Kommune Bügowicz - Christopher Well - E-Book
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Christopher Well

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Beschreibung

Kommune Bügowicz Alt und vom Leben entmutigt droht Bügowicz der Abriss seines geliebten Zuhauses. Mit den anderen Hausbewohnern leistet Bügowicz Widerstand und setzt sich gegen das Komplott aus Vermieter, Anwälten und städtischer Politik zur Wehr. Der verantwortliche Baugutachter Stefan erfährt bald am eigenen Leib, wie weit die betagten Bewohner zu gehen bereit sind. Erpressung, Einbruch und mafiöse Unterstützung. Rückschläge einkalkuliert, reißen die Geschehnisse Bügowicz zurück ins Leben.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Kommune Bügowicz

Christopher Well

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Autor

Christopher Well

Hüllenkamp 110, 22149 Hamburg

Lektorat: Claudia Pietschmann (ebooks-perfekt.de)

Korrektorat: Christian Winkelmann

Cover & Umschlaggestaltung: Rainer Wekwerth

Für Euch

Kapitel Eins

Bügowicz

Sterben? Nein. Diesen Gefallen würde er ihnen so bald nicht tun.

Das morgendliche Kratzen der Schneeschaufel störte ihn so wenig wie die Geschichten, die man hinter seinem Rücken über ihn erzählte.

Ein Buch mit abgegriffenem Einband lag neben ihm auf dem Nachttisch. Zwischen den Seiten ragten schmale Zettel hervor. Recherchen. Alte Gewohnheiten waren nur schwer abzulegen. Bügowicz las gern und viel. Am gestrigen Abend hatte er sich seiner Leidenschaft wieder einmal bis spät in die Nacht hingegeben. Er hatte schlecht geschlafen, wie so oft. Trotzdem mühte er sich pünktlich um kurz nach acht aus dem Bett. Er schlüpfte in seine Hausschuhe. Mit dem Buch in der Hand schlurfte er in die Küche, setzte Kaffee auf und begann zu lesen.

„Diese Kälte“, schimpfte er.

Bügowicz schnürte den Morgenmantel eng um seinen Oberkörper. Bislang verwehrten die Rollos den ersten Sonnenstrahlen ihren Weg in die Wohnung. Eine Tischlampe erhellte flackernd den Raum.

Unruhig legte er das Buch beiseite. Es fiel ihm schwer, sich zu konzentrieren. Immer wieder schweiften seine Gedanken zu dem Brief, den er am Vorabend vor seiner Türschwelle gefunden hatte und der noch immer ungelesen vor ihm auf dem Küchentisch lag. Seufzend nahm er ihn in die Hand. Mit seinen gebrechlichen Fingern untersuchte er sorgfältig jede Ecke. Schwer atmend betrachtete er das Papier. Name und Anschrift stimmten, leider. Der Absender, ein Immobiliengutachter, ließ ihn nichts Gutes vermuten. Bügowicz zögerte und legte den Brief ungeöffnet beiseite.

Er stützte sich auf den Tisch und drückte die wackligen Beine stöhnend nach oben. Langsam ging er zum Fenster. Um die Müdigkeit zu vertreiben, rieb er mit den Händen über sein Gesicht, spürte den Dreitagebart.

Ich lasse mich gehen, sollte mich häufiger rasieren, dachte er, während er das Rollo ohne Eile nach oben zog. Die einfallenden Sonnenstrahlen kitzelten auf seiner Haut. Blinzelnd hielt er inne, bis er sich an die Helligkeit gewöhnt hatte. Er öffnete das Fenster, durch dessen schlechte Isolierung auch im geschlossenen Zustand ein permanenter Luftstrom zu verspüren war. Der darunter platzierte Seppelfricke-Gasofen aus den Fünfzigern lief zuverlässig, setzte der Winterkälte aber wenig entgegen.

Bügowicz richtete seinen Blick in den Hof. Der Nachbar mit der Kapitänsmütze war weiterhin damit beschäftigt, den gefallenen Schneeflocken der Nacht mit Schippe, Besen und Split den Garaus zu machen. Der vollbärtige Mann blickte zu ihm und legte zum Gruß die Hand an die Stirn.

„Moin“, schrie er herauf.

Bügowicz lächelte. „Guten Morgen.“

„Schöner Tag heute.“

„Ja. Schön.“ Es fröstelte ihn. „Etwas kalt.“

„Die Kälte weckt die müden Glieder.“

„Schön wäre es“, murmelte Bügowicz. Die Erfahrungen lehrten ihn etwas anderes.

„Was?“

„Ach, egal.“ Er winkte ab. „Schon lange draußen?“

„Vor Sonnenaufgang. Es gibt eine Menge Arbeit heute.“

„Stimmt wohl.“

„Ab sieben Uhr muss der Gehweg geräumt werden, eineinhalb Meter in der Breite und bis zwanzig Uhr am Abend. Seine Pflichten muss man ernst nehmen.“

„Natürlich.“

„Gibt noch viel zu tun.“

Bügowicz betrachtete den schneefreien Bürgersteig und nickte.

„Ich mache dann mal weiter. Bis später zum Mittagessen?“

„Ja, bis später.“

Er trat zurück an den Tisch und gönnte der Lampe ihre wohlverdiente Pause. Gähnend fuhr er sich mit der Hand durch sein graues Haar. Der Ansatz war mit der Zeit weit nach hinten gerutscht und in der Mitte seines Schädels angelangt. Wie in Jugendzeiten reichten die Spitzen bis zu seinen Schultern.

Frischluft durchzog die Wohnung, begleitete ihn zum Schallplattenspieler, der in einer Ecke im Wohnzimmer stand. Auf Knopfdruck begann sich das Vinyl zu drehen. Bügowicz legte die Nadel in die dritte Rille. Es rauschte zwei, drei Sekunden, dann füllte sich der Raum mit kratzigen Gitarrenklängen.

Die Stones. Noch einmal die 70er erleben. Seine Füße wippten im Takt. „If you start me up. If you start me up, I’ll never stop …“, sang er mit breitem Lächeln.

Satisfaction, Paint it Black, Under my Thumb. Die Europa-Tournee im Mai ’76 und das damit verbundene Gefühl von Freiheit blieben für ihn unvergesslich.

Die Wände waren hellhörig, gaben ungefiltert preis, was sich in den anliegenden Wohnungen abspielte. Er musste die Musik nicht besonders laut stellen, um dem alten Obernik in der Etage über ihm von seinem Erwachen zu berichten. Das Gesicht seines miesepetrigen Nachbarn vor Augen, schlurfte Bügowicz mit einem Hauch Genugtuung zurück in die Küche.

„Ja, ja, so blau, blau, blau blüht der Enzian“, ließ die Antwort nicht lange auf sich warten. Heino und die Stones, die musikalische Kluft zwischen beiden Männern war so unüberwindbar wie ihre gegenseitige Abneigung.

Zum zweiten Mal griff Bügowicz zur Kaffeekanne. Die metallene Maschine aus Italien war sein Prunkstück. Davon abgesehen suchte man Luxus vergeblich. Er besaß einen Kühlschrank ohne Gefrierfach und eine Spüle mit geflicktem Wasserhahn. Ebenso gehörten ihm ein Ofen und eine Herdplatte. Letztere wärmte entweder auf voller Leistung oder überhaupt nicht. Für den Kaffee genügte es.

Mit der Tasse in der Hand ging er hinüber ins Wohnzimmer. Auch der Rest seiner Zweizimmerwohnung war allenfalls mit dem Notwendigsten ausgestattet. Ein Vorhang trennte das Schlafzimmer vom übrigen Wohnbereich. Sein Bad maß keine fünf Quadratmeter; ohne Fenster, aber mit Tür. Diese stand zumeist offen, um der Feuchtigkeit einen Weg nach draußen zu öffnen. Am modrigen Klima innerhalb der Wohnung änderte es wenig.

Die Wände der Zimmer wirkten wie der Hintergrund in einem Schwarz-Weiß-Streifen bedrückend grau. Zeitungsartikel und ein überfülltes Bücherregal verdeckten immerhin einen Teil der farblosen Tristesse. In der Raummitte befand sich eine grasgrüne Couch, auf die man sich nicht erst setzen musste, um von den hervorstehenden Sprungfedern Notiz zu nehmen. Auf dem flachen Holztisch stand eine Schreibmaschine, um die sich lose Blattsammlungen und aufgeklappte Bücher in einem wirren Durcheinander stapelten. Der Raum erinnerte an eine vergessene Bibliothek, in der sich Staub auf der Lektüre sammelte und einem der Geruch von vergilbtem Papier die Freude am Atmen nahm.

Seit zehn Jahren wohnte Bügowicz hier, allein und ohne den Willen, etwas daran zu ändern. Letzteren hatte man ihm vor langer Zeit genommen, gemeinsam mit dem Enthusiasmus, mit welchem er sich Dingen einst gewidmet hatte. Er hatte intensiv gelebt und geliebt; nicht über Jahrzehnte, doch für einen sehr glücklichen Zeitraum. Wer konnte dies schon von sich behaupten?

Vorsichtig ließ er sich auf die Couch sinken, bemüht, die spitzen Federn weitestgehend zu verfehlen. Seufzend nahm er ein Blatt und spannte das Papier in seine Triumph-Adler-Universal. Sein halbes Leben begleitete sie ihn und zusammen hatten sie viel durchgestanden. Rechnungen, Liebesbriefe und Artikel für lokale wie überregionale Zeitungen hatte er auf ihr getippt. Zunächst hatte er sie aus Sentimentalität behalten, dann aus Geldsorgen – und so nie den Wechsel ins digitale Zeitalter vollzogen. Ein treuer Begleiter. Das harte Aufschlagen der Tasten war Musik in seinen Ohren.

Ohne Frage war ihr Verhältnis mit den Jahren schwieriger geworden. Schon in den Neunzigern hatte das Ypsilon seinen Dienst eingestellt. Bügowicz’ Texte mussten seither ohne dieses auskommen. Es tröstete ihn, dass es nicht ein A, E oder U getroffen hatte, und so unterließ er es fortan, darüber zu klagen.

Bügowicz schrieb, seit er denken konnte, und hatte als junger Journalist gutes Geld damit verdient. Mitte der Siebziger war seine Zeit gewesen. Zuweilen hatte er sich kaum der Menge an Themen und zahlungswilligen Abnehmern erwehren können. Er hatte für seinen Beruf gelebt, seine Berufung.

In dieser Zeit hatte es ihn nach Mosambik verschlagen, wo er für die deutsche Presse über den Bürgerkrieg berichtete. Mit seinen Texten rüttelte er auf, wie später in Deutschland. In Berlin-Kreuzberg geriet er so bei Recherchen über die dortige Hausbesetzerszene zwischen die Fronten. Die Polizei auf der einen Seite, die aufgebrachten Demonstranten auf der anderen. Knüppel wurden gezogen und Steine geworfen, jeder verhaftet, der irgendwie zu fassen war, wie er. Auf einen Schlag änderte sich alles. Niemanden interessierten seine Aussagen, Notizen und Fotografien, keine der hundertfach geäußerten Beteuerungen, den besagten Stein nicht geworfen zu haben. Aussage stand gegen Aussage und einem Polizisten glaubte man im Zweifel mehr als einem vermeintlichen Aufrührer und Krawallmacher. Schwere Körperverletzung und Landfriedensbruch lautete die im Eilverfahren durchgesetzte Anklage. Eine zweijährige Gefängnisstrafe ohne Bewährung sowie ein Schmerzensgeld von zwanzigtausend Deutschen Mark war das Urteil, welches einem Exempel glich.

Sein Name erlangte zweifelhaften Ruhm, keinen, der ihm im beruflichen Umfeld nützte. Bekannte Druckmedien veröffentlichten keine Artikel von Vorbestraften und Gebrandmarkten, schon gar nicht nach den Ereignissen in den 70ern und der Eskalation im Deutschen Herbst. Sein geringes Einkommen reichte so bei Weitem nicht aus, um die Schulden zu begleichen und den gewohnten Lebensstil zu finanzieren. Themen der Geschichte, wie Umweltbewegung und NATO-Doppelbeschluss, begleitete er folglich aus der zweiten Reihe, die deutsche Einheit bereits als Zuschauer.

Seine Zeit als Journalist hatte geendet, als die Aufträge ausgeblieben waren. Er nahm die Stelle als Bürohilfe an, bei der sich niemand für seinen Namen interessierte. Ab diesem Moment hieß es Tag für Tag und das gesamte Jahr über Akten zu sortieren, Briefe abzutippen und Faxe zu verschicken. Pünktlich zahlte er von da an monatlich seine Raten und erledigte die einfältigen Pflichten, die man ihm auftrug. Nach zwanzig Jahren stiller Arbeit schickte man ihn vom einen auf den anderen Tag in den Ruhestand. Bügowicz wehrte sich nicht dagegen. Er nahm die Kündigung hin und zog kurz darauf in eine noch günstigere Wohnung. Sie blieb sein Zuhause, mit tagein, tagaus denselben Gesichtern. Es war das Beste, so glaubte er, was eine gescheiterte Existenz erwarten konnte.

Die schmale Rente reichte nicht zum Leben, sodass er bald seine journalistische Tätigkeit wieder aufnahm. Es war nicht viel, doch hier und da ließen sich in der lokalen Presse durchaus ein paar Euro hinzuverdienen. Auch seine hilfsbereite Nachbarin und die geringe Miete kamen ihm zupass. Beide minderten die Sorgen im Alltag.

Von wem Obernik über seine Zeit im Gefängnis erfahren hatte, war für Bügowicz schwer nachzuvollziehen. Er grämte sich seiner Vergangenheit nicht. Die Zeit im Gefängnis musste er, der von einem Gericht verurteilte Ex-Häftling, mit sich selbst ausmachen. Trotzdem zog das Gerede über ihn weite Kreise und die Sensationslust der Leute trug zuweilen seltsame Blüten. Er war ein Sonderling, keine Frage, und doch lagen die Tage, in denen er sich in besetzten Häusern aufgehalten hatte, lange zurück. In seinen Erinnerungen verschwammen sie zu unscharfen Bildern, während er aufhörte, an die endlose Zeit hinter Gittern überhaupt zu denken.

Die Leute glaubten, was sie wollten. Warum also die Mühe, sie vom Gegenteil zu überzeugen? Besonders Obernik neigte bei seinen Spekulationen zu großer Fantasie, doch verkaufte Bügowicz kein Haschisch und war weder ein russischer Spion noch ein gesuchter Terrorist der Roten Armee Fraktion. Die meisten Behauptungen waren schlichtweg erstunken und erlogen. Nicht einmal ein Hausbesetzer war Bügowicz, er mietete seine Wohnung vollkommen legal. Spießig, hätte er in früheren Jahren abfällig geurteilt.

Nach einer Weile hatte er Gefallen an dem Trubel um seine Person gefunden, und so gab er Oberniks Mutmaßungen von Zeit zu Zeit weitere Nahrung. Besonders die Rolle des untergetauchten Linksterroristen mochte Bügowicz. Mit Sonnenbrille und Perücke verließ er an manchen Tagen seine Wohnung, blickte sich auffällig nach allen Seiten um und verschwand aus den Blicken der Hausbewohner. Erst Stunden später kehrte er mit einer ausgebeulten Sporttasche nach Hause zurück. Bügowicz kaufte ein, doch sollte Obernik ruhig denken, dass er soeben von einem kriminellen Streifzug zurückkehrte. Mit Freude verhielt er sich, wie die Leute es von ihm erwarteten. Das Interesse an ihm war in jedem Fall besser als die triste Anonymität der vergangenen Jahrzehnte.

Er begann zu tippen, drückte auf die Tasten, die ihren Tintenabdruck wuchtig auf das weiße Papier hämmerten. Gerade arbeitete er an einem Artikel über den ortsansässigen Taubenzuchtverein, ohne Ypsilon und ohne Begeisterung.

„Brieftaube Tatjana“, seufzte er kopfschüttelnd. „Wie kommt man nur auf so eine Idee?“

Die Arbeit hatte nichts mit Hingabe zu tun. Wie auch, wenn man soeben über den zweiten Vorsitzenden des Taubenzuchtvereins Karl Röderich schrieb? Dieser hatte mit seiner Brieftaube Tatjana die zweite Etappe der Dutch Open bei Lommel gewonnen. Im Gegensatz zu früher war es Bügowicz egal, ob jemand seine Texte las, solange die Zeilen ihm das nötige Kleingeld einbrachten. Einst hatte er Journalisten mit dieser Einstellung zum Beruf belächelt. Heute konnte er sich diesen Luxus nicht mehr leisten.

Nach einer halben Stunde verstummten die Tasten. Für diesen Morgen hatte er genug vom stupiden Schreiben, stand auf und kehrte zurück an den Küchentisch. Noch immer wartete der Briefumschlag auf ihn. Bügowicz sehnte sich zu den Tagen ohne festen Wohnsitz zurück. Über die formlosen Androhungen, die seinerzeit in West-Berlin per Nagel an die Türen geschlagen worden waren, konnte er im Nachhinein nur müde lächeln. Zahnlose Drohungen. Die Anonymität war Geschichte und nicht einmal das Abschrauben seines Briefkastens hatte Bügowicz vor der Zustellung ungebetener Nachrichten bewahrt. Ernüchterung machte sich in ihm breit. Er brauchte die Wohnung, besaß weder die Kraft noch die finanziellen Mittel, ein weiteres Mal umzuziehen.

Mit mulmigem Gefühl nahm er das Schreiben erneut in die Hand. Der weiße Umschlag mit Sichtfenster wirkte unscheinbar. Reine Taktik. Widerwillig öffnete er den Umschlag, zog den Brief heraus und faltete ihn auf.

Er hielt den Zettel fest in beiden Händen, während er den Wörtern und Zeilen aufmerksam folgte. Vom Anfang bis zum Ende las er den Brief, legte ihn beiseite und las kurz darauf von Neuem.

Sie wollen uns rausschmeißen. Ihn packte die Angst.

Der Plattenspieler spielte soeben die letzten Töne. Nur das Kratzen der sich drehenden Vinylscheibe war nunmehr zu vernehmen. Mit leeren Blicken ließ Bügowicz das Papier auf die Tischplatte sinken. Er hatte dies vor vielen Jahren schon einmal erlebt. Tief atmend schob er den Brief von sich.

Eine Weile saß er so da, regungslos. Seine Gedanken kreisten ohne Ziel. Erst das Schlagen der Küchenuhr befreite ihn aus seiner Lethargie. Die Mittagszeit erinnerte ihn an die Einladung der Nachbarin. Wenn ihm der Hunger auch vorerst vergangen war, würde er sie nicht enttäuschen. Er hasste es, zu spät zu kommen, stand auf, griff nach einer dünnen Stoffjacke und warf sie über seinen Morgenmantel.

Dieser Brief hat mit Gerechtigkeit nichts zu tun. Jemand sollte sich dagegen wehren. Ich sollte etwas unternehmen.

So schnell der Gedanke in ihm aufkam, so lächerlich erschien er ihm kurz darauf.

Was kann ein alter Narr wie ich schon ausrichten?

Kapitel Zwei

Pinguin, Äffchen und Meister Pfand

Es heißt, man erkennt den Charakter eines Menschen an seinem Umgang. Was würden seine früheren Bekanntschaften dann wohl heute über ihn sagen?

Mit hängenden Schultern verließ Bügowicz seine Wohnung. Ohne zurückzublicken, ließ er die Tür achtlos in die Angeln fallen. Mit einer wachsamen Nachbarin, die den Hauseingang jederzeit im Blick behielt, brauchte man keine Schlüssel. Er blieb zudem selten lange fort, und in seinen vier Wänden gab es wenig, das es zu stehlen lohnte.

Nicht zu jedem Bewohner pflegte er ein gutes Verhältnis. Im Fall vom alten Obernik musste man gar von einem Kleinkrieg sprechen, so sehr hatten sich die Fronten über die Jahre verhärtet. Der Bewohner von obendrüber war wie ein bissiges Äffchen. Je öfter man ihn anstachelte, desto mehr Spektakel veranstaltete er danach.

Jede Provokation besaß ihre Verlockung, und so hatte Bügowicz seine Wohnungstür vor fünf Jahren mit einer neongrünen Spraydose verziert. Es freute ihn noch immer, wenn sein Nachbar im Vorbeigehen über das grelle Kunstwerk schimpfte. Bei manchen Menschen brauchte es nicht viel, um sie in ihren Vorurteilen zu bestätigen.

Für Bügowicz hielten die Streitigkeiten einigen Ärger bereit. Sein Nachbar hatte versucht ihn zu verklagen. Trotz offizieller Beschwerden und nimmermüder Verleumdungen gelang es ihm dennoch nie, den vermeintlichen Hausbesetzer und Kriminellen aus seiner Bleibe zu vertreiben. Manche Schlachten blieben aussichtslos, doch der Abneigung Obernik gegenüber tat dies keinen Abbruch.

„Widerlich.“ Bügowicz rümpfte die Nase. „Wenn es die Kälte nicht schafft, mir ein Ende zu setzen, dann mit Sicherheit dieser Gestank.“

Der Geruch von Obernik und seinem Hund schnürte ihm die Kehle zu. Es war eine Mischung aus billigem Aftershave und nassem Köter, zusammen nur schwer zu ertragen. Sicher waren sie erst kürzlich von ihrer morgendlichen Runde nach Hause zurückgekehrt. Nur gut, dass ihm die Begegnung erspart geblieben war.

Von den Dünsten umnebelt stützte Bügowicz sich am Geländer und war doch schlau genug, sich nicht mit Kraft dagegenzulehnen. Eher früher als später würde das morsche Holz nachgeben. Das Haus hatte fraglos bessere Jahre erlebt. Der Putz blätterte an vielen Stellen so stark, dass man darunter das Mauerwerk erkannte. Kabel ragten allerorts aus den Wänden und die veralteten Leitungen verursachten regelmäßige Stromausfälle, vornehmlich im Winter. In allen Wohnungen zusammengenommen war rund die Hälfte der Wasserhähne undicht und die Treppenhausbeleuchtung flackerte wie in einem schlechten Horrorfilm. Niemand wünschte sich, hier zu leben, und doch gab es Argumente, die dafürsprachen. Die Miete war unschlagbar niedrig und die Wohngegend dank der Nähe zur Innenstadt und wegen der weiten Grünflächen gefragter denn je.

Trotz der Mängel war das Haus keine Ruine. Mit dem richtigen Material, Arbeit und Geduld, so predigte es der Kapitän wöchentlich, bekäme man alles schnell wieder in Ordnung. Ein Altbau brauchte Pflege und Zuwendung, denn im Grunde gab es täglich etwas zu erledigen. Die Lage hatte sich jedoch in den letzten Jahren erheblich verschlechtert. Seit es einen neuen Eigentümer gab, standen viele Wohnungen leer, die gesamte oberste Etage und der erste Stock. Unbewohnbarkeit lautete die offizielle Begründung. Im Hinblick auf die maroden Zustände stießen die Mieter beim Eigentümer jedoch auf taube Ohren.

Allein ihrem Kapitän Hansen, handwerklich begabt wie kein Zweiter, verdankten sie es, dass sich der Verfall in Grenzen hielt. Nachdem man ihn von seinen Pflichten als Hausmeister entbunden hatte, half er trotzdem hier und da bei den wichtigsten Instandsetzungen. Er klempnerte, hämmerte, kehrte und reparierte, tat alles, was die dafür vom Vermieter engagierte Firma zu erledigen nicht imstande war.

Was man von den engagierten Handwerkern zu Gesicht bekam, waren überzogene Rechnungen und Sanierungsankündigungen, die am Ende doch nicht in die Tat umgesetzt wurden. Versehentlich oder aus purer Absicht hatten sie ihnen einmal drei Tage am Stück das Wasser abgestellt. Mehr hatten sie in den Jahren ihrer Untätigkeit nicht auf die Reihe bekommen.

Nachdem das Schwindelgefühl nachgelassen hatte, legte Bügowicz die restlichen Schritte zur Wohnung zurück. Er klopfte, und aus dem Innern erklangen gleich darauf eilige Tippelschritte. Frau Schmitt lief wie ein Pinguin und auch ihre Figur erinnerte stark an die niedlichen Frackträger. Mit hundertfünfzig Zentimetern hätte sie ein imposantes Exemplar abgegeben, hätte die Blumenschürze sie nicht entlarvt. Ein weiteres Indiz war das Beherrschen der menschlichen Sprache. Sie redete wie ein Wasserfall. Gab es eine Neuigkeit zu berichten, ging sie mit ihrer Stimme leicht herunter, so als fürchtete sie belauscht zu werden. In Wahrheit hörte ihr selten jemand unaufgefordert zu, und oft nicht einmal jene, für die ihre Geschichten bestimmt waren. Sie erzählte das meiste davon ohnehin mehrmals.

„Da sind Sie ja. Pünktlich wie immer“, sagte sie lächelnd und trocknete sich die Hände an ihrer Schürze. Die braune Dauerwelle hatte sie trotz ihrer fünfundsiebzig Jahre noch nie gefärbt, wie sie stolz und hartnäckig versicherte. Dies kam für sie so wenig infrage wie ein Mittagsgericht für drei Personen, von dem nicht mindestens die doppelte Anzahl satt werden konnte.

„Guten Tag, Frau Schmitt“, grüßte er artig und trat ein.

„Ach, Herr Bügowicz. Für Sie doch Annegret. Wie oft muss ich Ihnen das noch sagen?“

Er nickte und zu diesem Thema nicht das erste Mal. „Vielen Dank für die Einladung“, sagte er und fügte gerade noch rechtzeitig ein „Annegret“ hinzu.

„Nein.“ Sie schüttelte den Kopf. „Für das Essen brauchen Sie sich nicht zu bedanken. Ein Schreiberling“, erklärte sie und meinte es keinesfalls abwertend, „hat sich um wichtigere Sachen zu kümmern als Kochen. Außerdem helfen Sie mir so schön mit den Rechnungen. Das würde ich ja allein gar nicht hinbekommen. Hin und wieder frage ich mich ernsthaft, was ich nur ohne Sie machen würde!“

„Tue ich doch gern.“

„Sie sind ein Schatz“, sagte sie und warf kurz darauf einen strengen Blick auf seine Hausschuhe. „Die wollten Sie mir schon längst wieder zum Nähen vorbeibringen.“

„Ja, stimmt. Das muss ich vergessen haben.“

„Wenn Sie noch länger warten, müssen Sie bald barfuß durch die Gegend laufen.“

„Ich bringe sie morgen vorbei, versprochen.“

„Nicht notwendig. Ich hole sie mir ab. Sie werden sehen. Ein bisschen Nadel und Faden, und sie sind wie neu. So machen wir es“, entschied Annegret, zog ihn in die Wohnung und schloss die Tür. „Gehen Sie schon mal vor. Ich bin sofort da.“

Frau Schmitt, also Annegret, lebte seit ihrer Kindheit hier. Nachdem ihr Mann verstorben war, war die einzige Tochter vorübergehend ins Haus zurückgekehrt. Nach dem erneuten Auszug hatte sich in ihrem Leben ohne Zweifel ein Vakuum gebildet. Sie brauchte jemanden, den sie umsorgte, und da kamen ihr die alleinstehenden Männer im Haus gerade recht.

Unter dem Dach herrschte eine im Stillen vereinbarte Arbeitsteilung. Hansen kümmerte sich um die notwendigsten Reparaturen. Bügowicz half beim Schriftverkehr, formulierte Briefe an Banken, Versicherungen und Stromversorger, während Annegret für die Mahlzeiten sorgte. Sogar Obernik, der heimlich mit Essen beliefert wurde, leistete seinen Beitrag. Hansen nannte ihn Meister Pfand, da er die nähere Umgebung stets nach Flaschen absuchte. So trug er immerhin zur Sauberkeit bei und achtete diktatorisch darauf, dass andere seinem Beispiel folgten.

Zudem schimpfte er wie ein Rohrspatz, wann immer sich ihm eine Gelegenheit bot, und sorgte so obendrein für Leben im Haus. Als ehemaligem Bezirksleiter einer Supermarktkette, den man aus unbekannten Gründen einige Jahre zu früh in den Ruhestand geschickt hatte, war ihm das Meckern zur Gewohnheit geworden. Ob gewollt oder nicht, er setzte sich durch seine Streitigkeiten mit Anwohnern und Behörden nebenbei auch für die Belange der anderen Mieter ein. Mehrere Parkverbote, eine verkehrsberuhigte Zone sowie eine Umleitung hatte er über die Jahre erwirkt. Allein bei der neu eingeführten Leinenpflicht im Park hatte er seine Finger nicht im Spiel gehabt. Zu seinem Unwillen. Das letzte Wort, so hatte er aufbrausend verlauten lassen, war für ihn in dieser Sache noch lange nicht gesprochen.

Schlurfend betrat Bügowicz das Esszimmer. Es duftete köstlich. Hansen wartete am Tisch. Breite Schultern, blaue Augen und eine stattliche Figur. Der Mann war einst zur See gefahren, keine Frage, und noch immer traute man ihm zu, es mit dem Meer aufzunehmen. Allein am weißen Vollbart und der wettergegerbten Haut merkte man ihm seine sechzig Jahre an.

Haltung annehmend, wie in der Marine offensichtlich üblich, klemmte er die Mütze unter seinen Arm und streckte Bügowicz die kräftige Hand entgegen.

„Moin.“

„Hallo“, erwiderte Bügowicz, schüttelte die Pranke und war erleichtert, dass seine Finger unter dem Händedruck nicht zerquetscht wurden. „Alle Arbeiten draußen erledigt?“

„Natürlich. Da können sich die Nachbarn eine Scheibe von abschneiden“, sagte Hansen lächelnd. „Man darf die Leute nicht erst über den Schnee laufen lassen, sonst bekommt man das Eis darunter nicht mehr weg. Da bricht man sich glatt die Gräten. Der frühe Vogel fängt den Wurm.“

„Und Morgenstund hat Gold im Mund.“

„Richtig“, gluckste Hansen zufrieden.

Pünktlich wie ein Uhrwerk verließ Ole Hansen täglich um sechs Uhr dreißig seine Wohnung. Wind oder Regen, nichts hinderte ihn daran. Am Sonntag trug er seine Marineuniform und dank Obernik wusste nun jeder, dass Hansen es nicht zum Kapitän gebracht hatte. Die Abzeichen auf seinen Schultern identifizierten ihn als Hauptgefreiten, was vom Kapitän zur See ungefähr so weit entfernt war wie er vom Literaturnobelpreis. Außer für Obernik war dies für niemandem je eine Erwähnung wert gewesen. Eine Erklärung, welche Umstände den Seemann so weit ins Landesinnere getrieben hatten, interessierte Bügowicz, doch war das Thema zwischen beiden nie zur Sprache gekommen.

„Endlich was zwischen die Kiemen.“ Voller Vorfreude rieb sich Hansen die Hände.

Man muss ihn mögen, dachte Bügowicz und lächelte still in sich hinein. Sie saßen am gedeckten Tisch, während Annegret in der Küche herumwuselte. Er kam gern zu Besuch. Im Gegensatz zu seinen eigenen vier Wänden wirkten die Räume gemütlich. Wie viele ältere Damen nahm Annegret es mit dem Wegwerfen nicht so genau. Sie hortete ihre Sachen wie ein Eichhörnchen die Nüsse. Eine Schrankwand voller Erinnerungen, Bilder, Bücher und Fotoalben ließ die blumige Tapete im Wohnzimmer nur knapp unterhalb der Zimmerdecke erkennen.

Mit einem Topf von immensen Ausmaßen kam sie zu ihnen.

„Fischsuppe mit Brötchen für die beiden Herren, wie gewünscht“, verkündete sie.

„Riecht sensationell“, urteilte Hansen und rutschte dabei ungeduldig auf seinem Stuhl hin und her.

„Ja, duftet vorzüglich.“

Längst waren die täglichen Besuche zur Gewohnheit geworden und die Abläufe beim Essen waren stets dieselben.

„Dann lasst es euch schmecken. Ich hoffe, es ist genügend da. Zum Nachtisch habe ich noch rote Grütze und Walnusseis im Kühlfach“, sagte Annegret. „Bei mir soll niemand verhungern, und wer arbeitet, muss essen, um bei Kräften zu bleiben. Das hat meine Großmutter schon gesagt, wenn wir früher beim Abendessen saßen. Und was hatte mein Vater nicht für einen Appetit, wenn er nach der Zehnstundenschicht nach Hause kam! Er arbeitete ja in der Stahlindustrie und da musste man kräftig zupacken. Früher sicherlich mehr als heute; und schmutzig ist er nach Hause gekommen, da macht man sich keine Vorstellung mehr darüber. Ja, das waren wirklich andere Zeiten.“

„Schmeckt gut“, sagte Hansen schmatzend.

„Ja, sehr lecker“, fügte Bügowicz hinzu.

Annegret lächelte zufrieden. „Das freut mich. Habe ich heute alles frisch auf dem Wochenmarkt eingekauft. Bin dorthin durch den Park gelaufen, und wie sah es da wieder aus? Überall Müll auf den Wegen und in den Hecken. Diese jungen Burschen schmeißen ihren Dreck einfach weg, obwohl keine fünf Meter weiter ein Mülleimer steht. Seit es diese McDonald’s überall gibt, wird es von Jahr zu Jahr schlimmer mit dem Müll, als ob die ihre Frikadellen mit purer Absicht mehrmals einpacken.“

Hansen nickte. „Schlimm ist das.“

„Und was glaubt ihr, wen ich auf dem Markt händchenhaltend gesehen habe?“

Bügowicz zuckte ahnungslos mit den Achseln. Hansen schwieg und stopfte sich ein Brötchenstück in den Mund.

„Den Mann von der Frau Müller mit einer kichernden Blondine.“

„Vielleicht seine Tochter?“, mutmaßte Bügowicz.

„Sie haben doch nur einen Sohn. Und außerdem kann ich sehr wohl eine Tochter von einer Geliebten unterscheiden. Das war seine Freundin, ganz klar, und viel jünger war sie als Herr Müller. Das finde ich allerhand, und dabei erschien mir Frau Müller immer so glücklich. Ich finde, sie verdient etwas Besseres. Neulich hat sie mir meine schwere Einkaufstasche vom Geschäft bis vor die Haustür getragen. Wer macht denn so etwas noch?“

„Sieht man selten heutzutage“, pflichtete Hansen ihr bei.

„Auf dem Heimweg bin ich noch schnell in das Wollgeschäft gegangen, da sie doch vergangenen Mittwoch die neue Lieferung bekommen haben. Die schönen Farben sind ja immer so schnell vergriffen. Da darf man nicht zu lange warten.“

Viele Geschichten von Annegret waren eine Wiederholung, weniges neu. Nur in Ausnahmefällen befand sich etwas Interessantes darunter, denn zumeist kannte Bügowicz nicht einmal die Hälfte der Leute, um die sich ihre Erzählungen drehten.

Tatsächlich gab es Momente, in denen alle einfach nur aßen. Wenn das Klacken der Löffel im Teller jedoch so laut wurde, dass man den Blick peinlich berührt nach unten richtete, musste einfach etwas gesagt werden. Annegret ließ keine Zweifel aufkommen, dass sie die Richtige dafür war.

„Schreiben Sie denn wieder an einem Artikel, Herr Bügowicz?“ Ihrem Interesse Nachdruck verleihend, legte sie Zeigefinger und Daumen an ihr Kinn.

„Ja.“

Sogleich bemerkte er ihre leuchtenden Augen. Sie war nicht schwer zu beeindrucken und stand seiner Arbeit als Journalist ehrfürchtig gegenüber.

„Über was schreiben Sie denn? Sicher irgendetwas Wichtiges, oder?“

Bügowicz huschte ein gequältes Lächeln über seine Wangen. Er wollte sie nicht enttäuschen, und so machte er, was er in diesen Fällen immer tat. Er improvisierte.

„Gerade arbeite ich an einem Artikel über die Piraterie an der afrikanischen Ostküste. Ich beschäftige mich mit den Hintergründen und damit, welche gesellschaftlich-sozialen Gegebenheiten die Leute in ihrem Handeln antreiben“, erklärte er so beiläufig, als entspräche es der Wahrheit. Tatsächlich verfolgte er die Nachrichten und gab das Vernommene so wieder, dass es ihren Wissensdurst stillte. Sie war keine belesene Frau, und was für andere die Tagesschau bedeutete, hieß bei ihr „Kochen zu dritt“ oder „Eins, zwei, Küchenschweinerei!“.

„Ach“, erwiderte Annegret, den Mund von beiden Händen verdeckt, wie sie es immer tat, wenn man ihr imponierte.

„Landratten in Nussschalen“, kommentierte Hansen abfällig und verfiel in ein Lachen, welches einer stotternden Dampflok ähnelte.

„Es handelt sich nur um einen kleinen Artikel. Kaum der Rede wert“, relativierte Bügowicz und schämte sich für seine Lüge. „Die Ursachen sind leider nicht so gefragt wie Überfälle und Geiselnahmen. Man wird ihn hier daher kaum zu lesen bekommen.“

„Also ich lese Ihre Artikel ja immer gern. Sie schreiben so schön, als ob jede Zeile ein Gedicht wäre. Ich könnte das nicht.“

„Genau wie ich nicht kochen oder einen Nagel gerade in die Wand hämmern kann.“

Klack, klack, klack, erklangen die einzigen Töne, die man für eine Weile in der Wohnung vernahm. Selbst Annegret schienen die Themen für den Moment ausgegangen zu sein, bis ein lauter Knall im Flur sie aufhorchen ließ. Jemand hatte eine Tür zugeschlagen. Ein Hund bellte, als entdeckte er soeben einen Kaninchenbau. Wer wütend die Treppen hinunterstapfte, war nicht schwer zu erraten.

„Verfluchte Scheiße“, drangen die Worte durch die dünnen Wände an ihre Ohren. „Was bilden sich diese Korinthenkacker ein? Wenn die glauben, mich damit kleinzukriegen, täuschen sie sich gewaltig. Nicht mit mir!“

Man war an das Geschimpfe von Obernik gewöhnt, doch dieser Auftritt klang selbst für ihn bemerkenswert.

---ENDE DER LESEPROBE---