Königin der Tafel - Gabi Weber-Körner - E-Book

Königin der Tafel E-Book

Gabi Weber-Körner

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Beschreibung

Nach ihrem erfolgreichen Debütroman „Nennen wir’s Familienglück“ betritt Gabi Weber-Körner mit ihrem zweiten Buch „Königin der Tafel“ erneut die literarische Bühne. Im Mittelpunkt steht Rita. Aus einfachen Verhältnissen stammend, macht sie in ihrem ereignisreichen Leben sehr unterschiedliche, mitunter widersprüchliche und leidvolle Erfahrungen. Schon in jungen Jahren muss sie viele Lebensprüfungen bestehen. Und auch die vermeintlich glückliche Zeit mit einer eigenen Familie ist nicht von langer Dauer. Die Autorin zeichnet das Leben einer Frau in einem reichen Land, in dem die Wohlhabenden ihren Wohlstand zur Schau stellen und predigen, dass „jeder seines Glückes Schmied“ ist. In diesem Sinne ist das Buch auch ein Stück weit ein sozialer Entwicklungs- und Gesellschaftsroman, in dem auch das aktuelle Thema der Altersarmut am Beispiel der Protagonistin Berücksichtigung ndet. Ganz nach dem Motto von Brecht: „Reicher Mann und armer Mann standen da und sah’n sich an, und der Arme sagte bleich: »Wär ich nicht arm, wärst du nicht reich.«“ Doch was schon im ersten Werk der Autorin sichtbar war, schimmert auch hier immer wieder durch. Der rheinisch-satirische Aspekt. Trotz allem herrscht die Meinung vor: wenn du umfällst, nicht liegenbleiben. Aufstehen und nach vorne schauen. Mit dieser Haltung erreicht Rita nach entbehrungsreichen und zum Teil traurigen Jahrzehnten schließlich doch noch Glück und Zufriedenheit im Alter.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
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Seitenzahl: 301

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Alle Personen, Begebenheiten und Geschehnisse sind frei erfunden. Sie beruhen einzig und allein auf der Phantasie der Autorin. Abweichungen von der Duden-Rechtschreibung entsprechen den Absichten der Verfasserin.

Das rheinische Motto „Et kütt wie et kütt – Et hätt noch immer jot jejange“ ist ein zentrales Leitmotiv der Aufzeichnungen. Ob schließlich alles so ist, wie erwartet, „Happy End, oder was auch immer…“. Dies möge der geneigte Leser entscheiden.

Inhalt

Auf zu neuen Ufern

Annegrete

Heinrich der Eroberer

Erste Herausforderungen

Heinrichs letzter Auftritt

Rita im Glück

In anderen Umständen

Schöner Wohnen

Hochzeit auf Spanisch

Ankunft im Alltag

Die kleine Prinzessin

Auf nach Benidorm und schnell zurück

In guter Hoffnung und in Alfies Welt

Immer so weiter?

Der Zusammenbruch. Alte Erinnerungen

Therapie mit Nebenwirkungen

Alles auf Anfang. Dauercamper

Lieben und leben lassen

Neues aus der Arbeitswelt

Karriere für alle

Kurts Ende. Für die Zukunft alles Gute

Das Beste zum Schluss. Finale Begegnungen

1 Auf zu neuen Ufern

Die Glocke der kleinen Friedhofskapelle läutete bedächtig und ein wenig feierlich zur Beerdigung von Annegrete Wolters. Rita, die älteste Tochter von insgesamt vier Kindern der Verstorbenen, ging langsam zum Grab. Sie verabschiedete die Mutter mit einem grünen Zweig, den sie auf den Sarg fallen ließ.

Ihre Mutter war viel zu früh an einem Herzinfarkt gestorben. Rita war gerade einmal sechzehn Jahre jung. Die Mutter war mit achtunddreißig Jahren von der Familie gegangen. Der Stiefvater Ritas war ein Mann, auf den die Mutter große Stücke setzte. Sie stand mit zwei Kindern alleine da. Sie hoffte mit der Heirat auf ein geregeltes Leben. Doch in Ritas Augen entpuppte sich der neue Vater als fauler Hund und obendrein als Säufer.

Annegrete schenkte ihrem Heinrich noch zwei weitere Kinder. Sie war eine schmächtige Frau. Eigentlich viel zu zart für weitere Schwangerschaften. Heinrich Wolters meinte jedoch, wenn er sie mit ihrer schlanken Taille ansah, dass die schmalen Frauen die zähesten Weiber sind. Der Speiseplan der Familie Wolters sah eher sehr mager aus. Eine Scheibe Brot mit einer Abendsuppe musste reichen. So war’s auch beim Leichenschmaus oder wie’s im Rheinland heißt, „beim Fell versuffe“. Alles war sehr schlicht gehalten. Heinrich behauptete auf der Bestattungsfeier, dass seine Annegrete nie eine traurige Beerdigung haben wollte. Deswegen soff er auch, ohne sich um die anderen Trauergäste zu kümmern.

Die zwei großen Mädchen aus Annegretes erster Ehe kümmerten sich um die zwei kleineren Geschwister. Nachdem der Stiefvater seinen Rausch nach zwei Tagen ausgeschlafen hatte, schmiedete er Pläne, wie es mit der Familie weiter gehen könnte. Er eröffnete Rita, dass sie in Zukunft in der Fabrik arbeiten müsse, damit sie finanziell zum Haushalt der Familie einiges beisteuern könne.

Rita, die mit ihrem Stiefvater schon immer auf Kriegsfuß stand, erwiderte, dass sie für seine Sauferei keinen Finger krumm mache. Wenige Minuten später fand sie sich auf dem Hausflur wieder. Nebst einer Jacke und einigen Habseligkeiten, die ihr der Stiefvater in der Eile noch schnell nachwarf. Nach der Beerdigung seiner Verblichenen jagte er seine Älteste kurzerhand aus der Wohnung.

Rita stand jetzt im Freien. Mit ihrem Mut, mit ihrer Wut und ein wenig Gottvertrauen. Oder das, was noch vom Allmächtigen in ihrer jungen Seele übrig geblieben war. Was sollte sie nun machen? Oma und Opa hatten eine kleine Wohnung in Spieldorf. Opa litt unter chronischem Asthma. Das hielt ihn aber nicht davon ab, die Wohnung mit reichlich starken selbstgedrehten Zigaretten einzunebeln. Hatte die Oma schließlich Atemnot, behauptete er, „das kommt vom Herz.“ Die Oma müsste nur regelmäßig ihre Pillen nehmen. Auf dem Wohnzimmersofa schlief hin und wieder Onkel Peter. Er wurde ab und an wegen allgemeiner Unfähigkeit von seiner jeweiligen Lebensgefährtin vor die Türe gesetzt.

Rita überlegte. In diese enge und rauchige Bude wollte sie nicht. Die Großeltern schieden also schon mal aus. Tante Froni hatte auch ihre Sorgen. Sie stand den ganzen Tag im Tabakladen, verkaufte dort unter anderem Süßigkeiten, Brötchen und Kaffee. Es war, wie es im Spieldorfer Jargon hieß, „dat Büdche op de Eck“.

Eine besondere Serviceleistung der Tante. Sie nahm sich allen Kunden mit ihrer besonderen Fürsorge an und stand ihnen mit Rat und Tat in allen wichtigen Dingen des Alltags beiseite. In diesem Sinne war sie auch eine Art Kummerkasten für ihre Kundschaft. Sie behauptete immer, genau zu sehen, was die Kunden brauchen. Wann und an welchen Stellen sie ihre Streicheleinheiten benötigten.

Rita dachte, „die erste Nacht kann ich doch im Wartehäuschen von Spieldorf bleiben.“ Es war ein kleiner, überdachter Holzverschlag an der Spieldorfer Haltestelle der Köln-Bonner-Eisenbahn. Sie beschloss, dort einige Zeit zu bleiben. Angst hatte sie keine. Rita lernte schon früh, sich zu wehren. Zur Not mussten männliche Belästiger mit einem unverhofften Tritt in die Eier rechnen.

Im Wartehäuschen war eine provisorische, etwas wackelige Sitzgelegenheit. Dort machte sie sich breit. So gut es ging. „Für eine Nacht“, dachte sie, „werd ich’s hier schon aushalten.“

Morgen früh würde sie zu ihrer Freundin Britta gehen. Dort wollten die beiden dann überlegen, wie es weiterging. Gegen sechs Uhr kam ein Polizist bei seinem üblichen Routinegang am Wartehäuschen vorbei. Er sprach Rita an. Diese war zwischendurch immer mal wieder eingeschlafen. Mit halb offenen Augen sah sie den Gesetzeshüter, der ihr mit ruhiger Stimme erklärte, „das ist aber gefährlich, hier so allein.“ Das war es weiß Gott. Der Polizist wollte sie nach Hause bringen. Das lehnte Rita kategorisch ab. Ihr Stiefvater hätte sie gestern rausgeschmissen. Ihre Freundin Britta wohne an der Burg 19 um die Ecke. Es sei alles abgesprochen. Dort könne sie eine Zeitlang wohnen. Die Mutter ihrer Freundin sei Witwe und sehr sauber. Auch wäre die Mutter schon sehr lange in fester Stellung in einer Süßwarenfabrik im Schichtdienst tätig.

Der Polizist, Herr Lehmann, war schon lange mit den Verhältnissen in Spieldorf vertraut. Ihm waren sozusagen viele der familiären Besonderheiten im Dorf bekannt. Rita musste ihm in die Hand versprechen, dass das alles nicht gelogen sei. Um ganz sicher zu gehen und um seiner gesetzlichen Fürsorgepflicht zu genügen, begleitete er das Mädchen vor die Türe der Familie Weiler.

Britta öffnete etwas überrascht und verschlafen die Wohnungstür. Die Mutter, vom Klingeln geweckt, kam mit ihrem Frotteebademantel bekleidet und den dazu passenden Hausschuhen ebenfalls zur Haustüre. Als sie Herrn Lehmann sah, hegte sie schon den Verdacht, ihr Sohn Dieter hätte wieder ein Ding gedreht. Sie war aber dann erst mal erleichtert, als sie Rita sah.

Als Witwe mit drei Kindern alleine, das war nicht immer einfach. Sie vertrat die Ansicht, „lieber keinen als einen beschissenen Ehemann und Vater.“ Herr Lehmann fragte sie, ob sie Ritas Version der Geschichte bestätigen könne. Inge Weiler war eine Frau der schnellen Entscheidungen. Sie bat Herrn Lehmann und Rita erst mal in die Wohnung. Es musste ja nicht jeder im Haus mitkriegen, was hier los ist.

Gerade die Nachbarin, die vom Leben nicht verwöhnte Frau Müller, hatte immer große Ohren. Sie beschäftigte sich gerne mit den Niederlagen anderer Leute, weil sie selbst ja ein Leben ohne Höhepunkte führte. Leider hatte sie niemals auf der Sonnenseite gestanden. Seit ihr Mann krank war, kam sie selten aus dem Haus. Er war Gerüstkellner, wie es die Leute nannten. Auf dem Arbeitsmarkt wurde diese Tätigkeit als Facharbeiter für Gerüstaufbau eingestuft. Es war ein harter Job. Viele konnten diese Tätigkeit nur bis zu einem bestimmten Alter ausführen. So auch Herr Müller. Vor allem die Bandscheiben machten ihm zu schaffen. Und dazu noch die verschiedenen Gelenkerkrankungen. Zuerst fing es mit der Schulter und den Knien an. Dann kamen immer mehr Gelenke, wie Hüfte, Hände und Ellenbogen hinzu. Mittlerweile waren die Eheleute Müller dazu verdonnert, die meiste Zeit des Tages in ihrer kleinen Wohnung zu verbringen.

Das tägliche Fernsehprogramm schaute er rauf und runter. Seine Frau machte bei jeder Gelegenheit, die sich bot, die Wohnungstüre auf. Das war ihre ständige Verbindung zur Außenwelt. Wenn sie Stimmen im Hausflur hörte, öffnete sich sofort die Türe der Frau Müller. Immer unter dem Vorwand nach ihrem Kater Morchen zu sehen. Sie wispelte dann „Morchen, Morchen, wo bist du?“ Den Kater liebte sie eigentlich viel mehr als ihren Mann. Sie beneidete das Tier um seine Freiheit. Sie war mit ihrem kranken Mann eingesperrt. Dagegen konnte der Kater draußen herumstreunen, hatte soziale Kontakte und bekam in der warmen Wohnung sogar noch seine vielen Streicheleinheiten. Davon konnten die Eheleute nur träumen.

Jeder Tag der Familie Müller war dem anderen ähnlich. Um acht Uhr Frühstück, weil sonst hat man ja nichts vom Tag. Mittagessen um zwölf Uhr. Ob man Hunger hatte, oder nicht. Das war Tradition. Nachmittags um vier Uhr eine Tasse Kaffee mit einem Keks. Aber alles sehr in Maßen, weil Herr Müller seit kurzem auch noch unter Diabetes litt. Abends um sechs gab’s Abendbrot. Nichts Besonderes. Brote mit Aufschnitt, manchmal mit einer Gurke obendrauf. Hin und wieder servierte Frau Müller auch eine aufgeschnittene Tomate.

Die beiden Eheleute schwiegen beim Essen. Nur wenn etwas gereicht werden sollte, wurden absolute kommunikative Kurzformen, wie „die Margarine“ oder „das Wasser“ gewählt. Wenn man Müllers tägliche Gespräche zusammenfassen sollte, konnte man mitunter die Menge der gesagten Worte an einer Hand abzählen.

Dagegen sprach Frau Müller umso mehr mit Morchen. Liebchen hier, Liebchen da. Nach dem er abends vom Streunen zurückkam, fragte sie ihn nach seinen Erlebnissen. Da sie die Katzensprache nicht verstand, erzählte sie ihrem Kater, durchaus phantasievoll, was er alles erlebt hatte. Dazu kraulte sie seine süßen Ohren. Der Kater war hochzufrieden. Als einziger in dieser trostlosen Familie.

Frau Müller nutzte die Gelegenheit. Einmal sah sie Rita im Hausflur, sprach sie an, fasste sie an der Hand zog sie locker aber bestimmt in ihre Wohnung. Zwei Parteien im Haus hatten bereits alles mitbekommen. Geheim halten konnte man da nichts. Gerade Frau Müller hatte gute Sensoren für die kleinsten Veränderungen und Neuigkeiten in der Nachbarschaft. Damit konnte sie ihren tristen Alltag etwas verschönern.

Sie lud Rita auf ein Butterbrot mit Schmierwurst und Holländer Käse ein. Denn so ein junges Ding muss doch was im Bauch haben. Rita war froh über das Angebot. Bisher hatte sie ganz vergessen zu essen. Das passierte ihr häufig, wenn sie im Stress war. Die letzte Mahlzeit gab es bei der Beerdigung. Nicht besonders üppig. Zwei halbe Brötchen mit Käse und einer Gurke. Dazu eine Cola, das war’s. Auf dem Friedhof und in der Kneipe musste sie sich ständig um ihre kleinen Geschwister kümmern.

Ritas Mutter hatte ihren ersten Mann bei einem Autounfall verloren. Er war Beifahrer eines Getränkewagens. Der Wagen wurde geblendet. Es war die letzte Fuhre am Abend. Die Dunkelheit hatte schon eingesetzt an diesem nasskalten Herbsttag. Der Fahrer verlor die Kontrolle und fuhr frontal gegen eine Mauer. Beide waren sofort tot. Dabei sollte der Vater bald einen eigenen Getränkewagen bekommen.

Ein Polizist überbrachte damals der jungen Mutter die tragische Nachricht. Annegrete, ohnehin gesundheitlich nicht besonders stabil, war am Ende. Ein Asthmaanfall nach dem anderen. Schon als Kind erkrankte sie regelmäßig an Bronchitis. Der Arzt riet den Eltern zu einer Kur an der Nordsee. Über die Kinderhilfe der Caritas kam Annegrete auch einmal nach Borkum. Danach besserte sich ihr Zustand. Doch die Wohnbedingungen zuhause waren für den weiteren Gesundheitsprozess Annegretes alles andere als optimal. Sie lebten in einer Mansardenwohnung in der Bonner Altstadt. In sehr beengten Verhältnissen auf der Breite Straße. Das Clo war eine Treppe tiefer und wurde von zwei Familien benutzt. Manchmal waren die Briketts zu teuer. Da musste die Mutter sehr haushalten beim Heizen. Es war so kalt in der Wohnung, da nur mit dem Herd in der Küche geheizt wurde. Annegrete zitterte solange abends in ihrem Bett mit ihrem kleinen Bruder Peter, bis sie es mit Hilfe der gemeinsamen Körperwärme in den Schlaf schafften.

In der zweiten Etage des Mehrfamilienhauses, in dem Rita jetzt lebte, wohnten Anne und Willi Klein. Sie waren beide fast Analphabeten. Frau Weiler las ihnen, wenn sie zu Hause war, das Programm aus der Fernsehzeitung vor. Ein Film, der das Interesse der Beiden weckte, wurde mit einem Rotstift angekreuzt. Die Uhr kannten sie ja so einigermaßen, so dass sie dann auch meistens punktgenau das Gerät einschalten konnten.

Anne hatte schon seit Jahren eine feste Putztätigkeit in einem Bonner Kaufhaus. Zahlen konnte sie gut lesen. Das war wichtig. Alle Arbeitsutensilien, die Räume und Arbeitsbereiche waren mit einem Nummern- und Farbensystem gekennzeichnet. Das machte es für Anne leichter, sich zurechtzufinden. Willi hatte immer wieder verschiedene Jobs. Er konnte weder lesen noch schreiben. Dafür tanzte er aber hervorragend Buggy. Überhaupt war er sehr charmant, wenn es darum ging, die Damenwelt auf dem Parkett hin und her zu bewegen. Er wirbelte sein Ännchen im Gasthof „Zum kalten Bügeleisen“ über die Tanzfläche, bis sie Luftnot bekam. Ein paar Gäste wollten schon gesehen haben, dass Anne schon blau angelaufen war. Aber was macht man nicht alles aus Liebe.

Ab und zu gingen Anne und Willi zum Arzt. Ihre Dialoge im Wartezimmer waren mitunter sehr laut, hatten aber, so die Spieldorfer, durchaus großen Unterhaltungswert. Fast alle der Patienten kannten die Beiden. Sie schauten erwartungsvoll auf ihre Mimik und Gestik. Willi konnte nicht gut warten. Er rutschte ständig nervös auf dem Stuhl hin und her. Dann stand er auf und nahm eine Zeitschrift. Des Lesens nicht kundig, blätterte er wie ein Wilder darin herum. Über die Bilder regte er sich auf. Vor allem wenn diese in schwarz-weis gehalten waren. „So ein Mist, nicht mal bunte Fotos haben die in ihren Blättern“, faselte er dann mürrisch herum. Und so ging das eine Zeit lang, bis er ankündigte, „ich gehe schnell noch eine rauchen, bis wir zum Doktor gerufen werden.“

Anne erwiderte fassungslos, „wir sind doch gleich dran. Und wenn du nicht da bist, wie steh ich dann da?“ Willi antwortete pragmatisch, „da kommen wir eben heut Abend wieder.“ Anne versetzte ihm einen Stoß in die Rippen und sagte, „das tätest du, im Dunklen laufen.“ Sie vermittelte den gespannt zuhörenden Mitpatienten das Bild, als ob nach Einbruch der Dunkelheit auf Spieldorfs Straßen die Gewalt und Brutalität der Unterwelt von Rio de Janeiro herrschte.

Rita saß mit Britta in der Weilerschen Küche. Sie wollte noch etwas Milch in ihren Kaffee. Britta deutete auf den Kühlschrank und sagte, „bediene dich, fühl dich wie zu Hause.“ Es war die pure Lust in diesen Kühlschrank zu schauen. Nicht nur Margarine, Rübenkraut und Schmierkäse. Und das alles unter der Woche. Während es bei Rita zuhause nur an den Wochenenden kleinere Bereicherungen im Nahrungssortiment gab. Dann kaufte man Fleischwurst, Leberwurst und Holländerkäse. Manchmal auch Toastbrot. Der Weilersche Kühlschrank dagegen war jeden Tag gut sortiert. Jetzt war noch Essen vom Mittag übriggeblieben. Linsensuppe mit Würstchen. Zusätzlich konnte zwischen drei Sorten Wurst und verschiedenen Käsevarianten, Gurken und Tomaten gewählt werden. Dazu gab’s noch gute Butter und Fleischsalat.

Rita nahm sich eine Tüte Milch und goss reichlich in den Kaffee. Britta meinte zu Rita, „du kannst gerne einige Zeit hier bleiben. Ich habe eine Luftmatratze im Keller.“ Britta hatte sogar ein eigenes Zimmer. Die zwei Brüder bewohnten ein gemeinsames Zimmer, was des Öfteren zu größeren Auseinandersetzungen führte. Insgesamt gab es vier Zimmer und eine Küche mit Bad. Frau Weiler hatte es nicht leicht mit ihren drei Kindern. Keiner wusste wie lange sie noch zu Hause wohnten. Was sollte sie dann mit der großen Wohnung.

Ihre Arbeit bei einer großen Süßwarenfabrik war Gold wert. Sie verdiente anständig, hatte allerdings Schichtarbeit. Die karge Witwenrente hätte hinten und vorne nicht gereicht. Von der Firma bekam sie Gummibärchen und Konfekt zu günstigen Preisen. Am Anfang nahm sie diese Möglichkeit gerne in Anspruch, doch als sie merkte, dass ihre Kinder keine Mengenbeschränkungen einhielten, wurde dieser Zustand geändert. Deswegen standen nur an bestimmten Tagen Süßigkeiten auf dem Tisch.

Sie war eine der ersten in der Siedlung, die sich einen Farbfernseher und eine Stereoanlage leisten konnte. Inge achtete stets auf ordentliche Kleidung für sich und ihre Kinder. Vor allem konnte sie von ihrem Verdienst immer einen Betrag für einen kleinen Urlaub zurücklegen. Fast jeden Sommer fuhren sie mit der Eisenbahn in die Lüneburger Heide und besuchten dort Frau Weilers Lieblingstante. Rita durfte manchmal die Familie begleiten. Das erste Mal war besonders aufregend für sie. Das Mädchen hatte vorher noch nie das Meer gesehen. Sie war dann auch sehr aufgeregt, als Tantes Mann, der früher zur See gefahren war, die Kinder in das Auto lud und mit ihnen ans Meer fuhr. Die Nordsee war nicht allzu weit.

Und manchmal fuhr die ganze Familie. Früh am Morgen ging die kleine Reise los. Mit allerlei Decken, einem gut gefüllten Fresskorb und in hervorragender Stimmung waren diese Tagesausflüge an den Nordseestrand ein unvergessliches Erlebnis für Rita. Manchmal prahlte sie mit diesen Reisen. Um Kinder zu ärgern, die sie vorher provoziert hatten, sagte sie, „ihr seid doch aus Grau-Rheindorf nicht rausgekommen. Ich war schon am Meer und in den hohen Bergen.“

Rita war schließlich auch schon mal im Schwarzwald. Im Kindererholungsheim. Dort gab es immer gutes und reichliches Essen. Ihre Mutter kochte eher aus Selbsterhaltungstrieb. Eigentlich nur, weil Kinder halt essen mussten, um zu überleben. So ihre Einstellung. Für Rita war dieser Kuraufenthalt deshalb ein Fest. An manchen Tagen gab es sogar Spätzle mit echtem Braten, breiten Nudeln und einer leckeren Soße. Und das alles sogar mitten in der Woche. Sonntags gab es frischen Obstkuchen, verschiedene Torten und kleine süße Teilchen so viel man wollte. Rita freute sich sehr über diese Möglichkeiten der Kindererholungen.

Rita und Britta saßen wie so oft wieder zusammen in der Küche. Sie überzeugte Britta mit unschlagbaren Argumenten für ihre alsbaldige Aufnahme im Hause Weiler. Rita hatte sich für eine Ausbildung im Seniorenheim angemeldet. Dort verdiene sie gutes Geld, so ihre Hoffnung. Brittas Mutter erhält dann Miete und Kostgeld. Sie dachte so an zweihundert Mark. Sie wollte nichts geschenkt. Britta unterbreitete ihrer Mutter die Nachricht der neuen zahlenden Mitbewohnerin. Inge Weiler, sehr erfreut über die neue Kostgängerin, war einverstanden mit dem Deal. Zweihundert Mark im Monat für Kost und Logis. Die Sache war beschlossen.

Sollte doch irgendeiner vom Jugendamt kommen. Davor hatte Inge keine Angst. Sie war eine saubere Frau mit einem geregelten Einkommen. Außerdem hatte sie sich nie etwas zu Schulden kommen lassen. Wenn auch der Sohn Dieter hin und wieder Zicken machte. Pünktlichkeit war nicht seine Stärke. Deswegen eckte er ständig mit seinem Chef an. Regelmäßig kam er zu spät in den Kfz-Betrieb. Der Kfz-Meister Jansen war auch schon bei Frau Weiler vorstellig geworden, um sie zur Mithilfe eines erfolgreichen Lehrabschlusses ihres Sohnes zu bewegen. „Lehrjahre sind keine Herrnjahre, liebe Frau Weiler“, betonte er. Die Mutter holte dann ihren Bruder und Patenonkel des Jungen zur Hilfe. Der redete dann so lange auf Dieter ein, bis er es schließlich nicht mehr hören konnte. Der Onkel stellte ihm sogar, sollte es zu einem erfolgreichen Lehrabschluss kommen, sein Moped in Aussicht. Na das war doch mal eine Perspektive.

Nach kleineren Ausrutschern kam Dieter jetzt immer pünktlich zur Arbeit. Nur mit der Berufsschule hatte er Schwierigkeiten. Mit viel Geduld der Mutter und des Ausbilders erreichte er schließlich sein Ziel. Werner, der andere Junge, lief ohne große Probleme durch. Wäre in der Bäckerlehre nicht die frühe Zeit des Arbeitsbeginns in der Backstube gewesen, hätte Werner einen vortrefflichen Lehrjungen abgegeben. Er konnte arbeiten wie ein Karrenpferd. Der Bäckermeister beschwerte sich dennoch, aber sehr selten, bei Frau Weiler, dass ihr Sprössling in der Schubkarre am späten Vormittag eingeschlafen sei.

Inge Weiler, eine Frau die zupackte, besorgte ein Bett für die neue Bewohnerin und schaffte auch Platz in Brittas Kleiderschrank. Viel brauchte Rita nicht. Ihre Kleidung war überschaubar. Sie musste noch wohl oder übel die Klamotten beim Stiefvater abholen. Der hatte sich gar nicht die Mühe gemacht, die Stieftochter zu suchen. Außerdem erfuhr er die Neuigkeiten in der Kneipe „Zum kalten Bügeleisen“. Die zwei Kleinen, die ihm die Verstorbene zurückließ, wurden abwechselnd von seiner Mutter und der Schwester, die auch schon mal im Haushalt aushalf, betreut. Er litt ordentlich unter der Last des armen Witwers mit zwei kleinen verlassenen Kindern. Gitta, Ritas Schwester, hatte später auch das Weite gesucht. Sie war bei ihrer Oma auf engstem Raum untergekommen.

2 Annegrete

Als Ritas Mutter noch lebte, stand sie jung und unerfahren mit ihren zwei Mädchen im Leben. Annegretes Mutter, Oma Irmgart, fand während dieser schweren Zeit für ihre Tochter überraschend schnell eine Wohnung in Spieldorf. Irmgart wohnte in unmittelbarer Nähe zu Annegrete. So stand sie ihrem Mädchen täglich mit Rat und Tat zur Seite. Für die junge Witwe mit zwei kleinen Kindern war es schwer, im Alltag klar zu kommen. Schon in der Schule war Annegrete eher schwach und immer auf die Hilfe der Mutter angewiesen. Irmgart freute sich, wenn ihr zartes, sensibles Kind in das nächste Schuljahr versetzt wurde. Trotz ihres schmächtigen Wesens, konnte Annegrete zupacken. Schon früh nahm sie Irmgart zu ihren diversen Putzstellen mit.

Dort half sie der Mutter sehr gewissenhaft. Schon die Herrschaften auf dem Spieldorfer Berg, wo Irmgart die meisten ihrer Arbeitsstellen hatte, schätzten schon die fleißige und ordentliche Art der Kleinen. Diese Tatsache sollte sie ihr Leben lang verfolgen.

Annegrete, Anfang dreißig, war nach dem überraschenden Tod ihres Mannes Witwe mit zwei Töchtern. Ihre Große, namens Rita, war sieben Jahre und in der ersten Schulklasse. Die kleine Gitta war fünfeinhalb. Sie besuchte den katholischen Kindergarten in Spieldorf.

Annegrete stand schon mit vierzehn Jahren in der Großküche in einem städtischen Seniorenheim. Die Küchenbediensteten waren alle viel älter als sie. Doch in der Not gab es nichts anderes. Die Stelle war frei. Sie war Mädchen für alles in dem Küchenteam. Die anderen Frauen waren ebenfalls gezwungen mitzuarbeiten. Entweder verdienten die Männer sehr wenig oder die Familien wollten sich auch mal kleine Extras leisten. „Von nichts kommt nichts“, hieß es so schön.

Annegrete weinte Oma Irmgart in der Wohnküche die Hucke voll, „immer nur arbeiten, ich würde auch mal gerne mit den Mädchen in Urlaub fahren.“ Die Großmutter meinte lakonisch, „wann sind wir denn mal weg gewesen, außer dass ich den Papa in der Kur in Bad Mergentheim besucht habe.“ Die Mutter verstand es immer wieder, Annegrete Mut zu machen und sie aufzubauen. „Du bist doch eine hübsche junge Frau. Da tut sich bald was. Deine Attraktivität und Ausstrahlung überzeugt den ein oder anderen bestimmt bald. Auch wenn du zwei Mädchen am Hals hast. Ich spüre das.“ Annegrete lebte auf.

Sie sah ja wirklich passabel aus. Mit ihrer zierlichen Figur, den braunen Augen und den hübschen dunkelblonden Locken war sie auf den ersten Blick für die Männerwelt sehr anziehend. Wenn sie Geld hatte, ließ sie sich bei der Nachbarin, die zwei Jahre eine Friseurlehre durchgezogen hatte, allerdings wegen einer Allergie aufhören musste, helle Strähnchen einfärben. Dann sah sie richtig fetzig aus. Leider war nicht immer Geld vorhanden. Ihre Kleinen brauchten Kleidung und Schuhe. Manchmal ging auch etwas im Haushalt kaputt. Aber für Zigaretten reichte es immer. Als ihr Mann noch lebte, fuhren sie sonntags manchmal nach Luxemburg. Dort deckten sie sich dann mit einigen Stangen ein.

Einmal hatten sie eine Butterfahrt dort hingemacht. Der Tag war wunderschön. Alles toll. Der Reisebus hielt an einem Vorzeigebauernhof. Dort empfingen die Gastgeber die Reisegruppe außerordentlich herzlich. Jeder bekam ein Geschenk. Fünf Mettwürstchen und einige Dosen Gulasch. Aus eigener Herstellung. Angeblich. In Wahrheit stammte die Ware von einem osteuropäischen Export-Import-Großhandel.

Zum Mittagessen reichte man Wiener Schnitzel mit Pommes frites und gemischtem Salat. So viel man wollte und essen konnte. Quasi der Vorläufer von „all you can eat“. Die Veranstalter legten es natürlich in erster Linie darauf an, ihre vermeintlich guten Töpfe und anderen Ramschwaren zu verkaufen.

Annegrete hätte sich auf Ratenzahlung eingelassen, doch da kannten die Verkaufsbrüder ihren Mann schlecht. Da war kein Geschäft zu machen. Der Tag war einfach paradiesisch für Annegrete. Auch ihr Mann war zufrieden. Er hatte als Ausbeute des Tages noch zwei Pfund geräucherten Schweinebauch ergattert. Mit allen Habseligkeiten saßen sie im Bus und waren glücklich. Annegrete kuschelte sich an ihren Ehemann. Sie fuhren mit satter Beute in Richtung Heimat. Schöne Erinnerungen.

Als Annegrete der tödliche Unfall ihres Mannes mitgeteilt wurde, weinte sie tagelang und war zu nichts zu gebrauchen. Während dieser schweren Zeit versorgte Oma Irmgart die beiden Mädchen. Annegretes Mutter hatte nur ein Problem. Bei nicht sachgemäßer Handhabe der Insulinmenge fiel sie schon mal um. Schon als kleines Mädchen kümmerte sich Rita um die Oma. Sie konnte recht früh das Insulin spritzen.

Annegrete arbeitete nach wie vor stundenweise in der Küche des Seniorenhauses. Alltägliche Besorgungen und die Betreuung der Mädchen übernahm dann ihre Mutter. Abends schaute Annegrete Liebesfilme. Dann musste sie immer weinen. Dabei rauchte sie mehrere selbstgedrehte Zigaretten. Neben ihrem Wohnhaus war ein Spielplatz. Für die junge Mutter sofort einsehbar. Vom Küchenfenster beobachtete sie die Mädchen beim Spiel. Nachmittags traf sie sich schon mal zum Kaffee. Kuchen gab es selten. Viel lieber rauchten die jungen Mütter.

Mitunter las Annegrete Basteiromane. Es waren Leihexemplare. Von ihrer Nachbarin. Im Laufe der Zeit wurde sie süchtig nach dieser Lektüre. Weil ihr das Leben in ihren jungen Jahren kaum Höhepunkte bot, identifizierte sie sich mit den glücklichen Protagonistinnen dieser Erzählungen. Manchmal dachte sie, da muss doch noch was kommen. Das kann es doch noch nicht gewesen sein. Die Personen der Liebes- und Arztromane waren auch vom Pech verfolgt. Oft nicht zu knapp. Aber dann kam die Wende. Das happy end. Darauf hoffte Annegrete jeden Tag.

Einmal verordnete ihr der Hausarzt eine Mutter-Kind- Kur. Nach Winterberg im Sauerland. Darauf freute sie sich riesig. Bestimmt konnte sie dort auch mit anderen Müttern einmal tanzen gehen. Wie viele Frauen liebte sie das Tanzen. Sie liebte Rock ’n’ Roll und Elvis. Wenn sein Lied „Love me tender“ erklang, vergaß sie alles um sich herum. Auf dieses Lied hatte sie immer mit ihrem verstorbenen Mann getanzt. „Schöne Erinnerungen“, dachte sie.

Endlich war es soweit. Der Zug nach Winterberg fuhr ein. Auf Gleis eins. Es zog wie Hechtsuppe im Bonner Hauptbahnhof. Es war März und noch sehr kalt. Oma und Opa verabschiedeten Annegrete und die zwei Mädchen. Als der Zug anfuhr und quietschende Töne von sich gab, hatte Rita auf einmal Herzklopfen. Sie sollte auf die Mama aufpassen. Das verlangten die Großeltern von ihr. Sie war ja schon ein großes Mädchen. Und Rita übernahm den Auftrag. Hilflos und überfordert. Gitta hopste ungezwungen und voller Freude im Zugabteil hin und her. Plötzlich trat sie einer gegenübersitzenden Dame auf die Füße. Dabei erwischte das Kind die Hühneraugen der Frau. Diese schrie auf und rief sofort nach dem Zugpersonal. Sie war ein humorloses älteres Frauenzimmer, die in ihrem Pelzmantel nebst Iltiskragen, der verloren auf ihrer großen Brust lag, das halbe Abteil für sich in Anspruch nahm.

Nach kurzer Zeit stand der Zugschaffner in der Tür. Die mondäne Dame von Welt, wie sie gerne erscheinen wollte, beschwerte sie lauthals über das Kind und die damit verbundene Unruhe. Sie habe ja schließlich auch ein Recht, entspannt und ohne Geräuschkulisse ihren Zielort zu erreichen. Das sei ja schließlich in ihrem Fahrpreis inbegriffen. Mit Fensterplatz, jawohl. Der Beamte versuchte die Frau zu beruhigen. Es gelang ihm nicht. Sie steigerte sich immer mehr in Rage, bis ihr warm wurde. Sie zog ihren Mantel aus, so dass ihr schickes Landhauskleid verrutschte und sogar ihre Kniestrümpfe sichtbar wurden.

Das fand die kleine Gitta besonders lustig. Schließlich beruhigte sich die Dame von Welt. Ja, sie freundete sich fast noch mit den Kindern an. Als ihr Rita, sie war die Sprecherin der kleinen Familie, erzählte, dass alle etwas aufgekratzt waren. Weil es war ja der erste Urlaub nach dem frühen Tod ihres Papas. Das stimmte die Dame sehr nachdenklich. Von da an wurde sie sichtlich milder. Bevor sie alle in Winterberg ausstiegen, schenkte sie den Kindern noch eine der berühmten Prinzenrolle-Kekse.

In Winterberg lag noch hoch Schnee. Für Rita und Gitta war schon der Anblick des idyllischen Provinzbahnhofs märchenhaft. Auf Kosten des Hauses holte sie ein Kurtaxi ab und fuhr durch die winterliche Landschaft zum Ziel. Jetzt waren alle gespannt auf das große Kurhaus. Es lag acht Kilometer entfernt auf einer Anhöhe mit einem herrlichen Blick auf das Tal.

Die Schwestern waren von der Eingangshalle überwältigt. In ihrem kleinen Leben hatten sie noch nie solch einen Eingang gesehen. Der Fußboden der großen Empfangshalle war mit Eichenholz ausgelegt. Die Treppe schwang sich majestätisch herab. Auf jedem Stockwerk waren wunderschöne Jugendstilfenster, die zu einem herrlichen Ausblick einluden. Gitta sagte ehrfurchtsvoll zu ihrer Mama, „das ist wie in einem Märchenschloss.“

Es schien, als ob die Prinzessin mit einem langen Kleid die Treppe herab kommt. Die kleine Familie war überwältigt. Das innenarchitektonische Ambiente lud alle zum Träumen ein. Auch bei Annegrete wurden Märchenphantasien aus Kindertagen wach. Wenn schon mal die Halle so toll ist, wie würden dann erst die Zimmer aussehen. Auch die Sicht aus den Zimmerfenstern war wunderschön. In früheren Zeiten war das Kurhaus einmal ein Lungensanatorium für Herrschaften der besseren Gesellschaft. Danach ein Kinderkurheim für Mädchen und Jungen kinderreicher Familien. Und jetzt ein Erholungsheim für Mutter-Kind-Kuren.

In den Glanzzeiten waren die Zimmer komfortabel ausgestattet und für Einzelpersonen gedacht. Mittlerweile waren die Räume für Mütter und ihre Kinder umgebaut worden. Der stilvolle Kamin war nicht mehr funktionsfähig. Aus dem großzügigen Badezimmer wurden eine Dusche mit WC und eine Abstellkammer hergerichtet. Die Mütter hatten ein eigenes Bett. Ihre Kinder schliefen in einem der Hochbetten. Am Fenster stand ein antiker Tisch mit fünf Stühlen. Das gab dem Zimmer eine gemütliche Note.

Um acht Uhr wurde das Frühstück aufgetragen. Um zwölf servierte das Bedienungspersonal ein reichhaltiges Mittagessen. Um sechs Uhr läutete das Personal zum Abendbrot. Viele Mütter schmierten sich für die anschließenden Abendstunden noch Schnittchen. Bei der im Speisesaal herrschenden Unruhe vergaßen sowohl die Mütter als auch die Kinder, sich satt zu essen. Deswegen kam irgendwann vor dem Einschlafen der Hunger wieder zurück. Da griffen alle gerne zu den leckeren Schnittchen vom Abendbrottisch.

Annegrete genoss den immer gedeckten Tisch und den Umstand, dass die Bediensteten sehr fürsorglich vielseitige und abwechslungsreiche Speisen servierten. Weniger für sich selbst, als für ihre Mädchen. Für sie persönlich war Essen eigentlich nicht wichtig. Kaffee und Zigaretten reichten ihr. Und ein Liebesroman. Das war ihre Leidenschaft. Die Kinder wurden fast rund um die Uhr von hauseigenen Erzieherinnen betreut. So konnte sie nach Herzenslust ihre Romane lesen, Zeit mit sich verbringen und den vielfältigen Angeboten des Hauses nachgehen.

Mittlerweile hatten sich Annegrete und die Mädchen an die neue Umgebung gewöhnt. Das Zimmer war einfach aber sauber. Und vor allem groß. Die Schwestern fühlten sich richtig wohl. Tagsüber erkundeten die Kinder mit ihren Betreuerinnen das riesige Kurhaus und die Umgebung. Alles war so aufregend. So gab es einen großen Saal, in dem früher immer ausgelassene Tanzveranstaltungen abgehalten wurden. Rita und Gitta ließen ihrer Phantasie freien Lauf. Sie malten sich Feste aus. Wie in den Märchen, die sie kannten.

Sie spielten auch Rollen. So war Gitta das Aschenputtel. Rita schritt als Prinz in den Saal. Andere Kinder schlossen sich den Märchenspielen an. Fanfaren erklangen. Alle Ballgäste waren ruhig, eine Nadel hätte man fallen hören können, wäre eine da gewesen. Sie hielten geradezu den Atem an. War das eine Spiel zu Ende, begann die nächste Phantasiereise. Die Kinder erfanden und spielten immer weiter Geschichten. Wie würde die junge schöne Dame wohl aussehen, die zum Tanze geführt wird? Für den nächsten Karneval planten Rita und Gitta schon ihre Kostüme. Natürlich Prinzessinnen. Dabei fielen dichte Schneeflocken auf die Erde. Es war wie im Märchen, alle hatten so viel Spaß. So verbrachten die Schwestern gerne ihre freie Zeit.

Annegrete, etwas scheu, kam nur langsam mit den anderen Müttern in Kontakt. Die junge Frau, mit der sie zusammen vom Bahnhof kam, sprach sie an. Ihre Jungs waren Zwillinge und das Mädchen in Ritas Alter. Mara, so hieß die junge Mutter, war auf die Kur dringend angewiesen. Krankheiten in der Familie und der Alkoholismus ihres Mannes, der bereits schon aus der dritten Stelle geflogen war, setzten der armen Frau sehr zu. Diese Bedingungen hinterließen ihre Spuren in den Gesichtern der Familie. Endlich konnten sie sich entspannen. Die Sorgen in ihrem Alltag waren oft erdrückend. Mara hatte ihren randalierenden Mann nach einer Sauftour aus der Wohnung verwiesen. Mit Hilfe der Polizei.

Die beiden jungen Mütter freundeten sich an und verbrachten viel Zeit zusammen. Sie gingen gemeinsam mit ihren Kindern zu den Mahlzeiten und nahmen auch sonst an den vom Haus angebotenen Aktivitäten teil. Es gab vielfältige Bewegungsangebote, Gesprächsgruppen sowie medizinische und psychotherapeutische Unterstützungen. Die Kinder verbrachten oft ihre Zeit mit Schwimmen in der hauseigenen Schwimmhalle. Das war die Gelegenheit. Zu Hause war entweder kein Geld da oder Annegrete hatte keine Lust, mit den Mädchen schwimmen zu gehen.

Annegrete und Mara hatten einen Plan. Sie wollten mit zwei anderen Müttern in die örtliche Diskothek. Die vier Frauen boten alles auf, um sich in Schale zu werfen. Mit klopfendem Herzen und voller Erwartungen fuhren sie nach Winterberg. Männer waren genug anwesend. Doch bis ein Herz zum anderen Herzen findet, konnte es eine Weile dauern. Selbst nur für das Tanzen. Der Raum war in etwas dämmriges Licht gehüllt. Mit Holzverkleidung. Das sollte gemütlich wirken. In den einzelnen Nischen standen Telefone auf den Tischen. Die Herren konnten ihre Tanzpartnerin per Telefon auffordern. Das war ja ganz nett aber unfair. Die Damen mussten immer die Katze im Sack kaufen. Wenn der Partner nun überhaupt nicht den Vorstellungen der Tänzerin entsprach? Es herrschte reges Treiben am kleinen Tisch der vier Damen. Annegrete wurde aufgefordert. Ein Herr mit einem rheinischen Akzent möchte sie sprechen. Sie war ganz schön unruhig. „Wie wird er wohl aussehen“, dachte sie. Außerdem müssten alle Anwesenden ihre Nervosität spüren.

Dann war es soweit. Der junge Mann stand vor ihr. Schon waren sie auf der Tanzfläche und ganz schön aufgeregt. Sie devot, wie immer. Den Blick artig gesenkt. Er musste jetzt aus der Tüte kommen. Heinrich, so hieß der Tänzer, begann die Unterhaltung. Das übliche. Wo kommen sie her. Was machen sie. Ach ja, auch aus dem Rheinland. Ich auch. Das war eine „wunderbare Unterhaltung“. Die Kommunikation stockte ein wenig. Sie tanzten einfach weiter. Jetzt spielte ein Rock’n Roll. Beide gingen zur Hochform über. Heinrich wirbelte Annegrete durch das Lokal. Am Ende blieb beiden etwas die Luft weg. Heinrich war über Eins achtzig und kräftig. Er legte los und schwang sie wie eine Puppe um sich herum. Glücklich nach der Anstrengung, lud Heinrich sie zu einem Bier ein. Während Annegrete den weiteren Abend zwei kleine Biere trank, schlug Heinrich richtig zu. Eins nach dem anderen. Zum Schluss war sein Deckel voller Striche. Auf dieses Maßverhältnis hätte sie schon mal achten müssen.

Er war mit einigen Jungs eines Kegelclubs unterwegs. Die wollten jetzt weiter ziehen. Doch Heinrich blieb bei seiner neuen Eroberung. Er war beim Straßenbau in Bonn tätig. Als Vorarbeiter, wie er betonte. In seiner Mannschaft hatte er vier Arbeiter unter sich. Er war sehr redselig und überzeugte Annegrete noch, einen Eierlikör zu trinken. Er wollte sie nicht eher gehen lassen, bevor sie ihm in die Hand versprach, dass sie sich morgen Abend wieder in der Disko treffen. Beide verabschiedeten sich mit einem zarten Küsschen. Das sollte für den Anfang reichen. Annegrete ging wie über Wolken zurück in ihr Zimmer.

Die Kinder schliefen. Die großen Mädchen hatten ihren Babysitter-Job gut gemacht. Sie fühlte sich so wohl, wie schon lange nicht mehr. Im Bad betrachtete sie ihr Gesicht im Spiegel. Jetzt bemerkte sie, dass die Trauer aus ihren Augen gewichen war. Zum ersten Mal, seit langer Zeit, sah sie glücklich aus. „Möge dieser Zustand doch nie vergehen“, dachte sie auf dem Weg zum Bett. Bald schlief sie ein.

Am nächsten Morgen war Gymnastik angesagt. Da konnte sie gut mithalten. Ihr Appetit nahm zu. Sie hatte wieder richtig Lust zu essen. Vor allem Schokolade und verschiedene Sorten Kuchen. Sie freute sich jetzt sogar auf die Mahlzeiten mit all den leckeren Angeboten. Heute gab es Pfannkuchen. Das war ihr Leibgericht. Sie haute rein.

Nicht wie zu Hause in Spieldorf. Ein Pott Kaffee und eine Zigarette, vielleicht auch zwei. Ihre Töchter aßen ihr Butterbrot mit Frischkäse und Erdbeermarmelade. Dazu tranken sie eine Tasse Kakao. Danach gingen sie alleine zum Kindergarten oder zur Schule. Annegrete machte in ihrer kleinen Wohnung Ordnung. Später, wenn sie mal nicht zu ihrer Arbeit ins Seniorenheim musste, widmete sie sich sehr gerne dem Kaffee, den Zigaretten und den Basteiromanen. Jedoch war das nicht so oft der Fall. Die Töchter kamen gegen Mittag hungrig aus der Schule und dem Kindergarten. Oma Irmgart hatte immer Mittagessen für die Familie gekocht. Wenn Annegrete arbeiten musste, versorgte die Oma die Kinder. Das war den Mädchen eigentlich auch lieber.