublikationsService® – Produktion & Verlag
Armin Zupan, München
www.publikations-service.de
Dieses Buch wurde auf chlor- und säurefreiem
Papier gedruckt
Printed in Germany
ISBN: 978-3-936904-75-8
Alle Personen und Geschehnisse dieses Romans
sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen und
tatsächlichen Geschehnissen wären rein zufällig.
Die Unternehmen, Namen und Daten in den hierin befindlichen Beispielen sind frei erfunden,
soweit dies nicht anders angegeben ist oder der besseren Orientierung gilt.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar
Wo sollte er dieses Mal Urlaub machen? Armin Stein, seines Zeichens Kriminalhauptkommissar für die „Soko Stadtgrenze“, saß zusammen mit Roman Forisch, seinem Assistenten, in seinem Büro im Polizeipräsidium Köln und plante im Sommer drei Wochen Erholung. Die letzten zwei Jahre war immer wieder ein wichtiger Fall dazwischen gekommen Man hatte ihn von der netten Engelwirtin in Mühbrook weggeholt und beim zweiten Mal sogar seinen Urlaub stornieren lassen. Dieses Mal wollte er wieder mit dem Motorrad fahren. Irgendwohin, wo er sich richtig erholen konnte.
„Sag mal, wie wäre es denn, wenn Du Dir ein Appartement in Tirol nimmst. Da bist Du weit genug von hier weg und mit dem Motorrad ist das auch eine schöne Fahrt. „ Roman schaute gerade im Internet nach. „Da gibt es auch jetzt noch Last Minute welche. Spotbillig, genau für uns Beamte geeignet.“
„Wo fährst Du denn hin?“
„Ich fahre mit Axel nach Barbados, wir wollen mal Tauchen.
Hoffentlich geht das gut und wir verschwinden nicht im Bermuda Dreieck.“ Roman lachte laut, denn Bermuda Dreieck wurde auch ein Viertel in Köln genannt, wo schon so mancher Homosexuelle sein Herz verloren hatte.
„Aber Du kannst doch auch zu Deiner Schwester fahren. Bruno, Dein Neffe wird sich sicher freuen, wenn Du kommst und der Bodensee ist auch sehr schön.“
„Der schon, aber mein Schwager sicher nicht. Ach weißt Du, ich mache wieder mal eine Robinsonreise. Ich fahre einfach Richtung Süden und werde schon irgendwo an Land gespült.“
„Und findest dann Freitag.“ wieder erschall dieses Lachen, für das Roman bekannt war.
„Mach Dir keine Hoffnung, ich gehörte doch nicht zu Deiner Familie. Außerdem bin ich eingefleischter Junggeselle.“
„Am Montag sind wir aber erst einmal weg. Wenn wir dann in drei Wochen wieder hier sind, wartet auch ein neuer EU- Geförderter auf uns. Hast Du schon einen Bescheid bekommen, wer es dieses Mal ist und woher er kommt?“
Armin nahm einen schmalen Hefter heraus. „Hier, das sind die Unterlagen. Komm rüber, bring anständigen Kaffee mit, dann beschäftigen wir uns mit ihm.“
„Aha, ein Mann.“
„Ja, aber erst einmal einen Kaffee, wir müssen danach noch ein paar Dinge aufarbeiten. Ich habe immer gerne alles erledigt, bevor ich in Urlaub fahre. Und Du solltest auch nichts liegen lassen. Auf Deinen Posten sind doch auch andere scharf. Also Kaffee kochen, herkommen, durchsehen, weiterarbeiten.“
„Yes Sir!“ Roman stand stramm und legte die Hände an die Hosennähte.
Er kochte den Kaffee so wie immer. Es war der Kaffee, den römisch Drei damals eingeführt hatte. Der österreichische EU-Geförderte war darin Spezialist gewesen. Hin und wieder meldete er sich noch aus Klagenfurt.
„Du da fällt mir ein, Du kannst ja auch zu römisch Drei fahren. Das ist auch schön dort.“, Roman füllte gerade das Eis in die Becher, bevor er die Muskatnuss darüber rieb und es dann mit Kaffee und Schlagsahne auffüllte und das Kakaopulver darüber streute.
„Um dann dort die ganze Zeit Polizeigeschichten zu hören. Du kennst ihn doch ‚Herr Kriminalhauptkommissar’ hier‚ Herr Kriminalhauptkommissar’ dort.“ Beide lachten.
Armin leckte sich schon die Lippen nach dem Kaffee.
„Also dann Robinson ohne Freitag. Und das im Süden.
Der Kaffee schmeckte wunderbar, der Geruch nach leichtem Kakao und die Kugel Vanilleeis gaben mit dem Hauch von Muskat ein herrliches Aroma.
„Also, lass mal sehen. Der junge Mann heißt Pierre van Cleven und kommt aus Antwerpen in Belgien. Er ist in der dritten Generation bei der Gendarmerie. Sein Großvater war noch einfacher Polizist, sein Vater sitzt in der Verwaltung im Ministerium und er hat die Gendarmerieschule mit ausgezeichneten Noten abgeschlossen. Er spricht Flämisch, Französisch, Deutsch, Englisch und Spanisch. Uff, da müssen wir uns anstrengen. Während der Schulzeit war er ein Jahr in den USA in Scottsdale Arizona zum Schüleraustausch. Daher seine guten Englischkenntnisse. Er studierte bis vor einem Jahr an der Business School of Management in Maastricht und hat seinen Bacchelor gemacht. Scheint ja ein kluges Köpfchen zu sein. Hoffentlich ist er auch Praktiker. Theoretiker haben wir selbst genug. Aha hier ist auch sein Bild. Na ja, rote Haare und kräftige Nase, Sommersprossen. Energisches Kinn. Wirkt sehr natürlich. 192 cm groß. Also größer als wir.“
„Wie Axel.“, meinte Roman.
„Augen blau. Hat eine Spezialausbildung in Terrorabwehr gemacht. Hoffentlich brauchen wir ihn nicht dafür. Hat sich für den Austausch beworben, weil er meint, dass die Zusammenarbeit in Europa und speziell in der Euroregion wichtig sein. Wurde vom Ministerium nach Rücksprache mit seinen Vorgesetzten bewilligt. Na ja, mal sehen welche Macken er hat. Das ‚Uäääh’ von Wienus, oder die Trägheit von A-G? Ich lass mich überraschen. Wann fliegt Ihr denn?“
„Übermorgen um 7.00 Uhr. Ich bin schon ganz nervös. Nachts träume ich schon Tsunamis, Hurricans und so. Hoffentlich geht das gut. Die Impfungen habe ich gut überstanden. Wir haben auch was gegen Durchfall mit. Du kennst doch Montezumas Rache.“
Sie saßen noch eine Weile, erledigten liegen gebliebene Schriftstücke und sortierten alles aus, was sich selbst erledigt hatte.
Am nächsten Tag machten sie noch einen Rundgang zu den Kollegen und meldeten sich bei Ihrem Chef zum Urlaub ab.
„Gute Reise, und was auch immer passiert, ich hole Sie dieses Mal nicht aus dem Urlaub zurück. Erholen Sie sich gut, Sie hatten dieses Jahr viel zu tun und gute Arbeit geleistet. Sie müssen ja auch schließlich fit sein, denn Sie sind ja unser EU-Vorzeigebeamte.“, lachte der Polizeidirektor.
„Na ja, EU-Durchschnittsbeamte.“, verbesserte Armin ihn.
„Und Sie erholen sich auch. Ich habe auch noch eine Überraschung für Sie. Ab 01. Januar nächsten Jahres werden Sie Herr Stein A12 bekommen. Und Sie Herr Forisch werden zum Kriminaloberkommissar befördert. Zufrieden? Hat ja auch lange genug gedauert. Aber manchmal hilft es auch ‚Durchschnitt’ zu sein. ‚EU-Durchschnitt’. Gute Erholung und kommen Sie gesund und erholt wieder.“ Er reichte ihnen beiden die Hand und verabschiedete sie.
Als sie beide wieder im Büro waren, packten sie alles zusammen und gingen gemeinsam ins ‚La Barra’ am Barbarossa Platz, Dort bestellten sie sich eine Flasche vom guten Cava. Olaf staunte. So gut gelaunt hatte er die zwei Polizisten, die er ja seit einiger Zeit kannte noch nie gesehen.
Der Urlaub verging wie im Flug. Armin war in die das Erzgebirge gefahren und hatte sich dort in dem kleinen Ort Scheibenberg niedergelassen. Er hatte ein Privatquartier beim örtlichen Taxifahrer gefunden, mit eigenem Bad und WC und war wie ein Familienmitglied aufgenommen worden. Am besten gefiel ihm das morgendliche Frühstück mit selbst gemachter Marmelade und frischem Brot. Seine Wirtin Marianne koche hin und wieder am Abend für ihn mit und nahm ihn voll in die Familie auf. Ehemann Gerhard interessierte sich mehr für das Motorrad. Er selbst war ein großer Bastler vor dem Herrn und so tauschten die Beiden ihre Erfahrungen aus. Gerhard bastelte gerade an einem alten VW Käfer herum, der schon über dreißig Jahre alt war. Die Tage waren Erholung pur.
Armin war glücklich, dass sich irgendwie niemand für seinen Beruf interessierte, denn das nerve ihn in seiner Freizeit am meisten. Er fuhr durch die Orte, schaute sich in Annaberg die große Kirche an und machte auch einen Abstecher nach Karlsbad in Tschechien. Mit dem Wetter hatte er Glück, denn es war weder zu warm noch zu trocken. Wenn er es gemütlich haben wollte, fuhr er gemütlich den Scheibenberg hoch, setzte sich unter den Aussichtsturm zu einer Brotzeit mit Speckbemme und dunklem Magisterbier. Dieses heimische Bier schmeckte ihm gut. Man merkte die Nähe zur Urquelle der Braukunst in Pilsen.
Armin hoffte, dass sich sein Assistent Roman auf Barbados ebenfalls gut erholte, denn das nächste Jahr würde wieder lang werden, bevor man wieder an Urlaub denken konnte. Zuhause erwarte ihn eine Postkarte, die Roman und sein Freund Axel zwei Tage nach ihrer Ankunft geschrieben hatten. Sie hoffen, dass die Karte noch vor ihrer Rückreise ankommen würde.
Sein Neffe Bruno hatte ihm gemailt und sich noch einmal dafür bedankt, dass er sein Praktikum in Köln bei der Polizei machen durfte. Sein Vater hätte sich nur gewundert, dass er sich eine Glatze hatte schneiden lassen und gefragt, ob er vielleicht unter die Skins gegangen wäre. Das mit den grünen Haaren hätte er sich nicht getraut zu sagen.
Armin packte seine Satteltaschen aus und steckte die T- Shirts in die Waschmaschine. Dann ging er erst einmal einkaufen. Er freute sich auch wieder auf seine eigene Küche.
Vorsichtshalber hatte er seinen Anrufbeantworter nicht eingeschaltet. Wer sollte ihn auch, außer vielleicht sein Chef, anrufen? Der hatte aber auch seine Handynummer.
Am Montag fuhr Armin wieder ins Präsidium. Für einen Montagmorgen waren die Straßen sehr leer. Das lag sicher daran, dass immer noch Ferien waren. Armin war extra so früh gefahren, so dass er vor Roman im Büro war. Aber da irrte er sich. Roman saß braungebrannt, mit von der Sonne und dem Meer ausgeblichenen Haaren schon am Schreibtisch und sortierte einige Unterlagen. Kaffeeduft, wie zu Zeiten seines EU-Geförderten aus Österreich zog durch die Luft und auf dem Tisch standen frische Brötchen und etwas Aufschnitt.
„Ich sehe Du siehst gut erholt aus, mein lieber Robinson.“ Grüßte Roman seinen Chef. „Wie war es und wo warst Du denn?“
„Immer der Reihe nach. Du siehst auch super aus. Muss ja prima Wetter gewesen sein.“
„Und nicht nur das. Wir haben fantastisch getaucht und uns wunderbar erholt. Da musst Du auch mal hin.“ Roman strahlte richtig.
„Du weißt doch, ich fliege nicht gerne, ich habe doch Fugangst. und nach Barbados mit dem Motorrad geht wohl schlecht. Übrigens noch Danke für die Postkarte.“ Armin schaute sich im Büro um. Sie setzten sich an den Konferenztisch und frühstückten. Dabei erzählten sie sich ihre Erlebnisse aus dem Urlaub. Roman war ganz aufgekratzt, während Armin ruhig blieb.
„Gleich muss ja auch unser Neuer mit dem Chef kommen. Vielleicht sollten wir vorher das Frühstück wegräumen, sonst denkt der Chef noch, wir hätten nichts zu tun.“
Er hatte noch nicht richtig ausgesprochen, als auch schon die Tür, ohne dass jemand anklopfte, aufging. Der Polizeipräsident trat mit einem Mann ein, der bestimmt um die vierzig Jahre alt war.
„Herr Stein, Herr Forisch, darf ich Ihnen Ihren neuen EU- Geförderten Kollegen Herrn van Muilen vorstellen. Er ist praktisch Ihr belgisches Gegenstück.“
Armin und Roman schauten sich an. Das war nicht der Mann, den sie erwartet hatten.
„Hallo ich bin Aad van Muilen aus Antwerpen, Herr van Cleven hatte einen schweren Unfall und da hat Brüssel entschieden, dass ich doch einmal zu Ihnen kommen soll. Von wegen der Zusammenarbeit Belgien /Deutschland. Ich bin in Antwerpen für die Kriminalpolizei tätig und wir haben ja viele Fälle die über die Grenze gehen. Mit den Niederlanden und Luxemburg haben wir nie Probleme, aber die deutschen Gesetze machen uns mitunter das Leben etwas schwerer.“
Armin fasste sich zuerst und stand auf. „Willkommen in unserer Soko. Das ist Roman Forisch mein Mitarbeiter und Kollege. Es freut mich Sie hier zu haben. Leider haben wir im Augenblick nur Routinefälle, aber das kann sich schnell ändern.“
Der Polizeipräsident verabschiedete sich und überließ die drei Männer ihrem Schicksal. „Möchten Sie einen Kaffee?“, fragte Roman den Neuen.
„Gerne, aber ich bin der Aad, in Belgien sind wir etwas lockerer als hier in Deutschland. Das haben wir von den Niederländern übernommen. Wenn Sie nichts dagegen haben, sagen Sie bitte Aad zu mir.“
„Dann bin ich auch der Armin und das ist Roman und wir benutzen auch das Du, einverstanden?
„Das ist nett. Routine muss ja auch sein. Haben Sie denn etwas, wo ich mich schon dran beteiligen kann?“
„Roman zeige Aad doch bitte erst einmal unsere Computer und wie man in die verschiedenen Programme kommt, ich sehe dann zu, was wir von unserer Arbeit abgeben können. Hast Du denn schon eine Wohnung?“
„Man hat mich in der Polizeischule in Bühl untergebracht. So gut war ich noch nie bewacht. Aber so viele Falschparker habe ich auch noch nie gesehen. Na ja, die eigenen Leute eben.“ Sein Deutsch klang irgendwie lustig. Das lag sicher am Dialekt, den er sprach.
Alle lachten.
Armin hatte sich gerade an seinen Schreibtisch gesetzt, als das Telefon klingelte. Er nahm ab, sprach kurz und ging dann zu seinen beiden Kollegen rüber in das andere Büro. Die Tür stand offen.
„Manchmal kommt es schneller als man denkt. Wir müssen nach Frechen, dort ist etwas passiert, und niemand kann sich genau erklären was es ist. Roman rufe bitte die Spurensicherung an und gib Ihnen diese Adresse durch. Er reichte Roman einen Zettel.
„Wieso denn Frechen, ist da nicht die Rhein-Erft-Polizei für zuständig?’ Eigentlich ja, aber der Hauptsitz der Firma ist in Marsdorf und das ist Köln. Deshalb hat man uns angerufen. Außerdem ist der Kollege von der Soko Mord in Bergheim gerade mit zwei anderen Fällen beschäftigt. Also, nimm Dein Zeug mit und komm. Aad Du fährst mit uns mit.“ Armin stand schon bereit.
Romans Wagen stand in der Tiefgarage und war in den drei Wochen leicht eingestaubt. Über die Autobahn fuhren sie in Richtung Aachen und dann in Frechen wieder ab. Der Alltag hatte sie wieder.
Wohin sie auch sahen, nichts als Steinzeugrohre. Armin stand vor der Fabrik und wusste nicht wo der Tatort sein sollte. Er entdeckte ein Büro. „Export“ stand auf der Tür. Roman ging hinein. An einem Schreibtisch saß eine Sekretärin, die einer Praktikantin gerade eine Abrechnung erklärte. An einem zweiten Schreibtisch saß ein älterer Mitarbeiter, der Roman mit einem etwas griesgrämigen Gesicht ansah.
„Ja, was ist?“ fragte er.
„Entschuldigung, Forisch von der Kriminalpolizei aus Köln. Wir suchen den Tatort. Wir sind angerufen worden, dass man hier etwas gefunden habe, was nicht ganz geheuer wäre und was man sich nicht erklären könne. Es war ein Herr Baumann, der uns angerufen hat.“ Roman hielt ihnen seinen Polizeiausweis entgegen.
Die Sekretärin schaute zu Roman hoch.
„Der Baumann sitzt dahinten.“ Dabei zeigte sie in Richtung der Wand, hinter der irgendwo der Herr Baumann sitzen sollte. Es führte allerdings keine Türe dorthin.
„Sind Sie mit dem Auto hier, oder wollen Sie lieber laufen.
Ich kann Ihnen auch ein Fahrrad leihen. Ein Firmenfahrrad.“ Sie lächelte Roman an.
„Wir sind mit Autos hier.“ Roman nickte in Richtung Tür.
„Gut, dann zeige ich Ihnen, wie Sie zu Herrn Baumann kommen.“ Sie stand auf und ging zur Tür. Roman folgte Ihr.
„Sehen Sie den LKW dort. Dahinter fahren Sie lang, immer der Straße nach. Dann am Ende rechts, und dann die nächste Gelegenheit links. Um das Gebäude ein Stück rum. Da ist ein Rolltor und da ist auch das Büro von Herrn Baumann. Sie können aber auch wieder hier raus fahren und dann dort entlang, um die Ecke und die Einfahrt rein. Dann sind Sie da, wo Sie sonst links abbiegen müssten, aber dann geradeaus fahren müssen. Haben Sie mich verstanden.“ Sie sah aus, als sie den Weg gerade in Gedanken gefahren.
„Genau. Wir werden es schon finden.“ Roman lächelte zurück. Er hatte nichts verstanden.
„Wenn nicht, gebe ich Ihnen meine Telefonnummer mit und dann rufen Sie mich an, wo Sie sind, dann leite ich Sie per Telefon weiter.“ Sie schrieb ihm die Nummer auf einen Zettel, den sie aus der Tasche zog.
„Das ist nett von Ihnen. Vielleicht können Sie ja Herrn Baumann schon einmal anrufen, dass wir auf dem Weg sind.“, fragte Roman leicht zögerlich.
„Mache ich, worum geht es denn?“ Jetzt schaute die Sekretärin neugieriger als eben noch zu Roman hin.
„Das wissen wir auch noch nicht genau. Aber Sie werden es sicher bald erfahren. Nochmals vielen Dank für die Wegbeschreibung.“
Roman setzte sich wieder ans Steuer und fuhr los.
„Frag mich besser nicht, wie wir hinkommen, ich frag mich hier besser durch. Das war wieder mal so eine Beschreibung, die man vergessen kann.“
Er fand das Fabrikgebäude, trotz oder wegen der Beschreibung. Ein junger Mann stand mit einem Farbpinsel in der Hand neben einem Rolltor und strich ein Gitter mit Mennige rot an.
„Wir suchen Herrn Baumann.“, fragte ihn Roman durch das geöffnete Fenster.
„Ich weiß, wen Sie meinen. Einmal um die Ecke. Da ist ein Rolltor. Da müssen Sie rein, da ist auch das Büro.“ Der junge Mann schaute nicht einmal hoch, als er antwortete.
„Danke, das ist nett von Ihnen.“, rief Roman ihn noch zu. Dann parkte er den Wagen.
Das Rolltor war offen. Ein kleiner Flur führte zu einer Tür und den Toiletten. Sie klopften an die Türe mit der Aufschrift ’Büro’. Dort saß ein älterer Mann in Zivilkleidung. Er passte auch eher in ein Büro als in eine Fabrik. Überall liefen sonst die Mitarbeiter in Blauzeug oder in grauen Kitteln herum.
„Sie sind sicher die Herren von der Polizei. Ihre Kollegen von der Wache Frechen sind mit Herrn Baumann und Herr Germa in der Halle. Ich bringe Sie hin. Sie können Ihren Wagen hier parken oder müssen Sie damit auch in die Halle?“, fragte er und stand auf.
„Das müssen wir erst einmal sehen. Wir lassen ihn solange hier stehen.“ Armin lächelte ihm dabei zu. Ältere Mitarbeiter sind immer gute Informationsquellen.
Armin, Aad und Roman folgten dem Mann. Die Kollegen der Spurensicherung gingen hinter ihnen her. Sie hatten ihren Wagen gleich hinter Roman geparkt.
Überall in der großen Fabrikhalle lag feiner grauer Tonstaub. Auf großen Palettenwagen standen Steinzeugrohre jeder Größe. Zum Teil gebrannt, zum Teil noch roh. Hin und wieder lagen Holzstücke, Schamottringe oder Metallpaletten herum. Schienen kreuzten ihren Weg. Zum Teil führten dünne Stahlseile in Führungskanälen über den Boden.
„Seien Sie bitte vorsichtig. Wenn sich diese Seile bewegen, dann kann sich auch einer von den Wagen bewegen. Die sollten Sie nicht gerade abbekommen. Links von ihnen war die Trennwand zu einem der großen Brennöfen. Obwohl sie sicher gut isoliert waren, drang die Wärme doch durch die
Mauern.
„Wie heiß wird es da drinnen?“, fragte Roman.
„So um die 1200 Grad. Es kann aber auch einer der Öfen zum Vortrocknen sein, dann sind es viel weniger. Da hinten müssen wir links abbiegen, da sind wir dann gleich da. Vorsicht, stolpern Sie hier bitte nicht.“ Er zeigte auf eine Schwelle.
Es ging ein paar Stufen nach unten. Als sie um die Ecke bogen sahen die drei Kollegen schon zwei Beamte der Steifenpolizei von Frechen.
„Hallo, Stein, van Muilen und Forisch von der Kripo Köln. Danke, dass Sie hier schon alles abgesperrt haben.“ Die Beamten grüßen ebenfalls und machen dann den Weg frei.
„Wer ist bitte Herr Baumann?“, fragte Armin, der als erster ging.
Ein Mann, so um die vierzig Jahre alt, im weißen Kittel, hob den Arm und meinte. „Das bin ich. Ich bin hier für die Produktion verantwortlich. Meine Mitarbeiter haben mich gerufen, weil hier etwas nicht stimmt. Sie haben mit dem Kran fertige Rohre entladen und in dem einen 700er Rohr haben sie unten dies hier gefunden.“
Er hielt ein Stück Metall in der Hand, mit dem Armin auch erst nichts anfangen konnte. Das Metall hielt er mit Handschuhen fest.
„Das ist aber noch nicht alles. Sehen Sie hier.“ Mit diesen Worten zeigte er auf ein kleines Häufchen Asche. „Leider haben die Arbeiter schon einen Teil davon weggewischt. Aber das hier ist noch übrig.“ Er hatte ein Glas über die Asche gestülpt.
„Und was ist das Besondere daran?“, fragte Armin. Er konnte nicht gleich erkennen, um was es sich bei dem Metallgegenstand handelte.
„Erstens haben wir kein solches Metall hier, zweitens muss es aus Titan oder so etwas sein und drittens gibt es bei dieser Art von Produktion keinerlei Aschereste. Es muss also etwas hier im Rohr verbrannt sein, was nicht darein gehörte. Wissen Sie, solche Verbrennungen können Verunreinigungen in der Glasur verursachen und dann geht das Rohr nicht durch die Qualitätskontrolle. Das ist hier geschehen. Ich habe sofort veranlasst, dass man nicht weiter entlädt und den Arbeitern gesagt, sie sollen alles so stehen und liegen lassen, wie es war und an einer anderen Stelle weiterarbeiten.“
„Das war sehr gut von Ihnen.“ Armin schaute sich in der Halle um.
„Ich habe auch Handschuhe angezogen, obgleich das unnötig ist, denn wenn das einer hier hineingeworfen hat, dann sind nach dem Brand eh keine Fingerabdrücke mehr dran. Die sind weg.“ Damit drückte er einem Mitarbeiter der Spurensicherung das Metallstück in die Hand, der es gleich in eine Plastiktüte packte.
Die Spurensicherung hatte inzwischen das Umfeld abgesichert.
„Wenn Sie hoffen, hier noch Spuren zu finden, dann glaube ich ehrlicherweise nicht daran. Wissen Sie wie lange es her sein kann, dass hier etwas passiert ist?“, fragte Herr Baumann Armin.
„Nein, woher sollte ich das wissen?“ Jetzt mischte sich auf Roman ein, der bisher nur alles in Anschein genommen hatte.
„Also, wenn ich richtig liege, dann ist das hier ein künstliches Hüftgelenk oder so etwas. aus der Chirurgie. Mein Vater hatte vor drei Jahren einmal eine Hüftoperation und da hab ich das Ding oft genug auf dem Röntgenbild gesehen. Und die Asche hier? Die könnten die Reste eines Menschen sein, vermischt mit dem Zement, mit dem man die Hüfte befestigt hat.“ Armin war über das Wissen von Herrn Baumann erstaunt. „Ich habe mir sogleich Gedanken gemacht, als ich das hier sah.“ meinte Ernst Baumann. „Ihre Leute sollten die Asche sichern, bevor sie noch durch den Luftzug hier weiter verfliegt. Wenn wir die Rohre dann mit dem Kran entladen haben, können wir den Wagen hier wegnehmen und sehen, was noch unter den Schamottsteinen liegt.“
„Danke Herr Baumann, wenn ich Fragen habe, werde ich mich gerne an Sie wenden. Haben Sie denn jemanden vermisst in den letzten Tagen?“ fragte Roman, während sich Armin jetzt ganz genau umsah. Aad hielt sich immer noch zurück.
„Nein, nicht das mit etwas aufgefallen ist.“ Herr Baumann sah seine Kollegen an.
„Wie lange kann das denn her sein, dass jemand hier verbrannt sein soll?“, fragte Armin in die Runde der Arbeiter.
„Ach wissen Sie, da gibt es verschiedene Methoden, wann er in das Rohr gefallen ist, oder gestoßen wurde. Nachdem die Rohre gepresst wurden müssen sie erst einmal vortrocknen. Dabei wird es noch nicht passiert sein. Später nach dem Vorbrennen und dem Glasieren werden die Wagen für den Tunnelofen hier mit dem Kran beladen. Dabei werden aber kleinere Rohre in die großen Rohre gestellt. Die 700er Rohre sind in diesem Fall 2,50 Meter lang und werden aufrecht hingestellt. Der Ofen ist 110 Meter lang. Wenn Sie mal rechnen, dass er ungefähr ein Drittel zum Aufwärmen braucht, ein Drittel zum eigentlichen Brennen und ein Drittel zum Abkühlen, dann hat er also Zeit genug um zu verbrennen. Nach dem Abkühlen werden die Wagen dann hier entladen. Es gibt eigentlich nur zwei Orte, wo jemand in so ein Rohr gelangen kann. Einmal vor dem Brennofen, doch dann muss der Heizer davon etwas bemerkt haben oder aber hier beim Be- und Entladen. Am Wochenende sind nicht so viele Leute hier, obgleich wir im Dreischichtbetrieb arbeiten. Die Mitarbeiter haben aber noch andere Arbeiten zu erledigen, nicht nur das Be- und Entladen. Sie müssen auch Aufräumarbeiten machen oder Reinigungsarbeiten und Wartungsarbeiten. Da kommt es schon mal vor, dass hier niemand zu sehen ist. Man kann also ungesehen hier her kommen.“ Herr Baumann lehnte sich an die Ofenwand.
„Da wissen wir ja schon eine ganz Menge. Herr Baumann, gibt es die Möglichkeit, dass wir uns in Ihrem Büro weiter unterhalten, während die Spurensicherung hier ihre Arbeit macht?“ fragte Armin den Herrn im weißen Kittel.
„Aber sicher doch. Wenn Sie mir folgen wollen. Fernando, Ihr macht inzwischen dahinten weiter und Eugen hilf den Herren hier, wenn sie Hilfe brauchen. Aber nichts machen, was sie nicht wollen. Wenn was los ist, ruft mich an, ich bin im Büro.“ Herr Baumann schrie fast mehr, als das er laut sprach, denn von draußen klang Lärm in die Halle.
„Wird gemacht Chef.“
„Sagen Sie mal, wann sind denn diese Rohre in den Ofen gefahren worden?“ Roman hatte sein Notizbuch in der Hand, um sich gleich die Fakten aufzuschreiben.
„Das muss eine Ladung vom Freitag gewesen sein.
Genaueres kann ich aber erst sagen, wenn ich gesehen habe, wie viel am Freitag produziert worden ist.“ Herr Baumann nahm Armin und Aad mit ins Büro.
„Ich bleibe noch hier und schau mich hier um.“ Roman signalisierte Armin, dass er aber gleich nachkommen wolle.
Im Büro bot Herr Baumann den beiden Polizisten erst einmal einen Tisch und Stühle an. „Möchten Sie auch einen Kaffee, dann lass ich schnell welchen machen?“
„Das ist nett, aber nicht nötig. Aber wenn Sie ihn sowieso machen, nehmen wir gerne eine Tasse.“ Aad musste grinsen, Armin hätte ja auch gleich Ja sagen können.
„Ich hab da mal eine Frage“, begann Armin „fehlt irgendwer von Ihren Mitarbeitern hier oder ist jemand krank gemeldet oder in Urlaub.“
„Die Frühschicht ist vollständig da. Da ist mir nichts aufgefallen. Aber es muss ja auch nicht unbedingt jemand aus einer Schicht sein. Wissen Sie, wenn man das geschickt anstellt, dann kann man da auch jemanden reinstecken, ohne dass es ein Mensch bemerkt?“ Herr Baumann nahm sich den Dienstplan von der Wand.
„Wie soll das denn gehen, bei so vielen Menschen die da arbeiten.“ Herr Baumann schaute Armin erstaunt an.
„Ja, jetzt arbeiten so viele dort, aber es gibt auch Zeiten, da sind die Leute mit anderen Dingen beschäftigt. Es müssen ja auch mal Aufräumarbeiten gemacht werden. Wenn sich einer da auskennt, dann kann er schon unbemerkt in die Halle und an den Wagen.“ Während er sprach hängte er den Plan wieder an die Wand.
Aad schaltete sich zum ersten Mal ein. „Sagen Sie mal, es muss ja nicht gleich Mord sein, wie hoch ist denn bei Ihnen die Möglichkeit, dass es sich um einen Unfall handelt oder um einen Selbstmord?“
„Also an einen Unfall glaub ich weniger. Wenn da Leute arbeiten, dann sind die alleine da. Es sind immer mindestens drei Leute da. Und Selbstmord? Ich frage Sie mal ganz ehrlich, wer stellt sich freiwillig in ein Tonrohr, um dann in einem Ofen bei lebendigem Leib verbrannt zu werden. Nee, da gibt es doch sicher amüsantere Methoden?“ Herr Baumann lehnte sich bei dieser Äußerung Romans in seinem verstaubten Bürostuhl zurück.
„Sicher, aber möglich ist alles.“ Roman zeigte wieder mal sein smartestes Gesicht.
„Herr Baumann, können Sie uns eine Liste aller Mitarbeiter hier im Unternehmen besorgen. Das heißt, mit Namen, Anschrift und was sie hier machen. Wenn es geht dann bitte auch die der Mitarbeiter, die, sagen wir mal, im letzten Jahr ausgeschieden sind.“ Armin übernahm wieder das Gespräch.
„Das ist möglich, geht aber nicht so schnell. Da muss mir unsere Personalabteilung und Buchhaltung helfen. Aber ich mache ein wenig Dampf, dann haben Sie die Liste spätestens Morgen.“ Ernst Baumann rief die beiden Abteilungen an und bat um Listen.
„Wenn die Listen da sind, faxt man mir sie durch. Das geht, glaube ich, am schnellsten.“
„Also Aad, ich glaube, im Augenblick können wir hier nicht mehr viel machen. Wir sollten noch mit der Geschäftsleitung sprechen, damit wir jegliche Unterstützung bekommen. Außerdem kann man da vielleicht auch etwas erfahren. Vielleicht bekommen wir ja schon einen Hinweis, der uns weiterhelfen kann. Herr Baumann, können Sie uns vielleicht zur Geschäftsleitung begleiten. Wir müssen nur noch Herrn Forisch holen, unseren Kollegen.“ Armin sah zu, wie sich Herr Baumann mit vom Schmerz verzogenem Gesicht aus dem Stuhl erhob.
„Ich hab’s zur Zeit im Knie. Schleimbeutelentzündung.“
Gemeinsam gingen sie zurück in die Halle, wo Arbeiter inzwischen damit beschäftigt waren, die restlichen Rohre von dem Brennwagen zu heben. Der Leiter der Spurensicherung kam auf Armin zu und meine lakonisch. „Alles wie weg gebrannt. Da ist an Spuren von außen nicht zu denken. Wo welche waren, sind sie sicher alle verwischt. Die haben vorher vier solcher Wagen entleert und wie Sie sehen, bleibt da keine Spur übrig. Dann ist da überall der feinen Tonstaub, der sich über alles legt, was vorher mal Spur war. Die einzige Spur, die uns weiterhelfen kann, ist das Gelenk hier. Ich schaue mir das mal genauer im Labor an. Aber ich glaube wir können die Männer hier abziehen. Das bringt nichts hier. Nachdem wie ich den Vorarbeiter verstanden habe, liegt das ganze Wochenende zwischen der letzten Möglichkeit etwas in einem Rohr zu verstecken und dem Zeitpunkt des Fundes. Also hier sind es gut drei Tage.“
„Wenn Sie meinen, dass es keinen Sinn hat, dann ziehen Sie die Leute ab. Ich fahre jetzt zur Firmenleitung und spreche dort mit dem Geschäftsführer. Roman und Aad kommt Ihr bitte mit.“ Armin reichte dem Leiter der Spurensicherung die Hand und verabschiedete sich von der Truppe.
Armin bedankte sich auch noch einmal bei den Arbeitern, die ihm geholfen hatten und verließ dann im Schlepptau von Ernst Baumann die Halle. Gemeinsam fuhren sie die wenigen Hundertmeter bis zur Geschäftsleitung. Dort stand ein Schuhputzautomat im Flur, den die drei Beamten gerne in Anspruch nahmen. Der gute Ton hatte sich überall in den Schuhen festgesetzt.
Der Geschäftsführer bat die Beamten in sein Büro. Er hatte schon gehört, dass es bei der Produktion zu einem Zwischenfall gekommen war.
„Böhme“, stellte sich der Geschäftsführer vor. Er bot den drei Beamten Platz in einem Konferenzraum an.
„Herr Böhme, ich bin Armin Stein, Leiter einer Soko in Köln, das ist Herr Forisch mein Assistent und das ist Herr van Muilen aus Belgien, der durch einem EU-Austauschprogramm bei uns mitarbeitet.“ Gekonnt stellte er seine Mitarbeiter vor. Armin merkte, wie Herr Böhme bei dem Wort ‚Belgien’ leicht zuckte. „Können Sie uns vielleicht irgendwie weiterhelfen. Wir nehmen an, dass es sich um einen Mord handelt, der in Ihrer Produktion vorgefallen ist. Wir haben in einem der fertigen Steinzeugrohre, die Überreste einer wahrscheinlich künstlichen Hüfte gefunden.
Das bedeutet für uns, dass in diesem Hochofen ein Mensch verbrannt worden ist.“
„Entschuldigung, wenn ich Sie unterbreche. Aber es handelt sich nicht um einen Hochofen, der ist zum Schmelzen von Erzen da, das ist ein Tunnelofen, zum Brennen vom Ton- und Keramikwaren.“ Herr Böhme hatte einen belehrenden Tonfall in der Stimme.
„Aha, danke für die Berichtigung, aber so häufig haben wir ja damit nicht zu tun. Ihre Buchhaltung und Personalabteilung fertigt uns gerade Listen an von Ihren Mitarbeitern und den Menschen, die bis vor circa einem Jahr bei Ihnen beschäftigt waren. Ist Ihnen vielleicht aufgefallen, ob jemand bei Ihnen fehlt?“ Armin wurde auch merklich förmlicher, als er es bei Herrn Baumann gewesen war.
„Nein, hier in der Verwaltung, sind alle, soweit ich das jetzt überblicke da. Es gibt ein paar Außendienstmitarbeiter, die wir anrufen müssten, um festzustellen, wo sie gerade sind, aber ansonsten – nein, da sind alle hier.“ Herr Böhme setzte sich etwas bequemer hinter seinen Schreibtisch.
„Können Sie sich vielleicht einen Grund denken, warum hier bei Ihnen jemand umgebracht worden sein kann?“, fragte Roman unverholen.
„Hören Sie mal, wir beschäftigen uns mit der Produktion und dem Absatz von Steinzeugrohren, Leichen sind Ihr Geschäft.“ Herr Böhme klang zynisch.
„Da gebe ich Ihnen Recht. Aber ich meine, wissen Sie etwas von einem Streit zwischen Ihren Mitarbeiter, von Eifersucht oder anderen Beziehungskrisen?“ Roman versuchte es jetzt auf die versöhnliche Art.
„Nein, davon ist mir nichts bekannt. Da fragen Sie aber auch besser Herrn Baumann, der ist in der Produktion näher am Geschehen.“ Der Chef schaute sich die drei Beamten jetzt ganz genau an. Dabei setzte er ein Gesicht auf, als hätte man ihn gerade auf einen unbegrenzten Streik vorbereitet.
„Gut, dann müssen wir jetzt wohl erst einmal die Listen der Mitarbeiter durchsehen, dann die Berichte der Spurensicherung abwarten und dann sehen, wie wir die Fakten in einen näheren Zusammenhang bringen können. Können wir Sie jederzeit erreichen, wenn wir Fragen haben?“ Romans Notizbuch wartete auf die Telefonnummer, die sicher gleich folgen würde.
„Jederzeit nicht, ich bin viel unterwegs, aber ich werde Herrn Baumann bitten Ihnen behilflich zu sein und wenn er nicht weiterhelfen kann, dann steht Ihnen noch unser Herr Eisen zur Verfügung. Er ist Mitglied der Geschäftsleitung unseres Fachverbandes und Pressesprecher, die sitzen auch hier im Haus. Fragen zum Personal kann Ihnen unsere Frau Bianca Bauske am Besten beantworten, sie ist schon seit 14 Jahren bei uns beschäftigt und Personalchefin und Leiterin der Buchhaltung in Personalunion.“ Unausgesprochen hatte er gemeint: Und jetzt lasst mich in Ruhe.
Eine halbe Stunde später bekamen sie die Listen.
Bianca Bauske war eine groß gewachsene Frau mit stämmiger Figur. Sie trug die Haare streng nach hinten gekämmt zu einem Pferdeschwanz. Über Ihrer langen weißen Hose hatte sie ein braunes Oberteil, welches bis auf die Oberschenkel reichte und Ihrer Figur zu Gute kam. Sie trug eine Brille mit ovalen Gläsern, sah damit aber keineswegs streng aus. Was an ihrem Gesicht auffiel war ein Lippenbändchenpiercing, welches man bei ihrem häufigen Lächeln sah.
Armin schaute sich die Liste an, konnte aber auf den ersten Blick auch nichts entdecken, was ihm verdächtig vorkam.
„Wir nehmen die Liste mal mit und melden uns, wenn wir Fragen haben. Vielen Dank erst einmal. Es kann sein, dass noch einmal Kollegen von der Rechtsmedizin kommen, um sich alles hier anzusehen. Aber das ist ja verständlich. Herr Böhme, haben Sie vielen Dank.“ Armin wollte sich gerade mit seinen Kollegen verabschieden, als Tillmann Böhme ihn noch einmal ansprach.
„Wenn es geht, dann bringen Sie die Nachricht möglichst nicht in die Presse. Wissen Sie der Konkurrenzkampf in der Keramikindustrie ist richtig groß und da kann man sich schlechte Presse nicht leisten. Wir sind zwar Spezialisten in unserem Fach, aber Monopolisten sind wir eben auch nicht. Und die Mitanbieter aus der Kunststoff und Betonindustrie schlachten alles aus, womit sie Marktanteile erobern können. Wegen der langen, harten Winter in den letzten Jahren ist das Geschäft schwerer geworden. Wenn es geht also ein wenig Diskretion.“ Seine Nervosität wurde merklich stärker.
„Wir sind immer so diskret wie möglich. Wenn es sich wirklich nicht um einen Unfall oder einen Suizid handeln sollte, dann kann ich allerdings nichts versprechen, was die Presse angeht. Wir melden uns wieder Herr Böhme.“ Armin und seine Kollegen verabschiedeten sich und verließen das Büro.
Gemeinsam fuhren sie wieder zurück ins Präsidium. Es war inzwischen Nachmittag geworden und die hatten auch noch nichts gegessen. Auf dem Weg nach Köln kamen sie an einer Fischräucherei vorbei.
„Hier war ich schon mal, da kann man gut essen.“, sagte Armin zu den anderen Kollegen.
„Na ja, gut essen kann man bei uns in Belgien eigentlich überall. Aber Fisch ist immer gut. Also ich bin dabei. Darf ich Euch einladen, so als Einstand?“ Aad leckte sich dabei die Lippen.
Sie fuhren auf den Parkplatz, der um diese Zeit nicht so voll war, wie um die Mittagszeit. Die Karte war nicht besonders groß, aber es hörte sich alles gut an. Sie bestellten sich alle drei verschiedene Gerichte, und setzten sich an einen der hohen Bartische. Eine freundliche Bedienung, die auch Fisch verkaufte brachte ihnen nach wenigen Minuten die Fischgerichte. Armin hatte sich von dem geräucherten Lachs verschiede Arten bestellt. Es sah gut aus. Aad war mehr für Seekönigin mit einer Ananas Cognac Rahm Sauce und Roman nahm sich Matjes Hausfrauenart. Dazu tranken sie einen Weißwein und Roman, der fahren musste, nahm eine Apfelsaftschorle. Immer wieder kamen Kunden in das Geschäft und kaufen vor allem Lachs, den es hier in allen Variationen gab. Es herrschte reger Betrieb.
