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Diese vier Kurzgeschichten sind für alle Erwachsenen gedacht, die gerne das nicht Alltägliche lieben. Für alle, die die Realität mit etwas wie Surealismus gemischt haben.
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Seitenzahl: 85
Veröffentlichungsjahr: 2023
Kompassträume
Reto Lehmann
There are four winds and eight sub-winds, each with its own colour. The wind from the east is a deep purple, from the south a fine shining silver. The north wind is a hard black and the west is amber.
Flann O’Brien
Reto Lehmann
Kompassträume
Kurzgeschichten
2. Auflage
ViCON-Verlag
Niederhasli 2014
Vielen Dank an:
Alex Seiler, Bea van Dongen, Caro Hügi,
Livian Lehmann, Ursi Feierabend
Reto Lehmann ist in Luzern aufgewachsen. Er ist Musiker und Musiklehrer. „Kompassträume“ ist seine erste lautlose Veröffentlichung, auch wenn darin eine Prise Musik enthalten ist.
Reto Lehmann: Kompassträume
©Copyright: ViCON-Verlag
2. Auflage 2014
Lektorat: das Buch – der Text
Verlag: ViCON-Verlag, CH-8155 Niederhasli
Internet: www.vicon-verlag.ch
E-Mail: [email protected]
ISBN E-Book: 978-3-9525921-2-0
Satz und Layout: LP Copy Center, Wettingen
Druck: online-druck.biz
Coverdesign: Marianne Halter
Umschlaggestaltung: Markus Vögeli - Der Photograph
Inhaltsverzeichnis
West
Nord
Ost
Süd
West
Die Freundin nahm einen Schluck aus der Porzellantasse und legte ihre Lippen samtig auf seinen Mund. Er spürte das Wasser langsam in sich hineinfliessen. Die erdige Kühle erinnerte an eine Quelle in den Bergen.
Er schloss die Augen für einen kurzen Moment. Als er sie wieder öffnete, war die Geliebte verschwunden und an ihrer Stelle lag eine schwarze Katze auf seiner Brust, die ihn mit ihrer rauen Zunge leckte. Erschrocken wollte er das Tier von sich stossen. Doch die Katze hatte sich festgebissen und saugte das Blut in grossen Schlucken aus seinem Körper wie eine riesengrosse Zecke. Gleichzeitig wurde das Wasser immer heisser, und er konnte die Lippen nicht voneinander trennen. Er schluckte die Flüssigkeit trotz der glühenden Temperatur und fühlte, wie ein Feuersturm aus geschmolzenem Metall seine Kehle hinabloderte.
Es war ein Tag grau in grau. Kuno hatte mit einem bedrohlichen Hämmern im Hinterkopf die schleimverklebten Augen vorsichtig geöffnet. Aus einem schlafähnlichen Dämmerzustand war er in einen unruhigen Wachzustand geglitten, in welchem ihm seine miserable Verfassung allmählich bewusst zu werden begann.Langsam fingen seine Gedanken an zu kreisen wie ein Mühlstein nach dem Eintreffen des Wassers. Hatte er gestern zu viel getrunken? War eine beunruhigende Krankheit im Anzug? Konnte er aufstehen, um eine schmerzstillende Tablette zu schlucken?
Kuno war nahe dran, den neuen Tag bereits abzuhaken, bevor dieser überhaupt richtig begonnen hatte. Vielleicht war das seine übliche Einstellung, unangenehmen Dingen möglichst aus dem Weg zu gehen. Die Flucht aus dem hektischen Alltag in lethargische Zustände, in denen er sich erlaubte, stundenlang seinen Gedanken nachzuhängen und vor sich hin zu faulen wie ein Herbstblatt, das langsam zersetzt wird.
Er drehte sich zur Seite, schlug die Decke zurück und hievte sich mit gepresstem, schwerem Atem aus dem Bett. Den kalten Boden an den Füssen spürend, schwankte er ins Badezimmer, stiess mit irgendeinem Gegenstand zusammen, den er im unaufgeräumten Halbdunkel nicht erkennen konnte. Wahrscheinlich ein Spielzeug, das sein Sohn nicht weggeräumt hatte. Er stützte sich am Lavabo ab, schaute kurz in den Spiegel, war aber noch nicht im Stand sein Spiegelbild zu lesen. Er schob sein Abbild zur Seite, indem er die beiden Flügel auseinanderklappte und mehr mit den Händen als mit den Augen nach Pillen suchte, welche das Feuer in seinem Schädel löschen sollten. Im Gewirr der Packungen fand er schliesslich eine angebrochene Schachtel Kopfschmerztabletten. Er beugte sich zum Wasserhahn, nahm einen grossen Schluck in seinen übel riechenden Mund und schob die Pille zwischen die Lippen.
Er richtete sich wieder auf. Ein unrasiertes und müdes Gesicht blickte ihn an, als würde es im Spiegelkasten wohnen und ein bisschen beobachten, wer da im Badezimmer zu Besuch sei. Kuno konnte zurück ins Zimmer gehen, sein Spiegelbild würde hier auf ihn warten.
Er wankte wieder ins Bett und legte sich hin. Seine Füsse berührten den Boden, während der Rest des Körpers schräg auf dem Bett lag. Irgendwie hatte er nicht die Ruhe, still zu liegen, ein Zucken schoss ihm durch den Rücken. Er versuchte es zu ignorieren und starrte mit offenem Mund an die Decke. Als kleiner Junge war er oft so dagelegen und hatte sich vorgestellt, die Decke, die er von unten betrachtete, wäre in Wirklichkeit der Boden des Zimmers. Klein Kuno war fasziniert, dass nun auf den ersten Blick das Zimmer beinahe leer gefegt war. Nur eine Lampe, die sich über einem gerade nach oben laufenden Kabel auftürmte, thronte mitten im Raum. Immer wieder staunte der kleine Junge, dass dem schlaffen und biegsamen Kabel das Gewicht der Lampe nicht zu viel wurde. Es hatte sich in den Fuss eines Kerzenständers verwandelt und war zu Metall geworden. Anders war es nicht möglich, die plötzliche Kraft dieses weissen Kabelstrangs zu erklären. Doch die Lampe war nur die auffälligste und aussergewöhnlichste Veränderung: Die neben dem Bett stehende, alte Holzkommode hing schwerelos an der Decke und darunter schwebte sein Globus wie die Erde im Weltall und zeigte ihm, auch wenn dies unmöglich schien, den Nordpol von unten. Aber auch alle anderen Gegenstände hatten sich der Verrücktheit der Kommode und des Globus angeschlossen und hingen von Zauberhand geführt an der Decke seines Spielzimmers.
Die Schmerzen in Kunos Kopf hatten nur wenig nachgelassen. Wenigstens konnte er jetzt wieder ruhig liegen. Er drehte sich auf den Bauch, vielleicht würde er so noch eine Weile schlafen können, um dann mit einem etwas klareren Kopf wieder aufzuwachen.
Dass ihm das ausgerechnet an seinem freien Tag passieren musste! Hatte er nicht gestern noch mit Vorfreude an den heutigen Tag gedacht und sich überlegt, was er alles unternehmen könnte? Eine Velotour rund um den See, eine Bergtour mit Freunden und anschliessendem Abendessen in der Hütte, einen Ausflug mit seinem Patenkind zum Bach, wo sie zusammen Staumauern auftürmen würden, während am Ufer ein Feuer brannte, über dem sie kurz zuvor noch ihre Wurst gebraten hatten.
Kuno liess ein langes, unzufriedenes Stöhnen durch seinen Mund frei: Seinen Ärger über den verpassten Tag, den er mit Kopfschmerzen im Bett verbringen würde. Er wanderte in Gedanken einen staubigen Bergweg entlang. Die Sonne brannte heiss auf seinen Nacken, sein Rücken war nass, durchgeschwitzt, weil er einen schweren Rucksack zu tragen hatte. Im Süden, dort wo die Sonne hoch am Himmel stand und mit all ihrer Kraft herabschien, konnte er schneebedeckte Gipfel erkennen, Bergriesen, die vor 150 Jahren zum Teil noch unbestiegen waren. Dann hatten sich Wagemutige an die Erstbesteigungen gemacht, abenteuerlich ausgerüstet, und man hatte nach und nach alle Berge erklommen, auch die steilsten, die abgelegensten und die als unbezwingbar geltenden, bis auf fast allen Gipfeln jemand einen Fuss gesetzt hatte. Doch damit war die Faszination des Bezwingens nicht erlahmt – im Gegenteil. Nun wurden die Berge über Routen bestiegen, die deutlich schwieriger waren als die der Erstbegeher: Grate wurden überquert, Wände durchstiegen. Erst die Südwand, dann die Westwand, die Ostwand und zu guter Letzt die vereiste und unberechenbare Nordwand.
Als alle Routen abgeklappert waren, fingen die Kletterer an, die Berge im Winter zu besteigen. Im Sommer hatte es nur wenig Eis, die Tage waren lang, ein Kinderspiel. Im Winter waren die Tage kurz, man kletterte im Dunkeln, die Temperaturen im Minusbereich, das Eis tat ein Übriges. Doch es war nur eine Frage der Zeit, bis auch im Winter alle Gipfel bestiegen waren und danach alle Grate und Wände. Also begannen die Mutigsten im Sommer die Berge alleine zu erklimmen, dann alleine im Winter, dann ohne Seil, alleine ohne Seil, alleine im Winter ohne Seil. Man erforschte andere Gebirge auf anderen Kontinenten. Dort waren die Berge so hoch, dass mit Sauerstoffflaschen geklettert wurde, doch die Kühnsten verzichteten auch auf diese. Alleine, im Winter, ohne Seil, ohne Sauerstoff auf die Dächer der Welt – und später, als schon mehrere Bergsteiger dies geschafft hatten, ohne Proviant, ohne Wasser, ohne sich Schnee in den Mund zu stopfen, ohne Pausen, mit Gewichten am Arm, mit Sandalen und einem Kontrabass auf dem Rücken und dies alles alleine, im Winter ohne Sauerstoff, ohne Seil. Auf dem Gipfel angelangt, spielte der Bergsteiger auf dem abgeschnallten Kontrabass. Erst nur ein paar Töne. Doch der nächste spielte schon eine Sonate, sein Nachfolger ein ganzes Konzert mit drei Sätzen, wobei er den Orchesterpart vor sich hinpfiff, obwohl es da oben ja gar keine Luft gab.
Es war schon verrückt und wozu tat man das alles? Um den Frauen zu imponieren? Um sich selbst zu beweisen? Oder aus Langeweile? Und was wollte er – Kuno – hier auf diesen ausgetretenen Wanderwegen im Vorgebirge, wo sonntags die Väter ihre müden und nörgelnden Kinder auf die Schulter nahmen, um sie ein kleines Stück weit zu tragen? Hier gab es keine Nordwände, keine vereisten Wasserfälle, nichts was Abenteurer herlockte.
Von weitem konnte er jetzt das Restaurant auf dem Gipfel erkennen. Er würde sich dort hinaufschleppen, einen Moment lang ein klein wenig Stolz empfinden, das Panorama geniessen, sich eine Flasche Most genehmigen und wieder ins Tal hinabwandern.
„Sie wünschen?“
Vor ihm stand ein älterer, kräftiger Kellner mit geröteten Backen, nachdem Kuno seinen Rucksack neben sich auf die Bank gelegt hatte und dabei war, die gerahmten Bergbilder an der Holzwand zu betrachten. Kuno war einen Moment lang überfordert.
„Äh, was gibt’s?“
„Vom Gemüse hat es nicht mehr allzu viel. Aber vom Fleisch gibt es noch jede Menge, gestern war ein schöner Tag – und...“ er lächelte geheimnisvoll, „... Sonntag.“
Kuno überlegte kurz: Allzu frisch konnte das Fleisch demnach nicht sein, an den Sonntagen wurden diese Bergrestaurants wohl kaum beliefert. Was sollte also diese Bemerkung? Andererseits spürte er einen hungrigen Bären in seinem Bauch, der sich satt essen wollte und nach Fleisch schrie.
„Gehacktes mit Hörnli hätte ich gerne.“
Er hatte sich entschieden. Es war eine gute Entscheidung, die ihn auch noch überzeugte, nachdem er sie ausgesprochen hatte. Kein Fehlversuch, den man sogleich wieder korrigieren musste.
„Gehacktes mit Hörnli“, echote der Ober. „Ja, das schmeckt immer gut. Noch ein wenig geriebenen Käse dazu, und sie essen besser als im Tal unten.“
