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Isabell ist erst neun Jahre alt, als sie die schwangere Elena trifft und deren Leben für immer verändert. In der Schule wird das Mädchen wegen seiner Krankheit gnadenlos gehänselt und zu Hause hat niemand wirklich Zeit für sie. Doch für Elena und ihr Baby Pascal wird Isabell im Handumdrehen zu einer engen Freundin. Immer mehr Menschen bringt sie zusammen, während Pascal und sie langsam älter werden, und immer schöner wird das Leben für sie alle - bis der Tag kommt, an dem alles zusammenbricht...
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Seitenzahl: 244
Veröffentlichungsjahr: 2015
www.tredition.de
Cornelia Sehnert
Kommt Mama wieder?
www.tredition.de
© 2015 Cornelia Sehnert
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-7323-4314-0
Hardcover:
978-3-7323-4315-7
e-Book:
978-3-7323-4316-4
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Mit quietschenden Reifen setzten sich die Autos in Bewegung, wie immer war die Kreuzung am Pirnaischen Platz voll. Fußgänger standen ungeduldig am Zebrastreifen, denn auch die Straßenbahnlinie 3 fuhr in diesem Augenblick an die Haltestelle auf der gegenüberliegenden Straßenseite.
Isabell sah dem Trubel gelassen zu, denn sie hatte es nicht eilig. Erst in einer Viertelstunde musste sie wieder am vereinbarten Treffpunkt sein, bis dahin hatte sie noch Ruhe vor ihrer Klasse. Um nicht die Orientierung zu verlieren, war sie nur die Hauptstraße geradeaus gegangen und ganz in Ruhe ein bisschen durch die Läden gebummelt.
Mit einem kräftigen Stoß wurde Isabell plötzlich beiseite gedrängt. Eine junge Frau lief schnellen Schrittes an dem Mädchen vorbei, geradewegs auf die zweispurige Fahrbahn.
Isabell reagierte reflexartig, packte die Frau am Ärmel und zog sie an den Fahrbahnrand zurück. Diese erwachte durch den Ruck aus ihrer Trance und starrte ihr Gegenüber mit großen Augen an, während die Autos nach wie vor ununterbrochen an ihnen vorbei rauschten
„Sind Sie verrückt, beinahe wären Sie überfahren worden!“, schrie Isabell, doch sie bekam keine Antwort und das irritierte sie. Um die Situation zu entschärfen, sprach sie in einem möglichst ruhigen Ton weiter.
„Ich heiße Isabell.“, stellte sich das Mädchen vor. „Wollen Sie mir Ihren Namen sagen?“
Erst jetzt bemerkte sie auch, dass die Frau offensichtlich schwanger war. Statt einer Antwort begann diese plötzlich bitterlich zu weinen und konnte sich nur mühsam auf den Beinen halten. Isabell versuchte so gut es ging, sie zu stützen und sie setzten sich auf die stählernen Sitze an der Straßenbahnhaltestelle. Noch immer wurde die Schwangere von Weinkrämpfen geschüttelt.
„Das Kind…“, stammelte sie verzweifelt. „Das Baby – es wird niemals einen Vater haben. Er ist tot! Mein Gott, wie soll ich nur ohne ihn mein Kind großziehen?“
Nun war es heraus und Isabell wusste nicht, was sie dazu sagen sollte. Durch ihr Schweigen gab sie der fremden Frau aber auch Zeit, sich zu beruhigen.
„Ich heiße Elena.“, sagte diese nach einem tiefen Seufzer. „Entschuldige bitte, dass ich mich nicht gleich vorgestellt habe. Ich bin einfach völlig fertig seitdem…. Aber warum erzähle ich dir das eigentlich alles? Du bist doch noch viel zu jung, um das zu verstehen!“
Isabell war nicht gekränkt. „Das mag ja sein, aber ich sehe, dass es Ihnen schlecht geht, also will ich helfen!“
Elena vorzog das Gesicht, aber es gelang ihr kein Lächeln, zu groß war der Schmerz in ihr. „Du kannst ruhig du zu mir sagen. Wie alt bist du überhaupt?“, fragte sie Isabell.
„Im Juli werde ich neun!“, erklärte das Mädchen.
„Das ist ja gar nicht mehr lange hin. Mein Baby kommt im September.“ Forsch entgegnete Isabell: „Dann hast du noch drei Monate Zeit, um dich wieder auf dein Baby zu freuen. Und das solltest du auch machen! Das Kleine kann doch auch nichts dafür!“
Elena gelang nun doch ein kleines Lächeln. „Für dein Alter bist du ganz schön kess, weißt du das?“
Das Mädchen grinste. „Ja, ich weiß. Muss ich aber auch sein, die in meiner Klasse sind alle ziemlich doof!“
In diesem Moment fiel es ihr wie Schuppen von den Augen.
„Oh nein, ich muss ja wieder zurück! Mensch, wie spät ist es denn?“
Nach einem Blick auf ihre bunte Armbanduhr war sie nicht weniger aufgeregt.
„Noch fünf Minuten, da muss ich mich jetzt aber beeilen!“
Elena schrieb schnell etwas auf einen Zettel und gab ihn Isabell.
„Melde dich doch mal wieder bei mir, ich würde mich sehr freuen! Du ahnst gar nicht, wie sehr du mir heute geholfen hast!“
„Okay, ich ruf an, wenn meine Eltern nichts dagegen haben. Aber jetzt muss ich echt laufen!“
„Mach’s gut!“
„Ja, du auch! Und alles Gute für dich und das Kleine!“, rief Isabell zurück.
Gerade noch rechtzeitig erreichte Isabell das Mc Donalds. Die gesamte Klasse war bereits versammelt und Frau Hoffmann warf ihr einen strengen Blick zu, aber sie sagte nichts. Die Gruppe setzte sich in Bewegung und erreichte nach 15 Minuten den Bahnhof.
‘Jetzt dürfen wir uns wieder durch dieses Chaos hier wühlen! Das ist ja kein Bahnhof, das ist ja eine Riesen-Baustelle!’, schoss es Isabell durch den Kopf.
Überall waren Bauzäune, der Boden war teilweise behelfsmäßig durch Bretter bedeckt, doch zum Glück wusste die Lehrerin ganz genau, wie sie den Bahnsteig erreichten, auf dem der Zug nach Hause gerade einfuhr. So konnten sie bequem ihre reservierten Plätze einnehmen.
Isabell war gespannt, was ihre Eltern sagen würden, wenn sie ihnen von ihrer Begegnung erzählen würde. Wahrscheinlich würden sie ihr gar nicht glauben. Sollte sie Elena wirklich anrufen? Aber warum eigentlich nicht? Sie war ja sehr nett gewesen… und so traurig.
Isabell beschloss, der jungen Frau dabei zu helfen, ihr Lachen zurück zu bekommen. Wie sie das machen wollte, darüber zerbrach sie sich vorerst nicht den Kopf.
‘Mal schauen, wie sich alles entwickelt.’, dachte sie. ‘Vielleicht wird es ihr ja wieder gut gehen, sobald ihr Baby da ist.’
Den Rest der Fahrt verbrachte sie damit, aus dem Fenster zu schauen oder ihre Mitschüler unauffällig zu beobachten. Die meisten hatten sich hinter Jugendzeitschriften verschanzt, manche tuschelten miteinander. Einige Mädchen bestaunten gegenseitig ihre Mitbringsel, die sie auf dem Wandertag gekauft hatten.
Auf dem Heimweg musste die Klasse einmal umsteigen und nach einer gefühlten Ewigkeit war das Ziel endlich erreicht. Ein Blick aus dem Fenster verriet Isabell, dass ihre Mutter schon auf dem Bahnsteig stand. Sie band sich die halblangen blonden Haare wieder zusammen, zog ihren Rucksack über die Schultern und folgte den anderen aus dem Abteil. „Meine Mutter ist schon da. Bis morgen dann.“, sagte sie zu Frau Hoffmann, dann war ihre Mutter auch schon neben ihr.
„Na, war es schön?“, fragte sie.
„Ja, es war ganz okay. Ich habe eine neue Bekanntschaft gemacht!“, erwiderte Isabell.
„Wirklich? Davon musst du mir unbedingt erzählen“, sagte Isabells Mutter interessiert.
Inzwischen waren sie am Auto angekommen und auf der Heimfahrt erzählte Isabell ihrer Mutter von Elena. Doch diese war plötzlich ganz und gar nicht mehr begeistert.
„Du kennst die Frau doch gar nicht. Außerdem bist du viel zu jung, um dich mit einer Erwachsenen anzufreunden. Wer weiß, was die im Schilde führt!“
Enttäuscht schwieg Isabell, doch sie beschloss, Elena jetzt erst recht anzurufen. Ihre Mutter sollte sie erst mal kennen lernen. Sie würde sie bestimmt auch nett finden.
Anfang September begann das neue Schuljahr. Isabell ging nun in die dritte Klasse. Anfangs ließen ihre Mitschüler sie noch in Ruhe. Alle waren in den Pausen vollends damit beschäftigt, ihre Ferienerlebnisse auszutauschen. Doch bereits nach wenigen Wochen begannen die Hänseleien von neuem.
In der Pause drohten ihre einige Jungs wieder einmal Prügel an. Isabell wollte daher nach der letzten Stunde möglichst schnell die Flucht ergreifen und nahm den hinteren der drei Treppenaufgänge, um direkt zum Haupteingang zu gelangen, doch sie war schon zu spät.
Vor dem Haupteingang hatten sich etwa 10 Jungen aus Isabells Klasse versammelt. Sie saß in der Falle. Da die Jungs sie bereits gesehen hatten, würde es ihr auch nichts nützen, eine andere Tür zu nehmen. Die würden schneller als sie dort sein, das wusste sie. In diesem Moment sah Isabell, wie ihr Heimatkundelehrer vor der Tür erschien und die Jungen praktisch in die Flucht trieb. Zaghaft näherte sie sich dem Ausgang und trat langsam hinaus.
Da saß der Lehrer schon in seinem Auto, öffnete von innen die Beifahrertür und sagte zu ihr:
„Komm, steig ein, ich fahre dich nach Hause!“
Aber Isabell zögerte immer noch, bis sie schlussendlich doch einstieg und sich ein Stück des Weges fahren ließ. Auf einem Parkplatz in der Nähe des Hauses, wo sie wohnte, bat sie den Lehrer, sie abzusetzen, bedankte sich und stieg aus. Ihre Mutter durfte auf keinen Fall erfahren, was heute passiert war, denn sie würde nur wieder Fragen stellen und am Ende ihr, Isabell, selbst die Schuld an ihrer Situation geben. Da sie aber verweint aussah, musste sie sich eine Ausrede einfallen lassen.
„Was ist denn mit dir los? Hast du eine schlechte Zensur bekommen?“, fragte Isabell’s Mutter prompt, als sie ihrer Tochter die Tür öffnete.
Das war mal wieder typisch, ihre Mutter war nur darauf bedacht, dass sie gute Noten mit nach Hause brachte, doch wie es ihr wirklich ging, ahnte sie nicht.
„Nein“, entgegnete Isabell und behauptete, sie habe sich mit einer Freundin gestritten.
Doch diese Freundin existierte gar nicht. Sie fühlte sich einsam und wusste nicht, wie sie sich dem Mobbing in der Schule zur Wehr setzen konnte.
Am Nachmittag war Isabell allein in der Wohnung und sie beschloss kurzerhand, Elena anzurufen. Als sie jedoch die Nummer wählte, meldete sich nur der Anrufbeantworter. Isabell legte auf, ohne eine Nachricht zu hinterlassen.
Gerade mal eine Stunde später klingelte das Telefon. Eigentlich durfte Isabell nicht ans Telefon gehen, wenn ihre Eltern nicht zu Hause waren, aber an der Vorwahl erkannte sie, woher der Anruf kam, und dachte sofort an Elena. So hob sie ab und meldete sich mit ihrem Namen.
„Hallo, hier ist Elena.“, erklang tatsächlich die Stimme der jungen Frau. „Meine Schwester war vorhin in meiner Wohnung und hat mir gleich Bescheid gesagt. Sie hat deine Nummer vom Display abgelesen und da wusste ich, dass du es warst.“
„Wo bist du denn?“, fragte Isabell verwundert.
„Wir sind im Krankenhaus. Mein Sohn ist gestern zur Welt gekommen!“, entgegnete Elena am anderen Ende.
„Das ist ja großartig, herzlichen Glückwunsch! Hm, morgen ist Freitag, könnte ich euch da nachmittags besuchen?“
„Aber klar doch, ich freue mich!“, sagte Elena begeistert.
Sie nannte den Namen des Krankenhauses und erklärte Isabell, mit welcher Straßenbahnlinie sie dorthin kommen könnte.
„Klasse, dann bis morgen. Ich freue mich auf dich und den Zwerg!“
Erleichtert legte Isabell den Hörer auf. Die Ereignisse vom Mittag waren fast vergessen, der Tag war gerettet und als ihre Eltern nach Hause kamen, platzte sie gleich mit der Neuigkeit heraus.
Glücklicherweise sah Isabell’s Vater die ganze Sache wesentlich lockerer als die Mutter. Er versprach, seine Tochter gleich nach der Schule zu Elena zu fahren und während des Besuchs im Auto zu warten.
Isabell war selig, doch die Schule kam ihr am nächsten Tag noch viel länger vor als sonst. Trotzdem konnten selbst ihre intriganten Mitschüler ihre Laune nicht trüben. Sie freute sich unbändig auf Elena und ihren Sohn, denn noch nie hatte sie ein Neugeborenes gesehen, nur im Fernsehen tauchten ab und zu Babys auf. Und Elena selbst hatte am Telefon so glücklich geklungen, scheinbar war sie über den Tod ihres Verlobten hinweg.
Schließlich kam der große Moment. Der Vater hatte sie noch bis zur Mutter-Kind-Station begleitet. „Viel Spaß und schöne Grüße. Ich warte dann unten im Auto.“, gab er ihr lächelnd mit auf den Weg.
Isabell war nun doch etwas mulmig zumute, aber es war eher Spannung als Angst, also gab sie sich einen Ruck. Nachdem sie die Zimmernummer gefunden hatte, die Elena ihr gesagt hatte, klopfte sie leicht und trat ein.
Elena hatte ihr Baby gerade auf dem Arm. Außer ihrem Bett und dem Babybettchen stand in dem Zimmer noch ein weiteres Krankenbett, welches aber nicht belegt war.
„Hallo, schön, dass du da bist!“, begrüßte die junge Mutter glücklich lächelnd ihre Besucherin.
„Oh, wie süß!“, war Isabell bei dem Anblick des Kindes begeistert.
Elena lächelte und sagte: „Setz dich mal zu mir, dann gebe ich ihn dir auf den Arm!“ Bevor sie der Aufforderung folgte, fragte Isabell: „Wie heißt er denn eigentlich?“
„Pascal.“, erwiderte Elena. Behutsam legte sie dem Mädchen das Baby in die Arme.
„Ein Mops ist er ja nicht gerade!“, entfuhr es Isabell plötzlich.
„Wie meinst du das?“
„Na ja, er ist so klein und zerbrechlich. Hat überhaupt keinen Babyspeck!“
Elena schmunzelte auf diesen Ausruf hin, denn es zeigte ihr, wie unbedarft Isabell doch war, eine Eigenschaft, welche die junge Mutter inzwischen sehr schätzte.
Das Baby schlief indes ruhig weiter.
„Er fühlt sich sehr wohl bei dir.“, sagte Elena.
„Und du? Fühlst du dich auch wohl?“, wollte Isabell wissen. Das Lächeln wich aus Elenas Gesicht. „Ich bin froh, dass er da ist und dass er gesund ist. Nun habe ich wieder eine Aufgabe, weil ich weiß, dass er mich braucht. Sein Vater und ich haben uns so sehr auf ihn gefreut, auch wenn wir in den letzten Monaten einige Probleme miteinander hatten. Und Pascal kann ja am allerwenigsten dafür, dass sein Vater verunglückt ist.“
Einen Moment lang schwiegen sie. Isabell genoss es, das friedlich schlummernde Baby auf ihrem Arm halten zu dürfen. Sie fühlte sich sehr erwachsen in diesem Moment, da sie mit einer großen Verantwortung betraut war. Sie traute sich gar nicht, die Arme zu bewegen, aus Angst, Pascal nicht richtig festzuhalten.
Dann wechselte Elena das Thema. „Aber jetzt erzähl mal von dir! Deine Eltern hatten ja offensichtlich nichts dagegen, dass du mich anrufst. Wie haben sie denn reagiert, als du ihnen von mir erzählt hast?“
Kurz zögerte Isabell, doch dann begann sie zu erzählen. „Als ich bei dir angerufen habe, waren meine Eltern gar nicht da. Meine Mutter war nicht begeistert, als ich von dir erzählt habe.“
„Weil ich viel älter bin als du, stimmt’s?“, warf Elena ein. „Ja.“, gab Isabell zu. „Mein Vater sieht das viel lockerer. Er hat mich auch hier her gefahren und wartet jetzt draußen im Auto.“
„Aber ich hätte es mir sowieso nicht verbieten lassen, euch zu besuchen!“, sagte das Mädchen trotzig. „Ich meine, es ist doch auch nichts dabei. Ich mache doch nur einen Krankenbesuch bei einer guten Freundin.“
Elena versuchte, bei Isabell Verständnis für ihre Mutter hervorzurufen. „Deine Eltern kennen mich immerhin noch nicht. Sie wollen Ihr Kind nicht so ohne Weiteres mit einer Fremden allein lassen. Das kann ich sehr gut verstehen. Es ist schon sehr vertrauenswürdig, dass dein Vater nicht mit rein gekommen ist. Er traut dir zu, dass du auf dich selbst aufpassen kannst, obwohl du erst neun Jahre alt bist!“
„Und warum traut er mir das zu und meine Mutter nicht? Sie wäre ja am liebsten auch mit auf den Wandertag gekommen, aber da habe ich protestiert. Ich bin ja eh schon die Dumme in der Klasse, da fehlt mir das noch, dass ich als Mama-Kind dastehe, dem Mutti alles hinterher trägt!“ Elena seufzte. „Deine Mutter ist eben sehr besorgt um dich. Weiß sie das denn, dass du mit deinen Mitschülern solche Probleme hast?“
„Nein, das weiß sie nicht. Sie würde mir ja sowieso nicht glauben.“, gab Isabell zur Antwort.
„Wie kannst du dir da so sicher sein?“, rief Elena sofort. „Wenn du noch nie mit deinen Eltern über das, was bei dir in der Schule los ist, geredet hast, kannst du auch nicht wissen, ob sie versuchen würden, dir zu helfen!“
Diese eindringlichen Worte machten Isabell nachdenklich. Aber das gab sie nicht zu. Stattdessen fragte sie: „Wann kommt ihr beiden denn hier raus?“
Elena begriff, dass Isabell das Thema wechseln wollte, und ging darauf ein. „In drei Tagen wird Pascal noch einmal untersucht, wenn dann alles in Ordnung ist, können wir sofort nach Hause. Wenn du magst, kannst du uns ja demnächst mal wieder besuchen.“
„Das mache ich ganz bestimmt. Ich kann mich jetzt schon gar nicht satt sehen an dem kleinen Mops.“
Elena grinste „Hast du nicht vorhin so was gesagt wie ‘Ein Mops ist er nicht gerade’?“
Lächelnd gab Isabell zurück: „Aber irgendwie passt Mops total zu ihm. Er ist wirklich wahnsinnig süß!“
„Na dann hat er ja jetzt schon seinen Spitznamen weg!“
„Ich werde dann mal langsam wieder gehen.“, meinte Isabell.
„Danke, dass du da warst. Ich habe mich sehr gefreut. Wir sehen uns bestimmt bald mal wieder.“, gab Elena zur Antwort. „Ja, macht es gut, ihr zwei. Wir telefonieren dann wieder.“ Damit war das Mädchen auch schon zur Tür heraus.
Das Gespräch hatte Elena sehr gut getan. Doch jetzt war sie wieder allein mit ihrem Kind. In diesem Moment, da in ihrem Zimmer plötzlich absolute Stille herrschte, überkam sie ein Gefühl tiefer Einsamkeit. Wehmütig dachte sie an die letzten Monate zurück, an das Gefühl großen Glücks und unendlichen Leids.
„Ihr Verdacht hat sich bestätigt, Sie sind wirklich schwanger, und zwar in der 6. Woche. Herzlichen Glückwunsch!“ Elena konnte es kaum fassen. Dieser kleine Punkt da auf dem Ultraschallbild, das war ihr Baby.Es wuchs jetzt in ihr, in ihrem Bauch! Am Liebsten wäre sie sofort aufgesprungen und nach Hause gerannt.
Der Arzt bemerkte dies. „Lassen Sie sich einfach von meiner Sprechstundenhilfe einen neuen Termin für die nächste Vorsorgeuntersuchung geben. In etwa 4 Wochen sehen wir uns dann wieder.“
Schon von unterwegs versuchte sie, ihren Verlobten Heiko zu erreichen. Doch er ging nicht an sein Handy. Vielleicht wusste Nadja, Elenas beste Freundin, wo er steckte. Leider reagierte auch bei ihr niemand auf das Klingeln. Aber mit irgendjemanden musste Elena jetzt reden, sonst würde sie platzen. Also versuchte sie es bei Rene, Nadjas Freund, der gleichzeitig Heikos bester Freund und sein Chef war.
Er ging immerhin ans Telefon. „Weißt du, wo Heiko ist? Ich erreiche ihn einfach nicht!“, sprudelte sie sofort los. „Ich habe keine Ahnung. Hier im Büro ist er jedenfalls nicht mehr.“
Elena bedankte sich und legte auf. Sie beschloss, nach Hause zu gehen. Vielleicht war Heiko ja schon da und hatte sein Handy ausgestellt, um den Feierabend zu genießen. Es war ohnehin besser, wenn sie ihm die Neuigkeit persönlich mitteilte und nicht am Telefon.
Als sie die Wohnungstür aufschloss, hörte Elena ein Geräusch, konnte es aber zunächst nicht zuordnen. Mit einem unguten Gefühl ging sie dem Geräusch nach und stand schließlich vor dem Vorhang, der zu ihrem Schlafzimmer führte. Ein unglaublicher Verdacht kam in ihr auf und sie hatte Angst vor dem, was sie sehen würde, wenn sie den Vorhang zurückzog.
Doch sie gab sich einen Ruck und zog den Vorhang etwas zur Seite. Was sie dann sah, überstieg ihre schlimmsten Befürchtungen: Heiko betrog sie – ausgerechnet mit Nadja! Die beiden waren so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass sie Elena gar nicht bemerkten. Sie war völlig fassungslos und mit der Situation überfordert. In Tränen aufgelöst verließ sie die Wohnung wieder.
Elena lief einfach los. Nichts um sie herum drang zu ihr durch. Sie wusste weder, wohin sie lief, noch war sie sich dessen bewusst, ob sie den Fußweg benutzte.
Ihr Verlobter, den sie in drei Monaten heiraten wollte, war mit ihrer besten Freundin im Bett! Ob das schon lange ging mit den beiden? Oder „nur“ dieses eine Mal? Warum tat er ihr das an? Vermisste er irgendetwas in ihrer Beziehung? Wenn ja, warum redete er dann nicht mit ihr? Und warum ausgerechnet mit Nadja? Warum ließ Nadja sich überhaupt darauf ein? Und das ausgerechnet jetzt, an dem Tag, an dem ihr größter Wunsch in Erfüllung gegangen war! Hatte sich Heiko überhaupt ein Kind gewünscht oder ihr nur etwas vorgemacht? Wie sollte esjetzt weitergehen mit ihnen – und dem Kind? Und was war mit Rene? Er wusste doch garantiert auch nichts davon.
Wie auf Stichwort stand Rene plötzlich vor ihr. „Elena? Ist alles in Ordnung mit dir?“, fragte er besorgt. Was sollte sie nun sagen?
Schließlich entschied sie sich zumindest für einen Teil der Wahrheit: „Heiko hat mich betrogen! Er ist gerade mit einer anderen im Bett – in unserem Bett!“ Nun war es heraus. Nadjas Namen nannte Elena nicht.
Auch Rene war geschockt. Das hätte er seinem besten Freund nie zugetraut. Er und Elena waren doch immer so glücklich gewesen. Hatte Heiko es wirklich nötig, sich mit einer anderen zu vergnügen?
„Das Allerschlimmste ist,“, erzählte Elena schluchzend, „dass ich gerade vom Frauenarzt kam. Ich bin schwanger! Und ausgerechnet jetzt geht er fremd!“
Rene nahm die verzweifelte Elena in den Arm. Nachdem sie sich wieder etwas beruhigt hatte, fügte sie hinzu: „Du bist übrigens der Erste, der es jetzt erfahren hat. Das war so eigentlich auch nicht geplant.“
Rene war der Meinung, dass Elena schonungslos reinen Tisch mit Heiko machen sollte. „Wirf ihm direkt an den Kopf, wie du dich jetzt fühlst. Warum solltest du Rücksicht auf ihn nehmen, nachdem er dir so weh getan hat? Dass er fremd geht, ist schlimm genug, aber dass es ausgerechnet jetzt passieren muss, macht es für dich ja noch quälender. Das kann er ruhig wissen!“
Elena nickte. Ihr fiel es in diesem Moment sehr schwer, Rene nicht zu sagen, dass es seine Freundin war, mit der sein bester Freund geschlafen hatte. Aber sie wollte sich nicht in die Beziehung der beiden einmischen und schon gar nicht wollte sie Nadja diesen Schritt abnehmen.
Niedergeschlagen ging Elena nach Hause. Sie hoffte, Nadja dort nicht mehr anzutreffen. Für eine Auseinandersetzung mit ihr hatte sie jetzt keine Kraft.
Heiko war tatsächlich allein. Er kam ihr bereits entgegen, als sie die Tür aufschloss. „Hallo, mein Schatz“, begrüßte er seine Verlobte und wollte sie küssen. Doch sie wich aus.
„Was hast du denn?“, fragte er verwundert.
Elena war über soviel Kaltschnäuzigkeit völlig verbittert. „Hast du mich gar nichts zu sagen?“
Heikos Blick war verständnislos und ängstlich zugleich. „Ich war vor zwei Stunden schon mal hier!“, offenbarte Elena. Nun war ihm klar, dass sie von seinem One-Night-Stand wusste. „Es tut mir so leid, ich weiß auch nicht, wie das passieren konnte…“, stammelte er.
„Ach komm, spar dir die Leier! Wie lange geht das schon?“ Elena konnte ihrem Freund nicht in die Augen sehen. Sie stand an der Balkontür und blickte hinaus.
Heiko beteuerte, dass es ein einmaliger Ausrutscher gewesen sei. Im Grunde war Elena das auch egal. „Warum, Heiko, warum? Was mache ich falsch? Und warum ausgerechnet Nadja?“, schrie sie verzweifelt. Er konnte ihr keine Antwort darauf geben.
Sein Schweigen machte Elena nur noch wütender. Sie holte das Ultraschallbild ihres Babys aus ihrer Tasche und warf es auf den Couchtisch. „Du bist schwanger?“, fragte er verblüfft.
„Wieso überrascht dich das so? Wir wollten ein Kind, falls du das vergessen hast! Zumindest ich wollte es, du hast wenigstens so getan.“ Heiko wollte etwas erwidern, aber Elena war noch nicht fertig. „Und bevor du fragst: Ja, es ist von dir! Ich bin nämlich treu!“
Darauf wusste Heiko nichts zu sagen. Er wagte es auch nicht, seine Verlobte zu fragen, was nun aus ihrer Beziehung werden würde. Elena war inzwischen auf den Balkon gegangen und atmete die kalte Luft ein. Doch sie fror nicht, sie brauchte diese Kälte jetzt, um sich zu beruhigen. Dass Heiko die Wohnung nach einiger Zeit verließ, bemerkte sie nicht.
Als sie wieder ins Wohnzimmer trat, lag auf dem Tisch ein Zettel. „Du willst mich jetzt sicher nicht sehen. Ich fahre zu meinem Bruder. Es tut mir alles so leid!!! Ich liebe dich! Heiko.“
Bevor Elena diese Information verarbeiten konnte, klingelte ihr Handy. „Rene“, stand auf dem Display. Zögernd nahm sie das Gespräch an.
„Ich wollte dir nur sagen, dass ich Bescheid weiß. Sie hat es mir gebeichtet. Danke, dass du mir nichts gesagt hast. Ich bin irgendwie froh, dass ich es von ihr erfahren habe und nicht von einem Dritten. So bitter es auch ist.“
Elena wusste nicht, was sie sagen sollte. Rene merkte, dass sie keine Worte fand und sprach selbst weiter. „Habt ihr drüber reden können?“
„Das kann man so nicht sagen. Ich wollte wissen, warum, was ihm bei mir fehlt und warum er mich ausgerechnet mit meiner besten Freundin betrügt. Aber er konnte es mir nicht sagen. Jetzt ist er zu seinem Bruder gefahren.“
„Hast du ihm überhaupt sagen können, dass er Vater wird?“, erkundigte sich Rene.
„Ja. Ich habe ihm das Ultraschallbild einfach vorgelegt. Er war ziemlich verblüfft. Das passt ihm wohl zurzeit gar nicht in den Kram!“, meinte Elena mit sarkastischem Unterton.
„Und du? Du klingst so abgeklärt.“
„Was soll ich machen? Ich kann es ja selbst noch gar nicht fassen. Sei mir nicht böse, Rene, aber ich möchte jetzt gerne meine Ruhe haben!“ Ohne ein weiteres Wort beendete sie das Gespräch.
Wochenlang isolierte sich Elena völlig von ihrer Außenwelt. Der Schock saß tief und sie zweifelte immer mehr an sich selbst. Schließlich war es ausgerechnet Nadja, die den ersten Schritt auf sie zuging. Sie stand plötzlich vor der Tür.
„Können wir reden?“, fragte sie. „Du hast Nerven!“, gab Elena zurück, ließ sie aber herein. Sie ging voraus durch die kleine Wohnküche in das angrenzende Wohnzimmer. Hinter einem fliederfarbenen Vorhang befand sich das Schlafzimmer der kleinen Wohnung, der Ort, an dem der Vertrauensbruch geschehen war.
„Ich kann es nicht ungeschehen machen und ich weiß nicht, ob du mir verzeihen kannst. Ich möchte nur, dass du weißt, dass es mir unendlich leid tut und dass ich hoffe, dass unsere Freundschaft daran nicht kaputt geht!“
Das war zu viel für Elena. „Du müsstest dich mal reden hören! Ich, ich und noch mal ich! Hast du eine Ahnung, wie es sich anfühlt, den eigenen Verlobten mit der besten Freundin im Bett zu erwischen? Und dann merken sie es noch nicht einmal!“ Leise fügte sie hinzu: „Ausgerechnet an dem Tag, an dem unser Herzenswunsch in Erfüllung gegangen ist.“ Nadja schwieg und schaute betreten zu Boden.
„Was ist denn mit Rene?“, fragte Elena weiter. „Wie er sich fühlt, interessiert dich wohl auch nicht? Oder hast du eure Beziehung schon von vornherein abgeschrieben?“
„Er hat mir verziehen. Zwischen uns ist wieder alles in Ordnung.“ Elena wollte nichts mehr hören. Sie verstand nicht, wie man so einen Vertrauensbruch einfach so verzeihen konnte.
Nadja begriff, dass dieser Konflikt vorerst nicht zu kitten war. Deshalb sagte sie nur: „Vielleicht können wir ja irgendwann wieder normal miteinander umgehen. Wenn das alles nicht mehr so frisch ist.“ Dann ging sie.
Auch Heiko unternahm mehrere Versuche zur Versöhnung. Er beteuerte, dass er sich auf das Baby freue und seinem Kind auf jeden Fall ein guter Vater sein wolle. „Ich liebe dich! Ich liebe euch beide! Was passiert ist, ist passiert und ich kann es nicht wieder gut machen. Kannst du mir trotzdem verzeihen?“, flehte er verzweifelt.
Elena war auch bewusst, dass man die Zeit nicht zurückdrehen konnte. Er war der Vater ihres Kindes. Und er hatte wirklich alles versucht, um sich zu entschuldigen. Nun war es an ihr, ihm entgegen zu kommen.
„Also gut. Reden wir nicht mehr darüber. Aber die Hochzeit verschieben wir bis nach der Geburt! Das Vertrauen zwischen uns muss erst langsam wieder wachsen!“
Heiko stimmte zu. Fortan las er Elena jeden Wunsch von den Augen ab und genoss es, an ihrer Schwangerschaft teilzuhaben. Zu fast jeder Vorsorgeuntersuchung begleitete er sie und war fasziniert von diesem „kleinen Wunder, dass da in dir wächst“.
Die Beziehung zwischen ihm und Elena hatte allerdings sehr gelitten. Obwohl sie sich bemühte, wieder möglichst normal mit ihm umzugehen, lag zwischen ihnen eine große Kluft.
So versuchte sie auch nicht, ihn aufzuhalten, als er mit Rene und einem weiteren Kollegen zu einer Messe fahren wollte. Drei Tage würden die Männer unterwegs sein. Elena war im sechsten Monat schwanger. Trotz aller Probleme und der zwischen ihnen entstandenen Distanz waren sie aber noch immer ein Paar.
Deshalb beschloss Elena im Moment des Abschieds, einen Schritt auf ihren Verlobten zu zugehen und gab ihm ein aktuelles Ultraschallbild seines ungeborenen Sohnes mit. Gerührt nahm Heiko das Bild und betrachtete es lange. Dann steckte er es in seine Brieftasche. Zum Abschied wollte er Elena umarmen, aber sie wich zurück. So sagte er nur „Mach’s gut!“ und verließ die Wohnung, ohne sich noch einmal umzudrehen.
Elena traute ihren Augen nicht, als zwei Tage später Rene und Nadja vor ihrer Tür standen. „Ich denke, ihr seid noch auf der Messe!“, sagte sie zu Rene. Er und seine Freundin sahen sich betroffen an. Nadja war den Tränen nah. „Können wir reinkommen? Ich… wir müssen dir etwas sagen.“, bat Rene. Irritiert bat Elena die beiden herein.
„Bitte, setz dich.“, forderte Nadja sie auf. „Was ist los?“, fragte Elena völlig verständnislos. Sie wurde nicht schlau aus der Situation. Dass aber etwas passiert sein könnte, kam ihr nicht in den Sinn.
Rene begann stockend. „Also, auf der Messe… Es gab da so einen Stand… also draußen… wo man einen Hubschrauberrundflug mitmachen konnte. Wir sind dann da hin. Es waren aber nur noch zwei Plätze frei. Und ich wusste ja, dass Heiko so was schon immer mal machen wollte. Also bin ich unten geblieben. Verdammt, warum habe ich ihn da bloß rein gelassen?“
„Was ist mit ihm?“, rief Elena voller Angst.
Rene rang um die richtigen Worte. „Der Hubschrauber… er ist abgestürzt. Sie haben nur einen Menschen lebend rausholen können. Ein Tourist aus dem Schwarzwald.“
Elena weigerte sich, diesen Gedanken an sich heran zu lassen. Nichts um sie herum drang mehr zu ihr durch. Sie wurde ohnmächtig.
Isabells Vater lehnte an der Autotür und genoss gerade die milde Septembersonne. Als seine Tochter auf ihn zukam, fragte er lächelnd: „Na, wie war es?“
Und schon sprudelte es aus dem Mädchen heraus: „Es war super schön. Der Kleine ist total süß. Er heißt Pascal, aber ich habe ihm einen Spitznamen gegeben: Mops! Das passt irgendwie zu ihm, obwohl er so klein und zerbrechlich ist. Einfach zum Knuddeln! Und Elena geht es auch wieder viel besser, seitdem das Baby auf der Welt ist. Ich glaube, sie ist darüber hinweg, dass ihr Verlobter gestorben ist!“
