Kongruenz - Michael Stappert - E-Book

Kongruenz E-Book

Michael Stappert

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Beschreibung

Frank fährt von der Arbeit mit dem Zug nach Hause. Im Zug trifft er auf Lara, die unterwegs ist, ihren neuen Freund zu treffen. Die beiden kommen ins Gespräch und werden durch ein kurzes Flackern der Zugbeleuchtung irritiert. Am Ziel steigen sie aus, und trennen sich. Für beide entwickelt sich der Tag merkwürdig, denn Menschen aus ihrem unmittelbaren Umfeld scheinen sie nicht mehr zu kennen oder reagieren ablehnend auf sie. Zufällig treffen Frank und Lara erneut aufeinander und stellen nach einer Weile fest, dass die Welt um sie herum nicht mehr dieselbe ist wie zuvor. Was wie ein harmloses Zusammentreffen begann, entwickelt sich schnell zu einer rasanten Verfolgungsjagd, bei der die Protagonisten entscheiden müssen, ob sie ihre Freiheit verlieren oder darum kämpfen wollen. Sie begeben sich dabei auf eine Reise, deren Ziel niemand für möglich gehalten hätte.

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Seitenzahl: 523

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Buchbeschreibung:

Frank fährt von der Arbeit mit dem Zug nach Hause. Im Zug trifft er auf Lara, die unterwegs ist, ihren neuen Freund zu treffen. Die beiden kommen ins Gespräch und werden durch ein kurzes Flackern der Beleuchtung irritiert. Am Ziel steigen sie aus, und trennen sich. Für beide entwickelt sich der Tag merkwürdig, denn Menschen aus ihrem unmittelbaren Umfeld scheinen sie nicht mehr zu kennen oder reagieren ablehnend.

Frank und Lara treffen zufällig wieder aufeinander und stellen nach einer Weile fest, dass die Welt um sie herum nicht mehr dieselbe ist wie zuvor.

Über den Autor:

Michael Stappert, geboren 1956 in Gelsenkirchen entdeckte seine Leidenschaft für das Schreiben erst recht spät. Seit rund fünfundzwanzig Jahren schreibt er als Hobbyautor Kurzgeschichten und Romane, vorwiegend aus dem Genre der Science-Fiction. Dabei bevorzugt er Situationen, die recht nah an der Gegenwart orientiert sind und so auch von Menschen gelesen werden können, die keine ausgesprochenen SciFi-Freunde sind.

Inhaltsverzeichnis

1. Der erste Tag

2. Tag Zwei

3. Neutrinos

4. Noch immer Tag Zwei

5. Tag Drei

6. Schattenbilder

7. Tag vier

8. Nachtbesprechung

9. Dunkle Wolken

10. Tag fünf

11. Tag sechs

12. Noch immer Tag sechs

13. Tag sieben

14. Kryon macht Druck

15. Tag acht

16. Vier Wochen später

17. Wetzlar

18. Schützenverein

19. Zawarow verliert die Geduld

20. Training

21. Ein Fehler rächt sich

22. Hilfe

23. Durchgang

24. Eine andere Welt -1-

25. Neunzehn Opfer

26. Eine andere Welt -2-

27. Depot

28. Untergrund

29. Handschlag

30. Zuckerbrot und Peitsche

31. Westfalia

32. Misstrauen

33. Zurück

34. nJet

35. Abschiede

1. Der erste Tag

Endlich hatte ich den Freitag hinter mich gebracht. Die Woche im Büro war verdammt stressig und ich freute mich darauf, das Wochenende mit Anja zu verbringen.

Wir hatten uns das verdient, denn Anja hatte ebenfalls eine anstrengende Woche auf der Messe in Frankfurt.

Der Heimweg in der S-Bahn ließ mich jedes Mal schläfrig werden. Die Luft war stickig, denn die Klimaanlage schien wieder einmal ausgefallen zu sein.

Offenbar war ich eingenickt, denn ich schreckte hoch, als mich etwas am Knie berührte.

»Entschuldigung«, sagte ein Mann, der mich beim Aufstehen in unserer Vierersitzreihe gestreift hatte.

Ich blickte aus dem Fenster. Castrop-Rauxel Hauptbahnhof. Das bedeutete weitere zwanzig Minuten Bahnfahrt. Die Müdigkeit überfiel mich erneut und ich wollte eben meine Augen wieder schließen, da bemerkte ich die junge Frau, die mir gegenüber saß und lächelte.

»Warum lächeln Sie?«, fragte ich.

Sie schüttelte den Kopf. »Ach nichts. Ich fand es nur so lustig, wie Sie immer wieder eingenickt sind - und das bei diesem ständigen Herumgerenne der Fahrgäste.« »Alles eine Frage der Gewohnheit.« Ich lächelte ebenfalls.

»Sie fahren nicht so häufig mit demZug?« Sie schüttelte wieder den Kopf, wobei ihre feinen Haare wippten. Sie hatte dichtes, hellblondes, schulterlanges Haar, das Ihr Gesicht wie ein Vorhang einrahmte.

»Für mich ist es eine absolute Ausnahme. In der Regel fahre ich mit dem eigenen Auto, aber mein Wagen ist in der Werkstatt. Aber es ist schon interessant, sich mal nicht auf den Verkehr konzentrieren zu müssen und Menschen beobachten zu können.« »So wie mich«, fügte ich hinzu.

Ihr Lächeln wurde breiter. »So wie Sie. Ertappt.« »Ich fahre schon seit einiger Zeit meist mit dem Zug zur Arbeit«, sagte ich. »Mit dem Firmenticket ist es kaum teurer als mit demAuto, und ich kann ein wenig auf dem Rückweg entspannen.« »Oder schlafen«, sagte sie lachend.

»Oder schlafen«, bestätigte ich nickend. »Vielleicht wäre das ja auch etwas für Sie.« »Schlafen?«, fragte sie und grinste.

Ich schüttelte den Kopf. »Falsch ausgedrückt. Ich meine, mit der Bahn statt mit dem Auto zur Arbeit fahren.« »Oh, ich komme nicht von der Arbeit«, sagte sie. »Ich habe ein Date und treffe mich mit einem Mann. Wir haben uns schon zweimal bei mir in Paderborn getroffen, und jetzt treffen wir uns in seiner Stadt.«

Sie winkte ab. »Aber wieso erzähle ich Ihnen das eigentlich? Ich sollte Sie nicht mit meinem privaten Kram vollquatschen.«

»Bei mir ist Ihr Geheimnis sicher aufgehoben«, versicherte ich. »Vermutlich sehen wir uns nach dieser Bahnfahrt niemals wieder. Wohin müssen Sie denn?«

»Gelsenkirchen.«

»Ach. Gelsenkirchen? Da wohne ich. In welchem Teil der Stadt wohnt denn Ihr Freund? Ich könnte ihnen erklären, wie Sie hinkommen.« Ihr Lächeln wurde breiter. »Ob er mein Freund wird, weiß ich noch nicht. Es ist erst unser drittes Treffen. Wir haben uns über das Internet kennengelernt. Gibt es einen Stadtteil, der Resse heißt? Ich meine, er sprach von Resse.«

»Da werden Sie vom Bahnhof aus noch den Bus nehmen müssen. Es wird wohl die Linie 381 sein. Ich könnte Ihnen noch denWeg zum Busbahnhof zeigen.«

»Danke, aber er wollte mich vom Bahnhof abholen.«

»Na klar«, sagte ich. »War auch nur so eine-« Ein heftiger Ruck ging durch den Waggon und die Beleuchtung flackerte.

Unwillkürlich hielten wir uns an unseren Sitzen fest.

Nach wenigen Augenblicken war der Spuk vorbei und das Flackern hörte auf. Der Zug glitt wieder ruhig über die Schienen.

»Was war das denn?«, fragte sie. »Geschieht so was häufiger?« »Ich habe keine Ahnung. Normal war das nicht. Ich fahre diese Strecke regelmäßig, aber bisher ... Nein, das habe ich noch nie erlebt.« Ich schaute mich um, aber keiner der anderen Reisenden schien beunruhigt zu sein. Es wirkte fast, als hätte - abgesehen von uns - niemand diesen Vorfall bemerkt.

Einige Minuten später erreichte der Zug den Hauptbahnhof in Gelsenkirchen.

Ich deutete mit demKopf nach draußen.

»Hier müssen wir raus.« Zusammen mit vielen anderen Reisenden stiegen wir aus und standen kurz auf dem Bahnsteig beieinander.

»Dann wünsche ich Ihnen noch einen schönen Tag mit Ihrem Date«, sagte ich und lächelte. »Es war nett, mit Ihnen zu plaudern. Ich verabschiede mich dann mal und mache mich auf denWeg zu meiner Frau.« Sie nickte mir zu. »Ich fand unsere Unterhaltung auch sehr nett.« Sie spähte in beiden Richtungen am Bahnsteig entlang.

»Und? Sehen Sie Ihren Freund irgendwo?« »Nein. Ich verstehe das nicht. Er wollte eigentlich hier sein.« Sie zog ihr Handy aus der Tasche und warf einen Blick darauf. »Das darf doch nicht wahr sein! Der Akku ist leer.

Dabei hab ich ihn erst gestern Abend aufgeladen.« »Wenn sie ihn anrufen wollen, können Sie auch gern mein Telefon benutzen.« Ich zog mein Handy aus der Jacke und stellte verblüfft fest, dass es ebenfalls tot war. Es ließ sich nicht einmal starten.

Hilflos zuckte ich die Schultern. »Das ist jetzt eigenartig.

Ich hätte Ihnen gern geholfen.« »Danke. Ist nicht schlimm. Er kommt sicher gleich. Ich warte halt noch ein paar Minuten. Vielleicht ist ihm etwas dazwischen gekommen. Gehen Sie ruhig. Ich bin ein großes Mädchen und komme zurecht.« »In Ordnung. Bis dann.«

Ich machte mich auf den Weg. Der Vorteil, wenn man in der Innenstadt wohnte, war, dass man in wenigen Minuten zu Fuß vom Bahnhof nach Hause laufen konnte.

Die fünf Minuten durch die frische Luft vertrieben die Müdigkeit, die mich im Zug übermannt hatte. Jetzt freute ich mich darauf, heim zu kommen. Den Schlüssel in der Hand, ging ich auf unsere Haustür zu. Ich stand im Begriff, aufschließen, als die Tür von innen geöffnet wurde. Unser Nachbar von der Wohnung über uns stand mir gegenüber.

»Tag Arno«, grüßte ich ihn. »Auf dem Weg zum Schrebergarten?« Arno sagte nichts, sah mich nur fragend an und zwängte sich an mir vorbei. Ich blickte hinterher. Was war ihm denn über die Leber gelaufen? Hatte es Stress im Haus gegeben und Anja hatte mir davon nichts erzählt? Ich beschloss, das später mit ihr zu besprechen.

In Gedanken vertieft, schloss ich unsere Wohnungstür auf und bemerkte verblüfft, dass die Sicherheitskette von innen vorgelegt war. Seit wann machte Anja das denn?

Bei unserem Einzug hielten wir das für eine gute Idee, aber benutzt hatten wir sie praktisch nie.

»Hallo?«, rief ich durch den Türspalt. »Ich bin zu Hause!

Die Kette ist vorgelegt.« Ich hörte, wie sich Schritte näherten und Anjas Gesicht erschien in dem Spalt. Sie riss ihre Augen weit auf, als sie mich erblickte.

»Frank? Was machst du denn hier? Woher hast du einen Schlüssel zu unserer Wohnung?« »Anja, bitte! Ich hatte einen anstrengenden Tag und bin froh, endlich zu Hause zu sein. Nun mach schon auf!« »Sag mal Frank, willst du mich verarschen? Hast du getrunken? Dieses Thema haben wir doch wohl seit langer Zeit durch, oder? Verschwinde gefälligst! Aber den Schlüssel lässt du hier. Und dann will ich dich nicht mehr sehen!« Hier lief etwas gehörig falsch.

»Anja, was soll das? Wir haben uns doch nicht gestritten!

Als ich heute morgen zur Arbeit ging und wir uns verabschiedet haben, war doch noch alles in Ordnung ...«

»Heute morgen? Bist du völlig übergeschnappt? Lass mich endlich in Ruhe! Nach fast sechs Jahren tauchst du auf einmal hier auf und ... Ich finde einfach keine Worte dafür. Verschwinde einfach, bevor Sven dich hier sieht.« Ich verstand nicht, was hier vorging. »Sven? Welcher Sven?« Ich überlegte fieberhaft. Kannte ich einen Sven? Da fiel mir ein, dass ein alter Freund vor Jahren in die USA ausgewandert war. Sein Name war Sven. Einen anderen kannte ich nicht. Und ihn konnte sie ja kaum meinen.

»Jetzt stell dich nicht blöd! Sven und ich sind seit fünf Jahren verheiratet. Du hast in all dieser Zeit nicht verwunden, dass ich mich für ihn entschieden habe? Und das wundert dich auch noch? Stell dir besser selbst die Frage, wieso ich dir einen Tritt in den Arsch verpasst habe. Und jetzt hau endlich ab, sonst rufe ich die Polizei.« »Anja, Schatz, hier läuft doch irgendetwas ...« »Ich bin nicht dein Schatz, verdammt noch mal!

Verschwinde!« »Komm, mach auf!« Sie schlug die Tür mit einem Ruck zu und ich hätte mir fast die Finger geklemmt.

»Ich rufe jetzt die Polizei!«, klang es durch die geschlossene Tür.

Von oben näherten sich Schritte im Hausflur.

»Was ist denn da unten los?«, hörte ich die Stimme von Arnos Frau Renate.

»Ich weiß es nicht, Renate. Anja benimmt sich eigenartig und lässt mich nicht in die Wohnung.« Oben erschien Renates Kopf über dem Geländer. »Und wer zum Teufel sind Sie? Lassen Sie Anja gefälligst in Ruhe und verlassen das Haus. Wenn sie die Polizei nicht ruft, werde ich das tun!« Ich versuchte es noch einmal: »Renate, ich bin es. Frank.

Ich bin eben von der Arbeit nach Hause gekommen und Anja erzählt mir was von einem Sven.«

»Natürlich Sven. Wer denn sonst? So heißt ja auch ihr Mann. Sie dagegen habe ich noch nie hier gesehen. Und jetzt machen Sie, dass sie Land gewinnen! In diesem Haus passen wir aufeinander auf - damit Sie es wissen!« Ich begriff zwar überhaupt nichts mehr - oder was ich falsch gemacht haben könnte, aber es war klar, dass ich unerwünscht war. Ratlos und resignierend verließ ich den Hausflur und trat auf die Straße. Ich wandte mich um und schaute an der Fassade hoch. Gardinen bewegten sich - ich wurde beobachtet. Meine Hoffnung, Anja würde aus dem Fenster schauen, erfüllte sich nicht.

Was jetzt? Ohne auch nur zu ahnen, wieso, hatte ich soeben mein Zuhause verloren. Warum erkannte unsere Nachbarin mich nicht? Und Anja? Sie wäre mit einem Sven verheiratet? Ich verstand die Welt nicht mehr. Mit gespreizten Fingern hob meine rechte Hand vor die Augen. Da steckte er doch, mein Ehering. Ich war Anjas Ehemann! Hatte sich die ganze Welt gegen mich verschworen? Meine Gedanken fuhren förmlich Karussell. Fragen über Fragen türmten sich vor mir auf.

Hatte ich etwas angestellt, um Anja zu verärgern oder zu enttäuschen? Mir fiel nichts ein. Okay, Reibereien gab es immer mal, aber mit so einem Ergebnis? Was hatte sie noch gesagt? Ich hätte mich sechs Jahre lang nicht blicken lassen? Ich war doch nicht verrückt! Erst heute Morgen habe ich das Haus verlassen und bin ganz normal zur Arbeit gefahren. Und dann dieses Gefasel von Sven. Der Sven, den ich kannte, hatte an der Uni mal versucht, bei Anja zu landen, aber sie hatte immer klargestellt, dass er nicht ihr Typ wäre und nach dem Studium war er in die USA ausgewandert. Ich kann mich an die Party anlässlich der Greencard erinnern, die er bekommen hatte. Seitdem hatte ich nie wieder etwas von ihm gehört. Vermisst hatte ich ihn allerdings auch nicht.

Was war hier los?

Während ich mir das Hirn zermarterte, lief ich ohne Sinn und Ziel umher, die Einkaufszone rauf und runter, wich Passanten aus und nahm im Grunde nichts von meiner Umgebung wahr. Es wirkte alles so vollkommen normal.

Menschen hasteten von einem Geschäft ins andere, ein Straßenmusiker spielte erbärmlich schlecht auf einer Geige, Kinder jagten Tauben ... Es war wie immer, und doch andererseits auch nicht.

Nach einer Weile landete ich wieder am Bahnhof. Die Hektik dort hatte inzwischen etwas nachgelassen und die Schlangen an den Imbissbuden und Backständen waren nicht mehr so lang. Der Geruch stieg mir in die Nase und macht mir bewusst, wie sehr mein Magen knurrte. Klar, ich hatte seit Stunden nichts gegessen. An einem China-Schnellimbiss orderte ich gebratene Nudeln mit Hühnchen. Beim Bezahlen fielen mir ein paar Münzen aus der Hand und ich bückte mich, um sie aufzusammeln. Dabei stieß ich mit meinem Kopf gegen einen anderen. Jemand hatte sich ebenfalls gebückt, um mir zu helfen.

Als ich mich aufrichtete, erkannte ich die junge Frau, die ich in der S-Bahn getroffen hatte. Ihre Miene hellte sich auf, als sie mich erkannte.

»Sie? Ich hätte nicht gedacht, Sie noch einmal wiederzusehen«, sagte sie.

»Geht mir genauso«, gab ich zu. »Ich hoffe, Sie haben sich nicht wehgetan. Ich habe einen harten Schädel.« Sie lachte. »Nein, halb so wild. Wollten Sie nicht nach Hause zu Ihrer Frau?« Sie muss mir angesehen haben, dass etwas nicht stimmte.

»Ist etwas nicht in Ordnung? Sie sehen unglücklich aus.« Ich nickte. »Kann man so sagen, aber diesmal möchte ich Sie nicht mit meinem Privatkram belasten. Und Sie? Ist Ihr Freund nicht gekommen?« Ihre Miene wurde ernst. »Nein, ist er nicht. Ich habe von einer Telefonzelle aus seine Nummer angerufen und jetzt stellen Sie sich vor: Er hat doch glatt behauptet, mich nicht zu kennen. Er hätte von mir noch nie etwas gehört.

Ich komme mir so ... erniedrigt vor. Er hat einfach aufgelegt und später ging er nicht mal mehr ran, als ich es noch einmal versucht habe. Ich habe ja schon im Zug gesagt, es wäre ein Date und ich wüsste noch nicht, ob er mein Freund würde. Das mit dem Freund hat sich wohl erledigt. Dummerweise ist mein Zug nach Paderborn weg und ich stecke jetzt hier erst mal eine Stunde fest, bevor ich nach Hause fahren kann.« Die Parallelität unserer Situationen erschien mir eigenartig. Ich kannte diese Frau zwar nicht, aber jetzt war mir danach, mich ausgiebiger mit ihr zu unterhalten.

»Ich muss mit Ihnen sprechen«, schlug ich vor. »Der Grund, aus dem ich jetzt hier bin, ähnelt Ihrer Geschichte.

Vielleicht setzen wir uns in ein Lokal, trinken etwas und reden. Ich verspreche Ihnen, dass Sie verstehen werden, nachdem ich Ihnen meine Geschichte erzählt habe.« Sie sah mich fragend an. »Was wird das hier? Sie sind ein verheirateter Mann. Das haben Sie mir deutlich zu verstehen gegeben. Jetzt ist mein Date geplatzt und schon laden Sie mich auf einen Drink ein?« Ich hob abwehrend meine Hände. »Ja, ich verstehe, dass das im Moment etwas merkwürdig rüberkommt, aber lassen Sie uns nur etwas reden. Ich bin sicher, Sie werden verstehen, worauf ich hinaus will.« Sie überlegte einen Moment, dann schien sie eine Entscheidung getroffen zu haben.

»In Ordnung. Etwas trinken. Reden. Bis mein Zug kommt. Nicht mehr, okay?« »Mehr will ich gar nicht. Es ist nur so ein unbestimmtes Gefühl, dass mit uns etwas geschehen ist. Fragen Sie mich nicht, was – aber Sie müssen doch zugeben, dass es nicht normal ist, wenn Ihr Freund Sie erst zu sich einlädt und dann leugnet, Sie überhaupt zu kennen.« Sie überlegte.

»Ja schon, aber was hat das mit Ihnen, oder mit uns zu tun? Wir kennen uns doch überhaupt nicht.« Ich deutete zum Ausgang des Bahnhofs. »Bitte begleiten Sie mich doch. Ich kenne ein nettes Lokal, gleich um die Ecke. Alles öffentlich und um diese Zeit sind sicher viele andere Gäste dort. Sie haben nichts zu befürchten.« Sie lachte. »So ängstlich bin ich nun auch wieder nicht. Sie müssen sich nicht so ins Zeug legen, mir zu beweisen, wie ehrlich und korrekt Sie sind. Ehrlicherweise muss ich gestehen, dass ich neugierig bin, was Sie mir zu sagen haben.«

Als wir zur Tür des Lokals hereinkamen, winkte mir der Wirt schon vonWeitem zu.

»Mensch Frank, Dich habe ich ja eine Ewigkeit nicht mehr gesehen. Wohnst du wieder in Gelsenkirchen?« Ich sah meine Begleiterin, dann den Wirt verblüfft an.

»Paul, willst du mich verscheißern? Ich war doch erst vorgestern mit meiner Frau hier und wir haben gegessen.

Du selbst hast uns bedient.« Paul kam zu uns herüber und musterte die Frau an meiner Seite.

»Frank, diese Frage muss ich dir stellen. Ich bin ja durchaus vergesslicher als vor Jahren, aber wenn du kürzlich hier gewesen wärst, wüsste ich das. Was soll das überhaupt heißen? Mit deiner Frau. Hast du wirklich geheiratet? Du warst doch immer so ein unentwegter Junggeselle ...« Ich schüttelte den Kopf. »Paul, ich schwöre dir ... vor zwei Tagen. Mit Anja.« Pauls Gesichtszüge froren förmlich ein. Er warf meiner Begleiterin einen kurzen Blick zu und ließ seinen Zeigefinger neben seiner Stirn kreisen.

»Mädchen, ich muss dir leider sagen: Entweder macht er sich einen Spaß mit mir, oder der hat sie nicht alle. Ich kenne Anja, aber sie ist ganz sicher nicht die Ehefrau von diesem Kerl hier. Es gab damals einige hässliche Szenen zwischen den beiden und danach verschwand er von der Bildfläche. Das muss jetzt so um die ... sechs Jahre her sein.« Er sah wieder mich an. »Ist es nicht so?« Ich winkte ab. »Lass sein, Paul. Wir wollen nur etwas trinken und reden. Wir klären das später, okay?« Paul sagte einen Moment lang nichts und starrte mich nur prüfend an. »Was darf's denn sein?« »Für mich einWeizenbier. Und was möchten-?« »Nur einen Kaffee bitte. Viel Milch.« Paul nickte und ich schob sie an der Theke vorbei zu den Tischen.

»Was war das eben?«, fragte sie, nachdem wir uns gesetzt hatten. »Was meinte er damit: Hässliche Szenen und Sie wären verschwunden?« Ich hob hilflos meine Arme. »Ich habe absolut keine Ahnung. Ich dachte, es wäre nur bei mir zu Hause eigenartig, aber das Ganze geht offenbar weiter.« Ihr Blick wirkte jetzt deutlich distanzierter.

»Gut. Ich bin mitgekommen. Aber Sie müssen zugeben, dass es mich nicht gerade beruhigen kann, was ich bis jetzt gehört habe.« »Ich weiß, wie das für Sie klingen muss, aber es verhält sich wirklich ganz anders. Zunächst einmal: Ich heiße Frank. Frank Jochheim. Seit fast sechs Jahren bin ich mit meiner Frau Anja verheiratet.« Die Frau deutete mit dem Daumen über ihre Schulter.

»Der Wirt behauptet aber ...« Ich hielt meine rechte Hand hoch und präsentierte ihr meinen Ehering.

Sie musterte mich skeptisch. »Okay, wenn wir schon unsere Namen austauschen – ich heiße Lara. Ich verstehe nur noch immer nicht, wozu du mir das alles überhaupt erzählst. Du sagst also, du wärst verheiratet. Schön für dich. Aber was willst du dann von mir?«

»Du verstehst nicht ... Ich will nichts von dir. Nein, das ist auch falsch ausgedrückt. Pass auf! Wir haben uns im Zug kennengelernt – nun ja, nicht wirklich – aber wir haben uns dort getroffen. Du warst auf dem Weg zu deinem Date, ich auf demWeg nach Hause zu meiner Frau. Dass es bei dir nicht glatt gelaufen ist, hast du schon erzählt, aber auch bei mir stimmt einiges nicht.«

Mit wenigen Sätzen berichtete ich Lara, was zu Hause vorgefallen war, und erwähnte auch Anjas Behauptung, mit einem Sven verheiratet zu sein.

»Der einzige Sven, den ich kenne, hat sie vor Jahren mal angebaggert. Sie hat ihn damals abblitzen lassen. Später ist er dann in die USA ausgewandert«, schloss ich meinen Bericht.

»Das klingt völlig verrückt«, sagte Lara nachdenklich.

»Das klingt nicht nur so. Das ist verrückt und es macht mich auch verrückt. Wieso habe ich plötzlich kein Zuhause mehr? Wieso ist meine Frau mit jemand anderem verheiratet? Wieso denkt jeder, ich wäre seit Jahren nicht mehr im Lande gewesen? Verdammt, ich bin mit dem Zug von der Arbeit nach Hause gefahren. Ich habe unsere Wohnung erst heute morgen verlassen!«

»Frank, das klingt alles zwar äußerst dramatisch, aber wieso ist es wichtig, dass du mir das alles erzählst? Vor allem sehe ich nicht, was deine Probleme mit meinen zu tun haben. Okay, mein Date ist geplatzt und ich gebe zu, dass ich etwas angepisst bin. Aber da mache ich einen Haken dran und werde diesen Kerl ganz schnell vergessen. In Kürze setze ich mich in einen Zug und fahre zurück nach Hause. Ich kann deine Probleme nicht lösen.«

»Das erwarte ich auch nicht. Ich erzähle dir das, weil ich glaube, dass wir ein gemeinsames Erlebnis hatten, das der Auslöser für dein und mein Problem war.«

Lara lachte schallend. »Jetzt trägst du aber wirklich dick auf. Wir haben uns im Zug kurz unterhalten – Smalltalk, wenn du mich fragst. Und jetzt sitzen wir hier beieinander. Wo siehst du denn ein 'gemeinsames Erlebnis'? Ist das eine Masche von dir?«

»Nein!«, erwiderte ich heftiger als nötig. »Das Flackern der Zugbeleuchtung. Der kurze Ruck, der durch den Waggon ging. Ich weiß, dass du das ebenfalls bemerkt hast. All die anderen Menschen im Waggon nahmen davon keine Notiz. Erinnerst du dich? Dieser Augenblick muss etwas bedeutet haben. In diesem Moment ist etwas geschehen – mit uns geschehen.«

Ich sah, wie es in ihremGesicht arbeitete. »Ja, ich erinnere mich. Fragte ich nicht, was das war?«

»Genau! Danach hörte das Flackern der Beleuchtung auf und wir dachten nicht weiter darüber nach. Aber die Akkus unserer beiden Handys waren direkt danach leer.«

»Und du denkst allen Ernstes, diese harmlose Sache hätte für uns beide die Geschichte verändert? Bist du ein Verschwörungstheoretiker oder sowas?«

Ich schüttelte den Kopf. »Sicher nicht. Aber es ist eine Tatsache, dass meine Erinnerungen absolut nicht mit dem Übereinstimmen, was die Menschen hier über mich und meine Frau denken. Sie selbst benimmt sich ja nach meinem Gefühl auch mehr als merkwürdig. Dein Erlebnis scheint nicht so gravierend, aber auch das ist merkwürdig.«

»Trotzdem«, sagte Lara. »Deine Theorie klingt weit hergeholt. Erzähle das den falschen Leuten und du landest in einer Nervenheilanstalt. Sag selbst: Würdest du so etwas glauben?«

Ich hielt inne. Hatte sie recht? Verrückt klang meine Theorie schon. Andererseits: Ich saß hier mit Lara und hatte definitiv kein Zuhause mehr. Dorthin zurückkehren hatte heute sicher keinen Sinn, und eine weitere Zurückweisung würde ich an diesem Tag nicht mehr ertragen. Eine Hotelübernachtung? Vermutlich die einzige Alternative. Schlafen und schauen, ob die Welt morgen wieder in Ordnung war.

Ich bemerkte, dass Lara mich anstarrte.

»Ist etwas?«

Sie verzog die Mundwinkel. »Du schienst völlig weggetreten. Ich versuche dir seit Minuten zu sagen, dass ich mich wieder auf den Weg mache. Es ist schon spät und ich werde allmählich müde.«

»Entschuldige, aber mir geht das alles immer wieder durch den Kopf. Hast du nicht gesagt, du müsstest auf deinen Zug warten?«

»Ja, hab ich gesagt. Aber der fährt bald. Ich könnte mit dem Regionalexpress nach Hamm fahren und von dort mit dem Intercity nach Gera weiterfahren. Der hält in Paderborn.«

Ich fand es auf einmal schade, dass Lara mich schon verlassen würde. Aber ich konnte sie verstehen. Aus ihrer Sicht musste ich ein Spinner sein, und da wollte sie vermutlich auf Distanz gehen. Trotzdem fand ich es schade, denn sie war sehr sympathisch.

Ich erhob mich. »Okay, dann werde ich jetzt zahlen und dann trennen sich unsere Wege. Wann geht denn dein Regionalexpress nach Hamm?«

»Genau weiß ich es nicht. Wie lange sitzen wir schon hier beisammen? Fahren diese Dinger nicht zumindest stündlich? Im Bahnhof hängen ja Fahrpläne.«

Ich ging zur Theke und zahlte Paul die Getränke. Wortlos nahm er das Geld entgegen. Als ich mich umdrehte, stand Lara hinter mir. Ihre Jacke hatte sie wieder angezogen.

Gemeinsam verließen wir das Lokal und liefen schweigend nebeneinander zurück zum Bahnhof. Gern hätte ich unser Gespräch wieder aufgenommen, doch wusste ich nicht, was ich jetzt noch sagen sollte.

Lara war die einzige Person, die überhaupt Verständnis für die Situation aufbringen könnte, denn sie war – wie ich – ein Teil davon. Leider begriff sie das nicht. Das Ganze war ein undurchsichtiger Knoten und ich hatte das unbestimmte Gefühl, dass Lara zu seiner Auflösung notwendig war. In wenigen Minuten würde sie mit einem Zug verschwinden und ich würde sie vermutlich nicht mehr wiedersehen.

»Frank?«

Ich zuckte zusammen. »Ja?«

»Du könntest mir noch einen Gefallen tun. Du wohnst doch hier. Wo finde ich hier einen Geldautomaten? Ich habe kaum noch Bargeld in der Tasche und wenn ich mit dem Intercity fahren muss ...«

Ich wies mit der Hand zu den Schließfächern. »Dort.

Neben den Schließfächern ist ein Automat.«

Sie sah mich hilfesuchend an. »Könntest du mich begleiten? Mir ist bei diesen offenen Automaten immer unwohl. Ich denke immer, man beobachtet mich dabei und dann wäre es für einen Dieb leicht, mir Geld und Karte zu entwenden.«

Ich lächelte sie an. »Sicher. Komm, ich schirme dich gegen fremde Blicke ab. Es ist das Mindeste, nachdem ich dich mit meiner Theorie vollgequatscht habe.«

Lara schob ihre Karte in den Kartenschlitz des Automaten und gab ihre PIN ein. Sie schrie erschreckt auf. Der Automat meldete, die Karte wäre ungültig und würde somit einbehalten. Eine Telefonnummer wurde angezeigt, unter der man weitere Informationen erhalten könne.

»Was mach ich denn jetzt?«, fragte Lara verzweifelt. »Ich hab gestern noch damit im Supermarkt bezahlt. Die kann nicht ungültig sein.«

Ich langte an ihr vorbei und drückte die Abbruch-Taste, aber der Automat schien nicht bereit, die Karte wieder auszuspucken.

»Keine Ahnung, was man jetzt machen kann. Ich habe einen Kugelschreiber. Lass uns die Nummer notieren und die Automatennummer, dann können wir morgen klären, wie du deine Karte zurückbekommst.«

»Ja, aber erst morgen! Ich will aber jetzt nach Hause!

Verdammt! Ich hab nicht genug Geld für den Anschlusszug!«

»Mach dir deswegen keine Gedanken. Ich habe genug Bargeld bei mir. Wieviel brauchst du denn?«

Sie sah mich entgeistert an. »Ich nehme von dir doch kein Geld an. Wie sieht das denn aus? Das vergiss mal schnell wieder!«

»Du willst doch nach Hause, oder nicht? Ich bin immer noch der Meinung, dass wir im selben Boot sitzen. Ich will dir einfach helfen – ohne Hintergedanken.«

»Blödsinn.«

»Nein, im Ernst. Es wäre mir ein Bedürfnis, dir jetzt zu helfen. Ich weiß inzwischen, dass du von meinen Ideen nicht viel hältst, aber ich habe ein merkwürdiges Gefühl bei der Sache – als wärst du doch stärker betroffen als du denkst.«

»Du siehst Gespenster.«

Ich lächelte. »Du ahnst nicht, wie sehr ich mir wünsche, dass es so ist.«

Da kammir ein Gedanke.

»Sag mal, was hältst du davon, wenn ich dich nach Paderborn begleite?«

»Bitte? Spinnst du? Das geht jetzt entschieden zu weit!«

»Ich will dich nicht stalken, Lara. Ich begleite dich nach Paderborn, bringe dich nach Hause und wenn dann alles in Ordnung ist, bist du mich los. Ich muss sowieso für diese Nacht in ein Hotel und da ist es gleich, ob das in Gelsenkirchen oder Paderborn ist. Aber ich hätte die Gewissheit, dass bei dir alles in Ordnung ist.«

Sie überlegte einen Moment und schien eine Entscheidung getroffen zu haben.

»Frank, ich kenne dich nicht. Ich finde dich durchaus sympathisch, habe aber allmählich das Gefühl, du versuchst Schritt für Schritt in mein Leben einzudringen.

Dabei bist du verheiratet, wie du sagst. Ich weiß nicht, was du dir davon versprichst, in meiner Nähe zu bleiben.

Ich kann dich nicht daran hindern, mich nach Paderborn zu begleiten, aber wenn ich zu Hause bin, trennen sich unsere Wege. Ist das klar?«

»Völlig klar. Also sind wir und einig?«

»Einig? Habe ich eine Wahl?«

Was sollte ich darauf sagen? Wenn ich mir gegenüber ehrlich war, nutzte ich ja jede Möglichkeit, sie nicht aus den Augen zu verlieren. Eine innere Stimme sagte mir, dass ich sie brauchen würde, um das Rätsel zu lösen – und vielleicht mein altes Leben zurückzubekommen.

Gemeinsam betraten wir das Reisezentrum der Deutschen Bahn und kauften die erforderlichen Tickets nach Paderborn. Eine halbe Stunde später saßen wir imZug.

Wie schon bei unserer ersten Begegnung, saßen wir uns in einer der Vierer-Bänke im Nahverkehrszug gegenüber.

Der Feierabendverkehr war vorüber und die Plätze im Waggon waren nur spärlich besetzt. Uns war das gerade recht. Lara lehnte mit dem Kopf an der Scheibe des Zugfensters und wirkte nachdenklich.

»Woran denkst du?«, fragte ich.

»Ganz ehrlich? Ich frage mich die ganze Zeit über, was du dir davon versprichst, mich nach Paderborn zu begleiten.

Eigentlich kennst du mich nicht, und ich bezweifle, dass du zu meiner Heimatstadt auch nur die geringste Beziehung hast.

Okay, deine Frau hat dich eben in die Wüste geschickt, aber das wäre für mich kein Grund, einer wildfremden Person zu folgen.«

»Du denkst noch immer, ich wollte dich stalken, oder?«, fragte ich.

»Irgendwie schon.«

Ich schüttelte den Kopf. »Du kannst dir nicht vorstellen, dass jemand einfach nur so freundlich sein kann, sicher zu stellen, dass eine nette junge Frau gut nach Hause kommt?«

»Bei dem Aufwand, den du hier treibst?«, sagte sie und lachte. »Nicht in dieser Welt.«

Irgendwie ärgerte mich, dass sie deswegen lachte, denn ich hatte gewiss keine Absichten ihr gegenüber. Ich hatte einfach nur das Gefühl, ich müsste dafür sorgen, sie heil und gesund nach Hause zu bringen. War das so lächerlich?

Lara musste meine Verstimmung bemerkt haben, denn sie wechselte das Thema.

»Was machst du eigentlich beruflich?«

»Softwareentwickler«, sagte ich. »Nach dem Abi habe ich Informatik in Bochum studiert. Eigentlich wollte ich dort den Master machen, aber dann bot mir meine Firma in Werl diesen Job an ... Ich hab es dann beim Bachelor belassen.«

»Und? Hast du es bereut, deinen Master nicht gemacht zu haben?«

»Eigentlich nicht. Die Arbeit macht Spaß und die Bezahlung ist okay. Außerdem haben Anja und ich dann geheiratet und ... na ja. Was Anja angeht, weiß ich jetzt nicht ...«

Lara winkte ab. »Schon klar. Wart Ihr denn glücklich? Ich meine in der Ehe.«

Ich nickte. »Ja sehr. Deswegen verstehe ich ja das alles nicht mehr.«

»Und Kinder? Habt Ihr Kinder?«

Der Zug erreichte den Bahnhof in Hamm und wir mussten umsteigen. Zum Glück hatte der Intercity Verspätung, sodass wir ihn mühelos erreichen konnten.

Zumindest das war ein Stück Normalität in dem Chaos, in dem wir derzeit steckten. Ich dachte tatsächlich wir, aber eigentlich wusste ich nicht, ob nicht nur ich in einem Chaos steckte.

Auch im Intercity fanden wir passende Plätze. Als der Zug den Bahnhof verließ, fragte Lara: »Du hattest vorhin nicht gesagt, ob du Kinder hast.«

»Ist das wichtig? Aber nein, wir haben noch keine Kinder.

Wir wollten welche, aber Anja hatte zwei Fehlgeburten.

Es war eine schwierige Zeit für uns. Eigentlich wollten wir es bald noch einmal versuchen. Das wird jetzt wohl nichts mehr.«

»Vielleicht solltest du nicht so schwarz sehen«, sagte Lara.

»Wir wissen doch noch nicht, was hinter allem steckt.

Vielleicht renkt sich alles bald wieder ein. Du brauchst ganz sicher eine Portion Optimismus.«

»Ja, vielleicht«, sagte ich. »Und du? Ich denke, ich habe nach dieser Befragung auch ein Recht auf ein paar Infos, oder?«

Lara lachte. »Klar. Was möchtest du wissen?«

Der Schaffner kam vorbei und blieb bei uns stehen.

»Dürfte ich bitte Ihre Fahrausweise sehen?«

»Selbstverständlich«, sagte ich. Gleichzeitig holten wir unsere Tickets hervor und händigten sie ihm aus.

Er warf einen kurzen Blick darauf und gab sie uns mit einem Lächeln zurück. »Ich wünsche Ihnen noch eine angenehme Reise.«

Ich blickte ihm noch kurz hinterher, bevor ich mich wieder Lara zuwandte. »Zurück zu uns beiden. Du wolltest mir etwas über dich verraten.«

Sie schmunzelte. »Du hast mir noch nicht gesagt, was du wissen möchtest.«

»Zum Beispiel, was du beruflich machst?«

Sie verzog das Gesicht. »Volltreffer. Ich bin nämlich derzeit arbeitslos. Studiert habe ich nicht. Meine Eltern wollten zwar, dass ich auf die Uni gehe, aber ich hatte nach dem Abi eigentlich die Nase voll von Schulen. Ich wollte etwas von der Welt sehen. Von meiner Patentante hatte ich etwas Geld geerbt, das habe ich dann regelrecht verbraten. Aber okay, dafür war ich mal in Neuseeland und Namibia. Jetzt ist das Geld weg und ich bin wieder hier.«

»Neuseeland und Namibia?«, fragte ich. »Das überrascht mich jetzt doch. Ich hätte dich eher an Stränden am Mittelmeer, der Türkei oder vielleicht Thailand erwartet.«

Sie lächelte. »Sorry, aber da muss ich dich enttäuschen.

Ich stehe da auf etwas mehr spezielle Orte. Leider aber auch sehr teure. Deshalb musste ich mir dann doch einen Job suchen und habe mich dann auf den Buchhandel spezialisiert. Ich habe sogar eine entsprechende Lehre gemacht. Gelesen habe ich immer sehr viel. Zuletzt war ich in einem kleinen, unabhängigen Buchladen beschäftigt, was mir viel Spaß gemacht hat.«

»Warum bist du nicht dort geblieben?«, fragte ich. »Oder hat man dir gekündigt?«

»Die Zeiten sind nicht gut für kleine Buchläden«, sagte sie. »Die großen Ketten und auch der Online-Handel machen sie kaputt. Mein Laden musste schließen und so hat es sich mit meinem Job erledigt. Es ist auch nicht leicht, in der Branche etwas Neues zu finden. Aber ich habe noch nicht aufgegeben.«

»Leben deine Eltern noch?«, wollte ich wissen. »Sie könnten dir doch sicher unter die Arme greifen.«

»Soll das ein Scherz sein?«, fragte sie energisch. »Sie würden mit Freuden ihre Tür für mich aufhalten, damit ich nach Hause zurückkehre. Aber ich lebe mein eigenes Leben und bin unabhängig und selbstständig – jedenfalls noch. Ich halte es für keine gute Idee, in den Haushalt der Eltern zurückzugehen. Das würde nicht mehr funktionieren. Verstehe mich nicht falsch. Ich liebe meine Eltern, aber ich möchte nicht mehr unter ihrem Dach leben. Würdest du das etwa wollen?«

Ich schüttelte den Kopf. »Nein, vermutlich nicht. Aber mir stellt sich diese Frage leider nicht, denn meine Eltern leben nicht mehr. Beide bekamen irgendwann Krebs und verloren den Kampf nach wenigen Jahren. Ich denke, ich wäre auch nicht mehr ins Elternhaus zurückgekehrt.

Andererseits ... Ich wünschte, ich könnte noch einmal mit ihnen sprechen, mir einen Rat von ihnen holen oder mir ihre Meinung anzuhören – oder sie einfach nur um mich zu haben.«

»Das tut mir leid«, sagte Lara.

»Das muss es nicht«, sagte ich. »Inzwischen bin ich darüber hinweg. Nur manchmal denke ich zurück und stelle fest, dass ich sie vermisse. Vermutlich ist das normal.«

Nach fast neunzig Minuten erreichten wir den Hauptbahnhof von Paderborn. Da ich zum ersten Mal in dieser Stadt war, übernahm Lara die Führung.

»Wir könnten den Bus nehmen, aber ich schlage vor, wir laufen zu Fuß. Es ist nicht weit. Ich wohne in der Brüderstraße, in der Nähe des Krankenhauses.«

Da mir das alles nichts sagte, überließ ich ihr die Führung und wir liefen zügig zu ihr nach Hause. Als wir das Haus erreicht hatten, in dem sie wohnte, drehte sie sich zu mir um.

»Ich danke dir, dass du mich begleitet hast. Auch wenn ich es nicht wollte, bin ich doch froh, dass du mich nicht alleingelassen hast. Vielleicht war ich doch zu misstrauisch. Magst du noch einen Moment mit raufkommen? Ich könnte dir das geliehene Geld zurückgeben und vielleicht einen Kaffee machen. Ich erkläre dir dann auch, wo du ein nettes Hotel finden kannst.«

»Warum nicht? Ich will dich aber nicht dazu drängen, wenn du nicht magst.«

Sie grub in ihrer Tasche nach dem Schlüssel und stocherte am Schloss der Haustür herum. »Was zum Henker ...?«

»Gibt's ein Problem?«

»Ich weiß nicht. Ich bekomme den Schlüssel nicht rein.

Der geht sonst immer ganz leicht ins Schloss.«

Ich trat einen Schritt nach vorn. »Soll ich es mal versuchen?«

»Denkst du, ich bin zu blöd, ein Schloss aufzuschließen?«

»Nein. Ich dachte nur ...«

»Ich bin zwar blond, aber das beschränkt sich auf die Haare!«

Vermutlich hatte ich das verdient, aber Anja überließ mir solche Dinge immer sofort. Lara war halt nicht Anja. Wir konnten es jedoch drehen und wenden, wie wir wollten – der Schlüssel passte nicht.

»Vielleicht wurde das Schloss ausgewechselt«, vermutete ich.

Sie deutete auf den Schließzylinder. »Sieht der neu aus?

Das ist kein neues Schloss.«

Wir standen etwas ratlos vor der Tür.

»In welcher Etage wohnst du denn?«

»Im zweiten Stock.«

Ich warf einen Blick auf das Brett mit den Türklingeln.

Zweiter Stock. Was stand dort?

Onur Özgün und B. Lennard.

Ich deutete darauf. »Wie ist eigentlich dein Familienname? Im zweiten Stock kommt nur B. Lennard infrage, oder hast du einen türkischen Namen?«

»Nein. Wie kommst du darauf? Ich habe den seltenen Namen Schmidt, und der steht ... dort nicht ...«

Sie sah mich geschockt an. »Im Ernst, ich habe erst heute meine Wohnung im zweiten Stock dieses Hauses verlassen. Und jetzt sieht es so aus, als würde ich hier nicht wohnen.«

Beherzt drückte sie mit der flachen Hand auf alle Knöpfe.

Kurz darauf bediente jemand den Türöffner und wir betraten das Haus.

»Das ist das Haus, in dem ich wohne. Ganz sicher.«

»Ich glaube dir«, sagte ich. »Du erinnerst dich? Meine Welt ist ebenfalls zerbrochen. Ich hätte dir gewünscht, dass wenigstens bei dir alles in Ordnung ist.«

Eine ältere Frau öffnete ihre Wohnungstür im Erdgeschoss und musterte uns. »Ja bitte?«

Lara lächelte ihr zu. »Entschuldigen Sie die Störung. Ich habe offenbar den falschen Schlüssel eingesteckt und konnte die Haustür nicht öffnen.«

»Den falschen Schlüssel? Wohnen Sie denn hier im Haus?«

»Im Ernst, Frau Doblinski? Ich wohne doch schon seit ein paar Jahren zwei Etagen über Ihnen.«

»Das sollte ich doch wohl wissen, oder? Ich kenne Sie nicht. Sie sind doch nicht bei diesem Türken eingezogen?

Die Pflegerin von Herrn Lennard sind Sie jedenfalls nicht.«

Wir hielten uns nicht weiter mit dieser Frau auf und ignorierten ihr Gezeter, als wir an ihr vorbei die Treppen nach oben stiegen. In der zweiten Etage zeigte Lara auf die Tür, an der ein türkischer Name an der Tür stand.

»Das ist meine Wohnung.«

»Vermutlich war sie das – bis heute Nachmittag.«

Sie schenkte mir einen gequälten Blick und drückte auf die Türklingel. Ein scheppernder, lauter Ton hallte durch die Wohnung hinter der Tür. Als sie geöffnet wurde, blickte uns eine junge Frau mit Kopftuch an. Auf ihrem Arm hielt sie ein Kind von etwa zehnMonaten.

»Ja?«

Lara war fassungslos. Für einen Moment schien sie außerstande, etwas zu sagen. Als die Pause unangenehm lang wurde, sagte sie: »Äh, vielleicht können Sie mir helfen. Ich suche Lara Schmidt. Sie soll hier in diesem Haus wohnen – oder gewohnt haben. Wissen Sie etwas darüber?«

Die Frau schüttelte den Kopf. »Ich kenne keine Lara Schmidt. Wohnt nicht hier im Haus.«

»Darf ich fragen, wie lange Sie schon hier wohnen?«

»Mein Mann seit fast sechs Jahren. Ich erst seit der Hochzeit vor zwei Jahren. Vielleicht kennt mein Mann eine Lara Schmidt, aber er kommt erst spät von der Arbeit.«

»Nein, ist schon in Ordnung. Ich frage mal in den Nachbarhäusern.«

Wir stiegen die Treppen wieder herab, vorbei an Frau Doblinski, die uns misstrauisch beäugte und aufpasste, dass wir das Haus auch wieder verließen.

Lara lehnte sich kurz an mich, wich aber gleich wieder zurück. »Entschuldige. Ich bin etwas durcheinander.«

Sie machte einen so niedergeschlagenen Eindruck, dass ich meine Arme um sie legte. Sie sträubte sich erst, doch ließ es dann zu, in meinem Arm zu liegen. Ich spürte, wie ihre Schultern zuckten und sie schluchzte. Ich wartete, bis sie sich wieder beruhigte. Nach einiger Zeit löste sie sich aus meinem Arm, wischte sich mit dem Handrücken ein paar Tränen aus den Augen und lächelte mich hilflos an.

»Tut mir leid, ich wollte das nicht. Ich ...«

»Es ist in Ordnung. Entschuldige dich nicht dafür. Deine Welt ist genauso zerbrochen wie meine, und letztlich sind wir keinen Schritt weiter. Was ist mit uns geschehen?«

»Und wo gehen wir jetzt hin? Ich habe auch kein Zuhause mehr.«

»Du wolltest mir erklären, wo ich ein nettes Hotel finden kann. Ich schlage vor, dass wir beide dort übernachten.

Morgen überlegen wir dann, was wir tun können.«

Lara überlegte einen Moment, dann sah sie mich an.

»Komm mit!«

Sie griff meinen Ärmel und zog mich fort. Den ganzen Tag schon erlebte ich wie im Fieber, aber das erschien mir doch zu schnell. Ich hätte erwartet, dass sie jetzt völlig durcheinander wäre, doch das Gegenteil schien der Fall zu sein.

»Hey, was hast du jetzt vor?«

Sie blieb so abrupt stehen, dass ich fast auf sie aufgelaufen wäre. Ihr Gesicht befand sich nur Zentimeter von meinem entfernt.

»Was denn? Hast du nicht selbst eben gesagt, wir müssten ein Hotel finden? Normalerweise würde ich einem Mann, der mir nur Stunden, nachdem ich ihn kennengelernt habe, so etwas vorschlägt, einfach in die Eier getreten. Nur ist unsere Situation alles andere als normal. Ich kenne ein kleines Hotel ganz in der Nähe. Die Frage ist, ob wir das auch bezahlen können. Du weißt, ich habe gerade kein Geld. Wie viel hast du noch?«

Ich zog meine Geldbörse hervor und zählte die Scheine.

Ich beglückwünschte mich innerlich, noch am Morgen Bargeld aus einem Automaten geholt zu haben.

»Dreihundert Euro. Das wird für heute Nacht reichen.«

Lara nickte. »Okay, aber viel weiter kommen wir damit nicht. Du solltest gleich prüfen, ob wenigstens deine EC-Karte noch funktioniert.«

»Und wenn die auch eingezogen wird?«

Lara dachte erfrischend pragmatisch. »Na und? Was macht es für einen Unterschied, ob die Karte eingezogen wird, oder sie uns nichts nutzt, weil du sie nicht verwendest?«

»Auch wieder wahr. Dann sollten wir bald checken, ob ich sie noch verwenden kann. Was ist nun mit dem Hotel?«

Sie lächelte humorlos. »Hätte mir gestern jemand gesagt, ich würde mit einem Kerl ins Hotel gehen, den ich erst seit wenigen Stunden kenne, hätte ich ihm gesagt, er wäre verrückt.«

»Wir können es auch lassen.«

»Und dann? Willst du in einem Warteunterstand des Verkehrsverbundes übernachten?«

»Wir könnten getrennte Zimmer nehmen«, schlug ich vor.

»Dann brauchtest du dir keine Gedanken machen.«

»Ja klar! Und dann reicht dein Geld am Ende nicht mal für die nächsten zwei Tage ...«

»Also du meinst wirklich, es macht dir nichts aus, wenn wir ...?«

Lara rollte mit den Augen. »Entspann dich, Frank. Ich will ehrlich sein: Es gefällt mir nicht. Du wirst ja nicht gleich über mich herfallen, oder?«

Ich lächelte. »Dein Vertrauen ehrt mich.«

Sie hielt mir den ausgestreckten Zeigefinger unter die Nase. »Verspiele es nicht!«

»Versprochen. Aber du musst nicht mit mir zusammen auf ein Zimmer.«

»Quatsch! Du hast dich um mich gekümmert, obwohl du es nicht musstest, bist mit mir nach Paderborn gefahren.

Nein, ich denke nicht, dass du so ein Typ bist. Lass uns ein Doppelzimmer nehmen. Vielleicht klärt sich ja morgen alles.«

»Ja. Hoffentlich.«

Lara führte mich zu einem kleinen Hotel in Bahnhofsnähe. Sie hatten ein freies Zimmer für uns und wir checkten ein. Den Betrag für die Nacht zahlte ich im Voraus. Ab sieben Uhr sollte es Frühstück geben. Ich fragte den Portier nach einem Geldautomaten und erfuhr, dass gleich um die Ecke einer wäre. So kehrten wir zurück auf die Straße, da ich gern testen wollte, ob wenigstens ich noch über Geld verfügen konnte.

Insgeheim betete ich, dass es so wäre, denn wenn nicht ...

Keine Ahnung, was wir dann tun konnten.

Es handelte sich sogar um einen Automaten meiner eigenen Bank. Etwas nervös schob ich die Karte in den Eingabeschlitz. Nach kurzer Zeit erschien auf dem Bildschirm die Frage, ob ich eine Auszahlung wünsche oder den Kontostand erfahren wolle. Es sah alles normal aus. Ich tippte auf 'Auszahlung' und der Automat verlangte die PIN. Ich tippte die Ziffernfolge ein und sie wurde akzeptiert. Erleichtert stieß ich meine Atemluft aus. Mir war nicht aufgefallen, dass ich sie angehalten hatte.

Sicherheitshalber forderte ich gleich fünfhundert Euro an und der Automat verarbeitete es klaglos. Wenige Sekunden später erhielt ich zunächst die Karte und dann mein Geld.

Triumphierend hielt ich die Scheine hoch.

»Wir können erst mal entspannt hier übernachten, denke ich.«

Lara nickte und kaute auf ihrer Unterlippe. »Ich wüsste nur gern, wieso mich scheinbar niemand mehr kennt und selbst der Geldautomat mir sagt, die Karte wäre ungültig.«

»Da kommen wir auch noch dahinter«, versuchte ich sie zu beruhigen.

Ich wollte meine Bankkarte schon wegstecken, als mir einfiel, dass es nicht schaden würde, den Kontostand abzurufen. Also noch einmal die Karte rein, die PIN eingegeben und Kontostand angefordert. Als die Zahlen auf dem Monitor erschienen, erstarrte ich.

»Was ist los?«, fragte Lara. »Bist du auch pleite?«

Ich trat beiseite und deutete auf den Bildschirm. Lara trat näher und ich erkannte von der Seite, wie sie ihre Augen aufriss.

»Du hast 762.000 Euro auf dem Konto?«

Sie wandte sich mir ruckartig zu. »Verdammt, wer bist du?«

Ich zuckte mit den Schultern. »Wenn ich das wüsste. Klar, ich habe einen ganz guten Job, aber mehr als zweitausend habe ich nach Abzug aller Lastschriften selten auf dem Konto. Ich schwöre, so viel Geld habe ich noch nie besessen – und es war heute morgen noch nicht da.«

»Es wird immer rätselhafter.«

Ich zog meine Karte aus dem Gerät und verstaute sie sorgfältig. »Lass uns auf unser Zimmer gehen – oder wir trinken noch etwas. Der Portier sagte etwas von einer Mini-Bar.«

Das Hotel war doch nicht so klein, wie ich zunächst erwartet hatte. Es gab einen Aufzug und unser Zimmer befand sich im fünften Stock. Es war nicht groß, aber es gab ein ausreichend großes Doppelbett, ein Bad und zwei schmale Sessel, die zu beiden Seiten eines dreieckigen Tisches standen. Nach kurzem Suchen fand ich die Mini-Bar. Während ich den Inhalt inspizierte, fand Lara in einer Schublade ein Universalladegerät für Geräte mit USB-Anschluss. Damit konnten wir unsere Handys gleichzeitig aufladen.

Wir saßen eine Weile in den Sesseln und tranken eine Flasche von dem Wein aus der Mini-Bar. Ich hatte schon besseren getrunken, aber er erfüllte seinen Zweck. Wir entspannten und entwickelten eine gewisse Bettschwere.

Unsere Ausstattung war mehr als dürftig. Es gab im Bad Handtücher und Badetücher, sowie Zahnbürsten und Zahncreme, aber an Kleidung hatten wir nur das, was wir auf dem Leib trugen. Es blieb nichts anderes übrig, als in Unterwäsche ins Bett zu schlüpfen. Ich fand Lara schon vorher attraktiv, aber sie in Unterwäsche zu sehen, war eine Schau. Als sie meinen Blick bemerkte, beeilte sie sich, unter der Decke zu verschwinden.

»Hast du mich gerade angestarrt?«, fragte sie empört.

Ich fühlte mich ertappt. »Ja, irgendwie schon.

Entschuldige.«

»Und warum hast du das getan? Dir ist doch wohl klar, dass ich dir diesen Anblick nicht freiwillig geboten habe.«

Ich fand, dass sie den Bogen jetzt etwas überspannte.

»Reg dich nicht auf. Wenn du dich im Bikini an den Strand legst, sieht das auch nicht viel anders aus. Dort wirst du auch nicht jeden Kerl anmachen, der dich anschaut, oder?«

»Auch wieder wahr. Ach, ich weiß auch nicht ...«

Ich krabbelte unter meine Decke. Zum Glück hatte jeder seine eigene.

»Und du?«, fragte ich.

»Was?«

»Hast du nicht geguckt?«

»Du meinst, ob ich dich ...?«

»Und? Hast du?«

Lara kicherte. »Ja, verdammt. Natürlich hab ich dich auch betrachtet. Ist irgendwie schon bescheuert, was? Da steigt man zusammen ins Bett und ziehrt sich, wenn der andere einen anschaut.«

»Na, unter 'zusammen ins Bett steigen' verstehe ich aber was anderes«, sagte ich lachend.

»Du weißt genau, was ich meine!«, sagte sie laut und schlug mich mit ihrem Kissen.

Ich revanchierte mich sofort und schon war eine Kissenschlacht im Gange.

Irgendwann hielt ich ihre Arme fest und unsere Gesichter waren nur wenige Zentimeter voneinander entfernt. Wir atmeten schwer und unsere Blicke trafen sich. Wir wurden wieder ernst.

»Was tun wir hier?«, fragte ich und ließ sie los.

»Ich weiß nicht. Ich verstehe mich selbst nicht.«

Sie rückte von mir weg und zog sich ihre Decke bis zum Hals. Die lockere Stimmung war verflogen. Ich wünschte ihr eine gute Nacht, drehte mich von ihr weg und löschte das Licht auf meinem Nachttisch.

2. Tag Zwei

Obwohl ich es nicht erwartet hatte, erwachte ich am Morgen frisch und ausgeschlafen. Im ersten Moment war ich desorientiert, aber als ich neben mir nicht Anja, sondern Lara entdeckte, war die Erinnerung an den vergangenen Tag wieder da.

Im Schlaf war sie zu mir herübergekrochen, hatte sich aber fest in ihre Decke gewickelt. Sie schlief noch fest und ich wollte sie nicht wecken.

Zum ersten Mal hatte ich Gelegenheit, sie näher zu betrachten. Die entspannten Gesichtszüge und die wirre Wolke ihrer Haare verliehen ihr etwas Weiches, Anziehendes. Von Beginn an fand ich sie nett, aber jetzt – in diesem Augenblick – begriff ich, wie schön sie war. Das Bild bekam jedoch sogleich einen Riss, als sich Anja in meine Gedanken schlich. Ich konnte es drehen, wie ich wollte, ich lag hier mit einer wildfremden Frau im Hotelzimmer in einem Doppelbett. Wie musste das aussehen, würde meine Frau jetzt in diesem Moment ins Zimmer kommen? Der Gedanke war natürlich absurd, doch ich konnte ihn nicht einfach abschalten.

Was würde ich sagen? Etwa: Es ist nicht, wonach es aussieht?

Ich fand solche Sprüche immer vollkommen bescheuert, wenn ich sie in Filmen hörte, und jetzt? Ich betrog doch nicht meine Frau! Oder etwa doch?

Ich verwarf diesen Gedanken. Nein. Wir haben keine Zärtlichkeiten ausgetauscht. Es war eine Zweckgemeinschaft, entstanden aus einer völlig skurrilen Situation heraus.

Ich stand auf und ging ins Bad. Sollte Lara ruhig noch etwas schlafen. Für mich bedeutete es ein ungestörtes Duschbad. Es tat gut, das heiße Wasser auf der Haut zu spüren. Alle Sorgen und Rätsel schienen von mir abzufallen, aber es war eine trügerische Sorglosigkeit, denn als ich das Bad verließ – nur mit einem Badetuch bekleidet – stand Lara vor mir und lächelte mich anerkennend, aber auch spöttisch an.

»Na, du Adonis. Kann es sein, dass du Sport treibst?«

»Radfahren und Kraftsport«, sagte ich. »Aber ich würde mich jetzt gern anziehen.«

Sie kicherte leise. »Lass dich nicht aufhalten. Ich schau dir schon nichts weg. Aber keine Angst, ich werde auch erst einmal duschen gehen.«

Als sie wieder erschien, ihre Haare in einen Turban gewickelt und ihre Blößen nur mit einem relativ kleinen Badetuch notdürftig bedeckt, pfiff ich leise durch die Zähne. Sie hatte die Figur eines Models.

»Hey du Spanner! Dieses Pfeifen kannst du dir schenken.

Da steh ich nicht drauf.«

Ich presste schuldbewusst meine Lippen aufeinander.

»Sorry. Aber darf ich bemerken, dass du toll aussiehst?

Ich bin auch nur ein Kerl. Oder ist das verboten, nur weil ich verheiratet bin?«

Lara antwortete nicht, sondern wandte sich ab, ließ das Tuch aufs Bett gleiten und kleidete sich an. »Eigentlich hasse ich es, am Morgen in die Sachen vom Vortag zu schlüpfen, aber wir haben da wohl keine Wahl.«

»Wir könnten ein paar Dinge kaufen. Dann wären wir für den nächsten Tag gerüstet.«

Sie wandte sich mir zu. »Ja, das könnten wir, aber eigentlich wäre mir lieber, wir könnten unser Problem lösen.«

Als sie fertig war, kam sie auf mich zu und blieb direkt vor mir stehen. Da sie etwas kleiner war als ich, blickte sie zu mir auf.

»Danke übrigens für das Kompliment eben. Ich wollte nicht zickig rüberkommen, aber ich hab da ein paar unangenehme Erfahrungen gemacht. Du scheinst anders zu sein. Schade, dass du schon vergeben bist.«

Sie überlegte einen Moment. »Bist du dir eigentlich sicher, verheiratet zu sein? Hat deine Frau dich nicht weggejagt, weil sie mit einem anderen Mann verheiratet ist?«

Ich hob meine rechte Hand und wies auf den Ring. »Und warum, denkst du, trage ich den? Hier ist etwas oberfaul und ich komme nicht dahinter, was für ein Spiel man mit uns treibt. Vor allem interessiert mich, warum ausgerechnet wir? Zwei Menschen, die sich nicht mal kannten!«

Sie schüttelte den Kopf. »Das verstehe ich auch nicht. Lass uns frühstücken gehen. Mit vollem Magen kann ich besser denken.«

Sie griff nach ihrem Handy, prüfte die Ladung und zog das Kabel ab. Nach kurzer Zeit warf sie das Gerät aufs Bett.

»Hätte ich mir ja denken können. Kein Netz. Die SIM-Karte ist ungültig. Es ist wie verhext. Funktioniert dein Handy?«

Ich schnappte mir mein Gerät. Der Akku war inzwischen voll. Ich schaltete es ein und wartete. Nach kurzer Zeit war es im Netz angemeldet.

»Meins funktioniert.«

Das Frühstück war gut und reichlich. Während wir aßen, schmiedeten wir Pläne. Lara stammte aus Paderborn. Ihre Eltern und eine Tante mit ihrem Lebensgefährten lebten in der Stadt und teilten sich ein Doppelhaus. Sie schlug vor, zunächst ihre Eltern aufzusuchen.

»Darf ich dich mal etwas fragen?«, fragte ich Lara.

»Was denn?«

»Wenn deine Eltern hier wohnen, wieso sind wir dann in ein Hotel gegangen? Wäre es nicht logischer gewesen, sich an die eigenen Eltern zu wenden? Sie hätten dir sicher geholfen.«

»Für dich wäre es logisch, aber meine Eltern neigen dazu, mich noch immer behüten zu wollen. Ich bin erwachsen und will ihnen unbedingt beweisen, dass ich allein zurecht komme. Wäre ich mit unserem Problem bei ihnen vor der Tür aufgetaucht ... Du verstehst? Ich hab's dir ja schon im Zug erklärt.«

Ich nickte. »Klar. Die Blöße hätte ich mir auch nicht geben wollen.«

Bevor wir das Hotel verließen, reservierte ich das Zimmer vorsichtshalber für die nächste Nacht, dann liefen wir los.

Da Lara hier aufgewachsen war, kannte sie sich aus und führte uns durch ein Wirrwarr von Abkürzungen. Nach kurzer Zeit hätte ich den Rückweg aus eigener Kraft nicht mehr gefunden. Schließlich standen wir vor einem gepflegten Doppelhaus.

»Hier ist es. Ich bin zwar nicht in diesem Haus geboren, aber hier bin ich aufgewachsen. Links wohnt meine Tante, rechts meine Eltern.«

Zielstrebig ging sie auf die rechte Haustür zu. Ich folgte ihr.

Lara wollte die Türklingel drücken, als ihr Finger über demKnopf verharrte.

»Der Name ...«

Sie wandte sich zu mir um.

»Momber! Wir heißen Schmidt!«

Hektisch stieß sie mich beiseite und lief zur benachbarten Tür.

»Hier stimmt es: Kleimann. So hieß ihr verstorbener Mann.«

Beherzt drückte sie dort den Klingelknopf. Kurz darauf öffnete eine Frau von etwa Mitte fünfzig die Tür und trat heraus.

»Ja bitte?«

Lara starrte sie an. »Tante Edith, ich bin's. Erkennst du mich nicht? Sind deine Augen noch schlechter geworden?«

»Mit meinen Augen ist alles in Ordnung, junge Frau.

Aber wie kommen Sie dazu, mich mit Tante Edith anzusprechen? Wer sind Sie?«

»Tante Edith, ich bitte dich! So sehr habe ich mich doch nicht verändert, seit ich letztens hier war. Ich bin's ...

Lara!«

»Welche Lara?«

»Verdammt nochmal! Lara Schmidt! Deine Nichte. Was ist hier eigentlich los? Warum steht ein fremder Name nebenan auf dem Klingelschild? Was ist mit Mama und Papa?«

Die Frau riss die Augen auf. »Sie wollen damit sagen, Sie wären ... Aber du bist doch ...«

»Wer ist denn da?«, fragte eine männliche Stimme aus dem Hintergrund. Ein Mann um die sechzig erschien neben Tante Edith.

»Hallo Horst«, sagte Lara. »Erkennst wenigstens du mich?«

Horst kniff die Augen zusammen und betrachtete sie.

»Nein. Sollte ich?«

Lara warf hilflos ihre Arme hoch. »Was ist denn mit euch los? Habt Ihr euch alle gegen mich verschworen?

Niemand will mich kennen, meine Eltern wohnen scheinbar nicht mehr in der alten Wohnung ... Ich dachte, wenigstens Ihr könntet mir sagen, was hier nicht stimmt.«

Tante Edith wandte sich an Horst. »Sie behauptet, Lara Schmidt zu heißen. Und ihre Eltern hätten nebenan gewohnt. Das würde ja bedeuten ... Ist das überhaupt möglich?«

Ich stand unbeteiligt daneben und verstand nur, dass uns das nächste Problem gefunden hatte.

Horst trat beiseite. »Vielleicht kommen Sie kurz herein.

Wir machen einen Kaffee und reden. Dann werden wir vielleicht klären können, was los ist.«

»Horst, du kannst sie doch nicht einfach ins Haus holen!

Wir kennen die Beiden doch überhaupt nicht. Wer weiß, was die vorhaben. Man liest ja so Einiges.«

Horst winkte ab. »Ich glaube nicht, dass wir etwas zu befürchten haben. Diese Frau wirkt verstört auf mich.

Vielleicht können wir ihr ja helfen.«

Er sah mich an. »Und Sie sind?«

»Frank Jochheim«, stellte ich mich vor. »Lara und ich haben uns gestern zufällig kennengelernt und seitdem begegnen wir einem Rätsel nach dem anderen. Wir werden es Ihnen gern erklären.«

»Sie kennen sich erst seit einem Tag?«, wunderte sich Horst.

»Ja«, sagte ich. »Wir sind in eine rätselhafte Situation gestolpert, die uns offenbar beide betrifft. Es geht uns darum, diese Rätsel zu lösen, und Lara hofft, Sie könnten uns dabei helfen.«

Er sah mich kurz nachdenklich an, dann winkte er mit der Hand. »Dann kommen Sie mal herein. Achten Sie nicht auf die Unordnung. Wir waren nicht auf Gäste eingestellt.«

Das Wohnzimmer wirkte gemütlich, obwohl etwas vollgestellt mit Nippeskram. Von Unordnung konnte ich allerdings nichts entdecken.

»Nehmen Sie doch Platz.«

Lara und ich setzten uns auf eine alte Couch, in der wir fast versanken. Lara lachte kurz auf.

»Diese Couch war schon immer so. Ihr habt sie nie neu polstern lassen.«

Edith und Horst sahen einander fragend an.

Lara deutete auf ein altes Foto. »Das bin ich mit meinen Eltern. Ich kann mich noch daran erinnern. Es war im Zoo.«

Edith ließ sich in einen Sessel gleiten. »Du meinst, du wärst dieses Mädchen dort auf dem Foto? Diese Lara?«

»Ja sicher. Das bin ich. Links, das ist Mama und dahinter ist Papa.«

Edith schwieg lange. Als sie wieder zu reden begann, klang ihre Stimme heiser.

»Es ist völlig richtig. Das ist Familie Schmidt. Meine Schwester und ihr Mann mit der kleinen Lara. Ich habe keine Ahnung, woher Sie nach all den Jahren dieses Foto kennen – und die Personen darauf. Ich sag Ihnen was: Ich halte Sie für eine Trickbetrügerin. Sie beide sollten jetzt schleunigst gehen, oder wir rufen die Polizei.«

»Bitte! Ich bin keine Betrügerin. Ich bin dieses Mädchen auf dem Foto. Hast du nicht vielleicht ein aktuelleres Bild von mir? Dann würdest du die Ähnlichkeit sofort sehen.«

Edith presste kurz ihre Lippen zusammen. Sie fasste Horsts Hand. Mit der anderen Hand hob sie das Foto hoch und hielt es Lara hin. »Hören Sie, dieses Mädchen dort auf dem Bild ist schon sehr lange nicht mehr am Leben. Es ist eines der letzten Fotos der Familie – kurz vor dem schrecklichen Autounfall, bei dem alle ums Leben kamen. Wer immer Sie sind – Sie sind ganz gewiss nicht dieses Mädchen. Wer also sind Sie wirklich, und was spielen Sie uns vor?«

Laras Gesicht wurde kalkweiß. »Autounfall? Bei dem ...

alle ... ums ... Leben kamen? Soll das etwa heißen ...?«

Ich sah, wie Lara strauchelte, und griff ihr unter die Arme.

»Ist Ihnen nicht gut?«, fragte Edith zunächst mit besorgtem Gesicht. Doch schnell fing sie sich wieder.

»Oder gehört das auch zu Ihrem rätselhaften Auftritt bei uns?«

»Verdammt noch mal! Das ist kein Auftritt!«, fuhr ich sie an. »Sie sehen doch, wie blass sie geworden ist. Sie haben ihr im Grunde eben an den Kopf geworfen, dass sie tot ist und auch ihre Eltern nicht mehr leben. Wie würden Sie sich da fühlen?«

»Hören Sie, junger Mann!«, rief Horst dazwischen. »Wie reden Sie mit meiner Partnerin? Ihre Geschichte ist haarsträubend, und ich frage mich allen Ernstes, was Sie eigentlich von uns wollen. Lara und ihre Eltern kamen bei einem Autounfall ums Leben – und das schon vor vielen Jahren. Was denken Sie eigentlich, wie wir reagieren würden, wenn Sie uns diese Frau als unsere Lara präsentieren. Sie kann es nicht sein, oder soll sie etwa von den Toten auferstanden sein? Ich werde jetzt die Polizei rufen.«

»Warte!«, rief Lara unter heftigem Schniefen. »Ich kann es beweisen.«

Horst, schon auf dem Weg zum Telefon, blieb wie angewurzelt stehen und wandte sich zu uns um. »Was?«

Lara kramte in ihrer Tasche und zog ihren Personalausweis hervor. »Hier Tante Edith. Schau ihn dir genau an. Es steht alles drauf. Ist auch schon einer von diesen fälschungssicheren Ausweisen. Schau ihn dir genau an. Ich bin Lara Schmidt.«

Edith studierte ihn genau und gab ihn dann an Horst weiter, der ihn ebenfalls prüfte.

»Ich verstehe das nicht«, sagte Edith. »Bei dem Unfall sind alle gestorben. Es existiert eine Familiengruft auf dem Friedhof.«

»Aber der Ausweis ... Ich bin definitiv lebendig, oder?

Willst du das etwa abstreiten?«

»Nein«, sagte sie leise. »Wie könnte ich das. Ich kann es nur nicht verstehen. Aber ganz überzeugt bin ich noch nicht, wenn ich ehrlich bin.«