König Ludwig und sein Schützling - Hedwig Brand - E-Book

König Ludwig und sein Schützling E-Book

Hedwig Brand

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Beschreibung

Hedwig Courths-Mahler veröffentlicht ihren romantischen historischen Roman "König Ludwig und sein Schützling" unter dem Pseudonym Hedwig Brand. Das Buch erschien 1911 bei Richard Hermann Dietrich in Dresden, am 25. Jahrestag des tragischen Todes des Königs, der sich am 13. Juni 1886 im Starnberger See ereignete. Der Schützling des Königs ist das Kind eines Försterehepaares, das in einem Wald bei Schloss Hohenschwangau lebte. Der König freundet sich bei einer zufälligen Begegnung mit dem Mädchen an und will ihr die bestmögliche Ausbildung zukommen lassen. Das kleine Mädchen, Walpurga Malwinger, genannt Burgerl, war musikalisch und gesanglich begabt und der König förderte ihre musikalische Ausbildung. Das Kind wuchs zu einer schönen jungen Dame heran. Eines Tages hörte Richard Wagner sie singen und geriet sofort in den Bann ihrer wunderbaren Stimme. Ein Buch, das Freunde von Ludwig II. und Richard Wagner begeistern dürfte.

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Seitenzahl: 258

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort des Herausgebers in 1911

Ein einsamer König

Im Forsthaus

Waldvöglein — Sonnenscheinchen

Auf Befehl des Königs

Der Besuch im Schloss

Erziehungspläne

Im Pensionnat

Wie Burgerl aufgenommen wurde

Ein neues Leben

Ein Komplott

Wieder daheim

Wie es mit Walpurga weiter erging

Lehrjahre

Eine Begegnung mit Richard Wagner

Der Besuch in Bayreuth

Nach der Schule

Rasttage im Forsthaus

Walpurgas erstes Auftreten

In der Oper

Der Liebling des Publikums

Das letzte Lied

Tonerls Hochzeit

Der Ring des Königs

Des Königs Ende

Nachwort von Luc-Henri Roger

Weitere Bücher von Luc-Henri Roger

Dieses Buch wurde von Luc-Henri Roger aus dem Original transkribiert, das 1911 in gotischer Schrift vom Dietrich-Verlag in Dresden veröffentlicht wurde.

Danksagung

Ich danke Marco Pohle für seine kompetente Hilfe beim Layout und den fotografischen Reproduktionen dieses Buches sowie für sein sorgfältiges, geduldiges und aufmerksames Korrekturlesen. Dieses Buch ist auch die Frucht seiner freundlichen Anwesenheit und seiner ständigen Ermutigung.

Mein herzlicher Dank geht auch an Dr. Claudia Sußmann für das genaue Korrekturlesen des Nachworts.

Vorwort des Herausgebers 1911

Das Buch König Ludwig und sein Schützling von Hedwig Brand (ein Pseudonym für Hedwig Courths-Mahler) wurde 1911 parallel als Buch (Dietrich-Verlag in Dresden) und als Feuilleton in der Zeitschrift Freya, Illustrierte Zeitschrift für das deutsche Bürgerhaus, publiziert. Der Herausgeber präsentierte die neue Publikation in Freya kurz vor der Veröffentlichung:

Ein neues Buch über König Ludwig II.

25 Jahre sind verflossen, seit König Ludwig II. von Bayern am Pfingstsonntag, den 13.Juni 1886, in den Fluten des Starnberger Sees, im Alter von 41 Jahren, einen frühen Tod fand.

Aber dieser nach menschlichem Maß lange Zeitraum hat nicht vermocht, die Erinnerung an diesen Fürsten in dem Gedächtnis seiner Bayern und des ganzen deutschen Volkes auszulöschen!

Die Liebe und Verehrung für Ihn ist eher noch gewachsen, denn was er für die Pflege und das Fortschreiten der gesamten Gebiete der Kunst getan hat, wirkt heute noch nach; ja es ist heute erst zur richtigen Entfaltung gelangt.

Ludwig gab der Bildhauer- und Baukunst, der Malerei, der Musik und dem künstlerischen Gesang mächtige Anregung und Unterstützung; er erhob München zu einer Kunststadt ersten Ranges, wodurch der bayerischen Residenz auch große materielle Gewinne zustoßen.

Was will es dagegen sagen, dass Ludwig II. in seiner Kunst- und Prachtliebe, hauptsächlich aber durch seine Schloss Bauten, etwas zu weit ging?

War es nötig, den schon schwer kranken König dadurch noch mehr zu verbittern und aufzuregen, dass die damaligen Minister es ablehnten (1885/86), den bayrischen Landtag um Deckung der aufgelaufenen Schulden von 18 Millionen Mark anzugehen?

Es ist schwer, diese Frage ohne nähere Kenntnis der Verhältnisse zu entscheiden; soviel aber ist sicher, dass uns heute eine solche Summe in Anbetracht der ganzen Verhältnisse nicht allzu hoch vorkommt und dass man geneigt ist, anzunehmen, der damalige Landtag — also die Vertretung des seinen König über alles verehrenden Volkes — würde für diese Summe gewiss aufgekommen sein, wenn ein diesbezüglicher Antrag gestellt worden wäre.

Heute wissen wir, dass diese königlichen Schulden dem Lande hundertfältige Zinsen getragen haben durch Hebung der Kunst und durch den ungeheuren Fremdenstrom, den die Königschlösser nach Bayern locken.

Alles dies ist dem bayrischen und dem deutschen Volke freilich erst nach Ludwigs Tod augenscheinlich geworden. Was aber schon zu Lebzeiten richtig erkannt und gewürdigt wurde, ist das unbestrittene Verdienst um die deutsche musikalische und dramatische Kunst, das sich Ludwig II. dadurch erwarb, dass er den vielgeschmähten, nicht erkannten und in den dürftigsten Verhältnissen im Ausland lebenden größten deutschen Tondichter Richard Wagner unterstützte und in seine Nähe zog.

Hätte Ludwig II. sonst nichts getan für Kunst und Wissenschaft, als dass für das Genie Richard Wagners die Bahn freilegte, es hätte genügt, ihn dem deutschen Volke unvergessen zu machen.

Aus Anlass der 25jährigen Wiederkehr des Todestags Ludwigs II. ist im unseren Freya-Verlag ein Buch erschienen, welches den Titel führt:

König Ludwig und sein Schützling

Erzählung von Hedwig Brand

Das Buch enthält 228 Seiten Text, ein Buntdruck- und drei Schwarzdruckbilder.

Preis broschiert 1 Mark. In Leinen geb. 1 M. 50 Pf.

Es ist eine schöne und sinnige Huldigung des verewigten Königs; dessen Andenken noch heute die Herzen des deutschen Volkes bewegt, welche in dieser ideal-schönen Erzählung zum Ausdruck kommt. Es ist eine Erzählung, welche alle Verehrer dieses Fürsten — ob jung, ob alt — mit hoher Befriedigung lesen werden.

Zu beziehen ist dieses Buch durch alle Buchhandlungen, sowie die Boten unseres Blattes. Auch direkt vom Verlag: Rich. Herm. Dietrich in Dresden franko gegen Einsendung von 1 M., beziehentlich 1 M. 50 Pf. in Briefmarken.

1. Kapitel

Ein einsamer König

König Ludwig II. von Bayern hatte seine Verlobung mit der Herzogin Sophie Charlotte, seiner Kusine, wieder gelöst.

So schnell und unerwartet diese Verlobung geschlossen worden war, so unerwartet wurde sie, wenige Tage vor der bereits vorbereiteten Hochzeit, gelöst.

Warum der König diesen Schritt tat, wurde niemals ganz aufgeklärt. Jedenfalls hatte er sich über etwas sehr gekränkt und verletzt gefühlt.

Man sagte, er habe Charaktereigenschaften an seiner Braut entdeckt, die es ihm unmöglich machten, sie zu heiraten. Und so trennte er sich von ihr. Diese trübe Erfahrung hatte seinen ohnehin schon sehr ernsten und schwermütigen Charakter noch mehr verdüstert.

Kurz vorher hatte er sich auch von seinem über alles geliebten und verehrten Freund, Richard Wagner, dessen begeisterter Förderer er war, trennen müssen.

Wagners zahlreiche Feinde und Neider hatten intrigiert und ihn aus der Nähe des Königs gedrängt, weil sie ihm die Liebe des Königs missgönnten.

Nun fühlte sich der junge König doppelt vereinsamt und unglücklich und zog sich voll Schwermut, so oft es die Staatsgeschäfte zuließen, in die Einsamkeit der Berge zurück.

Aber auf keinem seiner Schlösser fand er lange Ruhe. Er zog von einem zum anderen, nur von wenigen erprobten Dienern umgeben, immer allein mit sich und der herrlichen Natur, die einzig einen erhebenden und befreienden Einfluss aus ihn auszuüben vermochte.

Trotzdem sich König Ludwig II. von seinem Volke geliebt und vergöttert wusste, befiel ihn eine große Menschenscheu. Nur wenn er es gar nicht umgehen konnte, begab er sich auf kurze Zeit nach München zurück, um seine Regierungsgeschäfte zu erledigen und seinen Repräsentationspflichten zu genügen.

Soviel es anging, ließ er seine Minister auf seine Schlösser kommen und sich dort von ihnen Vorträge halten. Dort mussten sie auch seine Befehle und Anordnungen entgegennehmen.

Das Bayernvolk trauerte um die Weltflucht seines jungen Königs. Denn nie ist ein Fürst so schrankenlos geliebt und verehrt worden wie er. Seine Schönheit war berühmt wie sein hoher Geist und seine edlen Charaktereigenschaften.

Am liebsten verkehrte der König nur noch mit der schlichten Landbevölkerung. Die Söhne seiner Berge in ihrer treuherzigen, biederen Natürlichkeit, die ihm so ganz ohne Falsch und Heuchelei erschienen, dünkten ihm eine wertvollere Gesellschaft als seine Hofleute, von deren Unaufrichtigkeit er sich leider sehr oft hatte überzeugen müssen.

Ludwig II. war sehr jung zur Regierung gekommen.

Er war am 25. August 1845 geboren und am 10. März 1864 starb sein Vater, König Maximilian von Bayern.

König Ludwig war also erst neunzehn Jahre alt, als er den Thron bestieg.

Mit seinem Bruder, dem Prinzen Otto zusammen, war er sehr schlicht und einfach erzogen worden. Sein Vater hielt streng darauf, dass seine beiden Söhne bescheiden und im strengsten Gehorsam aufwuchsen.

So zum Beispiel bekam der König Ludwig als Kind selten einmal eine Näscherei, und es wird erzählt, dass sein Kindermädchen Liese, die ihn sehr liebte, heimlich von ihrem Gelde für ihn Zuckerstangerln kaufte. Es erschien ihr grausam, einem Kronprinzen zu verweigern, was jedes Arbeiterkind genießen durfte.

Der Kronprinz Ludwig und sein Bruder Otto waren immer sehr knapp bei Kasse.

Eines Tages las nun Prinz Otto in einer Zeitung, dass ein Zahnarzt für guterhaltene Zähne Geld zahlte. Sofort lief er zu diesem Zahnarzt und bot ihm seine eigenen Zähne zum Kauf an, um sich Taschengeld zu schaffen. Er wollte sie sich einfach ausziehen lassen.

Natürlich ging der Zahnarzt nicht darauf ein, sondern schickte den Prinzen lachend nach Hause.

Seht betrübt, dass nichts aus diesem verlockenden Geschäft geworden war, entfernte sich Prinz Otto.

Das kam der Königin, seiner Mutter, zu Ohren. Und sie dachte darüber nach, wie sie ihren Gemahl bestimmen konnte, das Taschengeld ihrer Söhne zu erhöhen.

Die beiden Prinzen bekamen jede Woche nur dreißig Kreuzer, ungefähr neunzig Pfennige nach unserem Gelde. Das war gewiss sehr wenig für königliche Prinzen.

Der König ging aber nicht davon ab, und erst an seinem achtzehnten Geburtstag erhielt Kronprinz Ludwig eine Börse, in der sich von jedem Geldstück, das in Bayernlande gültig war, ein Stück befand, vom Goldstück bis zum Kupferpfennig.

Da dünkte sich der Kronprinz reich wie ein Krösus und dachte:

„Was fange ich nun mit dem vielen, vielen Gelde an?“

Edel und gut, wie er war, wollte er nun zuerst einem anderen Menschen damit Freude machen. Und da ihm von allen Menschen seine Mutter am liebsten war, überlegte er sich, wie er ihr mit Hilfe seines Reichtums einen Wunsch erfüllen konnte.

Die Königin hatte nun kurz zuvor von einem Medaillon erzählt, das sie bei einem Juwelier gesehen und das ihr so gut gefallen habe. Sie wünschte es zu besitzen.

Daran dachte Kronprinz Ludwig nun, und eilends begab er sich zu dem Juwelier und verlangte das bezeichnete Medaillon zu kaufen, um es der geliebten Mutter zu schenken.

Der Juwelier brachte es herbei, und ohne nach dem Preis zu fragen, reichte der Kronprinz seine neue, gefüllte Börse hin und sagte, der Juwelier möge sich so viel Geld herausnehmen, als das Medaillon kostete.

Da stellte sich aber heraus, dass der Schatz des Kronprinzen, den er für unermesslich hielt, bei weitem nicht ausreichte für diesen Kauf.

Darüber war er sehr betrübt und erstaunt.

Und ein einziges Jahr später war dieser einfache und in Geldsachen so unerfahrene junge Kronprinz bereits König von Bayern, besaß viele Schlösser und Burgen mit herrlichen Schätzen und konnte frei über Millionen verfügen.

Im Jahre 1867 verlobte sich Ludwig II. mit der Herzogin Sophie Charlotte.

Diese Verlobung löste er aber, wie wir im Anfang dieser Erzählung bereits bemerkten, vor der Hochzeit wieder auf. Und seit dieser Zeit lag auf seinen schönen, stolzen Zügen der Ausdruck einer hoffnungslosen Melancholie.

Es war im Sommer 1868.

König Ludwig wohnte gerade auf seinem Schloss Hohenschwangau und trug sich bereits mit der Absicht, in der nächsten Nähe desselben das Schloss Neuschwanstein zu bauen, zu dem auch wirklich schon 1869 der Grundstein gelegt wurde.

Im Geiste sah der König dies Schloss schon fertig vor sich. Wie eine Märchenburg sollte es sich auf schroffen Felsen erheben.

Den zur Pöllatschlucht jäh abstürzenden Felsrücken des Berzenkopfes hatte er sich als Bauplatz erwählt.

Und so, wie es der König sich erdacht und ersonnen hatte, so erstand später auch wirklich das herrliche Schloss mit seinen prächtigen Sälen, in denen wundervolle Wandgemälde, Szenen aus allerlei Sagen und Wagner-Opern darstellend, angebracht wurden.

An einem wundervollen Spätnachmittag durchstreifte der König, wie es ihm zur lieb gewordenen Gewohnheit geworden war, ganz allein Berg, Wald und Feld.

Er umkreiste den Felsen, auf dem sich Neuschwanstein erheben sollte, und freute sich an der herrlichen Natur. Das würde eine wunderwolle Szenerie für sein neues Schloss abgeben.

In Gedanken schon an diesem neuen Schloss bauend, achtete er nicht des Weges und ging immer tiefer in den Wald hinein.

Feierliche Stille herrschte ringsum. Nur die Vögel sangen emsig Ihre Lieder, als wollten Sie den sinnenden König auf sich aufmerksam machen.

Aber das gelang ihnen nicht. Wohl klangen die zarten Töne an sein Ohr, aber sie kamen ihm nicht zum Bewusstsein.

Endlich schreckte Ludwig aber doch aus seinen Gedanken auf.

Schon begann die Sonne hinter den Bergen zu versinken. Nun erst wurde der König gewahr, dass er sich verirrt hatte und nicht mehr wusste, wo er sich befand. Da ihn dichter Wald umfing, konnte er sich auch nirgends durch einen Anblick orientieren.

Unschlüssig blickte er sich rum und ging dann aufs Geratewohl weiter, hoffend, dass er auf den rechten Weg zurückkäme oder jemandem begegnete, der ihm Auskunft geben konnte.

Nach einer Weile sah er dann auch erfreut ein kleines, schlichtes Häuschen mit grünen Fensterläden und sauber blitzenden Fensterscheiben vor sich liegen. An dem Hirschkopf über der Tür erkannte er, dass es ein Forsthaus war.

Da war der König sehr froh, denn er war nicht nur sehr müde, sondern auch hungrig und durstig geworden.

Als er sich nun zwischen den Bäumen dem Häuschen näherte, bemerkte er zwei Kinder, die vor dem Haus auf einer Bank saßen. Es waren ein Mädchen von ungefähr acht und ein Knabe von zehn Jahren.

Die beiden Kinder plauderten gar lustig und lebhaft miteinander, und das kleine Mädchen schlenkerte, wie zu Begleitung Ihre Worte, mit den sonnengebräunte, nackten Füssen hin und her.

Vor den Kindern stand ein schlichter, grüngestrichener Holztisch mit einer sauberen bunten Leinendecke belegt.

An den kleinen Fenstern hingen schneeweise Gardinen, und auf allen Fenstersimsen blühten Blumen in duftiger Fülle.

Stehen bleibend, ließ der König das freundliche Bild auf sich einwirken. Wie einladend sah das alles aus, wie gastlich und Ruhe verheißend. Und er war so müde und sehnte sich nach Ruhe.

Lächelnd blieb er, von Bäumen und Sträuchern verdeckt, an einem Baum gelehnt stehen und beobachtete die Kinder noch ein Weilchen, wohl wissend, dass sie ihr fröhliches Plaudern einstellten, wenn er zu ihnen trat.

Das kleine Mädchen schien sehr lebhaft und impulsiv zu sein. Das rote Röckchen tanzte gar luftig über den braunen Beinchen auf und ab. Aus dem schwarzen Samtmiederchen kam ein blütenweißes Hemdchen zum Vorschein und bedeckte die Schultern und die Arme bis zum Ellbogen.

Die goldbraunen Zöpfe waren ganz fest geflochten und nach Defregger Art um das seine Köpfchen gelegt. Trotzdem stahlen sich überall lose Löckchen heraus und umgaben den Kopf wie ein Heiligenschein.

Burgerl wurde sie von dem Knaben genannt. Das war die landläufige Abkürzung von Walpurga.

Burgerl war ein hübsches, frisches Mädchen, mit lachenden, blanken Blauaugen und weißen, festen Zähnchen. Ihr rosiges Mündchen ging lebhaft wie ein Mühlrad.

Der Knabe schien bedächtiger zu sein. Die Hände in den Taschen seiner kurzen Lederhose vergraben, saß er schon ganz so fest und behäbig zurückgelehnt und schaute Burgerl von der Seite an.

Der kleine Mann hieß Sepperl, eine Abkürzung von Joseph. Er schien ein echter Sohn seiner Heimat zu sein, schlicht, treuherzig, ein wenig bequem und bedachtsam in der Ruhe, aber rasch, ungebärdig und derb zufassend, wenn er erregt war.

Burgerl und Sepperl erzählten sich gerade vom König und seinen Schlössern. Da lauschte der König belustigt, was die Kinder über ihn zutage förderten.

Was Burgerl sprach, klang alles wie aus einem Märchen, überschwänglich und fantastisch. Aber aus ihren Reden erfuhr der König, dass er in diesem Häuschen, das Burgerls Eltern bewohnten, sehr geliebt und verehrt wurde.

Er vernahm auch aus diesem Gespräch, dass Sepperl ein Vetter von Burgerl war und im Haus von Burgerls Eltern lebte.

Sepperls Vater war Kutscher in königlichen Diensten und hatte seine Frau durch den Tod verloren. Deshalb hatte er seinen Sohn in das Haus seiner Schwester gebracht, die mit dem Förster Malwinger verheiratet war, damit er nicht ohne mütterliche Fürsorge aufwuchs.

Und nun war Sepperl anscheinend schon seit längerer Zeit im Forsthaus heimisch geworden und wuchs mit Burgerl und deren vierjährigem Schwesterchen Antonie, genannt Tonerl, auf.

Sepperl hatte seinen Vater schon oft im Schloss Hohenschwangau besucht und wusste nun alles viel besser als Burgerl, die noch nie in einem Schloss gewesen war. Der Sepperl war freilich auch nur bis in die Kutscherwohnung gekommen, aber die gehörte doch immerhin zum Schloss.

Wenn sich Burgerl zu sehr in fantastische Betrachtungen verlor, warf Sepperl eine kurze, trockene Bemerkung dazwischen. Dabei kaute er auf einem Stück Holz herum, wie auf einer Pfeife, tat auch als stieße er ab und zu gravitätisch den Rauch von sich, und bildete sich nach Kinderart ein, wirklich zu rauchen.

Der putzige Wicht kam sich vor wie ein Mann und machte ein gar bedächtiges und wichtiges Gesicht.

Burgerl behauptete eben unter anderem, der König trage immer eine goldene, mit Edelsteinen besetzte Krone auf dem Haupt und einen herrlichen pelzverbrämten Purpurmantel um die Schultern, der in einer langen, schweren Schleppe hinter ihm her schleife. Auf der Straße müsse er daher immer in einer goldenen Kutsche fahren, oder es müssten überall, wo er schreiten wollte, rote Teppiche ausgelegt werden.

Sepperl lachte sie aus und sagte, belehrend, das sei nicht wahr. Der König trage Kleider wie andere feine Stadtherren auch.

Da erboste sich die temperamentvolle Burgerl sehr.

„Ach, du dummer Bub, willst dich ’leicht gar aufspielen mit deiner G’scheitheit, hm? Hast gar den König schon g’sehen, dass du gar so g’scheit daherredest?“ rief sie ärgerlich.

Sepperl rauchte heftig ein paar Züge aus seiner vermeintlichen Pfeife und sagte dann bedächtig:

„Na-a-a, g’sehen hab’ ich den König no net. Aber weißt, Burgerl, mei’ Vaterl, der hat’s mir erzählt, und der kann doch den König alle Tag’ Anschauen, so viel er mag!“

Burgerl stutzte einen Augenblick. Aber dann machte sie eine abwehrende Bewegung.

„Du, dein Vaterl hat dir was vorg’macht. Spasetellerln hat er g’trieben mit dir, da kannst dich drauf verlassen. I weiß das besser, verstehst? Schau nur hinein in unser Wohnstüberl, da kannst ihn an der Wand hängen sehen, unseren lieben, guten, schönen Herr König. Weißt, das Bild hat der Vater dem Mutterl mit ’bracht aus München, wie er dermalen dort g’wesen is. Ah, und wie schaut da der Herr König herrlich aus! Die Augen tun dir übergehen, schon wenn du das Bild anschaust!“

Sepperl stutzte nun doch.

„Hm? Ja – dös Bild – dös hab’ i mir auch schon oft ang’schaut. Freili, dös is schön. Aber weißt, eine Krone hat er da auch net auf, du dumme Burgerl. Nur den Mantel, freili, den hat er um, dös is schon wahr!“

Burgerl tippte mit einer nicht mitzuverstehenden Gebärde auf die Stirn.

„Je, bist du g’scheit, Sepperl? sagte sie, erregt mit den Beinchen baumelnd. „Schau das Bild nur genau an! Die Krone liegt doch auf dem Tisch. Grad’ hat er sie a bisserl abg’legt, weil’s ihm halt die Stirn druckt hat und weil er doch z’Haus in seinem Stüberl is. Du legst doch dei’ Mützen auch ab, wenn du ins Stüberl trittst. Oder ’leicht net?“

Sepperl paffte eingebildete Rauchwolken.

„Hm, dös schon, no ja! gab er endlich zu. Aber i glaub’s doch net, dass er so wie auf dem Bild herumspazieren tut, der Herr König. I werd mei’ Vaterl schon fragen, wenn i ihn wieder mal b’suchen darf im Schloss. Du, weißt was, da kannst eh gleich mitkommen!“ schloss er seine Rede großmütig.

Burgerl klatschte in die Hände und das rote Röckchen wirbelte mit den Braunen Beinchen in der Luft herum.

„Hergottel! Du mein! Ja, freili geh’ i mit, wenn es mein liebes Mutterl erlauben tut, freili. Weißt, von weitem, da hab’ i das Schloss schon oft ang’schaut. Wenn i im Wald Beeren g’sucht hab’, oder Reisig, da bin i immer soweit g’laufen, dass i das Schloss hab’ liegen sehen. Hm! Gar viel stolz und herrlich is dös anzuschauen!“

Sepperl nickte stolz, als ob das Schloss ihm gehöre.

„No, und wenn du erst eini kommst, in das Schloss, da wirst du schaun, Burgerl — ja-a-a ich hab’ dermalen einischauen dürfen a wengerl, in die große Halle. Uijegerl, blind kannst werden auf der Stell’, so eine Pracht, rein zum närrisch werden!“

Burgerl zappelte mit allen Gliedern vor Erregung und stieß atemlos hervor:

„No — alsdann — alsdann musst halt doch einsehen, dass der Herr König in einem so nobligen Schloss auch ein Prachtg’wanderl trägt. Sonst passt er doch nimmer da hinein. O Herrgottel, mein liebes Herrgottel, ich hab’ einen Wunsch, gar einen großen, großen Wunsch. Gleich mei Sonntagsröckel geb i dafür hin und mei neues Mieder mit dem blanken G’schnür, wenn mir der Wunsch in Erfüllung ging!“

Sepperl machte große Augen. Er wusste, wie viel Burgerl auf ihren Sonntagsputz hielt. Neugierig fragte er:

„No, was möcht’ denn dös nachher sein?“

Burgerl drückte die Hände ans Herz und sagte erregt:

„Unsern lieben König möcht’ i mal anschaun, halt nur ein Minuterl lang, nur ein einziges Mal!“

Sepperl zog an seiner Holzpfeife. Dann erwiderte er:

„No, ’leicht verlaubt dir mei’ Vaterl, dass du ihn dir anschaust, wenn wir ihn besuchen im Schloss!“

Burgerl starrte ihn ungläubig an und sagte zweifelnd:

„Dei Vaterl? Hat denn der dabei was zu verlauben, hm?“

„Du bist gut, Burgerl! sagte er mitleidig, spöttisch. Wo mein Vaterl den Herrn König alle Tage in dem Kutschen spazieren fahrt! No, du bist g’spaßig!“

„Meinst, dass dei Vater dös machen kann?“

„Wenn er will, freili!“ behauptete Sepperl stolz.

Burgerl Augen glänzten.

„Eia! Dös – wenn es sein könnt, dös tät mi g’freuen. Du, da schenk ich dir mein Hunderl, weisst, das Schnauzerl. Weil der Herr König gar so ein lieber, guter Herr ist und so arg schön anzuchau’n. Gleich hin bist auf der Stell‘, wenn Du zu ihm aufschaust!“

So hört der König die beiden Kinder reden, und immer von neuem huschte ein Lächeln über seine düsteren Züge.

2. Kapitel

Im Forsthaus

Da nun eine Pause im Gespräch der Kinder war, trat der König zwischen den Bäumen hervor auf die Kinder zu.

Sie blickten beide erstaunt auf, denn bis hierher verirrte sich selten einmal ein Spaziergänger. Nicht die leiseste Ahnung kam ihnen, welch ein hoher Herr der schlichte Wandersmann war.

Sepperl war ein wenig verlegen und wusste nicht, wie er sich dem Fremden gegenüber benehmen sollte, dessen Ankunft ihn sichtbar störte.

So rutschte er von der Bank herab und stieß Burgerl heimlich in die Seite, als wollte er sagen:

„Was will denn der? Ich hab‘ keine Lust, mich mit ihn abzugeben, komm, wir lassen ihn stehen!“

Und er trollte sich davon.

Burgerl aber sah zutraulich zu dem Fremden auf, ohne Sepperls heimlicher Aufforderung nachzukommen. Sie ahnte nicht, dass eben ihr großer Herzenswunsch, den König einmal zu sehen, in Erfüllung ging.

Auch sie erhob sich von der Bank und trat mit einem artigen Knicks vor den König hin.

„Gott, gnädiger Herr! Willst ’leicht den Vater sprechen? Er ist net daheim!“

Freundlich sahen die dunklen Augen des jungen Königs in das hübsche, unschuldsvolle Kindergesicht, und er sagte lächelnd:

„Nein, kleine Burgerl, ich hab’ mich nur im Wald verirrt und bin müde und durstig.“

Burgerl wischte hausfraulich über die Bank.

„So komm, hier kannst du rasten, wenn du müd’ bist!“

„Ich danke dir, mein Kind. Und nun kannst du wohl ins Haus gehen zu deiner Mutter und sie um ein Glas Milch für mich bitten.“

Burgerl strich ihr Röckchen glatt.

„Ach, schau, mei Mutterl ist net daheim, die is mit dem Tonerl, meinem Schwesterchen, dem Vater entgegen g’gangen. Gleich werden sie alle hier sein. Derweilen kann i dir aber selber ein Glaserl Milch herbeischaffen. Schön kühl sollst sie haben, gnäd’ger Herr, wart’ nur a wengerl, gleich bin i wieder da!“

Und eilfertig sprang sie ins Haus.

Der König ließ sich aufatmend auf der Bank nieder und lehnte sich erschöpft zurück. Er bemerkte nicht, dass der Sepperl um die Hausecke herum nach ihm hinüberblinzelte.

Gleich darauf kam Burgerl mit einem Glas gekühlter Milch zurück. Sorglich strich sie die Tischdecke glatt, ehe sie die Erfrischung vor den Gast hinstellte.

„Wohl bekomm’s, gnädiger Herr!“, sagte sie herzig, ihm freundlich zunickend.

„Ich danke dir, kleine Burgerl“, erwiderte der König und tat einen tiefen Zug aus dem Glas.

„Gelt, die schmeckt gut, unsere Milch?“, fragte Burgerl lachend.

„Wohl bekomm’s, gnädiger Herr!“, sagte Burgerl.

„Sehr gut!“, antwortete der König, und auf der Bank zur Seite rückend, fuhr er fort: „Komm setz’ dich und plaudere ein wenig mit mir!“

Burgerl sah unschlüssig aus.

„Weißt, i kann Dir nix G’scheites verzählen, gnädiger Herr!“, sagte sie, nahm aber doch neben ihm Platz und ließ Ihre Beinchen wieder tanzen.

Er sah sie lange an. Da wurde ihr so eigen zumute, wie noch nie in ihrem Leben. Das Herz klopfte ihr schnell und laut, und ihr Atem ging unruhig.

„Wo ist nur der Sepperl hin?“, stieß sie fast ängstlich hervor.

Der König lächelte. Nicht zum ersten Mal hatte er die Macht seines Blickes erprobt. Fast auf jeden Menschen übten seine Augen einen seltsamen Einfluss aus, wenn er ihn forschend ansah.

„Ja, wo mag der Sepperl sein?“, sagte er auch nun scherzend.

Wie er nun so lächelnd um sich blickte, wurde sie wieder ganz zutraulich und unbefangen.

„Ach, weißt, er wird im Hof beim Schnauzerl sein. No, dann wird er schon wiederkommen!“, lachte sie vergnügt.

Und dann plauderte sie lebhaft drauf los.

Der König hörte ihr mit einem friedlichen Behagen zu und trank dabei die kühle Milch. Ihm war so traumhaft friedlich zumute, wie seit langem nicht. Er hätte lange so sitzen und Burgerls drolligen Worten lauschen mögen, die ihn erfrischten wie ein köstlicher Trunk aus einem Bergquell.

Zuweilen warf er auch einige Worte ein, um Burgerl immer von neuem zum Plaudern anzuregen.

Nach einer Weile erhob sich das Kind.

„Jetzt muss i erst mal nach dem Herd schauen, wegen der Abendsuppen. Wenn Vater und Mutter mit dem Tonerl heimkommen, ist Zeit zum Nachtmahl“, sagte sie freundlich.

Der König seufzte auf, als täte es ihm Leid, dass das frohe Geplauder verstummte.

„Wirst du wieder herauskommen, Burgerl?“, fragte er.

Burgerl nickte lebhaft.

„Aber ja! Gleich komm i wieder, wenn i mei Sach’ g’richtet hab’. Es dauert nimmer lang!“

Damit lief das kleine Hausmütterchen eilig davon und verschwand in dem sauberen Häuschen.“.

Der König atmete tief die würzige Waldluft und schaute sinnend vor sich hin.

Eine Weile lag noch der Abglanz des Lächelns, welches Burgerls Geplauder hervorgerufen hatte, auf seinem Gesicht. Dies Lächeln verlieh seinen schönen, edlen Zügen einen seltenen Zauber.

Sepperl erschien wieder verstohlen an der Hausecke und lugte, ob der Fremde noch nicht weitergegangen war. Als er ihn noch sitzen sah, verschwand er wieder

So saß der junge König ganz allein in der Waldesstille. Und je länger er saß, je trauriger und düsterer wurde sein Gesicht wieder.

Als Burgerl nach einiger Zeit wieder zu ihm heraustrat, saß er ganz melancholisch in sich zusammengesunken da, den Kopf in die Hand gestützt und den Blick schwermütig in die Ferne gerichtet.

Burgerl sah ihn betroffen an. Er schien sie gar nicht zu bemerken. Sein Anblick ergriff seltsam ihr junges Herz.

Zugleich empfand sie einen Schauer der Ehrfurcht. Die Majestät des Schmerzes auf dem königlichen Antlitz übte einen ungeahnten Eindruck auf sie aus. Sie wusste nicht, was sie empfand, denn sie war zu« klein, um »sich darüber klar zu werden. »

Nur eins wusste sie, dass sie inniges Mitleid empfand mit dem Fremden, und dass es sie drängte, ihm etwas Gutes zu tun.

Schnell trat sie an seine Seite. Leise und lind mit ihrer kleinen, braunen Kinderhand über seine Wange und seine Stirn streichelnd, sagte sie herzlich, mit weicher Innigkeit:

„Net traurig sein, lieber Herr, net traurig sein! Schau doch, wie schön goldig die Sonne hinter den Bergen versinkt. Schau wie gar schön sie der liebe Herrgott derschaffen hat, die liebe Sonne. Alle Menschen müssen doch Ihre Freud‘ d’ran haben, gelt? Und morgen in der Früh steigt sie wieder über die Berge auf; du, das ist eine Pracht. Wie lauter Gold! Gelt, du freust dich auch dran, a ganz kleines wengerl? Und gleich machst wieder ein frohes G’schau wie zuvor, gelt?“

Der König war unter der Berührung der warmen Kinderhand zusammengezuckt. Nun ergriff er diese kleine Hand, lächelnd dem Geplauder lauschend, und betrachtete sie aufmerksam.

„Diese Hand ist noch so jung und klein“, dachte er, „und zeigt doch schon Spuren harter Arbeit. Diese Hand hat einem König wohlgetan und ihm für eine Weile die Sorgen von der Stirn gestreift, sie soll hinfort nicht mehr in grober Arbeit verhärten. Weich und lind strich sie über meine Stirn, so will ich dafür sorgen zum Dank, dass sie weich und ohne Schwiele bleibt.“

Mit einem gütigen Blick sah der junge König in Burgerls klare Augen und sagte leise:

„Liebe, kleine Burgerl!“

Das Kind sah zu ihm auf und holte tief Atem.

„Wie du mit eins gar seltsam tust anschauen, rief sie beklommen.“

„Wie denn, Burgerl?“, fragte der König lächelnd.

„I weiß net“, antwortete sie, ihn immerfort anschauend. „Gar so arg vornehm und stolz tust ausschauen. Weißt, so a wengerl wie unser lieber, guter Herr König, ja, so schaust aus. Bloß so ein schönes Gwand hast net an wie er, und keine Krone hast auch net und – ach, i weiß net recht, aber glauben kannst es mir!“

Der König wollte sich aber nicht zu erkennen geben. Er liebte es, unerkannt die Meinung der Leute über sich zu erforschen. So suchte er Burgerl abzulenken.

Aber sie war nun wieder bei ihrem Lieblingsthema und erzählte ihm, wie sehr sie sich sehnte, den König einmal zu sehen.

Lächelnd hörte er ihrem kindlichen Geplauder zu. Und dabei nahm er sich vor, die Kinder demnächst einmal nach Schloss Hohenschwangau holen zu lassen und sich ihnen dort als König erkennen zu geben.

Sepperl wurde die Zeit lang. Wieder und wieder lugte er verstohlen um die Hausecke und versuchte sich Burgerl durch allerlei Zeichen bemerkbar zu machen.

Aber sie war mit dem Fremden beschäftigt, dass sie gar nicht mehr an Sepperl dachte.

Verdrießlich schlenderte Sepperl wieder nach dem Hof, neckte sich mit Schnauzerl und pfiff leise vor sich hin.

Eine ganze Weile war vergangen.

Burgerl und der König plauderten noch immer miteinander, und der König hatte inniges Vergnügen an der reichen Fantasie des kleinen Förstertöchterchens.

Da tönte plötzlich ein lauter Jodler durch den Wald.

Burgerl sprang mit strahlendem Gesicht empor und ließ nun auch ihre helle, frische Stimme in einem lauten Jodler ausklingen.

Nun tönte ein Doppeljodler zurück von einer Männer- und einer Frauenstimme.

„Hörst, gnädiger Herr? Vater und Mutter kommen mit dem Tonerl heim!“, verkündete Burgerl fröhlich dem König.

Dieser sah nun dem heimkehrenden Försterpaar erwartungsvoll entgegen.

Und bald darauf trat der Förster mit seinem Weib und dem jüngsten Töchterchen, das er auf dem Arm trug, zwischen den Bäumen hervor.

Es waren zwei gesunde, kraftstrotzende Gestalten. Der Förster hatte dunkles Haar und dunkle Augen. Sein von Wind und Wetter gebräuntes Gesicht sah aus, als ob es von Bronze sei. Es hatte scharfe, kühne Züge, und wenn die Augen nicht so gutmütig und bieder aus dem Gesicht gesehen hätten, konnte man vor dieser mächtigen Erscheinung wohl bange werden.

Die Försterin war auch groß und stattlich. Wie bei Burgerl, legten sich auch bei ihr goldbraune Zöpfe um den Kopf, und das hübsche, gebräunte Gesicht war dem Burgerls sehr ähnlich, nur waren des Kindes Züge feiner noch und lieblicher geschnitten.

Das kleine Tonerl war ein Krauskopf mit des Vaters dunklen Augen, die munter wie blanke, schwarze Kirschen aus dem kindlichen Gesicht leuchteten.

Mit Wohlgefallen hing des Königs Blick an diesen schönen Gestalten. Es aus einem Defreggerbild1 herausgeschnitten.

Burgerl war ihnen jauchzend entgegengelaufen und umfasste Vater und Mutter zugleich. Und dann erzählte sie in ihrer lebhaften Art von dem fremden Herrn, der so arg müde sei und dem sie ein Glas Milch gebracht hatte. Die Mutter lobte sie und strich ihr liebevoll das Haar aus der Stirn.

Tonerl verlangte von des Vaters Arm herab nach der Schwester. Der Förster setzte sie nieder und ging dann mit seiner Frau auf den Fremden zu.